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Die Stodoranen: Das Volk an der mittleren Havel

Geschichte & Funde Die Stodoranen: Das Volk an der mittleren Havel

Wer in alten Quellen nach dem Volk um Brandenburg an der Havel sucht, findet nicht einen Namen, sondern mehrere: Hevelli bei Widukind von Corvey, Stoderania bei Thietmar von Merseburg, Havolane in der modernen Literatur. Hinter allen steht dieselbe Gruppe westslawischer Siedler. Dieser Beitrag klärt die Namen, geht die schriftlichen Zeugnisse der Reihe nach durch und trennt, was die Chronisten wirklich schreiben, von dem, was Forschung und spätere Erzählung daraus gemacht haben.

Ein Volk, drei Namen

Die Stodoranen gehörten zu den Westslawen, also zu jenen slawischsprachigen Gruppen, die seit dem 6. und 7. Jahrhundert das Land zwischen Ostsee, Elbe und Oder besiedelten und deren Nachbarn im Westen Sachsen waren. Ihr Kerngebiet lag an der mittleren Havel, um die Burg Brandenburg. Den Stamm nennt die deutsche Forschung meist Heveller; wie die Heveller im Überblick aussehen, steht in einem eigenen Beitrag. Hier geht es um die Frage, die dort nur gestreift wird: Wie verhalten sich die Namen zueinander, und wer bezeichnet wen?

Drei Namensformen sind zu unterscheiden. Heveller (lateinisch Hevelli) ist ein Fremdname, der vom Fluss Havel abgeleitet ist. Havolane ist eine Neubildung der Forschung, die denselben Flussnamen in einer altslawischen Form wiedergibt; ein zeitgenössischer Beleg für diese Form ist nicht bekannt. Stodoranen (lateinisch Stoderani, das Land Stoderania) ist der Name, den man gewöhnlich als Eigenbezeichnung der Leute versteht. Gesichert ist nur, dass beide Namen in den Quellen für dasselbe Gebiet stehen. Dass Stodoranen die Eigenbezeichnung war, ist eine Schlussfolgerung, keine Aussage einer Quelle.

Havolane und Stodoranen: Fluss und Land

Der Flussname Havel ist alt. Er liegt allen Heveller-Formen zugrunde und wird in lateinischen Texten mit Havola wiedergegeben. Die ältesten Belege sind keine Chroniken, sondern Listen und Urkunden: Der Bayerische Geograph, ein knappes Völkerverzeichnis aus dem 9. Jahrhundert, nennt ein Volk Hehfeldi mit acht civitates, also befestigten Plätzen oder Siedlungsbezirken. Die angelsächsische Orosius-Bearbeitung aus den 890er-Jahren kennt Hæfeldan. Die Königsurkunden Ottos I. sprechen von Heveldun, dem Hevellerland. Wer diese Formen mit den späteren Hevellern gleichsetzt, folgt der sprachlichen Wahrscheinlichkeit; ein Beweis ist es nicht, denn die Listen geben nur Namen, keine Beschreibungen.

Der Name Stodoranen taucht später und in einer anderen Quellenart auf. Der entscheidende Beleg ist Thietmar von Merseburg, der zwischen 1012 und 1018 seine Chronik schrieb. In Buch IV, Kapitel 29 berichtet er von einem Feldzug im Jahr 997 gegen Stoderania und fügt hinzu, dieses Land werde auch das Land der Heveller genannt. Damit setzt ein Zeitgenosse beide Namen gleich. Helmold von Bosau, der im 12. Jahrhundert die Slawen an der Ostsee beschrieb, verwendet ebenfalls die Form Stoderani. Was der Name bedeutet, ist ungeklärt; eine gesicherte Etymologie gibt es nicht, und jede Herleitung wäre Spekulation.

Frühe Spuren in Listen und Chroniken

Zwei weitere Zeugnisse reichen weiter zurück, sind aber mit Vorsicht zu lesen. Der arabische Geograph al-Masudi schrieb um 943 bis 946 über Völker im Osten Europas; in der Forschung wird eine dort genannte Form als Stodoranen gedeutet. Ob die Gleichsetzung trägt, ist eine philologische Frage, die hier nicht an der Originalstelle geprüft werden konnte. Der Prager Chronist Cosmas, der um 1120 schrieb, erzählt, Dragomíra, die Mutter des heiligen Wenzel, stamme aus dem Land Stodor und sei 906 mit dem böhmischen Herzog Vratislav verheiratet worden. Das wäre ein sehr früher Beleg für Verbindungen zwischen der Havel und Böhmen. Er ist aber zwei Jahrhunderte jünger als das, was er erzählt, und trägt damit den Stempel späterer Überlieferung. Als Beleg für eine Heirat im Jahr 906 reicht er nicht; als Hinweis darauf, dass der Name Stodor in Prag im 12. Jahrhundert bekannt war, genügt er.

Für die Frage, wie dicht die Stodoranen in die Politik der Nachbarn eingebunden waren, bleibt das ein vorsichtiges Bild: Böhmen im Süden, Sprewanen im Südosten, Lutizen im Norden und Osten, die Obodriten weiter nordwestlich. Die Stodoranen lagen dazwischen, mit dem sächsischen Reich im Westen als ständig wachsendem Gegenüber.

Die Brennaburg im Winter 928/929

Die erste große Szene der Überlieferung ist ein Winterfeldzug. Widukind von Corvey, ein Mönch, der um 967/968 seine „Sachsengeschichte“ (Res gestae Saxonicae) schrieb, berichtet in Buch I, Kapitel 35, König Heinrich I. sei überraschend über die Slawen hergefallen, die Hevelli heißen, und habe ihre Burg Brennaburg eingenommen. Die Wendung, mit der er den Erfolg beschreibt, ist knapp und drastisch.

… cepit urbem quae dicitur Brennaburg fame ferro frigore – er nahm die Stadt, die Brennaburg heißt, durch Hunger, Eisen und Kälte.Widukind von Corvey, Res gestae Saxonicae I,35 (um 967/968); lateinische Wendung nach einer Online-Textausgabe, deutsche Wiedergabe eigen; Wortlaut nicht an der MGH-Edition geprüft

Mehr steht dort nicht. Dass das zugefrorene Wasserlabyrinth der Havel der Burg im Winter ihren Schutz nahm und das Heer Heinrichs über das Eis kam, ist eine plausible Deutung der Forschung, aber kein Wort Widukinds. Auch das Datum ist erschlossen: 928/929 ergibt sich aus der Einordnung in Heinrichs Regierung, nicht aus einer Jahresangabe im Text. In Kapitel 36 zählt Widukind die Hevelli zusammen mit Obodriten, Wilzen, Daleminziern, Böhmen und Redariern zu den Völkern, die dem König danach tributpflichtig waren. Der Name der Burg, Brennaburg, geht nach verbreiteter Auffassung auf eine slawische Form zurück, die „Schutzwald“ oder ähnlich bedeutet und aus der später Brandenburg wurde; auch das ist eine Namensdeutung und kein Quellenbefund.

Tugumir: Verräter, Vasall oder Thronfolger?

Die zweite Szene führt in die Regierungszeit Ottos I. Widukind erzählt in Buch II, Kapitel 21, von Tugumir, einem Fürsten der Heveller, der in sächsischer Gefangenschaft gewesen sei und nach der Darstellung des Chronisten Otto die Herrschaft über sein Volk gegen Geld und Versprechen zusicherte. Widukind spricht von Verrat an den eigenen Leuten. Vorher, in Kapitel 20, berichtet er von der Ermordung von dreißig Slawenfürsten bei einem Gastmahl durch Markgraf Gero; der Zusammenhang zeigt, wie hart die Lage an der Elbgrenze damals war.

Die Einzelheiten, die man in der Literatur liest, gehen zum Teil über den Text hinaus. Als Zeitpunkt der Rückkehr Tugumirs gilt meist das Jahr um 940. Dass er seinen Neffen als letzten männlichen Verwandten beseitigen ließ, steht in Widukinds Erzählung, ist aber eine Geschichte aus der Feder eines sächsischen Mönchs, der Tugumirs Verrat moralisch bewertete. Dass Tugumir schon 928/929 gefangen genommen wurde, schließt die Forschung aus dem Zusammenhang; Widukind sagt es so nicht. Gerd Althoff vermutet, dass Tugumir und seine Schwester erst in der Gefangenschaft Christen wurden, Herbert Ludat rechnete dagegen mit einer älteren christlichen Fürstenfamilie. Ob die Mutter Wilhelms von Mainz, eines Sohnes Ottos, die Schwester Tugumirs war, bleibt offen. Auch das Todesjahr ist unbekannt; ein Möllenbecker Totenbuch nennt als Gedenktag den 25. Mai. Der Streit ist alt: Für die einen ist Tugumir ein Kollaborateur, für die anderen ein Fürst, der seinem Land mit einem Bündnis mit dem Mächtigeren Frieden verschaffte. Die Quellen lassen beide Lesarten zu.

Bistum und Aufstand: 948 bis 983

Mit Otto I. kam die Kirche. Die Gründung der Bistümer Havelberg und Brandenburg wird traditionell auf 948 datiert; neuere Arbeiten ziehen für Brandenburg ein späteres Datum um 965 in Betracht, und die Echtheit der Gründungsurkunden ist ein altes Streitthema. Thietmar nennt in Buch II, Kapitel 22, Dudo als ersten Bischof von Havelberg und Thietmar als ersten von Brandenburg. Beide Orte lagen jenseits der Elbe in einem Gebiet, das bis dahin nur lose beherrscht wurde. Die Mission war dort ein politisches Werkzeug.

Das Gleichgewicht kippte im Sommer 983. Thietmar schildert in Buch III, Kapitel 17, wie der Hochmut Markgraf Dietrichs die Slawen reizte und sie sich verschworen; am 29. Juli 983 brach der Aufstand los, Havelberg wurde zerstört und das Bistum Brandenburg überfallen. Der große Slawenaufstand, an dem Stodoranen, Lutizen und Obodriten beteiligt waren, löschte die junge Kirchenorganisation östlich der Elbe fast vollständig aus. Der Bischofstitel blieb als Anspruch bestehen. Wie viel von der Mission schon vor 983 im Alltag der Leute angekommen war, lässt sich nicht beziffern. Über die Kulte der Slawen vor und nach dem Aufstand berichten fast nur fremde Federn, keine eigenen Zeugnisse.

Stoderania um das Jahr 1000

Nach 983 ging der Streit um die Brandenburg weiter. Mehrere Quellen berichten von sächsischen Heeren, die die Burg zurückgewannen und wieder verloren; welche Einzelheiten und Jahreszahlen davon gelten, ist in den Darstellungen nicht einheitlich. Als gesichert darf Thietmars Hinweis auf das Jahr 997 gelten.

Kaiser Otto III. zog 997 mit bewaffneter Macht nach Stoderania, das auch das Land der Heveller genannt wird; so formuliert es sinngemäß Thietmar in Buch IV, Kapitel 29. Wichtig ist daran der Doppelname: Er ist der Beleg, auf den sich die Gleichsetzung stützt. Thietmar erwähnt in Buch IV, Kapitel 58, auch einen „verehrungswürdigen Herrn Dobromir“, dessen Tochter in eine Heirat einging. Ob Dobromir ein stodoranischer Fürst war, ist ungeklärt; manche Ausgaben halten ihn eher für einen Fürsten der Milzener in der Lausitz. Wer ihn zum Hevellerfürsten macht, rät.

Pribislaw-Heinrich und das Ende der Fürstenzeit

Aus dem 11. Jahrhundert ist wenig überliefert. Erst im 12. Jahrhundert wird das Bild wieder dichter, vor allem durch den „Tractatus de urbe Brandenburg“, eine Schrift aus dem Umfeld des Brandenburger Domstifts aus den 1170er-Jahren. Sie ist die Hauptquelle für die Endphase der slawischen Fürstenherrschaft und von der Gegenseite geprägt, denn sie ist ein kirchlicher Text aus der Zeit der Askanier.

Folgt man dem Tractatus und der darauf aufbauenden Literatur, stand die Burg zu Beginn des Jahrhunderts zeitweise unter dem Einfluss des Obodritenfürsten Heinrich von Alt-Lübeck. Danach regierte ein christlicher Fürst Meinfried; er wurde 1127 ermordet. Auf ihn folgte Pribislaw, der als Christ den Namen Heinrich trug. Er förderte die Kirche, holte 1144 Prämonstratenser nach St. Gotthardt in Brandenburg und knüpfte ein enges Verhältnis zu Albrecht dem Bären, dem askanischen Markgrafen der Nordmark. Nach der Überlieferung war Albrecht Taufpate seines Sohnes Otto; die Zauche, das Land südwestlich von Brandenburg, sei diesem als Taufgeschenk übertragen worden. Das ist eine spätere Erzählung. Ein förmlicher Erbvertrag ist nicht überliefert; man muss ihn aus den Berichten über die Nachfolge erschließen. Die Forschung diskutiert zudem, was der Titel rex für Pribislaw bedeutete, Unterkönig im Reich oder slawischer Fürst. Kinder sind nicht bekannt.

1150 starb Pribislaw-Heinrich. Seine Witwe Petrissa übergab die Brandenburg an Albrecht. Darauf nahm Jaxa von Köpenick, ein Verwandter Pribislaws, die Burg in Besitz. 1157 holte Albrecht sie zurück und nannte sich seitdem Markgraf von Brandenburg. Die genaue Abfolge von 1150 bis 1157 wird in den Darstellungen nicht immer gleich erzählt; gesichert ist der Endpunkt, nämlich dass die Mark Brandenburg seit 1157 unter askanischer Herrschaft stand. Aus einem stodoranischen Fürstentum wurde eine deutsche Markgrafschaft.

Was die Archäologie ergänzt

Schriftquellen decken nur einen schmalen Streifen ab. Die Archäologie ergänzt das Bild. Auf der Dominsel von Brandenburg an der Havel liegt die Hauptburg der Stodoranen unter späteren Schichten. Dendrochronologische Daten, also Baumringdatierungen von Bauhölzern, deuten nach den Angaben der Literatur auf Siedlungsspuren schon im 8. Jahrhundert; die Burganlage selbst wird in das frühe 10. Jahrhundert datiert (Zahl: 906, zu prüfen). Slawische Burgen dieser Art sind Ringwallburgen aus Holz, Erde und Lehm, oft auf Inseln im Wasser. Die Landwirtschaft war nach den Angaben der Forschung schwächer entwickelt als bei anderen Elbslawen, Jagd und Fischfang spielten eine größere Rolle. Diese Aussagen sind Deutungen aus der Fundstatistik und keine Zählungen von Menschen.

Stodoranen und Heveller: Was sich sagen lässt

Die Namensfrage lässt sich so zusammenfassen. Es gibt kein Zeugnis, dass zwei verschiedene Gruppen gemeint wären; Thietmar setzt Stoderania ausdrücklich dem Land der Heveller gleich. Der Name Heveller geht auf den Fluss zurück und kommt von außen. Der Name Stodoranen taucht in Thietmar, bei Cosmas und bei Helmold auf und wird deshalb als einheimische Bezeichnung verstanden, ohne dass eine Quelle das ausdrücklich sagt. Ob „Stamm“ der richtige Begriff ist, steht auf einem anderen Blatt: Er ist ein moderner Ordnungsbegriff, dessen Brauchbarkeit die Forschung seit Jahren hinterfragt. Gesichert sind eine Burg, ein Land, zwei Namen und eine Folge von Herrschern, die sich in der Ferne verlieren. Was darüber hinausgeht, ist Deutung.

Das Wort „Stodoranen“ kann man gravieren, die Menschen dahinter muss man verstehen: Sie waren Bauern, Fischer und Fürstenfamilien, deren Namen wir fast nur aus der Feder ihrer Gegner kennen.

Was gesichert ist

  • Widukind von Corvey (um 967/968) berichtet in I,35 von der Einnahme der Brennaburg der Hevelli durch Heinrich I. (nach üblicher Datierung 928/929).
  • Thietmar von Merseburg (1012-1018) gleicht Stoderania mit dem Land der Heveller (IV,29, Feldzug 997).
  • Der Aufstand von 983 begann nach Thietmar am 29. Juli und traf Havelberg und das Bistum Brandenburg.
  • Pribislaw-Heinrich starb 1150; die Brandenburg fiel an Albrecht den Bären, der sich seit 1157 Markgraf von Brandenburg nannte.
  • Hauptquelle für die Endzeit der Fürsten ist der Tractatus de urbe Brandenburg aus den 1170er-Jahren.

Mythos-Check

  • "Stodoranen und Heveller waren zwei verschiedene Stämme." Dafür gibt es keinen Beleg. Thietmar nennt Stoderania ausdrücklich das Land der Heveller.
  • "Widukind erzählt, wie Tugumir seine Heimat verriet und ermordete." Widukind berichtet von Tugumirs Unterwerfung und nennt sie Verrat. Die Gewalttat gegen den Neffen und das Jahr 940 sind Einzelheiten, die man mit Vorsicht und mit Blick auf den Text benutzen sollte; Widukind ist ein sächsischer Autor mit eigener Sicht.
  • "Dragomíra, die Mutter des heiligen Wenzel, kam 906 von der Havel." Das erzählt erst Cosmas um 1120; es ist spätere Überlieferung.
  • "Pribislaw-Heinrich schloss einen förmlichen Erbvertrag mit Albrecht dem Bären." Der Tractatus berichtet von einer Erbeinsetzung, aber ein Vertragstext ist nicht erhalten.
  • "Der Widukind der Sachsenkriege und der Chronist Widukind von Corvey sind dieselbe Person." Nein. Der eine war ein Sachsenherzog des 8. Jahrhunderts (siehe Widukind), der andere ein Mönch des 10. Jahrhunderts.
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