Wer in einem Geschichtsbuch unter „Lebus“ nachschlägt, stößt rasch auf Thietmar von Merseburg, der angeblich im Jahr 1012 von der Belagerung einer Burg Lebus an der Oder erzählt. Die Chronikstelle ist echt, die Gleichsetzung aber nicht mehr haltbar: Thietmars Liubusua wird heute überwiegend bei Meißen an der Elbe gesucht. Für das Oderland bleiben aus der Zeit vor 1100 zwei Zeilen eines Bremer Geistlichen, ein Burgberg über einer Furt und, nach 1120, ein Bistum, das Herzog Bolesław III. einrichten ließ. Dieser Artikel trennt, was zu den Lebusern gehört, von dem, was ihnen nur angeheftet wurde.

Unter „Lebus“ verbergen sich mindestens vier verschiedene Dinge, und ein großer Teil der Missverständnisse entsteht dadurch, dass man sie vermischt. Erstens gibt es den Volksnamen: die Leubuzzi (auch Lubuzzi, polnisch Lubuszanie), ein Stamm an der mittleren Oder, den die Schriftquellen nur ganz am Rand erwähnen. Zweitens gibt es die Burg und spätere Stadt Lebus, polnisch Lubusz, auf einem Steilufer der Oder nördlich von Frankfurt (Oder) im heutigen Brandenburg. Drittens meint „Land Lebus“ (lateinisch terra Lubucensis, polnisch Ziemia Lubuska) eine historische Landschaft beiderseits der Oder, die mit dem Bistum und der Burgbezirksverfassung des 12. und 13. Jahrhunderts fassbar wird. Viertens heißt seit 1999 eine polnische Woiwodschaft Lubuskie.
Dazu kommen zwei Verwechslungsfallen. Die eine ist Thietmars Liubusua, von der gleich die Rede sein wird. Die andere ist Leubus, polnisch Lubiąż, ein bekanntes Zisterzienserkloster in Niederschlesien, das mit dem Oderland nichts zu tun hat und seinen Namen nur zufällig ähnlich trägt. Wer nach den Lebusern fragt, sollte also zuerst klären, welchen dieser Räume und welche Epoche er meint. Dieser Artikel behandelt den Stamm und das Land an der mittleren Oder, Burg und Stadt als deren Mittelpunkt und das Bistum als die Einrichtung, die das Land überhaupt erst in dichte Schriftquellen bringt.
Die einzige zeitgenössische Nennung des Volksnamens stammt von Adam von Bremen. Der Geistliche schrieb um 1075/76 eine Geschichte der Erzbischöfe von Hamburg-Bremen, in der er auch das Slawenland östlich der Elbe beschreibt. Dort zählt er die Völker zwischen Elbe und Oder auf und nennt dabei auch die Lebuser:
Sunt et alii Sclavaniae populi, qui inter Albiam et Oddaram degunt, sicut Heveldi, qui iuxta Habolam fluvium sunt, et Doxani, Leubuzzi, Wilini et Stoderani cum multis aliis.
„Es gibt noch andere Völker im Slawenland, die zwischen Elbe und Oder wohnen, so die Heveller, die am Fluss Havel sitzen, und die Doxanen, Leubuzzi, Wilini und Stoderanen, dazu viele andere.“Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Buch II, Kap. 21 (ältere Zählung: Kap. 18); lateinischer Wortlaut nach den gängigen Ausgaben (Orthographie schwankt), deutsche Übersetzung von uns selbst angefertigt
Mehr steht dort nicht. Adam sagt nicht, wo genau die Leubuzzi wohnen, wie groß ihr Gebiet war, wie sie ihre Burgen nannten oder ob sie einem Herrscher unterstanden. Er reiht sie in eine Liste ein, an deren Ende er die Redarier als die mittleren und mächtigsten aller Völker hervorhebt. Die genannten Nachbarn helfen immerhin bei der Verortung: Die Heveller sitzen an der Havel, die Stoderanen gelten als deren Verwandte oder Teil von ihnen, denn Thietmar von Merseburg schreibt zum Jahr 996/97, Stoderania werde auch Hevellun genannt. Die Redarier gehören zu den Lutizen, und Adam setzt an anderer Stelle die Lutizen mit den Wilzen gleich. Die Lebuser stehen also im östlichen Teil dieses Bündnisraums, nahe an der Oder.
Ein zweiter Zeuge scheint den Eintrag zu bestätigen: Helmold von Bosau, der um 1170 seine Slawenchronik schrieb, nennt die Leubuzi im ersten Buch in einer fast gleichlautenden Völkerliste. Die polnische Forschung weist allerdings darauf hin, dass Helmold hier Adam nahezu wörtlich wiederholt. Es handelt sich also nicht um zwei unabhängige Zeugen, sondern um einen, der von einem späteren Autor abgeschrieben wurde. Damit ruht die schriftliche Existenz der Lebuser als Volk auf einer einzigen Notiz.
Aus dieser dünnen Lage ergibt sich eine in der polnischen Mediävistik offen geführte Debatte. Der Historiker Jan Natanson-Leski hat zugespitzt gesagt, selbst wenn es Leubuzzi gegeben habe, seien die „Lubuszanie“ der modernen Handbücher in erster Linie ein Erzeugnis der Geschichtsschreibung. Andere Forscher, vor allem Archäologen, halten dagegen, dass die Funde an der mittleren Oder durchaus ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet zeigen. Beide Haltungen sind Deutung, und beide haben Gründe. Wir halten sie hier auseinander.
Der Name der Burg und des Stammes wird in den Quellen unterschiedlich geschrieben: Leubuzzi bei Adam, später Lubus, Lubucz oder Lubuz in lateinischen und polnischen Texten, deutsch Lebus. Fest steht nur, dass der Name slawisch ist. Wie er zu erklären ist, ob aus einem Personennamen oder aus einem Wortstamm, ist nicht geklärt. In der Heimatliteratur liest man gelegentlich, die Burg gehe auf einen Wilzenfürsten namens Liubus zurück, der zu Beginn des 9. Jahrhunderts über die Wilzen geherrscht habe. Einen Quellenbeleg für diese Person nennt die Literatur nicht; es ist eine moderne Erklärung, die den Namen mit einem Herrscher verbindet, wie es bei vielen Burgnamen geschieht. Als Tatsache kann sie nicht gelten.
Wichtiger ist, dass der Name zwei Funktionen hat. Er bezeichnet einen Ort und, davon abgeleitet, einen Raum. Das lateinische Lubus meint im 12. und 13. Jahrhundert meist die Burg samt ihrem Bezirk, terra Lubucensis das Land. Ob es zuvor eine Stammesbezeichnung Leubuzzi gab, die den Raum benannt hat, oder ob Adams Fremdbezeichnung aus dem Burgnamen gebildet wurde, lässt sich aus den Quellen nicht entscheiden.
Zum Jahr 963 berichtet Widukind von Corvey im dritten Buch seiner Sachsengeschichte vom Kampf des Sachsen Wichmann gegen den Polenherrscher Mieszko und nennt dabei ein Volk namens Licicaviki, das unter Mieszko stand. Manche polnische Forscher haben darin eine verderbte Schreibung für die Lebuser vermutet. Das wäre die älteste Nennung des Namens, gut ein Jahrhundert vor Adam. Die Gleichsetzung ist aber eine Hypothese, die auf lautlicher Ähnlichkeit beruht, und sie bleibt umstritten. Wir behandeln sie als Möglichkeit, nicht als Beleg.
Wenn sie zuträfe, ergäbe sich ein stimmiges Bild: Mieszko I. hätte schon um 960 Kontakt zu den Völkern an der mittleren Oder gehabt und das Land in sein Reich einbezogen. Die Landesgeschichte nennt tatsächlich diesen Zeitraum, sieht aber ebenso gut eine Eroberung um die Jahrtausendwende für möglich. Ein Text, der die Eingliederung des Landes in den Piastenstaat ausdrücklich beschreibt, ist nicht überliefert.
Korrektur eines verbreiteten Irrtums: Thietmar von Merseburg, der Chronist der Jahre bis 1018, wird in vielen Darstellungen als Erstzeuge für die Burg Lebus an der Oder genannt. Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch. Thietmar erzählt von einer Burg Liubusua, die König Heinrich I. im Jahr 932 zerstört haben soll, die Heinrich II. im Januar 1012 besichtigte und die Bolesław Chrobry im August 1012 einnahm. Der Bericht über 1012 beschreibt eine große Anlage mit zwölf Toren, eine kleinere Burg nebenan, eine Besatzung von rund 1000 Mann und ein Elbhochwasser, das den Entsatz verhinderte. Von einer Oderfurt ist keine Rede.
Seit dem 19. Jahrhundert war die Lage dieser Burg umstritten. Ludwig Giesebrecht suchte sie 1843 bei Lebusa in der Niederlausitz, andere nannten Lebus an der Oder, Löbau, Lübben und viele weitere Orte. Die jüngere Forschung, darunter eine Untersuchung von Kerstin Gebuhr aus dem Jahr 2005 in den Namenkundlichen Informationen, verbindet Liubusua mit Löbsal an der „Rauhen Furt“ der Elbe südlich von Meißen. Ganz unumstritten ist auch das nicht, denn Kritiker wenden ein, die Fläche sei für 1000 Verteidiger zu klein und die zwölf Tore fänden keine Entsprechung. Befürworter lesen Thietmars Zahlen symbolisch. Für unser Thema genügt der Befund: Die Gleichsetzung mit Lebus an der Oder gilt nicht mehr als Standardlesung. Wer in älteren Texten eine „Belagerung von Lebus 1012“ liest, sieht diesen Irrtum vor sich.
Ein zweiter Irrtum betrifft die erste polnische Chronik. Gallus Anonymus schrieb um 1112 bis 1118 die Gesta principum Polonorum und schildert darin ausführlich die Kriege Bolesławs III. Schiefmund, darunter die Belagerung von Glogau im August 1109, als König Heinrich V. in Schlesien stand. Nach dem Befund polnischer Forscher erwähnt Gallus Lebus dabei jedoch nicht. Auch Cosmas von Prag und der Annalista Saxo schweigen zu Lebus in diesem Zusammenhang.
Die Folge ist unbequem: Für das ganze 11. Jahrhundert und die ersten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts gibt es keine Erzählquelle, die Lebus an der Oder zweifelsfrei beschreibt. Was zu den Jahren 960 bis 1120 behauptet wird, stammt aus der Archäologie, aus späterer Überlieferung und aus Rückschlüssen. Genau das macht die Geschichte der Lebuser zu einem lehrreichen Fall.
Wo Schriften fehlen, sprechen Spaten und Messband. Der Burgberg von Lebus ist ein Steilufer über dem Odertal, auf dem sich Besiedlung bereits in der jüngeren Bronzezeit um 1000 v. Chr. nachweisen lässt. Ein Bronzehort mit mehr als hundert Beilen, der 2003 entdeckt wurde, gehört in diese frühe Schicht. Nach einer Unterbrechung in der Eisenzeit entstand spätestens zu Beginn des 9. Jahrhunderts eine neue Befestigung, die nach Ansicht der Forschung von zugewanderten Slawen errichtet wurde. Ob diese Burg die Hauptburg der Leubuzzi war, ist eine plausible Deutung: Der Platz beherrscht die Oder, doch ein Beleg für diese Rolle fehlt.
Wilhelm Unverzagt ließ den Berg in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkriegs ausgraben, später setzte die archäologische Forschungsstelle der DDR die Arbeit bis in die 1970er Jahre fort. Die Grabungen zeigen mehrere Bauphasen, auf die sich die mittelalterliche Dreiteilung stützt: Ein Teilungsvertrag von 1249 nennt eine obere, eine mittlere und eine untere Burg. Das ist die Burg, wie sie die Askanier und Magdeburg einst unter sich aufteilten, nicht die der Lebuser des 9. Jahrhunderts. Man muss die Schichten voneinander trennen: Aus der slawischen Frühzeit ist deutlich weniger bekannt als aus der Zeit der Bischöfe und der Markgrafen.
Die Lage erklärt den Rang. Die Landesgeschichte bezeichnet die Furt bei Lebus als eine der besten Übergangsstellen der mittleren Oder, und die Burg kontrollierte damit wichtige Verkehrswege. Das ist eine Einschätzung, die sich auf die spätere Bedeutung des Ortes stützt, keine gemessene Aussage über die Zeit der Lebuser.
Lebus stand nicht allein. Der polnische Archäologe Jarosław Lewczuk hat die Grabungsergebnisse des 7. bis 13. Jahrhunderts in der heutigen Woiwodschaft Lubuskie gesammelt und stellt fest, dass Zahl und Dichte der Siedlungen und Burgen der Lebuser derjenigen Großpolens entsprachen. Es gab Holzbrücken über Seen, und die technische Entwicklung stand der polanischen kaum nach. Auf einigen Burgen fanden sich Brandspuren, die er als Zeichen eines gewaltsamen Anschlusses um die Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert liest. Seine Einschränkungen nennt er selbst: Scharfe Stammesgrenzen lassen sich nicht ziehen, ähnliche Dinge, Häuser und Bestattungssitten kommen in mehreren Nachbarräumen vor, und viele Fundplätze sind nur durch Oberflächenkeramik datiert.
Zu den Orten, die in der polnischen Forschung genannt werden, zählen Lossow, Reitwein, Neutrebbin, Buckow, Lemierzyce, Ownice, Sulęcin und Ośno Lubuskie. Die Verteilung sagt etwas über Besiedlung und Befestigung, nicht über Sprache oder Selbstbild. Wer „Lebuser“ sagt, setzt voraus, dass sich die Menschen so verstanden. Dafür fehlt ein Zeugnis.
Zu den Piasten kam das Land vermutlich schon im 10. Jahrhundert, nach verbreiteter Ansicht um 960 unter Mieszko I., nach anderer Meinung erst um die Jahrtausendwende unter Bolesław Chrobry. Die Landeskunde schreibt Mieszko oder Bolesław den Wiederaufbau und die Verstärkung der Burg zu. Ein Text, der das berichtet, ist nicht bekannt; die Aussage stützt sich auf Schichten und auf Rückschlüsse. Gesichert ist, dass Lebus im 12. Jahrhundert Burgsitz und Bischofssitz in einem polnischen Herzogtum war.
In den Burgbezirken polnischer Fürsten amtierten Kastellane, die für Verteidigung, Abgaben und Rechtsprechung zuständig waren. Auch Lebus war ein solcher Mittelpunkt. Die polnische Forschung beschreibt die Ziemia Lubuska des 12. und 13. Jahrhunderts als Kastellanei, zu der später auch die Länder Küstrin und Kienitz zählten. Dieser Zuschnitt ist demnach jünger als der Stamm. Ein Teil der polnischen Mediävisten hält es deshalb für unzulässig, die Gliederung der Teilfürstenzeit auf ein vermutetes Stammesgebiet des 9. Jahrhunderts zurückzuprojizieren. Dieses Argument wiegt schwer, weil das „Land Lebus“, das wir aus Urkunden kennen, erst mit dem Bistum von 1124/25 fassbar wird.
Eine immer wieder erzählte Episode betrifft das Jahr 1109. Damals zog König Heinrich V. mit einem Heer nach Polen, belagerte erfolglos Glogau und zog wieder ab. Die Großpolenchronik, die gut zwei Jahrhunderte später entstand, behauptet zusätzlich, der König habe „die große Burg Lebus“ gestürmt, weil er sie für leicht einnehmbar hielt, und die Burg danach der Magdeburger Kirche geschenkt. Gerhard Köbler führt in der Landesgeschichte an, Heinrich V. habe die Burg 1110 an den Erzbischof von Magdeburg übertragen.
Ob das stimmt, ist offen. Gallus Anonymus, der Zeitgenosse, erwähnt nichts dergleichen, Cosmas und der Annalista Saxo schweigen ebenfalls. Ein polnischer Forscher kommt zu dem Schluss, dass die Deutschen vermutlich vor Lebus erschienen, die Burg aber nicht eroberten. Das spätere Magdeburger Interesse an Lebus ist eine Tatsache. Dass es auf einer Schenkung von 1109/10 beruht, ist eine Behauptung, die ein spätes Werk aufstellt.
Das große Datum der Lebuser Geschichte ist die Gründung des Bistums. Wann sie genau erfolgte, weiß niemand. Die polnische Forschung nennt die Jahre 1123/24 und bringt die Einrichtung mit dem Aufenthalt des päpstlichen Legaten Aegidius von Tusculum in Polen in Verbindung. Andere Darstellungen sagen „um 1124“ oder „um 1125“. Die älteste erhaltene Erwähnung wird in die Zeit um 1133 gesetzt. Wer ein Gründungsjahr nennt, sollte „1124/25“ sagen und dazuschreiben, dass es erschlossen ist.
Herzog Bolesław III. Schiefmund schuf damit ein Bistum an der Oder, das den Anspruch seines Herzogtums auf beide Ufer des Flusses unterstreichen sollte, auch gegenüber Kaiser Heinrich V. und dem Erzbistum Magdeburg. Es war dem Erzbistum Gnesen unterstellt. Die Kathedrale war dem heiligen Adalbert von Prag geweiht und stand vermutlich auf dem Burgberg. Das Bistum reichte von der mittleren Oder bis in das Gebiet der Spree und der Warthe; es grenzte an die Bistümer Brandenburg, Cammin und Meißen und besaß Güter in Schlesien, Großpolen und Kleinpolen. Als erster Bischof gilt nach der Bistumsliteratur ein Bernhard, der um 1133 genannt wird. Mit gebotener Vorsicht: Die Namen der frühen Bischöfe stammen aus späterer Überlieferung.
Das Bistum entstand in einer Zeit, in der Bolesław III. seine Macht an der Ostseeküste ausdehnte. Die Mission in Pommern, zu der er 1124 den Bamberger Bischof Otto einlud, gehört in dieselben Jahre. Ob Lebus als Basis für Missionen gedacht war oder vor allem ein politisches Zeichen setzen sollte, geben die Quellen nicht her. Manche Darstellungen sprechen davon, man habe widerständige Lutizen bekehren wollen; ein Beleg dafür fehlt, und die Lebuser selbst gehörten zu diesem Zeitpunkt vermutlich längst zum polnischen Herrschaftsgebiet.
Fest steht der kirchenrechtliche Streit. Magdeburg erhob Ansprüche auf das Land und bestritt die Zuordnung zu Gnesen. Das Bistum blieb dennoch Gnesener Suffragan, bis es 1424 gelang, es dem Erzbischof von Magdeburg zu unterstellen. Das war das kirchliche Ende der polnischen Bindung, zu einer Zeit, als das Land längst brandenburgisch war.
Nach dem Tod Bolesławs III. im Jahr 1138 zerfiel das Reich in Teilfürstentümer. Das Land Lebus gehörte seitdem den schlesischen Piasten. Heinrich I. der Bärtige verlieh dem Ort 1226 oder früher das Stadtrecht. In seinem Schatten kam es zu den ersten Kämpfen um das Land, bei denen Lebus zum Spielball der Nachbarn wurde. Im März 1209 belagerte der Wettiner Konrad II., Markgraf der Ostmark und der Niederlausitz, die Burg. Der großpolnische Herzog Władysław III. Spindelbein versuchte den Entsatz und wurde nach der polnischen Darstellung geschlagen, viele seiner Männer ertranken beim nächtlichen Übergang durch sumpfiges Gelände. Lebus fiel, die Verteidiger sollen gehängt worden sein.
Der Erfolg war kurzlebig. Konrad starb im Mai 1210, und Heinrich der Bärtige holte sich zwischen August 1210 und März 1211 die verlorenen Gebiete, darunter Lebus und Guben, zurück. Was in dieser Darstellung zusammenläuft, stützt sich vor allem auf die Forschung von Marek Smoliński und auf meißnische Quellen; Details wie die Hinrichtung der Verteidiger gehören zur Erzählung dieser späten Überlieferung und sind nicht sicher. Sicher ist der Wechsel der Herrschaft: Kurz hintereinander standen Piasten, Wettiner und wieder Piasten an der Oder.
Nach 1241, als Heinrich II. der Fromme in der Schlacht bei Liegnitz gefallen war, erhielt sein Sohn Mieszko Lebus als eigenen Distrikt. Er starb bereits 1242 ohne Erben. Sein Bruder Bolesław II. der Kahle gab das Land 1248/49 an den Erzbischof Wilbrand von Magdeburg und die brandenburgischen Askanier ab; Quellen und Darstellungen sprechen von Verkauf oder Verpfändung. Die ersten Gebiete kamen 1249 an die Askanier, die zunächst gemeinsam mit Magdeburg regierten. Seit 1287 waren die Markgrafen von Brandenburg alleinige Herren von Burg und Land. Die Literatur setzt die Bezeichnung „Land Lebus“ für ein brandenburgisches Territorium erst für diese Zeit an.
Die archäologische Spur dieser Kämpfe ist greifbar: Bei Grabungen 2009 fand sich in der Burg ein Kriegergrab mit vier gleichzeitig Bestatteten aus der Zeit um 1200 bis 1250. Man bringt es mit dem Angriff des Erzbischofs Wilbrand von Magdeburg im Jahr 1239 in Verbindung. Das ist eine Deutung auf der Grundlage des Befundes und der Datierung, ein Beweis ist es nicht.
Für die Askanier war Lebus weniger ein Ziel als ein Hindernis. Sie gründeten 1253 in nächster Nähe, in Konkurrenz zu Lebus, die Stadt Frankfurt an der Oder und förderten Lebus kaum noch. Der Ort sank rasch in die Bedeutungslosigkeit. Das Bistum zog 1276 nach Göritz (Górzyca) um, nach Konflikten mit Brandenburg wurde es dort 1325 zerstört. Der Bischof residierte ab 1354 wieder in Lebus, wo ein neuer Dom nördlich der Burg entstand, und siedelte um 1373 bis 1385 nach Fürstenwalde über, obwohl das Bistum seinen Namen behielt. Das Land war 1326 von polnischen und litauischen Truppen verwüstet worden.
Den Rest besorgten die Hussiten. Nach der Schlacht bei Müllrose plünderte eine Abteilung von rund 1000 bis 1500 Mann am 14. April 1432 Lebus und zerstörte den Ort nach den Angaben der Landesgeschichte völlig. Im 16. Jahrhundert führte Bischof Georg von Blumenthal die Reformation ein. Mit dem Tod des letzten katholischen Bischofs Jan Horneburg 1555 endete das alte Bistum, 1598 galt es als aufgehoben. Die Burganlage verfiel.
Ein regionaler Faden lohnt sich: Adam von Bremen schrieb seine Beschreibung des Slawenlands in Norddeutschland, am Sitz des Erzbistums Hamburg-Bremen, das die Mission im Norden und Osten für sich beanspruchte. Seine Liste der Völker zwischen Elbe und Oder gehört zu den ältesten Zeugnissen, die wir von dieser Landschaft haben. Die Oder selbst führt durch Stettin und das Haff zur Ostsee, und an ihrer Mündung lagen Handelsplätze wie Wolin. Der Strom verbindet damit die Küste der Pomoranen mit dem Binnenland, und weiter östlich beginnt das Gebiet der Polanen, die später den Piastenstaat trugen.
Dass Lebus ein Teil eines Handelsnetzes war, das bis zur Küste reichte, ist plausibel, aber nicht belegt. Wer sich für den Ostseeraum der Zeit interessiert, findet bei den Artikeln über die Wikinger an der Ostsee und den Bernstein weitere Anknüpfungspunkte. Für Lebus selbst nennt keine Quelle Fernhändler, die die Furt benutzten; das Bild der Handelsroute folgt aus der Landkarte.
Seit 1999 trägt eine polnische Woiwodschaft den Namen Lubuskie, deutsch Lebus. Sie ist nicht das Land Lebus. Die Stadt Lebus, der Namensgeber, liegt heute in Deutschland, am westlichen Ufer der Oder. Die Woiwodschaft umfasst weite Teile der früheren östlichen Neumark sowie Gebiete, die früher zu Schlesien und Großpolen gehörten. Ihr Verwaltungssitz ist auf Zielona Góra und Gorzów Wielkopolski verteilt. Der Name wurde 1945 für die dem polnischen Staat zugesprochenen Gebiete übernommen, zunächst als Ziemia Lubuska, und blieb als Anknüpfung an die mittelalterliche Landschaft erhalten.
Die polnische Publizistik beschreibt diese Namenswahl als pragmatischen Kompromiss: Man wollte keine der rivalisierenden Städte der Region zum Namensgeber machen und griff auf den historischen Namen zurück. Das ist ein Beispiel dafür, wie ein Name wandert. Das Land Lebus des Mittelalters, die brandenburgische Landschaft zwischen Oder und Barnim, der polnische Landstrich nach 1945 und die heutige Woiwodschaft sind vier verschiedene Räume, die zufällig dasselbe Wort tragen. Wer sie auseinanderhält, vermeidet die häufigsten Fehler in Lexika und Reiseführern.
Die Lebuser sind ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie wenig ein Name verrät, wenn er nur einmal fällt. Adam nennt sie, Helmold schreibt ab, Thietmar spricht von einer anderen Burg, und Gallus schweigt. Dazwischen liegt ein Burgberg, dessen früheste slawische Phase archäologisch greifbar ist, eine Landschaft mit dichter Besiedlung und ein Bistum, das Herzog Bolesław III. um 1124/25 gründete. Alles, was darüber hinausgeht, ob Stammesbund, Stammesgrenze oder Eroberung durch einen bestimmten Fürsten, ist erschlossen.
Dass es um dieses Land so viele Kämpfe gab, zeigt eher den Wert der Oderfurt als den eines Volkes: Piasten, Wettiner, Askanier und Magdeburger Erzbischöfe haben sich im 13. Jahrhundert um Lebus gestritten, bis die Askanier es 1287 ganz in der Hand hatten. Das Volk, das Adam „Leubuzzi“ nannte, ist da längst verschwunden, falls es je als geschlossene Gruppe existierte. Sein Name hat überlebt, auf einer Burg, in einem Bistum und seit 1999 auf einer Verwaltungskarte. Wer ihn heute liest, sollte wissen, welche Schicht er gerade vor sich hat.

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