Wer sich Yggdrasil vorstellt, denkt meist an den mächtigen Stamm, an die Krone, in der der Adler sitzt, und an den Hirsch, der von den Zweigen zehrt. Doch der Weltenbaum lebt nicht nur von oben nach unten – er wird auch von unten bedrängt. Tief bei den Wurzeln, im feuchten Dunkel unter der Esche, windet sich ein ganzes Volk von Schlangen. Sie nagen und zehren, unablässig, und die Lieder-Edda kennt sie sogar mit Namen.

Die entscheidende Stelle steht im Grímnismál, dem Lied, in dem der gefesselte Odin dem jungen Agnar das Weltbild der Götter enthüllt. Dort heißt es, unter der Esche lägen mehr Schlangen, als ein Unverständiger sich träumen lasse – und dann werden sie aufgezählt.
Der Schlangen mehr unter der Esche liegen,
als ein törichter Affe denkt:
Góinn und Móinn, Grafvitnirs Söhne,
Grábakr und Grafvölluðr,
Ófnir und Sváfnir sollen ewig, mein ich,
des Baumes Zweige zehren.Grímnismál 34, Übersetzung Karl Simrock 1851
Sechs Namen also: Góinn und Móinn, die als Söhne eines gewissen Grafvitnir gelten, dazu Grábakr, Grafvölluðr, Ófnir und Sváfnir. Sie zehren an den Zweigen und Wurzeln des Baumes – Tag und Nacht, ohne Ende. Es ist ein Bild von stiller, zäher Zerstörung: Während oben das Leben blüht, arbeitet unten der Verfall.
Die folgende Strophe fasst zusammen, was das für den Weltenbaum bedeutet. Yggdrasil trägt schwerer, als die Menschen ahnen – von allen Seiten wird an ihm gezehrt.
Yggdrasils Esche erträgt Beschwerde
mehr als die Menschen wissen:
der Hirsch oben beißt, die Seite morscht,
es benagt sie Niðhöggr von unten.Grímnismál 35, Übersetzung Karl Simrock 1851
Damit ist das ganze Kräftespiel benannt: oben der Hirsch (in anderen Strophen sind es vier), in der Mitte die faulende Flanke, unten Niðhöggr und sein Schlangenvolk. Der Baum steht nicht in ewiger, ungestörter Pracht da – er hält sich, obwohl an ihm gezehrt wird. Genau das macht ihn zum Sinnbild einer Welt, die getragen und zugleich bedroht ist.
Snorri Sturluson ordnet in seiner Prosa-Edda die drei Wurzeln Yggdrasils drei Orten zu. Unter der dritten Wurzel liegt Hvergelmir, der „brodelnde Kessel" – ein uralter Quellort im kalten Niflheimr. Aus ihm, so Snorri, entspringen die Urflüsse, die Élivágar, und damit letztlich alles fließende Wasser. Hvergelmir ist der Ursprung der Ströme.
Doch derselbe Kessel ist auch der finsterste Winkel der Weltordnung. Hier haust Niðhöggr, und hier, so heißt es, sind mehr Schlangen versammelt, als sich mit Worten fassen lässt – so viele, dass keine Zunge sie zählen kann. Der Ort, aus dem alle Flüsse quellen, ist zugleich der Ort, an dem an der Wurzel der Welt genagt wird. Zu Niðhöggr selbst, dem großen Nager, gibt es bei uns einen eigenen Artikel; hier geht es um das kriechende Volk, das ihn umgibt.
Die Namen der Wurzelschlangen sind kaum sicher zu deuten – sie klingen nach Dunkel, Erde und Verborgenheit, doch die Quellen erklären sie nicht. Góinn und Móinn tragen offenbar reine Schlangennamen, ebenso Grábakr, was so viel wie „Graurücken" nahelegt. Interessant wird es bei Ófnir und Sváfnir: Diese beiden Namen tauchen in der Überlieferung noch an ganz anderer Stelle auf, nämlich in den Beinamen-Listen Odins. Der Allvater trägt Dutzende Namen, und ausgerechnet „Ófnir" und „Sváfnir" gehören dazu. Ob das ein bewusstes Spiel mit Doppeldeutigkeit ist oder schlicht zeigt, wie frei die Skalden mit einem gemeinsamen Namensschatz arbeiteten, lässt sich nicht entscheiden. Es ist ein schönes Beispiel dafür, dass ein Name im Norden nicht fest an ein Wesen gebunden war.
Belegt: Die namentliche Aufzählung der Wurzelschlangen steht in Grímnismál 34, das Leiden des Baumes in Grímnismál 35. Hvergelmir als Quellort der Flüsse und Wohnstatt Niðhöggrs und unzähliger Schlangen ist in Snorris Gylfaginning beschrieben. Die Namen Ófnir und Sváfnir erscheinen zusätzlich in den überlieferten Odins-Namenslisten.
Mythos-Check: Ein häufiges Missverständnis: Die Schlangen an der Wurzel sind nicht die Midgardschlange Jörmungandr. Jörmungandr liegt im Weltmeer und umschließt Midgard – er hat mit dem Wurzelvolk unter Yggdrasil nichts zu tun. Und die Liste der sechs Namen ist genau das: eine Aufzählung. Die alten Quellen geben den einzelnen Schlangen keine Geschichten, keine Rollen, keine „geheime Bedeutung". Wer den Namen eine feste Symbolik zuschreibt, deutet über das hinaus, was die Edda hergibt.
Auffällig ist, wie vertraut das Grundmuster wirkt: oben im Baum der Vogel, unten an der Wurzel die Schlange. Ähnliche Vorstellungen finden sich weit über den Norden hinaus. In indischen Überlieferungen hausen die Nāgas, schlangengestaltige Wesen, an der Wurzel oder am Fuß des kosmischen Baumes beziehungsweise Berges, in der Tiefe der Unterwelt. Und im Garten Eden windet sich die Schlange am Baum der Erkenntnis. Der Vogel im Gipfel als Wesen des Himmels und die Schlange in der Tiefe als Wesen der Unterwelt und des Chaos – dieses Gegensatzpaar taucht in vielen Kulturen auf. Das heißt ausdrücklich nicht, dass eine Kultur die andere beeinflusst hätte; es gibt keinen Beleg für einen solchen Kontakt. Es zeigt nur, wie naheliegend das Bild vom Baum ist, der Himmel, Erde und Unterwelt verbindet – und wie oft an seiner Wurzel etwas Kriechendes wartet.
Sechs Schlangen nennt das Grímnismál beim Namen, dazu einen siebten, Grafvitnir, als Vater zweier von ihnen. Es lohnt sich, jeden dieser Namen einzeln anzusehen – nicht, weil die Edda ihnen Geschichten gäbe, denn das tut sie ausdrücklich nicht, sondern weil die Namen selbst sprechen. Sie sind aus dem Altnordischen gebaut, und wer die Bausteine kennt, hört heraus, woran die Dichter dachten, als sie das kriechende Volk unter der Wurzel beschrieben: an Grau, an Erde, an das unablässige Graben im feuchten Dunkel. Dabei muss man ehrlich bleiben. Ein Teil dieser Namen lässt sich gut deuten, ein anderer bleibt trotz aller Mühe der Sprachforscher dunkel, und keine Deutung ist eine Geschichte. Wir sagen im Folgenden jeweils dazu, wie fest der Boden unter den Füßen ist.
Góinn und Móinn treten immer gemeinsam auf, als „Grafvitnirs Söhne“, und sie sind die beiden schwierigsten Namen der ganzen Liste. Anders als bei „Graurücken“ oder den Grab-Namen liegt hier kein durchsichtiges Wort zugrunde, das sich zwanglos übersetzen ließe. Die Forschung tastet sich mit Vermutungen heran – ein Zusammenhang mit einem Wort für „Land, Erde“ ist erwogen worden, ebenso ein bloßer Gleichklang, der die beiden zu einem eingängigen Paar macht, wie ihn nordische Dichtung liebt. Verlässlich ist nur dies: Es sind Schlangennamen, sie klingen zusammengehörig, und sie meinen Wesen der Tiefe. Wer mehr aus ihnen herausliest, dichtet hinzu. Gerade dieses ehrliche Nichtwissen gehört zum Thema: Die Edda hat uns die Namen überliefert, aber nicht ihren Sinn miterklärt.
Man sollte sich von der Kargheit nicht täuschen lassen: Schlangennamen waren im Norden ein eigener kleiner Vorrat, aus dem die Dichter schöpften. Neben der Aufzählung im Grímnismál überliefern die sogenannten Þulur – versifizierte Namenslisten, die der Prosa-Edda angehängt sind – ganze Reihen von Bezeichnungen für Schlange und Drache. Góinn und Móinn stehen also nicht allein; sie sind Teil einer Tradition, die das Kriechende immer wieder neu benannte, mal beschreibend, mal bloß wohlklingend. Das erklärt, warum ein Name wie Grábakr sofort verständlich ist, während Góinn und Móinn stumm bleiben: Die einen sind aus einem klaren Wort gemacht, die anderen aus dem bloßen Klang der Dichtersprache.
Hier wird der Boden fest. Grábakr setzt sich aus grár, „grau“, und bakr, „Rücken“, zusammen – „Graurücken“. Das ist so klar, dass man das Tier vor sich sieht: eine erdfarbene, unscheinbare Schlange, deren Rücken die Farbe des feuchten Bodens trägt, in dem sie lebt. Grau ist im Norden keine belanglose Farbe. Sie ist die Farbe des Ungewissen, des Verwitterten, des Namenlos-Alten – und sie passt zu einem Wesen, das nicht auffällt, sondern im Verborgenen zehrt. Grábakr ist damit einer der wenigen Namen, bei denen wir sicher sagen können, was er meint, und er meint genau das, was das ganze Bild trägt: stille, unauffällige, unablässige Arbeit an der Wurzel.
Bemerkenswert ist, dass grár im Altnordischen nicht nur die Farbe meint. In festen Wendungen trägt das Wort einen feindseligen Beiklang – „jemandem etwas Graues antun“ heißt so viel wie „ihm übel mitspielen, ihm schaden“. Ob die Dichter diesen Nebensinn bewusst mithörten, lässt sich nicht beweisen; sicher ist nur, dass „Graurücken“ für ein Wesen, das heimlich an der Wurzel der Welt zehrt, ein doppelt treffender Name ist – die Farbe der Verborgenheit und der Klang des Bösartigen in einem.
Zwei Namen tragen dasselbe Vorderglied, und es ist das wohl sprechendste der Liste: graf-, zum Zeitwort grafa, „graben“, verwandt mit unserem „Grab“ und „graben“. Wo dieses Element steht, geht es ums Wühlen in der Erde, ums Untergraben im ganz wörtlichen Sinn. Grafvitnir, der Vater von Góinn und Móinn, verbindet dieses Graben mit vitnir, einem dichterischen Wort für „Wolf“. Wörtlich ergibt das etwas wie „Grabwolf“ oder „der grabende Wolf“ – ein starkes, doppeldeutiges Bild, das die Schlange mit dem Raubtier kurzschließt und beiden das Wühlen im Dunkeln zuschreibt. Grafvölluðr trägt dasselbe graf- und dazu ein zweites Glied, das mit vǫllr, „Feld, Ebene, Grund“, zusammenhängt: „der den Grund aufgräbt“, „der die Erde aufwühlt“. Beide Namen zielen also auf dieselbe Tätigkeit – nicht auf ein Fressen von oben wie beim Hirsch, sondern auf ein Untergraben von unten. Das ist kein Zufall der Wortwahl: Die Dichter setzen die Wurzelschlangen bewusst als die Kraft, die von unten her am Halt des Baumes arbeitet.
Dass in einem Schlangennamen ausgerechnet das Wort für „Wolf“ steckt, mag zunächst verwundern. Doch die nordische Dichtersprache dachte nicht in sauberen Schubladen: vitnir ist eines von vielen Umschreibungswörtern für den Wolf, und die Dichter griffen frei zu solchen Bildern, wenn es um Raub, Zähne und das Zehren im Verborgenen ging. Schlange und Wolf teilen sich in dieser Vorstellung dieselbe Rolle – die des lautlosen Fressers, der nimmt, was andere nicht schützen können. In Grafvitnir treffen sich beide Bilder in einem einzigen Namen.
Die letzten beiden Namen deuten auf Bewegung und Wirkung. Ófnir wird gewöhnlich zu einem Wortstamm gestellt, der „weben, winden, verstricken“ bedeutet – „der Windende“, „der sich Ringelnde“, ganz die Bewegung des Schlangenleibes, der sich um Wurzel und Ast schlingt. Sváfnir hängt vermutlich mit svefn, „Schlaf“, und svefja, „einschläfern, besänftigen“, zusammen: „der Einschläferer“, „der in Schlaf legt“. Ob damit die tödliche Wirkung des Bisses gemeint ist oder eher die lautlose, betäubende Nähe des Tieres, sagt die Quelle nicht. Dass ausgerechnet diese beiden Namen auch in den überlieferten Beinamen-Listen Odins auftauchen, haben wir bereits angesprochen; hier zählt allein die Bedeutung, die sich aus dem Wort selbst gewinnen lässt – und die zeichnet zwei Bewegungsbilder: das Sich-Winden und das Einlullen.
Nimmt man die beiden zusammen, ergeben sie ein feines Bild vom Wesen der Schlange, wie es der Norden sah: eine Kreatur, die sich lautlos windet und deren Nähe betäubt. Nichts daran ist marktschreierisch – kein Feuer, kein Gebrüll wie beim Drachen der späteren Sagen. Die Wurzelschlangen wirken nicht durch Schrecken, sondern durch Ausdauer. Gerade das macht sie zur passenden Kraft am Fuß des Weltenbaums: Sie überwältigen nichts, sie zehren nur – geduldig, endlos, im Verborgenen.
Um zu verstehen, wo dieses Schlangenvolk zu Hause ist, muss man zum ältesten Ort der Weltordnung hinabsteigen. Snorri Sturluson ordnet in der Prosa-Edda den drei Wurzeln Yggdrasils drei Brunnen zu: Unter der Wurzel, die zu den Asen reicht, liegt der Urdbrunnen; unter der Wurzel zu den Reifriesen der Mimisbrunnen der Weisheit; und unter der dritten Wurzel, die nach Niflheimr weist, liegt Hvergelmir. Der Name bedeutet so viel wie „brodelnder Kessel“ oder „tosender Quellkessel“, und er trägt seinen Charakter im Wort: kein stiller Spiegel wie der Urdbrunnen, sondern ein siedendes, dampfendes Urgewässer im kalten, nebligen Norden der Welt.
Schon die Lage sagt viel. Niflheimr, die „Nebelwelt“, ist der Gegenpol zum feurigen Muspellsheim; sein Name trägt den Nebel und die Kälte im Wort. Während der Mimisbrunnen für Weisheit steht und der Urdbrunnen für Schicksal und Recht, steht Hvergelmir für das rohe, ungebändigte Urgewässer, aus dem alles kommt und in das das Kälteste und Älteste der Welt gehört. Es ist bezeichnend, dass die Überlieferung ausgerechnet diesen Quell mit dem dichtesten Schlangenvolk bevölkert: Der Ursprung ist zugleich der ungezähmteste Ort, kein lieblicher Brunnen, sondern ein siedender Kessel am Rand der geordneten Welt.
Hvergelmir ist mehr als ein finsterer Winkel. Er ist nach Snorri der Ursprung aller Ströme. Aus ihm quellen die Élivágar, die uralten „Eiswogen“ oder „Ungewitterwogen“, und mit ihnen letztlich alles fließende Wasser der Welt. Damit rückt der Quellkessel an den Anfang der Schöpfung selbst. Denn die Überlieferung erzählt, dass die Wasser der Élivágar, je weiter sie sich von ihrer Quelle entfernten, ein Gift mit sich führten, das an der Kälte erstarrte – erst zu Schlacke, dann zu Reif und Eis, das sich Schicht um Schicht auftürmte. Wo dieses Eis später der Hitze aus Muspellsheim begegnete, taute es, und aus den tropfenden, belebten Tropfen wurde der erste Riese. Das Vafþrúðnismál fasst diesen Anfang in einer knappen Strophe:
Aus Elivagar / sprützten Eitertropfen, / bis ein Riese daraus erwuchs; / daher stammt / unser ganzes Geschlecht: / drum sind wir alle so grimmig.Vafþrúðnismál 31, Übersetzung Karl Simrock 1851
Aus Hvergelmir strömt nach Snorri eine Fülle von Flüssen, und die Lieder-Edda nennt im Grímnismál eine lange Reihe ihrer Namen. Die meisten sind heute nur noch Klang – Svöl, Gunnþró, Fjörm, Fimbulþul und viele mehr. Einer aber sticht heraus: Slíðr, der „Schreckliche“. Die Völuspá schildert ihn als einen Strom, der aus dem Osten durch Gifttäler fließt und in dem Schwerter und Messer treiben. Damit reicht der Quellkessel bis in die Bilderwelt der Totenströme hinein, durch die – wie am Leichenufer – die Schuldigen waten müssen. Der Ort unter der dritten Wurzel ist also nicht nur Ursprung, sondern auch Anfang jener dunklen Gewässer, die die Weltränder durchziehen.
So schließt sich ein bemerkenswerter Kreis: Derselbe Kessel, aus dem alle Flüsse und mittelbar sogar das Leben des ersten Riesen hervorgehen, ist zugleich der finsterste Ort der Welt. Hier, im kalten Niflheimr, haust Níðhöggr, und hier – so sagt es Snorri ausdrücklich – sind mehr Schlangen versammelt, als irgendeine Zunge zählen könnte. Der Ursprung des Wassers und der Ort des Nagens fallen zusammen. Das ist kein Widerspruch, sondern die nordische Ordnung in einem Bild: Werden und Vergehen entspringen derselben Tiefe.
Über Níðhöggr, den großen Nager, gibt es bei uns einen eigenen Artikel; hier soll er nur der Anführer eines Kollektivs sein. Denn das Grímnismál stellt ihn nicht allein an die Wurzel, sondern in Gesellschaft: Die sechs benannten Schlangen und das ungezählte Volk von Hvergelmir bilden gleichsam sein Gefolge. Das Bild ist wichtig, weil es der Zerstörung an der Wurzel ihre Wucht gibt. Es ist nicht ein einzelnes Ungeheuer, das an Yggdrasil arbeitet, sondern eine ganze, namenlose Menge, aus der nur wenige durch ihren Namen herausgehoben sind.
Am deutlichsten wird die Rolle dieses Volkes an einem düsteren Ort, den die Völuspá schildert: Náströnd, das „Leichenufer“. Dort steht ein Saal, dessen Wände und Dach nicht aus Holz, sondern aus geflochtenen Schlangenleibern bestehen; von oben tropft beständig Gift herein. Es ist der Ort, an dem Meineidige und Mörder waten müssen – und wo Níðhöggr die Leiber der Toten zehrt.
Einen Saal sah ich, / der Sonne fern, / auf Nastrand stehn: / die Türen nordwärts. / Gifttropfen fielen / durch die Fenster nieder; / mit Schlangenrücken / ist der Saal gedeckt.Völuspá, Übersetzung Karl Simrock 1851
Hier zeigt sich, dass die Schlangen der Tiefe nicht nur am Baum zehren, sondern auch zum Bild der Totenwelt gehören. Am Ende der Völuspá steigt Níðhöggr sogar empor und trägt die Gefallenen auf seinen Schwingen davon – der Nager der Wurzel wird zum Boten des Endes. Man sollte die beiden Bilder aber nicht ineinander verrühren: Die sechs Grímnismál-Schlangen sind eine Aufzählung von Wesen an Yggdrasils Wurzel, Náströnd ist eine Strafstätte der Toten. Verbunden sind sie durch dasselbe Motiv – das Kriechende, Zehrende, das an der Grenze zwischen Leben und Vergehen wartet.
Es hilft, kurz Ordnung in das nordische Schlangenwesen zu bringen, denn im Altnordischen fließen Schlange und Drache in einem Wort zusammen: ormr. Dasselbe Wort meint die kleine Natter, die riesige Weltenschlange und den goldhütenden Drachen. Wer „Schlange“ hört, muss also fragen, welche gemeint ist – und die Antworten sind sehr verschieden.
Das Wort ormr ist übrigens uralt und mit unserem „Wurm“ verwandt; im älteren Sprachgebrauch bezeichnete „Wurm“ ja ebenfalls Schlangen und Drachen, man denke an den Lindwurm. Diese Weite des Wortes ist kein Mangel, sondern Ausdruck einer Sicht, die zwischen kriechender Natter und geflügeltem Drachen keine scharfe Grenze zog. Für den nordischen Menschen war beides dasselbe Wesen in verschiedener Größe und Macht – vom fingerlangen Tier im Moos bis zu dem, das die Welt umspannt.
Da sind zum einen die Wurzelschlangen des Grímnismál, um die es hier geht: ein Volk der Tiefe, ohne eigene Geschichte. Davon zu unterscheiden ist Níðhöggr, der große Nager an der Wurzel, der in der Völuspá fast schon drachenhafte Züge annimmt. Wieder ein anderes Wesen ist Jörmungandr, die Midgardschlange: Sie liegt nicht an der Wurzel, sondern im Weltmeer, umschließt die Menschenwelt und ist der Todfeind Thors – mit dem Wurzelvolk hat sie nichts zu tun. Und schließlich Fáfnir: kein Wesen der Weltordnung, sondern ein Zwerg oder Riese, der sich aus Gier in einen ormr, einen Drachen, verwandelte, um sein Gold zu hüten, bis Sigurd ihn erschlug. Vier ganz verschiedene Rollen, ein gemeinsames Wort.
Für unsere Werkstatt ist noch eine fünfte Erscheinung wichtig, weil sie in Stein gehauen bis heute vor Augen steht: die Schlange als Schriftträger. Auf zahllosen wikingerzeitlichen Runensteinen läuft die Inschrift nicht in geraden Zeilen, sondern im Leib einer Schlange oder eines drachenhaften Tieres. Der Runenband ist der Körper des Tieres; Kopf und Schwanz bilden Anfang und Ende, oft kunstvoll verschlungen. In den späteren Tierstilen der Wikingerzeit – man denke an den flüssigen Ringerike-Stil und den schlanken, in sich verschlungenen Urnesstil – wird dieses Band immer eleganter. Der berühmte große Jelling-Stein zeigt ein mächtiges Tier, das von einer Schlange umwunden wird. Wichtig ist die ehrliche Einordnung: Diese Schlange auf den Steinen ist ein Ornament und ein Schriftrahmen, kein Abbild einer der sechs Grímnismál-Schlangen. Sie zeigt aber, wie selbstverständlich der Schlangenleib dem Norden als Form galt – schön, gefährlich und tragend zugleich.
Wie tief der Schlangenleib das nordische Auge prägte, zeigt sich noch an anderer Stelle: an den Schiffen. Die größten Kriegsschiffe der Wikingerzeit trugen am Bug einen geschnitzten Tier- oder Drachenkopf und hießen darum drekar, „Drachen“. Olaf Tryggvasons berühmtes Schiff hieß schlicht Ormr inn langi, „die lange Schlange“. Dasselbe Wort ormr, das die Wesen unter der Wurzel meint, benannte also auch das stolzeste, das ein Mann besitzen konnte. Schlange und Drache waren im Norden nicht bloß Schrecken der Tiefe, sondern eine Form, in der sich Macht, Schönheit und Gefahr zugleich ausdrücken ließen – am Grabstein wie am Bug.
Das Grundmuster – oben im Baum ein Vogel, unten an der Wurzel eine Schlange – wirkt merkwürdig vertraut, und es lohnt sich, dem genauer nachzugehen, ohne dabei ins Schwärmen zu geraten. In indischen Überlieferungen sind es die Nāgas, schlangengestaltige Wesen, die in der Tiefe hausen, Wasser und Schätze hüten und mit den Wurzeln, mit Bergen und mit der Unterwelt verbunden sind; große Weltenschlangen tragen oder umschlingen dort die Ordnung der Welt. Im biblischen Garten Eden windet sich die Schlange am Baum der Erkenntnis. Besonders auffällig ist ein Bild aus dem alten Mesopotamien: In einer sumerischen Erzählung wächst ein heiliger Baum, doch in seinen Wurzeln nistet sich eine „Schlange, die keinen Zauber kennt“ ein, unvertreibbar, bis der Baum gefällt werden muss. Und im Gilgamesch-Epos ist es eine Schlange, die dem Helden die Pflanze der Verjüngung raubt und dabei ihre Haut abwirft – die Erneuerung geht an das kriechende Tier verloren. Aus der griechischen Welt kennt man Ladon, den Drachen, der sich um den Baum mit den goldenen Äpfeln der Hesperiden ringelt, und Python, die Erdschlange am Nabel der Welt in Delphi.
Ein zweiter Zug verbindet diese Bilder über die Kulturen hinweg: Die Schlange an der Wurzel ist oft eine Hüterin. Die Nāgas wachen über Wasser und verborgene Schätze; Ladon bewacht die goldenen Äpfel; und im Norden hütet Fáfnir als Drache sein Gold, während unter Yggdrasil das Kostbarste überhaupt liegt – die Quellen der Weisheit und des Lebens. Wo etwas Wertvolles im Verborgenen ruht, liegt in vielen Überlieferungen ein Schlangenwesen davor, halb Wächter, halb Bedrohung. Auch das ist weniger ein Beweis für Verwandtschaft als ein Zeichen dafür, wie eng der menschliche Geist Tiefe, Schatz und Gefahr miteinander verknüpft.
Diese Häufung ist eindrucksvoll – aber sie will vorsichtig behandelt sein. Die Vorstellung vom „Weltenbaum“ oder von der „Weltachse“, die Himmel, Erde und Unterwelt verbindet und an deren Fuß etwas Chthonisches lauert, ist zu einem großen Teil eine ordnende Kategorie der modernen Religionswissenschaft. Sie ist ein nützliches Werkzeug, um Ähnliches nebeneinanderzustellen, aber sie ist kein Beweis dafür, dass eine Kultur die andere beeinflusst hätte. Es gibt keinen Beleg für einen solchen Kontakt zwischen dem Norden, Indien, Vorderasien und Griechenland in dieser Sache. Was die Parallelen wirklich zeigen, ist etwas Bescheideneres und zugleich Schöneres: Das Bild vom Baum als Achse zwischen den Welten liegt dem Menschen offenbar nahe – und ebenso das Gefühl, dass an seiner Wurzel, im Dunkeln, etwas Kriechendes wartet, das an der Ordnung zehrt.
Bleibt die Frage, warum die nordische Überlieferung dem Weltenbaum überhaupt ein zehrendes Schlangenvolk an die Wurzel setzt. Ein Baum, der die Welt trägt – warum darf er nicht in ungestörter Pracht dastehen? Die Antwort liegt im Grímnismál selbst, das nüchtern feststellt, dass Yggdrasil mehr erträgt, als die Menschen wissen: der Hirsch zehrt oben, die Flanke morscht, Níðhöggr und sein Volk nagen unten. Der Baum leidet – und hält doch.
Genau darin liegt die Größe des Bildes. Yggdrasil ist keine Kulisse ewiger Vollkommenheit, sondern ein lebendiges Wesen unter Druck. Dass es dennoch steht, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Arbeit: Snorri erzählt, dass die Nornen täglich vom Urdbrunnen Wasser schöpfen und es mitsamt dem weißen Lehm, der um den Brunnen liegt, über die Esche gießen, damit ihre Zweige nicht faulen. Der Tau, der davon zur Erde fällt, ist der Honigtau, von dem die Bienen zehren. So steht dem Nagen von unten ein Pflegen von oben gegenüber – die Welt wird nicht einfach getragen, sie wird gehalten, Tag für Tag, gegen den Verfall.
In dieser Spannung liegt auch der Grund, warum das Bild bis heute berührt. Ein Baum, an dem von oben der Hirsch zehrt und von unten die Schlangen graben, ist kein Symbol billigen Trostes. Er sagt weder, dass alles gut wird, noch, dass alles verloren ist. Er sagt: Das Leben trägt seinen Verfall mit sich – und behauptet sich trotzdem. Wer ein solches Motiv in Holz oder Stein festhält, hält nicht ein hübsches Ornament fest, sondern eine ganze Haltung: die Bereitschaft, das Dunkle nicht zu verschweigen und das Tragende nicht aufzugeben. Genau darin unterscheidet sich das nordische Weltbild von einer bloßen Idylle.
Das ist eine erwachsene Sicht auf die Welt. Sie kennt kein statisches Paradies, sondern ein Gleichgewicht, das immer wieder neu errungen wird. Selbst das Ende, Ragnarök, ist im nordischen Denken kein reines Erlöschen: Der Baum übersteht es, und in seinem Schutz, in Hoddmimis Holz, bergen sich zwei Menschen, aus denen ein neues Geschlecht hervorgeht. Die Schlangen an der Wurzel sind also nicht bloß ein Schauerbild. Sie sind der ehrliche Teil der Weltordnung: das Zeugnis dafür, dass alles Lebendige zugleich bedroht ist – und dass das Getragene sich trotzdem behauptet.
Das Volk der Wurzelschlangen ist ein leises Thema der Edda: ein paar Namen im Grímnismál, ein brodelnder Kessel bei Snorri, ein Leichenufer in der Völuspá. Doch gerade in dieser Kargheit liegt seine Kraft. Die Namen sprechen von Grau und Graben, der Ort spricht von Ursprung und Verfall zugleich, und das Bild der Schlange an der Wurzel begegnet uns weit über den Norden hinaus. Man muss den sechs Schlangen keine geheime Lehre andichten, um sie beeindruckend zu finden. Es genügt, sie so zu nehmen, wie die alten Lieder sie geben: als das kriechende, zähe Gegenüber des tragenden Baumes – und als Erinnerung daran, dass in einem ehrlichen Weltbild auch das Zehrende seinen Platz hat.
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