Die nordischen Götter zerfallen in zwei Sippen: die Asen um Odin und die Vanen um Freyr und Freyja. Zwischen ihnen liegt der erste Krieg der Welt – und eine Deutung, die weit über das hinausgeht, was die Quellen wirklich hergeben.
Die Götterwelt der Nordleute ist keine einheitliche Familie. Sie besteht aus zwei Geschlechtern: den Asen (altnord. Æsir) und den Vanen (Vanir). Die Asen sind die zahlenmäßig größere und in der Überlieferung dominante Gruppe – Odin, Thor, Tyr, Baldr, Frigg und viele mehr. Die Vanen sind eine kleinere, geheimnisvollere Sippe, die mit Meer, Fruchtbarkeit, Reichtum und Wohlstand verbunden wird: vor allem Njörd und seine Kinder Freyr und Freyja.
Was diese Zweiteilung bedeutet, ist eine der am heißesten diskutierten Fragen der Forschung. Denn die Vanen treten fast nie als eigenständige, handelnde Gruppe auf. Wir begegnen ihnen vor allem in einem einzigen Ereignis – dem Krieg mit den Asen – und danach als Mitglieder des gemeinsamen Götterhaushalts. Ob es je ein separates „Vanenreich" mit eigener Verehrung gab, ist alles andere als sicher.
Die Asen wohnen in Asgard und bilden das Zentrum der überlieferten Mythen. Odin ist ihr Anführer, Gott der Weisheit, der Ekstase und des Krieges; Thor, sein Sohn, verteidigt Götter und Menschen mit dem Hammer Mjöllnir gegen die Riesen; Tyr steht für Recht und den Mut, für das Ganze ein Opfer zu bringen; Baldr für Licht und Reinheit, Frigg als Herrin und Seherin. Snorri zählt in der Gylfaginning zwölf Asen und ebenso viele Asinnen auf, doch die Zahl schwankt und ist nicht als geschlossenes Verzeichnis zu verstehen.
Die Asen sind die Götter der Herrschaft, des Krieges und der kosmischen Ordnung – jene, um die sich die großen Erzählungen von Weltschöpfung bis Ragnarök drehen. Nicht zufällig sind es fast durchweg Asen, deren Namen in Ortsnamen, Wochentagen und Kultspuren am dichtesten überliefert sind.
Das Wort Áss (Plural Æsir) meint schlicht „Gott" und hängt vermutlich mit einer Wurzel für „Lebenshauch" oder „göttliche Kraft" zusammen. In Runeninschriften und Ortsnamen des Festlands begegnet uns dieselbe Gruppe unter anderen Lautgestalten – Wodan, Donar, Ziu –, was zeigt, dass die Asen kein rein isländisches Phänomen sind, sondern auf gemeingermanische Gottheiten zurückgehen. Die Vanen dagegen fehlen im festländischen Befund fast völlig, was ihre Sonderstellung noch rätselhafter macht.
Die drei sicher bezeugten Vanen sind Njörd, der Gott des Meeres, der Schifffahrt und des Fischfangs, und seine Zwillingskinder Freyr und Freyja. Freyr steht für Fruchtbarkeit, gutes Jahr und Frieden – „ár ok friðr" –, für Ernte und Zeugungskraft; Adam von Bremen beschreibt sein Bildnis in Uppsala mit gewaltigem Phallus. Freyja ist Göttin der Liebe, der Schönheit, aber auch der Zauberkunst Seiðr und, wie wir gesehen haben, Empfängerin der halben Gefallenen. Njörd bringt Wohlstand über See und Küste.
Auffällig ist, was den Vanen zugeschrieben wird: Reichtum, Fruchtbarkeit, Frieden, Magie – und ein Zug ins Anstößige. Snorri berichtet, bei den Vanen sei die Ehe zwischen Geschwistern erlaubt gewesen; Njörd habe seine eigene Schwester zur Frau gehabt, Freyr und Freyja gelten als Geschwister. Bei den Asen war das tabu. Solche Unterschiede haben die Forschung dazu verleitet, in den Vanen ein Erbe eines älteren Fruchtbarkeitskults zu sehen.
Njörd wiederum verweist sprachlich auf eine germanische Göttin namens Nerthus, die der römische Geschichtsschreiber Tacitus im 1. Jahrhundert als „Mutter Erde" beschreibt, verehrt in einem heiligen Hain auf einer Insel. Zwischen der weiblichen Nerthus und dem männlichen Njörd liegt ein Geschlechtswechsel, den niemand recht erklären kann – ein weiterer Hinweis darauf, dass die Vanen ein sehr altes, nur bruchstückhaft überliefertes Erbe tragen.
Der Wendepunkt der Beziehung ist der Wanenkrieg – der erste Krieg der Welt überhaupt. Die Völuspá erzählt, wie eine Gestalt namens Gullveig („Goldrausch" oder „Goldkraft") zu den Asen kommt und dreimal mit Speeren durchbohrt und verbrannt wird, doch jedes Mal aufs Neue aufersteht. Manche Forscher setzen Gullveig mit Freyja gleich; sicher ist das nicht. Aus diesem Frevel – oder aus dem Streit um sie – erwächst der Krieg zwischen den beiden Göttergeschlechtern.
Odin schleuderte über das Volk den Speer,
da war der erste Völkerkrieg in der Welt;
gebrochen war der Burgwall den Asen,
schlachtkundge Wanen stampften das Feld.Völuspá, Übersetzung Karl Simrock (1851)
Der von Odin geschleuderte Speer eröffnet nicht nur diesen Krieg, sondern begründet ein Ritual: Das Werfen des Speers über das feindliche Heer weiht die Gegner Odin. Bemerkenswert ist der Ausgang: Die kriegskundigen Vanen brechen die Burgmauer der Asen – die vermeintlichen Kriegsgötter siegen nicht.
Weil keine Seite gewinnt, endet der Krieg mit Frieden und einem Geiseltausch – der ältesten Form, ein Bündnis zu besiegeln. Die Vanen schicken Njörd, Freyr und Freyja zu den Asen; die Asen geben Hönir und den weisen Mimir zu den Vanen. Die Vanen setzen den schweigsamen, nur mit Mimirs Rat brauchbaren Hönir bald zu Häuptling, fühlen sich betrogen, enthaupten Mimir und schicken den Kopf zurück. Odin balsamiert ihn und befragt fortan Mimirs abgeschlagenes Haupt um Weisheit.
Der wichtigste Effekt dieses Tauschs: Von nun an leben Njörd, Freyr und Freyja bei den Asen und werden in den Mythen kaum noch von ihnen unterschieden. Genau das ist der Grund, warum die Vanen als eigenständige Gruppe so blass bleiben – sie sind fast nur noch als integrierte Mitglieder des Asen-Haushalts greifbar.
Der Geiseltausch ist mehr als eine Randnotiz: Er ist der mythische Gründungsakt des vereinten Pantheons. Ohne ihn gäbe es kein gemeinsames Asgard, keine Freyja, die neben Odin die Toten empfängt, keinen Freyr, der als geachteter Gott in Uppsala verehrt wird. Die nordische Götterwelt, wie wir sie kennen, ist das Ergebnis einer Versöhnung nach einem unentschiedenen Krieg – ein bemerkenswert diplomatisches Motiv für eine Mythologie, die man gern auf Kampf und Untergang verkürzt.
Ein kleines, oft übersehenes Detail besiegelt den Frieden. Zur Bekräftigung spucken beide Parteien in ein Gefäß, und aus diesem gemeinsamen Speichel formen die Götter ein Wesen: Kvasir, den Weisesten aller Wesen, der jede Frage beantworten kann. Kvasir wird später von Zwergen erschlagen, sein Blut zum Dichtermet vergoren – der Quelle aller Skaldenkunst. So verbindet sich die Aussöhnung der beiden Geschlechter mit dem Ursprung der Dichtung selbst: Aus dem Ende des ersten Krieges wächst die Sprache der Poesie.
Dass ausgerechnet gemeinsame Spucke am Anfang der Dichtkunst steht, ist typisch für die nordische Überlieferung: Das Erhabene und das Handfeste liegen dicht beieinander. Und es unterstreicht die Aussage des ganzen Mythos – nicht der Sieg einer Seite, sondern die Verbindung beider schafft etwas Neues und Bleibendes.
Fasst man zusammen, was die Quellen tatsächlich sagen, bleibt weniger übrig als das gängige Schlagwort „Krieg gegen Fruchtbarkeit" suggeriert. Belegt sind: die Zugehörigkeit von Njörd, Freyr und Freyja zu den Vanen; der Krieg und der Geiseltausch; abweichende Heiratsregeln; eine Assoziation der Vanen mit Reichtum, Meer und Fruchtbarkeit, der Asen mit Herrschaft, Krieg und Ordnung. Nicht belegt ist eine strikte Aufgabenteilung – Odin ist selbst Meister des Seiðr, Freyr kämpft und fällt in Ragnarök, Freyja empfängt Krieger. Die Grenzen sind durchlässig.
Die scharfe Deutung „Asen = erste und zweite Funktion (Herrschaft und Krieg), Vanen = dritte Funktion (Fruchtbarkeit und Wohlstand)" stammt vom französischen Religionswissenschaftler Georges Dumézil, der die nordische Zweiteilung in sein indogermanisches Modell dreier Grundfunktionen einordnete. Diese Theorie ist einflussreich, aber sie ist eine Deutung, keine Quelle – und sie wird kritisiert, weil sie zum Zirkelschluss neigt: Man findet in den Mythen, was man an Ordnung hineinträgt.
Hinzu kommt ein Quellenproblem: Fast alles, was wir über den Wanenkrieg, den Geiseltausch und die Rollenverteilung wissen, verdanken wir zwei Texten – der Völuspá, deren Andeutungen knapp und dunkel sind, und Snorris Prosa-Edda, die rund 200 Jahre nach der Bekehrung entstand. Wo Snorri ordnet und ausdeutet, sollten wir vorsichtig sein: Er war ein christlicher Gelehrter, der das Heidentum als Geschichte behandelte, nicht als gelebten Glauben.
Noch grundsätzlicher setzt Rudolf Simek an. In einem vielbeachteten Aufsatz („The Vanir: An Obituary", 2010) argumentiert er, „die Vanen" als eigenständiges Göttergeschlecht könnten weitgehend eine Konstruktion Snorris sein; der Begriff sei in den älteren Quellen dünn belegt, und Freyr und Freyja hätten vielleicht nie zu einer klar abgegrenzten Sippe gehört. Ob man Simek folgt oder nicht: Sein Einwand erinnert daran, dass wir das meiste über die Vanen nur durch Snorris ordnenden Blick kennen – und dass hinter dem sauberen Schema mehr Unsicherheit steckt, als die populäre Erzählung zugibt.
Der Wanenkrieg und der Speerwurf Odins stehen in der Völuspá (Strophen 21–24); der Geiseltausch mit Njörd, Freyr, Freyja auf der einen und Hönir und Mimir auf der anderen Seite sowie Kvasirs Entstehung aus dem gemeinsamen Speichel schildert Snorris Prosa-Edda (Ynglinga saga bzw. Skáldskaparmál). Belegt ist damit die Zweiteilung, der Krieg und die anschließende Verschmelzung – nicht aber eine feste Zuständigkeitsverteilung zwischen den Geschlechtern.
Die griffige Formel „Asen = Krieg, Vanen = Fruchtbarkeit" ist ein modernes Deutungsmodell, vor allem geprägt von Georges Dumézils Funktionslehre. Die Quellen zeigen durchlässige Grenzen: Odin beherrscht die Vanen-Magie Seiðr, Freyr kämpft in Ragnarök. Rudolf Simek geht weiter und fragt in „The Vanir: An Obituary" (2010), ob die Vanen überhaupt ein eigenes Göttergeschlecht waren oder erst durch Snorris systematisierenden Blick zu einem wurden. Vieles, was wir über die Vanen zu wissen glauben, kennen wir nur aus zweiter Hand – aus dem 13. Jahrhundert.

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