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Die Vellaver – ein Volk, das zur Landschaft wurde

Geschichte & Funde Die Vellaver – ein Volk, das zur Landschaft wurde

Die meisten gallischen Völker verschwinden mit dem Namen, unter dem sie geschlagen wurden. Die Vellaver nicht. Sie stehen bei Caesar in einer einzigen Zeile, in einer Aufzählung, hinter einem Semikolon – und trotzdem heißt die Landschaft im französischen Hochland bis heute Velay, und die Stadt am Vulkanschlot heißt Le Puy-en-Velay. Ein Volk, von dem wir kaum eine Handlung kennen, hat sich in die Landkarte eingeschrieben. Das ist die Geschichte, wie das passieren konnte.

Blick auf Le Puy-en-Velay mit den Vulkankegeln der Landschaft
Le Puy-en-Velay, gesehen von den Basaltorgeln bei Espaly: die vulkanische Hochlandschaft, die bis heute den Namen der Vellaver traegt. Historische Farbaufnahme (Autochrom, fruehes 20. Jahrhundert) – also ein Bild der Landschaft, nicht der Antike. Foto: Leon Auguste, CC0.

Ein Volk, das genau einmal in den Krieg zieht

Man kann die schriftliche Überlieferung zu den Vellavern an einer Hand abzählen, und man braucht dafür nicht alle Finger. Caesar nennt sie ein einziges Mal. Strabon widmet ihnen einen Halbsatz. Ptolemaios verzeichnet sie in einer Liste. Dann schweigen die antiken Autoren, und die Vellaver tauchen erst wieder auf, als aus ihnen eine römische Verwaltungseinheit geworden ist: die civitas Vellavorum.

Das ist wenig. Es ist aber typisch. Die überwiegende Mehrheit der gallischen Völker steht in unseren Quellen nicht, weil jemand sie interessant fand, sondern weil sie zufällig in eine römische Aufzählung geraten sind – in eine Truppenliste, eine Provinzliste, ein Meilensteinformular. Wer daraus eine Volksgeschichte machen will, muss ehrlich sagen, wo der Beleg aufhört und wo die Rekonstruktion anfängt.

Wo die Vellaver saßen: Hochland, Vulkane, Loire

Das Gebiet der Vellaver entspricht im Wesentlichen der östlichen Hälfte des heutigen Département Haute-Loire, also dem Velay. Das ist kein liebliches Land. Es ist ein Hochplateau am Südostrand des Zentralmassivs, zwischen 800 und 1500 Metern, durchsetzt mit erloschenen Vulkanen – dem Devès, dem Meygal, dem Mézenc –, mit Basaltkegeln, Lavaströmen und tief eingeschnittenen Tälern. Winter dauern hier lang.

Mitten hindurch läuft die junge Loire. Sie entspringt am Gerbier de Jonc, also bereits im Gebiet der Helvier, und erreicht das Velay unmittelbar danach. Wer dieses Hochland kontrolliert, kontrolliert die Übergänge zwischen dem Rhonetal im Osten und der Auvergne im Westen. Genau das erklärt, warum ein an sich kleines Volk in der Antike überhaupt vorkommt: nicht wegen seiner Macht, sondern wegen seiner Lage.

Die Nachbarn – und warum das die halbe Geschichte ist

Im Nordwesten und Westen saßen die Arverner, die stärkste Macht Zentralgalliens. Im Osten, jenseits der Wasserscheide zum Rhonetal, die Helvier des späteren Vivarais; ihnen haben wir einen eigenen Artikel gewidmet (die Helvier). Im Süden lagen die Gabaler des Gévaudan, im Norden die Segusiaver des Forez, weiter südwestlich die Ruteni und die Cadurken.

Diese Nachbarschaft ist kein geografisches Beiwerk. Sie ist der Grund, warum die Vellaver in der Geschichte auftauchen – und zwar nicht als Handelnde, sondern als Angehängte.

Der eine Satz bei Caesar

Im Sommer 52 v. Chr. sitzt Vercingetorix in Alesia fest. Die gallische Fürstenversammlung beschließt, ein Entsatzheer aufzustellen – aber nicht, wie Vercingetorix wollte, durch allgemeines Aufgebot, sondern durch feste Kontingente pro Volk. Caesar listet diese Kontingente auf. In dieser Liste, und nur dort, stehen die Vellaver.

Imperant Aeduis atque eorum clientibus, Segusiavis, Ambivaretis, Aulercis Brannovicibus, Blannoviis, milia XXXV; parem numerum Arvernis adiunctis Eleutetis, Cadurcis, Gabalis, Vellaviis, qui sub imperio Arvernorum esse consuerunt.

„Den Haeduern und ihren Klienten – den Segusiavern, Ambivaretern, den Aulerkern Brannoviken und den Blannoviern – legen sie 35 000 Mann auf; dieselbe Zahl den Arvernern samt den Eleuteten, Cadurken, Gabalern und Vellavern, die gewohnt sind, unter der Befehlsgewalt der Arverner zu stehen.“Caesar, De bello Gallico VII,75; Übersetzung: Glanz & Gravur

Mehr ist es nicht. Kein Anführer wird genannt, keine Tat, kein Ort. Die Vellaver erscheinen als Teil eines arvernischen Sammelpostens. Selbst die 35 000 Mann sind keine vellavische Zahl – sie gelten für die Arverner und ihre vier angehängten Völker zusammen.

„Qui sub imperio Arvernorum esse consuerunt“

Der Nebensatz ist die eigentliche Information. Caesar sagt nicht, die Vellaver seien Untertanen, Sklaven oder Provinz der Arverner. Er sagt, sie seien es gewohnt, unter arvernischer Befehlsgewalt zu stehen. Das ist die Sprache der gallischen Klientel: ein asymmetrisches Bündnis, in dem ein starkes Volk militärische Gefolgschaft erwartet und dafür Schutz, Zugang zu Handelswegen und Streitschlichtung bietet.

Wie tief diese Abhängigkeit ging, ist umstritten. In der französischen Forschung wird das Verhältnis der Vellaver und der Eleuteten zu den Arvernern eher lockerer eingeschätzt als das der Cadurken und Gabaler – aber das ist eine Abwägung aus dem Gesamtbild, keine Quellenaussage. Caesar sagt darüber nichts.

Strabon: einmal Arverner, jetzt eigenständig

Der zweite Zeuge ist wichtiger, als seine Kürze vermuten lässt. Strabon zählt in seiner Geographie (IV,2,2) die Völker zwischen Garonne und Loire auf, die zu Aquitanien geschlagen wurden, und schreibt zu den Vellavern, sie hätten früher zum Volk der Arverner gehört, seien aber jetzt selbständig.

Damit haben wir – ausnahmsweise – einen datierbaren Statuswechsel. Zwischen Caesar (52 v. Chr.) und Strabon (frühes 1. Jh. n. Chr.) sind die Vellaver aus dem arvernischen Verbund herausgelöst und zu einer eigenen civitas gemacht worden. Das ist römische Verwaltungspraxis: Große Klientelblöcke werden zerlegt, damit kein gallisches Volk je wieder ein Heer wie das von 52 aufstellen kann. Aus einem pagus der Arverner wird eine Stadtgemeinde. Aus einem Anhängsel wird ein Name auf der Landkarte.

Das Schweigen des Plinius – und eine hartnäckige Verwechslung

Hier lohnt ein genauer Blick, weil im Netz etwas anderes steht. Plinius der Ältere zählt in der Naturalis historia (IV,109) die aquitanischen Völker auf: Bituriges Cubi, Lemovicer, Arverner, Gabaler, dann Ruteni, Cadurken, Nitiobrogen, Petrocorier. Die Vellaver stehen dort nicht.

Was dort steht, sind die Vellates – aber eine Zeile früher (IV,108), in der langen Liste der kleinen Völker am Pyrenäenrand. Vellates und Vellavi sind zwei verschiedene Namen zweier verschiedener Gruppen. Die verbreitete Angabe, Plinius nenne die Vellaver, beruht auf dieser Verwechslung.

Und das Schweigen ist selbst ein Befund: Wenn Plinius die Vellaver nicht als eigene Größe führt, spricht das dafür, dass sie zu seinem Stichjahr noch unter den Arvernern mitgezählt wurden – die Verselbständigung, von der Strabon spricht, wäre dann eher spät und ohne festes Datum anzusetzen.

Vellavi, Vellauni – was der Name bedeutet (und was nicht)

Die überlieferten Formen schwanken. Caesar hat Vellaviis, Strabon griechisch Ouellauioi, Ptolemaios dagegen Ouellaunoi. Diese zweite Form ist verräterisch, denn das Element vellauno- ist im gallischen Namengut breit belegt: Cassivellaunus, Catuvellauni, Vellaunodunum. Es gehört zu einer Wurzel mit der Bedeutung „herrschen, der Beste sein“.

Die naheliegende Übersetzung lautet also „die Herrschenden“ oder „die Obenstehenden“. Populär ist daneben die Deutung „Bergbewohner“, weil das Velay nun einmal Hochland ist. Das ist reizvoll, aber nicht belegbar: Es gibt keine Quelle, die den Namen erklärt, und die Doppeldeutigkeit von „oben“ – politisch oder topografisch – lässt sich sprachlich nicht auflösen. Wer „die Vellaver, also die Bergvölker“ schreibt, gibt eine Vermutung als Wissen aus.

Marcilhac: die Stadt vor der Stadt

Archäologisch fassbar werden die Vellaver auf einem Plateau bei Marcilhac, in der heutigen Gemeinde Saint-Paulien, wenige Kilometer westlich ihrer späteren römischen Hauptstadt und hoch über dem Tal der Borne. Rund zehn Hektar, Spätlatènezeit, also 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. – das ist der Platz, den die Forschung seit den 1950er Jahren als das Oppidum der Vellaver anspricht.

Lange blieb es bei dieser Ansprache. Erst seit 2013 wird dort systematisch gegraben, unter Leitung von Marie-Caroline Kurzaj, die über das Velay der späten Eisenzeit promoviert hat. Was sich abzeichnet, ist eine echte Höhensiedlung mit Handwerk und Fernkontakten, keine bloße Fluchtburg – aber die Auswertung ist jung, und wer heute Zahlen zur Einwohnerschaft liest, liest Schätzungen.

Ruessium: eine Stadt nach römischem Plan

Das Oppidum wird aufgegeben, und wenige Kilometer weiter östlich entsteht auf ebenem Grund Ruessium – das heutige Saint-Paulien. Der Bruch ist bezeichnend: kein Ausbau des alten Platzes, sondern ein Neuanfang nach römischem Muster, mit rechtwinkligem Straßenraster. Die archäologische Landesaufnahme der Haute-Loire setzt diese Umgestaltung und den Beginn des Steinbaus in die Regierungszeit des Claudius, also um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.

Ruessium war eine offene Stadt ohne Mauerring, geophysikalische Prospektionen und Grabungen seit 2010 haben Straßenzüge und ganze Häuserblöcke im Norden nachgewiesen. Ein Theater wird seit Jahrhunderten vermutet und 2021 von zwei ortskundigen Forschern im Viertel Haut-Solier lokalisiert – aus Katasterformen, Luftbildern und einer Handschrift von 1625. Das ist eine ernst zu nehmende, gut begründete Hypothese. Gegraben wurde dort nicht; das Gelände ist überbaut.

Steine, die reden: die freie civitas Vellavorum

Was den Vellavern an Literatur fehlt, ersetzt die Epigraphik. Auf mehreren Inschriften des 3. Jahrhunderts nennt sich die Gemeinde selbst – und zwar mit einem Zusatz, der es in sich hat. Eine Ehreninschrift aus Lavoûte-sur-Loire für Furia Sabinia Tranquillina, die Gattin Gordians III. (241–244), ist gesetzt von der civitas Vellavorum libera. Ebenso eine Inschrift aus Saint-Paulien für Herennia Etruscilla, die Gattin des Decius (249–251).

Libera heißt: freie Gemeinde, mit eigener Rechtsstellung und Steuerprivilegien. Das Volk, das bei Caesar als Anhängsel der Arverner durchläuft, führt drei Jahrhunderte später im eigenen Namen einen Ehrentitel, den nicht jede Stadt Galliens hatte. Wer eine Geschichte über Aufstieg sucht, findet sie hier – nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf einem Steinsockel.

Straßen, Meilensteine und das Eisen der Vellaver

Aus dem Umland von Saint-Paulien stammt eine bemerkenswerte Dichte an Meilensteinen: Beaune-sur-Arzon, Chomelix, Saint-Jean-d’Aubrigoux, Saint-Jean-de-Nay, Sanssac-l’Église, Thiolent, Saint-Paulien selbst. Sie tragen die Namen von Severus Alexander (222–235), Philippus Arabs und seinem Sohn (244–247), Trebonianus Gallus und Volusianus (251–253), Postumus (260–269) und Aurelian (275) – und sie messen die Entfernung jeweils von der civitas Vellavorum aus. Ruessium war der Nullpunkt des Straßennetzes im Hochland, an der Verbindung zwischen Lyon und Aquitanien. Auf der Tabula Peutingeriana erscheint der Ort als Revessione, zwischen Condate und Icidomagus.

Und dann ist da noch ein Grabstein aus Le Puy. Er gilt einem Sextus Donnus Priscianus, ausdrücklich als Vellavus bezeichnet, der in seiner Gemeinde alle zivilen Ämter durchlaufen hatte und adlector ferrariarum war – Einnehmer der Eisengruben. Ein einziger Stein, und er liefert uns Verwaltungslaufbahn, Selbstbezeichnung und Wirtschaftszweig auf einmal. So sieht Glück in der Überlieferung aus.

Der Umzug: von Ruessium nach Anicium

In der Spätantike verliert Ruessium seinen Rang. Der Bischofssitz und der Hauptort wandern nach Anicium, dem heutigen Le Puy-en-Velay, gut fünfzehn Kilometer südöstlich. Die alte Metropole heißt fortan nur noch die „alte Stadt“ – in einer Urkunde von 1004 begegnet sie als civitas que dicitur Vetula in pago Vellavorum.

Wann genau das geschah, ist offen. Die Forschung setzt den Vorgang zwischen dem 5. und dem 7. Jahrhundert an. Sicher ist nur ein Fixpunkt: Bei Gregor von Tours (Historien X,25, geschrieben 591/594) residiert in Le Puy bereits ein Bischof namens Aurelius – die Episode vom falschen Christus aus Bourges, der dort erschlagen wird. Eine Urkunde über die Verlegung gibt es nicht; wir haben nur ein Vorher und ein Nachher.

Warum überhaupt? Wahrscheinlich hat der unbefestigte Platz in der Ebene an Attraktivität verloren, während der Vulkanschlot von Le Puy Schutz bot und der Marienkult neue Ströme anzog. Das ist plausibel und wird so vertreten – bewiesen ist es nicht.

Vom Volksnamen zur Landschaft: Velay

Und hier passiert das Erstaunliche. Der Name des Volkes überlebt nicht als Erinnerung an Krieger, sondern als Verwaltungsbegriff. Die spätantike Notitia Galliarum führt die civitas Vellavorum als eine von acht Städten der Provinz Aquitania prima. Aus der civitas wird im Frühmittelalter der pagus, die Gaubezeichnung: 845 als pagus Vellaicus belegt, im 13. Jahrhundert Velhac, 1335 Velai.

Daraus wird das Velay. Und weil die Stadt am Fels dazu unterschieden werden musste, heißt sie bis heute Le Puy-en-Velay: „der Puy im Land der Vellaver“. Ein Volk, von dem wir keine einzige Handlung kennen, spricht jede Ortstafel dieser Gegend seit rund zweitausend Jahren aus.

Was dem Velay alles angedichtet wurde

Wo die Quellen dünn sind, wird gern nachgeholfen. Drei Fälle lohnen die Erwähnung, weil sie zeigen, wie Lokalstolz Geschichte erzeugt.

Erstens Polignac, wenige Kilometer von Saint-Paulien: Dort soll auf dem Basaltplateau ein Apollon-Tempel mit Orakel gestanden haben, dessen Priester durch einen Schacht hinter einer steinernen Maske sprachen; sogar Kaiser Claudius sei zum Befragen gekommen. Die Maske existiert, die Claudius-Inschrift auch. Der Tempel nicht: Das Ganze ist eine literarische Schöpfung des späten Mittelalters, die der Familie Polignac eine glanzvolle Abstammung verschaffen sollte. Schon Prosper Mérimée wandte ein, dass der bärtige Kopf gar nicht Apollon sein kann – Apollon wird bartlos dargestellt. Die Inschrift gilt heute als Meilenstein oder Statuenbasis.

Zweitens die Kathedrale von Le Puy. Dort liegt die „Fieberstein“-Platte, ein Basaltblock von etwa drei mal zwei Metern, den die Legende in eine Heilungsvision des Jahres 430 einbettet – und der oft als Rest eines Dolmens und Beleg für einen keltischen Kultplatz ausgegeben wird. Ob der Block ein Megalith ist, ist ungeklärt. Die Legende selbst ist datierungsfeindlich: Sie lässt einen Bischof handeln, der nach derselben Überlieferung Jahrzehnte vorher gestorben war. Der Kirchenbau beginnt nach heutigem Stand erst im späten 5. Jahrhundert.

Drittens die Münzen. Es gibt keine Prägung, deren Legende die Vellaver nennt, und keinen gesicherten vellavischen Münzstand. Was im Velay umlief, war ganz überwiegend arvernisches Geld – was gut zum Klientelverhältnis passt. Ältere Zuweisungen „an die Vellaver“ beruhen auf Fundort oder Namensähnlichkeit, und genau das ist eine der bekanntesten Fehlerquellen der keltischen Numismatik.

Was belegt ist
Caesar nennt die Vellaver ein einziges Mal, im Kontingentkatalog vor Alesia (BG VII,75), als eines von vier Völkern, die „unter der Befehlsgewalt der Arverner zu stehen gewohnt sind“. Strabon (IV,2,2) bezeugt, dass sie einst zu den Arvernern gehörten und zu seiner Zeit selbständig waren. Ptolemaios kennt die Form Ouellaunoi. Ab dem 3. Jahrhundert ist die civitas Vellavorum epigraphisch dicht bezeugt, zweimal ausdrücklich als libera (Lavoûte-sur-Loire, Saint-Paulien), dazu auf sieben Meilensteinen als Ausgangspunkt der Straßenmessung. Ein Grabstein aus Le Puy nennt einen Vellavus als Einnehmer der Eisengruben. Die Notitia Galliarum führt die civitas in der Provinz Aquitania prima. Archäologisch gesichert sind das spätlatènezeitliche Oppidum von Marcilhac und die römische Stadt Ruessium/Saint-Paulien mit Rasterplan ab claudischer Zeit.

Mythos-Check
Plinius nennt die Vellaver nicht; die oft zitierte Stelle beruht auf einer Verwechslung mit den pyrenäischen Vellates (NH IV,108). Caesars 35 000 Mann sind keine vellavische Zahl, sondern eine Partei-Angabe für die Arverner samt vier Klientelvölkern – Truppenstärken bei Caesar sind Rhetorik, nicht Statistik. „Vellavi = Bergbewohner“ ist eine Vermutung; der Name gehört wahrscheinlich zu vellauno- „herrschen“, aber keine Quelle erklärt ihn. Es gibt keine sicher den Vellavern zuweisbare Münzprägung – Zuweisungen nach Namensähnlichkeit sind in der keltischen Numismatik notorisch unzuverlässig. Der Apollon-Tempel von Polignac ist eine Erfindung des späten Mittelalters zur Ahnenveredelung der Herrenfamilie. Und ob unter der Kathedrale von Le Puy ein keltischer Kultplatz lag, ist unbewiesen: Der „Fieberstein“ ist nicht sicher als Megalith bestimmt, die Gründungslegende widerspricht sich selbst in der Datierung, und für Druiden im Velay gibt es keinerlei Quelle – was wir über Druiden und keltische Religion wissen, stammt aus ganz anderen Regionen.

Was bleibt

Die Vellaver haben keine Schlacht gewonnen, keinen Anführer hinterlassen und keine Münze mit ihrem Namen geprägt. Sie erscheinen in der Weltgeschichte als Zeile in einer Liste, die ein römischer Feldherr über seine Gegner anlegte – und wären ohne sie vermutlich vergessen wie Dutzende andere. Was sie stattdessen hinterlassen haben, ist unspektakulärer und dauerhafter: einen Namen, der die Verwaltung überlebt hat, die ihn geschaffen hat.

Wer über gallische Völker schreibt, kommt schnell zu den keltischen Kriegern, den Bündnissen, den großen Namen wie den Allobrogern oder den Vocontiern. Die Vellaver erinnern daran, dass die meisten Völker der Antike anders überlebt haben: nicht durch Taten, sondern durch Beharrlichkeit. Ein Hochland, ein Straßenknoten, eine Steuergemeinde – und zweitausend Jahre später steht der Name immer noch am Ortsschild.

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