Die „Polotschanen“ sind in der Nestorchronik ein Name, der aus einem Flüsschen abgeleitet wird, und ein Stamm im strengen Sinn ist daraus nie belegt worden. Was feststeht: Ab dem 10. Jahrhundert sitzt in Polozk an der Düna eine Fürstenfamilie, die sich lange gegen Kiew behauptet. Dieser Beitrag trennt, was Chroniken, Funde und spätere Erzähltradition hergeben, und nennt offen, wo die Quellen schweigen oder sich widersprechen.
Wer von den Polotschanen (russisch polocane, weißrussisch Palačane) spricht, meint zunächst die Bewohner des mittleren Düna-Gebiets im heutigen Weißrussland, rund um die Stadt Polozk (weißrussisch Polack). Mehr als diese Ortsangabe liefert die Überlieferung nicht. Weder gibt es einen Text aus der Feder eines Polotschanen, noch beschreibt ein Zeitgenosse außerhalb der Region ihre Bräuche, ihre Götter oder ihre Verfassung. Was wir kennen, geht fast vollständig auf einen einzigen Zusammenhang zurück: die ostslawischen Chroniken, die im 12. Jahrhundert und später aufgeschrieben wurden, dazu Funde aus dem Boden von Polozk und seinem Umland.
Daraus folgt die Leitfrage dieses Beitrags: War „Polotschanen“ der Name eines eigenständigen Stammes oder nur ein regionaler Ausdruck für eine Teilgruppe der Kriwitschen? Die Quellen geben darauf keine eindeutige Antwort. Die Nestorchronik führt beide Namen nebeneinander und leitet die Kriwitschen sogar von den Polotschanen ab. Die archäologische Forschung spricht zugleich von „Polozker Kriwitschen“ als einer regionalen Gruppe innerhalb des kriwitschischen Kulturkreises. Wer also Sätze liest wie „der Stamm der Polotschanen war ein Bündnis mit eigener Hauptstadt, Fürsten und Heeresversammlung“, liest eine Rückprojektion des Fürstentums des 11. Jahrhunderts auf eine Zeit, aus der wir praktisch keine politischen Nachrichten besitzen.
Das Gebiet liegt an der Westlichen Düna (weißrussisch Dzvina, lettisch Daugava), einem Fluss, der in der Nähe der Waldaihöhen entspringt und in die Rigaer Bucht der Ostsee mündet. Für Händler des Frühmittelalters war er ein Zubringer zwischen Baltikum und Dnjepr-Raum. Dazu mehr im Abschnitt über die Handelswege. Die Nachbarn im Süden waren die Dregowitschen, im Nordosten die Slawen um Nowgorod und Pskow, im Westen baltische Stämme, über deren Namen und Grenzen die Quellen ebenfalls wenig sagen.
Die „Erzählung der vergangenen Jahre“ (russisch Povest' vremennych let), meist Nestorchronik genannt, wurde nach heutiger Auffassung um 1113 in Kiew redigiert. Sie ist nicht im Original erhalten, sondern in späteren Abschriften, darunter die Laurentiuschronik von 1377 und die Hypatiuschronik aus dem 15. Jahrhundert. Wer „die Chronik“ zitiert, zitiert also eine Fassung, die 150 bis 500 Jahre jünger ist als die geschilderten Ereignisse des 10. Jahrhunderts, und eine Redaktion, die mit Kiewer Interessen geschrieben wurde. Beides sollte man mitlesen, wenn von Polozk die Rede ist.
Für den Namen der Polotschanen sind drei Stellen wichtig. Die erste steht in der Völkerübersicht am Anfang. Nach der Übersetzung, die für diesen Beitrag eingesehen wurde, heißt es dort sinngemäß: Andere ließen sich an der Düna nieder und nannten sich Polotschanen nach dem Flüsschen, das in die Düna mündet und Polota heißt. Ein Stück weiter folgt der Satz, dass von diesen die Kriwitschen abstammen, die an den Oberläufen von Wolga, Düna und Dnjepr sitzen; ihre Stadt sei Smolensk. Die zweite Stelle gehört zum Jahr 862 (nach der Chronikzählung 6370): Rurik verteilt Städte an seine Männer, dem einen Polozk, dem anderen Rostow, dem dritten Beloosero. Dort heißt es auch, in Polozk säßen die Kriwitschen. Die dritte Stelle, im Vertragszusammenhang des Jahres 907, nennt Polozk unter den Städten, für die Oleg Tribute von Byzanz verlangt.
Diese Stellen haben Grenzen. Die Völkerübersicht ist eine gelehrte Konstruktion des Chronisten, die Stämme nach Flüssen ordnet und einer biblischen Erzählung vom Turmbau und von der Teilung der Völker folgt; sie ist keine Volkszählung. Die Einträge zu 862 und 907 sind, wie die gesamte Zeit vor etwa 950, nachträglich in eine Jahreszählung gebracht worden, die in der Forschung als künstlich gilt. Dass Polozk „862 erstmals erwähnt“ wird, bedeutet daher, dass die Chronik um 1113 eine Stadt dieses Namens für das Jahr 862 voraussetzt. Ob sie in diesem Jahr tatsächlich bestand, folgt daraus nicht. Der Name Polozk erscheint in der Chronik jedenfalls früh und in einem Atemzug mit Rostow und Beloosero, also mit Orten im nördlichen Interessengebiet der Warägerfürsten, wie es der Chronist sah.
Bemerkenswert ist auch, was die Quelle nicht sagt. Sie schildert keine Einwanderung der Polotschanen, keine Schlacht mit ihnen vor dem Jahr 980, keinen Stammesfürsten vor Rogvolod und keine Versammlung ihrer Ältesten. Aus der Etymologie – Polota, „das Flüsschen“ – ergibt sich lediglich, dass der Chronist (oder seine Vorlage) den Namen als Flussnamen verstand. Die Forschung hat vorgeschlagen, dass er auch umgekehrt auf Polozk zurückgehen oder mit slawisch boloto, „Sumpf“, zusammenhängen könnte. Entschieden ist das nicht.
Zwei Texte außerhalb der ostslawischen Überlieferung lohnen den Blick, weil sie zeigen, wie dünn die Quellenlage ist. Der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos beschreibt um 950 in seinem Werk De administrando imperio (Kapitel 9), wie die „Russen“ im Sommer in Einbäumen (griechisch monoxyla) den Dnjepr hinab nach Konstantinopel fahren. Nach der englischen Übersetzung von R. J. H. Jenkins, die auf der Seite von Daniel Waugh an der University of Washington nachzulesen ist, kommen die Boote aus Nowgorod, aus Smolensk, aus Teliutza, Tschernigow und Wyschhorod; die slawischen Tributpflichtigen werden „Krivichians“ und „Lenzanenes“ genannt, an anderer Stelle werden bei der winterlichen Tributfahrt (poljudje) die „Drugovichians and Krivichians and Severians“ aufgeführt. Polozk oder die Polotschanen fehlen im Text. Der Ort, den die Nestorchronik für die Zeit Rogvolods zum Mittelpunkt macht, taucht beim byzantinischen Beobachter der Jahrhundertmitte nicht auf. Das beweist nicht, dass es ihn nicht gab; es zeigt, dass Polozk für den Handel der Kiewer Rus um 950 nicht so wichtig war, dass der Kaiser davon wusste, oder dass der Ort unter dem Sammelnamen „Kriwitschen“ mitgemeint ist.
Der Bayerische Geograph, eine lateinische Liste von Völkern und Burgenzahlen östlich der Elbe, die in einer Handschrift in München überliefert ist, hilft nicht weiter. Ihre Entstehungszeit ist umstritten: Bernhard Bischoff datierte sie auf einen Reichenauer Mönch der 830er bis 850er Jahre, Aleksandr Nazarenko hält die 870er für wahrscheinlicher, Henryk Łowmiański rechnete mit zwei Teilen unterschiedlicher Herkunft. Die östlichsten Namen der Liste sind Ruzzi, Forsderen Liudi, Fresiti, Serauici, Lucolane, Ungare, Uuislane, Caziri, Uuizunbeire und Bruzi. Polozk, Polotschanen und Kriwitschen sind darunter nicht; auch das Wissen des Verfassers über den Osten Europas gilt als begrenzt. Für ein Volk an der Düna ist die Liste daher keine Quelle.
Die Stadt liegt am Zusammenfluss von Düna und Polota. Ihr ältester Kern ist der Burgberg, in den Quellen später „Oberes Schloss“ genannt. Die Grabungsgeschichte dort ist überschaubar und das ist wichtig, wenn man die Aussagekraft einschätzen will. Nach einer russischsprachigen Zusammenfassung zu den Grabungen auf dem Burgberg untersuchte A. N. Ljawdanski den Platz erstmals 1928; G. W. Schtychow und S. W. Tarassow legten 1960 und 1962 Schnitte an, 1989 fand Tarassow ein Frauengrab; 2007 grub ein Team der Polozker Staatsuniversität auf 44 Quadratmetern, was nach der Darstellung die größte je geöffnete Fläche an dieser Stelle war. Die insgesamt vorher untersuchte Fläche betrug etwa 80 Quadratmeter. Auf einer so kleinen Fläche stützt sich ein Bild, das ganze Jahrhunderte abdecken soll.
Der Befund ist schlicht: Die durchschnittliche Kulturschicht misst 1,8 Meter, im Norden bis zu 4 Meter. In einer Schicht von 40 bis 60 Zentimetern liegen mehrere Brandhorizonte mit Keramik der Smolensk-Polozker Langhügelkultur. Sie könnten nach Angaben der Bearbeiter älter als das 10. Jahrhundert sein. Zuunterst liegen Reste einer baltischen Besiedlung der Dnjepr-Düna-Kultur, deren frühe Phase in die zweite Hälfte des ersten Jahrtausends v. Chr. bis in die ersten Jahrhunderte n. Chr. gesetzt wird. Slawen kamen demnach höchstwahrscheinlich im 9. Jahrhundert hinzu; ab dann nutzten Fürst, Gefolge und Handwerker den Platz bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. Die Autoren halten fest, dass die untere Datierungsgrenze Polozks archäologisch noch nicht gesichert ist, eine Stadt des 9. Jahrhunderts an dieser Stelle aber als sicher gilt. Datierbare Funde wie Glasarmringe und -perlen gehören überwiegend ins 10. bis 13. Jahrhundert; enger datierte Stücke aus den Schichten des 9. und 10. Jahrhunderts fehlen bisher. Eine Radiokarbonanalyse wird vorgeschlagen. Eine weitere Zusammenfassung nennt als Aussage der weißrussischen Akademie der Wissenschaften, Polozk habe „in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts“ bestanden; wie dies im Einzelnen belegt wird, geht aus dieser Zusammenfassung nicht hervor.
Zusammengefasst heißt das: Das Bild einer Stadt um 862 passt zu den Funden, ist aber mit ihnen nicht bewiesen. Das Gründungsjahr bleibt offen, und wer in Reiseführern ein exaktes Datum liest, liest eine Festlegung, keinen Fund.
Aus dem Umland stammt eine weitere Beobachtung, die für das Thema „Polotschanen“ aufschlussreich ist. Nach einem Aufsatz von Andrej Goranski und Swetlana Mandrik liegen die meisten christlich geprägten Gräberfelder des späten 10. und frühen 11. Jahrhunderts im Süden des Polozker Landes, am Fluss Swislotsch (bei Minsk und Isjaslawl). Im Norden um Polozk, Drutsk und Witebsk herrschten damals noch heidnische Bestattungsbräuche. Der Aufsatz argumentiert außerdem, dass Rogvolod und Rogneda bereits vor der üblichen Taufdatierung 988 christliche Kontakte gehabt haben könnten; das ist eine Hypothese der Autoren, kein Befund.
Zur Frage Stamm oder Teilgruppe tragen die Funde aus dem weiteren Raum bei. Die Kriwitschen sind archäologisch durch lange Hügelgräber (Langhügel) des 6. bis 9. Jahrhunderts mit Brandbestattung erkennbar, später durch Siedlungen mit Eisenverarbeitung, durch bestimmte Schläfenringe, die als Schmuck an Kopf oder Haar getragen wurden, und durch Glasperlen. Als Zentren gelten Gnjosdowo bei Smolensk, Isborsk und Polozk. Wo diese Kultur endet und die der Polotschanen beginnt, ist aus den Funden nicht abzulesen; in der Sprache der Archäologen gehört der Polozker Raum zur Smolensk-Polozker Langhügelgruppe, und das ist eine Gruppenbezeichnung, kein Stammesname. Ob unter den Trägern dieser Kultur zuerst Balten saßen, die slawische Zuwanderer aufnahmen, ist in der weißrussischen und russischen Forschung Gegenstand von Debatten; ein Aufsatz von Piotr Murzionak (2015) nennt die Polotschanen unter den Stämmen, die von bereits ansässigen baltischen Gruppen „assimiliert“ worden seien und verweist dazu auf Šachmatov (1919) sowie Dzermant und Sanko (2005). Die Formulierung zeigt die Richtung der Diskussion, entscheidet sie aber nicht.
Der erste namentlich bekannte Herr von Polozk heißt in der Chronik Rogvolod (altostslawisch Rogъvolodъ). Die Chronik erwähnt ihn im Zusammenhang mit dem Jahr 980 und sagt zugleich, er sei von jenseits des Meeres gekommen und habe seine Herrschaft in Polozk gehabt, während Tur seine in Turow innehatte. In der russischen Übersetzung von Oleg Tworogow (1997), die auf einer Wissensplattform zitiert wird, lautet der Satz: Dieser Rogvolod sei „aus dem Übersee-Land“ gekommen und habe seine Macht in Polozk gehalten. Der altrussische Wortlaut wird in Nachschlagewerken so wiedergegeben: „Bě bo Rogъvolodъ perešelъ iz zamor’ja, imjaše volostь svoju Polotьske“. Das Wort zamorje bedeutet „jenseits des Meeres“, und in der Chronik bezeichnet es üblicherweise die Waräger, also skandinavische Kriegs- und Handelsleute; welches Meer gemeint ist, sagt der Text hier nicht.
Der Name lässt sich als skandinavisches Rǫgnvaldr (Ragnvald) lesen, und der Lautstand der Chronik passt dazu. August Ludwig Schlözer wies im 18. Jahrhundert darauf hin, ebenso auf den Namen seiner Tochter Rogneda, den man mit nordisch Ragnheiðr verbindet. Es gibt aber andere Deutungen. Stepan Gedeonow, ein Vertreter der antinormannistischen Schule des 19. Jahrhunderts, schlug eine slawische Herleitung aus „Horn“ und „herrschen“ vor, Leonid Alexejew hielt eine fremde Herkunft für nicht ausgeschlossen. Eine weitere Spielart sieht in ihm einen Sohn einer Prinzessin Predslawa, der aus dem Ausland zurückkehrte (Jermolowitsch 1990, nach Murzionak 2015), und eine dritte sucht ihn an der preußischen Ostseeküste. Wo der Mann herkam, lässt sich nicht belegen, und die Quelle gibt nur das eine Wort „Übersee“.
Alle Lebensdaten Rogvolods, die man im Netz findet – „geboren um 920, gestorben 978“ –, stammen aus Nachschlagewerken, nicht aus den Quellen. Die Chronik nennt weder Geburtsjahr noch Alter. Sicher ist nur, dass sie ihn zum Jahr 980 als Herrscher von Polozk und als Mann mit zwei Söhnen und einer Tochter vorführt.
Der Einordnung dient der größere Zusammenhang: Wer um die Mitte des 10. Jahrhunderts im Düna-Raum als Herr auftritt, steht in einer Welt, in der skandinavische Händler und Krieger den Weg „von den Warägern zu den Griechen“ benutzen. Das Phänomen ist im Beitrag Wikinger im Osten beschrieben, die byzantinische Seite im Beitrag Miklagard und die Waräger. Ob Rogvolod ein Wikinger war, ein slawischer Fürst mit nordischem Namen oder ein Mischprodukt aus beidem, ist nicht entschieden.
Nach dem Tod Swjatoslaws, des Kiewer Fürsten, der 972 auf dem Rückweg von einem Feldzug gegen Byzanz ums Leben kam, teilten sich seine Söhne die Herrschaft: Jaropolk in Kiew, Oleg bei den Drewlanen, Wladimir in Nowgorod. Die Chronik erzählt, dass es zum Bruderkrieg kam, an dessen Ende Wladimir als Alleinherrscher in Kiew stand. Mitten in diese Erzählung ist die Geschichte von Polozk eingeschoben. Wladimir schickt Boten zu Rogvolod und lässt ihm sagen, er wolle seine Tochter zur Frau. Rogvolod fragt Rogneda, ob sie den Nowgoroder Fürsten wolle, und erhält die Antwort, die in die russische Geschichtsschreibung eingegangen ist:
„Ich will dem Sklavensohn nicht die Stiefel ausziehen, ich will Jaropolk. … Und er erschlug Rogvolod und seine zwei Söhne und nahm seine Tochter zur Frau.“Laurentiuschronik, Eintrag zum Jahr 980 (PSRL I, Sp. 75–76; altostslawische Wortlautfragmente nach dem Zitat bei M. Swerdlow 2022; gemeinfrei; eigene Übersetzung)
Das Wort robičič bezeichnet den Sohn einer Unfreien. Gemeint ist Wladimirs Mutter Malusa, die die Chronik als Haushälterin der Fürstin Olga darstellt. Die Beleidigung ist also ein Stachel gegen die Herkunft des Mannes, der sich kurz darauf als Rächer erweist. Der Zusammenhang macht den Text zum Literaturstück: Eine Frau verweigert dem Verlierer die Hand, ihr Vater und ihre Brüder sterben, sie selbst wird die Beute des Siegers.
Die Forschung hat diese Überlieferung gründlich auseinandergenommen. M. B. Swerdlow zeigt in einem Aufsatz von 2022, dass der Ton der beiden großen Handschriften unterscheidet: Die Hypatiuschronik, die laut seiner Darstellung ebenfalls zum Jahr 980 erzählt, lässt Rogneda sagen, sie wolle Wladimir nicht „die Stiefel ausziehen“, ohne die Bezeichnung als Sklavensohn; die Laurentiuschronik fügt das Schimpfwort ein. Swerdlow wertet die Bezeichnung robičič als spätere literarische und ideologische Zutat. Alexei Schachmatow hielt die Geschichte von Rogneda, wie sie die Laurentiuschronik zum Jahr 1128 erzählt, für den literarischen Kern und leitete davon eine nowgorodische Chronik des 11. Jahrhunderts als Quelle der Kiewer Chronik ab; ein Teil seiner Annahmen hat sich nicht bestätigt. Dmitri Lichatschow verwies auf Parallelen in Sage und Heldenlied, etwa in der Korsun-Erzählung und im Bylinenstoff um Dobrynja. Als möglichen Entstehungsgrund nennt Swerdlow die nowgorodische Feindschaft gegenüber Wladimir.
Zur Motivlage gibt es zwei Lesarten. Die Chronik legt Rache für die Demütigung nahe. Jonathan Shepard und Simon Franklin sehen dagegen in Wladimir eher einen Fürsten, der politische Legitimation suchte, indem er die Tochter eines Herrschers heiratete, der als bedeutender Bündnispartner für beide Brüder galt. Goranski und Mandrik beschreiben Rogvolod als einen der einflussreichsten Fürsten Osteuropas im letzten Drittel des 10. Jahrhunderts, den Jaropolk wie Wladimir als Verbündeten gewinnen wollten. Auch das ist eine Deutung. Die Quellen sagen, dass Rogneda Jaropolk wollte und Rogvolod mit seinen Söhnen starb; was dahinter an Kalkül lag, wissen wir nicht.
Auch die Datierung ist nicht fest. Die Chronik ordnet die Szene dem Jahr 980 zu, andere Rekonstruktionen setzen die Einnahme Polozks in das Frühjahr 978. Die Differenz beruht darauf, dass die Jahreszählung der Chronik für diese Zeit rückgerechnet wurde. Ein ukrainischer Kommentar zu einer Übersetzung der Chronik erwägt sogar, die Szene sei eine spätere Einfügung, die man in die zweite Hälfte der 960er bis Anfang der 970er-Jahre verlegen müsse; das ist eine einzelne Anmerkung und wird hier nur als Beispiel für die Unsicherheit aufgeführt.
An Rogneda knüpft sich ein zweiter Erzählstrang. Der Suzdaler Teil der Laurentiuschronik berichtet zum Jahr 1128 eine Geschichte, in der eine Frau namens Gorislawa von Wladimir genommen wird, nachdem er ihren Vater erschlagen hat; später versucht sie, Wladimir zu töten, ihr Sohn Isjaslaw tritt mit gezogenem Schwert vor den Vater, dieser lässt seine Waffe fallen. Die Bojaren raten, die Frau um des Sohnes willen zu schonen; Wladimir gibt ihr Land und gründet die Stadt Isjaslawl. Das ist die Erzählung, die den Gegensatz zwischen den Nachkommen Rogvolods und denen Jaroslaws des Weisen ausleuchtet.
Dass Gorislawa und Rogneda dieselbe Person sind, sagt die ältere Überlieferung nicht. Die erste Quelle, die beide gleichsetzt, ist der Moskauer Sammelkodex von 1479, rund 500 Jahre nach den Ereignissen; die Nikon-Chronik des 16. Jahrhunderts verbreitete die Gleichsetzung, und Karamsin übernahm sie in seiner „Geschichte des russischen Staates“. Francis Butler (2012) und andere halten die Gorislawa-Legende für eine spätere Erzählung, deren Heldin ursprünglich anders hieß; beide Erzählungen teilen eine fast gleichlautende Stelle. Aleksandr Koptew (2010) nennt den Mordversuch eine „offensichtlich spätere Zutat“.
Ähnliches gilt für die Nachrichten über Rogneda nach 988. Die Tradition, sie sei nach Wladimirs Taufe und Heirat mit der byzantinischen Prinzessin Anna als Nonne mit dem Namen Anastasia ins Kloster gegangen, stammt aus der Twer-Chronik zum Jahr 1000 und ist nach den ausgewerteten Zusammenfassungen durch keine andere Quelle bestätigt. Auch die Kinderliste ist unsicher: Die Chronik führt vier Söhne und zwei Töchter auf, aber die Laurentiuschronik und der Moskauer Sammelkodex von 1479 nennen nur Isjaslaw als gemeinsames Kind; die kurze Ehe, die vielen anderen Frauen Wladimirs und die Frage, ob Jaroslaw der Weise wirklich ihr Sohn war (Kostomarow zweifelte), machen die Angaben fragwürdig. Der Name „Gorislawa“ taucht erst in Moskauer Chroniken des späten 15. Jahrhunderts auf; was er bedeutet, ist umstritten.
Das Muster ist typisch für die frühe ostslawische Geschichte: Ein Kern, den man ernst nehmen kann – Polozk wird von Wladimir unterworfen, Rogvolod stirbt, Rogneda kommt nach Kiew, Isjaslaw wird geboren –, und darum herum eine Erzählung, die in mehreren Schichten gewachsen ist und mit jeder Schicht eine eigene Absicht bedient. Wie sich die Kiewer Rus im größeren Rahmen entwickelte, beschreibt der Beitrag Die Kiewer Rus.
Isjaslaw Wladimirowitsch, der Sohn Rognedas, wird je nach Quelle um 978 oder 979 geboren und stirbt 1001, noch vor seinem Vater Wladimir. Er gilt als der erste Fürst, der Polozk von Kiew unabhängig machte; aus dieser Linie, nicht aus der der Kiewer Großfürsten, stammen die späteren Polozker Fürsten. Die Folge beschreibt die englischsprachige Überblicksliteratur so: Weil Isjaslaw vor seinem Vater starb und nie in Kiew regiert hatte, verloren seine Nachkommen den Anspruch auf den Kiewer Thron und blieben dafür in Polozk eine eigene Linie. Ob es sich um eine bewusste Politik handelte oder um eine Folge des Erbrechts, in dem der Anspruch auf das Großfürstentum an das Vorrücken der Fürstensöhne gebunden war, lässt sich aus der Chronik nicht entscheiden. Nach einer Darstellung herrschte die Linie Isjaslaws bis 1222 in Polozk; dieses Enddatum stammt aus einer Zusammenfassung und wurde nicht an einer Primärquelle geprüft. Isjaslawl, das heutige Sasławje (Zaslawye) westlich von Minsk, soll nach der Erzählung von 1128 seinen Namen nach ihm tragen.
Sein Sohn Brjatschislaw (Bryačislav), der Nachfolger von 1001, war um 997 geboren. Die Quellen nennen als Antritt 1001 oder 1003, je nachdem, ob man den Tod eines früh verstorbenen Bruders mitrechnet, der 1003 als Kind starb. Bekannt ist er für einen Überfall auf Nowgorod, den Überblicksdarstellungen zum Jahr 1020 oder 1021 verzeichnen. Auf dem Rückweg stellte ihn das Heer Jaroslaws des Weisen am Fluss Sudoma; Brjatschislaw wurde geschlagen, ließ Gefangene und Beute zurück und musste einen Frieden annehmen, der ihm nur die Städte Usvjat und Witebsk beließ. Die Auseinandersetzungen sollen danach noch Jahre gedauert haben. Dem steht die Eymundar þáttr gegenüber, eine nordische Erzählung des 13. Jahrhunderts, in der Jaroslaw Gebiete fordert, die Fürstin Ingegerd Geisel und Vermittlerin ist, dem Brjatschislaw (dort „Burizlaf“) Kiew in Aussicht gestellt und dem Söldnerführer Eymund Polozk gegeben wird. Historiker wie Senkowski und Swerdlow werten diese Fassung als alternative Überlieferung. Sie widerspricht der Chronik in wesentlichen Punkten; welche eher stimmt, ist nicht entschieden. Brjatschislaw starb 1044 in Polozk.
Für den Zeitraum zwischen 1001 und 1044 ist die Quellenlage also schlechter als für die Geschichte um Rogneda. Es gibt wenige Daten, widersprüchliche Berichte und eine sagenhafte Parallelüberlieferung. Das verträgt sich nicht mit dem Bild vom geschlossenen „Polozker Staat“, das in manchen Darstellungen gezeichnet wird. Wer eine Region mit Fürst, Burg und Stadt vor sich hat, hat damit noch keinen Staat im späteren Sinn.
Wseslaw Brjatschislawitsch ist die am besten dokumentierte Gestalt des Fürstentums. Er wird um 1029/1030 in Polozk geboren und herrscht ab 1044 bis zu seinem Tod 1101; ein Stammbaum-Eintrag nennt als Geburtsjahr abweichend 1039, die Quellen lassen das offen. Nach der Chronik soll er durch Zauberei geboren worden sein und mit einer Glückshaube (Fruchtblasenrest) am Kopf zur Welt gekommen sein. Das ist eine Chroniknachricht, die mit dem Ruf des Fürsten als Zauberer (und mit dem Beinamen „der Seher“ oder „der Zauberer“) zusammenhängt; als Tatsachenbericht über seine Geburt lässt sie sich nicht lesen.
Wseslaw ließ in Polozk die Sophienkathedrale errichten, deren Bau in die Jahre 1044 bis 1066 gesetzt wird. Der Bau von 1044 bis 1066 gilt als das älteste Steingebäude Weißrusslands; die heutige Kirche ist ein Barockbau von Johann Christoph Glaubitz aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, nachdem Truppen Peters I. die ältere Kirche ruiniert hatten. Die Kirche sollte, so die gängige Deutung, mit den gleichnamigen Kirchen in Nowgorod und Kiew wetteifern und die Eigenständigkeit der Stadt ausdrücken. Dass der Bau ein politisches Programm war, ist eine Deutung; belegt ist der Name und die zeitliche Einordnung.
Im Winter 1066/67 überfiel Wseslaw Nowgorod und nahm Glocke und Kultgerät aus der dortigen Sophienkirche mit nach Polozk. Darauf rückten die drei Söhne Jaroslaws, Isjaslaw, Wsewolod und Swjatoslaw, nach Norden, brannten Minsk nieder – es ist die erste Erwähnung der Stadt in einer Chronik – und trafen am 3. März 1067 am Fluss Njamiha (Nemiga) im tiefen Schnee auf das Heer Wseslaws. Wseslaw verlor und floh nach Polozk. Der Ablauf der Schlacht ist unbekannt, die Chronik beschreibt sie als blutig. Im Juni 1067 luden die Jaroslawitschen ihn unter Kreuzkuss zu Verhandlungen, nahmen ihn dann mit zwei Söhnen gefangen und brachten ihn nach Kiew in Haft.
1068 wurde Wseslaw von aufständischen Kiewern befreit und zum Großfürsten ausgerufen. Isjaslaw kehrte nach etwa sieben Monaten zurück, Wseslaw floh nach Polozk. Das „Igorlied“, ein Heldenepos des späten 12. Jahrhunderts, kennt ihn als Werwolf, der sich nachts in Städte schleicht, und nutzt die Niederlage an der Njamiha als Beispiel für den Schaden der Fürstenfehden. Ob diese Bilder einen Kern an Überlieferung enthalten, lässt sich nicht belegen; eine Verbindung zum Helden der Heldenlieder Wolch Wseslawjewitsch wird vermutet, bleibt aber spekulativ. Gestorben ist Wseslaw am 24. April 1101 in Polozk, bestattet wurde er der Überlieferung nach in der Sophienkathedrale. Seine Söhne teilten das Fürstentum in kleinere Teilfürstentümer auf; Minsk, Witebsk und Drutsk gehören dazu, dazu Randgebiete an der Düna wie Jersika und Koknese.
Als Fürst eines Landes, das sich dem Kiewer Zugriff weitgehend entzog, hat Wseslaw später in der weißrussischen Geschichtsschreibung hohen Rang erhalten. Dass Polozk „das erste Staatswesen auf weißrussischem Gebiet“ gewesen sei, wie es in einem Aufsatz von Piotr Murzionak (2015) heißt, ist eine Einordnung der heutigen Forschung mit nationalgeschichtlichem Beiklang. Gleichzeitig reklamiert die russische und ukrainische Überlieferung dieselben Fürsten als Teil der gemeinsamen Rus-Geschichte. Beides sind spätere Zuschreibungen. Zeitgenossen kannten diese Kategorien nicht.
Die Düna verbindet das Dnjepr-Gebiet über kurze Landwege mit der Ostsee, und Polozk liegt an einer ihrer Schlüsselstellen. Archäologisch ist das an Funden, die Handel belegen, im Polozker Material zu erkennen: Glasarmringe und Perlen des 10. bis 13. Jahrhunderts, wie die oben genannte Grabungszusammenfassung sie als datierbare Funde nennt. Eine Fundzahl oder Herkunftsanalyse liegt dem Verfasser für diesen Beitrag nicht vor, deshalb bleibt die Aussage allgemein. Die altnordischen Sagas kennen die Stadt: Sie heißt dort Palteskja, die Burg Palteskjuborg (nach einer Zusammenfassung, die sich auf Wasiliewicz 2002 beruft). Eine Saga bezeichnet Polozk als die am stärksten befestigte Stadt der Rus. Der Satz hat sich in Überblicksdarstellungen festgesetzt; welche Saga gemeint ist, ging aus der ausgewerteten Zusammenfassung nicht hervor.
Für das 12. und 13. Jahrhundert wird der Düna-Weg zur Grenze zwischen der Rus und dem Gebiet, in das Deutsche aus dem Reich vorstoßen. Eine Zusammenfassung zum Fürstentum Polozk nennt für 1209 die Einnahme von Jersika und Koknese durch deutsche Kreuzfahrer; 1212 erlaubte Polozk deutschen Kaufleuten freie Fahrt und stellte den livländischen Tribut ein, 1227 trat Smolensk laut dieser Quelle Polozk an Riga ab. Das sind knappe Angaben, die der Verfasser nicht an Heinrich von Livlands Chronik oder an Urkunden geprüft hat; sie zeigen aber die Richtung. Riga selbst wurde nach der allgemein bekannten Überlieferung 1201 von Bischof Albert gegründet, einem Geistlichen aus dem Erzbistum Bremen. Zwischen Norddeutschland und dem Land der Polozker Fürsten liegt damit ein Weg, den Händler und Missionare seit dem hohen Mittelalter benutzten. Mehr als diesen Weg geben die für diesen Beitrag gelesenen Quellen für den Westen nicht her.
Fasst man die Spuren zusammen, ergibt sich ein Bild mit scharfen und unscharfen Stellen. Scharf ist der Fürstenname: Ab Rogvolod, vermutlich im 10. Jahrhundert, gibt es einen Herrn in Polozk, danach eine durchgehende Reihe von Fürsten bis ins Mittelalter hinein, deren Kern Isjaslaw, Brjatschislaw und Wseslaw bilden. Scharf ist auch der Ort: Burgberg und Stadt an der Mündung der Polota, besiedelt vom Frühmittelalter bis zu den Teilungen des Hochmittelalters. Unscharf bleibt das Volk. Die Chronik kennt die Polotschanen als Namen, doch ihre Abgrenzung von den Kriwitschen ist weder in der Chronik noch in den Funden zu erkennen, und die archäologischen Kulturen reichen über jede Stammesgrenze hinweg. Die Rede vom „Stamm der Polotschanen“ ist deshalb am sichersten als Bezeichnung für die Bewohner des Polozker Raums zu verstehen, nicht als Beschreibung einer politisch geeinten Gruppe mit eigener Verfassung.
Zwei Dinge sollte man dabei auseinanderhalten. Erstens: Ein Name für Leute an einem Fluss ist kein Beweis für eine Gesellschaft mit eigenem Selbstverständnis. Die Chronik, die ihn überliefert, ordnete die Slawen nach Flussnamen und Landschaften; sie wollte die Völker der Rus erklären, nicht ihre Eigenbezeichnungen festhalten. Zweitens: Dass die Chronik die Kriwitschen von den Polotschanen ableitet, besagt nur, dass der Chronist die Polota-Gruppe für die ältere hielt. Ob er dazu eine Überlieferung besaß oder eine Vermutung anstellte, wissen wir nicht. Nach den Funden gehören die Region, in der die Kriwitschen später sitzen, und der Düna-Raum zu einer gemeinsamen Kulturlandschaft; mehr als das lässt sich aus der Archäologie nicht herauslesen. Zu den Kriwitschen im weiteren Raum siehe den Beitrag über die Kriwitschen.
Offen bleibt auch, ob die baltische Vorbevölkerung, die in den untersten Schichten von Polozk erscheint, im 9. Jahrhundert verdrängt, aufgesogen oder ganz zum Teil der Slawen wurde. Der Befund einer Brandschicht mit Langhügelkeramik zeigt eine Phase, in der Gebäude brannten; ob durch Kampf, Unfall oder Absicht, steht nicht fest. Und ob zwischen der Zeit der Brandhorizonte und der Fürstenzeit des 10. Jahrhunderts eine Kontinuität besteht, lässt sich mit den vorhandenen Daten nicht entscheiden.
Die Nachbarn und das Umfeld: Kriwitschen, Dregowitschen und Ilmenslawen; das politische Zentrum im Süden in Die Kiewer Rus; die Fernhandelswege in Wikinger im Osten und Miklagard und die Waräger.

Die Kriwitschen · Die Rus (Kiew) · Die Dregowitschen · Die Ilmenslawen · Miklagard und die Waräger.
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