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Die Opolanen – zwanzig Burgen in einer Liste und eine Insel in der Oder

Geschichte & Funde Die Opolanen – zwanzig Burgen in einer Liste und eine Insel in der Oder

Auf einer Flussinsel mitten in Oppeln (Opole) stand im späten 10. Jahrhundert eine Burg mit Holz-Erde-Wall, und in ihrem Boden steckten so viele hölzerne Spielzeugboote, dass Archäologen von etwa hundert Stück sprechen. Der Name der Menschen, die vorher in dieser Gegend lebten, steht dagegen in nur einer einzigen Zeile eines Verzeichnisses aus dem 9. Jahrhundert: Opolini civitates XX, die Opolanen haben zwanzig Burgen. Mehr schriftlichen Beleg gibt es für sie vor dem Jahr 1000 nicht. Dieser Artikel trennt, was die Liste sagt, was der Spaten zeigt und was Forscher aus beidem zu einem Stamm zusammengesetzt haben.

Der Piastenturm in Oppeln, ein runder Backsteinturm mit spitzem Dach
Der Piastenturm in Oppeln (Opole), um 1300 gebaut und damit rund vierhundert Jahre jünger als die Opolanen-Liste. Das Foto zeigt ein späteres Wahrzeichen der Stadt, keinen Fund. Foto: Lestat (Jan Mehlich), CC BY-SA 3.0.

Ein Name in einer Liste

Die Opolanen (polnisch Opolanie, englisch Opolans, lateinisch Opolini) gelten als einer der Stämme Schlesiens, genauer des Gebiets an der oberen Oder rund um das heutige Oppeln. Wer ein Handbuch aufschlägt, findet meist einen Stamm mit Hauptburg, Kultberg und einer Chronik von Eroberungen durch Mähren, Böhmen und Polen. Wer dagegen nach den Quellen fragt, bekommt eine nüchterne Auskunft: Der Name ist in genau einem Text des 9. Jahrhunderts überliefert, dem sogenannten Bayerischen Geographen, und dort steht er in einer Aufzählung von Völkern mit Burgenzahlen. Das ist der gesamte Schriftbefund vor dem Jahr 1000.

Daneben liegt ein reicher archäologischer Befund, der aber ohne Namen auskommt. Er betrifft vor allem die Burg auf dem Ostrówek, einer Insel in der Oder, deren große Wallanlage in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts datiert wird, also gut hundert Jahre nach der Liste. Beides zusammenzulesen ist verlockend und in der Forschung üblich; nur sollte man sehen, wo die Verbindung hergestellt wird. Ähnlich dünn belegt sind die benachbarten Wislanen an der oberen Weichsel, die im selben Verzeichnis stehen, und die Silingen, deren Name mit dem Berg Ślęża verknüpft wird. Der Gegenfall eines gut bezeugten Nachbarn sind die Polanen, die später den Staat der Piasten trugen.

Opolini, Opolanie, Opolanen: der Name

Im Deutschen hat sich die Form „Opolanen“ als Übertragung des polnischen Opolanie eingebürgert; die Quelle selbst schreibt Opolini. Beides meint dieselbe Gruppe, nämlich die Leute von Opole. Das Wort opole bezeichnet in den westslawischen Sprachen eine Form territorialer Selbstverwaltung, einen Verband benachbarter Siedlungen. Die Stadt Oppeln trägt also einen Namen, der zunächst kein Eigenname war, sondern eine Verwaltungsbezeichnung. Ob die Opolini der Liste sich selbst so nannten oder ob der Name von Fremden stammt, die eine Gegend mit ihrem Ordnungsbegriff belegten, lässt sich nicht entscheiden.

Zwischen den Wörtern lauert eine Verwechslungsgefahr. Die Bewohner der Stadt heißen heute auf Polnisch ebenfalls Opolanie, und auf Deutsch spricht man von Oppelnern. Der frühmittelalterliche Stamm ist damit nicht gemeint; was Menschen im 9. Jahrhundert verband, wissen wir nicht, und ein Stammesbewusstsein ist aus der Liste nicht abzulesen. Auch die Endung -ini ist die lateinische Wiedergabe eines slawischen Namens durch einen Schreiber, der ihn gehört oder abgeschrieben hat. Dass es sich um die Leute eines Ortes namens Opole handelt, ist die nächstliegende Lesung und in der Forschung Standard; bewiesen wird sie durch den Text nicht.

Der Bayerische Geograph und seine Listen

Die Quelle trägt den Behelfstitel Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii, „Beschreibung der Burgen und Länder nördlich der Donau“. Die Handschrift wurde 1772 entdeckt, der gängige Name „Bayerischer Geograph“ geht auf den polnischen Gelehrten Jan Potocki zurück, der ihn 1796 einführte. Der Text ist kurz und besteht im Kern aus Listen: Zuerst werden Völker nahe am Fränkischen Reich genannt, dann in einer zweiten, weit größeren Liste die Völker, die weiter östlich wohnen, jeweils mit einer Zahl von civitates.

Wer ihn schrieb und wann, ist offen. Bernhard Bischoff hielt einen Mönch des Klosters Reichenau für den Verfasser und setzte die Entstehung in die 830er bis 850er Jahre; Aleksandr Nazarenko hält die 870er Jahre für wahrscheinlicher. Der Zweck bleibt ebenfalls Deutung: Man vermutet eine Zusammenstellung für den ostfränkischen Hof oder für die Kirchenverwaltung, etwa im Zusammenhang mit Mission und Gesandtschaften. Entscheidend ist, dass der Text von außen auf die Slawen blickt. Die Gewährsleute, vielleicht Reisende, Gesandte oder Kaufleute, sind nicht bekannt.

Der Eintrag: Opolini civitates XX

In der zweiten Liste stehen die Namen der südlichen Nachbarn Polens in dichter Folge. Auf den Eintrag Uuislane, zu dem keine Zahl überliefert ist, folgen die Sleenzane mit 15, die Lunsizi mit 30, die Dadosesani mit 20, die Milzane mit 30, die Besunzane mit 2, die Uerizane mit 10, die Fraganeo mit 40 und die Lupiglaa mit 30 civitates. Danach kommen die Opolini und die Golensizi mit 5. Die Reihenfolge ist ein Textbefund; ob sie eine Landkarte spiegelt, ist wieder Deutung.

Lupiglaa civitates XXX. Opolini civitates XX.

„Die Lupiglaa: dreißig Burgen. Die Opolini: zwanzig Burgen.“Bayerischer Geograph (Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii), zweite Völkerliste; Wortlaut nach den gängigen Editionen (Gemeingut), deutsche Wiedergabe von uns selbst angefertigt

Das Wort civitates wird in der Literatur meist mit „Burgen“ oder „Burgbezirken“ übersetzt. Der lateinische Begriff meint ursprünglich ein Gemeinwesen oder eine Stadt; für den Schreiber waren es offenbar befestigte Orte, vielleicht auch die Verwaltungsbezirke, die um sie lagen. Welche Kriterien er anlegte, verrät er nicht. Zu den zwanzig Burgen der Opolanen werden in Überblicksdarstellungen Oppeln und Toszek (Tost) gerechnet. Diese Zuordnung ist eine moderne Identifizierung; der Text nennt keinen einzigen Ortsnamen.

Was die Zahlen taugen

Zwanzig Burgen sind im Vergleich ein mittlerer Wert. Die Lendizen führt die Liste mit 98, die Glopeani mit mehr als 400, die Sleenzane mit 15. Die Zahlen haben die Forschung immer wieder gereizt, weil sich aus ihnen Bevölkerungszahlen ableiten lassen. In populären Texten liest man für die Opolanen Schätzungen von dreißig- bis vierzigtausend Menschen. Solche Werte entstehen, indem man für jede Burg eine angenommene Einwohnerzahl einsetzt; sie sind Rechnungen mit Annahmen und kein Befund.

Es gibt drei Gründe zur Vorsicht. Erstens kennt niemand die Zählweise des Schreibers. Zweitens sind Zahlen in mittelalterlichen Abschriften fehleranfällig, und römische Ziffern verschleifen leicht. Drittens liegt zwischen der Aufzeichnung und den Burgen, die Archäologen später ausgraben, ein Zeitraum, in dem Burgen gegründet und aufgegeben wurden. Wie viele der zwanzig Burgen sich archäologisch dem 9. Jahrhundert zuordnen lassen, hängt an Datierungen, die oft grob sind; eine belastbare Gesamtzählung ist uns nicht bekannt. Mehr zur Burgenlandschaft im Allgemeinen steht im Artikel über die Burgenkunde.

Die Nachbarn in der Liste

Die Reihe liest sich wie ein Gang durch Schlesien und die Lausitz, und teilweise lassen sich Namen auf spätere Landschaften beziehen. Die Sleenzane gelten als die Ślężanie, die Leute um die Ślęza und den Berg Ślęża (Zobten); wie weit der Name mit den Silingen der Antike zusammenhängt, ist im Artikel über die Silingen besprochen und bleibt umstritten. Die Dadosesani werden mit den Dziadoszanie um Glogau gleichgesetzt, die Golensizi mit einer Gruppe im Raum Ratibor, Teschen und Troppau. Bei den Lupiglaa denkt man an die Hochfläche von Leobschütz (Głubczyce). Sicher ist keine dieser Gleichungen; sie beruhen auf Namensähnlichkeit, auf Lage und auf dem Bedürfnis, die Liste mit Landschaften zu füllen.

Die Milzane stehen für die Milzener in der Oberlausitz, ein Volk, das zu den Vorfahren der Sorben gerechnet wird. Es ist ein Merkmal der Liste, dass sie Schlesier, Lausitzer und Polen in einem Atemzug nennt, ohne zu sagen, wer wem untersteht. Die Opolanen erscheinen darin als eine Einheit unter mehreren, nicht als Teil eines größeren Verbandes. Politische Einheit bedeutet das nicht: Der Text sagt nichts über Herrscher, Bündnisse oder gar einen gemeinsamen Anführer.

Richtigstellung: das Jahr 845 und andere runde Zahlen

In populären Texten steht der Eintrag oft mit der Jahreszahl 845 versehen, und manche Seiten behaupten, die Opolanen seien „845 erstmals erwähnt“ worden. Das ist eine Vereinfachung. Der Text ist undatiert; die Forschung schwankt zwischen den 830er und 870er Jahren, und 845 ist nur ein Ansatz innerhalb dieser Spanne. Ebenso irreführend ist die Aussage, Oppeln selbst werde im 9. Jahrhundert erwähnt. Die Quelle nennt ein Volk, das nach unserer Lesung um Oppeln wohnte, aber keinen Ort. Die Stadt als Name taucht erst später in den Urkunden auf; einen frühen Beleg nennt die Literatur für das Jahr 1198, als ein Bischof Jarosław sich „Herr von Oppeln“ (dominus de Opol) nennt.

Das Land an der oberen Oder

Die Gegend, die man den Opolanen zuweist, liegt im Süden des heutigen Polen, im Gebiet, das später Oberschlesien hieß. Die Oder, hier noch ein mittelgroßer Fluss, bildet mit ihren Armen und Altwassern eine Landschaft aus Auen und Terrassen. Im Süden öffnet sie sich zur Mährischen Pforte, jener Senke, durch die seit der Vorgeschichte Handelswege von der Donau zur Ostsee liefen, und der Bernsteinweg wird gelegentlich mit ihr in Verbindung gebracht (mehr dazu im Artikel über den Bernstein). Dass die Opolanen ihr Land bewusst an dieser Verkehrslage ausrichteten, ist eine Annahme, die man in der Literatur findet, ohne dass ein Text sie stützt.

Die Grenzen des Stammesgebiets sind unbekannt. Karten in Schulbüchern zeichnen Linien, die aus späteren Verwaltungsgrenzen der Burgbezirke und Kastellaneien abgeleitet sind. Das ist ein Rückschluss, der auf der Annahme beruht, dass sich frühe Gebietsgliederungen in späteren erhalten haben. Ob das zutrifft, wird in der Forschung seit langem diskutiert.

Der Ostrówek: eine Insel mit Vorgeschichte

Das Herz des Opolaner-Landes liegt für die Forschung auf dem Ostrówek, wörtlich „Inselchen“. Es ist eine Flussinsel zwischen der Oder und dem Mühlgraben Młynówka, im Zentrum der heutigen Stadt. Hier steht heute der Piastenturm; darunter, teils unter Parkplätzen und dem Gelände des Nationalen Zentrums des Polnischen Liedes, liegt die frühmittelalterliche Burg.

Über die Vorgeschichte des Platzes berichten lokale Darstellungen, dass die Insel schon in der späten römischen Kaiserzeit genutzt wurde und dass man damals Eisen aus Raseneisenerz verhüttete. Die ältesten slawischen Siedlungsspuren werden nach denselben Darstellungen ins 8. und 9. Jahrhundert gesetzt, also in die Zeit, aus der auch die Liste stammt. Das passt zeitlich zur Opolanen-Nennung, beweist aber nicht, dass genau diese Siedlung mit einer der civitates des Geographen gemeint ist. Eine Burg im Sinn der späteren Wallanlage ist für diese Zeit nach den uns vorliegenden Übersichten noch nicht erwiesen. Wer die Insel „die Hauptburg der Opolanen im 9. Jahrhundert“ nennt, formuliert eine Hypothese.

Die Burg des 10. Jahrhunderts

Gesichert ist der Befund der Burg des späten 10. Jahrhunderts. Nach den Darstellungen, die wir gesichtet haben, umgab ein Holz-Erde-Wall die Insel; die Burg nahm etwa drei Viertel Hektar ein, der Wall maß etwa 280 Meter im Umfang. Auf dieser Fläche lebten schätzungsweise einhundert bis zweihundert Menschen, darunter einige Dutzend Kriegerfamilien. Die Zahl der Bewohner ist wieder eine Rechnung aus Fläche und Annahmen. Als Gründungszeitraum wird das Jahrzehnt zwischen 977 und 995 genannt; die Stadt Oppeln selbst nennt auf ihrer Seite das Jahr 985 und beruft sich auf Radiokarbonmessungen verkohlter Hölzer.

Die Funde sind für ein Burgareal dieser Größe außergewöhnlich zahlreich, und der feuchte Boden hat Organisches konserviert. Der Archäologe Sławomir Moździoch berichtete in einem Interview der Lokalpresse von etwa 7000 Keramikscherben, Dutzenden Eisenobjekten, rund 2000 Tierknochen und etwa 100 Spielzeugbooten, eine Menge, die in anderen frühpiastischen Burgen nicht vorkommt. Hinzu kommen Holzgefäße, Schmuck, Werkzeuge, Waffen, Reitzubehör, Kleidungsreste, Schuhe mit Stickerei, Bronzeschmuck und kleine Kreuze. Solche Boote geben, wenn sie wirklich Spielzeug waren, einen Einblick in den Alltag, nicht in Seefahrt. Die Stadt Oppeln selbst weist ausdrücklich darauf hin, dass die Boote auf Kontakte zu Händlern deuten, nicht auf wikingische Siedler. Die Behauptung, der Ostrówek sei eine „Wikingerburg“ gewesen, gehört daher in den Bereich der Missverständnisse.

Moździoch ordnet Oppeln im Vergleich ein: Die Burg erreichte nur etwa ein Zehntel der Größe des Breslauer Burgareals und ein Fünftel von Bytom Odrzański (Beuthen an der Oder). Ein Eichenwall in über viereinhalb Metern Tiefe sei dendrochronologisch auf das Jahr 1080 datiert und zeige, dass die Anlage rund hundert Jahre nach der Gründung ausgebaut wurde und größer war, als man bisher dachte. Wir geben diese Angaben nach der Lokalpresse wieder; die wissenschaftliche Veröffentlichung haben wir nicht eingesehen.

Wie man den Ostrówek untersucht hat

Die Forschungsgeschichte ist selbst ein Stück Wissenschaftsgeschichte. Erste Funde wurden in den Jahren 1930 bis 1933 dokumentiert, damals aber, so berichtet eine Lokalzeitung, von deutschen Forschern wegen ideologischer Vorbehalte nicht als slawische Burg anerkannt. Zwischen 1948 und 1997 folgten mit Unterbrechungen planmäßige Grabungen, die zeigten, dass die Burg nach den Bauweisen anderer Piastenburgen errichtet worden war. Seit 2024 gibt es Pläne, Teile der Burg freizulegen und zu präsentieren; im April 2025 stießen Bohrungen unter Leitung von Magdalena Przysiężna-Pizarska und Grzegorz Kusza von der Universität Oppeln in 5,7 Metern Tiefe auf Holzreste, die als Rand der Befestigung gedeutet werden, sowie auf eine Schlickschicht in 4,7 Metern Tiefe, die den Rand der Burg markiert. Die Auswertung der Bodenproben stand zum Zeitpunkt der Berichte noch aus.

Dass in einer Großstadt nur Bohrungen und kleine Schnitte möglich sind, hat einen einfachen Grund: Der Ostrówek ist überbaut. Die Burg ist also nicht vollständig erforscht. Der Befund beruht auf Ausschnitten, und neue Bohrungen verschieben schon jetzt die vermutete Ausdehnung.

Welche Burg gehört zu welchem Volk?

Hier liegt der Kern des Problems. Der Geograph meldet die Opolini im 9. Jahrhundert. Der ausgegrabene Wall stammt aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, und zwar nach der gängigen Deutung aus der Zeit, in der die Piasten Schlesien in Besitz nahmen. Zwischen beiden liegen mindestens hundert Jahre, in denen sich Herrschaft, Handelswege und Siedlungen verändert haben können. Die große Burg ist deshalb kein Zeugnis der „Opolanen“ im Sinn der Liste, sondern ein Zeugnis der frühpiastischen Landesherrschaft in einem Gebiet, in dem früher Opolanen gelebt haben sollen.

Das ist keine Spitzfindigkeit. Die Archäologie erkennt Zentren und Bauweisen, aber keine Stämme: Sie kann zeigen, dass die Burg nach dem Muster der Piastenburgen gebaut wurde, nicht, dass in ihr Nachkommen der Menschen der Liste saßen. Dass eine ältere Siedlung an derselben Stelle lag, wird vermutet, ist aber durch die bisherigen Funde nur schwach belegt. Sinnvoll ist es, die Opolanen als Namen der Schriftquelle und den Ostrówek als archäologischen Platz zu führen und die Verbindung als Arbeitshypothese zu kennzeichnen.

Großmähren: eine Hypothese ohne Text

Geografisch liegt das Opolaner-Land der Mährischen Pforte am nächsten, und so zählt die Frage, ob Oppeln im 9. Jahrhundert unter mährischem Einfluss stand, zu den Klassikern der Forschung. In englischsprachigen Überblicken findet sich die Angabe, Großmähren habe die Gebiete der Opolanen im Jahr 875 erobert. Eine Quellenstelle, die dieses Jahr stützt, konnten wir nicht ermitteln. Das Modell dahinter ist ein Schluss aus der Gesamtlage: Svatopluk, der Herrscher des Großmährischen Reiches in den 870er bis 890er Jahren, habe seine Macht nach Norden ausgedehnt. Die einzige Szene, die man dafür heranzieht, ist die Weichselfürsten-Episode der Methodius-Vita, die im Artikel über die Wislanen besprochen ist; von Oppeln steht dort nichts.

Wer das Modell prüfen will, braucht Funde. Eine großmährische Präsenz in Oberschlesien, etwa durch Burgen mit mährischer Bauweise, Kirchen oder Gräber mit großmährischem Inventar, ist uns nicht bekannt. Das schließt Kontakte nicht aus, denn Handel und Austausch brauchen keine Besatzung. Als Tatsache vermerken kann man nur, dass der Süden der Opolaner-Region nahe an Mähren liegt. Alles Weitere, etwa ein „Tribut“ oder eine „Eroberung“, ist Deutung. Zum Reich selbst, das im Süden an die Opolini stieß, siehe den Artikel über die Mährer.

Böhmen und Schlesien im 10. Jahrhundert

Mit dem Zusammenbruch Großmährens um 900 verschwindet auch die Spur aus den Quellen. Dann tritt das Böhmen der Přemysliden stärker hervor, auf das sich die Aufmerksamkeit der Forschung richtet. In Überblicksdarstellungen wird eine böhmische Phase Schlesiens um die Mitte des 10. Jahrhunderts angenommen, getragen von Boleslav I., der nach der Schlacht auf dem Lechfeld 955 weit nach Osten ausgriff; die Darstellungen sagen, dass er Krakau besetzte und damit die Handelswege von Prag nach Kiew kontrollierte. Gestützt wird das durch zwei Hinweise: den Bericht des Ibrahim ibn Yaʿqūb von etwa 965, nach dem Boleslavs Land von Prag bis Krakau reicht (siehe Wislanen), und durch Münzfunde. Fachleute vermerken, dass die ältesten böhmischen Münzen der späten 960er und frühen 970er Jahre nicht in Prag, sondern in der Nähe von Breslau gefunden wurden. Das ist ein Hinweis auf böhmische Reichweite im oberen Odergebiet, keine Aussage über Oppeln.

Zu den Böhmen und ihrer Geschichte steht mehr im Artikel über die Tschechen und Böhmen. Wichtig für unsere Frage: Ein böhmischer Verwalter in Oppeln oder eine böhmische Burg auf dem Ostrówek ist weder in den Quellen noch, soweit uns bekannt, in den Grabungen nachgewiesen. Dass Oppeln „zu Böhmen gehörte“, wie es manche Karten zeigen, ist eine Rekonstruktion aus Indizien, die sich auf Breslau und Krakau stützt.

Mieszko, die Oderlinie und das Jahr 990

Mieszko I. heiratete im Jahr 965 Dobrawa, eine böhmische Fürstentochter, und band sein Land damit an Prag. Nach Dobrawas Tod 977 verschlechterte sich das Verhältnis; für 990 überliefert Thietmar von Merseburg einen Krieg zwischen Mieszko und den Böhmen, der Gründe nicht nennt. Als Ergebnis des Krieges gilt gewöhnlich, dass Schlesien an Polen fiel; die Forschung vermutet sogar, der Streit habe vor allem Schlesien betroffen und nicht Kleinpolen. Dazu passt, dass nach archäologischen Hinweisen Mieszko Teile Schlesiens schon Mitte der 980er Jahre kontrollierte, denn damals entstanden die großen Piastenburgen in Breslau, Oppeln und Glogau.

Marcin Danielewski, der die Burgen des Piastenreiches untersucht hat, beschreibt, dass in Breslau eine erste befestigte Siedlung in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts bestand und in den 980er Jahren ein neuer Bau entstand; Mieszko habe Schlesien übernommen, neue Burgen gebaut oder bestehende umgebaut und in dieser Region von der berüchtigten Praxis abgesehen, eroberte Burgen niederzubrennen. Moździoch setzt für Oppeln das Jahr 983 an: Damals, als die Slawen östlich der Elbe gegen das Reich aufstanden (vgl. Lutizen), habe Mieszko Burgen entlang der Oder errichtet. Beides sind Einordnungen, die einzelnen Forschern gehören. Gesichert ist der Befund, dass im letzten Viertel des 10. Jahrhunderts auf dem Ostrówek eine große Burg stand. Wer sie baute, einen Gefolgsmann, einen Statthalter oder Mieszko selbst, sagt keine Schrift.

Das Bistum Breslau und das Jahr 1000

Sicherer wird der Boden mit dem Jahr 1000. Beim Akt von Gnesen entstand nach dem Bericht Thietmars von Merseburg unter dem Erzbistum Gnesen unter anderem das Bistum Breslau, das auch das Gebiet um Oppeln umfasste. Damit gehörte das Land der früheren Opolini kirchlich zu einem Sprengel, dessen Zentrum an der Oder lag, und politisch zum Herrschaftsbereich Bolesławs I. Chrobry. Das Wort „Opolanen“ ist danach aus den Quellen verschwunden. Die Menschen blieben, und einige Burgbezirke dürften unter neuen Namen weitergeführt worden sein, was sich aber nur vermuten lässt.

Chronisten, die den Namen nicht kennen

Die großen Chroniken des 12. Jahrhunderts sind für unsere Frage wenig ergiebig. Cosmas von Prag schrieb sein böhmisches Geschichtswerk bis zu seinem Tod 1125, Gallus Anonymus verfasste die erste Chronik der polnischen Herrscher im frühen 12. Jahrhundert. Beide erzählen von Kriegen und Gebietsstreit zwischen Böhmen und Polen, und beide sind deutlich jünger als die Ereignisse des 10. Jahrhunderts, über die sie berichten. In den Darstellungen, die wir ausgewertet haben, werden die Opolanen als Volk bei keinem der beiden genannt. Wir können daher nicht auf sie zurückgreifen, um böhmische oder polnische Ansprüche auf Oppeln zu belegen, und müssen für diese Zeit auf Thietmar und die Archäologie zurückgreifen.

Oppeln wird Herzogssitz

Die Zeit der Zersplitterung Polens verschafft Oppeln eine neue Rolle. Nach der Teilung Schlesiens unter den Söhnen Władysławs II. im Jahr 1163 wird Oppeln ab 1172/73 als eigenes Herzogtum fassbar. 1198 nennt sich Bischof Jarosław „Herr von Oppeln“ (dominus de Opol), 1201 fiel das Land an Mieszko I. Plątonogi (Spindelbein), der es 1202 mit Ratibor (Racibórz) verband. Sein Sohn Kasimir I. trat 1211 die Nachfolge an, verlegte nach den vorliegenden Angaben die Siedlung vom Ostrówek an das rechte Oderufer und gründete in den Jahren um 1217 eine Stadt; 1254 folgt nach gängiger Angabe das deutsche Stadtrecht. Auf der Insel begann um 1228 der Bau einer gemauerten Burg, deren Hauptbau um 1260 fertig war.

Für unser Thema ist wichtig, dass der Stamm in dieser Zeit längst keine Rolle mehr spielt. Was die frühen Burgen für die späteren Herzöge bedeuteten, formuliert Moździoch mit dem Satz, Orte, die Mieszko als Sitze regionaler Macht auswählte, seien meist bis heute lokale Verwaltungszentren geblieben. Das gilt für Oppeln: Die Stadt blieb Mittelpunkt der Region, erst als Herzogssitz, dann als Verwaltungsstadt.

Der Piastenturm und was danach kam

Der Piastenturm, das einzige erhaltene Stück der alten Anlage, wird oft mit der Zeit Mieszkos in Verbindung gebracht. Das ist ein Irrtum. Der Turm ist ein gemauerter Rundturm und entstand im späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert unter den schlesischen Piasten; die Burgkapelle wurde 1307 geweiht. Mit dem Holz-Erde-Wall des 10. Jahrhunderts hat er nichts zu tun, auch wenn er heute auf dem Platz steht, an dem diese Burg lag. Der Name bezieht sich auf die Dynastie.

1327 geriet das Herzogtum unter böhmische Lehnshoheit, 1532 starb mit Johann II. dem Guten der letzte Oppelner Piast, und das Land kam an die Habsburger. Von 1645 bis 1666 war es als Pfand in der Hand der polnischen Wasa. 1742 eroberte Preußen die Gegend. Zwischen 1928 und 1931 riss man die Burg bis auf den Turm ab, um ein Verwaltungsgebäude zu bauen. Heute ist der Turm rund 42 Meter hoch und hat 163 Stufen; Oppeln selbst ist Hauptstadt der Woiwodschaft und als Stadt des polnischen Liedes bekannt.

Was gesichert ist

  • Der Bayerische Geograph (9. Jahrhundert, Datierung zwischen den 830er und 870er Jahren) nennt in seiner zweiten Völkerliste die Opolini mit 20 civitates; benachbart stehen unter anderem Sleenzane (15), Dadosesani (20), Lupiglaa (30) und Golensizi (5). Einen Ortsnamen enthält der Eintrag nicht.
  • Auf dem Ostrówek in Oppeln stand in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts eine Burg mit Holz-Erde-Wall; als Gründungszeitraum werden 977 bis 995 genannt, nach Angaben der Stadt gestützt auf Radiokarbondaten verkohlter Hölzer (um 985).
  • Die Funde umfassen unter anderem Keramik, Eisenobjekte, Tierknochen, Schmuck, Waffen, Reitzubehör, gestickte Schuhe und rund hundert hölzerne Spielzeugboote.
  • Thietmar von Merseburg überliefert einen Krieg zwischen Mieszko I. und den Böhmen im Jahr 990 und die Gründung des Bistums Breslau beim Akt von Gnesen im Jahr 1000.
  • 1198 nennt sich Bischof Jarosław dominus de Opol; 1202 wird Oppeln mit Ratibor vereinigt, um 1228 beginnt der Bau der gemauerten Burg, 1532 stirbt der letzte Oppelner Piast.
  • Der Piastenturm entstand erst im späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert; 1928 bis 1931 wurde die übrige Burg abgerissen.

Mythos-Check

  • Die Opolanen als geschlossener Stamm mit Hauptstadt Oppeln, festen Grenzen und eigenem Fürsten sind eine Rekonstruktion aus einer einzigen Listenzeile; der Text nennt weder Herrscher noch Orte.
  • „845 erstmals erwähnt“ ist eine Vereinfachung: Der Text ist undatiert, die Forschung schwankt zwischen den 830er und 870er Jahren.
  • Die Eroberung der Opolanen durch Großmähren „im Jahr 875“ ist eine Hypothese; wir kennen keine Quelle und keinen Fund, der sie stützt.
  • Die böhmische Herrschaft über Oppeln in der Mitte des 10. Jahrhunderts ist aus Indizien in Breslau und Krakau erschlossen; ein Beleg für Oppeln selbst fehlt.
  • Der Annaberg (Góra Świętej Anny) als Kultort der Opolanen wird in Überblicken vermutet; eine Quelle oder ein Befund dazu ist uns nicht bekannt.
  • Der Ostrówek war keine „Wikingerburg“: Die Spielzeugboote deuten auf Handelskontakte, nicht auf nordische Siedler. Der Piastenturm stammt nicht aus der Zeit Mieszkos.
  • Erzählungen, die den Ortsnamen auf den Ausruf eines Fürsten oder auf Pappeln an der Oder zurückführen, sind Volksdeutungen; das Wort opole ist ein slawischer Verwaltungsbegriff.

Was die Opolanen für die Forschung bleiben

Die Opolanen sind ein Fall, in dem eine Zeile, eine Insel und eine Reihe von Deutungen zusammen ein Bild ergeben, das schärfer wirkt, als es ist. Die Zeile sagt, dass im 9. Jahrhundert jemand im Westen ein Volk namens Opolini kannte und ihm zwanzig Burgen zurechnete. Die Insel zeigt, dass dort im späten 10. Jahrhundert eine Burg stand, die Teil des piastischen Ausbaus an der Oder war. Alles dazwischen, Stammesgebiet, Kultberg, mährische Oberhoheit, böhmische Verwaltung, ist erschlossen. Wer die Geschichte Oppelns erzählt, hat deshalb zwei feste Punkte und eine Lücke von mehr als hundert Jahren.

Gerade das macht den Fall brauchbar, um frühmittelalterliche Völkernamen insgesamt zu lesen. Wie bei den Wislanen und den Silingen gilt: Ein Name in einer Liste ist ein Anfang, kein Volk. Die Burgen und die Funde zeigen, dass im Oppelner Land Menschen siedelten, Handel trieben und Macht ausübten. Wie sie sich nannten, was sie glaubten und wie sie ihre Herrscher wählten, bleibt offen.

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