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Die Drewjanen (Drevani) im Hannoverschen Wendland: Was Urkunden, Annalen und Sprachreste hergeben

Geschichte & Funde Die Drewjanen (Drevani) im Hannoverschen Wendland: Was Urkunden, Annalen und Sprachreste hergeben

Zwischen Elbe und Drawehn, im heutigen Landkreis Lüchow-Dannenberg, lebten Slawen, deren Sprache sich bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hielt. Wie sie sich selbst nannten, wissen wir nicht. Der Stammesname „Drevani“ steht, soweit wir ihn fassen konnten, in einer einzigen Urkundenform von 1004, und der Höhbeck, den viele sofort mit den Drewjanen verbinden, kommt in den fränkischen Annalen ohne diesen Namen aus. Dieser Beitrag legt die Belege nebeneinander, trennt Quelle von Deutung, räumt mit der Verwechslung mit den ostslawischen Drewlanen auf und sagt ehrlich, wo aus einem Landschaftsnamen ein Volk geworden ist.

Zwei Namen, ein Wort für Wald

Wer „Drewjanen“ in eine Suchmaschine tippt, landet schnell bei Fürst Igor, der 945 von den Drewlanen erschlagen wurde. Das ist ein anderes Volk. Die Drewlanen (Drevljanen) waren ein ostslawischer Stamm im Waldland nördlich von Kiew, bekannt aus der Nestorchronik. Die Drewjanen, um die es hier geht, saßen im Westen der slawischen Welt, am linken Ufer der Mittelelbe, in einer Gegend, die heute Hannoversches Wendland heißt. Zwischen beiden liegen über tausend Kilometer Luftlinie. Eine gemeinsame Geschichte kennen wir nicht, und wir haben nichts gefunden, was eine behaupten würde.

Dass die Namen sich ähneln, ist trotzdem kein Zufall, nur ein harmloser. Beide gehen nach üblicher Deutung auf dasselbe slawische Wort zurück: *drěvo, „Baum, Holz“ (das Sternchen kennzeichnet eine rekonstruierte, nirgends überlieferte Urform). „Waldleute“ oder „Waldbewohner“ ist demnach der Sinn, so die polabische Sprachforschung für die Draväner und die Tradition für die Drewlanen. Ein so naheliegender Name konnte an vielen Orten entstehen, ohne dass die Namensträger voneinander wussten. Wir behandeln die beiden Gruppen deshalb getrennt und bitten alle, die hier vom Igor-Mord hergeraten sind, kurz zur anderen Seite abzubiegen.

Um die Schreibweisen vorab zu sortieren: In der Literatur stehen Drevani (die lateinische Form der Quelle), Drevaner, Drawänen, Drewanen und Drewjanen nebeneinander. Polnische Arbeiten sagen Drzewianie połabscy, also polabische Drzewianen. „Drewjanen“ ist wie „Chutizen“ oder „Linonen“ eine neuzeitliche Eindeutschung. Und noch etwas gleich zu Beginn: Das Wort „Stamm“ ist hier mit Vorsicht zu lesen, aus Gründen, die der nächste Abschnitt zeigt.

1004: ein Name in einer Ortsnamenform

Den bisher festgestellten Erstbeleg liefert kein Chronist, sondern ein Ortsname. Der Göttinger Namenforscher Jürgen Udolph führt für das Dorf Clenze die Form „1004 Claniki in Dreuani“ an; auch die Sprachwissenschaftlerin Ewa Rzetelska-Feleszko nennt die Draväner „1004 erstmals erwähnt“ mit dieser Wendung. Die deutsche Wikipedia schreibt dasselbe: Der Name sei „erstmals in Verbindung mit dem Ort Clenze im Jahre 1004 als Drevani genannt“ worden. Die Quelle selbst, eine königliche Urkunde, haben wir nicht lesen können. Die Suche führt auf eine Urkunde Heinrichs II. vom 2. November 1004, ausgestellt in Magdeburg (Regesta Imperii II,4 Nr. 1585); ob sie wirklich die gemeinte ist, haben wir nicht überprüft.

Was lässt sich aus den drei Wörtern ablesen? Claniki ist Clenze. in Dreuani bezeichnet, wo es lag. Grammatisch kann das ein Landschaftsname sein („im Land Dreuani“) oder die Bezeichnung einer Leutegruppe („bei den Drevani“); die Wendung erlaubt beides. Für einen Urkundenschreiber im Magdeburger Umfeld, der Besitz verorten musste, reichte es, die Gegend zu nennen. Ob die Menschen dort sich so riefen, ob Sachsen sie so nannten oder ob der Name erst an der Landschaft hing und später auf ihre Bewohner überging, lässt sich dieser Zeile nicht entnehmen. Hier liegt dasselbe Problem wie bei den Linonen und vielen anderen Elbslawen: Der Name kommt von außen, geschrieben von Leuten, die ordnen wollten, was sie hörten.

Eine weitere Form, „Klinizua“, wird in der Literatur oft für Clenze herangezogen und in die 950er oder 960er Jahre gesetzt. Udolph äußert sich in einer Fußnote kritisch dazu; den genauen Wortlaut haben wir nur bruchstückhaft gesehen. Wir verwenden diese Form deshalb nicht.

Eine zweite, ebenso wichtige Feststellung betrifft das Schweigen davor. Wir haben den lateinischen Text der Reichsannalen (Annales regni Francorum) bis 811 durchsucht, der die Elbe und das Wendland berührt: „Drevani“ oder eine ähnliche Form kommt nicht vor. Zu Thietmar von Merseburg, den Quedlinburger Annalen, dem Annalista Saxo und Helmold von Bosau fehlt uns eine systematische Prüfung; ein Treffer ist uns dort nicht begegnet, aber das ist kein Beweis. Mit anderen Worten: Das Zeugnis für ein Volk namens Drevani ist, soweit wir es gesehen haben, dünn.

Wo der Name haftet: Drawehn und Wendland

Der Name lebt in der Landschaft weiter. Der Drawehn ist ein Höhenzug mit Geest und Wäldern westlich der Jeetzelniederung. Die Wikipedia gibt für seinen Namen die Herleitung „wohl Waldland“ an und verweist auf das sorbische drjewo, „Holz“. Die Abgrenzung des Gebiets stützt sich nach derselben Quelle auf Zeugnisse des 14. bis 16. Jahrhunderts; der Name wurde also im Mittelalter tatsächlich gebraucht. Nach der Landschaft heißt in der Sprachforschung auch der polabische Dialekt dieser Gegend Drawänopolabisch.

Der Name „Wendland“ ist dagegen jung. Nach der Wikipedia taucht er erst um 1700 auf, als ein Pastor aus Wustrow über Sprache und Bräuche der slawischen Bewohner schrieb und die Leute der Dannenberger Ämter „Wenden“ nannte. „Wenden“ ist das alte deutsche Wort für Slawen insgesamt, keine Eigenbezeichnung. Aus dem „Lüneburger Wendland“ wurde das „Hannoversche Wendland“, als man das Gebiet auf das Königreich Hannover beschränkte; bundesweit bekannt wurde der Name erst in den 1970er Jahren im Zusammenhang mit den Protesten gegen Atomanlagen. Wer von den „Wenden“ des 9. Jahrhunderts spricht, benutzt also einen Begriff des 18. Jahrhunderts für eine Landschaft, die damals noch gar nicht so hieß.

Der Höhbeck: 810 und 811

Der berühmteste Ort des Wendlands steht in den Quellen ohne Drewjanen. Der Höhbeck ist ein rund zwei mal vier Kilometer großer Höhenrücken, eine eiszeitliche Stauchendmoräne, die etwa sechzig Meter aus der Elbniederung ragt. An dieser Stelle ist das Elbtal nur zwei bis drei Kilometer breit, an anderen Stellen bis zu zwölf; wer den Fluss überqueren oder den Schiffsverkehr überwachen wollte, fand hier einen guten Platz. Auf dem Höhbeck liegt die Vietzer Schanze, eine rechteckige Wallanlage von etwa 70 mal 170 Metern, und sie wird mit dem castellum Hohbuoki der Reichsannalen gleichgesetzt, dem fränkischen Kastell (einem kleineren befestigten Stützpunkt) an der Elbe.

Die Reichsannalen sind eine hofnahe Jahreschronik der Karolinger. Zum Jahr 810 stehen mehrere Meldungen in einem Satz, die Kaiser Karl erreichten, als er mit dem Heer an der Aller stand. Eine davon betrifft den Höhbeck:

… das Kastell mit Namen Höhbeck, an die Elbe gesetzt, in dem Odo, der Gesandte des Kaisers, und die Besatzung der Ostsachsen lagen … von den Wilzen eingenommen …Annales regni Francorum, zum Jahr 810. Lateinischer Text nach der Online-Fassung der Latin Library, Auszüge gelesen: „… castellum vocabulo Hohbuoki Albiae flumini adpositum, in quo Odo legatus imperatoris et orientalium Saxonum erat praesidium … a Wilzis captum …“. Eigene Übersetzung, sinngemäß; die Auslassungen sind markiert, den Satzbau um „captum“ haben wir nicht an der MGH-Ausgabe (Kurze 1895) geprüft. Die Elbe-Befestigung ist laut der im Text zitierten Literatur 811 wiederhergestellt worden, „castellum Hohbuoki superiori anno a Wilzis distructum in ripa Albiae fluminis restauravit“ (Zitat nach Schneeweiß, nicht im Original gesehen).

Drei Dinge folgen aus dieser Stelle. Erstens: Der Angreifer sind die Wilzen, die östlich der Elbe siedelten. Der Höhbeck lag am linken, sächsischen Ufer und war eine Außenstelle des fränkischen Reiches mit ostsächsischer Besatzung. Zweitens: Der Satz nennt Odo als „legatus“, Gesandten des Kaisers; die Stelle sagt nichts davon, dass Karl selbst zum Höhbeck zog. Er nahm die Nachricht an der Aller entgegen und kehrte nach Regelung der sächsischen Angelegenheiten heim. Wer von „Karls Feldzug an den Höhbeck 810“ liest, liest mehr, als dort steht. Drittens: Von Drevani ist keine Rede. Die Annalen kennen in dieser Gegend Sachsen, Wilzen und, jenseits des Flusses, Linonen, aber keine Bewohner des Drawehn.

Die Archäologie hat die Gleichsetzung gestützt. Bei Untersuchungen ab 2006 (ein Göttinger Forschungsprojekt zur slawischen Besiedlung der unteren Mittelelbe) bestimmte die Dendrochronologie, die Jahrringdatierung von Hölzern, an 25 Proben drei exakte Fälljahre: 805, 809 und 810. Andere Hölzer waren erheblich älter, 656 bis 724. Zusammen mit der ungewöhnlichen Rechteckform und einer Torerneuerung nach Brandzerstörung gilt die Identifikation mit dem Kastell als wahrscheinlich. Die Wikipedia nennt sie vorsichtiger eine Zuordnung, „keine gesicherte Tatsache“. Wir schließen uns dieser Formulierung an: sehr gut begründet, aber Deutung. Der Name Hohbuoki wird oft als „hochgelegener Buchenwald“ erklärt; das lässt sich nicht beweisen, zumal archäologisch kaum Buchenholz auftauchte.

Was der Höhbeck für die Drewjanen bedeutet, ist eine andere Frage. Er zeigt, dass die Mittelelbe um 810 eine Grenzzone war, in der Franken, Sachsen und Slawen aufeinandertrafen, und dass der Fluss dort die Grenze zog. Er sagt nichts darüber, wer um 810 im Drawehn wohnte. Nach den Grabungen bestand auf dem Höhbeck vor der slawischen Zeit zunächst eine elbgermanische Siedlung; die Sachsen verließen das Gebiet, so die Deutung, um die Mitte des 9. Jahrhunderts, und danach siedelten dort Slawen. Das ist ein Befund mit Interpretation, kein Quellenwort.

Burgen, Siedlungen und ältere Namen

Dass im Wendland Slawen siedelten, ist archäologisch und namenkundlich gut belegt, auch wenn die Datierungen im Einzelnen schwanken. Die Wikipedia gibt für den Drawehn an, die Slawen seien „im 9. Jahrhundert in den Raum“ eingewandert; eine Darstellung der Rundlingsvereine setzt die Wanderung der Slawen nach Westen „um 800“. Überblicksseiten zu den slawischen Burgwällen (Wallburgen, Holz-Erde-Befestigungen) der Gegend nennen Anlagen bei Hitzacker, Clenze, Lüchow, Dannenberg und Gartow; diese Zusammenstellungen sind Hobbyforschung beziehungsweise Sekundärliteratur, und wir haben sie nicht an den Grabungsberichten geprüft. Als Wegweiser vor Ort taugen sie trotzdem.

Aufschlussreich ist die Sprache der Orte. Udolph hat gezeigt, dass unter den slawischen Namen ältere Schichten liegen: Der Name der Dumme, eines Nebenflusses der Jeetzel, gilt ihm als vorslawisch, ebenso vermutlich Gartow, nach dem Flussnamen Garte. Slawen übernahmen also Namen, die vor ihnen schon da waren. Zur Herkunft der Elbslawen vertritt er, dass sich die Namen im Wendland vor allem mit Böhmen verbinden lassen, dann mit der Slowakei, Südpolen und Österreich, und dass die Einwanderung die Elbe abwärts sehr früh erfolgt sei. Das ist eine fachliche Position, kein Konsens, und wir referieren sie, ohne sie zu übernehmen.

Slawisch sind in der Gegend unter anderem die Namen Lüchow (polabisch Ljauchüw), Clenze, Mammoißel und Pommoißel sowie Flurnamen wie Zieleitz oder Güsteneitz. Familiennamen wie Kofahl („Schmied“) und Riebock („Fischer“) leben bis heute fort. Das ist die greifbarste Spur: Wer ein slawisches Wort sucht, findet es in der Landkarte.

Nachbarn: Linonen, Wilzen, Polaben, Sachsen

Die Drewjanen sind im Grunde ein Raumbegriff zwischen Nachbarn. Östlich der Elbe, gegenüber dem Höhbeck, lagen die Linonen; ob sie auch auf dem linken Ufer saßen, im Gebiet des heutigen Wendlands, gilt als offene Frage. Weiter östlich wirkten die Wilzen, die 810 den Höhbeck nahmen. Im Norden berührte das Gebiet die Sachsen, zu denen auch der Bardengau gehörte, den die Annalen mehrfach erwähnen (780, 785, 799), und weiter nördlich das Land jenseits der Elbe, das später Nordalbingien hieß. Im Westen schloss sich das sächsische Kernland an, das Karl in langen Kriegen unterworfen hatte.

Der Sammelbegriff Polaben („die an der Elbe“) umfasst Slawen an der unteren Elbe, und die Drewjanen werden zu ihnen gerechnet; das Wendland war der westlichste Punkt des slawischen Sprachgebiets, und der Sprachname „Drawänopolabisch“ bildet diese Einordnung ab. Heftiger umstritten ist die Zuordnung zu den Obodriten. Die englische und die polnische Wikipedia behaupten, die Drevani hätten zum obodritischen Verband gehört, bis sie ab dem 9. Jahrhundert unter deutsche Herrschaft kamen. Eine Quelle, die das belegt, haben wir nicht gefunden. In den Annalen, die wir gelesen haben, treten die Obodriten weiter nördlich und nordöstlich auf. Wir halten die Zuordnung deshalb für eine Hypothese und nicht für Befund.

Was gesichert ist

  • Die Form „Claniki in Dreuani“ (1004) steht für das Dorf Clenze und ist, soweit wir sehen, der älteste greifbare Beleg für den Namen Drevani. Die zugehörige Urkunde haben wir nicht selbst gelesen.
  • Die Reichsannalen nennen zu 810 das castellum Hohbuoki an der Elbe mit dem kaiserlichen Gesandten Odo und einer ostsächsischen Besatzung; es wird von den Wilzen genommen. Der Name Drevani kommt dort nicht vor.
  • Die Vietzer Schanze auf dem Höhbeck wird mit diesem Kastell gleichgesetzt; Fälljahre von Hölzern (805, 809, 810) stützen das, endgültig bewiesen ist es nicht.
  • Im Hannoverschen Wendland wurde eine slawische Sprache gesprochen, die in Aufzeichnungen des späten 17. und 18. Jahrhunderts überliefert ist; Wörterlisten und Texte stammen von Pfeffinger, Hennig von Jessen, Parum Schultze, Domeier, Leibniz und anderen.
  • Der Begriff „Wendland“ für die Gegend taucht erst um 1700 auf, der Name Drawehn dagegen schon im Mittelalter.
  • Das Polabische im Wendland erlosch nach der geläufigen Angabe 1756 mit dem Tod der Emerentz Schultze in Dolgow.

Mythos-Check

  • „Die Drewjanen sind die Drewlanen.“ Beide Namen gehen auf ein Wort für „Wald“ zurück, aber die Gruppen liegen über tausend Kilometer auseinander; eine Verbindung ist nicht bekannt.
  • „Karl der Große zog 810 gegen die Wenden im Wendland.“ Karl stand zu der Zeit an der Aller; der Höhbeck war ein Stützpunkt im Grenzland, den Wilzen einnahmen, nicht das Siedlungsgebiet einer Stammesgruppe namens Drewjanen.
  • „Die Rundlinge sind typisch slawisch und stammen aus der Zeit der Drewjanen.“ Nach dem heutigen Forschungsstand entstanden sie ab etwa 1150, mit vorwiegend slawischen Bewohnern, also Jahrhunderte nach 810 und 1004.
  • „Die Drewjanen waren ein Teil der Obodriten.“ Behauptet in der Wikipedia, ohne dass wir eine zeitgenössische Quelle dafür gefunden hätten.
  • „Die Varusschlacht fand am Höhbeck statt.“ Das behauptet die Handlung einer Fernsehserie; ein archäologischer Beleg existiert nicht.

Die Rundlinge: jünger, als man denkt

Das Bild vom Wendland zeigt gern ein Rundlingsdorf: Höfe, die kreisförmig um einen Platz stehen, mit einem einzigen Zugang. Im Volksmund gilt die Form als „typisch slawisch“. Das hat die Forschung so nicht bestätigt. Die ältere Annahme, Rundlinge seien eine germanische Siedlungsform, hat nicht gehalten; die Annahme, sie seien rein slawisch, ebenso wenig. Nach heutigem Stand, wie ihn die deutsche Wikipedia zusammenfasst, sind sie eine planmäßig angelegte Dorfform des hochmittelalterlichen Landesausbaus, entstanden etwa ab 1150, mit überwiegend slawischen Bewohnern. Hauptargument ist das Fehlen slawischer Keramik an den Rundlingsstandorten: Man siedelte offenbar erst, als diese Keramik nicht mehr benutzt wurde. Als Anlass wird unter anderem erwogen, dass Slawen wegen steigender Wasserstände aus den Niederungen von Elbe und Jeetzel umgesiedelt wurden, oder dass Grundherren den Getreideanbau ausweiten wollten; wer die Dörfer anlegen ließ und warum die Form kreisförmig wurde, ist ungeklärt.

Rund 200 Rundlinge verzeichnen alte Karten um 1800. Etwa 100 Dörfer lassen die Form noch erkennen; eine Erhebung des Rundlingsvereins von 2014 zählte rund 210 Dörfer mit Rundlingsgeschichte, davon nur neun vollständig erhalten. Eine Aufnahme in die deutsche Tentativliste des UNESCO-Welterbes ist 2014 und erneut nach einer Bewerbung 2021 gescheitert. Das tut der Bedeutung der Dörfer keinen Abbruch, nur der Zeitachse. Rundlinge sind ein Zeugnis der deutsch-slawischen Kontaktzone des Hochmittelalters. Mit den Drewjanen des Jahres 1004 haben sie nur mittelbar zu tun: Dieselbe Landschaft, nur später und anders bebaut.

Die Sprache: Drawänopolabisch und seine Sammler

Die beste Quelle für die Slawen im Wendland ist keine Chronik, sondern ihre Sprache, und diese ist spät überliefert. Das Polabische (von po Labe, „an der Elbe“) ist eine westslawische Sprache, die nur durch wenige Aufzeichnungen des 17. und 18. Jahrhunderts bekannt ist. Seine Variante im Wendland heißt Drawänopolabisch. Zu den Sammlern zählen J. F. Pfeffinger, der 1698 ein Wörterbuch nach dem Lüneburger Dialekt zusammentrug, Christian Hennig von Jessen, Pastor in Wustrow, dessen Vocabularium Venedicum um 1705 entstand (eine Quelle nennt 1710 für die Veröffentlichung, eine andere 1679 bis 1719 für die Arbeit) und rund 2800 Wörter umfasst, davon bis zu 600 Entlehnungen aus dem Deutschen, dazu J. G. Domeier (1744, etwa 300 Wörter), Gottfried Wilhelm Leibniz (1717, 137 Wörter) und S. Buchholtz mit einem Vaterunser (1753).

Hennigs Gewährsmann war der polabisch sprechende Bauer Johann Janieschge aus Klennow. Auf dem Papier steht also das Slawisch eines Dorfes, nicht einer „Nation“. Die Dialektgrundlage der Quellen ist verschieden, was eine Rekonstruktion um 1700 schwierig macht, und die Aufzeichnungen sind uneinheitlich, in deutscher Schrift, mit eigenen Zeichen der Sammler. Das ist der Preis eines Wörterbuchs, das Zuhörer schrieben.

Eine eigene Rolle spielt Johann Parum Schultze (1677–1740), Bauerngelehrter und Dorfschulze, der selbst Polabisch sprach. Er schrieb in hochdeutscher Sprache eine Chronik des bäuerlichen Lebens im Wendland und fügte ein Wörterverzeichnis bei; nach Rzetelska-Feleszko steht es in einer Dorfchronik von 1724/25, nach dem Rundlingsmuseum entstand die Chronik zwischen 1720 und 1740. Das Original gilt als verschollen; der polnische Graf Jan Potocki ließ 1794 bei seinem Besuch eine Abschrift anfertigen. Schultze sorgte sich, die Sprache könne verschwinden, und schrieb sinngemäß, dann werde niemand mehr wissen, wie ein Hund auf Wendisch heiße. 1724/25 kannten nach seinen Angaben nur noch drei Personen die Sprache, wobei die Angaben bei ihm Widersprüche enthalten. Der Slawist Reinhold Olesch hat die wichtigsten Texte in den Jahren 1959 bis 1987 herausgegeben, darunter einen Thesaurus von rund 2000 Seiten.

Wann das Polabische erlosch, hängt vom Gewährsmann ab. Üblich ist 1756, als die Bäuerin Emerentz Schultze in Dolgow starb, nach der deutschen Wikipedia mit 88 Jahren. Das Rundlingsmuseum nennt dagegen eine 80-jährige Frau in Dolgow, gestorben 1759; die englische Wikipedia nennt für das Hannoversche Wendland 1752 und gibt zugleich 1756 an. Wir lassen es bei „um 1750“ und weisen darauf hin, dass die Zahlen schwanken. Wichtiger ist die Zeitachse: Zwischen dem Urkundenbeleg von 1004 und diesen Sprechern liegen rund 700 Jahre. Wer sie „Drewjanen“ nennt, benennt sie nach einem Wort, das ihre Vorfahren kaum je gebraucht haben müssen. Die Assimilation, also das allmähliche Aufgehen im Deutschen, dauerte nach der polabischen Sprachforschung etwa 500 Jahre; Reste hielten sich in der Altmark und im südwestlichen Mecklenburg bis ins späte 17. Jahrhundert.

Vom 12. Jahrhundert bis 1756: Grafen, Wenden, Schweigen

Die schriftliche Überlieferung zum Wendland setzt nach 1004 erst im 12. Jahrhundert breiter ein. Dannenberg wird laut Wikipedia am 18. Oktober 1157 in einer Magdeburger Urkunde erstmals namentlich genannt; als Vorläufer des Schlosses gilt eine Burg, die unter Volrad I. von Dannenberg (1153–1169) bestand, der von Heinrich dem Löwen mit der Ansiedlung beauftragt wurde. Lüchow wird 1158 erstmals erwähnt. Die Grafschaft Lüchow fiel 1320 an das Haus Braunschweig-Lüneburg; die Linie der Dannenberger Grafen endete 1303. Für 1223 wird überliefert, dass Dänenkönig Waldemar II. in der Dannenberger Burg gefangen gehalten wurde; die Angabe ist in der Wikipedia ohne Fußnote angegeben und wir haben sie nicht geprüft. Das Slawische verschwand dabei nicht abrupt: In den Dörfern lebten Wenden und Deutsche mit gleichen Rechten und Pflichten, in den Städten waren Wenden bis etwa 1700 von Bürgerrecht und Zunft ausgeschlossen, was Wanderung in die Städte erschwerte und die Sprache auf dem Land hielt. Die Zahl stammt aus einer Darstellung der Rundlingsvereine und ist unbelegt.

Warum das für den Artikel zählt: Zwischen 1004 und der Wende zum 18. Jahrhundert tritt der Stammesname Drevani nicht als handelnder Verband auf, soweit wir sehen. Was überlebt, sind Landschaftsnamen, Ortsnamen und die Sprache. Sie stützen mit großer Sicherheit die Aussage, dass hier Slawen lebten. Sie stützen nur sehr schwach die Aussage, dass sie sich als Drewjanen verstanden.

Gesichert, gedeutet, vermutet, erzählt

Gesichert sind die Urkundenform „Claniki in Dreuani“ von 1004, die Nennung des Kastells Hohbuoki an der Elbe im Jahr 810 mit Odo, Ostsachsen und den Wilzen, die Existenz einer slawischen Sprache im Wendland bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts und ihre Überlieferung durch Pfeffinger, Hennig, Schultze und andere. Gedeutet sind die Gleichsetzung der Vietzer Schanze mit dem Kastell (gut begründet), die Herleitung des Namens aus *drěvo („Wald“) und die Datierung der slawischen Einwanderung ins 8. oder 9. Jahrhundert. Vermutet wird, dass die Drewjanen zu den Obodriten oder zu den Linonen gehörten; belegt ist weder das eine noch das andere. Erzählt werden die Legenden, die das Wendland zum Schauplatz einer Varusschlacht, eines Karlszuges oder einer ungebrochenen slawischen Tradition machen. Sie sind Erzählungen der Neuzeit, keine Quellen.

Was wir nicht wissen

Wir wissen nicht, wie sich die Slawen des Drawehn selbst nannten. Wir wissen nicht, ob die Drevani des Jahres 1004 ein Verband mit Führung waren oder bloß die Bewohner eines Landstrichs. Wir kennen keinen Fürsten der Drewjanen, keinen Kult, keine eigene Chronik. Auch die Frage, ob sie Teil der Obodriten, der Wilzen, der Linonen oder einer eigenen Kleingruppe waren, bleibt offen. Offen sind die Anfänge der slawischen Besiedlung links der Mittelelbe, das Verhältnis zur sächsischen Bevölkerung vor 800, die Datierung vieler Burgwälle und die Frage, wie der Name Drevani genau in die Urkunde von 1004 kam. Die Drewjanen sind ein Beispiel dafür, wie viel an einem einzigen Namen hängen kann und wie wenig er trägt.

Für unsere Arbeit hat das eine Folge. Wir lasergravieren in unserer Familienmanufaktur in Alsdorf bei Aachen Motive aus der wikingischen, germanischen, keltischen und slawischen Welt auf Schiefer. Für die Drewjanen gibt es keine gesicherte Bildsprache, keinen Fund, kein Zeichen, das sich ihnen zuordnen ließe, und wir erfinden keines. Wer sich vom Wendland angesprochen fühlt, kann bei uns ein eigenes Motiv anfragen; Anknüpfungspunkte aus der Umgebung bieten unsere Beiträge zu den Polaben und Obodriten.

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