Von den Sewerern im Balkan ist fast nur ein Satz erhalten: Theophanes erzählt, die Bulgaren hätten sie von einem Pass „nach Osten“ umgesiedelt. Mehr als diese Zeile und einen Fürstennamen aus den 760er-Jahren gibt es nicht. Dieser Beitrag legt aus, was das hergibt, trennt es von späteren Erzählungen und erklärt, warum der gleiche Name am Dnjepr keine Verwandtschaft belegt.
Wer nach den Sewerern in der Bulgarei sucht, findet keinen Schlachtbericht, keine Gesandtschaft und keine Beschreibung ihrer Dörfer. Er findet einen Nebensatz. In der Chronik des Theophanes Confessor, die zu Beginn des 9. Jahrhunderts in Konstantinopel entstand, steht im Zusammenhang mit der Entstehung des bulgarischen Reiches, die Bulgaren hätten „sieben Stämme“ der benachbarten Slawen unterworfen und die Sewerer (griechisch Σεβερεῖς) von einem Gebirgspass aus nach Osten angesiedelt. Eine zweite Spur ist ein Fürst, der in den 760er-Jahren in einer anderen Passage auftaucht. Das ist alles an Schriftquellen, soweit für diesen Beitrag zu ermitteln war.
Das ist wenig, und es ist für ein Wissensblog bewusst der Ausgangspunkt. Denn um diese eine Zeile hat sich eine große Literatur gelegt. Sie macht aus den „sieben Stämmen“ ein festes Bündnis, aus den Sewerern die Grenzwächter des Ostens und aus dem Ganzen die Keimzelle des bulgarischen Staates. Manches davon ist plausibel, manches ist Rückprojektion späterer Verhältnisse. Wo die Quelle endet und die Deutung beginnt, soll hier Absatz für Absatz sichtbar bleiben.
Zur Einordnung: Der Überblick über das Verhältnis von Bulgaren und Slawen im frühen Mittelalter steht auf der Seite Bulgaren und Slawen. Dieser Beitrag verfolgt nur den schmalen Faden der Sewerer und wiederholt den Überblick nicht.
Theophanes, später Abt und Bekenner genannt, schrieb seine Chronographia im frühen 9. Jahrhundert. Sie ist nach Jahren gegliedert, und zwar nach der „Weltära“: Jahre seit der angenommenen Erschaffung der Welt, abgekürzt AM für Anno Mundi. Die Stelle über die Bulgaren steht unter AM 6171. Die Textausgabe ist die von Carl de Boor (1883); die Passage steht dort auf den Seiten 356 bis 359, die Zeilen mit den Sewerern auf Seite 359. Die englische Übersetzung von Cyril Mango und Roger Scott (1997) bringt sie auf Seite 499.
Wichtiger als die Seitenzahl ist die Frage, woher Theophanes seine Kenntnis hatte. Er schrieb gut hundertdreißig Jahre nach den Ereignissen. Eine Untersuchung, die ich für diesen Beitrag in einer Zusammenfassung gelesen habe, folgt Cyril Mango und nimmt an, dass Theophanes und der Patriarch Nikephoros eine gemeinsame, heute verlorene Vorlage benutzten, die um 720 entstand; als möglicher Verfasser wird dort der Patrizier Traianos genannt. Das ist eine Forschungsthese, kein gesicherter Befund. Sie hilft aber bei der Einschätzung: Der Bericht über die Anfänge Bulgariens beruht auf einem Text, der aus byzantinischer Sicht und aus einigem Abstand geschrieben wurde. Bulgarische Schriftzeugnisse aus der Zeit gibt es nicht.
Theophanes färbt seine Erzählung zudem stark. Dieselbe Untersuchung beobachtet, dass er die Bulgaren mit abwertenden Beiwörtern belegt, in denen der Erfolg Asparuchs auf die Sünden der Römer zurückgeführt wird. Die Passage endet mit der Feststellung, die Römer seien „wegen ihrer vielen Verfehlungen“ beschämt worden. Der Chronist schrieb zu einer Zeit, in der der bulgarische Khan Krum die Hauptstadt bedrohte. Wer die „sieben Stämme“ liest, liest also einen Text mit einem Zweck, nicht eine Volkszählung.
Nikephoros, Patriarch von Konstantinopel, schrieb seine Kurzgeschichte (Historia syntomos, auch Breviarium) nach heutiger Datierung vor 806. Er erzählt die bulgarische Vorgeschichte knapper und nüchterner, mit dem Tod des Kuvrat, der Teilung unter fünf Söhnen und der Ansiedlung des dritten, Asparuch, zwischen Dnjepr, Dnjestr und Donau, auf einem Gelände, das er „Onglos“ nennt. Von sieben Stämmen und von Sewerern weiß er nach allem, was ich einsehen konnte, nichts. Er sagt nur, die Bulgaren hätten die benachbarten slawischen Stämme unterworfen, von denen einige das Gebiet gegen die Awaren, andere die römische Grenze bewachten. Das Briefing zu diesem Beitrag nannte für beide Chronisten „sieben Stämme“; das trifft nur auf Theophanes zu.
Der Zusammenhang, in dem die Sewerer auftauchen, ist ein Feldzug. Kaiser Konstantin IV. war gegen die Bulgaren ausgezogen, die sich nördlich der Donau festgesetzt hatten und nach Thrakien einfielen. Nach Theophanes zog sich Asparuch in eine Stellung zurück, die er für uneinnehmbar hielt, die Römer gerieten in Panik, obwohl niemand sie verfolgte, und die Bulgaren setzten über die Donau bis nach „Varna, wie es genannt wird, bei Odyssos“. Odyssos ist die antike Küstenstadt, die später Varna heißt. Theophanes hebt hervor, der Ort sei im Rücken durch die Donau, vorn und an den Seiten durch Pässe und das Schwarze Meer geschützt gewesen. Dann folgt der Satz, auf den es hier ankommt.
Ich gebe ihn nach der englischen Übersetzung wieder, die ich selbst gelesen habe (die Übersetzung von Harry Turtledove, online einsehbar); den griechischen Wortlaut habe ich für diesen Beitrag nicht eingesehen. Die Fortsetzung des Satzes, die ich nur aus einer Zusammenfassung der Mango-Scott-Fassung und aus einem Aufsatz kenne, steht im Anschluss an das Zitat.
„Als die Bulgaren die sieben Stämme der Sklavenen in der Nachbarschaft unterworfen hatten, siedelten sie die Sewerer um …“Theophanes Confessor, Chronographia zu AM 6171, nach der englischen Übersetzung von H. Turtledove, Auszug (gemeinfrei; eigene Übersetzung)
Weiter heißt es in der Wiedergabe der Übersetzung von Mango und Scott, die ich nur aus zwei Zusammenfassungen kenne: Die Sewerer seien „von dem vorderen Pass von Beregaba“ nach Osten angesiedelt worden, die übrigen sechs Stämme, die den Bulgaren tributpflichtig waren, in den südlichen und westlichen Gegenden „bis zum Land der Awaren“. Wörtlich genau ist diese Zusammenfassung nicht gesichert; die Kernaussagen stimmen in beiden Quellen überein.
Aus diesem einen Satz lässt sich Folgendes ablesen. Erstens: Die Sewerer gelten Theophanes als einer der sieben Stämme, denn „die übrigen sechs“ sind die Restmenge. Zweitens: Die Bulgaren haben die Stämme nicht nur unterworfen, sondern verlegt. Drittens: Die Verlegung folgte einem Plan, der die Sewerer in Richtung der Küste und der bulgarischen Kernlandschaft schickte und die anderen Stämme an die westliche Flanke, wo die Awaren saßen. Wie viel davon Berechnung war und wie viel die Erzählung nachträglich ordnet, sagt der Text nicht.
Die Datierung ist ein eigenes Problem. Theophanes führt die Ereignisse unter AM 6171. In der Zählung, die Mango und Scott ihrer Übersetzung beigeben, entspricht das dem Jahr 678/79; die Turtledove-Übersetzung, die ich online gelesen habe, überschreibt den Abschnitt mit 679/680. Die moderne Forschung setzt den Konflikt meist auf 680 und 681: Die Schlacht bei Onglos wird auf 680 datiert, der Vertrag, mit dem Byzanz die bulgarische Herrschaft südlich der Donau hinnahm und Tribut zahlte, auf 681. Beide Angaben stammen aus Überblicksdarstellungen; die Primärbelege dafür habe ich nicht eingesehen.
Die Differenz zwischen den Zählungen ist kein Rechenfehler dieser Seite, sondern ein bekanntes Merkmal der Chronik: Theophanes’ Jahresgerüst weicht in diesen Jahrzehnten vom tatsächlichen Verlauf ab. Wie sich das im Einzelnen erklärt, konnte ich nicht prüfen. Für die Sewerer genügt der Hinweis: Wer ein exaktes Jahr für ihre Umsiedlung nennt, behauptet mehr, als die Quelle trägt. „Um 680/681, im Umfeld der Staatsgründung“ ist die vorsichtigste Formel.
Auch das Wort „Gründung“ ist nicht ohne Deutung. Die Texte zeigen einen Frieden, in dem Byzanz Tribut an eine Macht nördlich des Gebirges zahlt. Dass daraus „der bulgarische Staat“ wurde, ist ein Urteil der späteren Forschung, die diese Linie nachzeichnet. Zeitgenossen hätten es so wohl nicht benannt.
Das Wort, an dem die Lokalisierung hängt, ist klisura, ein griechisch-slawisches Fachwort für einen Engpass oder eine Schlucht im Gebirge. Theophanes spricht von der „vorderen Klisura der Beregaba“ (nach einer Wiedergabe der Stelle: ἐκ τῆς ἔμπροσθεν κλεισούρας Βερεγάβων). Die gängige Gleichsetzung sieht darin den Pass bei Rish im Balkangebirge, dem Stara Planina; beim Namen „Veregava“ taucht dieselbe Gegend später wieder auf. Theophanes selbst nennt zum Jahr 759 eine Schlacht an derselben Stelle: Kaiser Konstantin V. wurde dort von Khan Vineh in einen Hinterhalt gelockt und verlor seinen Strategen Leo. Ein Überblicksartikel, den ich zu dieser Schlacht gelesen habe, kennzeichnet die Gleichsetzung mit dem Rish-Pass als vorsichtig. Auch das ist also ein offener Punkt.
Was folgt daraus für die Sewerer? Der Wortlaut „von der vorderen Klisura nach Osten“ lässt zwei Lesarten zu: Entweder wurden die Sewerer von dort aus weiter nach Osten verlegt, oder sie wurden östlich des Passes angesiedelt. Die moderne Literatur, die ich in Zusammenfassung gelesen habe, versteht es als Ansiedlung im östlichen Teil des Balkangebirges. Das Bild vom „Grenzschutz im Osten“ beruht auf dieser Richtung und auf der Überlegung, dass die Pässe nach Thrakien gesichert werden mussten. Der Text selbst nennt keinen Auftrag. Er sagt nur: Beregaba, nach Osten.
Die Zahl sieben ist der Teil der Überlieferung, der am häufigsten falsch wiedergegeben wird. Theophanes nennt sieben Stämme und benennt genau einen, die Sewerer. Die übrigen sechs bleiben ohne Namen. Wer in Handbüchern Listen mit sieben Namen findet, liest die Gleichsetzung späterer Forscher, die die Namen aus anderen, jüngeren Quellen zusammengesucht haben. Das griechische Wort, das Übersetzer mit „Stämme“ wiedergeben, kann auch „Geschlechter“ oder „Sippen“ heißen; ich habe es am griechischen Text nicht nachgeprüft und lege mich deshalb nicht fest, ob Theophanes an Verbände oder an Abstammungsgruppen dachte.
Die Namen späterer Slawenverbände im bulgarischen Raum sind aus den Quellen des 9. Jahrhunderts bekannt, und diese Seite hat zu mehreren eigene Beiträge: Die Timočanen am Fluss Timok liefen nach den fränkischen Reichsannalen im Jahr 818 von den Bulgaren zu den Franken über. Die Smoljanen und die Strymoniten sitzen im Süden, die Berziten und die Belegeziten weiter westlich und südlich, in den Gebieten, die später zu Makedonien und Thessalien gezählt wurden. Ob einer von ihnen zu den „sieben“ des Theophanes gehört, ist nicht belegt. Das Gebiet, das Theophanes für die übrigen sechs angibt – südlich und westlich bis zu den Awaren –, deckt sich nur grob mit den Gebieten dieser späteren Namen. Hier liegen mehr als hundert Jahre dazwischen.
Dass die Zahl sieben symbolisch gemeint sein könnte, wird in der Literatur erwogen. Eine Webseite, die das vorschlägt, belegt es mit ostslawischer Zahlenvolkskunde; das ist keine Grundlage für diese Stelle. Sicher ist nur, dass Theophanes die Zahl nennt und dass sie sich in der späteren Überlieferung hält. Auf dieser Seite gilt „sieben“ daher als Angabe des Chronisten, nicht als geprüfte Größe.
Offen bleibt auch die Frage, was für ein Gebilde die „sieben Stämme“ gewesen sind. Manche Darstellungen sprechen von einem schon vor den Bulgaren bestehenden Bündnis, das sich gegen byzantinische Angriffe zusammenschloss. Andere sehen darin eine Rubrik, die erst die byzantinische Erzählung schuf: Slawen im Gebiet zwischen Donau und Gebirge, die man zusammenfasste, weil sie sich zusammenfassen ließen. Eine Seite, die ich dazu gelesen habe, stellt beide Positionen gegenüber, nennt aber keine Gelehrten und räumt Beleglücken ein; das reicht nicht für ein Urteil. Der Hinweis auf frühere Staatlichkeit der Slawen im Raum – die Quellen reden von Sklaviniai, das sind Gebiete mit slawischer Bevölkerung unter eigenen Anführern – ist allgemeines Wissen der Forschung zum 6. und 7. Jahrhundert. Zu den Sewerern sagt er nichts.
Aus Theophanes lässt sich eine Hierarchie lesen. Das Verb, das er für die Unterwerfung der Slawen benutzt, κυριεύειν, steht auch dort, wo er von der Herrschaft der Söhne Kuvrats über ihr Stammland spricht. Es bezeichnet Herrschaft, nicht Bündnis. Die übrigen sechs Stämme nennt er „tributpflichtig“. Nach der älteren, in der Überblicksliteratur oft zitierten Sicht des bulgarischen Historikers Vasil Zlatarski war das Verhältnis eher ein Vertrag unter Gleichen. Die Mehrheit der heutigen Historiker sieht die Slawen dagegen als Unterworfene, die ihre Anführer, ihre Bräuche und ihre Siedlungsweise behielten und dafür Abgaben in Naturalien sowie Fußtruppen stellten. So fasst es ein Überblick zum Ersten Bulgarischen Reich zusammen, den ich gelesen habe; die zugrunde liegende Fachliteratur habe ich nicht eingesehen.
Die Zahlenverhältnisse sind ein weiterer Streitpunkt. Eine Überblicksseite zur Hauptstadt Pliska behauptet, die Slawen hätten „die starke Mehrheit“ der Bevölkerung des neuen Staates gestellt. Das ist plausibel, aber eine Schätzung. Aus der Archäologie lässt sich keine Zählung ableiten, und die Schriftquellen geben keine Zahlen. Für die zugewanderten Bulgaren selbst nennen Überblickswerke etwa zehntausend Personen als Vermutung des Historikers John Fine und Zlatarskis, während Steven Runciman eine deutlich größere Gruppe annimmt. Das sind Größenordnungen, keine Befunde.
Unstrittig ist die Folge für die Sewerer: Sie waren, wenn die Passage trägt, ein Teil der bulgarischen Herrschaftsordnung vom ersten Moment an. Sie standen unter der Obhut der Khane, zahlten oder dienten, und blieben als eigene Gruppe erkennbar. Das zeigt die zweite Stelle, an der der Name auftaucht.
Zu den Jahren um 764/65 – so die Überschrift in der Turtledove-Übersetzung; in anderen Zählungen und in Überblicksartikeln erscheint 767 – berichtet Theophanes, der Kaiser Konstantin V. habe heimlich Männer nach Bulgarien geschickt, die „Sklabounos, den Herrscher der Sewerer“ ergriffen, „einen Mann, der in Thrakien viel Übles getan hatte“. Die Namensform ist der slawische Name Slavun. Das ist die einzige Stelle, an der die Sewerer als handelnde Gruppe in den Quellen erscheinen, und sie fällt in die Zeit des Khans Telets und der Kriege, die Konstantin V. gegen Bulgarien führte.
Zwei Dinge lassen sich daraus ableiten. Erstens waren die Sewerer gut ein Jahrhundert nach der Umsiedlung noch als Gruppe mit eigenem Anführer greifbar, und der Chronist verortet ihn „in Bulgarien“. Zweitens hat dieser Anführer Überfälle in römisches Gebiet unternommen, den Thrakien nahe lag. Ob er das im Auftrag der Bulgaren, mit ihrer Duldung oder gegen sie tat, steht nicht da. Eine Seite, die ich dazu gelesen habe, folgert, die Sewerer hätten den Bulgaren noch Tribut geschuldet; das ist eine Deutung. Das Jahr bleibt ebenfalls unsicher: Zwischen 764 und 767 schwanken die Angaben, die ich fand, und ich konnte die Stelle selbst nicht im griechischen Text oder in der Mango-Scott-Zählung nachsehen.
Eine Anmerkung zur Übersetzung: In der Turtledove-Fassung steht an der ersten Stelle eine Fußnote, die erwägt, die „Sebereis“ seien womöglich gar keine Slawen, sondern eine nichtslawische Gruppe aus Kleinasien, wobei auch die Sewerer des Dnjepr möglich seien. Die Fußnote liefert keinen Beleg und steht in Spannung zur Übersetzung der Passage selbst, in der die Sewerer als einer der „sieben Stämme der Sklavenen“ gezählt werden. Ich erwähne sie, weil sie zeigt, wie dünn die Überlieferung ist: Selbst die Frage, ob „Sewerer“ eindeutig ein slawischer Name ist, wird in Fußnoten diskutiert.
Hier liegt die Verwechslungsgefahr, die dieser Beitrag ausräumen soll. Der Beitrag Die Sewerjanen behandelt die ostslawischen Sewerjanen an Desna, Sejm und Sula im heutigen Nordostukraine und Südwestrussland. Sie stehen in der Nestorchronik und bei Konstantin VII. Porphyrogennetos in seiner Schrift De administrando imperio (10. Jahrhundert), der sie als tributpflichtige Nachbarn der Rus nennt, bei denen die Fürsten der Rus im Winter unterhalten wurden. Diese Angaben über die Ostslawen habe ich nur über eine Zusammenfassung gelesen; über die Sewerer des Balkans sagt Konstantin dort nach allem, was ich einsehen konnte, nichts. Das Briefing zu diesem Beitrag nannte ihn als Quelle zu den bulgarischen Sewerern; das lässt sich nicht bestätigen.
Gibt es eine Verbindung? Der Name allein beweist sie nicht. Ethnonyme, also Volksnamen, wiederholen sich im Mittelalter oft, ohne dass die Gruppen verwandt sind, und umgekehrt können getrennte Splitter einer ursprünglich gemeinsamen Gruppe denselben Namen behalten. Für beides finden sich Beispiele im frühmittelalterlichen Osteuropa. In diesem Fall kennen die Quellen keinen Text, der die Balkan-Sewerer mit denen am Dnjepr verknüpft. Es gibt keine Wanderungsnotiz, keinen Stammbaum und keinen Archäologiebefund, der dafür gelesen werden müsste.
Die Forschung hat Deutungen vorgeschlagen. Der polnische Historiker Henryk Łowmiański hielt nach einer Wiedergabe in der Überblicksliteratur die Sewerer am Dnjepr für den Mutterstamm der Slawen insgesamt, weil der Bayerische Geograph von einem riesigen Reich der „Zeruiani“ berichtet, von dem alle Slawen abstammen sollten. Das knüpft eine unsichere Namensähnlichkeit an eine noch unsichere Liste. Der Bayerische Geograph ist eine Liste aus dem 9. Jahrhundert mit Namen von Völkern östlich des Frankenreichs; ihre Identifikationen sind ebenfalls umstritten. Der Herkunft des Wortes „Sewerer“ selbst nähert sich die Literatur auf mehreren Wegen: aus dem slawischen Wort für „Norden“ (*sěver), was die Geographie nicht stützt, da die Sewerjanen nicht die nördlichsten Slawen waren; aus einem sarmatischen Stammesnamen; aus einer Ableitung, die sich auf ein ungarisches Wort für „schwarz“ beruft. Keine dieser Herleitungen ist gesichert.
Zwei Gedanken bleiben davon, wenn man vorsichtig liest. Erstens: Dass Slawen am Dnjepr und Slawen im Balkan beide mit „Sewerer“ benannt wurden, ist ein Hinweis, mehr nicht. Für die Siedlungsbewegung der Slawen im 6. und 7. Jahrhundert, von der Waldsteppe der heutigen Ukraine an die untere Donau, gibt es archäologische Belege, etwa die Pjenkowka-Kultur mit ihrer Keramik, die bis in den Nordosten des Balkans gefunden wurde. Der Archäologe Florin Curta warnt jedoch, solche Keramikgruppen nicht mit bestimmten Völkern gleichzusetzen. Zweitens: Die Frage, ob es einen familiären Zusammenhang zwischen den Gruppen gab, ist nicht beantwortbar, solange kein Text oder Fund einen einzelnen Weg zeigt. Auf dieser Seite werden die beiden Gruppen deshalb getrennt geführt, mit dem gemeinsamen Namen als Verweis.
Man würde erwarten, dass der Boden Nordostbulgariens Antworten liefert: Dörfer der Sewerer, Gräber, Werkstätten. Das Bild ist nüchterner. Aus dem frühen Mittelalter sind im östlichen Balkan slawische Siedlungen bekannt – mit Hütten, deren Boden unter dem Gelände abgesenkt war (Grubenhäuser), und mit Keramik von bestimmtem Typ. Für Pliska, den Ort, der später die Hauptstadt der Bulgaren wurde, zeigt der Forschungsstand ein gemischtes Bild: Der Gründungsmythos, wonach Asparuch den Ort im späten 7. Jahrhundert anlegte, ist archäologisch nicht belegt; Hinweise auf Handwerk und Öfen im Bereich von Asar-dere gehören in das 8. Jahrhundert, und Siedlungsspuren sind für die Zeit vor dem 9. Jahrhundert nach einer Überblicksseite nicht gesichert. Zwei bulgarische Forscher sehen in Pliska zudem für die frühe Zeit nicht die feste Hauptstadt, sondern einen saisonalen Sitz oder einen Ort, an dem die Herrscher umherzogen. Die Seite, aus der ich das habe, ist eine Überblicksdarstellung; die Grabungsberichte habe ich nicht gelesen.
Für die Sewerer folgt daraus: Es gibt keinen Fund und keine Fundgruppe, die sich mit ihnen verbinden ließe. Eine Seite, die ich dazu gelesen habe, räumt das ausdrücklich ein: Es gibt keine Artefakte oder Inschriften, die bestimmte Plätze bestimmten Stämmen zuordnen. Das ist ein grundsätzliches Problem der Archäologie im frühmittelalterlichen Südosteuropa. Keramik, Haus- und Grabformen verändern sich mit Mode, Handel und sozialer Stellung, nicht allein mit der Herkunft ihrer Nutzer. Florin Curta hat das wiederholt betont. Wer auf der Karte „Sewerer“ in den östlichen Balkan setzt, verlässt sich daher auf Theophanes, nicht auf die Funde. Die Karte, die in einem Sammelband zu den Slawen im Mittelalter die „sieben Stämme“ und die Sewerer verzeichnet, verweist ebenfalls nur auf diese Schriftstelle, nicht auf Grabungsorte.
Ebenso unsicher ist die Gegenrichtung: Ob die Sewerer des Theophanes mit den Menschen identisch sind, die hinter den Erdwällen und Siedlungsresten im Nordosten Bulgariens stehen, lässt sich nicht beantworten. Solche Wälle werden in der Literatur teils den Bulgaren zugeschrieben, teils Byzanz; Baudatum und Auftraggeber sind jeweils umstritten, und ich habe die Fachbeiträge dazu nicht gelesen. Die Archäologie belegt, dass der Raum von Slawen besiedelt war und dass sich später ein bulgarisches Machtzentrum bildete. Dass die Sewerer darin eine feste archäologische Spur hinterlassen hätten, lässt sich nicht zeigen.
Nach 767 verschwindet der Name der Balkan-Sewerer aus den Quellen, die ich einsehen konnte. Das heißt nicht, dass die Menschen verschwanden. Die Überblicksliteratur beschreibt, wie sich im 9. Jahrhundert die Slawen, Bulgaren und weitere Gruppen zu einem einzigen Volk verbanden. Als Auslöser gelten die Taufe unter Boris I. (um 864/65) und frühere Verwaltungsreformen, die den Stämmen ihre Selbstverwaltung nahmen. Auch das ist eine Zusammenfassung aus zweiter Hand. Die Stammesnamen, die in den Quellen des 8. und 9. Jahrhunderts sonst noch fallen, hängen mit Orten wie Belzetia zusammen: Theophanes berichtet zum Jahr 798/99 von Akameros, dem Herrscher der Sklavenen in Belzetia. Das bestätigt, dass slawische Gruppen unter eigenen Anführern im bulgarischen Umfeld lange sichtbar blieben, sagt aber nichts über die Sewerer.
Warum die Sewerer nicht mehr genannt werden, ist offen. Denkbar ist, dass sie in anderen Bezeichnungen aufgingen, dass die Quellen sie nicht mehr eigens benannten oder dass das Interesse der byzantinischen Chronisten sich verlagerte. Jede dieser Erklärungen ist eine Möglichkeit, keine Information.
Mehrere Fragen stehen offen, und sie lassen sich mit den bekannten Quellen nicht entscheiden. Wie groß war der Anteil der Slawen, die schon im 6. Jahrhundert im Raum siedelten, und wie groß der der Zugewanderten? Ist „sieben“ ein Name oder eine Zahl? Hat Theophanes eine bulgarische Überlieferung, byzantinische Aktenkenntnis oder eine spätere Rückprojektion verwertet? Und: War der Name „Sewerer“ eine Selbstbezeichnung, eine Fremdbezeichnung der Griechen oder der Bulgaren oder eine Zuschreibung der Chronisten?
Wer sich hier Gewissheit wünscht, wird sie auf diesem Gebiet nicht finden. Die Lage ist ein Beispiel dafür, wie wenig ein einzelner Satz einer Chronik trägt, wenn die Gegenüberlieferung fehlt. Das schmälert das Thema nicht. Es macht den Rahmen sichtbar, in dem die Anfänge des bulgarischen Staates verhandelt werden: Eine Handvoll Zeilen in griechischer Sprache, geschrieben von Männern, die die Bulgaren nicht mochten, und ein Boden, der seine Auskünfte nur ungern auf Namen bringt.
Den Gesamtüberblick über das Zusammenleben von Bulgaren und Slawen liefert Bulgaren und Slawen. Die Namensvettern am Dnjepr stehen in Die Sewerjanen. Weitere slawische Gruppen im bulgarischen und byzantinischen Umfeld behandeln die Beiträge zu den Timočanen, Smoljanen, Berziten, Belegeziten und Strymoniten.

Die Slawen Bulgariens · Die Sewerjanen · Die Timocanen · Die Smoljanen · Die Strymoniten.
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