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Nordische Jungennamen – was wirklich belegt ist

Ratgeber & Wissen Nordische Jungennamen – was wirklich belegt ist

Ein altnordischer Name ist kein Wort, sondern ein Bausatz. Zwei Glieder, aus einem festen Vorrat zusammengesetzt, oft weitergereicht vom toten Großvater an das neugeborene Kind. Wer heute „Wikingernamen" sucht, findet Listen, in denen Ragnar neben Odin steht und Björn neben Freya. Der eine Teil davon steht auf Runensteinen aus dem 11. Jahrhundert. Der andere wurde im 19. Jahrhundert erfunden, als die Romantik den Norden entdeckte. Wir sortieren das – mit Beleg, mit Bedeutung, und mit einem ehrlichen „weiß man nicht", wo die Etymologie strittig ist.

Der Runenstein Ög 81 von Högby
Der Runenstein von Högby in Östergötland (Ög 81). Seine Inschrift nennt fünf Brüder und erzählt, wo jeder von ihnen starb – eine Namensliste aus erster Hand. Foto: Berig, CC BY 2.5.

Zwei Wörter, ein Name

Die meisten germanischen Namen sind zweigliedrig. Vorn steht ein Wort aus einem großen Vorrat – þór- (der Gott Thor), sig- (Sieg), ragin- (Ratschluss der Götter), arn- (Adler), her- (Heer), ás- (Gott, Ase). Hinten steht eines aus einem kleineren – -steinn, -bjǫrn (Bär), -valdr (Walter), -mundr (Schutz), -ulfr (Wolf), -geirr (Speer), -ketill (Kessel, wohl auch Helm). Þorsteinn ist „Thor-Stein", Ragnvaldr „Rat-Walter", Arnbjǫrn „Adler-Bär".

Und genau hier fängt das Missverständnis an, das jede zweite Namensliste im Netz wiederholt. Die beiden Glieder mussten zusammen keinen Sinn ergeben. Ein Arnbjǫrn war weder Adler noch Bär. Der Frauenname Gunnhildr besteht aus zwei Wörtern, die beide „Kampf" bedeuten. Namen wurden nicht als Sätze gelesen, sondern als Erbstücke getragen. Wer heute einem Namen eine schöne Gesamtbedeutung andichtet, macht aus einem Werkzeug ein Motto.

Daneben gibt es eingliedrige Namen. Bjǫrn, Ulfr, Steinn, Ormr („Schlange, Drache"), Sveinn („junger Mann, Gefolgsmann"), Búi („der Ansässige"). Manche davon sind Kurzformen längerer Namen, andere waren nie etwas anderes. Bei vielen lässt sich das nicht mehr entscheiden.

Wie ein Name in der Sippe weitergereicht wurde

Der Runenstein U 1034 steht bei der Kirche von Tensta in Uppland. Drei Brüder ließen ihn für ihren Vater setzen: Þorbjǫrn, Þorsteinn und Styrbjǫrn für Þorfastr. Geritzt hat ihn Öpir, einer der produktivsten Ritzer des späten 11. Jahrhunderts. In vier Namen steht dreimal Þór-. Das ist kein Zufall, sondern das Prinzip der Variation: Ein Glied des Vaternamens wandert in die Namen der Kinder und macht die Zugehörigkeit hörbar. Der dritte Sohn, Styrbjǫrn, erbt das andere Glied, -bjǫrn.

Das zweite Prinzip ist die Nachbenennung. Ein Kind bekam den Namen eines verstorbenen Verwandten, häufig eines Großelternteils. Dahinter stand mehr als Pietät: Mit dem Namen ging, so die verbreitete Vorstellung, etwas vom Glück und von der Kraft des Toten auf den Lebenden über. Mehr zu dieser Welt steht in unserem Artikel über Sippe und Familie.

Das dritte Prinzip ist der Stabreim. In der Überlieferung über die Ynglinger folgen Dómaldi, Dómarr, Dyggvi und Dagr aufeinander – vier Generationen, ein Anlaut. Dass Herrschergeschlechter so gebaut wurden, ist gut sichtbar; ob die Namen in dieser Reihenfolge je so vergeben wurden oder ob spätere Dichter sie geordnet haben, ist eine andere Frage.

Eine Regel war das alles nicht. Der Stein Ög 81 aus Högby in Östergötland zählt die fünf Söhne eines Mannes namens Gulli auf: Ásmundr, Ǫzurr, Halfdan, Kári und Búi. Kein gemeinsames Namenglied, nirgends. Fünf Brüder, fünf Bausteine.

Götter im Namen – und die Grenze

Das häufigste Namenglied des Nordens ist Þór-. In der Landnámabók, dem isländischen Buch der Landnahme, beginnen sieben der zehn häufigsten Männernamen damit: Þorsteinn, Þórðr, Þorkell, Þorbjǫrn, Þórir, Þorgeirr, Þórarinn. Dazu kommen Namen mit Frey- und mit Ás- (Ásmundr, Ásgeirr, Ásbjǫrn).

Was dagegen fast völlig fehlt, ist der blanke Göttername als Rufname. Niemand hieß Þórr, niemand hieß Freyr. Man trug den Gott im Namen, nicht als Namen. Die Ausnahmen sind zwei, und sie betreffen ausgerechnet Odin: der dänische Bischof Óðinkárr von Ribe (bezeugt seit 1005, gestorben 1043) und die Frau Óðindísa auf dem Stein Vs 24 aus Hassmyra in Västmanland – ein Name, der sonst nirgends vorkommt. Das zweite Glied von Óðinkárr ist bis heute nicht sicher gedeutet.

Der zweite Name: Beinamen

Ein Rufname allein half wenig, wenn im selben Tal vier Männer Þorsteinn hießen. Also kam der Beiname dazu, altnordisch viðrnefni. Paul Peterson hat 2015 in seiner Dissertation 517 altnordische Beinamen zusammengetragen, die meisten davon aus der Landnámabók.

Sie beschreiben Aussehen, Herkunft, Handwerk, Charakter, Erfolg und Misserfolg: Ketill flatnefr, „Flachnase". Þorsteinn ógæfa, „Unglück". Haraldr hárfagri, „Schönhaar" – der nach der Überlieferung vorher lúfa hieß, „Zottelkopf". Beinamen konnten spöttisch sein, und sie konnten vererbt werden.

Auf Runensteinen sind sie selten. Der ganz überwiegende Teil des runischen Namenmaterials besteht aus nackten Rufnamen plus Verwandtschaftsangabe: X ließ den Stein setzen nach Y, seinem Vater. Wer einen Beinamen auf einem Stein sucht, muss lange suchen.

Rund dreißig Namen mit Beleg

Die folgende Auswahl nennt zu jedem Namen eine Fundstelle. Runensteine sind nach der Samnordisk runtextdatabas zitiert, die isländischen Namen nach der Landnámabók. Bedeutungen stehen nur dort, wo die Forschung sich einig ist.

Wo die Etymologie strittig ist

Bei manchen der bekanntesten Namen endet die Sicherheit früher, als Namenslisten es wahrhaben wollen.

Ívarr lässt sich auf zwei verschiedene Grundformen zurückführen, eine mit „Eibe", eine mit dem Ing-Element – beides wird vertreten. Óláfr geht auf ein *Anu-laibaʀ zurück, wobei die Deutung des zweiten Glieds („Nachkomme", „Erbe") diskutiert wird. Bei Eiríkr streitet man über das erste Glied: „allein" oder „immer". Ketill heißt wörtlich „Kessel"; ob im Namen der Opferkessel oder der Helm gemeint war, ist offen.

Dazu kommt ein handfestes Leseproblem. Das jüngere Futhark hat nur sechzehn Zeichen, und es unterscheidet nicht zwischen stimmhaften und stimmlosen Lauten. Die Glieder Guð- („Gott") und Gunn- („Kampf") sehen in Runen oft gleich aus. Wer eine Bedeutung angibt, gibt in solchen Fällen eine Wahrscheinlichkeit an, keine Tatsache. Wie das Schriftsystem funktioniert, erklären wir in unserer Einführung in die Runen.

Welche „Wikingernamen" erst modern sind

Hier trennt sich die Spreu. Ragnar, Björn, Ivar, Harald, Knut, Sven, Erik, Sigurd, Leif, Flóki und Hrólfr (Rollo) sind alt und belegt. Andere Namen aus denselben Listen sind es nicht.

Odin, Balder, Loke und Freja gelten in der skandinavischen Namenforschung als junge Bildungen: In den Namenbüchern erscheinen sie erst im 19. und 20. Jahrhundert, Loke ist noch einmal deutlich jünger. Dahinter steht die Nationalromantik, die Göttinnen und Götter zu Taufnamen machte – genau das, was die Wikingerzeit vermieden hatte. Thor als blanker Rufname ist etwas älter, gehört aber ebenfalls nicht in die Wikingerzeit.

Und Lagertha? Der Name steht bei Saxo Grammaticus um 1200 als Lathgertha, in einem lateinischen Text über eine Frau, die es so wohl nie gab. Als altnordischer Frauenname ist er nicht belegt. Wir haben dazu einen eigenen Artikel über Lagertha.

Das ist kein Grund, einen Namen nicht zu mögen. Es ist nur ein Grund, ihn richtig einzuordnen. Wer eine Gravur bestellt, will meistens wissen, woran er ist.

Beleg, Überlieferung, Deutung – getrennt

Zeitgenössisch belegt sind die Namen auf Runensteinen des 9. bis 11. Jahrhunderts, dazu Namen in fränkischen, angelsächsischen und arabischen Texten der Zeit. Hier steht der Name auf dem Stein, den jemand für einen Toten setzen ließ, den er kannte.

Spätere Überlieferung sind die isländischen Texte des 12. bis 14. Jahrhunderts: Landnámabók, Sagas, Königsgeschichten. Sie nennen tausende Namen und sind für das Namengut unersetzlich – aber sie schreiben über eine Zeit, die zweihundert bis vierhundert Jahre zurücklag.

Moderne Deutung sind die Etymologien. Die Grundformen der meisten Namenglieder sind gesichert, die Deutung einzelner Namen ist es oft nicht.

Moderne Erfindung sind die Göttervornamen des 19. und 20. Jahrhunderts und die Namen aus Fernsehserien und Spielen, die sich in Namenslisten geschlichen haben.

Wer nach einem Namen sucht, findet in unserem Namens-Lexikon mit Runenumschrift die Schreibung im jüngeren Futhark dazu. Die weibliche Seite derselben Welt steht bei den nordischen Mädchennamen. Ein Name ist das Kürzeste, was ein Mensch hinterlässt, und auf einem Stein hält er tausend Jahre. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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