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Die Lexovier – ein Senat, der den Krieg nicht wollte

Geschichte & Funde Die Lexovier – ein Senat, der den Krieg nicht wollte

Im Sommer 56 v. Chr. gibt es im Westen Galliens einen Moment, den Caesar in einem einzigen Nebensatz festhält: Die Lexovier töteten ihren Senat, weil dessen Mitglieder den Krieg gegen Rom nicht auslösen wollten. Mehr steht nicht da. Trotzdem lässt sich an diesem Satz erkennen, wie eine gallische Gemeinde Entscheidungen getroffen hat, wo sie versagten und warum der Volksname der Lexovier heute in den Wörtern Lisieux und Lieuvin weiterlebt. Dieser Artikel trennt, was Caesar schreibt, was Münzen und Ausgrabungen zeigen und was spätere Bücher daraus gemacht haben.

Grasbewachsene Mulde der Zuschauerränge des römischen Theaters von Lisieux unter Gebüsch
Gelände des römischen Theaters von Lisieux (Noviomagus Lexoviorum), heute eine bewachsene Mulde. Es zeigt die Römerstadt, die nach Caesar auf dem Boden der Lexovier entstand, und nicht ihre Zeit als freies Volk. Foto: Pradigue, CC BY-SA 4.0.

Wo die Lexovier lebten

Die Lexovier (lateinisch Lexovii) siedelten im Nordwesten Galliens, südlich der Seinemündung am Ärmelkanal. Ihr Gebiet deckt sich weitgehend mit dem späteren Bistum Lisieux, also mit dem Pays d'Auge und dem Lieuvin im heutigen Département Calvados und im Westen des Départements Eure. Ein weiterer Ort ihres Landes war Brionne an der Risle, antik Breviodurum. Die Nachbarn lassen sich nur grob angeben. Im Osten schlossen sich die Aulerci Eburovices um Évreux an, im Norden jenseits der Seine begann das Land der Caleten und der Veliocassen, im Westen lag das Gebiet der Viducasses um Vieux bei Caen.

Aus der Zeit vor Caesar kennen wir von den Lexoviern keine geschriebene Zeile. Alles, was die antiken Autoren berichten, stammt von Außenstehenden: von Caesar, der sie als Gegner und später als Hilfstruppen erwähnt, und von Geographen, die sie in einer Aufzählung unterbringen. Das eigentliche Material über ihre Gesellschaft liefert die Archäologie, und die ist in Lisieux auffallend lückenhaft, weil große Teile der Stadt im Juni 1944 durch Bombardements zerstört wurden. Wer die Lexovier verstehen will, muss deshalb aus wenigen, aber sehr unterschiedlichen Spuren eine Geschichte zusammensetzen.

Ein Name mit Fragezeichen

Die Schreibungen schwanken schon in der Antike. Caesar schreibt Lexovii, Strabon in griechischer Form Lexobioi, Ptolemaios ähnlich. Auf den Münzen steht LIXOVIO, auf einer anderen Prägung LIXOVIATIS. Der Sprachwissenschaftler Xavier Delamarre rekonstruiert aus diesen Formen ein gallisches *Lexsouioi oder ähnlich. Als mögliche Bedeutung erwägt er „die Schiefen, Geneigten“ oder „die Hinkenden“, verwandt mit altirisch losc „lahm“ und walisisch llechwedd „Abhang“. Gemeint sein könnte also eine Bergbewohner-Bezeichnung („die an den Hängen Wohnenden“) ebenso wie ein spöttischer Fremdname.

Das ist eine Deutung, kein Befund. Der Wortstamm ist selten, die Lautform unsicher, und ob sich die Lexovier selbst so nannten, wissen wir nicht. Gesichert ist nur, dass der Name über Jahrhunderte haften blieb: Aus der spätantiken civitas Lexoviorum wurde Lisieux, und die Landschaft Lieuvin trägt ihn bis heute.

Was Strabon, Plinius und Ptolemaios beisteuern

Die Geographen erzählen keine Ereignisse, sie ordnen ein. Strabon beschreibt in IV,1,14 den Handelsweg, auf dem Waren aus dem Rhonetal über Saône und Doubs ein Stück weit über Land zur Seine gebracht wurden. Von dort fuhr man den Fluss hinab zum Ozean, zu den Lexobiern und Caleten, und von diesen Völkern aus sei es, so Strabon, weniger als ein Tag bis nach Britannien. In IV,3,5 nennt er sie noch einmal, neben den Parisern und Meldern an der Seine; die Lexovier sitzen „am Ozean“.

Plinius der Ältere führt sie in seinem Katalog der Völker der Gallia Lugdunensis auf (NH IV,107). Ptolemaios nennt im zweiten Jahrhundert n. Chr. die Lexobioi und ihre Stadt Noiomagos (Geographie II,8). Die Angaben der drei Autoren stimmen in der groben Lage überein, mehr nicht. Aus Strabon wird gern ein „Händlervolk“ gemacht. Der Text sagt etwas anderes: Er beschreibt eine Route, die an ihrem Gebiet endet. Ob die Lexovier selbst am Fernhandel verdienten, geht aus dieser Stelle nicht hervor.

56 v. Chr.: das Bündnis mit den Venetern

Im Jahr 56 v. Chr. erhebt sich die Küste. Die Veneter in der Südbretagne halten römische Gesandte fest, Caesar baut eine Flotte, und die Veneter suchen Verbündete. In III,9 zählt Caesar sie auf: Osismer, Lexovier, Namneten, Ambiliater, Morinen, Diablinten und Menapier. Die Osismer, Namneten, Morinen und Menapier haben eigene Artikel auf dieser Seite. Dazu holen die Veneter Hilfstruppen aus Britannien.

Die Lexovier stehen also in einer Liste. Mehr sagt das Kapitel nicht, und man sollte es nicht überlesen: „Sie schließen sich an“ ist Caesars Sprache für einen Beschluss ganzer Gemeinden. Was in der Gemeinde selbst geschah, bevor dieser Beschluss zustande kam oder scheiterte, steht erst acht Kapitel später.

In III,11 schickt Caesar seinen Legaten Quintus Titurius Sabinus mit drei Legionen zu den Unellen (in den Handschriften Venelli oder Unelli, die Halbinsel Cotentin), den Coriosoliten und den Lexoviern. Sabinus soll verhindern, dass diese Völker den Venetern zu Hilfe kommen. Die Lexovier sind hier Aufmarschgebiet, kein Schlachtfeld.

Der Satz über den Senat

Sabinus marschiert in das Land der Unellen. Dort steht Viridovix, der nach Caesars Darstellung den Oberbefehl über alle abgefallenen Gemeinden innehat und aus ihnen ein Heer zusammengezogen hat. Dann folgt der Satz, um den es in diesem Artikel geht.

atque his paucis diebus Aulerci Eburovices Lexoviique, senatu suo interfecto quod auctores belli esse nolebant, portas clauserunt seque cum Viridovice coniunxerunt.

„Und in diesen wenigen Tagen schlossen die Aulerci Eburovices und die Lexovier die Tore, nachdem sie ihren Senat getötet hatten, weil dessen Mitglieder nicht die Urheber des Krieges sein wollten, und vereinigten sich mit Viridovix.“Caesar, De bello Gallico III,17; eigene Übersetzung

Der Satz ist knapp und enthält mehrere Unklarheiten. Nolebant steht im Plural, obwohl senatus grammatisch Singular ist; gemeint ist offenbar, dass die einzelnen Ratsmitglieder sich weigerten. Wer die Tore schloss und gegen wen, sagt Caesar nicht. Naheliegend ist die Lesart, dass die Gemeinden damit ihre Städte oder befestigten Orte gegenüber Rom verschlossen und sich dem Aufstand anschlossen. Zwingend ist das nicht. Auch ist unklar, ob „töten“ eine Hinrichtung nach förmlichem Beschluss oder einen Volksaufstand meint, und ob alle Senatoren oder nur die Wortführer starben.

Bemerkenswert ist die Begründung. Nach Caesars Wortlaut wollte der Senat nicht zu den auctores belli gehören, zu den Urhebern oder Verantwortlichen des Krieges. Das klingt nach Furcht vor Rom und nach dem Wissen, dass man bei einer Niederlage persönlich haftbar gemacht wird. Es bleibt aber Caesars Sicht, und ein Römer erklärt hier das Verhalten von Gegnern.

Was der Senatsmord über gallische Entscheidungen verrät

Vorsicht ist schon beim Wort geboten. Senatus ist ein römischer Begriff, den Caesar auf gallische Ratsgremien überträgt. Er tut das öfter: Bei den Nerviern berichtet er in II,28, von sechshundert Senatoren seien nach der Schlacht am Sabis nur noch drei übrig gewesen. Was im Einzelnen hinter dem lateinischen Etikett steckt, etwa wie man Mitglied wurde, ob der Rat beschließen oder nur beraten konnte, wissen wir nicht. Die Forschung nimmt allgemein an, dass viele gallische Gemeinden jener Zeit von Adelsräten und gewählten Beamten geführt wurden, nicht von Königen. Für die Lexovier stützt diese Annahme vor allem ein Fund aus der Zeit nach Caesar, auf den weiter unten noch die Rede kommt: Münzen mit dem gallischen Beamtentitel Vergobret.

Der Satz aus Kapitel 17 zeigt zweierlei. Erstens war die Gemeinde kein Block. Dasselbe Volk, das in III,9 als Bündnispartner der Veneter geführt wird, hatte einen Rat, der den Krieg ablehnte, und eine Gruppe, die das Gegenteil durchsetzte. Zweitens waren die Mittel einer solchen Auseinandersetzung offenbar nicht auf Abstimmungen beschränkt. Wer in einer gallischen Gemeinde eine Entscheidung verhindern wollte, konnte den Entscheidungsträgern das Leben nehmen. Das war kein gallisches Merkmal im Sinn eines „barbarischen“ Verhaltens; Rom kennt in der späten Republik genug politische Gewalt. Es zeigt nur, dass die Zusammenarbeit zwischen Rat und kriegsbereiten Kreisen brüchig war.

Aus einem Satz lässt sich keine Verfassung ableiten. Mehr als das Bild einer Gemeinde unter Druck, mit Adelsrat, Kriegspartei und äußerer Bedrohung, trägt der Text nicht.

Sabinus, der Hang und die List

Der Ausgang ist schnell erzählt. Sabinus bleibt in einem Lager auf einer Anhöhe und wartet. Er schickt einen Gallier als angeblichen Überläufer zu Viridovix, der berichtet, die Römer seien in Not und wollten in der kommenden Nacht heimlich abziehen. Viridovix glaubt es. Seine Männer, so beschreibt es Caesar in III,18, drängen in Siegeszuversicht zum Lager hinauf und stürmen den Hang so hastig empor, dass sie außer Atem ankommen und den römischen Ausfall nicht mehr abwehren können. Caesar gibt die Strecke mit etwa tausend Schritt an, das sind rund anderthalb Kilometer. Die Römer siegen mühelos.

Danach hätten sich, so Caesar in III,19, alle abgefallenen Gemeinden ohne Zögern ergeben. Das ist Caesars Schluss, und er fügt einen berühmten Kommentar an: Der Geist der Gallier sei zwar flink beim Beginnen eines Krieges, aber weich und wenig standhaft beim Ertragen von Rückschlägen. Das Urteil sagt mehr über Caesars Gallierbild als über die Lexovier. Entscheidend ist hier etwas anderes. Die Schlacht fand im Gebiet der Unellen statt, auf der Halbinsel Cotentin, nicht bei Lisieux. Wer in modernen Darstellungen liest, Sabinus habe die Lexovier geschlagen oder deren Hauptort zerstört, überträgt die Ereignisse auf die falsche Gemeinde.

Winterlager 56/55 und Alesia 52

Am Ende des Feldzugsjahres 56 verteilt Caesar seine Truppen. In III,29 legt er die Legionen „bei den Aulercern und Lexoviern und den übrigen Gemeinden, die zuletzt Krieg geführt hatten“ ins Winterlager. Das war für die Betroffenen eine schwere Last, denn die Truppen mussten versorgt und untergebracht werden, und man konnte es als Signal lesen: Wer sich erhoben hatte, bekam die Besatzung.

Vier Jahre später, 52 v. Chr., erscheinen die Lexovier ein letztes Mal bei Caesar. In VII,75 beschließen die Gallier, ein Entsatzheer für Vercingetorix in Alesia aufzustellen. Jede Gemeinde erhält ein Soll. Die Lexovier sollen dreitausend Mann stellen, ebenso viele wie die Veliocassen und die Aulerci Eburovices, weniger als die Atrebaten mit viertausend. Die Zahlen sind Forderungen des Kriegsrats, keine gezählten Soldaten, und Caesar sagt auch nicht, wie viele tatsächlich kamen. Auffällig ist ein zweites Detail: Die Küstengemeinden, die Caesar als „Armorikaner“ zusammenfasst, werden in diesem Kapitel in einer eigenen Gruppe geführt. Dort stehen unter anderem die Coriosoliten, Redonen, Caleten, Osismer und Veneter, die Lexovier aber nicht. Sie stehen stattdessen mit den Veliocassen und den Aulerci Eburovices zusammen. Ob man sie deshalb zu den „Armorikanern“ rechnen soll, ist eine Frage der modernen Definition; Caesar selbst tut es hier nicht.

Der Castellier: ein Oppidum vor den Toren von Lisieux

Ein Oppidum ist eine befestigte Großsiedlung der späten Eisenzeit, oft Mittelpunkt für Handwerk, Markt und Kult. Das der Lexovier liegt etwa drei Kilometer südwestlich von Lisieux auf den Gemeinden Saint-Désir und Saint-Pierre-des-Ifs und heißt Le Castellier. Es wurde bereits 1831 erkannt. Die systematische Erforschung begann erst im frühen 21. Jahrhundert; geophysikalische Messungen in den Jahren 2004 und 2005 deckten rund dreizehn Hektar ab, und 2007 folgte eine Grabungskampagne.

Die Anlage umfasst nach heutigen Angaben etwa 167 Hektar, manche Forscher halten bis zu 200 Hektar für möglich. Ihr Wall folgt der Bauweise des murus gallicus, einer Mauer aus einem Holzgitter, dessen Zwischenräume mit Erde und Steinen gefüllt waren. Beim Castellier wurde ein Wallkörper von rund elf Metern Breite mit Holzkohle, Lehm und Eisenresten festgestellt, vor dem möglicherweise Feuersteine als Fassade dienten. Zu den Funden gehören Spuren von Eisenverarbeitung, Speicherbauten, Brand- und Körpergräber und eine für die Basse-Normandie bemerkenswert große Menge importierten Materials. Das spricht für eine Siedlung mit Verbindungen weit über die Region hinaus.

Dass hier der Sitz des Senats von 56 v. Chr. stand, ist eine naheliegende, aber unbewiesene Vermutung. Gesichert ist die zeitliche Abfolge: Der Höhepunkt der Besiedlung fällt in die späte Latènezeit. Unter Augustus wurde die Anlage teilweise abgebaut, und später entstand auf dem Gelände ein römischer Gutshof. Aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. wurden nur wenige Scherben geborgen.

Münzen: LIXOVIO, Vergobret und ein Geldverwalter

Die Lexovier prägten Münzen, und diese tragen etwas, das die Schriftquellen verschweigen: Namen von Amtsträgern in gallischer Sprache. Es handelt sich überwiegend um Bronzemünzen. Eine häufig beschriebene Variante zeigt auf der Vorderseite eine stark stilisierte vierblättrige Blüte in einem Perlkreis und die Umschrift PVBLICOS LIXOVIO SIMISSOS, auf der Rückseite einen Adler und die Legende ARCANTODA MAVPENNOS. Ein Stück dieses Typs wird in Auktionskatalogen mit gut 6 Gramm und der Datierung um 50 bis 40 v. Chr. geführt. Andere Prägungen nennen CISIAMBOS CATTOS und das Wort VERCOBRETO, das als gallischer Titel Vergobret gelesen wird, und zeigen etwa einen Löwen vor einer Ähre.

Der Vergobret ist aus Caesars Bericht über die Häduer bekannt (I,16): ein jährlich gewählter oberster Beamter mit Gewalt über Leben und Tod. Dass derselbe Titel auf Münzen der Lexovier auftaucht, bestätigt unabhängig von Caesar, dass solche Ämter nicht auf die Häduer beschränkt waren. Ebenso aufschlussreich ist MAVPENNOS mit dem Zusatz ARCANTODA. Das gilt in der Forschung als gallischer Titel mit dem Wortteil arcanto-, „Silber“, und wird daher als Geldverwalter oder Münzbeamter gedeutet. Für PVBLICOS und SIMISSOS werden verschiedene Erklärungen erwogen, darunter die Gleichsetzung mit lateinisch publicus „öffentlich“ und semis „Halbstück“; sicher ist das nicht, und PVBLICOS könnte auch ein Personenname sein.

Die genaue Datierung der einzelnen Typen ist in der Numismatik nicht abschließend geklärt. Die Spanne reicht in den Katalogen von der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis in die frühe Kaiserzeit. Wichtig für unser Thema ist die Verbindung: Das Geld wurde im Namen der Gemeinde geprägt und von Amtsträgern verantwortet. Es setzt also eine Gemeinde voraus, die Beamte kannte, und das passt zu einer Gesellschaft, in der ein Senat überhaupt eine Rolle spielen konnte.

Noviomagus: die Stadt unter Augustus

Nach dem Ende der Eroberung verlagerte sich das Zentrum. Unter Kaiser Augustus entstand an der Touques und am Orbiquet die römische Stadt Noviomagus Lexoviorum, an der Stelle des heutigen Lisieux, etwa 28 Kilometer vom Meer entfernt. Der Name besteht aus dem gallischen novio-, „neu“, und magos, „Feld, Ebene“, das gelegentlich auch als „Markt“ verstanden wird. Er ist also kein Beleg für einen Marktplatz, sondern bedeutet zunächst „Neufeld“. Derselbe Name begegnet in Gallien und am Rhein mehrfach, etwa im niederländischen Nijmegen (Noviomagus Batavorum), im pfälzischen Speyer (Noviomagus Nemetum) und im moselländischen Neumagen. Das zeigt, wie verbreitet dieser Ortsnamentyp war; eine Verbindung zwischen den Orten ergibt sich daraus nicht.

Wie lange und wie vollständig die Bewohner den Castellier aufgaben, ist nicht genau bekannt. Die Verlagerung in die Ebene gilt als Teil der augusteischen Neuordnung Galliens, die Städte mit Forum, Tempeln und Bädern entstehen ließ. Die Stadt erreichte ihre größte Ausdehnung im 2. Jahrhundert; Schätzungen nennen für die Blütezeit Flächen von etwa 16 bis 20 Hektar. Das sind Angaben aus der französischen Fachliteratur, die auf begrenzten Notgrabungen beruhen.

Theater, Bäder, Votivsäule

Was von der Römerstadt sichtbar oder gut belegt ist, verteilt sich auf wenige Orte. Etwa 1,8 Kilometer westlich der Innenstadt, in Saint-Désir, liegt ein Theater, das zugleich als Amphitheater taugte. Es wurde 1818 von Louis Du Bois erkannt, ist seit 1984 als historisches Denkmal geschützt und wurde nie systematisch ausgegraben. Die Größenangaben schwanken: Arcisse de Caumont schätzte etwa 68 mal 40 Meter, Claude Lemaître rund 100 mal 70 Meter. Es gehörte zu einem Heiligtumsbezirk am Rand der Stadt. Datiert wird es ins 2. oder frühe 3. Jahrhundert.

Im Archäologischen Garten des Krankenhauses ließen sich Bäder und ein Wohnhaus untersuchen. Beim Bau eines Heizungskellers wurden sie im Februar 1967 entdeckt, und zwischen 1978 und 1985 grub ein Team um Claude Lemaître und Michel Batrel. Das Haus entstand am Ende des 1. Jahrhunderts, die Bäder im frühen 2. Jahrhundert, und ein Brand beendete die Anlage zwischen 268 und 280 n. Chr. Das Badegebäude bedeckte rund 1300 Quadratmeter, und die geborgene Wandmalerei umfasste insgesamt etwa 300 Quadratmeter. Heute zeichnen niedrige Hecken den Grundriss nach.

Ein weiteres Zeugnis ist die Votivsäule von Lisieux, die 1947 beim Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen entdeckt wurde. Sie trägt Reliefs mit Jupiter, Venus, Apollo und Daphne sowie Inschriften und wird ins 2. oder 3. Jahrhundert datiert; die Forschung diskutiert die Einordnung noch. Eine Inschriftenzeile wird so gelesen, dass das Denkmal auf Kosten des örtlichen Senats errichtet wurde. Sollte das zutreffen, wäre es ein später Nachhall des Gremiums, dessen gewaltsames Ende Caesar beschreibt. Als Beleg für Kontinuität reicht das nicht, denn in der Kaiserzeit war ein solcher Rat ein römisch geordneter Stadtrat und etwas anderes als der gallische Adelsrat von 56 v. Chr.

Berthouville: Silber für Mercurius Canetonensis

Das berühmteste Fundstück aus dem Land der Lexovier ist kein Münzhort, sondern ein Tempelschatz. Im März 1830 stieß der Bauer Prosper Taurin bei Berthouville im Département Eure beim Pflügen nur etwa zwanzig Zentimeter unter der Oberfläche auf römisches Silber. Der Fund umfasst nach neueren Zählungen 93 Objekte mit zusammen etwa 25 Kilogramm, vor allem Schalen, Becher und Kannen, dazu zwei Statuetten des Merkur. Viele Gefäße tragen Weihinschriften an den Gott in seiner örtlichen Form Mercurius Canetonensis. Das Silber stammt aus dem 1. bis späten 2. Jahrhundert und wurde im späten 2. oder frühen 3. Jahrhundert eilig vergraben. Der Schatz liegt heute im Cabinet des Médailles der Bibliothèque nationale de France in Paris und wurde 2014 bis 2015 gemeinsam mit dem Getty Museum restauriert.

Berthouville liegt in dem Raum, den man üblicherweise den Lexoviern zurechnet. Das Heiligtum ist daher ein Zeugnis der römerzeitlichen Provinzbevölkerung, nicht der Eisenzeit. Es zeigt, wie ein gallischer Beiname (Canetonensis) an einen römischen Gott gehängt wurde. Caesar nennt Merkur in VI,17 den am meisten verehrten Gott der Gallier; die Gleichsetzung ist eine römische Deutung, über den einheimischen Gott sagt sie wenig. Wer sich für die religiöse Seite der Eisenzeit interessiert, findet mehr im Artikel über die Druiden.

Das späte Lisieux: Mauer und Bischofsstadt

Im 3. Jahrhundert wurde die Stadt kleiner. Eine spätantike Befestigung umschloss nur noch etwa acht Hektar, ein Rechteck von rund 400 mal 200 Metern. Üblicherweise bringt man solche Mauern in Nordgallien mit Überfällen von der Küste in Verbindung, die die ältere Literatur den Sachsen zuschreibt. Wie die Bauzeit im Einzelnen ausfällt, ist umstritten; der Brand der Bäder zwischen 268 und 280 passt in dasselbe Bild, beweist es aber nicht.

Um 400 erscheint die Gemeinde in der Notitia Galliarum, einem Verzeichnis der gallischen Provinzen und Städte, als civitas Lexoviorum in der Provinz Lugdunensis Secunda mit Rouen als Hauptstadt. Der Name der Gemeinde hatte den der Stadt verdrängt, wie es bei vielen gallischen Zentren geschah, etwa bei Le Mans. Aus Lexovium wurde Lisieux. Die Kirche machte Lisieux später zum Bischofssitz, und der Raum um die Stadt hieß Lieuvin, nach den Lexoviern.

Vom Gallierland zur Normandie

Das Land der Lexovier gehörte später zu dem Raum, den wir Normandie nennen. Der Name geht auf die Normannen zurück, denen der westfränkische König 911 im Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte Land an der unteren Seine überließ; ihr Anführer Rollo war der erste Herrscher dieses Gebiets. In den folgenden Jahrzehnten dehnte sich das normannische Herrschaftsgebiet nach Westen aus. Wann genau das Land um Lisieux dazukam, erzählen die Quellen nicht eindeutig, und wir behaupten es hier nicht. Wie Rollo und seine Nachfolger die Region prägten, steht im Artikel über Rollo, die Zusammenhänge mit den Raubzügen und Siedlungen der Wikinger in Frankreich im Text über Wikinger in Frankreich.

Einen Zusammenhang zwischen den Lexoviern und den Normannen gibt es nicht. Beide Völker lebten nur in demselben Land, mit tausend Jahren dazwischen. Das Weiterleben des Namens in Lisieux und Lieuvin ist die einzige durchgehende Linie.

Offene Fragen

Vieles ist ungeklärt. Wir wissen nicht, wie das Gremium zusammengesetzt war, das Caesar Senat nennt, und nicht, wer die Tore schloss. Ob der Castellier der Sitz dieses Rates war, ist eine Vermutung. Die Bedeutung des Volksnamens ist offen. Die Datierung der Münztypen schwankt, und von Lisieux selbst ist unter der heutigen Stadt nur ein Bruchteil ausgegraben. Immerhin zeigt der Fall, was Caesars Text leisten kann und was nicht: Er beschreibt Gemeinden als handelnde Einheiten, und nur gelegentlich blitzt dazwischen auf, dass diese Einheiten aus Menschen bestanden, die sich uneins waren und im Streit zur Waffe griffen. Wer dieselbe Küstenlage im Zusammenhang sehen will, findet sie bei den Venetern, deren Krieg die Lexovier mitriss, und bei den Aulerci Eburovices, die denselben Schritt gingen.

Was gesichert ist

  • Die Lexovier siedelten südlich der Seinemündung um das spätere Lisieux; Caesar nennt sie in III,9, III,11, III,17, III,29 und VII,75 (dort mit 3000 Mann Sollstärke für Alesia).
  • Nach Caesar III,17 töteten die Lexovier und die Aulerci Eburovices ihren Senat, weil dieser den Krieg nicht auslösen wollte, und schlossen sich Viridovix an.
  • Die Schlacht gegen Viridovix fand im Gebiet der Unellen statt, nicht bei Lisieux (III,17–19).
  • Strabon (IV,1,14 und IV,3,5) und Plinius (NH IV,107) kennen die Lexovier; Ptolemaios nennt sie mit Noiomagos.
  • Der Castellier bei Lisieux war ein Oppidum mit Murus gallicus und rund 167 Hektar Fläche; er wurde unter Augustus teilweise abgebaut.
  • Münzen nennen LIXOVIO, einen CISIAMBOS CATTOS mit dem Titel VERCOBRETO und einen MAVPENNOS.
  • Noviomagus Lexoviorum entstand unter Augustus; Theater, Bäder und die Votivsäule belegen die römische Stadt.
  • Der Tempelschatz von Berthouville wurde 1830 gefunden und liegt in Paris.

Mythos-Check

  • „Die Lexovier waren Händler“: Strabon beschreibt eine Handelsroute, die ihr Gebiet berührt; über eigenen Handel sagt die Stelle nichts.
  • „Sabinus zerstörte Lisieux oder den Castellier“: Weder Caesar noch Grabungen belegen das; manche Darstellungen verwechseln den Legaten Sabinus mit Publius Crassus.
  • „Der Name bedeutet Die Hinkenden“: eine mögliche Deutung nach Delamarre, nicht gesichert und vielleicht ein Fremdname.
  • „Der Senat war eine demokratische Vertretung“: Senatus ist Caesars Etikett; Zusammensetzung und Befugnisse sind unbekannt.
  • „Der Senatsmord war ein Volksaufstand“: Caesar sagt nur, dass der Senat getötet wurde; Täter und Verfahren nennt er nicht.
  • „Die Stadtmauer entstand wegen der Sachsen“: eine verbreitete Erklärung, für Lisieux nicht abschließend belegt.
  • „Die Lexovier waren Armorikaner“: Caesar führt sie in VII,75 nicht in der Armorikaner-Gruppe; die moderne Zuordnung schwankt.
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