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Baduhenna: Ein Hain, ein Name, ein Gemetzel – die Friesengöttin bei Tacitus

Götter & Göttinnen Baduhenna: Ein Hain, ein Name, ein Gemetzel – die Friesengöttin bei Tacitus

Baduhenna war eine Göttin der Friesen, deren heiliger Hain im Jahr 28 n. Chr. zum Schauplatz einer römischen Niederlage wurde: Nach Tacitus (Annalen 4,73) starben dort 900 Römer in einem Kampf, der sich bis in den nächsten Tag zog. Mehr als diesen einen Satz besitzen wir nicht – keine Inschrift, kein Bild, keine Sage. Wir zeigen dir, was in der Quelle wirklich steht, was der Name verraten könnte, wo der Hain vermutet wird und warum ein Steuerstreit um Rinderhäute ihn berühmt gemacht hat.

Eine Göttin aus einem einzigen Satz

Stell dir vor, von dir bliebe nach zweitausend Jahren nur ein Halbsatz übrig – und der stünde im Bericht deiner Feinde über ihren schlechtesten Tag. Genau so geht es Baduhenna. Ihr Name taucht in der gesamten antiken Literatur ein einziges Mal auf, in den Annalen des römischen Historikers Publius Cornelius Tacitus, Buch 4, Kapitel 73. Tacitus schrieb sie zu Beginn des 2. Jahrhunderts, also gut achtzig Jahre nach den Ereignissen. Er erzählt darin nicht von einer Göttin, sondern von einem Feldzug, der schiefging. Die Göttin ist für ihn nur eine Ortsangabe: der Hain, „den sie den der Baduhenna nennen“.

Das ist wenig, aber nicht nichts. Aus diesem einen Satz lässt sich ablesen, dass die Friesen im frühen 1. Jahrhundert eine weibliche Gottheit dieses Namens kannten, dass ihr ein Waldstück geweiht war und dass Römer diesen Ort benennen konnten. Alles Weitere – Wesen, Kult, Mythen, Aussehen – ist entweder Deutung oder schlicht unbekannt. Wir halten das hier sauber auseinander.

Baduhenna teilt dieses Schicksal mit einer zweiten Göttin, die ebenfalls nur bei Tacitus vorkommt: Tanfana, deren Heiligtum bei den Marsern im Jahr 14 n. Chr. von Germanicus dem Erdboden gleichgemacht wurde. Beide Namen verdanken wir römischer Kriegsberichterstattung. Beide stehen für eine Welt, in der die Götter der Germanen nicht in Tempeln aus Stein wohnten, sondern an Orten in der Landschaft – mehr dazu in unserem Überblick zur germanischen Religion.

Die Friesen und Rom: ein Bündnis aus Leder

Um zu verstehen, warum ausgerechnet in einem friesischen Wald 900 Römer starben, musst du ein paar Jahrzehnte zurückgehen. Die Friesen (lateinisch Frisii) lebten an der Nordseeküste der heutigen Niederlande, auf Wurten – künstlich aufgeschütteten Wohnhügeln – zwischen Salzwiesen, Prielen und Mooren. Tacitus unterscheidet in seiner Germania (Kapitel 34) „Größere“ und „Kleinere“ Friesen, nach ihrer Macht benannt. Ihre Nachbarn waren im Osten die Chauken, im Süden die Cananefaten und Bataver im Rheindelta.

Unter Drusus, dem Stiefsohn des Augustus, kamen die Friesen um 12 v. Chr. unter römischen Einfluss. Der Kontakt war offenbar zunächst nicht feindselig: Die Friesen standen auf römischer Seite, als Drusus mit seiner Flotte an der Nordseeküste operierte. Drusus legte ihnen eine Abgabe auf, die Tacitus ausdrücklich „maßvoll, ihren bescheidenen Verhältnissen angemessen“ nennt: Sie sollten Rinderhäute für den Bedarf des Heeres liefern (ut in usus militaris coria boum penderent). Eine römische Armee verschlang Leder in gewaltigen Mengen – für Zelte, Schildbezüge, Riemenzeug, Schuhwerk. Für Viehzüchter an der Küste war das eine Abgabe aus dem eigenen Alltag.

Wichtig für das Folgende: Niemand hatte festgelegt, wie groß und wie fest diese Häute sein mussten. Tacitus betont das. Solange niemand nachmaß, funktionierte das System.

Olennius und die Auerochsenhäute

Dann kam Olennius. Tacitus stellt ihn als einen ehemaligen primipilaris vor – einen Mann, der den Rang des ranghöchsten Zenturios einer Legion erreicht hatte, also ein erfahrener Berufssoldat, kein Aristokrat. Er wurde eingesetzt, „um die Friesen zu regieren“. Olennius tat etwas, das in der Verwaltungslogik eines Feldwebels vollkommen vernünftig klang: Er führte einen Standard ein. Als Maßstab wählte er die Häute von Auerochsen (terga urorum) – den riesigen Wildrindern, die damals noch in den Wäldern Mitteleuropas lebten.

Für die Friesen war das eine Katastrophe. Tacitus erklärt den Grund selbst: Die Wälder Germaniens seien reich an gewaltigen wilden Tieren, die Herden zu Hause aber nur mittelgroß. Die Hausrinder der Küstenbewohner waren klein; Häute in Auerochsengröße konnten sie schlicht nicht liefern. Was folgte, beschreibt Tacitus in einer bitteren Steigerung: Zuerst gaben die Friesen ihre Rinder selbst ab, dann ihr Land, schließlich ihre Frauen und Kinder in die Sklaverei.

Tacitus lässt keinen Zweifel daran, wo er die Schuld sieht. Gleich im ersten Satz des Kapitels schreibt er, die Friesen hätten den Frieden gebrochen „mehr wegen unserer Habgier als aus Widerwillen gegen den Gehorsam“. Das ist bemerkenswert offen für einen römischen Senator. Allerdings solltest du es nicht als reines Mitgefühl lesen: Tacitus nutzt solche Episoden gern, um die Regierungszeit des Tiberius als eine Zeit schlechter Verwaltung und verdeckter Fehlschläge darzustellen. Die Friesen sind in seinem Text auch Kulisse für Kritik an Rom.

Der Aufstand von 28 n. Chr.

Als Klagen nichts halfen, griffen die Friesen zum Krieg. Im Jahr, als Appius Iunius Silanus und Publius Silius Nerva Konsuln waren – also 28 n. Chr. –, ergriffen sie die Soldaten, die zum Eintreiben der Abgabe vor Ort waren, und schlugen sie ans Kreuz beziehungsweise an den Galgen (patibulo adfixi; das lateinische Wort meint ein Holzgestell zum Aufhängen oder Annageln). Olennius entkam knapp und flüchtete in ein Kastell namens Flevum, wo eine nicht zu verachtende Truppe aus römischen Bürgern und Verbündeten die Küste bewachte.

Wo lag Flevum? Die Archäologie hat hier einen starken Kandidaten geliefert: das Römerlager Velsen 1 an der damaligen Mündung des Oer-IJ, eines nördlichen Rheinarms, in Nordholland. Das Lager mit Hafen und Anlegestegen wurde um 15 n. Chr. angelegt, vermutlich im Zusammenhang mit den Feldzügen des Germanicus. Die Ausgräber fanden Spuren eines heftigen Angriffs: rund 520 bleierne Schleudergeschosse, menschliche Überreste auf der Abfallschicht im Hafen, die offenbar niemand bestattet hatte, und einen ungewöhnlich großen Mann, der in einem Brunnen lag. Die zeitliche Einordnung in das zweite Viertel des 1. Jahrhunderts passt gut zum Friesenaufstand.

Archäologischer Befund: Velsen 1 zeigt einen Angriff auf das Lager, Schleuderblei, unbestattete Tote und einen späteren Wiederaufbau. Die Gleichsetzung mit dem Flevum des Tacitus gilt als naheliegend, ist aber nicht durch eine Inschrift bewiesen.

Auf die Nachricht hin handelte der Statthalter von Niedergermanien, Lucius Apronius. Er war kein Neuling: Unter Germanicus hatte er in Germanien gekämpft, als Prokonsul in Africa gegen den Aufständischen Tacfarinas. Apronius holte Abteilungen der Legionen aus Obergermanien sowie ausgewählte Hilfstruppen zu Fuß und zu Pferd heran und fuhr mit beiden Heeren den Rhein hinab. Als er ankam, hatten die Friesen die Belagerung von Flevum bereits aufgegeben und waren abgezogen, um ihr eigenes Land zu schützen.

Apronius schlägt zurück – und verliert die Kontrolle

Was dann geschah, schildert Tacitus ungewöhnlich detailliert. Apronius ließ Dämme und Brücken über die nächsten Ästuare bauen, um das schwere Heer durch das nasse Land zu bringen. Währenddessen fand man Furten, und er schickte die ala Canninefas – eine Reitereinheit aus Cananefaten – und die germanischen Fußsoldaten im römischen Dienst los, um den Friesen in den Rücken zu fallen.

Das ging schief. Die Friesen standen bereits in Schlachtordnung und warfen die verbündete Reiterei zurück, ebenso die Legionsreiter, die zur Unterstützung kamen. Dann schickte Apronius drei leichte Kohorten, danach zwei weitere, nach einer Pause noch Alenreiter. Tacitus' Urteil ist trocken: Gemeinsam wären sie stark genug gewesen, nacheinander eintreffend wurden sie von der Panik der Fliehenden mitgerissen.

Erst Cethegus Labeo, Legat der 5. Legion (legio V Alaudae, damals in Vetera bei Xanten stationiert), wendete das Blatt. Er erhielt den Rest der Hilfstruppen, geriet selbst in Bedrängnis und rief per Boten nach der Kraft der Legionen. Die Männer der Fünften brachen hervor, schlugen den Feind in heftigem Kampf zurück und holten die erschöpften, verwundeten Kohorten heraus.

Ein Sieg? Nicht wirklich. Tacitus fügt zwei Sätze an, die wie eine Anklage klingen: Der römische Feldherr nahm keine Rache und begrub die Toten nicht, obwohl viele Tribunen, Präfekten und angesehene Zenturionen gefallen waren. Für römische Leser war das ein Skandal. Wie solche Kämpfe aus germanischer Sicht funktionierten – Hinterhalte, Gelände, schnelle Rückzüge –, erklären wir im Beitrag zur Kriegsführung der Germanen.

900 im Hain, 400 im Gehöft – was Tacitus wirklich schreibt

Und dann kommt der Satz, dem Baduhenna ihr Nachleben verdankt. Wir geben ihn in eigener Übertragung wieder:

„Bald darauf erfuhr man von Überläufern, dass neunhundert Römer beim Hain, den sie den der Baduhenna nennen, in einem bis zum nächsten Tag hingezogenen Kampf aufgerieben worden waren, und dass eine weitere Schar von vierhundert, die das Gehöft des Cruptorix, eines früheren Söldners, besetzt hatte, aus Furcht vor Verrat durch gegenseitige Hiebe gefallen war.“Tacitus, Annalen 4,73 (eigene Übertragung)

Der lateinische Kern lautet: nongentos Romanorum apud lucum quem Baduhennae vocant pugna in posterum extracta confectos. Drei Dinge fallen auf, und sie korrigieren manches, was über Baduhenna im Umlauf ist – auch in der früheren Fassung dieses Artikels.

Erstens: Die Zahl 900 stimmt mit dem Text überein. Aber sie stammt nicht aus einer römischen Verlustliste, sondern aus Aussagen von Überläufern, die Rom erst nachträglich erreichten. Zweitens: Die 900 starben „beim“ Hain (apud lucum), in einem Kampf, der sich über die Nacht bis in den folgenden Tag zog. Von Selbstmord ist hier keine Rede. Drittens: Die 400, die sich gegenseitig töteten, waren eine andere Abteilung an einem anderen Ort – im Gehöft (villa) eines Mannes namens Cruptorix, der früher im römischen Sold gestanden hatte (quondam stipendiarius). Sie fürchteten, verraten zu werden, und wählten lieber den Tod durch die Hand der Kameraden als die Gefangenschaft. Zusammen ergibt das 1.300 Tote, verteilt auf zwei Schauplätze.

Auch die gern verbreitete Formel, die Friesen hätten „ein römisches Heer vernichtend geschlagen“, ist zu glatt. Die Hauptschlacht endete damit, dass die 5. Legion die Friesen zurückwarf. Die eigentliche Demütigung lag in den versprengten Abteilungen, die im Wald und im Gehöft untergingen, in den unbestatteten Toten und darin, dass Rom keinen Rachefeldzug führte.

Ist die Zahl 900 glaubwürdig?

Der Auftrag lautet bei uns immer: Zahl prüfen. Die Zahl steht so im überlieferten lateinischen Text. Ob sie die Wirklichkeit trifft, ist eine andere Frage.

Für die Zahl spricht: Sie ist für Rom unvorteilhaft. Tacitus hatte kein Interesse daran, eine Niederlage aufzublähen, wohl aber daran, das Versagen der tiberianischen Führung zu zeigen. Dazu passt der nächste Satz in Kapitel 74: Der Name der Friesen wurde unter den Germanen berühmt, während Tiberius die Verluste verheimlichte, um niemandem den Krieg übertragen zu müssen.

Gegen eine allzu genaue Lesung spricht: Überläuferberichte sind Hörensagen, und runde Zahlen wie 900 und 400 sind eher Größenordnungen als Zählungen. Wir halten es deshalb für fair zu sagen: Tacitus nennt 900 Tote beim Hain der Baduhenna; das war eine schwere Teilniederlage, die genaue Höhe lässt sich nicht nachprüfen. Mit der Varusschlacht des Jahres 9 n. Chr., die drei Legionen kostete, ist sie nicht zu vergleichen – mit einem Scharmützel aber auch nicht.

Was der Name verrät – und was nicht

Jetzt zur Göttin selbst. Weil wir nichts über ihren Kult wissen, hängt alles am Namen. Die Forschung zerlegt ihn in zwei Teile: Badu- und -henna.

Das Vorderglied stellte bereits der Germanist Karl Müllenhoff im 19. Jahrhundert zu einem germanischen Wort *badwa- „Kampf“. (Das Sternchen markiert eine erschlossene, nicht schriftlich belegte Wortform.) Verwandte finden sich im Altenglischen beadu „Kampf, Krieg“ und im altnordischen Dichterwort bǫð „Schlacht“. Auch in germanischen Personennamen begegnet das Element. Diese Verbindung ist sprachlich gut begründet, bleibt aber, wie jede Etymologie eines nur einmal belegten Namens, ein Vorschlag.

Das Hinterglied -henna erinnert an die Namensendungen der rheinischen Matronen, der Muttergöttinnen, die auf Hunderten Weihesteinen des 1. bis 4. Jahrhunderts genannt werden, und an die Küstengöttin Nehalennia aus Zeeland. Was dieses Suffix genau bedeutet, ist offen. Die oft gehörte Übersetzung „die Kämpferische“ oder „Kampfgöttin“ ist also eine Deutung des Ganzen, keine wörtliche Übersetzung.

Spannend ist eine zweite Spur. Sprachwissenschaftler wie Peter Schrijver und Lauran Toorians haben darauf hingewiesen, dass im Gebiet der heutigen Niederlande keltische Sprachreste im Untergrund der germanischen Namen stecken. Corinna Scheungraber hat für Baduhenna eine keltische Vorform *Bodu(c)enna- erwogen. Damit rückt die Göttin in die Nähe der irischen Badb, einer Kriegs- und Krähengestalt, die zum Umfeld der Morrígan gehört, und der gallischen Cathubodua, die auf einer Inschrift aus Savoyen erscheint. Ob Baduhenna eine „keltische Göttin in germanischem Gewand“ war oder ob germanisch und keltisch hier schlicht auf dieselbe indogermanische Wurzel zurückgreifen, ist in der Forschung nicht entschieden.

Mythos-Check: „Baduhenna war die friesische Kriegsgöttin, eine Art Walküre.“ – Das ist eine Schlussfolgerung aus dem Namen und dem Schlachtbericht, nicht mehr. Kein Text beschreibt ihr Wesen, kein Bild zeigt sie. Die nordischen Walküren sind zudem über tausend Jahre jünger überliefert. Eine Verbindung ist denkbar, belegt ist sie nicht.

Rudolf Simek hält in seinem Lexikon der germanischen Mythologie fest, dass die Etymologie auf einen Bezug zum Krieg hinweist. Vorsichtiger und ehrlicher geht es kaum. Ob die Friesen sie auch für Land, Vieh oder Fruchtbarkeit anriefen, wissen wir nicht. Dass ein Kampf in ihrem Hain stattfand, kann Zufall der Geografie gewesen sein – oder genau der Grund, warum die Friesen dort kämpften.

Wo lag der Hain der Baduhenna?

Seit Tacitus im 16. Jahrhundert wieder gelesen wurde, suchen Heimatforscher den Hain. Mangels Funden arbeitete man lange mit Namensähnlichkeiten. In der Provinz Friesland wurden Orte wie Oldeholtpade, Beetgum oder Baarderadeel ins Spiel gebracht – Letzteres allein wegen des Anklangs an „Badu“. Solche Gleichungen sind sprachlich kaum haltbar.

Seit den Ausgrabungen in Velsen hat sich der Blick nach Nordholland verschoben. Wenn Velsen 1 tatsächlich Flevum war, muss der Hain nicht allzu weit entfernt gelegen haben, denn Apronius operierte von dort aus in die friesischen Gebiete. Genannt werden Velserbroek, Bakkum, Castricum und vor allem Heiloo. Heiloo wird gern als „heiliger Wald“ gedeutet: hei- wie „heilig“ und -lo, ein altes Wort für Wald oder Lichtung. Allerdings kann hei auch anders gedeutet werden, und Castricum leitet sich wohl nicht vom lateinischen castrum ab, sondern von einem frühmittelalterlichen Personennamen. W. A. Braakman hat diese Überlegungen 2001 in der Zeitschrift Westerheem zusammengefasst.

Mythos-Check: „Der Hain der Baduhenna lag in Heiloo.“ – Das ist eine Hypothese auf Grundlage eines Ortsnamens und der Nähe zu Velsen. Es gibt weder eine Inschrift noch einen Fund, der den Ort bestätigt. Auch ein Schlachtfeld mit Waffen und Gebeinen aus dem Jahr 28 ist bisher nirgends gefunden worden.

Ein heiliger Hain hinterlässt archäologisch ohnehin wenig: Bäume vergehen, Grenzen waren vielleicht nur durch Pfähle markiert. Mehr dazu im Artikel über heilige Bäume und Haine.

Haine bei Tacitus: Baduhenna im Vergleich

Baduhenna steht nicht allein. Tacitus spricht in seinen Werken mehrfach von heiligen Wäldern der Germanen, und erst der Vergleich zeigt, wie typisch ihr Hain ist. In der Germania (Kapitel 9) schreibt er, die Germanen hielten es nicht für angemessen, Götter in Wände einzuschließen; sie weihten ihnen stattdessen lucos ac nemora, Haine und Wälder. Ganz ausnahmslos stimmt das nicht – Tanfana hatte immerhin ein templum.

Der Semnonenhain (Germania 39) ist das eindrücklichste Beispiel: Ein Wald, den man nur gefesselt betreten durfte, als Zeichen der Unterwerfung unter die Gottheit, Versammlungsort der suebischen Stämme, mit Menschenopfern. Mehr dazu im Beitrag zum Semnonenhain. Nerthus (Germania 40) hatte einen „keuschen Hain“ auf einer Insel im Ozean, aus dem ihr Wagen zur Umfahrt aufbrach – siehe unseren Artikel zu Nerthus. Bei den Naharnavalern (Germania 43) zeigte man einen Hain „uralter Verehrung“, in dem ein Priester in Frauenkleidung göttlichen Brüdern namens Alcis diente.

Auch in den Annalen tauchen Haine im Krieg auf. Im Jahr 16 n. Chr. versammelten sich die Stämme im Krieg gegen Germanicus in einem Wald, der dem „Hercules“ heilig war (Annalen 2,12) – also einem germanischen Gott, den Tacitus mit römischem Namen benennt, vermutlich Donar. Mehr dazu bei den Cheruskern. Und als Germanicus 15 n. Chr. das Varusschlachtfeld besuchte, fand er laut Annalen 1,61 in „nahen Hainen“ Altäre, an denen Tribunen und ranghohe Zenturionen geopfert worden waren. In der Germania (Kapitel 7) heißt es zudem, die Germanen trügen Bilder und Feldzeichen, die sie aus den Hainen holten, mit in die Schlacht.

Im Licht dieser Stellen bekommt der Hain der Baduhenna Kontur. Er war wahrscheinlich nicht bloß ein beliebiger Wald, sondern ein Ort, an dem sich Gemeinschaft, Kult und Kriegsbereitschaft trafen. Dass die Friesen ausgerechnet dort kämpften, kann taktische Gründe gehabt haben, kann aber auch damit zu tun haben, dass man an einem solchen Ort den Beistand der Gottheit erwartete. Einen Überblick über Kultplätze und Gaben bietet unser Artikel zu germanischen Opfern und Heiligtümern.

Mythos-Check: „Die 900 Römer wurden der Baduhenna geopfert.“ – Das schreibt Tacitus nicht. Bei ihm sterben sie in einem langen Kampf (pugna). Die Opferaltäre im Teutoburger Wald zeigen zwar, dass Germanen gefangene Offiziere opfern konnten, und große Waffenopfer wie in Illerup Ådal belegen Kriegsbeute-Weihungen im Norden. Für den Hain der Baduhenna ist ein Opfer aber reine Spekulation.

Das Nachspiel: Friesen und Rom nach 28

Der Aufstand beendete die Beziehungen nicht. Ein kleines Holztäfelchen aus der Wurt Tolsum in Friesland, heute im Fries Museum in Leeuwarden, wurde lange als Kaufvertrag über ein friesisches Rind gelesen und deshalb gern mit der Rinderhautsteuer verknüpft. Eine Neulesung in Oxford hat das widerlegt: Es handelt sich um einen Schuldschein, datiert auf Februar 29 n. Chr., bezeugt unter anderem von Soldaten. Ob es mit dem Aufstand zusammenhängt, ist offen – aber es zeigt, dass Römer kaum ein Jahr später wieder in Friesland Geschäfte machten.

Tacitus selbst erzählt die Geschichte weiter. Im Jahr 47 n. Chr. brachte der Feldherr Corbulo die Friesen, die „seit dem mit der Niederlage des Apronius begonnenen Aufstand“ feindlich oder unzuverlässig gewesen seien, zur Geiselstellung, wies ihnen Land zu und gab ihnen Rat, Beamte und Gesetze nach römischem Muster (Annalen 11,19). Und 58 n. Chr. reisten zwei friesische Anführer, Verritus und Malorix, nach Rom, um für ihr Volk Land am Rhein zu erbitten. Nero schenkte ihnen das Bürgerrecht – und ließ ihr Volk trotzdem vertreiben (Annalen 13,54).

Für Tacitus war das Jahr 28 der Anfang einer langen, unruhigen Beziehung. Was die Friesen selbst über diesen Tag erzählten, wissen wir nicht. Ihre Seite der Geschichte ist verloren – und mit ihr alles, was sie über Baduhenna sangen oder sagten.

Warum uns Baduhenna nicht loslässt

Bei Glanz & Gravur arbeiten wir mit Schiefer, Holz und Glas – Materialien, die bleiben sollen. Baduhenna ist das Gegenteil: eine Göttin, von der fast nichts geblieben ist. Gerade deshalb ist sie für uns ein Lehrstück. Sie zeigt, wie schnell aus einem Namen eine ganze Persönlichkeit erfunden wird. Wenn wir einen Namen wie ihren auf eine Platte bringen, dann mit dem Wissen, dass er ein einziges, stilles Zeugnis ist – ein Halbsatz, den ein Feind aufgeschrieben hat und der trotzdem zweitausend Jahre überdauert hat.

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Häufige Fragen

Wer war Baduhenna? Eine Göttin der Friesen, die nur ein einziges Mal erwähnt wird: bei Tacitus, Annalen 4,73. Dort wird ein ihr geweihter Hain genannt, bei dem im Jahr 28 n. Chr. römische Soldaten getötet wurden.

Was bedeutet der Name Baduhenna? Das Vorderglied wird meist zu germanisch *badwa- „Kampf“ gestellt, das Hinterglied erinnert an Matronennamen und an Nehalennia. Daraus folgt die Deutung als Kampfgöttin – ein Vorschlag, kein Beleg. Eine keltische Herkunft des Namens wird ebenfalls diskutiert.

Wie viele Römer starben im Hain der Baduhenna? Tacitus nennt 900 Tote in einem Kampf, der bis zum nächsten Tag dauerte. Weitere 400 Mann töteten sich an einem anderen Ort, im Gehöft des Cruptorix, gegenseitig. Die Zahlen stammen von Überläufern und sind nicht nachprüfbar.

Wo lag der Hain der Baduhenna? Das ist unbekannt. Weil das Römerlager Velsen in Nordholland als Kastell Flevum gilt, werden Orte in der Nähe wie Heiloo, Castricum oder Bakkum vorgeschlagen. Archäologisch bestätigt ist keiner davon.

Warum rebellierten die Friesen 28 n. Chr.? Wegen einer Abgabe in Rinderhäuten, die der Offizier Olennius verschärfte, indem er Auerochsenhäute zum Maßstab machte. Die Friesen mussten Vieh, Land und schließlich Angehörige hergeben und erhoben sich.

Gibt es Bilder oder Inschriften der Baduhenna? Nein. Im Unterschied zu Nehalennia oder den Matronen ist kein Weihestein und keine Darstellung bekannt. Alles, was wir über sie wissen, steht in einem einzigen lateinischen Satz.

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Tanfana · Die Friesen · Nerthus – die Erdgöttin · Die germanische Religion · Der Hain der Semnonen.

Quellen & Literatur

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