Mitten in Niederschlesien steigt aus der Ebene ein einzelner Berg auf, 718 Meter hoch, bewaldet, mit rätselhaften Steinfiguren an seinen Hängen. Die Polen nennen ihn Ślęża, die Deutschen Zobten. Um ihn herum lebte im frühen Mittelalter eine slawische Gruppe, die in den Quellen Sleenzane oder Silensi heißt, in der deutschen Literatur Slensanen, und deren Name vielleicht dem ganzen Land den Namen gab. Vielleicht. Dieser Artikel ordnet, was Schriftquellen sagen, was Ausgrabungen zeigen, was spätere Überlieferung erzählt und was moderne Forscher daraus machen. Und er erklärt, warum die Slensanen nichts mit den ostgermanischen Silingen zu tun haben müssen, obwohl beides so oft in einem Atemzug genannt wird.

Die Slensanen haben nichts Eigenes hinterlassen. Keine Inschrift, keine Selbstbezeichnung, kein Herrscherverzeichnis. Was wir über sie wissen, kommt von Außenstehenden: von einem Verfasser im südwestdeutschen Raum, der im 9. Jahrhundert Völker nördlich der Donau auflistet, von einem sächsischen Bischof, der anderthalb Jahrhunderte später über den Osten des Reiches schreibt, und von einem Prager Chronisten, der im späten 11. Jahrhundert eine Grenzbeschreibung wiedergibt. Dazu kommt ein Berg, auf dem Menschen über Jahrtausende Spuren hinterlassen haben.
Bei einem solchen Material liegt die Versuchung nahe, aus wenigen Sätzen ein ganzes Volk zu formen. Wir halten uns an eine Regel: Erst die Schriftquelle, dann der Fund, dann die Überlieferung, dann die Deutung. Wo diese vier verschmelzen, sagen wir es.
Die älteste Nennung steht in einem kurzen lateinischen Text, den man „Bayerischer Geograph“ nennt (Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii). Er zählt Völker nördlich der Donau auf und gibt jeweils die Zahl der civitates an, wörtlich „Burgen“ oder Burgbezirke. In der zweiten Liste steht, in der gängigen Lesung der Editionen, der Eintrag:
Sleenzane civitates XV. Die Sleenzane (haben) fünfzehn Burgen.Bayerischer Geograph (Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii), zweite Liste; Übersetzung von uns selbst angefertigt, Schreibung nach der üblichen Edition (Handschrift München, Clm 560)
Das ist alles. Der Text sagt nicht, wo die Sleenzane wohnten, wer sie führte und was eine civitas war: ein Ringwall, eine Siedlung mit Palisade oder nur ein Verwaltungsbezirk. Dass mit den Sleenzane die Bewohner der Gegend um den Zobten gemeint sind, ist eine Gleichsetzung der Forschung, die auf der Namensähnlichkeit und auf Thietmars späterer Notiz beruht (siehe unten). Sie ist gut begründet, aber sie bleibt eine Gleichsetzung.
Auch die Entstehung des Textes ist offen. Bernhard Bischoff dachte an einen Mönch auf der Reichenau in den 830er bis 850er Jahren, Aleksandr Nazarenko an die 870er; Henryk Łowmiański hat gezeigt, dass die Liste aus zwei Teilen besteht, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sein können. Der „Bayerische“ Geograph heißt so nach dem Aufbewahrungsort, der Bayerischen Staatsbibliothek. Wo der Verfasser saß, wissen wir nicht sicher. In derselben Liste stehen die Opolini mit zwanzig Burgen und die Golensizi mit fünf; über die Opolanen lesen Sie mehr in einem eigenen Artikel.
Der Berg liegt gut dreißig Kilometer südwestlich von Breslau. Er besteht aus dunklem Zobten-Gabbro, einem Tiefengestein, das dem Granit ähnelt, und ragt wie ein Wächter aus dem flachen Vorland. Dass ein solcher Berg Menschen beschäftigt hat, überrascht nicht. Am Gipfelbereich und an den Hängen stehen Steinfiguren, die als „Fischfrau“, „Bär“ und „Eber“ bekannt sind, dazu weitere, teils schwer zu erkennende Gebilde.
Hier trennen wir ein erstes Mal. Gesichert ist, dass diese Skulpturen existieren und aus dem Gestein des Berges gearbeitet sind. Weitgehend vermutet, aber nicht belegt ist, dass der Berg schon in der Bronze- und frühen Eisenzeit eine Kultstätte war; Forscher bringen ihn mit Trägern der Lausitzer Kultur in Verbindung. Offen ist die Datierung der Figuren selbst. Die Vorschläge reichen von vorgeschichtlich, teils sogar keltisch, bis ins Frühmittelalter. Wer in einem Reiseführer liest, die Figuren seien „keltisch“, liest eine Deutung, kein Ergebnis. Dasselbe gilt für die ältere These, der Zobten sei der heilige Hain der Alcis, den Tacitus in der Germania nennt: Man hat das erwogen, bewiesen ist es nicht.
Im frühen 12. Jahrhundert gründete Piotr Włostowic auf dem Berg ein Augustinerkloster, das 1153 nach Breslau verlegt wurde. Auch das gehört zur Geschichte eines Ortes, den Christen später bewusst besetzten. Ob sie dabei an eine ältere heidnische Verehrung anknüpften, ist plausibel, aber aus dieser Notiz nicht abzulesen.
Die zweite Schriftquelle stammt von Bischof Thietmar von Merseburg, der in den 1010er Jahren seine Chronik schrieb. Nach der Darstellung, die in der Forschung etwa Matthias Hardt wiedergibt, nennt Thietmar einen pagus Silensi, einen Gau, der seinen Namen von einem sehr hohen und ausgedehnten Berg habe, dem mons Silencii. Der Berg sei in heidnischer Zeit besonders verehrt worden. Die Gleichsetzung dieses Berges mit dem Zobten gilt in der Forschung allgemein; den Wortlaut zitieren wir hier nicht, weil wir ihn nicht im Original geprüft haben, und geben nur den Sinn wieder.
Wichtig ist, was Thietmar tut: Er erklärt den Namen des Gaues aus dem des Berges. Ob das richtig ist oder ob er eine gelehrte Erklärung anbietet, wissen wir nicht. Er schrieb gut hundertfünfzig Jahre nach dem Bayerischen Geographen und aus Sachsen, nicht aus Schlesien. Ob er den Berg selbst kannte oder nur von Berichten wusste, bleibt offen. Sein Werk behandelt auch die Kriege Heinrichs II. gegen Bolesław Chrobry, darunter nach unserem Kenntnisstand die Belagerung von Niemcza im Jahr 1017. Diese Angabe und die genaue Stelle der Berg-Notiz sollten beim Gegenlesen mit der Edition abgeglichen werden.
Hier beginnt der berühmte Namensstreit. Die eine Deutung führt „Schlesien“ auf die germanischen Silinger zurück, einen Teilstamm der Vandalen, die um die Zeitenwende in der Region saßen und im 5. Jahrhundert nach Westen zogen. Lesen Sie dazu den Artikel über die Silingen. Die andere Deutung leitet den Namen vom slawischen Namen des Berges und Flusses Ślęża ab, der wiederum zu den Slensanen führt. In der Fachwelt gibt es auch Mischlösungen: Der Landschaftsname gehe vom Berg aus, dessen Name selbst eine ältere, womöglich germanische Wurzel haben könnte. Eine slawische Herleitung bringt ihn mit einem Wort für „feucht, sumpfig“ in Verbindung. Entschieden ist der Streit nicht.
Hier übernehmen gern die Legenden. Dass die Slensanen Erben der Silinger seien oder die Silinger „zu Slensanen“ geworden seien, steht in keiner Quelle; es wäre eine moderne Gleichsetzung, also Deutung. Nach allem, was wir sagen können, sind es zwei Gruppen aus verschiedenen Jahrhunderten, zwischen denen ein Bruch in der Besiedlung liegt, dessen Länge und Ausmaß umstritten sind. Ob und wie sich Reste der älteren Bevölkerung mit den neuen Slawen mischten, ist ein altes Thema der Archäologie, in dem keine Einigkeit herrscht. Mehr dazu im Abschnitt über das Stammesmodell.
Die moderne Literatur verortet die Slensanen im zentralen Teil Schlesiens, um den Zobten und an der Lohe (Ślęza) nahe Breslau. Das ist eine Rekonstruktion; die Quellen geben keine Karte. Für Breslau selbst nennt die Forschung eine frühe Burg auf der Dominsel (Ostrów Tumski), die im 9. Jahrhundert oder früher entstanden sein soll; die Datierung ist in der Literatur nicht einheitlich, und eine Zuschreibung der Burg an „die Slensanen“ stützt sich auf die Lage, nicht auf eine Quelle.
Die gängige Erzählung, die Slawen seien um 500 oder im 6. Jahrhundert nach Schlesien gekommen und hätten das Land nach dem Abzug der germanischen Bevölkerung besiedelt, ist ein Modell. Es beruht auf Funden, auf Namen und auf der Annahme, dass die Region zwischenzeitlich dünn besiedelt war. Wie stark sich die Besiedlung wirklich ausdünnte, wird diskutiert. Kritische Stimmen wie Florin Curta warnen, die Gleichung „neue Keramik gleich neues Volk“ sei zu einfach.
Als Nachbarn kommen nach der gängigen Rekonstruktion im Osten die Opolanen in Betracht, im Südosten die Wislanen an der oberen Weichsel, im Westen Gruppen, die später als Sorben und Lebuser auftauchen; im Süden lag das böhmische Becken der Tschechen. Die Reihenfolge im Bayerischen Geographen, in dem Nachbarn nebeneinanderstehen, ist keine Landkarte, aber sie legt nahe, dass der Verfasser eine geographische Ordnung im Kopf hatte.
Die dritte Spur führt nach Prag. Der Chronist Cosmas überliefert für das Jahr 1086 eine angebliche Urkunde Heinrichs IV., die die Grenzen des Prager Bistums beschreibt, wie sie nach seiner Darstellung 973 bestanden haben sollen. In dieser Beschreibung erscheinen die Zlasane, in der Forschung als Slensanen gedeutet. Das bedeutet: Aus Prager Sicht galt das Land der Slensanen spätestens im 11. Jahrhundert als Teil des eigenen kirchlichen Anspruchs.
Ob die Urkunde so existierte, ist umstritten. Es ist denkbar, dass Cosmas den Text selbst gestaltet hat, um Ansprüche seines Bistums zu begründen. Wer die Liste als Beleg dafür nimmt, dass Schlesien um 973 böhmisch war, stützt sich auf ein spätes und tendenziöses Zeugnis. Als Hinweis auf böhmischen Einfluss im 10. Jahrhundert dient sie zusammen mit anderen Indizien, als Beweis taugt sie nicht. Auch die Mährer werden mitunter ins Spiel gebracht; ob und wie weit großmährischer Einfluss bis nach Schlesien reichte, ist eine offene Forschungsfrage, zu der wir nichts Gesichertes sagen können.
Nach der Darstellung Matthias Hardts entrissen die Piasten Schlesien um 990 der böhmischen Kontrolle. Im Jahr 1000 besuchte Kaiser Otto III. Bolesław Chrobry, den Sohn Mieszkos I., in Gnesen, wo ein Erzbistum eingerichtet wurde; zu ihm gehörten Bistümer in Krakau, Kolberg und Breslau. Dass Breslau darunter war, zeigt, dass Schlesien nun in die polnische Kirchenorganisation einbezogen war. In dieser Phase verschwindet der Name der Slensanen allmählich aus den Quellen, und es wird nur noch das Land genannt.
Nach 1038 wechselte die Herrschaft über das Land. Der böhmische Herzog Břetislav I. eroberte es in einer Schwächephase Polens, 1054 vermittelte Kaiser Heinrich III. die Rückkehr unter polnische Herrschaft; 1137/38 wurden die Grenzen zu Böhmen im Frieden von Glatz festgelegt. Von den Slensanen ist in diesen Zusammenhängen nirgends die Rede. Das ist selbst ein Befund: Als Stammesname bleibt der Begriff in den Schriftquellen auf wenige Stellen beschränkt, in einer Zeit, in der aus Gauen Herzogtümer werden.
Gallus Anonymus, der um 1110 die älteste polnische Chronik verfasste, erzählt aus Sicht des piastischen Hofes. Breslau spielt bei ihm als Burg und Bischofssitz eine Rolle. Den Namen der Slensanen als Stamm kennt er nach unserem Kenntnisstand nicht; wir geben das als Beobachtung wieder, nicht als gesicherte Aussage über jede Zeile des Textes, und bitten um Abgleich mit der Edition. Wichtig ist der Charakter dieser Quelle: Sie stammt aus dem frühen 12. Jahrhundert, ist eine Herrschergeschichte und blickt auf die Frühzeit durch das Raster der Dynastie. Wer daraus Aussagen über Stammesgesellschaften des 9. Jahrhunderts ableitet, belastet sie über Gebühr.
Aus noch späteren Zeiten stammen die Sagen und volkskundlichen Erzählungen, die sich um den Zobten ranken. Wir erzählen sie nicht nach: Sie sind Überlieferung des Hoch- und Spätmittelalters und der Neuzeit, sagen über die Slensanen nichts aus, wohl aber darüber, wie Menschen später mit diesem Berg lebten.
Hinter dem Namen steckt eine allgemeine Frage der Frühgeschichte: Gab es im 9. Jahrhundert überhaupt Stämme im Sinn selbständig handelnder Gemeinschaften mit eigener Identität? Skeptiker betonen, dass viele Slawennamen erst von Außenstehenden festgeschrieben wurden und dass ein Name ein Etikett für eine Landschaft, einen Burgenverband oder eine Herrschaft sein kann. Für die Slensanen heißt das: Der Eintrag im Bayerischen Geographen kann eine Gruppe meinen, die sich so nannte; er kann aber ebenso eine Region bezeichnen, die Außenstehende nach dem auffälligsten Orientierungspunkt benannten, dem Berg.
Der Befund wäre dann einfach: Ein Berg gibt einem Land den Namen, und das Land gibt den Menschen darauf den Namen. Die Gegenposition hält an einer eigenen Stammesidentität fest, weil Name, Lage und Burgenzahl zusammenpassen. Beides lässt sich vertreten. Entscheidend ist, nicht mehr in die Quellen hineinzulesen, als drinsteht.
Wir in Alsdorf bearbeiten Schiefer, ein ganz anderes Gestein als den dunklen Gabbro des Zobten. Und doch berührt diese Geschichte etwas Vertrautes: Stein trägt Zeichen länger als Papier. Die Figuren auf der Ślęża haben die Namen ihrer Schöpfer verloren und ihre Bedeutung dazu; das Gestein aber blieb. Wer heute einen Namen in Schiefer gravieren lässt, tut etwas Verwandtes im Kleinen: Er hält fest, was nicht vergehen soll. Mehr als diese Parallele behaupten wir nicht; einen belegten Zusammenhang zwischen Schlesien und dem Rheinland geben unsere Quellen nicht her.
Eine Zahl in einer Völkerliste, ein Gau bei Thietmar, ein Name in einer fragwürdigen Grenzbeschreibung und ein Berg mit rätselhaften Figuren: Das ist, was von den Slensanen als Gruppe bleibt. Dazu kommen Burgen und Siedlungsspuren, die man mit ihnen verbinden kann, aber nicht muss. Ehrlich bleibt, wer festhält, dass im 9. Jahrhundert in Mittelschlesien ein befestigtes Land mit einem weithin sichtbaren Zentralberg lag, dessen Bewohner für Außenstehende einen Namen trugen, der mit dem Berg zusammenhing. Grenzen, Herrscher, Religion, Selbstbezeichnung und das Verhältnis zu den Silingen sind erschlossen oder noch nicht entdeckt. Dass der Name Schlesiens bis heute zwischen einem germanischen Stamm und einem slawischen Berg schwankt, zeigt vor allem eines: Wie wenig sich Geschichte in Etiketten pressen lässt.

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