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Die Völva – die Seherin des Nordens

Folklore & Glaube Die Völva – die Seherin des Nordens

Sie kam von Hof zu Hof, in blauem Mantel und mit einem Stab in der Hand. Man setzte sie auf den höchsten Sitz, gab ihr das beste Essen und wartete – denn was die Völva sagte, konnte über das nächste Jahr entscheiden. Keine Gestalt des Nordens ist so faszinierend und zugleich so oft missverstanden wie die Seherin. Hier trennen wir sauber, was die Quellen belegen, was Deutung ist und was erst die Neuzeit erfunden hat.

Wer war die Völva?

Die Völva war eine Seherin und Zauberkundige der nordischen Welt. Sie gehörte selten fest zu einem Hof, sondern zog umher, wurde gerufen, wenn ein Winter hart, eine Krankheit rätselhaft oder die Zukunft dunkel war. Man empfing sie mit Respekt und einer gewissen Scheu: Wer in die Fäden des Schicksals blicken konnte, stand außerhalb der gewöhnlichen Ordnung. In den Sagas ist die Völva keine Randfigur, sondern eine Autorität, deren Wort Gewicht hatte – Bauern, Häuptlinge und sogar Könige suchten ihren Rat.

Ihre Kunst war zweigeteilt und doch eins: sehen, was verborgen ist, und wirken, was der gewöhnliche Mensch nicht wirken kann. Sie war Prophetin und Ritualleiterin zugleich. Wichtig ist, was sie nicht war: keine böse Märchenhexe, keine Priesterin einer festen Kirche, kein einheitliches Amt mit Ausbildung und Titel. Die Rolle war persönlich, an eine besondere Begabung gebunden – und an Werkzeuge, Lieder und einen Ruf, der ihr vorauseilte.

Spá und seiðr – zwei Künste, eine Seherin

Zwei altnordische Begriffe umreißen ihr Können. Spá bedeutet Weissagung, das Vorhersehen – verwandt mit dem englischen „to spy" und dem deutschen „spähen". Eine spákona war wörtlich eine „Sehfrau". Seiðr dagegen bezeichnet einen aktiven Zauber: ein rituelles Wirken, mit dem man Schicksal beeinflussen, Verborgenes aufspüren, Wind und Wetter, Glück und Unglück lenken konnte. Beides lag in der Hand der Völva, wobei die Trennung fließend war.

Der seiðr war an Rituale gebunden: an einen erhöhten Sitzplatz, den seiðhjallr, an Gesang, an eine besondere Tracht und oft an Helferinnen. Es ging nicht um das Aufsagen von Formeln, sondern um einen Zustand – die Seele der Seherin sollte reisen, die schützenden Geister sollten herbeigerufen werden. Genau hier setzt die berühmteste Schilderung an, die wir besitzen.

Der Name: die Frau mit dem Stab

Das Wort völva (altnordisch vǫlva, Mehrzahl vǫlur) leitet sich sehr wahrscheinlich von vǫlr ab, dem Wort für „Stab" oder „Zauberstab". Die Völva ist also im Wortsinn „die Trägerin des Stabs" oder „die mit dem Stab". Damit gehört der Stab untrennbar zu ihrem Bild – nicht als Gehhilfe, sondern als Zeichen und Werkzeug ihrer Kunst.

Neben völva kennen die Quellen weitere Bezeichnungen: spákona (Sehfrau), vísendakona (kundige Frau), seiðkona (Zauberfrau). Sie überschneiden sich, jede betont einen Aspekt. Der Name selbst erzählt bereits eine kleine Geschichte: Ohne den Stab keine Völva.

Þorbjörg im blauen Mantel – die berühmteste Szene

Die ausführlichste Schilderung einer Völva steht in der isländischen Eiríks saga rauða, der Saga von Erik dem Roten. Im wintergeplagten Grönland wird die Seherin Þorbjörg – genannt lítilvölva, „die kleine Völva" – auf einen Hof gebeten, um über das kommende Jahr und das Ende der Hungersnot zu weissagen. Die Saga beschreibt ihre Ankunft mit ungewöhnlicher Genauigkeit.

Sie trägt einen blauen Mantel, besetzt mit Steinen bis zum Saum, um den Hals Glasperlen, auf dem Kopf eine Kapuze aus schwarzem Lammfell, gefüttert mit weißem Katzenfell. Sie hält einen Stab mit Knauf, beschlagen mit Messing und mit Steinen besetzt; an ihrem Gürtel hängt ein Beutel, in dem sie ihre Zaubermittel verwahrt. An den Händen trägt sie Handschuhe aus Katzenfell, innen weiß und behaart. Man setzt sie auf einen hohen Sitz mit einem Kissen aus Hühnerfedern und bewirtet sie mit den Herzen aller Tiere, die auf dem Hof vorhanden sind. Diese Fülle an Details macht die Szene zur wichtigsten Einzelquelle, die wir über die Ausstattung einer Seherin besitzen.

Das Lied Varðlokkur

Damit der Zauber gelingt, braucht Þorbjörg Hilfe: Frauen, die das Lied Varðlokkur singen können, die „Lockung der Geister" oder „Schutzgesänge". Doch niemand auf dem Hof kennt es – bis sich Guðríðr Þorbjarnardóttir meldet, eine junge, christlich erzogene Frau. Sie zögert, weil sie keine Zauberin sein will, singt das Lied aber schließlich, weil sie es einst von ihrer Ziehmutter gelernt hat. Sie singt es so schön, dass die herbeigerufenen Geister erscheinen und Þorbjörg mehr sieht als je zuvor.

Die Seherin verkündet daraufhin, die Not werde bald enden, und sagt Guðríðr eine große Zukunft voraus. Die Szene ist auch deshalb aufschlussreich, weil sie den Übergang zwischen den Welten zeigt: eine christliche Frau, die widerstrebend das alte Lied singt – ein ehrliches Bild einer Zeit im Wandel, aufgeschrieben Jahrhunderte nach den Ereignissen.

Die Völuspá – die Weissagung der Seherin

Das berühmteste Gedicht der Lieder-Edda trägt die Völva sogar im Namen: Völuspá heißt „Weissagung der Seherin". Darin erweckt Odin eine Seherin, die ihm – und uns – die gesamte Weltgeschichte entfaltet: von der Urzeit des Ginnungagap über die Erschaffung der Welt bis zu Ragnarök und der neuen, grünen Erde danach. Es ist die große kosmische Schau, gelegt in den Mund einer Völva.

Gehör heisch ich heiliger Sippen, / hoher und niederer Helden Heimdalls. / Du willst, Walvater, dass wohl ich künde / alte Mären der Menschen, die frühesten ich weiß.Völuspá, Strophe 1 (Übersetzung Karl Simrock, 1851, gemeinfrei)

Dass ausgerechnet eine Seherin die höchste Weisheit des Kosmos ausspricht – und Odin, der Allvater, ihr zuhört und Fragen stellt – sagt viel über den Rang aus, den man dieser Gestalt zubilligte.

Odin, Freyja und der seiðr

Der seiðr war nicht nur Sache sterblicher Frauen. Die Snorra-Edda und die Ynglinga saga erzählen, dass Freyja, die Göttin der Vanen, den seiðr beherrschte und ihn den Asen erst beibrachte. Sie gilt als göttliche Meisterin dieser Kunst. Und selbst Odin, der Gott der Weisheit, lernte den seiðr – ein bemerkenswerter Zug, denn er verband damit die höchste Macht mit einer Praxis, die als weiblich galt.

Damit steht die Völva in einer Linie mit den Göttern selbst: Was sie tat, taten Freyja und Odin auf ihre Weise auch. Die Seherin war kein Kuriosum am Rand, sondern Teil eines Weltbildes, in dem das Sehen und das schicksalhafte Wirken bis in die Götterwelt reichten.

Ergi – warum der Zauber für Männer gefährlich war

Gerade weil Odin den seiðr beherrschte, wird ein heikler Punkt sichtbar. Die Ynglinga saga bemerkt, dass mit diesem Zauber eine so große ergi verbunden sei, dass es Männern als schändlich galt, ihn auszuüben – weshalb man ihn den Priesterinnen überließ. Ergi ist ein schwer übersetzbares Wort: es meint Unmännlichkeit, Weichheit, ein Verhalten, das die Ehrvorstellungen der Männerwelt verletzte. In der Lokasenna, dem Zankgedicht, wirft Loki dem Odin genau das vor: dass er als seiðr-Wirkender „nach Art der Zauberinnen" gehandelt habe.

Der seiðr war also weiblich konnotiert. Männer, die ihn übten – man nannte sie seiðmenn –, gab es, doch sie bewegten sich am Rand der gesellschaftlichen Ehre. Das unterstreicht, wie sehr diese Kunst mit der Rolle der Frau verbunden war.

Was der Boden verrät – Gräber mit Stäben

Neben den Texten sprechen die Funde. In mehreren reich ausgestatteten Frauengräbern der Wikingerzeit fanden Archäologen längliche Eisenstäbe, oft mit knaufartigem oder korbartigem Ende, manchmal aus Bronzedetails gearbeitet. Weil das Wort völva „Stabträgerin" bedeutet und die Eiríks saga einen solchen Stab beschreibt, deutet die Forschung – allen voran der Archäologe Neil Price in seinem Werk zum seiðr – diese Objekte als Zauberstäbe von Seherinnen.

Was belegt ist: Die Eiríks saga rauða liefert die genaueste Beschreibung einer Völva samt Mantel, Kapuze, Stab und Hochsitz. Die Völuspá legt die Weltschau einer Seherin in den Mund. Freyja und Odin als seiðr-Kundige sind in Edda und Ynglinga saga bezeugt. Und in mehreren Elitegräbern (u. a. Fyrkat, Birka, Klinta) liegen Frauen mit auffälligen Eisen-„Stäben" und exotischen Beigaben – ein starker Hinweis auf eine besondere rituelle Rolle.

Fyrkat, Birka und Klinta

Drei Fundorte werden immer wieder genannt. In Grab 4 der dänischen Ringburg Fyrkat lag eine reich ausgestattete Frau mit einem Metallstab, Amuletten, Bilsenkrautsamen (einer Rauschpflanze) und Beigaben aus fernen Ländern – ein Grab, das aus dem Rahmen fiel und oft mit einer Seherin verbunden wird. In Birka, dem großen schwedischen Handelsplatz, fanden sich mehrere Frauengräber mit ähnlichen stabförmigen Objekten. Und im Grab von Klinta auf der Insel Öland lag ein besonders kunstvoller Stab neben einer Frau, deren Ausstattung sie deutlich heraushob.

Diese Funde geben der Völva ein Gesicht jenseits der Sagas. Sie zeigen Frauen von Rang, deren Beigaben auf Reichtum, weite Kontakte und eine gehobene Stellung deuten. Ob jede von ihnen tatsächlich eine Seherin war, bleibt Auslegung – doch die Häufung von Stab, Amulett und fremden Kostbarkeiten ist auffällig.

Über den Göttern

Ein Zug macht die Völva einzigartig: Sie steht in gewissem Sinne über den Göttern, weil sie sieht, was selbst diese nicht wissen. In der Völuspá ist es Odin, der die Seherin befragt. In den Baldrs draumar, den „Träumen Baldrs", reitet Odin sogar hinab in die Totenwelt und weckt eine längst gestorbene Völva aus ihrem Grab, um sie über Baldrs Schicksal auszufragen. Der mächtigste Gott muss zur Seherin gehen, nicht umgekehrt.

Das ist mehr als eine erzählerische Pointe. Es spiegelt eine Vorstellung, in der das Schicksal – das ørlög, das die Nornen legen – über allem liegt, auch über den Göttern. Die Völva ist die Vermittlerin zu diesem Wissen. Wer sie befragte, befragte letztlich die Mächte, denen selbst Odin unterworfen war.

Útiseta – draußen sitzen, um zu sehen

Nicht jedes Sehen brauchte eine große Halle. Die Quellen kennen die útiseta, das „Draußensitzen": Man setzte sich nachts allein hinaus, oft an einem Kreuzweg oder auf einem Grabhügel, um Wissen zu gewinnen, Geister zu befragen oder die Toten um Auskunft zu bitten. Der Grabhügel war dabei kein Zufall – die Ahnen galten als Quelle von Weisheit, und die Nähe zu den Verstorbenen konnte den Blick in das Verborgene öffnen.

Genau dieses Motiv steckt hinter Odins Ritt zur toten Seherin in den Baldrs draumar: das Wecken der Toten, um zu erfahren, was die Lebenden nicht wissen. Für die Völva war die Grenze zwischen den Welten durchlässig. Das erklärt auch die Scheu, mit der man ihr begegnete: Wer mit den Toten und den Geistern sprach, bewegte sich an einem Ort, den die meisten Menschen mieden. Christliche Gesetze der späteren Zeit verboten die útiseta ausdrücklich – ein indirekter Beleg dafür, dass die Praxis lebendig genug war, um bekämpft zu werden.

Völva und Nornen – zweierlei Schicksal

Man verwechselt die Völva leicht mit den Nornen, doch sie sind zweierlei. Die Nornen – allen voran Urd, Verdandi und Skuld – sind Schicksalsmächte, die das ørlög jedes Menschen bei der Geburt festlegen; sie gehören zum Gefüge der Welt selbst. Die Völva dagegen ist ein Mensch (oder in den Mythen eine erweckte Tote), die dieses bereits gelegte Schicksal sehen und mitunter beeinflussen kann. Die Nornen weben, die Völva liest.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie die Rolle der Seherin schärft: Sie erschafft das Schicksal nicht, sie enthüllt es. Ihre Macht liegt im Zugang zum Wissen, nicht in der Herrschaft über die Fäden. Genau das macht sie zur gesuchten Vermittlerin – und erklärt, warum selbst die Götter zu ihr kommen mussten, statt sie zu befehligen. Zwischen Furcht und Ehre stand die Völva am Übergang: geachtet für ihr Sehen, gefürchtet für die Mächte, mit denen sie umging.

Mythos-Check: Hexe, Stab und Runenorakel

Gerade weil die Völva so faszinierend ist, ranken sich Missverständnisse um sie. Drei sollte man klar benennen.

Mythos-Check: Die Völva war keine „Hexe" im späteren Sinn. Das Bild der bösen, teufelsverbündeten Hexe ist eine Prägung des christlichen Mittelalters und der frühen Neuzeit; es passt nicht auf die geachtete, wenn auch gefürchtete Seherin der Wikingerzeit. – Der „Zauberstab" ist Deutung, nicht Gewissheit. Dass die Eisenstäbe aus den Gräbern Zauberstäbe waren, ist die gängige und gut begründete Hypothese, aber nicht bewiesen; einige Forscher halten manche Stücke für Spinnrocken oder Textilgerät. – Das Legen von Runen als Orakel ist modern. Runen waren in der Wikingerzeit eine Schrift, kein Wahrsage-Set. Das Ziehen und Deuten einzelner Runensteine geht auf das 20. Jahrhundert zurück, populär gemacht durch Ralph Blums „The Book of Runes" (1982). Die Völva las keine Runenkarten – sie sang, sah und sprach.

Ehrlich betrachtet bleibt die Völva dadurch nicht weniger, sondern eher beeindruckender: eine reale Figur mit realer Autorität, kein Fantasy-Klischee.

Was von der Völva bleibt

Die Seherin des Nordens war eine Frau von Rang, die zwischen den Welten stand – zwischen Menschen und Geistern, zwischen Gegenwart und Zukunft, am Ende sogar zwischen dem alten und dem neuen Glauben. Ihr Stab, ihr blauer Mantel und ihr Gesang gehören zu den eindrücklichsten Bildern, die uns die Wikingerzeit hinterlassen hat. Sie erinnert daran, dass in dieser Welt nicht nur Kämpfer zählten, sondern auch das Wissen um das Verborgene – und dass eine einzige Frau auf dem Hochsitz eine ganze Halle verstummen lassen konnte.

Wenn wir die Völva heute darstellen, tun wir es mit Respekt vor dem, was belegt ist, und mit Ehrlichkeit dort, wo die Quellen schweigen. Das ist der Norden, wie er wirklich war: reich, rätselhaft und größer als jede Legende, die man ihm später angedichtet hat.

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