Masowien klingt nach einem uralten Stammesnamen, nach Wäldern, Sandböden und einem breiten Strom. Tatsächlich ist der Name der Masowier erstaunlich jung belegt: Er erscheint erst um die Mitte des 11. Jahrhunderts, mitten in einem Krieg. Wer wissen will, wer diese Menschen waren, muss deshalb zwei Fragen trennen – was die Quellen sagen und was spätere Zeiten in sie hineingelesen haben.

Masowien (polnisch Mazowsze) liegt an der mittleren Weichsel, um die Städte Płock im Westen und Czersk im Süden, in der Nähe des heutigen Warschau. Die Bewohner nennt die Forschung Masowier, polnisch Mazowszanie. Sie gelten als Teil der lechitischen Gruppe, also jener westslawischen Stämme, die im Gebiet des späteren Polen siedelten; dazu gehören auch die Polanen, die Wislanen und die Lendier. Was „lechitisch“ genau bedeutet, ist selbst in der Wissenschaft eine Ordnungsfrage: Der Begriff fasst Sprachverwandte zusammen und sagt noch nichts über politische Einheit.
Der Name Masowier ist nach dem Ortsnamen gebildet, nicht umgekehrt. Die polnische Forschung spricht von einem „odonymischen“ Namen, also einem Namen, der von einem Landschafts- oder Ortsnamen abgeleitet ist. Was das Wort Mazowsze ursprünglich bedeutet, ist ungeklärt. Es gibt Vorschläge, die auf ein Wort für „Ebene“ oder auf ein Wort für „Teer, Pech“ zurückgehen – im zweiten Fall wäre die Waldteergewinnung der Hintergrund. Beides sind sprachliche Spekulationen, keine belegten Erklärungen.
Die älteste schriftliche Quelle, in der die Masowier greifbar werden, ist die altrussische Nestor-Chronik, die „Erzählung der vergangenen Jahre“. Sie wurde im frühen 12. Jahrhundert in Kiew zusammengestellt und berichtet für die 1040er-Jahre von Feldzügen gegen die Masowier. Dazu kommen lateinische Quellen: Der Chronist Gallus Anonymus, der zwischen 1112 und 1118 schrieb, kennt Masowien und einen Mann namens Masław, den er Maslaus nennt. Viel mehr als ein Landesname und ein Fürstenname steht in den Quellen des 11. Jahrhunderts nicht. Der Historiker Jakub Jagodziński fasst es in einer Studie so zusammen: Über Geschichte und Identität der Masowier selbst wisse man nichts. Das ist hart formuliert, trifft aber den Kern.
Immer wieder liest man, die Masowier stünden schon in der ältesten Liste westslawischer Stämme, dem Bayerischen Geographen. Das stimmt nicht. Der Bayerische Geograph ist ein knappes Verzeichnis aus der Handschrift Clm 560 der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Es nennt Gruppen nördlich der Donau mit der Zahl ihrer civitates, also befestigter Plätze oder Siedlungsbezirke, darunter die Lendizi mit 98, die Prissani mit 70 und die Glopeani mit 400 oder mehr. Die Uuislane, die Weichselleute, stehen ohne Zahl in der Liste. Masowier sucht man vergeblich.
Die Datierung der Liste ist umstritten. Bernhard Bischoff dachte an einen Mönch auf der Reichenau in den 830er- bis 850er-Jahren, Aleksandr Nazarenko hält die 870er-Jahre für wahrscheinlicher. Möglich ist auch, dass der Text aus zwei Teilen besteht, die zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Verfassern stammen. Ob die Masowier damals unter einem anderen Namen in der Liste stecken oder noch gar nicht als Gruppe bestanden, lässt sich nicht entscheiden. Wer einen der genannten Namen den Masowiern zuschreibt, deutet – und sollte das auch sagen.
Auch bei anderen früh genannten Autoren hilft die Suche nicht weiter. Bei Thietmar von Merseburg, der zwischen 1012 und 1018 seine Chronik schrieb und Boleslaw Chrobry, den ersten polnischen König, ausführlich behandelt, ist keine Stelle bekannt, die Masowier ausdrücklich nennt; das ist ein Befund aus dem Schweigen und keine Gewissheit. Auch Bruno von Querfurt, der 1009 auf dem Weg zu den Pruzzen an der Grenze zwischen Rus und Litauen den Tod fand, taucht in der Masowien-Forschung nur am Rand auf: Eine gesicherte Verbindung zwischen seiner Mission und den Masowiern besteht nicht. Das ist eine Vorannahme, die man gelegentlich liest und die sich auf die Quellen nicht stützen lässt.
Wo die Schrift schweigt, spricht die Archäologie. Nördlich der Weichsel, im Raum Płock, stehen die ältesten Zeugnisse. In Szeligi bei Płock lag im 7. oder 8. Jahrhundert eine Anlage, die nach Auffassung der Ausgräber eher kultisch oder politisch als rein defensiv gedeutet wird. Ab der Mitte des 9. Jahrhunderts folgen Burgwälle: Der Ringwall von Nasielsk wird in die 860er-Jahre datiert, er misst rund 80 Meter im Durchmesser und gilt als der älteste seiner Art in der Region. Ein Burgwall ist eine mit Holz, Erde und Lehm befestigte Anlage, in der man bei Gefahr Zuflucht suchte und in der oft eine lokale Elite saß.
Bemerkenswert ist die Zahl: Nach den Angaben, die die Forschung zusammenträgt, entstanden vor der Mitte des 10. Jahrhunderts nur etwa 14 solcher Burgen im masowischen Raum. Das ist keine dichte Burgenlandschaft, sondern ein dünnes Netz. Przemysław Urbańczyk liest solche Anlagen als Zeichen von Herrschaftsanspruch örtlicher Eliten und als Beweis ihrer Organisationsfähigkeit. Das ist eine Deutung, die Grabungsbefunde in ein politisches Bild übersetzt; die Befunde selbst sind nüchterner: Holz-Erde-Wälle, Siedlungsschichten, Keramik.
Um 977 wird die Burg in Płońsk datiert, die man als ersten eindeutig „piastischen“ Stützpunkt ansieht, kurz darauf folgt die Burg von Płock auf dem Domberg. Damit kommt die Dynastie ins Spiel, die aus Großpolen die Region politisch durchdrang.
Die Herrschaft der Piasten, der polnischen Herrscherdynastie, erreichte die mittlere Weichsel nach verbreiteter Auffassung in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts unter Mieszko I. Der Historiker Aleksander Gieysztor lokalisierte die ältesten masowischen Länder nördlich der Weichsel und westlich der Orzyc. Archäologisch zeigt sich dabei kein klarer Bruch: Mehrere Burgen bestanden vom Vor-Piastischen bis ins 11. Jahrhundert weiter, und einheimische Eliten haben ihre Stellung möglicherweise als Statthalter behalten. Das ist ein Modell, kein Beleg; wer genau wen wann unterwarf, schreibt keine Quelle auf.
Maciej Trzeciecki kritisiert, dass die Forschung vor-piastische Regionen gern wie spätere Fürstentümer behandelt – eine Rückprojektion. Damit sind wir beim Kern der Frage: War „Masowier“ im 9. und 10. Jahrhundert ein Stamm, oder ist der Name erst die Etikette für Siedlergruppen, die später unter dem Landesnamen zusammengefasst wurden?
Der Name Masowier tritt in die Geschichte durch einen Aufstand. Nach dem Tod Mieszkos II. 1034 geriet Polen in eine tiefe Krise, die in der Literatur oft „Heidenaufstand“ heißt, ein Begriff, der mehr behauptet, als die Quellen tragen. In dieser Lage machte sich in Masowien ein Mundschenk – Gallus nennt ihn pincerna – selbständig. Sein Name ist Miecław, in der Nestor-Chronik Moislav, bei Gallus Maslaus. Die Forschung nennt die Zeit seiner Herrschaft meist „Staat Miecławs“; als Beginn gelten die Jahre um 1037/1038, doch die Chronologie ist unsicher. Als Hauptstadt wird Płock genannt.
Gallus kennt den Konflikt gut, obwohl er ihn nur aus dem Abstand eines Dreivierteljahrhunderts erzählt. Kasimir I., der „Erneuerer“, kehrte 1039 aus dem Exil zurück und musste sich mit dem abtrünnigen Masowien auseinandersetzen. Als Verbündete Miecławs gelten in der Darstellung der Forschung die Pomoranen, die an der Ostseeküste siedelten, sowie Jotwinger beziehungsweise Pruzzen; welcher dieser Namen im Text steht und wie belastbar er ist, sollte man im Einzelfall prüfen. Eine erste Schlacht bei Pobiedziska 1041 ging für Miecław verloren, es folgte ein Waffenstillstand. 1047 kam es zum Entscheidungskampf, in dem Kasimir mit Unterstützung des Großfürsten Jaroslaw von Kiew antrat, dessen Schwager er war.
Die Nestor-Chronik erzählt dasselbe Ereignis aus der Sicht der Rus, und dass zwei unabhängig entstandene Überlieferungen – eine lateinisch-polnische, eine ostslawische – von demselben Kriegszug berichten, macht ihn zu einem der besser gesicherten Ereignisse dieser Zeit. Ob beide Texte wirklich ohne Verbindung entstanden, ist allerdings nicht bewiesen.
Jaroslaw zog gegen die Masowier, besiegte sie, tötete ihren Fürsten Moislav und unterwarf sie Kasimir.Nestor-Chronik zum Jahr 1047; sinngemäße eigene Wiedergabe, kein wörtliches Zitat
Bei den Einzelheiten geraten die Quellen auseinander. Gallus berichtet, Miecław sei in der Schlacht gefallen; er nennt auch ein Zahlenverhältnis von 30 zu 3 Heeresabteilungen, das man eher als erzählerische Übertreibung denn als Zählung lesen wird. Der Ort der Schlacht an einem namenlosen Fluss ist unbekannt. Wincenty Kadłubek, der Krakauer Bischof und Chronist des frühen 13. Jahrhunderts, behauptet dagegen, Miecław sei zu den Pruzzen entkommen und dort ermordet worden. Das ist eine spätere Version, deren Quellenwert hinter Gallus und Nestor zurücksteht; als Legende ist sie dennoch bezeichnend, weil sie Masowien schon früh mit dem Norden und Nordosten in Verbindung bringt.
Offen ist auch, wie weit Miecławs Macht reichte. Ob sein Herrschaftsbereich mehr als Masowien umfasste, wissen wir nicht. Ebenso strittig ist der religiöse Aspekt: Einige Historiker nehmen an, der Kontakt zu baltischen Nachbarn habe heidnische Bräuche gestärkt, andere verweisen darauf, dass Masowien gerade ein Zufluchtsort für Geistliche und Adlige war, die vor Aufständen im Westen flohen. Gallus beschreibt das Land als dicht besiedelt, weil Flüchtlinge hineinströmten. Eine einheitliche Antwort fehlt.
Płock, am Hochufer der Weichsel gelegen, war eine Burg der Piasten, bevor es Miecławs Hauptstadt wurde. Nach der Überlieferung soll hier schon 1009 ein Benediktinerkloster bestanden haben; das ist eine traditionelle Angabe, die man als solche kennzeichnen sollte. Fester steht, dass in Płock ein Bistum eingerichtet wurde, meist auf 1075 datiert, und dass die Stadt zwischen 1079 und 1138 unter Władysław I. Herman und Bolesław III. Schiefmund der Hauptsitz der polnischen Herrscher war. Płock ist also Machtzentrum, nicht Stammesmittelpunkt.
Czersk, weiter südlich an der Weichsel, hat eine andere Geschichte. Die Fundlage nennt eine Siedlung des 7. Jahrhunderts an einer Furt; im 11. Jahrhundert entstand an der Stelle ein Burgwall. Im 12. Jahrhundert war Czersk Sitz eines Kastellans, also eines Burgverwalters, für 1224 ist das gesichert. Eine ältere Erstnennung in einer ostslawischen Chronik zu 1142 wird in der Literatur genannt, ist aber nicht sicher zu belegen. 1252 wurde Czersk zur Hauptstadt eines masowischen Herzogtums, im späten 14. Jahrhundert ließ Herzog Janusz I. die gotische Backsteinburg erbauen, deren Ruine noch steht. Das ist Mittelalter, nicht Frühmittelalter; die Burg gehört zur Zeit, als Masowien längst ein Fürstentum war.
Nach dem Tod Bolesławs III. 1138 wurde Polen unter seinen Söhnen geteilt; Masowien entwickelte sich dabei zu einem eigenen Herrschaftsraum, der später unter einer Seitenlinie der Piasten stand. Konrad I. von Masowien holte 1226 den Deutschen Orden ins Land und gab ihm das Kulmer Land, um sich gegen die Pruzzen im Norden zu wehren. Damit schloss sich ein Kreis: Der Name, der im 11. Jahrhundert im Kampf gegen Pruzzen und Pomoranen auftauchte, wurde zum Namen eines Fürstentums an der Grenze zu ihnen. Die Pomoranen, die Kaschuben und später die Pruzzen waren Nachbarn, von deren Beziehungen zu Masowien man nur in Kriegsberichten erfährt. Im Osten lag die Kiewer Rus, deren Chronik die Masowier als älteste erhaltene Quelle nennt, mehr dazu im Beitrag über die Kiewer Rus.
Die Masuren, die in Ostpreußen siedelten, tragen den Namen zwar weiter, sind aber keine direkten Nachfahren eines frühmittelalterlichen Stammes. Sie gingen aus der späteren Besiedlung des südlichen Preußen durch Siedler aus Masowien hervor, vor allem seit dem Spätmittelalter. Den Namen zeitlich nach hinten zu verlängern, ist ein verbreiteter Fehlschluss.
Die Masowier sind ein Lehrstück dafür, wie ein Stammesname entsteht. Gesichert ist ein Land, das im 11. Jahrhundert als Masowien bezeichnet wird, und ein Aufstand, der 1047 endete. Gesichert ist ebenfalls, dass die Landschaft an der mittleren Weichsel schon vorher von Burgen und Siedlungen geprägt war. Ob diese Siedler sich als Masowier verstanden, bevor ein Fürst und ein Krieg den Namen politisch machten, weiß niemand. Wer von „dem masowischen Stamm des 9. Jahrhunderts“ spricht, benutzt einen modernen Ordnungsbegriff. Vieles spricht dafür, dass er zunächst ein Landesname war und die Menschen erst durch ihn zu „Masowiern“ wurden – doch das bleibt eine These, kein Befund.

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