Auf einem Stein in Västmanland steht ein Satz, den ein Mann um 1070 für seine tote Frau in Verse setzen ließ: Nach Hassmyra komme keine bessere Hausherrin. Ihr Name war Óðindísa, und er kommt sonst nirgends vor. Solche Steine sind selten, und genau das macht sie wichtig. Frauennamen der Wikingerzeit stehen auf Runensteinen, in der Landnámabók, in den Sagas – aber sie stehen dort in deutlich geringerer Zahl als Männernamen. Wir zeigen, welche Namen wirklich belegt sind, was sie bedeuten, und was die Lücken über die Überlieferung verraten.

Der Bauplan ist derselbe wie bei den Männernamen: zwei Glieder aus einem festen Vorrat. Nur der hintere Vorrat ist ein anderer. Statt -steinn, -valdr und -ulfr stehen dort -fríðr (schön, geliebt), -gerðr, -hildr (Kampf), -dís (weibliche Schutzgottheit), -laug, -bjǫrg (Hilfe, Rettung), -unnr (Welle), -vé (Heiligtum), -veig.
Vorn stehen dieselben Wörter wie bei den Männern: Þór-, Ás-, Ing-, sig- (Sieg), geirr (Speer), ragin- (Ratschluss der Götter), hall- (Stein). Ástríðr ist „Gott" plus „schön", Ragnhildr „Rat" plus „Kampf", Ingibjǫrg „Ing" plus „Hilfe".
Auch hier gilt: Die Glieder mussten zusammen keinen Sinn ergeben. Gunnhildr besteht aus zwei Wörtern, die beide „Kampf" bedeuten. Das ist keine Kriegserklärung, sondern ein Baukasten, der sich selbst zitiert. Und wie bei den Männern gibt es Kurzformen, deren Grundform sich nicht mehr sicher rekonstruieren lässt: Tóla, Tófa, Inga, Gróa.
Runensteine nennen zuerst den Auftraggeber, dann den Toten. Frauen stehen in dieser ersten Position häufiger, als die Vorstellung vom männlichen Steinesetzen vermuten lässt. Birgit Sawyer hat daraus eine These gemacht: Runensteine seien vor allem Erbschaftserklärungen gewesen. Wer einen Stein setzen ließ, machte öffentlich, wer nach wem erbte – und weil Frauen im Norden erben konnten, erscheinen sie als Auftraggeberinnen. Die These ist nicht unwidersprochen geblieben, aber sie erklärt die Formel besser als jede andere.
Das ausführlichste Beispiel liegt auf Färingsö im Mälaren. Der Stein U 29 von Hillersjö erzählt in mehreren Sätzen eine Familiengeschichte über drei Generationen: Geirlaug heiratete Geirmundr, der Sohn ertrank; sie heiratete Guðríkr, von den Kindern überlebte nur Inga; Inga heiratete Ragnfastr in Snottsta, Mann und Kind starben, sie erbte; dann heiratete sie Eiríkr, und als Inga starb, erbte ihre Mutter Geirlaug von ihrer eigenen Tochter. Der Stein endet mit einer Aufforderung: Raþ þu runaʀ – deute du die Runen.
Dazu kommen Steine, auf denen Frauen für Frauen sprechen. Auf dem Dynna-Stein N 68 in Hadeland ließ Gunnvǫr, Tochter des Þrýðríkr, eine Brücke bauen zum Gedenken an ihre Tochter Ástríðr – „die geschickteste Maid in Hadeland". Der Stein entstand um 1040 bis 1050 und trägt die Heiligen Drei Könige im Bild. Auf U 489 aus Morby ließ Gullaug eine Brücke für ihre Tochter Gillaug machen. Und in Jütland ließ Tófa, Tochter des Obodritenfürsten Mistivir und Frau Harald Blauzahns, den Stein DR 55 für ihre Mutter setzen.
Die bekannteste Auftraggeberin Dänemarks ist Ragnhildr. Sie setzte den Glavendrup-Stein DR 209 für ihren Mann Alli und, nach der üblichen Zuordnung, auch den Stein von Tryggevælde DR 230 – beide mit demselben Ritzer Sóti und beide mit einer Fluchformel gegen jeden, der den Stein versetzt.
Und dann Vs 24 aus Hassmyra: Holmgautr ließ ihn für Óðindísa setzen, seine Frau, in Versen im Fornyrðislag. Mehr zu den Spielräumen, die Frauen in dieser Welt hatten, steht in unserem Artikel über Frauen in der Wikingerzeit.
Runensteine nach der Samnordisk runtextdatabas, isländische Namen nach der Landnámabók und den Sagas. Bedeutungen nur, wo die Forschung sich einig ist.
Die isländischen Texte des 13. Jahrhunderts sind die reichste Namensquelle, die wir haben. Sie sind aber auch die jüngste. Zwischen der Landnahme um 900 und der Niederschrift liegen dreihundert Jahre, in denen Namen weitergegeben, umgeformt und literarisch ausgesucht wurden.
Ein Beispiel dafür steht mitten in der Überlieferung. Die Frau, die mit ihrem eigenen Schiff von Schottland nach Island fuhr, heißt in der Íslendingabók und in der Landnámabók Auðr, in der Laxdæla saga aber Unnr. Auch ihr Beiname schwankt: djúpúðga, „die Tiefsinnige", wird in einem Teil der Handschriften zu djúpauðga, „die Tiefreiche". Eine Frau, zwei Namen, zwei Bedeutungen – und wir haben keine Möglichkeit, hinter die Texte zu kommen. Ihre Geschichte erzählen wir bei Aud der Tiefsinnigen.
Ähnlich verhält es sich mit Sigríðr storráða, „Sigrid der Hochmütigen", die in den Königssagas als Gegenspielerin Olav Tryggvasons auftritt. Seit dem späten 19. Jahrhundert bezweifelt die Forschung, dass es sie gegeben hat; wahrscheinlich sind in ihr mehrere Frauen zusammengeflossen, darunter die polnische Fürstentochter, die bei Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen auftaucht. Der Name Sigríðr ist echt. Die Person ist es vermutlich nicht.
Die Schieflage ist deutlich. Die Landnámabók nennt erheblich mehr verschiedene Männer- als Frauennamen. Und von den 517 altnordischen Beinamen, die Paul Peterson zusammengetragen hat, gehören nur rund drei Prozent Frauen.
Das heißt nicht, dass Frauen weniger Namen hatten. Es heißt, dass weniger über sie geschrieben wurde. Die Texte interessieren sich für Besitz, Fehde, Erbfolge und Abstammung – und dort erscheinen Frauen als Töchter, Mütter, Witwen und Erbinnen, selten als Handelnde mit eigener Geschichte. Wo sie doch im Mittelpunkt stehen, wird es sofort konkret: eine Hausherrin, die einen Hof führt, eine Seherin, eine Witwe, die einen Stein bezahlt.
Und es heißt, dass man mit populären Behauptungen vorsichtig sein sollte. Die kämpfende Frau, die heute jede Namensliste als Erklärung mitliefert, ist ein eigenes Thema mit sehr dünner Quellenlage – wir haben es bei der Schildmaid auseinandergenommen.
Frögärd in Ösby gilt in vielen Texten als Runenritzerin. Sie war keine. Erik Brate hatte 1926 eine Zeichenfolge auf U 203 als Ritzersignatur gelesen; Elias Wessén zeigte 1943, dass sich die Stelle so nicht lesen lässt. Geritzt hat den Stein Åsmund Kåresson. Frögärd ist auf dem Stein die Enkelin – und nach Sawyers Deutung ging es dem Großvater genau darum, ihr Erbe abzusichern.
Eine Ritzerin ist dagegen namentlich bekannt: Gunnborga, die auf der Inschrift Hs 21 in Hälsingland als Ritzerin erscheint. Sie ist der einzige gesicherte Fall im ganzen Bestand. Ob es weitere gab, wissen wir nicht – Ritzersignaturen sind insgesamt selten.
Astrid, Sigrid, Ragnhild, Thora, Gudrun, Ingeborg, Helga, Tove, Inga und Signe sind alt und belegt. Andere Namen, die heute in denselben Listen stehen, sind es nicht.
Freja und Freya sind als Vornamen erst im 20. Jahrhundert nachgewiesen. In der Wikingerzeit war Freyja der Name einer Göttin und daneben schlicht ein Wort für „Herrin" – Menschen hießen nicht so. Ylva klingt uralt und ist als Vorname jung: gebildet als weibliche Form zu Ulf, aus der Wikingerzeit nicht belegt. Saga und Idun folgen demselben Muster: Götternamen, die im 19. und 20. Jahrhundert zu Rufnamen wurden. Und Lagertha steht als Lathgertha nur bei Saxo Grammaticus um 1200, in einem lateinischen Text – als altnordischer Frauenname ist die Form nicht belegt.
Wer ein Schmuckstück mit einem Namen gravieren lässt, soll wissen, was er in der Hand hält: einen Namen aus dem 11. Jahrhundert oder einen aus dem 19. Beides ist in Ordnung. Nur verwechseln sollte man es nicht.
Zeitgenössisch belegt sind die Frauennamen auf Runensteinen des 10. und 11. Jahrhunderts: Óðindísa, Geirlaug, Inga, Ragnhildr, Tófa, Tóla, Ástríðr, Gunnvǫr, Þyrvé. Hier steht der Name dort, wo ihn Zeitgenossen hingesetzt haben.
Spätere Überlieferung sind Landnámabók und Sagas des 12. bis 14. Jahrhunderts. Sie liefern das meiste Namengut – und die meisten Geschichten, die man besser nicht für Berichte hält.
Moderne Deutung sind die Etymologien, bei Frauennamen oft unsicherer als bei Männernamen, weil Glieder wie -laug, -gerðr und -ríðr nicht eindeutig geklärt sind.
Moderne Erfindung sind Göttinnennamen als Vornamen und Figuren aus Serien und Spielen.
Die Schreibung im jüngeren Futhark zu jedem dieser Namen steht in unserem Namens-Lexikon mit Runenumschrift; die männliche Seite derselben Welt bei den nordischen Jungennamen. Ein Name auf einem Stein ist oft das Einzige, was von einem Menschen geblieben ist. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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