Drei kurze Erwähnungen in fremden Texten, ein paar Dutzend Burgwälle und eine Burg auf der Glogauer Dominsel: Mehr besitzen wir von den Dziadoszanen nicht. Ein bayerischer Mönch gab ihnen zwanzig Burgen, ein sächsischer Bischof ließ an ihrer Grenze einen Kaiser empfangen und ein Heer untergehen. Dieser Beitrag trennt, was die Quellen und Grabungen hergeben, von dem, was spätere Zeiten und moderne Deutungen hinzugefügt haben.
Die Dziadoszanen gehören zu den Gruppen, die man nur durch fremde Augen kennt. Sie lebten im frühen Mittelalter im Norden des heutigen Niederschlesien, im Raum zwischen dem Bober (polnisch Bóbr) und der mittleren Oder, wo heute Głogów, das frühere Glogau, und Szprotawa, das frühere Sprottau, liegen. Sie waren Westslawen, also Teil jener slawischsprachigen Bevölkerung zwischen Elbe und Weichsel, aus der später Polen, Tschechen, Sorben und die heute verschwundenen Elbslawen hervorgingen. Ob sie sich selbst als ein Volk verstanden, ob sie einen Fürsten hatten oder viele kleine Herren, wissen wir nicht.
Ihr Name begegnet uns in drei Quellengruppen, und jede schreibt ihn anders. Der sogenannte Bayerische Geograph, eine Völkerliste des 9. Jahrhunderts, nennt Dadosesani. Thietmar von Merseburg, sächsischer Bischof und Chronist, schreibt in der deutschen Übersetzung auf Wikisource einmal Diedesisi, ein andermal Diadesisi. Eine Grenzbeschreibung des Bistums Prag, überliefert in einer Urkunde Kaiser Heinrichs IV. von 1086, führt Dedosize. Die polnische Forschung spricht von Dziadoszanie oder Dziadoszyce, ältere deutsche Literatur von Dedosizen oder Dadosanen. „Dziadoszanen“ ist also eine eingedeutschte Form des modernen polnischen Gelehrtennamens und kein Wort, das im 10. Jahrhundert jemand so ausgesprochen hätte.
Diese Lage prägt alles Weitere. Es gibt keinen Text aus der Hand der Dziadoszanen, keine Inschrift und keine Sage, die sich sicher auf sie beziehen ließe. Wer über sie schreibt, setzt aus drei kurzen Schriftstellen, einigen Grabungen und viel Landeskunde ein Bild zusammen. Wir zeigen, woher die Stücke kommen und wo Lücken mit Vermutungen gefüllt werden.
In polnischen Darstellungen liest man oft, der Name gehe auf das slawische Wort děd zurück, polnisch dziad, „Großvater, Ahn“. Regionale Texte machen daraus gern ein Volk der Ahnenverehrer. Das ist zu schnell gedacht. Die Herleitung von děd ist sprachlich naheliegend, sie sagt aber nichts darüber, wie das Wort in den Namen kam. Denkbar ist ein davon abgeleiteter Personenname, nach dessen Träger eine Gruppe oder ein Ort hieß. Slawische Gruppennamen auf -ici bezeichnen oft die Leute oder Nachkommen eines Mannes, Namen auf -ane die Bewohner eines Ortes oder einer Landschaft. Welche Bildung ursprünglich war, lässt sich aus den lateinischen Schreibungen nicht sicher ablesen. Dadosesani klingt eher nach der zweiten, Dedosize eher nach der ersten Art, und genau deshalb kennt die polnische Forschung beide Formen nebeneinander.
Festhalten lässt sich: Die Verbindung mit děd ist eine verbreitete sprachwissenschaftliche Deutung. Der Schluss auf einen besonderen Ahnenkult ist eine Ausschmückung ohne Beleg. Ahnenverehrung kannten viele Gesellschaften Europas, und ein Name allein beweist sie nicht.
Die Lokalisierung hängt an wenigen Fäden. Der erste ist Thietmar. Er beschreibt die Reise Kaiser Ottos III. im Jahr 1000 nach Gnesen (Gniezno), wo der Kaiser am Grab des heiligen Adalbert beten wollte. Otto zog nach Thietmar über Zeitz und Meißen, durchquerte das Gebiet der Milzener in der heutigen Oberlausitz und wurde an der Grenze des Gaues Diedesisi von Herzog Bolesław Chrobry empfangen, an einem Ort namens Ilua. Das Land lag also östlich der Milzener, auf dem Weg von Meißen nach Gnesen.
Der zweite Faden ist die Prager Grenzbeschreibung. Sie zählt die Gebiete auf, die im Norden zum Bistum Prag gehören sollten, und endet mit den Worten Pobarane, Dedosize usque ad mediam silvam, qua Milcianorum occurrunt termini: die Pobarane, die Dedosize bis zur Mitte des Waldes, wo die Grenzen der Milzener anstoßen. Auch hier grenzen die Dedosize an die Milzener, getrennt durch einen Wald. Die Urkunde stammt von 1086, beansprucht aber einen älteren Zustand, den die Forschung meist mit der Gründung des Bistums Prag in den 970er-Jahren verbindet. Wie viel davon wirklich die Lage um 973 abbildet und wie viel Prager Anspruchsdenken des 11. Jahrhunderts ist, bleibt umstritten.
Der dritte Faden ist Thietmars Bericht über den Feldzug von 1015, auf den wir weiter unten kommen. Aus allem ergibt sich ein Raum zwischen den Milzenern im Westen und der Oder im Osten. Die genaue Grenze ist offen. Die polnische Forschung setzt das Kerngebiet meist an den mittleren Bober und lässt es nach Osten bis zur Oder bei Głogów reichen. Diese Ausdehnung ist verbreitet, aber durch keine Quelle belegt, die Głogów und die Dziadoszanen zusammen nennt. Dazu kommt ein Widerspruch: Die Prager Urkunde nennt unmittelbar vor den Dedosize die Pobarane, deren Name gewöhnlich mit dem Bober verbunden wird. Saßen diese Bobranen am Bober, rückt das Land der Dziadoszanen vielleicht weiter nach Osten oder Norden. Einzelne Darstellungen erwägen sogar, dass beide Namen auf dieselbe Gruppe zielen. Eine Karte mit klaren Linien wäre an dieser Stelle eine Erfindung. Westlich schlossen sich die Lusizer der Niederlausitz an, ein Teil der Gruppen, die man heute unter dem Namen Sorben zusammenfasst.
Die älteste Nennung steht in der Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii, der „Beschreibung der Burgen und Gebiete nördlich der Donau“. Die Forschung nennt den unbekannten Verfasser den Bayerischen Geographen. Die Liste ist in einer Münchner Handschrift erhalten. Bernhard Bischoff schrieb sie einem Mönch zu, der zwischen den 830er- und 850er-Jahren auf der Reichenau tätig war; Aleksandr Nazarenko hält die 870er-Jahre für wahrscheinlicher. Der Text zählt Völker auf und gibt zu jedem eine Zahl von civitates. In einer Reihe stehen dort Gruppen aus dem späteren Schlesien und der Lausitz: Sleenzane civitates XV. Lunsizi civitates XXX. Dadosesani civitates XX. Milzane civitates XXX. Die Ślężanen um den Berg Ślęża (Zobten) südlich von Breslau, die Lusizer, die Dziadoszanen und die Milzener stehen damit nebeneinander, fast so, wie sie auf der Karte liegen.
Was eine civitas hier bedeutet, ist eine eigene Frage. Das lateinische Wort heißt wörtlich Bürgerschaft oder Stadt. Beim Bayerischen Geographen meint es nach verbreiteter Auffassung Burgbezirke: kleine Siedlungskammern mit einem befestigten Mittelpunkt, dem Burgwall. Ob der Schreiber echte Zählungen kannte oder runde Zahlen von Händlern und Gesandten übernahm, weiß niemand. Zwanzig ist eine auffällig glatte Zahl. Man liest sie am besten als Größenordnung: ein Gebiet mit vielen kleinen Zentren, kein Reich mit einer Hauptstadt.
Die Archäologie hat für diesen Raum ein Muster ergeben, das zur Liste passt. Ältere polnische Untersuchungen, auf die sich die Überblicke berufen, unterscheiden im vermuteten Gebiet der Dziadoszanen 31 kleinere Siedlungskammern, von denen 17 einen Burgwall besaßen. Die Angaben gehen auf Zofia Hilczerówna und Anna Urbańska-Łosińska (1970) sowie Jerzy Lodowski (1980) zurück; wir kennen sie nur aus zweiter Hand. Die Nähe zwischen 17 Burgwällen im Boden und 20 civitates im Text ist verlockend, beweist aber nichts. Nicht jeder Burgwall ist gleich alt, und wir wissen nicht, nach welchem Maßstab der Geograph zählte.
Am besten fassbar ist Głogów. Die Stadt liegt an einem alten Oderübergang. Auf der Dominsel, dem Ostrów Tumski, legten Ausgrabungen zwischen 1963 und 1993 eine Burg mit einem Holz-Erde-Wall frei, mit Blockbauten im Inneren und einer Straße aus Rundhölzern. Der Wall war nach der Glogauer Regionalenzyklopedie an der Basis rund 15 Meter breit, die Burgfläche umfasste etwa 0,7 Hektar. Eine dendrochronologische Datierung, also eine Altersbestimmung über die Jahresringe verbauter Hölzer, setzt den Bau um 989 an. Das ist die Burg der Piasten, der ersten polnischen Herrscherdynastie, und nicht die der Dziadoszanen. Die ältere Stammesburg vermutet die regionale Forschung an anderer Stelle, nahe der Mündung der Bartsch (Barycz) in die Oder. Einen Grabungsbericht dazu haben wir nicht gesehen.
Bei Szprotawa ist die Lage noch offener. Im dortigen Park Słowiański liegt ein Plateau von gut vier Hektar, das im Volksmund Burg des Chrobry heißt und vor 1945 Nonnenbuschberg genannt wurde. Eine Sondage des Archäologischen Instituts der Polnischen Akademie der Wissenschaften unter Mariusz Łesiuk im Dezember 2008 erbrachte frühmittelalterliche Keramik. Damit ist der Platz als frühmittelalterlich angesprochen. Ob er das Ilua Thietmars ist, ist eine Hypothese, die vor Ort gern vertreten wird. Frühere Grabungen an anderen Stellen der Stadt blieben 1996 ohne Ergebnis, und als möglicher Ort wird auch Iłowa genannt.
Das 10. Jahrhundert war für Schlesien eine Zeit wechselnder Oberherren. Böhmische Herzöge aus dem Haus der Přemysliden griffen von Prag aus nach Norden, und die Prager Grenzbeschreibung mit ihren Dedosize ist das wichtigste Zeugnis für diesen Anspruch. Ob Böhmen hier tatsächlich regierte oder nur Tribut nahm und ob die Dziadoszanen überhaupt dazugehörten, lässt sich nicht sicher sagen. Um 990 kam es zum Konflikt zwischen dem polnischen Herzog Mieszko I. und Boleslav II. von Böhmen, an dessen Ende Schlesien nach herrschender Meinung zum Machtbereich der Piasten gehörte. Dass gerade in diesen Jahren auf dem Ostrów Tumski eine neue Burg entstand, fügt sich ins Bild. Die Gleichung „Dendrodatum 989 gleich Eroberung“ ist trotzdem kein Beweis, denn Burgen wurden auch aus anderen Gründen gebaut oder erneuert.
Mit dem Übergang an die Piasten endete die politische Eigenständigkeit, falls es sie in festem Sinn je gab. Głogów wurde Sitz einer Kastellanei, eines Burgbezirks, den ein Amtsträger im Namen des Herzogs verwaltete. Die alten Siedlungskammern lebten im neuen System weiter, nun unter fremden Herren. Ob sich die Menschen weiterhin als Dziadoszanen verstanden, darüber schweigen die Quellen. Wie sich dieser Übergang bei den Nachbarn im oberen Odergebiet darstellt, zeigt der Beitrag über die Opolanen.
Die berühmteste Stelle steht im vierten Buch der Chronik Thietmars. Otto III. reiste um die Jahreswende 999/1000 zum Grab Adalberts, des früheren Prager Bischofs, der 997 bei den Prußen erschlagen worden war. Der Besuch in Gnesen, bei dem dort ein Erzbistum gegründet wurde, gilt als ein Wendepunkt der polnischen Geschichte. Für die Dziadoszanen zählt die Stelle aus einem anderen Grund: Sie nennt ihr Land als den Ort, an dem der polnische Herrscher seinen kaiserlichen Gast in Empfang nimmt.
Als er darauf das Gebiet der Milcini durchzogen hatte, eilte ihm, sobald er an den Grenzen des Gaues Diedesisi erschien, Bolizlav […] mit vielen Freudensbezeugungen entgegen, indem er an einem Orte, Namens Ilua seine Bewirthung angeordnet hatte.Thietmar von Merseburg, Chronik, Buch IV (Kap. 28 der Wikisource-Fassung); gemeinfreie deutsche Übersetzung des 19. Jahrhunderts, Wortlaut nach Wikisource, Auslassung markiert; lateinischer Text nicht abgeglichen
Thietmar schrieb zwischen 1012 und 1018, also nicht als Augenzeuge des Jahres 1000. Er war gut unterrichtet, aber parteiisch: Bolesław war für ihn ein gefährlicher Gegner, über den er oft bitter urteilt. Die Auslassung im Zitat betrifft einen Einschub, in dem Thietmar den Namen Bolesław als „mehr Ruhm“ deutet und spitz anmerkt, der Herzog heiße so nicht nach Verdienst. Bemerkenswert ist das Wort „Grenzen“. Mit dem Gau Diedesisi beginnt für Thietmar der Bereich, in dem Bolesław Gastgeber ist. Ob der Gau zu dieser Zeit noch eine eigene politische Größe war oder nur ein Landschaftsname, verrät der Satz nicht. Wie die lateinische Fassung das Gebiet bezeichnet, ob als pagus oder mit einem anderen Wort, haben wir nicht am Original geprüft.
Fünfzehn Jahre später war aus dem Gastgeber ein Kriegsgegner geworden. Zwischen 1002 und 1018 führten Heinrich II. und Bolesław Chrobry immer wieder Krieg um die Lausitz, das Milzenerland und Böhmen. Im Sommer 1015 zog Heinrich gegen Bolesław bis in das Odergebiet. Auf dem Heimweg, so Thietmar im siebten Buch, kam das Heer in einen Gau namens Diadesisi und lagerte an einem engen Platz, an dem nur ein Zeidler wohnte, ein Waldimker, der den Honig wilder Bienen aus Baumhöhlen erntete. Bolesław hatte Fußvolk vorausgeschickt und einen Abt namens Tuni mit angeblichen Friedensangeboten zum Kaiser gesandt. Heinrich durchschaute den Kundschafter, hielt ihn fest, bis fast das ganze Heer über ein Gewässer gezogen war, und ging voraus. Die Nachhut übergab er Erzbischof Gero von Magdeburg, Markgraf Gero und dem Pfalzgrafen Burchard.
Dann kam der Angriff aus dem nahen Wald, mit dreimaligem Geschrei und Bogenschützen, die zwischen die Reihen liefen. Zweimal hielt die Nachhut stand, dann brach sie ein, als ihr die Pfeile ausgingen. Thietmar zählt die Grafen Gero und Folcmar und zweihundert „der trefflichsten Ritter“ zu den Toten und nennt den 1. September als Tag des Unglücks. Bischof Eid von Meißen durfte die Gefallenen später mit Erlaubnis Bolesławs bestatten. Die Szene zeigt nebenbei etwas über das Land: Wald, Sumpf und Wasser bestimmten die Wege, und wer sich dort auskannte, war im Vorteil.
Wo genau die Schlacht stattfand, ist umstritten. Vorgeschlagen werden der Raum zwischen Przemków und Szprotawa, Lubiechów bei Ochla nahe Zielona Góra und die Gemeinde Gromadka. Thietmar gibt keinen Ortsnamen, nur den Gau, einen engen Platz und das Gewässer. In Szprotawa erinnert seit 2019 ein Gedenkstein im Park Słowiański an die Schlacht im Land der Dziadoszanen. Er ist ein Zeichen heutiger Erinnerung und kein Fundort. Die Zahl von zweihundert Toten stammt von der unterlegenen Seite; einzelne polnische Historiker halten die Verluste für deutlich höher. Belegen lässt sich weder das eine noch das andere.
Głogów selbst erscheint in Thietmars Chronik zum Jahr 1010, als Heinrich II. gegen Bolesław zog, und wieder 1017, als das kaiserliche Heer erneut vor der Burg stand, ohne sie zu nehmen. Im Jahr darauf schlossen beide Seiten den Frieden von Bautzen. Diese Angaben haben wir aus der Überblicksliteratur und nicht an der Chronik selbst geprüft; ob es 1017 eine regelrechte Belagerung gab, stellen die Darstellungen unterschiedlich dar. Knapp ein Jahrhundert später, 1109, belagerte Heinrich V. Głogów vergeblich. Davon erzählt der Chronist, den man Gallus Anonymus nennt, ein Fremder am polnischen Hof, der um 1115 die erste Chronik Polens verfasste. Bei Gallus ist Głogów eine Burg des polnischen Herzogs, und von Dziadoszanen ist keine Rede.
Spätestens hier ist der Stammesname aus den erzählenden Quellen verschwunden. Thietmars Bericht von 1015 ist die letzte Nennung, die sich auf ein zeitgleiches Geschehen bezieht. Die Prager Urkunde von 1086 nennt die Dedosize noch einmal, aber sie wiederholt einen älteren Grenzzustand, ob echt oder behauptet. Danach führen Urkunden die Gegend nach Burgen und Kastellaneien, nicht mehr nach Stämmen.
Lebendig blieb der Name in der Geschichtswissenschaft. Polnische Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts ordneten die Dziadoszanen in eine Reihe „schlesischer Stämme“ ein, neben Ślężanen, Opolanen, Bobranen, Trebowanen und Golensizen. Solche Listen sind hilfreich, aber sie sind moderne Ordnungen. Ein Teil der Namen ruht auf einer einzigen Quelle, und die Grenzen zwischen den Gruppen sind meist erschlossen. Auch die Bezeichnung als „polnischer Stamm“ verdient Vorsicht: Die Dziadoszanen lebten vor der Entstehung des polnischen Staates, und dass sie später in ihm aufgingen, macht sie im 9. Jahrhundert noch nicht zu Polen. Umgekehrt haben deutsche wie polnische Nationalgeschichtsschreibung frühmittelalterliche Gruppen immer wieder für Gebietsansprüche ihrer eigenen Zeit eingespannt. Beides hilft beim Verständnis der Quellen nicht weiter.
Vor Ort hat sich eine eigene Erinnerung gebildet. In Szprotawa tragen ein Park und ein Gedenkstein die Spuren der Schlacht von 1015, in Głogów erzählen Stadtgeschichte und Lokalpresse von den slawischen Gründern der Stadt. Das ist legitime Heimatpflege. Man sollte sie nur nicht mit dem Befund verwechseln, denn manche der dort genannten Zahlen und Burgenlisten widersprechen sich, und nicht jede lässt sich auf eine Grabung zurückführen.
Der Fall ist ein Lehrstück für die Quellenlage im östlichen Mitteleuropa vor der Jahrtausendwende. Ein Name taucht im 9. Jahrhundert in einer Liste auf, zusammen mit einer Zahl. Gut hundertfünfzig Jahre später nennt ihn ein sächsischer Chronist zweimal, beide Male als Kulisse für Ereignisse, die ihn eigentlich interessieren: den Besuch eines Kaisers und den Untergang einer Nachhut. Eine Prager Urkunde wiederholt ihn als Grenzposten in einem kirchlichen Anspruch. Dazwischen liegen Burgwälle, Keramik und eine Burg auf der Glogauer Dominsel, die schon den Piasten gehörte.
Was man sagen kann, ist trotzdem einiges: Zwischen Bober und Oder lebte im 9. und 10. Jahrhundert eine slawische Gruppe, die Außenstehende unter einem eigenen Namen kannten und der ein Geograph zwanzig Burgbezirke zuschrieb. Ihr Land war im Jahr 1000 Grenzland des polnischen Herzogs und 1015 Schauplatz eines Krieges zwischen ihm und dem Kaiser. Danach verliert sich der Name. Wie diese Menschen sprachen, glaubten und sich selbst nannten, erfahren wir aus keiner Quelle. Diese Lücke offen zu benennen, ist ehrlicher als jede Erzählung, die sie füllt.

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