Die Serie beginnt mit einem Ereignis, das es wirklich gab: dem Massaker am Brictiustag 1002. Sie endet mit Männern, von denen einer 1015 geboren wurde. Dazwischen stehen Leif Eriksson, seine Schwester Freydís, Harald Sigurdsson, Knut und Emma von der Normandie gemeinsam in einem Raum – Leute, die sich im echten Leben teilweise um ein halbes Jahrhundert verpasst haben. Das ist kein Vorwurf. Eine Serie ist kein Seminar. Aber wer wissen will, wo die Quellen aufhören und das Drehbuch anfängt, bekommt hier die Trennlinie.

„Vikings: Valhalla" lief ab dem 25. Februar 2022 auf Netflix, erdacht von Jeb Stuart, drei Staffeln zu je acht Folgen, zuletzt im Juli 2024. Gedreht wurde in den Ashford Studios im irischen County Wicklow. Die Serie versteht sich als Nachfolgerin der älteren Reihe „Vikings" und setzt gut hundert Jahre später an: im England Æthelreds, am Vorabend der dänischen Eroberung.
Zur Vorgängerserie mit Ragnar, Rollo und Lagertha haben wir einen eigenen Faktencheck zur Serie „Vikings". Was dort steht – Ragnar Lodbrok als Sagenfigur, Lindisfarne, Paris, die Sache mit den Frisuren –, wiederholen wir hier nicht. Hier geht es um das 11. Jahrhundert.
Der Einstieg ist gut gewählt, weil er belegt ist. Am 13. November 1002, dem Festtag des heiligen Brictius, ließ König Æthelred II. von England die Tötung von Dänen im Land anordnen. Er selbst kommt zwei Jahre später darauf zurück: In einer Urkunde von 1004 für das Kloster St. Frideswide in Oxford spricht er von einer überaus gerechten Vertilgung der Dänen, die sich in England niedergelassen hatten, und schildert, wie Flüchtende sich in die Kirche retteten – und wie die Kirche daraufhin niederbrannte.
Das ist eine der wenigen Stellen, an denen ein mittelalterlicher König ein Massaker in eigener Sache dokumentiert. Und der Boden bestätigt sie. 2008 kamen beim Bau am St John's College in Oxford die Reste von 37 Menschen zutage, überwiegend Männer zwischen 16 und 25, radiokarbondatiert auf 960 bis 1020, mit Verletzungen überwiegend von hinten. 2009 fand man auf Ridgeway Hill bei Weymouth in Dorset eine Grube mit 54 enthaupteten Männern skandinavischer Herkunft, datiert zwischen 970 und 1038; ob diese Gruppe mit dem Brictiustag zusammenhängt, ist offen.
Wichtig ist der Maßstab. Die Forschung geht nicht von einer landesweiten Ausrottung aus, sondern von gezielten Aktionen gegen dänische Soldaten und Neusiedler, insgesamt wohl einige hundert Tote. Dass Gunnhild, eine Schwester Sven Gabelbarts, dabei umgekommen sei, steht erst bei späteren Chronisten; Ann Williams hält die Geschichte für Legende.
Die Serie lässt den Rachefeldzug unmittelbar auf 1002 folgen. In Wirklichkeit liegen dazwischen Jahre und drei verschiedene Unternehmungen.
Sven Gabelbart kam 1003 und verwüstete bis 1005, dann zwang ihn eine Hungersnot zurück nach Dänemark. Erst 1013 kehrte er zurück, diesmal mit dem Ziel der Krone, und wurde im Dezember als König anerkannt. Am 3. Februar 1014 war er tot. Sein Sohn Knut musste alles noch einmal von vorn machen: Feldzug ab 1015, Schlacht bei Assandun am 18. Oktober 1016, Tod Edmunds II. am 30. November 1016, danach König über ganz England.
Die Serie presst diese vierzehn Jahre in eine Handlungssaison. Das ist Dramaturgie, und sie kostet das Wichtigste an der Sache: dass die dänische Eroberung Englands kein Rachezug war, sondern ein Jahrzehnt zäher, teurer, mehrfach gescheiterter Kriegführung.
Hier liegt die größte Verschiebung, und sie lässt sich mit drei Geburtsdaten zeigen.
Leif Eriksson wurde um 970 geboren, war Sohn Eiríks des Roten und segelte um 1000 nach Westen. Zuletzt wird er 1018 als lebend erwähnt; gestorben ist er wohl zwischen 1019 und 1025 auf Grönland. Dass Nordleute tatsächlich in Nordamerika waren, ist seit L'Anse aux Meadows keine Frage mehr – eine Jahrringanalyse hat dort sogar ein exaktes Jahr geliefert: 1021.
Freydís Eiríksdóttir erscheint ausschließlich in den beiden Vinlandsagas, und die widersprechen sich. In der Grænlendinga saga führt sie eine eigene Fahrt an und lässt ihre Gefährten erschlagen; in der Eiríks saga rauða treibt sie, hochschwanger, mit einem Schwert an der Brust die fliehenden Männer wieder in den Kampf. Beide Sagas wurden um 1200 aufgeschrieben, zwei Jahrhunderte nach den Ereignissen. Eine zweite, unabhängige Quelle für sie gibt es nicht.
Harald Sigurdsson, später Hardrada, wurde um 1015 geboren – dreizehn Jahre nach dem Brictiustag. Mit etwa fünfzehn stand er 1030 bei Stiklestad, floh danach in die Rus, diente ab etwa 1034 in Konstantinopel und wurde Befehlshaber der Warägergarde. Nach Norwegen kam er 1045/46 zurück, ab 1047 regierte er allein. Er fiel am 25. September 1066 bei Stamford Bridge.
Leif und Harald können sich nicht gekannt haben. Als Harald laufen lernte, war Leif ein alter Mann am anderen Ende des Atlantiks. Die Serie stellt beide als Gefährten nebeneinander, dazu Freydís, die eine Generation älter ist. Das ist die Grundentscheidung des Drehbuchs: Man nimmt die drei bekanntesten Namen der Spätwikingerzeit und macht sie gleichaltrig.
Bei den englischen Figuren wird es deutlich genauer.
Knut wurde 1016 König von England, 1018 auch von Dänemark; er starb am 12. November 1035. Emma von der Normandie, geboren um 984, Tochter Richards I., heiratete 1002 Æthelred und 1017 Knut. Sie war damit die Königin zweier verfeindeter Dynastien und blieb nach 1035 eine Machtfigur: Regentin für ihren Sohn Harthaknut, 1036 Flucht nach Brügge, 1040 Rückkehr, 1042 der Thron für ihren Sohn Eduard. Sie starb am 6. März 1052. In den 1040er-Jahren ließ sie das Encomium Emmae Reginae schreiben – eine Rechtfertigungsschrift, die ihre erste Ehe mit Æthelred schlicht wegließ. Wer wissen will, wie Geschichtsklitterung im 11. Jahrhundert aussah, findet dort ein Musterbeispiel.
Godwine, in der Serie der große Intrigant, ist ebenfalls real. Sein Vater Wulfnoth Cild war ein Thegn aus Sussex, der 1009 fliehen musste. Godwine erbte 1014 ein Gut von Æthelstan, dem ältesten Sohn Æthelreds, war 1018 Earl und um 1020 Earl von ganz Wessex. Zwischen 1019 und 1023 heiratete er Gytha, die Schwester des dänischen Jarls Ulf. Seine Söhne hießen unter anderem Harold, Tostig und Gyrth – 1066 stand die Familie im Zentrum. Godwine starb am 15. April 1053.
Die Herrscherin von Kattegat, Jarl Haakon, ist eine Erfindung der Serie. Es gab historische Träger des Namens, aber keinen wie diesen. Hákon Sigurðarson, der mächtige Jarl von Hlaðir, regierte Norwegen bis 995. Sein Enkel Hákon Eiríksson, 998 geboren, war zweimal Statthalter für dänische Könige, zuletzt 1028 bis 1029 für Knut; er ertrank Ende 1029 oder Anfang 1030 im Pentland Firth zwischen Orkney und dem schottischen Festland.
Kattegat wiederum ist kein Ort. Es ist das Meer zwischen Jütland und Schweden, die Wasserfläche zwischen Skagerrak und Ostsee. Ein Hafenort dieses Namens hat nie existiert. Die Serie übernimmt ihn aus der Vorgängerserie, wo er als Stadt erfunden wurde. Wer die echten Handelsplätze dieser Zeit sucht, kommt nach Haithabu, Birka, Ribe oder Sigtuna.
Der Sturz der London Bridge ist eine der Schlüsselszenen der ersten Staffel – und die Geschichte dahinter ist selbst ein Lehrstück über Quellenkritik.
Erzählt wird sie in Snorris Óláfs saga helga, also im 13. Jahrhundert. Dort legt Olaf Haraldsson Taue um die Brückenpfeiler und reißt die Brücke mit den Schiffen ein; Snorri stützt sich dabei auf eine Strophe des Skalden Óttarr svarti. Drei Dinge sollte man dazu wissen. Erstens steht davon nichts in der Angelsächsischen Chronik. Zweitens kämpfte Olaf, wenn der Angriff stattfand, wohl um 1014 auf der Seite Æthelreds gegen die Dänen – also nicht im Rahmen eines dänischen Eroberungszuges. Drittens ist die berühmte Verbindung zum Kinderlied „London Bridge is falling down" ein Missverständnis des 19. Jahrhunderts: Samuel Laing formte 1844 seine sehr freie Übersetzung nach dem Reim, nicht umgekehrt. Gedruckt ist das Lied erstmals um 1744.
Olaf selbst, geboren um 995, war ab 1015 König von Norwegen, wurde 1028/29 vertrieben und fiel am 29. Juli 1030 bei Stiklestad. Ein Jahr später wurde er als Heiliger erhoben. Er ist damit der eine Norweger, um den sich in dieser Zeit wirklich alles dreht – und in der Serie eine Nebenfigur.
Optisch arbeitet die Serie sorgfältiger als vieles, was man sonst sieht, aber mit denselben Gewohnheiten.
Belastbar sind die Grundlinien: Wolle und Leinen, Trägerkleider mit Schalenfibeln bei Frauen, Kettenhemd und Rundschild bei wohlhabenden Kriegern. Nicht belastbar ist das durchgehende Dunkelbraun-Grau. Die Wikingerzeit färbte, was sie kriegen konnte – Waid, Krapp, Wau –, und Haithabu und Birka haben Seidenreste und Brettchenborten mit Silber- und Goldfäden geliefert. Reich sah reich aus.
Bei den Helmen bleibt die Lage dünn: Aus der ganzen Wikingerzeit kennt man zwei halbwegs vollständige Exemplare, den Helm von Gjermundbu in Norwegen und den 2020 publizierten Helm von Yarm in England, dessen Datierung diskutiert wird. Alles andere sind Fragmente. Genietetes Lederpanzerzeug, wie es Serien gern zeigen, ist archäologisch nicht belegt. Und wo in Serien dieser Art große Wurfmaschinen auffahren, lohnt der Blick auf das Datum: Das Gegengewichtstrebuchet ist in Europa erst ab dem späten 12. Jahrhundert fassbar, rund hundertfünfzig Jahre nach der Handlung.
Archäologischer Befund: die Massengräber von St John's College in Oxford (37 Individuen, 960–1020) und von Ridgeway Hill bei Weymouth (54 Enthauptete, 970–1038); L'Anse aux Meadows auf Neufundland mit dem Jahrringdatum 1021; Textil-, Schmuck- und Waffenfunde aus Haithabu, Birka und York.
Zeitgenössische Schriftquellen: die Angelsächsische Chronik zu den Jahren 1002 bis 1016; Æthelreds Urkunde von 1004 für St. Frideswide; die Skaldenstrophen Óttarrs svarti und Þórarins loftungas; das Encomium Emmae Reginae aus den 1040er-Jahren, parteiisch und deshalb doppelt aufschlussreich.
Spätere Überlieferung: Snorris Heimskringla mit der Óláfs saga helga und der Haralds saga Sigurðarsonar, um 1230; die beiden Vinlandsagas um 1200, aus denen alles stammt, was wir über Freydís zu wissen glauben.
Drehbuch: die Gleichzeitigkeit von Leif, Freydís und Harald; Jarl Haakon; Kattegat als Stadt; die Zusammenziehung von 1002, 1013 und 1016 zu einem einzigen Krieg; das durchgehende Braun-Grau der Kostüme. Eine Serie darf das. Wir halten nur gern auseinander, was aus dem Boden kommt, was auf Pergament steht und was in einem Autorenzimmer entstanden ist. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Die Serie Vikings im Faktencheck · Sven Gabelbart · Leif Eriksson · Freydis · Harald Hardrada · Knut der Große.