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Tanfana: Eine Göttin, ein Fest und die Nacht, in der Rom ihr Heiligtum zerstörte

Götter & Göttinnen Tanfana: Eine Göttin, ein Fest und die Nacht, in der Rom ihr Heiligtum zerstörte

Tanfana war eine germanische Göttin, deren Heiligtum bei den Marsern zwischen Ruhr und Lippe stand. Wir kennen sie aus genau einem Satz: Tacitus berichtet in den Annalen (1,51), dass der römische Feldherr Germanicus im Herbst 14 n. Chr. die Marser während eines nächtlichen Festes überfiel und ihr berühmtes „templum“ dem Erdboden gleichmachte. Mehr sagt keine antike Quelle. Was danach über Tanfana geschrieben wurde – Erntegöttin, Erdmutter, Herrin der Zeit –, ist Deutung. Wir zeigen dir, was der Text wirklich hergibt.

Stell dir eine sternklare Herbstnacht vor. Irgendwo östlich des Rheins sitzen Menschen beim Festmahl, es wird getrunken, gelacht, gefeiert. Wachen? Keine. Wozu auch – es ist ein heiliger Abend. Durch den Wald nähern sich währenddessen rund zwölftausend Legionäre, dazu Hilfstruppen und Reiterei. Am nächsten Morgen gibt es kein Fest mehr, kein Dorf und kein Heiligtum. Und von der Göttin, der dieser Ort gehörte, bleibt der Nachwelt nur ein einziger Name: Tanfana.

Tanfana ist eine dieser Gestalten, die uns bei Glanz & Gravur besonders beschäftigen. Nicht weil wir so viel über sie wüssten, sondern weil wir so wenig wissen – und weil gerade das ehrlich erzählt werden will. Im Netz findest du Fruchtbarkeits-, Mond- und Erdgöttinnen, sogar „Inschriften“ – fast nichts davon hält stand. Also gehen wir den umgekehrten Weg: vom einen Satz aus, den wir haben, Schritt für Schritt nach außen.

Die einzige Quelle: Tacitus, Annalen 1,51

Publius Cornelius Tacitus schrieb seine Annales („Jahrbücher“) im frühen 2. Jahrhundert, also rund hundert Jahre nach den Ereignissen. Er war kein Augenzeuge. Er stützte sich auf ältere Werke – vermutlich unter anderem auf die heute verlorenen Germanenkriege des älteren Plinius, der selbst am Rhein gedient hatte. Wir lesen also die literarisch gestaltete Rückschau eines römischen Senators, nicht den Bericht eines Beteiligten.

Der entscheidende Satz steht im Kapitel 51 des ersten Buches. Nachdem Germanicus seine Legionen in vier Keile aufgeteilt hat, verwüsten sie ein Gebiet von fünfzig Meilen mit Feuer und Schwert. Dann folgt:

„Weder Geschlecht noch Alter fand Erbarmen; Weltliches wie Heiliges, auch das bei jenen Stämmen hochberühmte Heiligtum, das sie das der Tanfana nannten, wurde dem Erdboden gleichgemacht.“Tacitus, Annalen 1,51 (eigene Übertragung)

Im Lateinischen lautet der Kern: celeberrimum illis gentibus templum quod Tanfanae vocabant solo aequantur. Mehr steht da nicht. Kein Kultbild, keine Priester, keine Opfer, kein Mythos, kein Wort darüber, wofür die Göttin „zuständig“ war. Selbst die Grundform ist erschlossen: Tanfanae ist ein Genitiv oder Dativ. In der Forschung begegnet dir deshalb auch die Schreibung Tamfana; der Artikel im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA) führt beide Formen im Titel.

Gesicherter Befund: Tacitus (Annalen 1,51) nennt ein bei mehreren Stämmen hochberühmtes Heiligtum der Tanfana im Gebiet der Marser, das römische Truppen unter Germanicus im Jahr 14 n. Chr. zerstörten. Das ist die einzige antike Erwähnung der Göttin.

Ein Detail verdient Aufmerksamkeit: illis gentibus – „jenen Stämmen“, im Plural. Das Heiligtum war offenbar nicht nur eine Dorfangelegenheit der Marser, sondern hatte Bedeutung für mehrere Gruppen. Darauf kommen wir gleich zurück, denn genau dieser Plural erklärt, was in den Tagen nach dem Überfall geschah.

Wie es zum Überfall kam: Meuterei, Schuld und ein schneller Feldzug

Um die Nacht der Tanfana zu verstehen, musst du wissen, was davor im römischen Lager los war. Am 19. August 14 n. Chr. starb Kaiser Augustus. Sein Nachfolger Tiberius war noch nicht gefestigt, und an Rhein und Donau witterten die Legionen ihre Chance. Am Niederrhein meuterten die Truppen, forderten kürzere Dienstzeiten und mehr Sold, bedrohten Offiziere. Germanicus, Neffe und Adoptivsohn des Tiberius und Oberbefehlshaber am Rhein, bekam die Lage nur mühsam wieder in den Griff. Am Ende richteten die Soldaten ihre eigenen Rädelsführer hin – ein blutiges, chaotisches Ende, das Tacitus ausführlich schildert (Annalen 1,31–49).

Tacitus zeichnet das Folgende fast psychologisch: Die Soldaten brannten darauf, ihre Schuld im Blut der Feinde abzuwaschen. Germanicus gab nach. Er führte nach Tacitus zwölftausend Mann aus den Legionen, sechsundzwanzig Kohorten der Bundesgenossen und acht Reiterabteilungen (alae) auf einer Brücke über den Rhein. Der Feldzug gegen die Marser war also kein lange geplanter Eroberungskrieg, sondern ein schneller Strafzug, der auch nach innen wirken sollte: Disziplin durch Beute und Sieg.

Die Route beschreibt Tacitus knapp. Das Heer schlug sich durch den silva Caesia, den Caesischen Wald, und entlang eines von Tiberius begonnenen Grenzwegs (limes, hier im Sinn einer geschlagenen Schneise, nicht der späteren Grenzmauer). Caecina, einer der Legaten, ging mit leichten Kohorten voraus und räumte Hindernisse aus dem Weg. Wo der Caesische Wald lag, ist unbekannt; Gleichsetzungen gibt es viele, belastbar ist keine.

Das Fest: eine Nacht ohne Wachen

Jetzt kommt der Teil, der Tanfana mit einem Fest verbindet. Kundschafter meldeten, so Tacitus, dass die Germanen eine Festnacht begingen, „mit feierlichen Mahlen und Spielen“ – lateinisch festam eam Germanis noctem ac sollemnibus epulis ludicram. Die Marser lagen nach seiner Darstellung sorglos herum, „ohne Furcht, ohne vorgeschobene Wachen“ (nullo metu, non antepositis vigiliis). Die Nacht war hell vom Sternenlicht, die Römer erreichten die Dörfer unbemerkt.

Achtung beim Lesen: Tacitus sagt nicht ausdrücklich, dass das Fest der Tanfana galt. Er erwähnt das Fest in Kapitel 50 und das Heiligtum in Kapitel 51. Dass beides zusammengehört, ist naheliegend – ein großes Fest, ein berühmtes Heiligtum, dieselbe Gegend, dieselbe Nacht –, aber streng genommen ist es eine Schlussfolgerung. Fast alle modernen Darstellungen ziehen sie, und wir halten sie auch für plausibel. Nur solltest du wissen, dass es eine ist.

Die Gelage-Szene hat zudem literarischen Beigeschmack: Der trinkende, unachtsame Germane war ein beliebtes römisches Motiv. Dass die Marser feierten, glauben wir Tacitus. Wie wild, wissen wir nicht.

Fünfzig Meilen Feuer: was Germanicus anrichtete

Germanicus teilte die Legionen in vier Keile, damit die Verwüstung möglichst breit ausfiel. Fünfzig Meilen – gemeint sind römische Meilen, also grob 70 bis 75 Kilometer – wurden mit Feuer und Schwert überzogen. Der Satz „weder Geschlecht noch Alter fand Erbarmen“ ist bei Tacitus keine Übertreibung zur Unterhaltung; er beschreibt kühl, was ein römischer Strafzug bedeutete. Unter den Trümmern: profana simul et sacra, Alltägliches wie Heiliges, und eben das Heiligtum der Tanfana.

Ob die Zerstörung des Heiligtums gezielt erfolgte oder einfach „mitgenommen“ wurde, sagt Tacitus nicht. Die Formulierung stellt das Heiligtum ans Ende einer Aufzählung, als Höhepunkt. Für die Marser selbst dürfte es ein Schlag ins Herz gewesen sein – ein Ort, an dem man sich versammelte, schwor, opferte und feierte, lag in Asche.

Dann kam die Antwort. Das Gemetzel, schreibt Tacitus, rüttelte die Brukterer, Tubanten und Usipeter auf. Sie besetzten die Waldwege, durch die das Heer zurückmusste. Germanicus marschierte in Gefechtsordnung: vorn die Reiterei und Kohorten, dann die erste Legion, links die einundzwanzigste, rechts die fünfte, am Ende die zwanzigste. Die Germanen griffen die Nachhut an, die Lage wurde brenzlig, bis Germanicus der zwanzigsten Legion zurief, jetzt sei die Gelegenheit, die Schande der Meuterei zu tilgen. Die Römer brachen durch, erreichten offenes Gelände und zogen in die Winterlager. Ob die Tubanten und ihre Nachbarn zu jenen gentes gehörten, denen das Heiligtum „hochberühmt“ war, ist offen – der Gedanke liegt nahe.

„Templum“ – Tempel, Hain oder heiliger Bezirk?

Hier wird es knifflig, und hier lohnt es sich, genau hinzusehen. Tacitus nennt Tanfanas Kultort ein templum. Wer „Tempel“ hört, denkt an Säulen, Dach und Götterstatue. Doch dieselbe Feder hat in der Germania (Kapitel 9) geschrieben, die Germanen hielten es mit der Größe der Himmlischen für unvereinbar, die Götter in Wände einzuschließen oder ihnen menschliche Gestalt zu geben: lucos ac nemora consecrant – „sie weihen Lichtungen und Haine“.

Widerspricht sich Tacitus also? Nicht unbedingt. Das lateinische templum hatte ursprünglich gar nichts mit Gebäuden zu tun. Es bezeichnete einen abgegrenzten, geweihten Bezirk – ursprünglich den Himmels- oder Geländeausschnitt, den ein römischer Augur (Vogelschauer) für seine Beobachtung festlegte. Das Wort wird meist zu einer Wurzel mit der Bedeutung „schneiden, abgrenzen“ gestellt, verwandt mit griechisch temenos, „abgeschnittener heiliger Bezirk“. Ein templum konnte also ebenso gut ein umhegter Platz, ein Hain mit Einfriedung oder eine Kultstätte unter freiem Himmel sein.

Aufschlussreich ist ein Vergleich innerhalb von Tacitus' eigenem Werk. Bei der Göttin Nerthus spricht er in der Germania (Kapitel 40) von einem heiligen Hain auf einer Insel – und trotzdem davon, dass der Priester die Göttin am Ende ihres Umzugs „ihrem Tempel“ zurückgibt (templo reddat). Für Baduhenna bei den Friesen benutzt er in den Annalen (4,73) dagegen lucus, Hain. Tacitus wechselt die Begriffe also, und templum muss bei ihm kein Gebäude sein.

Was die Archäologie anbelangt, gibt es für die römische Kaiserzeit im germanischen Raum durchaus Hinweise auf Kultplätze mit Einhegungen, Pfostensetzungen oder kleinen Bauten – mehr dazu in unserem Beitrag über germanische Opfer und Heiligtümer. Ein Steintempel nach römischem Muster ist für die Marser des Jahres 14 jedoch sehr unwahrscheinlich. Eher war es ein eingefriedeter Festplatz, vielleicht mit Hain, Holzbau oder Pfahlbildern wie jenen aus den Mooren – genau wissen wir es nicht. Wie Germanen ihre Götter darstellten, wenn sie es denn taten, haben wir in unserem Artikel über germanische Götterbilder zusammengetragen.

Mythos-Check: „Tanfana hatte einen prächtigen Tempel, den Germanicus niederbrannte.“ – Das Wort templum verleitet zu diesem Bild, aber es bedeutet zunächst nur „geweihter Bezirk“. Ob dort überhaupt ein Gebäude stand, sagt Tacitus nicht.

Der Name: Was steckt in „Tanfana“?

Ein Göttinnenname ohne Mythos ist für Sprachforscher Rätsel und Versuchung zugleich. Seit der Renaissance wurde alles Mögliche in „Tanfana“ hineingelesen.

Ältere, heute verworfene Ideen: Der Humanist Justus Lipsius (16. Jahrhundert) dachte an ein keltisches Wort für „Feuer“. Andere hörten die „Tanne“ heraus. Im 19. Jahrhundert wurde sogar ein „Wotanfana“ konstruiert, also ein Wodan-Heiligtum mit verstümmeltem Anfang. Jacob Grimm hielt den Namen für sicher germanisch, konnte ihn aber nicht deuten; er verglich die Endung mit anderen Göttinnennamen auf -ana. Karl Müllenhoff wiederum dachte an eine Göttin des Erntesegens und der Fülle.

Die heute am häufigsten genannte Herleitung geht auf eine indogermanische Wurzel *temp- „spannen, dehnen“ zurück. Dazu stellt man lateinisch tempus („Zeitspanne“) und altisländisch þamb bzw. þǫmb („Schwellung, Fülle, Gespanntheit“, auch „Bauch“). Das Element -na wird als Suffix gedeutet, das in Götternamen den Herrschafts- oder Wirkungsbereich bezeichnet. Wichtige Stationen dieser Diskussion sind ein Aufsatz von Hans Krahe (1934) und die Arbeiten von Jan de Vries. Aus dieser Richtung kommen zwei ganz unterschiedliche Deutungen:

Beide Deutungen sind sprachlich möglich, keine ist bewiesen. Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Wir kennen den Namen nur in einer lateinischen Wiedergabe, durch Abschreiber über Jahrhunderte überliefert. Schon ob der dritte Buchstabe ein n oder ein m war, ist nicht eindeutig. Auf einem so schmalen Fundament eine ganze Göttinnen-Persönlichkeit aufzubauen, wäre unredlich. Wer Tanfana zur Mondgöttin erklärt, darf gern die Quelle nennen.

Die angebliche Inschrift „Tamfanae sacrum“

Irgendwann taucht in jeder Recherche zu Tanfana eine Inschrift auf: TAMFANAE SACRVM, „der Tamfana geweiht“. Gefunden angeblich in Terni, dem antiken Interamna in Umbrien. Das wäre sensationell – eine germanische Göttin auf einem Stein in Italien, vielleicht gestiftet von einem germanischen Soldaten oder Leibwächter in römischen Diensten.

Leider ist die Sache faul. Die Inschrift gilt als Fälschung und wird dem Antiquar Pirro Ligorio (16. Jahrhundert) zugeschrieben. Ligorio war ein hochbegabter Architekt und Altertumsforscher – und zugleich einer der produktivsten Inschriftenfälscher seiner Zeit. Die große Inschriftensammlung, das Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL), führt seine Erfindungen gesondert unter den unechten Inschriften. Ein Original-Stein ist nicht bekannt. Wir haben die Zuschreibung nicht am Stein selbst prüfen können und geben sie so wieder, wie die Forschungsliteratur sie überliefert; für die Göttin selbst ist die „Inschrift“ jedenfalls wertlos.

Mythos-Check: „Eine Weihinschrift beweist, dass Tanfana sogar in Italien verehrt wurde.“ – Nein. Die Inschrift „Tamfanae sacrum“ gilt als neuzeitliche Fälschung (Pirro Ligorio zugeschrieben). Es gibt keinen echten epigraphischen Beleg für Tanfana.

Eine zweite Spur führt ebenfalls ins Leere: ein angebliches althochdeutsches Wiegenlied, das im 19. Jahrhundert auftauchte und eine „Zanfana“ nennt. Jacob Grimm nahm es zunächst ernst. Heute gilt das Lied als Fälschung; der Germanist Cyril Edwards hat seine Entstehungsgeschichte eingehend untersucht. Auch hier gilt: hübsch erfunden, aber keine Quelle.

Die Marser: ein Stamm, den Rom besonders hart traf

Wer waren die Menschen, die in jener Nacht feierten? Die Marser (lateinisch Marsi) gehören zu den Stämmen, die vor allem durch die Kriege des frühen 1. Jahrhunderts in den Quellen auftauchen. Ausführlich stellen wir sie in unserem Beitrag über die Marser vor; hier das Wichtigste in Kürze.

Tacitus zählt sie in der Germania (Kapitel 2) zu den alten Stammesnamen, die manche Germanen auf Söhne des Gottes Mannus zurückführten – neben Gambriviern, Sueben und Vandilen. Der griechische Geograph Strabon (Buch 7) berichtet, die Marser seien vom Rhein weg ins Innere Germaniens ausgewichen. Ihr Siedlungsgebiet wird meist zwischen Ruhr und Lippe, vielleicht bis zur oberen Lippe gesucht. Genaue Grenzen lassen sich nicht ziehen.

Nach der Verwüstung von 14 n. Chr. waren die Marser keineswegs erledigt. Schon im folgenden Jahr wagten sie, so Tacitus (Annalen 1,56), einen Angriff auf Caecina und wurden in einem Gefecht zurückgeschlagen. Im Jahr 16 ergab sich ihr Anführer Mallovendus den Römern und verriet ihnen, dass in einem nahen Hain der Adler einer der Varus-Legionen vergraben lag, nur schwach bewacht (Annalen 2,25). Germanicus ließ ihn holen. Die Marser hatten also eine der Trophäen aus der Varusschlacht von 9 n. Chr. – mehr dazu bei den Cheruskern und Arminius – in Verwahrung, und zwar wieder an einem heiligen Ort, einem lucus.

Dieses Detail ist für Tanfana nicht unwichtig. Es zeigt, dass die Marser Kultplätze nicht nur zum Feiern nutzten, sondern auch, um Siegeszeichen zu deponieren – ganz ähnlich, wie es Tacitus für andere Stämme beschreibt. Ein „hochberühmtes“ Heiligtum war damit auch ein politischer Ort, an dem Erinnerung und Selbstbewusstsein eines Verbandes hingen. Ob Brukterer, Tubanten, Usipeter und Marser eine regelrechte Kultgemeinschaft bildeten, wie sie für den Nerthus-Bund überliefert ist, ist eine verbreitete, aber nicht beweisbare Annahme.

Wo lag das Heiligtum? Lokalisierungsversuche

Seit Jahrhunderten suchen Heimatforscher, Gelehrte und Enthusiasten nach dem Ort der Tanfana. Gefunden hat ihn niemand. Die Quellen geben schlicht zu wenig her. Aus diesen Angaben lässt sich bestenfalls ein grober Raum ableiten – meist der zwischen Ruhr und oberer Lippe.

Einige Vorschläge, die dir begegnen werden, und wie wir sie einschätzen:

Ehrlich gesagt: Jede dieser Lokalisierungen ist Spekulation. Ein Fund, der sich eindeutig mit dem Heiligtum der Tanfana verbinden ließe, existiert nicht – keine Inschrift, kein Kultplatz mit Brandschicht aus dem Jahr 14. Jede Wanderkarte mit „Tanfana-Heiligtum“ darfst du also mit Vorsicht genießen. Ähnliches erleben wir übrigens bei anderen angeblichen Kultorten, etwa den Externsteinen.

Ein Herbstfest? Was die Jahreszeit verrät

Kommen wir zum Termin. Augustus starb am 19. August 14. Bis die Nachricht an den Rhein gelangte, bis die Meuterei aufflammte, verhandelt und blutig beendet war, vergingen Wochen. Danach erst brach Germanicus auf, und nach dem Feldzug zog das Heer in die Winterlager. Das Fest der Marser muss also in den Herbst gefallen sein – grob zwischen September und Anfang November. Genauer lässt es sich nicht festlegen, und Tacitus nennt kein Datum.

Ein Herbstfest, ein Festmahl, Spiele, eine ganze Nacht: Das passt gut zu dem, was wir aus vielen bäuerlichen Gesellschaften kennen. Nach der Ernte gibt es Vorräte, das Vieh, das nicht überwintern kann, wird geschlachtet, und die Gemeinschaft feiert. Daraus speisen sich die gängigen Deutungen Tanfanas als Erntegöttin oder Göttin der Fülle – und die Brücke zur Namensdeutung über þamb.

Rudolf Simek verweist in seinem Lexikon auf eine andere Parallele: Ein Herbstfest erinnere an das altnordische dísablót, ein Opfer für die dísir, weibliche Schutzgeistwesen, und an die skandinavischen Winternächte (vetrnætr) um Mitte Oktober. Er schlägt vor, Tanfana im Umfeld der Verehrung weiblicher Gottheiten zu sehen, wie sie im Rheinland durch die Matronen greifbar werden. Das ist eine kluge Einordnung – aber eine Einordnung, kein Beleg. Zwischen den Marsern und den Winternächten liegen ein knappes Jahrtausend und mehrere hundert Kilometer. Wie vorsichtig man mit solchen Brücken umgehen sollte, haben wir in unserem Überblick über germanische Feste ausführlich gezeigt.

Mythos-Check: „Tanfana war die Göttin des Erntedankfests der Germanen.“ – Möglich, aber nicht belegt. Belegt ist nur, dass im Herbst 14 n. Chr. bei den Marsern ein Fest stattfand und dass es in derselben Gegend ein Heiligtum der Tanfana gab. Die Funktion der Göttin erschließen Forscher aus Termin und Namensdeutung.

Warum Tanfana trotzdem wichtig ist

Man könnte achselzuckend sagen: ein Name, ein Satz, fertig. Doch gerade Tanfana zeigt etwas, das für die gesamte germanische Religion gilt. Die Götter der Festlandgermanen kennen wir fast nur aus fremder Hand – aus römischen Berichten, aus Weihesteinen, die Germanen im römischen Dienst setzten, aus späten christlichen Notizen. Die großen Göttererzählungen der Edda stammen aus dem Island des 13. Jahrhunderts. Dazwischen klaffen Lücken, in die Namen wie Tanfana, Baduhenna oder Nerthus wie Inseln hineinragen.

Tanfana steht außerdem für ein Muster, das sich durch die Jahrhunderte zieht: Wer einen Stamm treffen wollte, traf seine Heiligtümer. Germanicus verwüstete das Heiligtum der Marser, Karl der Große fällte die Irminsul der Sachsen, christliche Missionare schlugen heilige Eichen um – mehr dazu bei den heiligen Bäumen und Hainen. Kultorte waren nie nur fromme Plätze. Sie waren Versammlungsorte, Gerichtsstätten, Schatzkammern für Trophäen und Bezugspunkte für Bündnisse.

Und schließlich ist Tanfana ein gutes Training für den kritischen Blick. Wer ihre Geschichte erzählt, muss sauber trennen: Was steht bei Tacitus? Was ist philologische Vermutung? Was ist Heimatforscher-Romantik des 19. Jahrhunderts? Was ist schlicht gefälscht? Wenn wir eine Göttin wie Tanfana auf Schiefer gravieren, dann nicht mit erfundenen Attributen, sondern mit dem, was wir verantworten können: ihrem Namen und der Erinnerung an einen Ort, der in einer Herbstnacht ausgelöscht wurde.

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Häufige Fragen

Wer war Tanfana? Tanfana (auch Tamfana) war eine germanische Göttin, deren Heiligtum im Gebiet der Marser zwischen Ruhr und Lippe lag. Sie ist nur aus einer einzigen Stelle bekannt: Tacitus, Annalen 1,51.

Was hat Germanicus mit Tanfana zu tun? Der römische Feldherr Germanicus überfiel im Herbst 14 n. Chr. die Marser während eines nächtlichen Festes. Seine Truppen verwüsteten ein Gebiet von fünfzig römischen Meilen und machten dabei das berühmte Heiligtum der Tanfana dem Erdboden gleich.

War Tanfana eine Fruchtbarkeits- oder Erntegöttin? Das wird oft behauptet, ist aber nicht belegt. Die Deutung stützt sich auf den Herbsttermin des Festes und auf eine mögliche Verbindung des Namens mit altnordisch þamb „Fülle“; andere Forscher denken an „Zeit“.

Gibt es eine Inschrift für Tanfana? Nein, keine echte. Die oft zitierte Inschrift „Tamfanae sacrum“ aus Terni gilt als Fälschung der Renaissance und wird Pirro Ligorio zugeschrieben.

Wo stand der Tempel der Tanfana? Das weiß niemand. Vermutet wird der Raum zwischen Ruhr und oberer Lippe; konkrete Orte wie Marsberg, Welver-Fahnen oder der Tankenberg in Twente sind Spekulation ohne archäologischen Nachweis.

War das Heiligtum ein Tempelgebäude? Wahrscheinlich nicht im römischen Sinn. Das lateinische templum bedeutet zunächst „abgegrenzter heiliger Bezirk“; es kann ebenso ein umhegter Platz oder Hain gewesen sein.

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