Wikinger Blog / Geschichte & Funde
Aus dem Wissensarchiv

Die Kaschuben — die letzten Ostseeslawen

Geschichte & Funde Die Kaschuben — die letzten Ostseeslawen Von den vielen slawischen Völkern zwischen Elbe und Weichsel ist nur eines übrig geblieben, das bis heute an der Ostsee seine eigene Sprache spricht: die Kaschuben. Ihre Geschichte führt von den pomoranischen Burgwällen des zehnten Jahrhunderts über ein eigenes Herzogtum, den Deutschen Orden und zwei Weltkriege bis in polnische Schulen der Gegenwart — und sie ist ein Lehrstück darüber, wie zäh Sprache und Zugehörigkeit sein können.

Die letzten Pomoranen

Wer die Karte der westslawischen Völker aufschlägt, liest vor allem Verluste. Die Obodriten gingen im mecklenburgischen Adel auf, die Ranen auf Rügen verloren 1168 ihr Heiligtum und bald darauf ihre Sprache, die Polaben im Wendland verstummten um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. Nur zwei Gruppen sprechen bis heute: die Sorben in der Lausitz — und die Kaschuben an der Ostsee.

Kaschuben, in der eigenen Sprache Kaszëbi, leben im Norden Polens, im Kern zwischen Danzig, Wejherowo, Kartuzy und den Seen der sogenannten Kaschubischen Schweiz. Die Forschung sieht in ihnen die direkten Nachfahren der slawischen Pomoranen, jener Stämme also, die zwischen Oder und Weichsel siedelten und die im westlichen Pommern im Lauf des Mittelalters sprachlich aufgingen. Im Osten, in Pommerellen, blieb ein Rest — und aus diesem Rest wurde ein Volk mit eigenem Namen. Dass es das heute noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis von Zufall, Konfession, Abgelegenheit und einigen sehr eigensinnigen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts.

Historische Karten von Slawinien, Pommern und Pommerellen
Pommern und Pommerellen auf historischen Karten aus Ramsay Muirs Philips' New Historical Atlas for Students (London 1911). Das Herzogtum Pommerellen östlich der Oder ist der Raum, aus dem die heutige Kaschubei hervorging. Gemeinfrei (Wikimedia Commons).

Zwischen Oder und Weichsel: woher sie kamen

Die slawische Besiedlung des Küstenlandes setzt archäologisch im sechsten und siebten Jahrhundert ein. Was daraus entstand, war kein Staat, sondern ein Netz von Burgwällen, Häfen und Kleinherrschaften: Wolin an der Odermündung, Kolberg, Stettin, Danzig an der Weichsel. Handel mit Silber, Salz, Fellen und Bernstein verband diese Orte mit Skandinavien, mit den Flusswegen der Rus und mit dem Reich.

Danzig gehört zu den besterforschten dieser Plätze. Unter der Neustädter Rathausbebauung fanden Archäologinnen und Archäologen Reste slawischer Häuser und Keramik aus dem frühen zehnten Jahrhundert; die Burg selbst wird üblicherweise mit der piastischen Expansion unter Mieszko I. in den 970er oder 980er Jahren verbunden. Schriftlich taucht der Ort erstmals 997 auf, in der kurz darauf verfassten Lebensbeschreibung des heiligen Adalbert, als „urbs Gyddanyzc“ — jene Stadt, die das große Reich des Herzogs vom Meer trennte. Die kirchliche und politische Anbindung an die Piasten, also an das Reich der Polanen, war damit früh gelegt, blieb aber über Jahrhunderte umstritten und wurde mehrfach unterbrochen.

Pommerellen und die Samboriden

Aus diesem Grenzraum wurde im Hochmittelalter das Herzogtum Pommerellen, auch Danziger Pommern genannt. Nach der Zersplitterung Polens 1138 verwalteten hier Statthalter einer einheimischen Familie, der Samboriden, das Land — zunächst als Beauftragte der Piasten, dann zunehmend auf eigene Rechnung. Namentlich fassbar sind im zwölften Jahrhundert Sobiesław I. und sein Sohn Sambor I.

Das geistliche Zentrum wurde die Zisterzienserabtei Oliva bei Danzig, kirchlich gehörte die Region zum Bistum Włocławek. Politisch war die Lage heikel: 1210 fiel der dänische König Waldemar II. ein, Mestwin I. wurde für kurze Zeit sein Vasall, ehe das Land wieder in den polnischen Verband zurückkehrte. Wer hier regierte, balancierte dauerhaft zwischen Polen, Dänemark, Brandenburg und — ab 1230 — dem Deutschen Orden als neuem östlichen Nachbarn. Das ist der eigentliche Schlüssel zur kaschubischen Geschichte: ein schmales Land an der Küste, um das sich immer mindestens drei größere Mächte stritten.

Swantopolk II. und das Jahr 1308

Der bekannteste Samboride ist Swantopolk II., gestorben 1266. Ab 1227 nannte er sich dux, Herzog, und machte sich faktisch unabhängig. Er verlieh Danzig lübisches Recht, holte die Dominikaner ins Land und führte zugleich einen zähen Konflikt mit seinen Brüdern Sambor II. und Ratibor, die sich mit dem Deutschen Orden verbündeten. Swantopolk verbündete sich seinerseits mit den heidnischen Prussen; erst der Vertrag von Christburg 1249 brachte einen Ausgleich.

Nach seinem Tod zerfiel das Werk rasch. Mestwin II. schloss 1282 den Vertrag von Kępno und übertrug die Oberherrschaft an Przemysł II. von Großpolen. Als 1308 Brandenburg Ansprüche anmeldete, rief Władysław Ellenlang die Deutschordensritter zu Hilfe. Sie vertrieben die Brandenburger — und behielten das Land. Bei der Einnahme Danzigs im November 1308 kam es zu einem Blutbad an der Einwohnerschaft; 1309 wurde Pommerellen in den Ordensstaat eingegliedert, und im selben Jahr verkaufte Markgraf Waldemar seine Ansprüche im Vertrag von Soldin für 10.000 Mark. Damit endete die eigenstaatliche Geschichte der östlichen Pomoranen. Der Streit um Pommerellen aber blieb und führte über das gesamte vierzehnte und fünfzehnte Jahrhundert zu Kriegen zwischen Polen und dem Orden.

„dux Cassubie“ — wie der Name in die Schrift kam

Der Name Kaschubei erscheint erstaunlich spät. Als sicherer Erstbeleg gilt eine Bulle Papst Gregors IX. vom 19. März 1238, mit der Besitzungen der Johanniter in Stargard bestätigt wurden. Darin wird Bogusław — gemeint ist der 1187 verstorbene pommersche Herzog Bogusław I. — rückblickend als Herzog von Kaschubien bezeichnet:

… das Haus in Stargard samt seinem Zubehör, das euch von Bogusław ruhmreichen Angedenkens, dem Herzog von Kaschubien [duce Cassubie], und von Bogusław, seinem Sohn, sowie von deren Nachfolgern gegeben wurde, soll weiterhin euch gehören.Bulle Papst Gregors IX. vom 19. März 1238, sinngemäß nach der Wiedergabe des Muzeum Pomorza Środkowego in Słupsk

Bemerkenswert ist die Geografie. Stargard liegt weit im Westen, in Vorpommern. Der Name Kaschubei bezeichnete zunächst also einen westlichen Teil des Greifenherzogtums — nicht das heutige Siedlungsgebiet um Danzig. Erst mit den Jahrhunderten wanderte er ostwärts, dorthin, wo die slawische Sprache überlebte. Seit 2004 begehen die Kaschuben den 19. März als Tag der kaschubischen Einheit, Dzéń Jednotë Kaszëbów.

Ein Titel, der die Greifen überlebte

Aus der Bezeichnung wurde ein Herrschertitel. Barnim I., geboren um 1210 und gestorben 1278, nannte sich „dux Slavorum et Cassubie“, Herzog der Slawen und der Kaschubei; Barnim III., etwa 1300 bis 1368, führte „dux Cassuborum“, Herzog der Kaschuben. Bis zum Aussterben der Greifendynastie 1637 mit Bogislaw XIV. gehörte der Kaschubentitel zum festen Bestand der pommerschen Titulatur.

Danach übernahmen ihn die Erben. Über den Grimnitzer Vertrag von 1529 hatten sich die Hohenzollern die Anwartschaft auf Pommern gesichert; nach dem Westfälischen Frieden fiel ein Teil des Landes an Brandenburg. In der preußischen Königstitulatur führte man fortan unter anderem „Herzog zu Stettin, Pommern, der Kassuben und Wenden“. Die dazugehörigen Herzogtümer Kassuben und Wenden waren reine Verwaltungs- und Titelkonstruktionen, die bis 1918 auf dem Papier bestanden. Für die Menschen, die kaschubisch sprachen, bedeutete das nichts — sie waren preußische Untertanen wie andere auch, und der Titel erinnerte nur noch an eine untergegangene Herrschaft.

Die Sprache: lechitisch, pomoranisch, eigen

Kaschubisch gehört zum westslawischen Zweig und dort zur lechitischen Gruppe, also in die engere Verwandtschaft von Polnisch, Schlesisch und dem ausgestorbenen Polabischen. Innerhalb dieser Gruppe rechnet man es zum pomoranischen Ast — es ist damit der einzige überlebende Rest der pomoranischen Sprachlandschaft. Der nächste Verwandte, das Slowinzische, ist ausgestorben.

Ob Kaschubisch eine eigene Sprache oder ein polnischer Dialekt ist, war über hundert Jahre lang eine wissenschaftliche und zugleich politische Streitfrage. Die gängige Zusammenfassung lautet: diachron, also von der Sprachgeschichte her, ist es eine eigenständige lechitische Sprache; synchron, im heutigen Sprachvergleich, steht es dem Polnischen so nahe, dass eine Einordnung als Dialekt vertretbar erschien. Praktisch ist die Frage entschieden. Ein einheitliches kaschubisches Standardidiom hat sich zwar nie vollständig durchgesetzt, und die Mundarten unterscheiden sich zum Teil erheblich — rechtlich aber ist Kaschubisch seit dem Gesetz vom 6. Januar 2005 über nationale und ethnische Minderheiten und über die Regionalsprache die einzige anerkannte Regionalsprache Polens. Geschrieben wird es mit lateinischen Buchstaben und einer Reihe eigener Zeichen, unter anderem dem charakteristischen ë.

Die Slowinzen — der Zweig, der verstummte

Nordwestlich des kaschubischen Kerngebiets, zwischen dem Lebasee, polnisch Jezioro Łebsko, und dem Garder See, Jezioro Gardno, lebte eine eng verwandte Gruppe: die Slowinzen. Sie waren protestantisch geworden, während die Kaschuben östlich davon katholisch blieben — eine Konfessionsgrenze, die zugleich als Sprachgrenze wirkte, weil die Kirche im Westen deutsch predigte und der Katholizismus im Osten die slawische Predigt begünstigte.

Das Slowinzische, sprachlich eine archaische Variante des Pomoranischen und deshalb für die Forschung besonders wertvoll, erlosch im frühen zwanzigsten Jahrhundert. Einzelne Wörter und Wendungen überdauerten länger; von einigen alten Menschen wird berichtet, sie hätten bis in die 1950er Jahre Bruchstücke gekannt. Nach 1945 gerieten die Reste dieser Bevölkerung zwischen alle Stühle: den einen zu deutsch, den anderen zu slawisch. Heute erinnert das Freilichtmuseum in Kluki, eine Abteilung des Museums Mittelpommern in Słupsk, an ihre Dörfer.

Florian Ceynowa: ein Landarzt erfindet eine Schriftsprache

Ohne einen einzelnen Mann sähe die Sache heute anders aus. Florian Ceynowa, geboren am 4. Mai 1817 in Sławoszyno, gestorben am 26. März 1881, war Bauernsohn, besuchte das Gymnasium in Konitz und studierte Medizin in Breslau und Königsberg. 1846 wollte er mit rund hundert Sensenmännern die preußische Garnison in Preußisch Stargard überfallen; der Plan flog auf, Ceynowa wurde verhaftet, in Moabit vor Gericht gestellt und zum Tod durch das Beil verurteilt. Das Urteil wurde in lebenslange Haft umgewandelt, die Märzrevolution 1848 brachte ihn frei.

Im Gefängnis entstand das erste literarische Werk in kaschubischer Sprache, ein Gespräch zwischen einem Polen und einem Kaschuben. Danach arbeitete Ceynowa systematisch: 1850 erschien in Danzig ein Büchlein für die Kaschuben, 1856 bereiste er mit dem russischen Slawisten Alexander Hilferding das Land, 1879 legte er in Posen einen Entwurf zur Grammatik der kaschubisch-slowinzischen Sprache vor. Er entwarf Alphabet, Rechtschreibung und Grammatik — und stellte sich damit gleich gegen mehrere Seiten: gegen die preußische Germanisierung, aber auch gegen polnischen Adel und Klerus, die in seinem Eigenweg nur Zersplitterung sahen. Sein Panslawismus war zeittypisch und heute erklärungsbedürftig; sein sprachliches Werk ist geblieben.

Derdowski, Majkowski und die Jungkaschuben

Hieronim Derdowski, 1852 bis 1902, gab dem Ganzen den populären Ton. Er schrieb humoristische Verserzählungen in kaschubischer Mundart, geriet mit den preußischen Behörden aneinander und wanderte 1885 in die Vereinigten Staaten aus, wo er polnischsprachige Zeitungen redigierte. Ihm wird der bis heute meistzitierte kaschubische Satz zugeschrieben: „Nie ma Kaszëb bez Polonii a bez Kaszëb Polśczi“ — keine Kaschubei ohne Polen und kein Polen ohne die Kaschubei. Die Zuschreibung ist nicht ganz eindeutig; der Gedanke wird teils auf Ceynowa zurückgeführt, in Umlauf gebracht hat ihn Derdowski.

Die dritte Gestalt ist Aleksander Majkowski, 1876 bis 1938, Arzt in Kościerzyna und Kopf der Bewegung der Jungkaschuben, Młodokaszëbi. 1908 gründete er die Zeitschrift „Gryf“, zu Deutsch Greif. Sein Lebenswerk aber ist der Roman „Żëce i przigodë Remusa“ mit dem Untertitel Kaschubischer Spiegel, an dem er Jahrzehnte arbeitete und der vollständig erst kurz nach seinem Tod 1938 erschien. Remus, ein stotternder Waisenjunge, der mit einer Schubkarre voller kaschubischer Bücher über die Jahrmärkte zieht und gegen einen Teufelsboten namens Smętek ankämpft, ist die literarische Selbstdeutung eines ganzen Volkes. Übersetzungen folgten ins Polnische 1964, ins Französische 1984, ins Deutsche 1988 und ins Englische 2008.

Tabaka, Stickerei und der schwarze Greif

Kaschubische Alltagskultur ist erstaunlich gut sichtbar geblieben. Der Schnupftabak, die tabaka, wird aus einem Horn genommen, zwischen Daumen und Zeigefinger gedrückt und geschnupft — eine Sitte, die anderswo längst verschwand und hier überlebte, nicht zuletzt weil sie bei Regen und Wind praktischer war als eine Pfeife. Antoni Abraham, der als König der Kaschuben 1919 nach Paris reiste, um bei der Friedenskonferenz für den polnischen Zugang zur Ostsee zu werben, überreichte General Haller bei der symbolischen Vermählung Polens mit dem Meer am 10. Februar 1920 in Puck ein solches Tabaksgefäß.

Die kaschubische Stickerei kennt mehrere Schulen. Die älteste geht auf die Norbertinerinnen in Żukowo zurück und arbeitet vorwiegend in Blau und Gelb; in Wdzydze entwickelte das Ehepaar Teodora und Izydor Gulgowski Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts eine farbenreichere Variante, weitere Schulen entstanden unter anderem in Wejherowo. Die klassischen Motive sind Kornblume, Tulpe und Glockenblume; die Farbdeutung — Blau wie See und Himmel, Gelb wie Sonne und reifendes Korn, Grün wie Wald, Rot wie Mohn, Schwarz wie die Erde — gehört zum festen Repertoire der Vermittlung. Als Wappentier führen die Kaschuben einen schwarzen, meist gekrönten Greif auf goldenem Grund, die Flagge zeigt Schwarz über Gelb. Die als Hymne gesungene „Zemia Rodnô“ schrieb Jan Trepczyk 1954; gedruckt wurde sie erst einige Jahre später in einem Liederheft des studentischen Kreises Ormuzd.

Das zwanzigste Jahrhundert

Die Lage zwischen zwei Nationalstaaten wurde für die Kaschuben zur existenziellen Gefahr. Nach 1920 kam ein großer Teil der Kaschubei zu Polen, Danzig wurde Freie Stadt; wer kaschubisch sprach, galt beiden Seiten regelmäßig als nicht ganz zugehörig. Mit dem deutschen Überfall 1939 wurde daraus tödlicher Ernst.

In den Wäldern von Piaśnica bei Wejherowo ermordeten deutsche Einheiten zwischen Herbst 1939 und Frühjahr 1940 Menschen in großer Zahl; die Schätzungen der Forschung liegen bei 12.000 bis 14.000 Opfern. Getötet wurden vor allem Angehörige der polnischen Bildungsschicht des Danziger Pommern, darunter viele Kaschuben, außerdem Jüdinnen und Juden, Tschechen sowie Patientinnen und Patienten deutscher und polnischer Heilanstalten. Es war eine der ersten großen deutschen Massenerschießungen im besetzten Polen.

Zugleich stufte die Besatzung die Kaschuben mehrheitlich in die dritte Gruppe der Deutschen Volksliste ein, hielt sie also für eindeutschungsfähig — mit der Folge von Einberufungen zur Wehrmacht. Wer als polnisch gesinnt galt, besonders die Gebildeten, wurde verfolgt. Diese doppelte Erfahrung, eingezogen und zugleich als Feind behandelt zu werden, prägte die Nachkriegsjahrzehnte, in denen kaschubische Familien mitunter erklären mussten, warum ihre Väter deutsche Uniformen getragen hatten. 1956 gründete sich in Gdynia und Danzig der Kaschubische Verband, aus dem der bis heute bestehende Kaschubisch-Pommersche Verband hervorging.

Was heute bleibt

Die Zahlen sind ehrlich zu lesen. Bei der polnischen Volkszählung 2011 gaben rund 233.000 Menschen eine kaschubische Identität an, davon etwa 16.000 ausschließlich kaschubisch; über 108.000 gaben an, zu Hause Kaschubisch zu sprechen. 2021 waren es 179.685 Personen mit kaschubischer Identität, davon rund 12.000 ohne zusätzliche polnische Angabe, und etwa 87.600, die die Sprache zu Hause verwenden — nur 1.700 ausschließlich. Fachleute mahnen, dass geänderte Erhebungsmethoden und das politische Klima die Vergleichbarkeit beeinträchtigen. Ein Rückgang bleibt es dennoch.

Dem steht eine Institutionalisierung gegenüber, die es vor fünfzig Jahren nicht gab. Kaschubisch ist Hilfssprache in mehreren Gemeinden der Woiwodschaft Pommern, es wird an Schulen unterrichtet, und seit 2005 kann man das Abitur darin ablegen. Ob das reicht, entscheidet sich in den Küchen und an den Küchentischen, nicht in den Gesetzblättern.

Uns interessiert an dieser Geschichte, dass sie ohne Ausschmückung auskommt. Ein Volk, das seinen Namen einer päpstlichen Urkunde verdankt, dessen Herzöge zwischen Polen, Dänemark und dem Orden lavierten und dessen Sprache ein Landarzt aus dem Gedächtnis rettete, braucht keine erfundenen Runen und keine Fantasy-Ornamente. Wenn wir in Alsdorf Motive aus dem slawischen Norden lasergravieren — einen Greifen, ein Stickmuster, eine Jahreszahl —, dann arbeiten wir am liebsten mit dem, was wirklich belegt ist, und schreiben dazu, wo die Deutung beginnt.

Beleg: Der Name Kaschubei ist erstmals sicher in der Bulle Papst Gregors IX. vom 19. März 1238 fassbar, die Besitzungen der Johanniter in Stargard bestätigt und Bogusław I. rückblickend als „duce Cassubie“ bezeichnet; Barnim I. führte den Titel „dux Slavorum et Cassubie“, Barnim III. „dux Cassuborum“. Für Danzig sind slawische Siedlungsreste des frühen 10. Jahrhunderts archäologisch nachgewiesen, die schriftliche Ersterwähnung als „urbs Gyddanyzc“ steht in der kurz nach 997 verfassten Adalbert-Vita. Die Samboriden-Herrschaft, Swantopolks II. Titel dux ab 1227, der Vertrag von Kępno 1282 sowie die Einnahme Danzigs durch den Deutschen Orden 1308 mit anschließender Eingliederung 1309 und dem Vertrag von Soldin sind urkundlich belegt. Ceynowas Grammatikentwurf erschien 1879 in Posen, Majkowskis „Gryf“ 1908, der Remus-Roman vollständig 1938. Der rechtliche Status als Regionalsprache beruht auf dem polnischen Gesetz vom 6. Januar 2005; die Bevölkerungszahlen stammen aus den Volkszählungen 2011 und 2021.
Mythos-Check: Die im Mittelalter beliebte Herleitung des Namens aus „kasaj huby“, also vom Raffen weiter Faltengewänder, wie sie die anonyme Großpolnische Chronik bietet, ist eine gelehrte Volksetymologie des 13./14. Jahrhunderts und keine Sprachgeschichte; die Herkunft des Namens ist bis heute nicht geklärt. Die Kaschubei der Urkunde von 1238 lag außerdem im Westen, nicht im heutigen Siedlungsgebiet um Danzig. Die Opferzahl des Danziger Blutbads von 1308 wurde in älteren Darstellungen mit 10.000 angegeben; die heutige Forschung rechnet mit etwa 1.000 und betont die Unsicherheit. Der schwarze Greif ist kein mittelalterliches Kaschubenbanner, sondern eine Bildung des frühen 20. Jahrhunderts, die den pommerschen Greifen farblich abwandelt; ebenso ist die Hymne „Zemia Rodnô“ von 1954 modern. Die Slowinzen wiederum waren keine eigene Nation, sondern eine protestantisch gewordene Gruppe im kaschubischen Sprachraum — der Name wurde vor allem durch die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts populär. Und ob Kaschubisch Sprache oder Dialekt ist, lässt sich nicht mit einem Satz entscheiden: sprachgeschichtlich ist es eigenständig, im Gegenwartsvergleich steht es dem Polnischen sehr nahe.
Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur in Alsdorf: Zeichen der Ostseevoelker, lasergraviert auf Naturschiefer und Holz. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Die Pomoranen · Wolin & Jomsborg · Die Polaben · Die Ranen (Rügen).

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Geschichte & Funde

Alle Geschichte & Funde-Artikel →

Die Kelten – das vergessene Volk vor unserer Haustür

Lange vor den Wikingern saßen sie zwischen Eifel und Donau, hinterließen Goldschätze und Fürstengräber – und doch …

Weiterlesen →

Die Keltiberer: Numantia und das keltische Schwert

Weiterlesen →

Keltische Fürstengräber: Gold, Macht und eine frühe Stadt

Weiterlesen →

Die keltischen Krieger: Furchtlos, golden geschmückt, gefürchtet

Weiterlesen →