Dort, wo heute Dresden liegt, siedelten im frühen Mittelalter slawische Bauern in einer breiten Flussniederung – die Nisanen. Sie haben keine eigene Chronik hinterlassen, und selbst ihr Name steht in den Quellen auf erstaunlich dünnem Eis. Wer ihrer Spur folgt, lernt vor allem eines: wie viel Geschichte an einer einzigen Urkunde, einem Halbsatz bei Thietmar und einer Ortsnamenforschung hängen kann.

Die Elbe verlässt bei Pirna das enge Sandsteingebirge und fließt in eine weite, flache Senke, den Elbtalkessel, der sich bis nach Meißen hinzieht. Genau diese Landschaft trug im frühen Mittelalter den Namen Nisan. Die Bewohner nennt die Forschung Nisanen, in den lateinischen Quellen heißt das Land pagus Niseni, regio Nisan oder später provincia und territorium – Wörter, die man grob mit „Gau“, „Landschaft“ und „Bezirk“ übersetzen kann. Ein Gau ist dabei kein Staat, sondern ein durch Flussläufe und Siedlungsgunst abgegrenzter Landstrich. Der Historiker Wolfgang Hessler beschrieb ihn als eine durch Flussläufe bestimmte, siedlungsgünstige Niederungslandschaft.
Der Name selbst wird meist als „Leute der Niederung“ gedeutet, abgeleitet vom altslawischen Wortstamm für „niedrig“. Das passt zur Geografie auffallend gut, bleibt aber eine sprachliche Deutung und kein Quellenwort: Kein mittelalterlicher Autor erklärt, was Nisan bedeutet. Die Nisanen gehören zu den Sorben im weiteren Sinn, also zu jenen westslawischen Gruppen, die zwischen Saale, Elbe und Neiße siedelten. Eine eigene Sprache oder Kultur, die sie von ihren Nachbarn deutlich abgesetzt hätte, lässt sich aus den Quellen nicht erkennen. Wenn es sie gab, hat sie keine Schriftzeugnisse hinterlassen.
Dresden spielt in dieser Frühzeit noch keine Rolle. Der Name der Stadt leitet sich vom altsorbischen drežďany ab, was etwa „Sumpf- oder Auwaldbewohner“ bedeutet, und er wird erstmals in einer Urkunde vom 31. März 1206 greifbar. Die Siedlung im Elbtal ist also älter als ihr Name in den Schriften; die Nisanen dagegen sind ein Name für die Landschaft, nicht für eine Stadt.
Wer sich über slawische Stämme des frühen Mittelalters informiert, stößt früher oder später auf den Bayerischen Geographen, eine kurze Stammesliste aus der Handschrift Clm 560 der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Sie zählt für zahlreiche Gruppen östlich der Elbe die Anzahl ihrer civitates auf – befestigte Plätze oder Siedlungsbezirke –, etwa 30 bei den Milzanen und 30 bei den Lunsizi. Die Datierung ist umstritten: Teile des Textes werden in die Zeit um die Mitte des 9. Jahrhunderts gerückt, andere Forscher denken an das späte 9. oder frühe 10. Jahrhundert. Eine Gruppe namens Nisani oder Nizici enthält die Liste jedoch nicht.
Das ist wichtig, weil der Name Nisanen gelegentlich so dargestellt wird, als stehe er im ältesten Stammesverzeichnis des Raumes. Das trifft nicht zu. Die Daleminzier, die westlichen Nachbarn, erscheinen dort unter der Form Talaminzi; die Nisanen fehlen. Ähnlich verhält es sich mit dem Hersfelder Zehntverzeichnis aus dem späten 9. Jahrhundert, das Zehntbezirke im Sorbenland aufzählt, darunter Talaminzi und Milzane, aber ebenfalls keinen Gau Nisan. Daraus wird in der Forschung die Vermutung abgeleitet, Nisan sei damals noch Teil Daleminziens gewesen und habe keinen eigenen, benannten Mittelpunkt besessen. Es ist ein Schluss aus dem Schweigen der Quellen und damit nur eine Hypothese.
Der erste Autor, der den Landstrich ausdrücklich nennt, ist Bischof Thietmar von Merseburg, der zwischen 1012 und 1018 seine Chronik schrieb. Im vierten Buch erzählt er von Ostern 984, als der abgesetzte bayerische Herzog Heinrich, den man „den Zänker“ nennt, in Quedlinburg einen Anspruch auf die Königswürde erhob. Auf dem Rückweg ließ ihn Herzog Boleslaw II. von Böhmen durch Nisan und Daleminzien geleiten – so jedenfalls fasst es die englische Übersetzung des Textes zusammen. Das Land der Nisanen war also eine Durchgangsregion zwischen Böhmen und dem sächsischen Kernland, und im Jahr 984 kontrollierte offenbar Böhmen diese Wege.
Der Herzog empfing ihn ehrenvoll und ließ ihn mit seinem Heer von den Grenzen seines Gebiets aus durch die Landschaften Nisan und Daleminzien geleiten.Thietmar von Merseburg, Chronik IV, 5; sinngemäße eigene Wiedergabe nach einer englischen Übersetzung, kein wörtliches Zitat
Im selben Kapitel liegt ein Kriminalfall verborgen, der zeigt, wie unsicher die Verhältnisse waren. Ein Gefolgsmann Boleslaws namens Wagio hielt sich in Meißen auf, ließ den dortigen Markgrafen Rikdag zu einer Unterredung bitten und lockte ihn in einen Hinterhalt, bei dem Rikdag am Triebischbach erschlagen wurde. Meißen war, so zeigt die Episode, zwischen Sachsen und Böhmen heiß umkämpft, und die Nisanen lebten in der Grauzone dazwischen.
Thietmar ist keine neutrale Quelle. Er schreibt als sächsischer Bischof, der die Interessen seiner eigenen Kirche im Blick hat, und er kennt das Land östlich der Saale zum Teil nur vom Hörensagen. Seine Angaben zum Gebiet sind deshalb eher Schlaglichter als Beschreibungen. Gerade bei den Nisanen kommt hinzu, dass eine zweite Thietmar-Stelle lange zu Unrecht auf sie bezogen wurde: Zum Jahr 1004 berichtet er, König Heinrich II. habe an der Elbe Schiffe zusammenziehen lassen, um einen Feldzug gegen Polen vorzutäuschen, während er tatsächlich nach Böhmen marschieren wollte. Der lateinische Text nennt dabei die Orte Boruz und Nisani. Ältere Forscher suchten diese Stelle im Dresdner Raum. André Thieme zeigte 2005 jedoch, dass es sich sehr wahrscheinlich um Neußen an der Elbe südöstlich von Torgau handelt, wo die Elbe an der „Hohen Straße“ Richtung Schlesien und Polen überquert wurde. Die Namensformen von 1251 („Nisene“) bis zum 16. Jahrhundert („Neissen“) stützen diese Gleichsetzung. Die Nisanen im Elbtalkessel haben mit dem Schiffsmanöver von 1004 demnach nichts zu tun.
Der älteste sichere Beleg für die Landschaft selbst stammt nicht aus einer Chronik, sondern aus einer Königsurkunde. Am 19. Juli 1013 schenkte König Heinrich II. dem verarmten Bistum Meißen sechs Dörfer. Eines davon, ein Ort namens Brochotina cethla, das heutige Brockwitz bei Coswig, liegt laut Text in pago Niseni, im Gau Nisan. Der Ortsname bedeutet in etwa „Siedlung eines Mannes namens Brochota“ und weist auf einen slawischen Gründer hin. Gedruckt ist die Urkunde im Codex diplomaticus Saxoniae regiae, Abteilung II, Band 1, als Nummer 19. Die Forschung weist darauf hin, dass die Ortsnamen in der Vorlage offenbar nachträglich in freigelassene Lücken eingetragen wurden – ein Hinweis darauf, dass man bei den Details dieses Dokuments vorsichtig sein muss.
Vorsicht ist bei den Meißner Urkunden überhaupt geboten. Das Bistum Meißen, 968 von Kaiser Otto I. gegründet, besaß ein starkes Interesse daran, seinen Besitz im Elbtal rechtlich abzusichern, und mehrere Urkunden des 10. und 11. Jahrhunderts, die ihm zugutekommen, gelten als verfälscht oder zumindest verdächtig. Die Landesgeschichte unterscheidet deshalb sorgfältig zwischen echten Königsurkunden wie der von 1013 und späteren Fälschungen, die in den 1130er- und 1140er-Jahren entstanden, als die Bischöfe von Meißen ihre Ansprüche auf westliche Orte des Nisanlandes untermauern wollten.
Wie wurde das Land verwaltet? Seit dem 10. Jahrhundert setzten die ostfränkischen und sächsischen Könige im Sorbenland auf Burgwarde. Ein Burgward ist ein Bezirk, in dessen Mittelpunkt eine Burg steht, die den umliegenden Dörfern Schutz bot und zugleich die Abgaben- und Herrschaftsrechte sicherte. Das Wort kommt aus dem Altsächsischen und bezeichnet sowohl die Burg als auch ihren Sprengel. Meißen selbst, so berichtet Thietmar, ließ König Heinrich I. auf einem damals dicht bewaldeten Berg über der Elbe anlegen; in der Forschung wird die Gründung meist auf das Jahr 929 gelegt.
Für den Gau Nisan sind mehrere Burgwarde überliefert, die sich allerdings nur teilweise sicher lokalisieren lassen. Briesnitz (sorbisch Breźnica, „Birkenort“) im Westen des heutigen Dresden sicherte eine Elbfurt; es wird in einer um 1071 datierten Urkunde greifbar, die allerdings erst in den 1140er-Jahren zurückdatiert niedergeschrieben wurde. Als weitere Burgwarde gelten Wosice (Woz), wahrscheinlich auf dem Burgberg bei Niederwartha, und Bvistrizi, dessen Lage umstritten ist; Pesterwitz, Coschütz und das Plauener Gebiet sind im Gespräch. Dohna am südlichen Rand des Elbtalkessels erscheint 1040 in einer deutschen Urkunde und wird manchmal als weiterer Burgwardmittelpunkt gedeutet.
Ein archäologisches Beispiel liegt mit der Heidenschanze in Dresden-Coschütz hoch über dem Weißeritztal. Der Sporn wurde schon in der Bronzezeit befestigt, danach liegt eine lange Besiedlungslücke, bis in der elbslawischen Phase zwischen etwa 900 und 1100 erneut gesiedelt wurde. Nach einer verbreiteten Darstellung eroberte Markgraf Heinrich I. von Meißen den Platz um 1100. Ob die Anlage aber ein Burgwardmittelpunkt war oder eher ein Zufluchtsort, bleibt eine Frage der Interpretation.
Die Nisanen lebten nicht allein. Im Westen schloss sich Daleminzien an, das Land um Lommatzsch; Thietmar erklärt gleich im ersten Buch seiner Chronik, jene Provinz heiße bei den Deutschen Daleminzien, bei den Slawen aber Lommatzsch. Die Daleminzier sind ein eigener Name neben den Nisanen, doch das Schicksal beider Landschaften war eng verknüpft: Die Landschaft Nisan galt aus Sicht der Quellen entweder als Teil Daleminziens oder als dessen östliche Nachbarin.
Im Osten, jenseits der Heide, begann das Land der Milzener um Bautzen. Von ihnen weiß Thietmar, dass Heinrich I. sie unterwarf und zu Tributzahlungen zwang, und dass ihr Land 1002 unter die Herrschaft des polnischen Herzogs Bolesław Chrobry geriet; erst 1031 wurde es wieder in die Mark Meißen eingegliedert. Politisch und religiös lagen die Nisanen also zwischen mehreren Machtblöcken: Im Süden das böhmische Reich der Přemysliden, im Westen Meißen und die sächsische Kirche, im Osten das umstrittene Land der Milzener, später die polnischen Piasten. Das Verhältnis zu den Tschechen war dabei besonders eng, weil die Besiedlung nach Ansicht mancher Forscher aus Böhmen kam und über den Kulmer Steig, einen Handelsweg von Prag über das Erzgebirge nach Halle, dauerhaft mit dem Süden verbunden blieb.
Bemerkenswert ist, dass die Nisanen offenbar nie in den Nachrichten über Aufstände auftauchen, die das sorbische Gebiet im 10. Jahrhundert erschütterten. Ob das bedeutet, dass sie sich ruhig verhielten, oder nur, dass die Chronisten sie nicht beachteten, lässt sich nicht entscheiden. Ein Stamm im Sinne einer politischen Einheit mit eigenem Fürsten ist für Nisan nirgends bezeugt. Nördlich davon lag das Gebiet der Lusizer, mit denen die Nisanen die dünne Quellenlage teilen.
Die Spuren, die die Nisanen im 12. Jahrhundert hinterlassen, sind zugleich ihre letzten. Nach der Darstellung der Landesgeschichte blieb das Elbtal lange unter dem Einfluss Böhmens. Als Herzog Vladislav II. von Böhmen 1142 nach einer militärischen Niederlage gegen aufständische Mährer unter anderem den Gau Nisan an König Konrad III. abtreten musste, wurde die Landschaft von diesem 1143 in die Markgrafschaft Meißen eingegliedert. Damit endet die Geschichte Nisans als eigenständige Landschaft; die Besiedlung durch deutsche Bauern nahm nun deutlich zu, und die Mark Meißen wurde zur Kernlandschaft des späteren Sachsen.
Der Name Nisan lebte als Landschaftsbezeichnung noch eine Weile fort; im 13. Jahrhundert erscheint er in den Quellen als territorium Niseni. Dann verschwand er aus dem Sprachgebrauch. Was blieb, sind Ortsnamen: In den höher gelegenen Randgebieten mit schlechteren Böden häufen sich nach Beobachtungen des Namenforschers Walter Wenzel Namen, die aus gewöhnlichen Wörtern gebildet sind, während die besseren Böden der Niederung ein anderes Namenbild zeigen. Solche Muster erlauben es, die Siedlungsgeschichte aus der Landkarte herauszulesen, auch wenn keine Urkunde sie erzählt.
Die Nisanen sind ein Lehrstück für den Umgang mit dünner Überlieferung. Gesichert ist eine Landschaft namens Nisan in der Elbtalweitung zwischen Pirna und Meißen, die in zwei Zeugnissen des frühen 11. Jahrhunderts fassbar wird: bei Thietmar und in der Urkunde von 1013. Gesichert ist auch, dass diese Landschaft an der Grenze zwischen Böhmen und der Mark Meißen lag, und dass sie 1142 an König Konrad III. kam. Vieles andere – die Zugehörigkeit zu Daleminzien, die Herkunft der Siedler, ihre Zahl, ihre Religion vor der Christianisierung – bleibt Vermutung. Wer das Wort „Stamm“ für sie verwendet, sollte sich bewusst sein, dass es sich um einen modernen Ordnungsbegriff handelt, der die Zustände im Elbtal wahrscheinlich besser trifft, als das mittelalterliche Selbstverständnis es getan hätte. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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