Wer in Budapest nach Polen fragt, hört Lengyelország, in Vilnius Lenkija, und im Persischen heißt das Land Lahestān. Hinter diesen weit auseinanderliegenden Wörtern vermuten viele Forscher den Namen eines einzigen Stammes: der Lendier. Dabei haben wir von ihnen kaum mehr als eine Zahl in einer Völkerliste, eine Randbemerkung eines byzantinischen Kaisers und den Satz einer Kiewer Chronik über erstürmte Burgen. Dieser Artikel setzt die drei Spuren nebeneinander, trennt Befund von Deutung und prüft, was an den bekannten Geschichten über das Land der Tscherwener Städte wirklich belegt ist.

Die Lendier (lateinisch Lendizi, griechisch Lenzanenoi, polnisch Lędzianie, ukrainisch Lendzjany) gelten als westslawische Gruppe, die im 9. und 10. Jahrhundert im Grenzraum zwischen dem späteren Polen und der Rus lebte, grob zwischen oberem San, Bug und oberem Dnjestr. Genauer lässt sich das Wohngebiet nicht angeben, und damit beginnt das Problem: Es gibt keine Selbstzeugnisse, keine Inschrift, kein Lendier, der uns seinen Namen nennt. Alles, was wir wissen, stammt von Außenstehenden, von einem Gelehrten im Südwesten des Frankenreichs, von einem Kaiser in Konstantinopel und von einem Mönchschronisten in Kiew.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf diese Quellen. Wer versteht, wie wenig sie tatsächlich sagen, begreift auch, wie Geschichtsbilder entstehen. Verwandte Fälle sind die Wislanen an der oberen Weichsel, die Dulebier im Süden Wolhyniens und die Weißen Kroaten, die in denselben Quellenlandschaften auftauchen und über die ebenfalls vieles in Handbüchern steht, das sich bei genauem Hinsehen als Vermutung entpuppt.
Die am häufigsten genannte Herleitung führt den Namen auf das alt- und urslawische Wort lęda zurück, das ein Stück brachliegendes oder durch Brandrodung gewonnenes Land bezeichnet. Die Lendier wären demnach „die Leute vom Rodungsland“, was zu einer Gegend passen würde, in der Wald urbar gemacht wurde. Die Erklärung klingt plausibel und steht in vielen Nachschlagewerken. Sie bleibt eine sprachwissenschaftliche Deutung: Aus den Quellen selbst ist nichts über Brandrodung abzulesen, und der Name könnte auch aus einem anderen Wortstamm oder von Fremden stammen, die ihn nur so hörten.
Weit verbreitet ist außerdem die Annahme, der Name der Lendier stecke in den Bezeichnungen für die Polen in vielen Nachbarsprachen. Ostslawisch heißt der Pole ljach, ungarisch lengyel, litauisch lenkas (Mehrzahl lenkai), armenisch heißt das Land Lehastan, persisch Lahestān, im älteren Türkischen Lehistan. Dass diese Wörter auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen, gilt als wahrscheinlich; ob der Ursprung ausgerechnet der Name des kleinen Stammes zwischen San und Bug war, lässt sich nicht beweisen. Eine zweite Möglichkeit ist, dass der Name eines mächtigeren Verbandes, der in den Quellen nicht klar greifbar ist, sich einfach durchgesetzt hat und die Lendier ihn nur teilten.
Die älteste schriftliche Nennung steht in einem unscheinbaren lateinischen Text, den man „Bayerischer Geograph“ nennt (Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii). Er zählt Völker nördlich der Donau auf und gibt für jedes die Zahl der civitates an, womit befestigte Orte oder Burgbezirke gemeint sind. In der zweiten Liste lautet der Eintrag, in der gängigen Lesung: Lendizi habent ciuitates XCVIII, die Lendizi haben 98 Burgen. Gleich danach folgen die Thafnezi mit 257 Burgen. Das ist die gesamte Aussage. Der Text sagt nicht, wo die Lendier wohnten, wer sie regierte, welche Sprache sie sprachen oder was eine civitas in ihrem Land war: ein Ringwall, eine Siedlung mit Palisade oder nur ein Verwaltungsbezirk.
Auch die Entstehung des Textes ist offen. Bernhard Bischoff dachte an einen Mönch im Kloster Reichenau in den 830er bis 850er Jahren, Aleksandr Nazarenko an die 870er Jahre; Henryk Łowmiański zeigte, dass die Liste aus zwei Teilen besteht, die zu unterschiedlicher Zeit entstanden sein können, den zweiten Teil setzen manche Forscher erst ins frühe 10. Jahrhundert. Hier liegt eine häufige Verwechslung: Der „Bayerische“ Geograph ist nicht gesichert in Bayern entstanden. Die einzige bekannte Handschrift liegt heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Clm 560), die Schrift deutet aber eher auf ein südwestdeutsches Skriptorium wie Reichenau oder Konstanz. Der Name stammt vom Aufbewahrungsort, nicht vom Verfasser.
Ob die 98 Burgen eine Messung, eine Schätzung oder ein Gerücht waren, entzieht sich uns. Ihre Zahl ist hoch im Vergleich zu den 15 Burgen der Schlesier, aber niedrig gegenüber den 257 der Thafnezi. Aus solchen Zahlen auf Bevölkerung oder Macht zu schließen, ist riskant; sie zeigen vor allem, dass dem Verfasser oder seinen Gewährsleuten das Land als dicht befestigt galt.
Die zweite Spur führt ins 10. Jahrhundert. Der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos ließ um 948 bis 952 für seinen Sohn Romanos ein Handbuch über die Nachbarvölker des Reiches zusammenstellen, das man heute De administrando imperio nennt. In Kapitel 9 beschreibt es, wie die Rus alljährlich von Kiew aus in Einbäumen (monoxyla) zum Schwarzen Meer und nach Konstantinopel fuhren. Die Boote, heißt es dort, kamen aus Nowgorod, Smolensk, Tjeliutza, Tschernigow und Wyschhorod. Gefertigt wurden sie von den slawischen Tributpflichtigen der Rus, den „sogenannten Kriwitschen und Lenzanenoi und den übrigen Slawenländern“: Sie fällten die Stämme im Winter in ihren Bergen, bauten sie zu Booten aus und brachten sie im Frühjahr, wenn das Eis schmolz, auf die nahen Seen und Flüsse hinab. So paraphrasiert nach der englischen Übersetzung von R. J. H. Jenkins; der Wortlaut ist hier nicht zitiert.
Wichtig ist, was die Stelle aussagt und was nicht. Sie nennt die Lenzanenoi neben den Kriwitschen als Slawen, die der Rus Tribut zahlten und für die Flotte arbeiteten. Sie sagt nicht, wo sie wohnten, wie viele es waren oder ob sie sich selbst als Volk verstanden. Sie nennt auch keinen Fürsten der Lendier; wer in anderen Darstellungen von einem „Fürsten“ der Lendier im Dienst der Rus liest, schöpft aus späterer Ausschmückung, nicht aus diesen Zeilen. Dass die Lendier hier als Lieferanten von Booten erscheinen, passt zu einem Land mit Wäldern und Flüssen, die zu Bug und Dnjepr hinführen; mehr als diese Plausibilität liefert der Text nicht.
Kapitel 37 nennt sie erneut, diesmal im Zusammenhang mit den Petschenegen. Die Provinz Iabdiertim der Petschenegen grenze, so Konstantin, an die tributpflichtigen Gebiete der Rus, an die Ulitschen, die Drewljanen und die Lenzenines (Lendier) und die übrigen Slawen. Die Reihenfolge ist keine Landkarte, aber sie zeigt, dass Konstantins Berichterstatter die Lendier im Südwesten des Einflussbereichs von Kiew verorteten, in der Nähe der Drewljanen und der Ulitschen. Die griechischen Formen schwanken (Lenzanenoi, Lenzenines), was bei der Wiedergabe fremder Namen in byzantinischer Kanzleischreibung nicht überrascht.
Aus diesen dünnen Hinweisen haben Historiker Karten gezeichnet, und die Karten unterscheiden sich stark. Die Westgrenze wird meist am Wieprz und an der Wisłoka gesucht; im Osten reichen die Vorschläge vom oberen Dnjestr über den Styr bis in das Land östlich von Halitsch. Der polnische Historiker Gerard Labuda ließ die Lendier zwischen oberem Bug, Styr und oberem Dnjestr im Osten und der Wisłoka im Westen siedeln und sah in ihnen einen Verband an wichtigen Handelswegen zwischen Prag, Krakau, Kiew und dem Chasarenreich. Henryk Łowmiański suchte sie weiter nördlich, zwischen Sandomierz und Lublin, wo sie sich mit den Weißen Kroaten überschnitten hätten, falls es diese dort gab; über sie lesen Sie mehr im Artikel über die Weißen Kroaten. Der ukrainische Historiker Leontij Wojtowytsch setzt sie östlich der Wislanen und südlich der Masowier im Raum Sandomierz–Lublin an.
Die Archäologie hilft nur begrenzt. Funde im Vorland der Karpaten, etwa am oberen San, zeigen laut ukrainischen Forschern wie Mychajlo Kutschinko eher ostslawische als westslawische Siedlungsmerkmale; westslawische Traditionen träten erst am Fluss Wisłoka deutlich hervor. Wer daraus ableitet, die Lendier seien Ostslawen gewesen, überinterpretiert: Keramik und Hausformen sagen wenig über die Sprache der Bewohner, und auch die Frage, wie sich West- und Ostslawen im 9. Jahrhundert überhaupt trennen lassen, ist in der Forschung offen. Die Lendier bleiben, wie sie in der Fachliteratur oft heißen, eine Grenzgruppe: zwischen den Wislanen im Westen und den Dulebiern und Wolhyniern im Osten.
Eine häufige Verwechslung betrifft die Chronik, die wir meist „Nestorchronik“ nennen, russisch Powest wremennych let, „Erzählung der vergangenen Jahre“. Sie entstand um 1113 in Kiew und kennt kein Volk der Lendier. Stattdessen spricht sie von den Ljachen (altrussisch Ljachi). In der Völkerliste am Anfang heißt es sinngemäß, Slawen seien, als die Walachen die Donauslawen bedrängten, an die Weichsel gekommen und dort Ljachen genannt worden; von diesen Ljachen hießen die einen Poljanen (Polanen), andere Lutitschen, andere Masowier, andere Pomoranen. Der Begriff „Ljachen“ umfasst hier also westslawische Völker von der Weichsel bis in den Raum der Oder, die späteren Polen samt Lutizen und Pomoranen. Er ist mit den Lendiern nicht gleichzusetzen.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Wenn in der Chronik von den „Ljachen“ die Rede ist, sind nicht automatisch die Lendier gemeint, und wenn ein Handbuch die „Lendier“ als Gegner Wladimirs führt, übersetzt es ein Wort, das die Chronik nicht benutzt. Dass der Name Ljach irgendwann aus dem Namen der Lendier hervorging oder mit ihm verwandt ist, ist eine verbreitete Annahme, sie gilt aber nicht für den Chroniktext selbst. Vielleicht hat die Rus den Namen der ersten westslawischen Nachbarn, die sie kannte, auf alle weiter westlich lebenden Slawen übertragen; vielleicht ist der Vorgang auch umgekehrt verlaufen. Ein Beleg fehlt.
Für das Jahr 981 meldet die Chronik einen Feldzug des Kiewer Fürsten Wladimir. Die gängige englische Fassung (Cross und Sherbowitz-Wetzor) lautet in unserer deutschen Übertragung:
Wladimir zog gegen die Ljachen und nahm ihre Städte, Peremyschl, Tscherwen und andere Städte, die bis heute unter der Rus stehen.Nestorchronik (Powest wremennych let), Jahreseintrag 981 (altrussisch 6489); Übersetzung von uns selbst angefertigt, nach den gängigen englischen Fassungen (Cross/Sherbowitz-Wetzor) und der russischen Ausgabe
Das ist die erste schriftliche Erwähnung von Przemyśl (altrussisch Peremyschl); auch Tscherwen, polnisch Czerwień, tritt hier zum ersten Mal auf. Der Zusatz „bis heute“ stammt vom Chronisten und zeigt, dass er um 1113 aus der Rückschau schrieb: Zu seiner Zeit gehörten die Burgen zur Rus. Wie genau die Burgen vorher beherrscht wurden, sagt die Chronik nicht. Dass Wladimir die Burgen nahm, steht im Text; wem sie vorher gehörten, steht dort nicht.
Ob der Feldzug überhaupt 981 stattfand, wird bezweifelt. Der ukrainische Historiker Mychajlo Hruschewskyj hielt den Zug von 981 für einen späteren Einschub; Stefan Kuczyński setzte ihn auf 992 oder 1012. Neuere Arbeiten, etwa der Aufsatz „Чи ходив Володимир Великий на/до ляхів?“, argumentieren, dass die Chronik einen tatsächlichen Vorgang um die Tscherwener Städte in drei Daten (981, 1018, 1031) abbildet, von denen nur 1018 gesichert sei; die beiden anderen seien vom Chronisten gesetzt. Das Jahr 981 ist also eine Marke in der Überlieferung, kein unabhängig bestätigtes Ereignis.
Das Wort Tscherwener Städte (polnisch Grody Czerwieńskie) bezeichnet eine Gruppe von Burgen im Grenzland zwischen Polen und der Rus. Die ukrainische Enzyklopädie nennt als Orte Tscherwen, Wolyn, Hrubeschiw, Sutejsk und Ternawa und beschreibt das Gebiet als Burgenreihe am linken Ufer des Bug. Wo genau Tscherwen selbst lag, ist seit über zwei Jahrhunderten Gegenstand von Streit, denn mehrere Orte trugen im Mittelalter diesen Namen.
Als aussichtsreichster Kandidat gilt heute Czermno, ein Dorf im Kreis Tomaszów Lubelski an der Huczwa. Der Fundplatz ist riesig, je nach Angabe 75 bis 150 Hektar groß, mit Hauptburg, Vorburg und einer Anlage am Zusammenfluss von Huczwa und Sienocha. Ausgegraben wurden Wälle aus kastenartig verbautem Holz und Erde, mit Balken bis zu 30 Zentimetern Stärke, Bohlenwege durch Sumpfgelände, Hortfunde mit Silberschmuck und Perlen in den Wällen aus dem späten 10. Jahrhundert (nach 970) sowie bleierne Siegel des Typs Drohiczyn, die auf Handel hindeuten. Pollenproben zeigen starke Eichenrodung um die Mitte des 9. Jahrhunderts und noch einmal um 980. Das Ende der Burg setzt man ins 13. Jahrhundert, in die Zeit der Mongoleneinfälle; drei bei neueren Grabungen entdeckte Skelette, eines davon mit dem Gesicht nach unten, werden damit in Verbindung gebracht, eine Deutung.
Ob Czermno wirklich das Tscherwen der Chronik ist, soll ein Forschungsprojekt unter Marcin Wołoszyn (Universität Rzeszów) klären, das von 2022 bis 2026 mit rund 200 absoluten Datierungen aus Radiokarbon, Dendrochronologie und Thermolumineszenz arbeitet. Gelänge es, die Wälle auf die Zeit um 981 zu datieren, wäre das ein starkes Indiz, aber noch kein Beweis, denn auch andere Burgen der Gegend könnten ähnliche Daten liefern. Bis dahin ist „Czermno = Tscherwen“ eine Arbeitshypothese mit guten Argumenten.
Przemyśl liegt an einer Furt des San. Auf dem Burgberg (Wzgórze Zamkowe) entstand im 9. oder 10. Jahrhundert eine Holz-Erde-Burg von rund einem Hektar mit Wällen von etwa 20 Metern Breite und vier bis fünf Metern Höhe. Im frühen 11. Jahrhundert folgten eine Rotunde von 7,6 Metern Durchmesser und ein rechteckiges Palastgebäude (palatium) von 33,6 mal 15 Metern. Die Zuschreibung ist umstritten: Eine verbreitete Deutung sieht darin ein Werk Bolesławs I. Chrobry nach der Eroberung von 1018, andere halten die Rotunde für älter als den Palast. Dass die Burg der ältesten Phase „den Lendiern“ gehörte, ist eine plausible, aber nirgends bezeugte Zuschreibung; als Quelle bleibt nur die Chronikzeile von 981, die von „ihren“ Städten spricht.
Ein populäres Detail betrifft den Namen Rotreußen (polnisch Ruś Czerwona, ukrainisch Tscherwona Rus) für das galizische Land um Przemyśl und Lemberg. Häufig wird er von der Burg Tscherwen abgeleitet, deren Name am Gebiet haften geblieben sein soll. Das ist eine verbreitete Herleitung und eine Deutung; eine Erklärung über das Wort „rot“ selbst ist ebenso möglich, und ein eindeutiger Beleg für den einen oder den anderen Weg fehlt.
Dass Wladimir 981 „ihre“ Burgen nahm, bedeutet nicht, dass sie polnisch waren. Je nach Forschungsrichtung hielten die Piasten das Land, die Přemysliden von Prag, das Fürstentum der Rus oder keiner, weil die Lendier und ihre Nachbarn selbständig waren. Einen Hinweis liefert Cosmas von Prag. Er beschreibt für das Jahr 1086 eine angebliche Urkunde Kaiser Heinrichs IV., die die Grenzen des Prager Bistums bestätigt, wie sie 973 bestanden haben sollen. Dort heißt es lateinisch: Inde ad orientem hos fluvios habet terminos: Bug scilicet et Ztir cum Krakouia civitate, also im Osten bilde der Bug und der Styr, samt der Stadt Krakau, die Grenze. Ob eine solche Urkunde je existierte, ist ungewiss; es ist möglich, dass Cosmas als Prager Patriot den Text selbst gestaltet hat. Wer den Hinweis als Beleg für ein böhmisches Land bis zum Bug nimmt, stützt sich also auf ein spätes, umstrittenes Zeugnis.
Die Quellen über Krakau im 10. Jahrhundert sind ähnlich spärlich, wie wir es im Artikel über die Wislanen beschrieben haben: Ibrahim ibn Yaʿqūb nennt um 965 ein Reich des Prager Fürsten, das bis Krakau reicht. Die Tschechen und die Mährer hatten also einen Einfluss auf die Region, dessen Reichweite nach Osten sich nicht genau bestimmen lässt. Wie weit er die Lendier erfasste, wissen wir nicht. Die gelegentlich gedruckte Zeitleiste mit „833 Lendier in Großmähren, 899 unter ungarischer Herrschaft“ gehört in den Bereich der Hypothesen: Keine der drei Hauptquellen nennt die Lendier im Zusammenhang mit Mojmir, Svatopluk oder den Magyaren.
Die Chronik kehrt zu den Tscherwener Städten zurück. Für 1018 berichtet sie, Bolesław I. Chrobry habe in einem Feldzug nach Kiew die Burgen wieder an sich gebracht; so geben es auch die meisten Darstellungen wieder, ohne dass hier ein Wortlaut zitiert wird. Für 1031 melden die Chroniken, Jaroslaw der Weise und sein Bruder Mstislaw hätten die Städte zurückgewonnen und das Land der Ljachen verheert. Nach der gängigen Wiedergabe führten sie viele Ljachen weg, und Jaroslaw habe seinen Teil an der Ros angesiedelt, einem Nebenfluss des Dnjepr südlich von Kiew. Das wäre, wenn man es wörtlich nimmt, die Umsiedlung einer Bevölkerung, die man als Rest der Lendier deuten kann. Ob die Ljachen von 1031 aber noch die Lendier des 9. Jahrhunderts waren, lässt sich nicht sagen; in dieser Zeit steht der Name „Ljachen“ bereits für Polen im Allgemeinen.
Später wechselt die Herrschaft über das Land mehrfach. Die gängigen Übersichten nennen 1069 die Rückeroberung von Przemyśl durch Bolesław II., 1085 die Entstehung eines Fürstentums Peremyschl unter Herrschern aus dem Haus der Rurikiden und 1340 die Einverleibung in das Königreich Polen unter Kasimir III. Vom Namen „Lendier“ ist in diesen Texten nichts mehr zu hören. Er verschwindet nach dem 10. Jahrhundert aus den Quellen, ohne dass ein Ereignis ihn beendet hätte. Wahrscheinlich ging die Gruppe allmählich in der ostslawischen Bevölkerung auf, vielleicht auch teilweise in der polnischen, durch Sprache, Kirchenzugehörigkeit und Neuansiedlung; belegt ist auch dieser Vorgang nicht.
Auch die Skandinavier kannten die Nachbarn der Rus im Westen. In Snorri Sturlusons Heimskringla berichtet die Saga von Harald Hardrada, wie der junge Harald an den Hof des Kiewer Fürsten Jaroslaw kam. Ein Skaldenvers des Þjóðólfr Arnórsson über Harald und seinen Gefährten Eilif heißt in der englischen Übersetzung von Samuel Laing (1844):
„The eastern Vendland men they drove / Into a corner; and they move / The Lesians, although ill at ease, / To take the laws their conquerors please.“
Mit den „Lesians“ gibt Laing den altnordischen Namen wieder, der gewöhnlich auf die Ljachen, also die Polen, bezogen wird; der Vers würde damit auf Kämpfe der Rus gegen die Westnachbarn im frühen 11. Jahrhundert hindeuten. Die genaue Deutung ist offen, und der Vers nennt weder die Lendier noch Orte. Erinnert sei an dieser Stelle an unsere Artikel über Harald Hardrada und die Wikinger im Osten sowie über den Waräger-Weg, der durch dieselbe Weltgegend führte. Dass der Name der Ljachen bis in nordische Dichtung drang, zeigt, wie weit sich der Begriff im 11. Jahrhundert verbreitet hatte.
Neben den spärlichen Quellen steht eine Fülle späterer Erzählungen. Am bekanntesten ist die Legende von den drei Brüdern Lech, Čech und Rus, die zum Stammvater der Polen, der Tschechen und der Ostslawen gemacht werden. Die frühesten Fassungen stehen nicht vor dem späten 13. und dem 14. Jahrhundert, in der Großpolnischen Chronik und in der Reimchronik des Dalimil von 1314. Sie ist eine Gründungslegende, die den Namen Lechia für Polen erklären soll, kein Bericht über das 9. Jahrhundert.
Der Zusammenhang mit den Lendiern ist eine Vermutung der Namenforscher: Wenn ljach und Lech vom selben Wort stammen und dieses Wort auf Lęd- zurückgeht, wäre der sagenhafte „Lech“ nur die Rückbildung eines Völkernamens zu einem Stammvater. Das ist elegant und bleibt unbeweisbar. Zugleich zeigt dieser Gedankengang ein bekanntes Muster der mittelalterlichen Geschichtsschreibung: Aus dem Namen eines Volkes wird ein Ahnherr gemacht, der ihn trägt. Wer die Legende als „Erinnerung an die Lendier“ liest, stellt eine Hypothese in die Quellen hinein, die sie nicht hergeben.
Ein verbreiteter Irrtum verknüpft die Lendier mit der Lengyel-Kultur. Sie ist eine jungsteinzeitliche Kultur des 5. Jahrtausends v. Chr., benannt nach dem ungarischen Ort Lengyel, und hat mit slawischen Stämmen des 9. Jahrhunderts nichts zu tun. Der Gleichklang beruht auf dem Zufall der Namensform.
Der Bayerische Geograph zählt civitates, die Chronik spricht von „Städten“ (altrussisch grady), die Archäologie von Burgwällen. Alle drei Wörter sind Übersetzungen, und sie decken nicht dasselbe ab. Ein frühmittelalterlicher grod (polnisch) oder gorod (russisch) war eine befestigte Siedlung mit Wall und Palisade, die Zuflucht, Marktplatz, Herrschaftssitz und Sammelstelle von Abgaben zugleich sein konnte, und er konnte klein sein wie der Przemyśler Burgberg mit einem Hektar oder riesig wie Czermno. Vertiefen lässt sich das im Artikel über die Burgenkunde. Wer „98 Burgen“ als „98 Städte“ liest, überträgt ein hochmittelalterliches Bild auf eine Zeit, aus der wir meist nur Gräben, Wälle und Pfostenlöcher kennen.
Hinter dem Namen „Lendier“ steckt eine Grundfrage der Frühgeschichtsforschung: Gab es im 9. Jahrhundert überhaupt Stämme im Sinn handlungsfähiger Gemeinschaften, die sich selbst einen Namen gaben? Skeptiker wie Florin Curta betonen, dass viele Slawennamen erst von Außenstehenden in den Schriftquellen festgeschrieben wurden und dass ein Name ein Etikett für eine Region, einen Herrschaftsverband oder auch nur eine Gruppe von Burgen sein kann. Für die Lendier heißt das: Der Eintrag im Bayerischen Geographen kann einen Bund bezeichnen, ein Gebiet oder das, was einem Gewährsmann beim Hören des Namens in den Sinn kam. Und die Lenzanenoi Konstantins sind womöglich nicht dieselben Leute wie die Lendizi der Liste, denn die Ähnlichkeit der Namen ist ein Argument, kein Beweis.
Auf der anderen Seite stehen Forscher, die an der Linie vom Bayerischen Geographen über Konstantin bis zur Nestorchronik festhalten, weil Name, Lage und Zeit übereinstimmen. Beide Haltungen lassen sich vertreten. Entscheidend ist, dass man das Bild einer einheitlichen Gruppe nicht ohne Zwischenschritt in die Quellen legt. Wer die Texte nebeneinanderlegt, sieht drei Zeugnisse aus drei Jahrhunderten, die aus drei Richtungen auf einen Raum blicken.
Gerard Labuda nahm an, dass die Rus den Namen zunächst für bestimmte Weichselgruppen benutzte und ihn im 11. und 12. Jahrhundert auf die gesamte Bevölkerung des Piastenreichs ausdehnte, weil man dieselbe Sprache sprach. Das würde die Verwendung von ljach für „Pole“ in den ostslawischen Quellen erklären und passt zum Befund, dass die Nestorchronik das Wort schon als Sammelnamen kennt. Aus dem Namen von Nachbarn wird so das Wort, mit dem eine ganze Nation von außen bezeichnet wird, ein Vorgang, der in der Sprachgeschichte häufig ist (Deutsche heißen bei den Franzosen Allemands, nach den Alemannen, bei den Finnen saksalaiset, nach den Sachsen). Dass es sich bei den Lendiern genau so abgespielt hat, ist die vorherrschende, aber nicht die einzig mögliche Erklärung.
Als Selbstbezeichnung der Bewohner des Piastenreichs setzte sich nicht Lendier durch, sondern der Name der Polanen, aus dem das Wort Polen wurde; Lechia blieb ein gelehrter Zweitname. Die Lendier sind demnach nicht die Vorfahren „der Polen“ im Ganzen, sondern bestenfalls eine der Gruppen, deren Name von Nachbarn auf die Gesamtheit übertragen wurde.
Die Lendier sind ein Beispiel für einen Namen, der mehr Gewicht trägt als die Quellen. Eine Zahl in einer südwestdeutschen Liste, eine Randnotiz in einem Handbuch für einen byzantinischen Prinzen und ein Chronikeintrag über Burgen im Grenzland sind alles, was von ihnen als Gruppe bleibt. Dazu kommen Burgberge, Wälle und Silberschmuck, die man mit ihnen verbinden kann, aber nicht muss. Wer ehrlich bleibt, hält fest: Es gab in der Gegend zwischen Wisłoka und Dnjestr im 9. und 10. Jahrhundert ein dicht befestigtes Land mit Fernhandel und häufigem Herrschaftswechsel; die Bewohner trugen für Außenstehende einen Namen, der anklingt wie später das Wort für „Pole“. Alles Weitere, die Grenzen, die Herrscher, die Religion, die Selbstbezeichnung, ist erschlossen oder noch nicht entdeckt. Die Grabungen in Czermno laufen bis 2026, und mit den neuen Datierungen kann sich das Bild verschieben.

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