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Die Kujawier: Land und Leute zwischen Gopło-See und Weichsel

Geschichte & Funde Die Kujawier: Land und Leute zwischen Gopło-See und Weichsel

Wer „die Kujawier“ sagt, meint meist ein Volk, das schon in grauer Vorzeit zwischen Gopło-See und Weichsel saß. Die Quellen erzählen etwas anderes: Der Name Kujawien erscheint erst im Jahr 1136 schwarz auf weiß, und zwar als Bezeichnung für ein Stück Land, nicht für einen Stamm. Dieser Beitrag trennt, was Urkunden, Chroniken und Grabungen hergeben, von dem, was spätere Zeiten hineingelesen haben.

Zwei Dinge unter einem Namen

Kujawien (polnisch Kujawy, lateinisch Cuiavia) ist eine historische Landschaft im Norden Mittelpolens. Sie liegt östlich von Großpolen, grob zwischen der Netze mit dem Gopło-See im Westen und der Weichsel im Osten, mit den Städten Kruszwica, Inowrocław und Włocławek. Die Menschen, die dort lebten und leben, heißen Kujawier (polnisch Kujawianie, in der Volkskunde auch Kujawiacy). Schon dieser Satz enthält eine Falle, denn er setzt voraus, dass die Landschaft zuerst da war und die Bewohner ihren Namen nur trugen. Genau so liegt der Fall.

Für die Frühgeschichte muss man deshalb zwei Fragen trennen. Die erste lautet: Wie alt ist der Landesname und was bezeichnete er ursprünglich? Die zweite: Gab es im frühen Mittelalter eine Gruppe, die sich oder die andere als Kujawier bezeichneten, vergleichbar etwa den Polanen oder den Wislanen? Auf die erste Frage gibt es eine Antwort mit einem festen Datum. Auf die zweite gibt es nach heutigem Stand keine Quelle, die sie bejaht.

Die Menschen am Gopło-See sind bereits in einem eigenen Beitrag Thema, den wir hier nicht wiederholen: Die Goplanen und ihre 400 civitates aus dem Bayerischen Geographen. Dort steht auch, warum der Name Goplanen eine moderne Fachform ist. Hier geht es um das, was danach kommt: um den Namen Kujawien, um das Land unter den Piasten und um die Frage, wann aus einer Landschaftsbezeichnung ein Volksname wurde.

1136: Der Name betritt die Urkunde

Die älteste sichere Erwähnung des Landesnamens steht in der päpstlichen Bulle Ex commisso nobis a Deo, ausgestellt am 7. Juli 1136 in Pisa von Papst Innozenz II. Die Bulle gilt als „Bulle von Gnesen“: Sie bestätigte das Erzbistum Gnesen (Gniezno) als eigenständige Kirchenprovinz Polens und beendete damit Ansprüche des Erzbistums Magdeburg. Zugleich zählt sie eine große Menge von Orten und Bistümern auf und ist deshalb auch für die Sprachgeschichte des Polnischen eine wichtige Quelle. Die Überblicksartikel zu Kujawien, darunter die Britannica und die Ost-Enzyklopädie der Universität Klagenfurt (EEO), nennen übereinstimmend das Jahr 1136 als Erstbeleg des Namens.

Wichtig ist, wie eng der Name damals gemeint war. Die Überblicke sagen, dass Cuiavia zunächst nur das Umland von Kruszwica und Włocławek an der Weichsel bezeichnete, also einen schmalen Streifen, und nicht die ganze Landschaft, die wir heute meinen. Erst im 13. und 14. Jahrhundert wurde der Name auf die gesamte Provinz der Piasten ausgedehnt. Wer also „Kujawien“ für das 9. oder 10. Jahrhundert verwendet, benutzt eine Bezeichnung, die es damals nicht gab.

Der Papst bestätigt dem Erzbischof von Gnesen die polnische Kirchenprovinz und führt dabei Bistümer und Orte auf, darunter das Bistum von Włocławek in Kujawien.Bulle Ex commisso nobis a Deo, 7. Juli 1136; sinngemäße eigene Wiedergabe, kein wörtliches Zitat, Wortlaut nicht am Urkundentext geprüft

Auch Wincenty Kadłubek, der Krakauer Bischof und Chronist um 1200, kennt Kujawien; das berichten die Überblicksdarstellungen. Welche Stellen genau gemeint sind und in welcher Form der Name dort steht, haben wir nicht am Text prüfen können. Gallus Anonymus, der um 1112 bis 1118 schrieb, kennt die Burg Kruszwica; die Literatur nennt für ihn Formen wie Cruszwic oder Crusvicz. Ob er den Landesnamen Kujawien verwendet, ist uns nicht bekannt, und wir behaupten es nicht.

Was der Name bedeutet: ungeklärt

Woher der Name kommt, weiß niemand sicher. Die Vorschläge der Sprachforschung sind Deutungen. Eine ältere Linie, die auf den Volkskundler Oskar Kolberg zurückgeführt wird, bringt ihn mit windgepeitschten Sanddünen in Verbindung; Stanisław Rospond dachte an altpolnische Wortwurzeln für Sturm oder starken Wind. Die Ost-Enzyklopädie gibt eine verwandte Erklärung: „sandiges, offenes Land“. Theorien, die den Namen vom Schmiedehandwerk ableiten, gelten als weniger plausibel. Das sind Angaben aus Überblicksdarstellungen; die ursprünglichen Fachaufsätze haben wir nicht geprüft.

Festzuhalten ist: Der Name ist ein Landschaftsname im weitesten Sinn. Er beschreibt etwas, das man sieht, und nicht eine Abstammungsgemeinschaft. Das spricht dafür, dass „Kujawier“ zunächst einfach „die Leute aus Kujawien“ bedeutete. Das ist eine Schlussfolgerung aus dem Namentyp, kein Beleg.

Was der Bayerische Geograph nicht nennt

Immer wieder liest man, die Kujawier stünden schon in der ältesten Liste westslawischer Gruppen, dem Bayerischen Geographen. Das stimmt nicht. Der Text ist ein knappes lateinisches Verzeichnis aus der Handschrift Clm 560 der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Er nennt Gruppen nördlich der Donau und zählt für viele ihre civitates, also befestigte Plätze oder Siedlungsbezirke. Kujawier kommen darin nicht vor, das Wort Kujawien ebenso wenig; schlicht deshalb, weil es den Landesnamen noch nicht gab. Die Datierung der Liste ist umstritten und reicht von den 830er-Jahren bis in die 870er; das haben wir im Beitrag über die Goplanen ausgeführt.

Was dort steht, ist Glopeani. Wer das mit dem Gebiet des späteren Kujawien verbindet, tut das über den Gopło-See. Die Zuordnung ist plausibel, aber keine Gewissheit, und die Fachwelt streitet, ob die Glopeani ein eigener Stamm waren, ein Teil der Polanen oder etwas anderes. Selbst in Nachschlagewerken kursieren widersprüchliche Einordnungen: Die Ost-Enzyklopädie spricht von einem masowischen Stamm, andere Überblicke setzen die Goplanen mit den Kujawiern gleich oder bringen sie mit den Masowiern („Kłobianie“) in Verbindung. Solche Gleichsetzungen sind Hypothesen. Welcher Name in der Liste wirklich für das spätere Kujawien steht, lässt sich nicht entscheiden. Wer einen der genannten Namen den Kujawiern zuschreibt, deutet – und sollte das offen sagen.

Boden, Wasser, Salz: die Landschaft vor dem Namen

Was Kujawien auszeichnet, sieht man im Gelände. Das Land ist flach, durchzogen von Rinnenseen wie dem Gopło und von fruchtbaren Böden. Die Überblicksartikel betonen die Salzquellen der Gegend, die später die Stadt Inowrocław prägten, und die günstige Lage an Wasserwegen zwischen Netze und Weichsel. Eine Landschaft mit Salz und Ackerland zieht Siedler an; das ist eine allgemeine Überlegung, die zur Fundlage passt, aber für einzelne Phasen belegt werden müsste.

Archäologisch ist der Raum früh besiedelt. Kruszwica, am Nordende des Gopło, weist nach der polnischen Literatur Siedlungsspuren bis ins 6. Jahrhundert auf; am Seeufer liegt der Burgwall von Mietlica, der in das 9. und 10. Jahrhundert gesetzt wird. Beides, einschließlich der Zweifel an der Burgenzahl und an der Frage, ob Mietlica ein Stammesmittelpunkt war, haben wir im Goplanen-Beitrag behandelt. Hier nur der Kern: Befestigte Orte und Siedlungen sind belegt. Dass ihre Bewohner einen gemeinsamen Namen trugen, den man „Kujawier“ nennen könnte, ist es nicht.

Die Piasten und der Weg nach Osten

Nach verbreiteter Auffassung geriet das Gebiet um den Gopło im 10. Jahrhundert unter die Herrschaft der Piasten, der aus Großpolen kommenden Herrscherdynastie, deren Kern bei den Polanen lag. Die Überblicksdarstellungen sprechen von einer Eroberung durch die Polanen; wann genau und wie, sagt keine zeitgenössische Quelle. Mit der Eingliederung verschob sich die Ostgrenze des Gnesener Herrschaftsbereichs von der Seenlinie des Gopło an die Weichsel. Dass Kruszwica unter Boleslaw Chrobry ein strategisch wichtiger Ort war und mit der Weichsel durch Wasserwege verbunden gewesen sein soll, steht in Blogbeiträgen und Überblicken, die wir nur als Hypothese weitergeben.

Gut belegt ist dagegen, dass Kruszwica und Włocławek im 12. Jahrhundert als Zentren auftreten: in der Kirchenorganisation und in der Burgverfassung. Der Raum war damit in den Piastenstaat eingebunden, lange bevor irgendjemand von „den Kujawiern“ als Gruppe sprach. Das Muster kennt man auch von den Masowiern: Ein Landesname entsteht im Umfeld von Herrschaft und Kirche und wird erst dann zur Bezeichnung der Menschen.

Nördlich und östlich grenzte das Land an Gruppen, die in den Quellen als Gegner auftauchen: die Pomoranen im Norden, später die Pruzzen. Vom Gesamtbild her war Kujawien ein Grenz- und Durchgangsland, das im 11. und 12. Jahrhundert mehrfach von Kriegszügen berührt wurde. Einzelereignisse nennen wir hier nicht, solange wir sie nicht am Quellentext geprüft haben.

Das Bistum: Kruszwica oder Włocławek?

Die kirchliche Geschichte Kujawiens ist ein Beispiel dafür, wie spätere Chronisten Lücken füllten. Der Bischofssitz war nach den Überblicken zunächst wohl Kruszwica und später Włocławek an der Weichsel. Die Bulle von 1136 bestätigt Włocławek als Bistum im Verband der Erzdiözese Gnesen. Die Bischofsreihe selbst hat Jan Długosz im 15. Jahrhundert aufgeschrieben; die ersten Namen darin, die bis ins späte 10. Jahrhundert zurückreichen sollen, gelten in der Forschung als legendär, nicht als historisch bezeugte Personen. Wann das Bistum genau eingerichtet wurde und ob Kruszwica tatsächlich einen eigenen Bischof hatte, bevor der Sitz nach Włocławek kam, ist umstritten; die Angaben schwanken zwischen dem frühen 10. und dem zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts. Hier sollte man, bevor man etwas zitiert, die Fachliteratur und die Bistumsgeschichte heranziehen.

Für die Frage „Land oder Volk“ ist das Bistum trotzdem aufschlussreich: Es trug den Landesnamen, Bistum Kujawien, und prägte damit die Vorstellung einer zusammengehörigen Region. Die Diözese bestand unter diesem Namen bis 1818 und hieß später Kujawien-Kalisz.

Seit 1138: Aus dem Land wird ein Fürstentum

Nach dem Tod Bolesławs III. Schiefmund 1138 wurde Polen unter seinen Söhnen geteilt. Kujawien fiel nach den Überblicken an Masowien. Für das späte 12. Jahrhundert melden die Quellen Versuche Mieszkos III., das Land zu kontrollieren; die Ost-Enzyklopädie nennt dafür 1186 oder 1194 und ein Fürstentum für Bolesław Mieszkowic, das nach dessen Tod 1195 wieder an Masowien fiel. Die unsichere Jahresangabe zeigt, wie dünn die Überlieferung ist.

Der entscheidende Schritt kam 1233: Konrad I. von Masowien richtete für seinen Sohn Kasimir I. ein eigenes kujawisches Fürstentum ein, mit Inowrocław als Hauptstadt. Die Gründung der Stadt selbst und ihr Stadtrecht nach Magdeburger Recht werden in Überblicken auf die 1230er-Jahre gesetzt; Quellenangaben zu den genauen Jahren widersprechen sich. Nach Kasimirs Tod 1267 wurde das Fürstentum geteilt, in Inowrocław und Brześć Kujawski (Brest in Kujawien). Zu den Herrschern des Teilfürstentums Brześć gehörte Władysław Ellenlang (Łokietek), der 1320 zum König von Polen gekrönt wurde. Die Kujawische Linie der Piasten erlosch 1388 mit dem Tod Władysławs des Weißen.

Erst in dieser Zeit lässt sich von einem kujawischen Landesherrn sprechen. Erst jetzt hat die Landschaft eine eigene politische Gestalt, und erst jetzt lohnt es, von „kujawischer“ Politik zu reden. Dass die Region später in zwei Woiwodschaften, Inowrocław und Brześć Kujawski, weiterlebte, zeigt, wie stark die Teilung nachwirkte.

Orden und Krone: 1332 bis 1343

In den Auseinandersetzungen des frühen 14. Jahrhunderts griff der Deutsche Orden nach dem Land. Die Überblicke nennen die Jahre 1332 bis 1343, in denen Kujawien zeitweise unter Ordensherrschaft stand; dem folgte der Friede von Kalisch 1343, der Kasimir dem Großen das Land zurückgab. Das ist die Zeit, in der Kujawien erstmals als Streitobjekt zwischen Polen und dem Deutschen Orden in den Quellen sichtbar wird, nachdem es zuvor kaum jemand beschrieben hatte. Einzelheiten zu Orten und Verträgen lassen wir hier offen; sie gehören in eine eigene Darstellung.

Für unser Thema bleibt: Als das Land politisch wichtig wurde, trug es längst seinen Namen. Die Menschen darin waren Untertanen von Fürsten und Bischöfen, und sie bekamen ihre Bezeichnung von dem Land, in dem sie lebten.

Kujawier heute: ein späteres Etikett

Die Bezeichnung Kujawier im Sinn einer Volksgruppe mit eigener Mundart, Tracht und Tanz festigte sich in der Neuzeit. Die Volkskunde des 19. Jahrhunderts, etwa die Sammlungen Oskar Kolbergs, beschrieb Kujawien als eigene Kulturlandschaft; der Tanz kujawiak ist ein bekanntes Beispiel. Das ist Volkskunde, nicht Frühgeschichte, und es sagt nichts darüber, ob es im 9. Jahrhundert Kujawier gab. Wer die heutige Selbstbeschreibung als Beleg für uralte Stammesidentität liest, schließt rückwärts.

Stamm oder Land? Was sich sagen lässt

Gesichert ist ein Landesname, der 1136 in einer päpstlichen Urkunde steht und zunächst nur ein Gebiet an der Weichsel um Kruszwica und Włocławek meint. Gesichert ist ebenso, dass im Raum davor Siedlungen und Befestigungen bestanden und dass ein Name wie Glopeani in einem früheren Text auftaucht, den man mit dem Gopło-See verbindet. Ob zwischen diesem Namen und dem späteren Kujawien ein Zusammenhang besteht, wissen wir nicht. Ein früher Stamm der Kujawier ist in keiner Quelle bezeugt. Wahrscheinlicher, aber nicht bewiesen, ist ein anderer Ablauf: Eine Landschaftsbezeichnung entstand, wurde von Herrschaft und Kirche übernommen, dehnte sich aus, und die Bewohner wurden nach ihr benannt.

Was gesichert ist

  • Der Name Kujawien (Cuiavia) ist erstmals in der Bulle Ex commisso nobis a Deo von Papst Innozenz II. vom 7. Juli 1136 belegt und bezeichnete zunächst das Gebiet um Kruszwica und Włocławek.
  • Der Bayerische Geograph (Clm 560) kennt keine Kujawier und kein Kujawien; er nennt Glopeani, deren Gleichsetzung mit den Goplanen und deren Verhältnis zu Kujawien ungeklärt ist.
  • Nach 1138 kam Kujawien zu Masowien; 1233 schuf Konrad I. von Masowien ein eigenes Fürstentum für Kasimir I. mit der Hauptstadt Inowrocław; 1267 wurde es in Inowrocław und Brześć Kujawski geteilt.
  • Władysław Ellenlang (Łokietek), Fürst aus der kujawischen Linie, wurde 1320 zum König von Polen gekrönt; die kujawische Piastenlinie endete 1388.
  • Von 1332 bis 1343 stand Kujawien zeitweise unter der Herrschaft des Deutschen Ordens; 1343 kam es mit dem Frieden von Kalisch an Polen zurück.

Mythos-Check

  • "Die Kujawier stehen im Bayerischen Geographen." Nein. Die Liste kennt Glopeani, aber keine Kujawier, und der Landesname Kujawien ist erst 1136 belegt.
  • "Kujawier waren ein frühmittelalterlicher Stamm wie die Polanen." Nicht belegt. Eine Gruppe dieses Namens kennt keine Quelle der Frühzeit; der Name bezeichnete zunächst ein Gebiet.
  • "Goplanen und Kujawier sind dasselbe Volk." Eine Hypothese. Manche Überblicke setzen sie gleich, andere ordnen die Goplanen den Masowiern zu, wieder andere den Polanen. Entschieden ist die Frage nicht.
  • "Kruszwica war schon im 10. Jahrhundert Bischofssitz mit einer lückenlosen Bischofsreihe." Die Reihe stammt von Długosz im 15. Jahrhundert; die frühen Namen gelten als legendär.
  • "Die Kujawier von heute sind unmittelbare Nachfahren eines Gopło-Stammes." Das lässt sich nicht belegen. Die kulturelle Gruppe der Kujawiacy ist ein neuzeitlicher volkskundlicher Begriff.
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