Eine Göttin, ein listiger Handel mit einem König und eine Nacht, in der vier Riesenochsen eine ganze Insel aus dem Boden reißen: Die Gefjon-Sage ist eine der wenigen Geschichten, in der eine nordische Göttin selbst zur Schöpferin von Landschaft wird. Sehen wir genauer hin – ehrlich, mit Blick auf die Quellen.
Eine Göttin, ein listiger Handel mit einem König und eine Nacht, in der vier Riesenochsen eine ganze Insel aus dem Boden reißen: Die Gefjon-Sage ist eine der wenigen Geschichten, in der eine nordische Göttin selbst zur Schöpferin von Landschaft wird. Sehen wir genauer hin – ehrlich, mit Blick auf die Quellen.
Gefjon (auch Gefjun oder Gefion) zählt Snorri Sturluson ausdrücklich „vom Geschlecht der Asen“. In seiner Aufzählung der Göttinnen in der Prosa-Edda nennt er sie unter den Asinnen und fügt eine Bemerkung an, die viel über ihr Bild in der Überlieferung sagt: Ihr dienen jene Frauen, die unverheiratet sterben. Gefjon gilt damit zugleich als Herrin der Jungfrauen und – über den Pflug – als Gestalt der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus.
Der Name selbst deutet in eine gebende, spendende Richtung; sprachlich verbindet man ihn mit dem Verb „geben“. Ganz gesichert ist die Etymologie nicht, doch sie passt gut zu einer Göttin, die einem König etwas abgewinnt und dafür ein neues Stück Erde erschafft. In den erhaltenen Texten bleibt Gefjon eine Nebenfigur mit einem großen Auftritt – und genau dieser Auftritt hat sie unsterblich gemacht.
Bemerkenswert ist eine sprachliche Spur, die manche Forscher gezogen haben: Das altenglische Wort „geofon“ bezeichnet das Meer, die Flut. Ob Gefjons Name damit verwandt ist und ursprünglich eine wasser- oder meernahe Gottheit meinte, bleibt Vermutung – sicher ist es nicht. Fest steht nur, dass sie im Norden eng mit dem Pflug und mit der Grenze von Land und Wasser verbunden wurde. Genau an dieser Grenze – dort, wo Land aus dem Meer gerissen wird und Wasser zurückbleibt – spielt auch ihre berühmteste Tat.
Die Geschichte steht gleich am Anfang von Snorris „Gylfaginning“ (der „Täuschung des Gylfi“) und noch einmal in der „Ynglinga saga“, dem ersten Teil seiner Königsgeschichte „Heimskringla“. Gylfi herrschte über das Land, „das man heute Schweden nennt“. Als eine fahrende Frau ihn mit ihrer Kunst gut unterhalten hatte, versprach er ihr zum Lohn so viel Ackerland, wie sie mit vier Ochsen in einer Nacht und einem Tag umpflügen könne.
Ein großzügiges, aber unbedachtes Angebot – denn die fahrende Frau war keine gewöhnliche Wandersängerin, sondern Gefjon aus dem Geschlecht der Asen. Das Motiv ist uralt: Ein Mächtiger gibt ein leichtfertiges Versprechen, und eine listige Gestalt nimmt ihn beim Wort. Was für Gylfi wie eine Handvoll Felder klang, wurde für ihn zum Verlust eines ganzen Landstrichs.
Snorri stellt die Szene bewusst an den Anfang seines Werks. In der „Gylfaginning“ ist Gylfi jener König, der später – neugierig geworden, wer diese mächtigen Asen eigentlich sind – nach Asgard reist und sich dort in lange Gespräche über die Götterwelt verwickeln lässt. Die Gefjon-Episode ist damit eine Art Vorspiel: Sie zeigt gleich zu Beginn, dass die Asen den Menschen an List und Macht überlegen sind. Dass Snorri dieselbe Geschichte auch in seine Königsgeschichte aufnahm, verrät, wie wichtig ihm die Verbindung zwischen Göttersage und dänischer Landesgeschichte war.
Gefjon holte aus dem Norden, aus dem Riesenland Jötunheim, vier Ochsen. Snorri sagt deutlich, wer diese Tiere waren: ihre eigenen Söhne, gezeugt mit einem Riesen. Sie spannte sie vor den Pflug, und die Schar zog eine Furche so tief und gewaltig, dass sich das Land löste und ins Meer geschleppt wurde.
Der älteste Zeuge dieser Szene ist kein Erzähler, sondern ein Skalde: Bragi Boddason, der schon im 9. Jahrhundert dichtete. Snorri zitiert seine Verse, und sie sind das eigentliche Fundament der Geschichte:
Gefjon zog von Gylfi, dem freigebigen Fürsten,
den Zuwachs Dänemarks, dass die Zugtiere dampften:
Vier Häupter trugen sie und acht Augen der Stirn,
als sie das weite Wiesland, die liebliche Insel, dem Grund entrissen.
Bragi Boddason, Ragnarsdrápa (zitiert in Snorris Gylfaginning), nach gemeinfreier Übertragung
„Vier Häupter und acht Augen“ – das Bild der pflügenden Ochsengespanne mit den dampfenden Flanken gehört zu den plastischsten der ganzen nordischen Dichtung.
Das herausgerissene Land, so Snorri, schleppten die Ochsen westwärts ins Meer, wo es liegen blieb: die dänische Insel Seeland (Sjælland). An der Stelle, wo das Land herausgehoben worden war, blieb Wasser zurück. In der „Ynglinga saga“ nennt Snorri diesen See „Lögrinn“ – den heutigen Mälaren in Schweden. Er fügt sogar eine hübsche Beobachtung an: Die Buchten des Sees entsprächen den Landzungen Seelands, als hätte man das eine aus dem anderen herausgeschnitten.
Populär ist bis heute auch die Vorstellung, gemeint sei der Vänern, weil dessen Umriss dem Seelands ähnele. In Snorris Text steht das nicht – er nennt den Mälaren. Beides ist am Ende dasselbe erzählerische Prinzip: Eine Landschaft wird zur Erinnerung an eine göttliche Tat, ein Loch hier entspricht einer Insel dort. Solche Ätiologien – Erklärgeschichten für Berge, Seen und Inseln – sind in vielen Kulturen zu Hause; im Norden ist Gefjons Pflugnacht das schönste Beispiel.
Im Streitgedicht „Lokasenna“ bekommt Gefjon eine kleine, aber vielsagende Rolle. Als sie mahnend das Wort ergreift, keilt Loki sofort gegen sie: Er wirft ihr vor, sich einem jungen Mann für ein Geschmeide hingegeben zu haben. Odin verteidigt sie daraufhin und sagt, Gefjon kenne die Geschicke der Welt so gut wie er selbst.
Die Stelle ist heikel und wird verschieden gedeutet. Sie steht im Widerspruch zu Snorris Bild von der Herrin der jungfräulich Gestorbenen – oder ergänzt es um eine andere, ältere Facette: eine Göttin, die mit Fruchtbarkeit, Gabe und Gunst zu tun hat und dabei nicht der christlich gefärbten Keuschheitsvorstellung späterer Zeit folgt. Lokis Spott ist ohnehin kein Tatsachenbericht, sondern die Waffe eines Lästermauls, das jedem am Tisch etwas anhängen will.
Hinter der Insel-Sage steht ein tieferer Gedanke: Gefjon ist die Göttin, die den Pflug führt. Der Pflug reißt die Erde auf, macht sie fruchtbar, verwandelt Wildnis in Acker. Dass ausgerechnet eine Göttin – mit ihren eigenen Kindern als Zugtieren – dieses Werk vollbringt, verbindet Mutterschaft, Kraft und Ackerbau zu einem einzigen Bild.
Manche Forscher haben Gefjon deshalb in die Nähe der großen Fruchtbarkeitsgöttinnen des Nordens gerückt, etwa in den Umkreis der Freyja oder der erdgebundenen Vanen. Belegen lässt sich eine solche Gleichsetzung nicht; die Texte behandeln Gefjon als eigene Gestalt. Was man festhalten kann: Sie gehört zu jenen weiblichen Mächten, in denen der Norden das Geben, Wachsen und Bebauen dachte – und sie ist eine der ganz wenigen, die eine eigene Landschafts-Sage besitzen.
Auffällig ist auch, dass Gefjon ihre Kraft nicht allein aus sich schöpft, sondern aus ihren Kindern. Die vier Ochsen sind ihre Söhne – Mutterschaft und Muskelkraft, Herkunft und Werk fließen in einem Bild zusammen. Wo andere Schöpfungsgeschichten von Riesenleibern oder Götterworten erzählen, entsteht hier Land aus Familienarbeit: Die Göttin führt, die Söhne ziehen. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum die Sage über die Jahrhunderte so lebendig geblieben ist – sie erzählt Schöpfung nicht als fernes Wunder, sondern als eine Nacht harter, gemeinsamer Arbeit.
Wer heute nach Gefjon sucht, findet sie am prominentesten im Hafen von Kopenhagen. Der große Gefion-Brunnen (Gefionspringvandet) zeigt die Göttin, wie sie ihre vier Ochsen mit gewaltigem Schwung antreibt, das Wasser stürzt über die Felsstufen. Das Bild ist eindrucksvoll – aber jung: Der Bildhauer Anders Bundgaard schuf es, finanziert von der Carlsberg-Stiftung; enthüllt wurde der Brunnen 1908.
Der Brunnen ist ein Werk der Neuzeit, nicht der Wikingerzeit. Er zeigt, wie lebendig die alte Sage geblieben ist und wie gern sich das 19. und frühe 20. Jahrhundert die nordischen Götter als heroische Denkmäler ausmalte. Man sollte ihn genießen als das, was er ist: eine grandiose künstlerische Nacherzählung – kein historisches Zeugnis über den tatsächlichen Kult einer Göttin Gefjon.
Gefjon ist eine leise Göttin mit einem lauten Auftritt. Wir wissen wenig über einen Kult, kaum etwas über Feste oder Tempel. Aber wir haben eine der schönsten Erklärgeschichten des Nordens: die Nacht, in der eine Asin einen König überlistete, ihre Söhne vor den Pflug spannte und Seeland aus Schweden riss. In dieser Geschichte steckt alles, was die nordische Dichtung ausmacht – Witz, Wucht und ein Blick auf die Landschaft, der jeden See und jede Insel zur Spur einer göttlichen Tat werden lässt.
Die Gefjon-Sage ist gut bezeugt: Der älteste Kern ist eine Strophe des Skalden Bragi Boddason (9. Jh.), die Snorri in der „Gylfaginning“ (Prosa-Edda, um 1220) zitiert; die vollständigste Erzählung steht dort und in der „Ynglinga saga“ der „Heimskringla“. Gefjons Rang als Asin, ihre Söhne als Ochsen, das herausgerissene Seeland und der zurückbleibende See gehören zum festen Bestand dieser Texte. „Lokasenna“ nennt sie ebenfalls. Damit gehört Gefjon zu den wenigen Göttinnen mit einer eigenen, quellenmäßig fassbaren Sage.
Vieles hängt an Snorri, der rund zwei Jahrhunderte nach der Christianisierung schrieb und die Götter oft ordnete und deutete. Ob der See „hinter“ Seeland der Mälaren (so Snorri) oder – wie in der populären Version – der Vänern ist, ist Erzählung, keine Geografie. Gefjons Zug als „Göttin der Jungfrauen“ (Snorri) und Lokis Spott (Lokasenna) widersprechen einander und lassen sich nicht auf einen Nenner bringen. Und der berühmte Gefion-Brunnen in Kopenhagen ist ein Denkmal von 1908 – ein Werk der Neuzeit, kein wikingerzeitliches Zeugnis.

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