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Die Goplanen: Die Menschen am Gopło-See in Kujawien

Geschichte & Funde Die Goplanen: Die Menschen am Gopło-See in Kujawien

Ein einziger Eintrag in einer kurzen lateinischen Liste, nicht mehr als ein paar Wörter, hat den Goplanen einen festen Platz in der Frühgeschichte Polens verschafft: 400 Burgen oder mehr, die höchste Zahl, die dieser Text überhaupt nennt. Was dahinter steckt, ein mächtiger Stamm, ein Name für etwas ganz anderes oder schlicht ein Zahlenspiel, wird bis heute diskutiert. Fest steht nur der Eintrag selbst – und eine Landschaft, in der Wasser, Salz und Wallanlagen eine Rolle spielten.

Gotischer Backsteinturm der Mysia Wieża am Ufer des Goplo-Sees in Kruszwica
Der Mäuseturm (Mysia Wieża) in Kruszwica am Goplo-See. Der Turm stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist kein Bauwerk der Goplanen; er steht für die spätere Sage. Foto: Gornypatryk, CC BY-SA 4.0.

Ein See, ein Name und eine Liste

Der Gopło ist ein langgestreckter Rinnensee in Kujawien, einer Landschaft im mittleren Polen zwischen Weichsel und Warthe. Seine Wasser fließen über die Netze (polnisch Noteć) Richtung Warthe und Oder. An seinem nördlichen Ende liegt die Stadt Kruszwica. Schon hier lohnt eine kleine Berichtigung: Wer die Goplanen „Großpolen“ zuordnet, liegt nur halb richtig. Kujawien ist eine eigene historische Landschaft, die an Großpolen grenzt; die Zuordnung des Gopło-Raums schwankt in der Literatur, und genau diese Unschärfe gehört zum Thema.

Der Name Goplanen ist eine moderne Fachform. Sie leitet sich von einer einzigen mittelalterlichen Namensform ab: Glopeani. Dieses Wort steht in einem Text, der als Bayerischer Geograph bekannt ist – einer knappen Aufzählung slawischer und anderer Völker nördlich der Donau, überliefert in der Handschrift Clm 560 der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Der Autor ist unbekannt. Er zählt für zahlreiche Gruppen auf, wie viele civitates sie besitzen. Das lateinische Wort bedeutet eigentlich „Bürgerschaften“ oder „Städte“; im Zusammenhang dieser Liste meint man meist befestigte Plätze oder Siedlungsbezirke. Wie genau der Verfasser den Begriff verstand, wissen wir nicht.

Die Bezeichnung Glopeani wird allgemein mit dem See Gopło verbunden. Das ist eine plausible Gleichsetzung, mehr nicht: Gesagt wird in der Quelle weder, wo die Glopeani wohnten, noch, was sie vom See wussten. Dass die Forschung den Namen „Goplanen“ daraus formte, ist eine Schlussfolgerung aus der Lautähnlichkeit. Ob sich die Menschen selbst je so nannten, bleibt offen.

400 civitates – die Zahl und ihre Tücken

Der entscheidende Eintrag lautet sinngemäß: Glopeani, darin 400 civitates oder mehr. Im lateinischen Original steht eine römische Zahl, CCCC, dazu die Wendung „aut eo amplius“. Zum Vergleich: Die Lendizi kommen auf 98, die Velunzani auf 70, die Opolini – deren Name man mit den Opolanen verbindet – auf 20, die Milzanen und die Lunsizi auf je 30. Die Goplanen stehen mit weitem Abstand an der Spitze.

Glopeani: In diesem Gebiet liegen 400 civitates oder mehr.Bayerischer Geograph, Handschrift Clm 560; sinngemäße eigene Wiedergabe des lateinischen Eintrags, kein wörtliches Zitat

Gerade deshalb ist Vorsicht geboten. Eine Burg im frühen Mittelalter war oft ein Ringwall aus Holz und Erde, der einer Sippe oder einer Gruppe von Weilern als Zuflucht diente. 400 solcher Anlagen auf überschaubarem Raum wären ein Befund ohne Parallele. Die Forschung hält die Zahl deshalb für übertrieben, ungenau übermittelt oder anders gemeint, als man sie heute liest. Möglich ist etwa, dass der Verfasser Siedlungen, Gehöfte oder Verwaltungsbezirke einrechnete; möglich ist auch, dass er die Angaben von Gewährsleuten übernahm, die den Wert ihres Stammes eher aufbliesen als verkleinerten. All das sind Deutungen. Belegt ist nur, dass die Zahl in der Quelle steht.

Auch die Datierung des Textes ist umstritten. Bernhard Bischoff, einer der bedeutendsten Handschriftenkenner des 20. Jahrhunderts, schrieb ihn einem Mönch zu, der zwischen den 830er- und 850er-Jahren in Reichenau tätig war. Der russische Historiker Aleksandr Nazarenko schlug dagegen die 870er-Jahre vor, als der heilige Method sich in Reichenau aufgehalten haben soll. Henryk Łowmiański wiederum vermutete, dass die Liste aus zwei Teilen besteht, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind. Wer sich auf „das Jahr 845“ beruft, wie es oft zu lesen ist, wählt also eine von mehreren Möglichkeiten.

Was Mietlica und Kruszwica archäologisch zeigen

Von der Schriftquelle zur Archäologie ist der Weg kurz, die Verbindung aber schwach. Am Ufer des Gopło liegt bei Mietlica, in der Gemeinde Kruszwica, ein Burgwall – ein frühmittelalterlicher Ringwall aus Holz, Erde und Lehm, der sich auf einem hohen Ufer in den See schiebt. Grabungen in den Jahren 1977 und 1978 dokumentierten dort Wohnbauten und Wirtschaftsstrukturen, Tierknochen von Haus- und Wildtieren, Fischknochen, Keramik, Glasreste, Spinnwirtel (kleine Gewichte für Handspindeln), Pfeilspitzen und Eisenfunde. Luftbilder lenkten den Blick zusätzlich auf vorgelagerte Befestigungen im Süden und Südwesten der Anlage. Die Nutzung wird grob in das 9. und 10. Jahrhundert gesetzt.

Mietlica gilt in der polnischen Literatur deshalb als wichtigster Stammesburgwall der Gegend und wird häufig als Hauptort der Goplanen angesprochen. Das ist eine Deutung, die sich auf die Datierung und die Größe der Anlage stützt, nicht auf ein Namensschild. Die Anlage zeigt, dass am Gopło im 9. Jahrhundert ein befestigtes Zentrum bestand – nicht, dass es das Zentrum eines Stammes namens Goplanen war.

Kruszwica selbst ist älter besiedelt, als die Stadtgeschichte vermuten lässt: Siedlungsspuren reichen bis in das 6. Jahrhundert zurück. Einen großen Burgenkomplex des 8. oder 9. Jahrhunderts hat man dort allerdings nicht gefunden. Die dendrochronologisch datierte Hauptburg, also die an den Jahrringen der verbauten Hölzer abgelesene Bauzeit, wird nach der polnischen Literatur erst in die Jahre 975 bis 999 gesetzt – ein Wert, den man vor einer Zitierung anhand der Grabungspublikationen gegenprüfen sollte. Wäre er richtig, fiele der Aufstieg Kruszwicas deutlich in die Zeit der frühen Piasten und nicht in die Epoche des Bayerischen Geographen. Ähnliches gilt für Gnesen (Gniezno): Dort geben die Jahrringe der Hölzer für den Burgwall ein Fälljahr um 940/941 an. Das ist die Zeit der unmittelbaren Vorfahren Mieszkos, nicht die einer sagenhaften Frühzeit.

Hinzu kommt die Umgebung des Sees, die als wirtschaftlich bedeutsam beschrieben wird: Rund um den Gopło gab es Salzgewinnung und Handelsplätze, und die Kruszwicer Gegend lag an Wegen, auf denen, so die Beschreibung in der Regionalliteratur, byzantinische, römische und skandinavische Einflüsse aufeinandertrafen. Das sollte man mit Vorsicht lesen: Funde importierter Gegenstände belegen Austausch, aber keine Herrschaftsform.

Ein Stamm oder die Polanen unter anderem Namen?

Hier beginnt die eigentliche Auseinandersetzung. Die ältere Linie sieht in den Goplanen einen eigenen Stamm, der im 9. Jahrhundert das Land um den See beherrschte, möglicherweise sogar über die Polanen mit dem Zentrum Gnesen. Manche Autoren verbinden das mit der Überlieferung von Popiel und deuten die Machtübernahme der Piasten als Aufstand der Polanen gegen eine goplanische Oberherrschaft. Diese Konstruktion ist reizvoll, aber stark spekulativ.

Der polnische Historiker Gerard Labuda hielt dagegen: Eine Einheit mit 400 Burgen verschwinde nicht spurlos. Dahinter müsse sich, so seine Überlegung, ein größerer Verband verbergen, sprich: Goplanen und Glopeani seien in Wahrheit die Polanen oder ein Teil von ihnen. Ein Argument gegen eine eigene Goplanen-Kultur liefert die Ortsnamenkunde: Im Namengut Kujawiens sind keine fassbaren Spuren des Stammesnamens geblieben. Jüngere Ausgrabungen deuten zudem darauf hin, dass der Siedlungsraum um Mietlica Teil eines größeren Stammesgebiets war, möglicherweise mit einem Kultplatz auf dem Lech-Berg – eine Hypothese, die vor allem von polnischen Archäologen vertreten wird und hier als solche markiert sei.

Eine dritte Gruppe von Forschern bezweifelt sogar die Lokalisierung. Je nach Auslegung der Stammeslisten wurden die Glopeani auch in Pommerellen, in Großpolen oder in Masowien gesucht. Wer an die Pomoranen, die Wislanen und die Kaschuben denkt, erkennt das Muster: Für fast alle westlichen und südlichen Ostseeanrainer gilt, dass Stammesnamen aus wenigen Zeilen Text mühsam auf der Karte festgemacht werden müssen.

Popiel, die Mäuse und der Turm: eine spätere Erzählung

Mit dem Namen Kruszwica verbinden die meisten Polen eine Legende: Popiel, ein grausamer Herrscher, wird von Mäusen gefressen. Sie gehört nicht in die Zeit der Goplanen, sondern in die Geschichtsschreibung des hohen und späten Mittelalters, und man muss sorgfältig trennen, wer was erzählt.

Gallus Anonymus, der Verfasser der ältesten erhaltenen polnischen Chronik, schrieb im frühen 12. Jahrhundert, also rund 250 bis 300 Jahre nach dem Bayerischen Geographen. Bei ihm herrscht Popiel in Gnesen. Zwei geheimnisvolle Gäste, denen er die Teilnahme an einem Fest verweigert, gehen stattdessen zum Bauern Piast, bei dem sich Vorräte auf wundersame Weise vermehren. Popiel wird vertrieben, und Mäuse machen ihm in der Überlieferung das Leben schwer. Piasts Sohn Siemowit, so Gallus, wird zum Herrscher, später folgen Lestek, Siemomysł und Mieszko I. Kruszwica nennt Gallus in diesem Zusammenhang nach gängiger Darstellung nicht; das sollte vor einer Zitierung am Text selbst geprüft werden.

Der Mäusemord wird erst später ausgebaut. Vincent Kadłubek, Bischof von Krakau, steigerte die Erzählung um 1200 zu einem Schauermärchen: Popiel II. habe zwanzig Onkel vergiftet und deren Leichen unbestattet gelassen, aus ihnen seien die Mäuse hervorgekrochen, die ihn und seine Familie in einem hohen Turm verschlangen. Die Kronika wielkopolska, die Großpolnische Chronik des späten Mittelalters, verlegt das Geschehen nach Kruszwica und kennt die Mäuseturm-Fassung; spätere Chronisten wie Jan Długosz im 15. Jahrhundert fügten Einzelheiten hinzu, etwa eine deutsche Fürstentochter als Gattin. Die Datierung der einzelnen Chroniken ist bei Kadłubek und der Kronika wielkopolska nur in groben Zügen gesichert; hier ist die Fachliteratur maßgeblich.

Der Turm, den man heute in Kruszwica als „Mäuseturm“ (Mysia Wieża) besucht, hat mit der Sage nichts zu tun. Er ist ein Backsteinbau des 14. Jahrhunderts, errichtet unter Kasimir dem Großen, also rund 500 Jahre nach der angeblichen Zeit Popiels. Er steht am Ufer des Gopło und prägt das Stadtbild; dass Popiel dort starb, ist eine Zuschreibung aus der Zeit der Chroniken, keine archäologische Erkenntnis.

Die Frage, ob Popiel eine reale Gestalt war, beantwortet die Forschung vorsichtig. Manche Historiker halten einen Vorgänger der Piasten für möglich, dessen Herrschaft von Volksversammlungen mitbestimmt war; andere sehen in der gesamten Überlieferung eine Wandersage, die dynastische Legitimität stiften sollte. Die Dendrochronologie macht die Lage nicht einfacher: Gnesen als befestigter Machtort entsteht nach heutiger Datierung erst um 940, Popiel aber müsste im späten 9. Jahrhundert regiert haben, wenn die Chronologie der Legende stimmt.

Die Verbindung zu den Goplanen ist also eine moderne Brücke: Wer Popiel am Gopło-See ansiedelt, macht ihn zum Herrscher der Glopeani. Die Quellen tun das nicht. Es ist eine Erklärung, die zwei getrennte Überlieferungen verknüpft, die Stammesliste des 9. Jahrhunderts und die Piastenlegende des 12. und 13. Jahrhunderts, und sie hat bis heute Anhänger wie Kritiker.

Was gesichert ist

  • Der Bayerische Geograph (Clm 560) nennt eine Gruppe Glopeani mit „400 civitates oder mehr“; das ist der älteste und für lange Zeit einzige schriftliche Beleg des Namens.
  • Die Textdatierung ist umstritten: Bischoff denkt an die 830er- bis 850er-Jahre, Nazarenko an die 870er; die oft genannte Jahreszahl 845 ist eine von mehreren Möglichkeiten.
  • Am Gopło-See liegt der Burgwall Mietlica (Grabungen 1977/78), der grob in das 9. und 10. Jahrhundert datiert wird; Kruszwica ist seit dem 6. Jahrhundert besiedelt.
  • Der Kruszwicer Mäuseturm ist ein Bau des 14. Jahrhunderts unter Kasimir dem Großen und gehört nicht in die Zeit Popiels.
  • Gallus Anonymus (frühes 12. Jahrhundert) erzählt von Popiel in Gnesen, Kadłubek (um 1200) und spätere Chroniken bauen die Mäuseerzählung aus.

Mythos-Check

  • „Die Goplanen hatten wirklich 400 Burgen.“ Das ist nicht gesichert. Die Zahl steht im Bayerischen Geographen, gilt aber als übertrieben oder anders gemeint; archäologisch hat man am Gopło einzelne Burgwälle gefunden, aber keine 400.
  • „Die Goplanen sind die Vorgänger der Polanen und der Piasten.“ Eine Hypothese. Labuda hielt Goplanen und Polanen für denselben Verband oder Teile davon; der Beweis fehlt in beide Richtungen.
  • „Popiel starb im Kruszwicer Mäuseturm.“ Nein. Der Turm stammt aus dem 14. Jahrhundert; die Verbindung Popiels mit Kruszwica ist eine späte Chronikfassung, und die Mäuse erscheinen in ihrer ausgeschmückten Form erst bei Kadłubek.

Was von den Goplanen bleibt

Der Fall zeigt, wie schmal die Quellenlage für das frühmittelalterliche Polen ist. Für die Zeit vor Mieszko I., also vor dem späteren 10. Jahrhundert, gibt es kaum mehr als diese Liste, einzelne Nachrichten aus dem Frankenreich und die nachträglich aufgeschriebene Piastenerzählung. Ein Stamm kann in einem Text wie ein Reich wirken und in der Erde als Netz kleiner Siedlungen erscheinen. Wer den Namen Goplanen verwendet, arbeitet mit einer Bezeichnung, die aus der Forschung stammt.

Im Kreis der westslawischen Gruppen, die diese Seiten beschreiben, stehen die Goplanen neben den Sorben, den Ranen, den Lebusern und den Slensanen als ein Name, der die Karte des 9. Jahrhunderts füllt, aber wenig Erzählung trägt. Genau darin liegt ihr Reiz: Man kann die Grenze des Wissens benennen, ohne den Rest auszuschmücken.

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