Wenn wir heute von „Wikingerkönigen" sprechen, entsteht schnell das Bild eines mächtigen Alleinherrschers auf einem Thron aus Drachenholz. Die Wirklichkeit war bunter, härter und viel zersplitterter: über Jahrhunderte teilten sich unzählige Klein- und Regionalkönige den Norden, und erst spät gelang es einzelnen Männern, ganze Reiche zu einen. Dieser Überblick führt durch die wichtigsten Herrscher – und trennt dabei sauber, was Quellen belegen und was die Sagas erst später dazugedichtet haben.

Königsherrschaft in der Wikingerzeit war kein Selbstläufer. Es gab keinen automatischen Erbthron, auf den der älteste Sohn einfach nachrückte. Ein Königssohn hatte gute Aussichten, aber er musste anerkannt werden – von den mächtigen Familien, den Gefolgsleuten und nicht zuletzt vom Thing, der Versammlung freier Männer. In Norwegen und auf Island war die Zustimmung der Landschaftsthinge zentral; ein Herrscher, der das Recht brach oder die Großen gegen sich aufbrachte, konnte ebenso schnell abgesetzt oder erschlagen werden, wie er aufgestiegen war.
Zugleich haftete dem Königtum ein sakraler Schimmer an. Viele Herrscherhäuser leiteten ihre Abstammung von den Göttern ab – die norwegischen Ynglinge etwa von Freyr, andere von Odin. Ob es ein echtes „Königsheil" gab, an das man glaubte, oder ob das eine spätere literarische Verklärung ist, bleibt umstritten. Sicher ist: Ein König musste Erfolg bringen – gute Ernten, Beute, Sieg. Blieb der Erfolg aus, war auch die Legitimität schnell dahin.
Vor allem aber gab es lange keinen einzigen König „über ganz Skandinavien". Norwegen, Dänemark und Schweden waren keine festen Staaten, sondern Landschaften voller konkurrierender Kleinkönige, Jarle und Häuptlinge. Die Einigung dieser Reiche ist die eigentliche große Geschichte der Wikingerzeit – und sie zog sich über Generationen.
Am Anfang der norwegischen Königsreihe steht Harald Hárfagri, Harald Schönhaar. Nach der Überlieferung schwor er, sich Haar und Bart nicht zu schneiden, bis er ganz Norwegen unter sich vereint habe – daher der Beiname. Der Wendepunkt war die Seeschlacht im Hafrsfjord (traditionell um 872 datiert), in der er die verbündeten Gegenkönige des Südwestens schlug. Viele Große, die sich nicht unterwerfen wollten, sollen daraufhin ausgewandert sein, unter anderem nach Island. Mehr über Harald Schönhaar und die Reichseinigung →
Man muss hier vorsichtig sein: Harald ist historisch, seine Einigung Norwegens aber wird vor allem in Königssagas des 13. Jahrhunderts erzählt, also gut dreihundert Jahre später. Wie umfassend seine Herrschaft wirklich war, ist in der Forschung umstritten. Dass er als Ahnherr und Gründungsfigur galt, ist dagegen unbestreitbar – fast alle späteren norwegischen Könige führten sich auf ihn zurück.
Haralds Nachfolge zeigt exemplarisch, wie brüchig das Königtum war. Sein Sohn Erik erhielt den Beinamen Blóðøx, Blutaxt – nach der Sage, weil er sich mit dem Blut mehrerer Brüder den Weg zur Alleinherrschaft freigekämpft habe. Er konnte sich in Norwegen nicht halten und wurde zweimal König im nordenglischen York. Die Münzen aus York mit der Aufschrift ERIC REX sind einer der härtesten Belege überhaupt für einen namentlich fassbaren Wikingerkönig auf englischem Boden. Er fiel um 954, und mit ihm endete das Wikingerkönigtum von York. Mehr über Erik Blutaxt und York →
In Dänemark beginnt die durchgängig fassbare Königsreihe mit Gorm dem Alten. Er ist der erste dänische König, dessen Herrschaft sich zuverlässig greifen lässt, und er begründete die Dynastie der Jelling-Könige. Sein Denkmal steht bis heute im jütländischen Jelling: der kleine Runenstein, den er für seine Frau Thyra setzen ließ. Gorm selbst war noch Heide – die große Wende kam erst mit seinem Sohn.
Harald Blauzahn (Haraldr blátǫnn) ist die Schlüsselfigur des dänischen 10. Jahrhunderts. Er einte das Reich, nahm das Christentum an und ließ ein Netz gewaltiger Ringburgen (Trelleborg, Fyrkat, Aggersborg, Nonnebakken, Borgring) errichten – Ausdruck einer erstaunlich organisierten Königsmacht. Sein bekanntestes Zeugnis ist der große Jelling-Stein, oft „Dänemarks Taufschein" genannt, mit der ältesten Christusdarstellung des Nordens.
König Harald ließ diese Denkmäler machen nach Gorm, seinem Vater, und nach Thyra, seiner Mutter – jener Harald, der sich ganz Dänemark gewann und Norwegen, und die Dänen zu Christen machte.Inschrift des großen Jelling-Steins (DR 42), sinngemäße Übersetzung
Kaum eine Königsinschrift bringt das Programm so knapp auf den Punkt: Reichseinigung plus Christianisierung, in Stein gemeißelt. Mehr über Harald Blauzahn, Jelling und die Ringburgen →
Haralds Sohn Sven Gabelbart (Sveinn tjúguskegg) führte die dänische Macht auf einen neuen Höhepunkt. Nach Jahren der Züge gegen England setzte er 1013 zur Eroberung an, vertrieb König Æthelred und wurde als König anerkannt – nur um wenige Wochen später, Anfang 1014, überraschend zu sterben. Er war der Vater Knuts, der das Werk vollenden sollte. Mehr über Sven Gabelbart →
Knut (Knútr inn ríki) ist der mächtigste Herrscher der Wikingerzeit überhaupt. Er wurde König von England (1016), erbte Dänemark und gewann zeitweise auch Norwegen – ein Nordseereich, das England und Skandinavien unter einer Krone verband. Knut regierte nicht als plündernder Wikinger, sondern als christlicher Großkönig, der mit Kaiser und Papst verkehrte und 1027 sogar nach Rom reiste. Um seinen Namen rankt sich die berühmte Gezeiten-Legende: Knut habe dem Meer befohlen, zurückzuweichen – nicht aus Größenwahn, wie oft erzählt, sondern nach der ältesten Fassung als Demutslehre, um seinen Höflingen zu zeigen, dass irdische Macht vor Gott nichts gilt. Mehr über Knut den Großen und das Nordseereich →
In Norwegen wurde die Christianisierung von zwei Königen namens Olav durchgesetzt – oft mit Härte. Olav Tryggvason, glänzender Krieger und Seefahrer mit dem Prachtschiff Ormrinn langi, missionierte mit Nachdruck und fiel um das Jahr 1000 in der Seeschlacht von Svolder gegen eine Übermacht. Mehr über Olav Tryggvason →
Olav Haraldsson, später Olav der Heilige, festigte das Christentum, wurde aber von aufständischen Großen und dänischer Macht vertrieben. Bei seinem Rückkehrversuch fiel er 1030 in der Schlacht von Stiklestad. Kurz darauf wurde er heiliggesprochen und zum rex perpetuus, zum „ewigen König" Norwegens – aus dem gescheiterten Herrscher wurde der wichtigste Heilige des Nordens. Sein Grab in Nidaros (Trondheim) wurde zum Pilgerziel.
Harald Hardrada, der „Harte Ratgeber", ist wie kaum ein anderer die Verkörperung des Wikingerzeitalters an seinem Ende. Als junger Mann floh er nach Stiklestad, diente jahrelang in der berühmten Warägergarde des byzantinischen Kaisers, sammelte in Konstantinopel Ruhm und Reichtum und kehrte als König nach Norwegen zurück. 1066 setzte er nach England über, um die englische Krone zu gewinnen – und fiel in der Schlacht von Stamford Bridge. Sein Tod gilt vielen als das eigentliche Ende der Wikingerzeit, nur Wochen vor der normannischen Eroberung bei Hastings. Mehr über Harald Hardrada und Stamford Bridge →
Nicht jeder mächtige Wikinger wurde König in Skandinavien. Rollo (Hrólfr) erhielt nach der Überlieferung 911 im Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte vom westfränkischen König Land an der Seinemündung – die spätere Normandie. Aus seinen Nachkommen ging jenes Herrscherhaus hervor, das 1066 mit Wilhelm dem Eroberer England eroberte. Aus einem Wikingeranführer wurde so ein Herzogsgeschlecht, das die europäische Geschichte prägte. Mehr über Rollo und die Normandie →
Die großen Könige der Wikingerzeit stehen für einen der spannendsten Umbrüche der europäischen Geschichte: von der Welt der Häuptlinge und Kleinkönige zu den christlichen Reichen des Hochmittelalters. Sie waren Krieger und Staatsmänner, Heiden und Christen, Eroberer und Gesetzgeber – und ihre Geschichten sind gerade deshalb so kraftvoll, weil sie an der Schwelle zwischen alter und neuer Zeit stehen. Wer ihre Namen ehrlich betrachtet, sieht keine Fantasy-Helden, sondern echte Menschen, die um Macht, Anerkennung und ein Nachleben in der Erinnerung rangen – und das ist mindestens so beeindruckend wie jede Sage.

Harald Blauzahn · Knut der Große · Harald Hardrada · Erik Blutaxt · Rollo von der Normandie · Ragnar Lodbrok.
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