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Das Massaker am St.-Brice-Tag 1002: Was über Æthelreds Befehl gegen die Dänen wirklich bekannt ist

Geschichte & Funde Das Massaker am St.-Brice-Tag 1002: Was über Æthelreds Befehl gegen die Dänen wirklich bekannt ist

Am 13. November 1002, dem Tag des heiligen Brictius, ließ König Æthelred von England nach Auskunft der Angelsächsischen Chronik „alle Dänen“ in seinem Reich erschlagen. Der Satz ist kurz, seine Wirkungsgeschichte lang: Normannische Chronisten machten daraus ein Blutbad an Frauen und Kindern, spätere Autoren erfanden eine ermordete Königsschwester, und seit 2008 und 2009 stehen zwei Massengräber in Oxford und bei Weymouth im Verdacht, Opfer jenes Tages zu bergen. Dieser Beitrag trennt, was zeitgenössisch belegt ist, was spätere Überlieferung hinzufügte und was die Archäologie tatsächlich zeigen kann. An mehreren Stellen lautet die ehrliche Antwort: Das lässt sich nicht eindeutig belegen.

Ein Datum, ein Befehl, viele offene Fragen

Kaum ein Ereignis der späten Wikingerzeit in England ist so bekannt und zugleich so dünn belegt wie das Massaker am St.-Brice-Tag. Der Name stammt vom Kalender: Der 13. November ist der Gedenktag des heiligen Brictius von Tours den die Engländer St Brice nannten. An diesem Tag des Jahres 1002 sollen auf Befehl König Æthelreds II. Dänen getötet worden sein, die sich in England aufhielten.

Wie viele Menschen starben, wo es geschah und wer gemeint war, sagen die zeitgenössischen Quellen nicht. Aus Æthelreds Lebenszeit stammen nur zwei Texte: ein knapper Eintrag in der Angelsächsischen Chronik und eine Urkunde von 1004, die einen einzigen Schauplatz beschreibt, Oxford. Alles Weitere ist spätere Überlieferung. Dazu kommen zwei archäologische Fundstellen, deren Zuordnung umstritten ist. Der Beitrag behandelt das Thema sachlich: Es geht um Belege und Deutungen, nicht um eine Nacherzählung von Gewalt.

England um das Jahr 1000: Tribut, Söldner und Misstrauen

Seit den 980er Jahren griffen wieder skandinavische Flotten die englischen Küsten an. 991 unterlag ein englisches Aufgebot bei Maldon in Essex, danach zahlte die Krone erstmals große Summen, um die Angreifer zum Abzug zu bewegen. Diese Zahlungen, später Danegeld genannt, kehrten in den folgenden Jahren regelmäßig wieder; mehr dazu im Beitrag zu Danegeld und der Schlacht von Maldon. 994 griffen Olaf Tryggvason und Sven Gabelbart gemeinsam London an.

Ein Teil der Krieger blieb in England, und zwar im Dienst des Königs. Sie bekamen Unterhalt und Land, dafür sollten sie das Reich gegen andere Wikingerflotten verteidigen. Ihre Treue hing an Bezahlung, wie sich 1001 zeigte: Ein Däne namens Pallig, den Æthelred nach der Chronik reich mit Gütern, Gold und Silber beschenkt hatte, lief mit seinen Schiffen zu einer Wikingerflotte über, die Devon verheerte.

Im Jahr 1002 zahlte der König erneut Tribut, diesmal nach der Chronik 24.000 Pfund, an eine Flotte, die im Land stand. Im selben Jahr heiratete er Emma, die Schwester des Herzogs Richard II. von der Normandie. Die Ehe hatte auch einen politischen Zweck: Normannische Häfen hatten skandinavischen Flotten bis dahin als Stützpunkte gedient.

Was die Angelsächsische Chronik berichtet

Die Angelsächsische Chronik ist keine einzelne Schrift, sondern eine Gruppe verwandter Jahrbücher in altenglischer Sprache, die in verschiedenen Klöstern fortgeführt wurden. Für die Regierungszeit Æthelreds stützen sich die Fassungen C, D und E auf einen gemeinsamen Bericht. Simon Keynes und andere Forscher gehen davon aus, dass dieser Teil erst nach dem Ende der Herrschaft Æthelreds im Rückblick niedergeschrieben wurde, also in Kenntnis der späteren Niederlage gegen die Dänen. Das erklärt ihren bitteren Ton.

Der Eintrag zu 1002 nennt Tributzahlung, Emmas Ankunft und den Tod eines Erzbischofs. Dann folgt der Satz, um den es hier geht. In der gemeinfreien englischen Übersetzung von James Ingram aus dem Jahr 1823 lautet er:

„And in the same year the king gave an order to slay all the Danes that were in England. This was accordingly done on the mass-day of St. Brice; because it was told the king, that they would beshrew him of his life, and afterwards all his council, and then have his kingdom without any resistance.“

Deutsch sinngemäß: „Und im selben Jahr befahl der König, alle Dänen zu erschlagen, die in England waren. Das geschah am Messtag des heiligen Brictius, weil man dem König gesagt hatte, sie wollten ihn ums Leben bringen und danach alle seine Ratgeber und dann sein Reich ohne Widerstand besitzen.“Angelsächsische Chronik, Jahr 1002, übersetzt von James Ingram (1823); deutsche Wiedergabe eigene Übertragung

Drei Punkte fallen auf. Erstens begründet die Chronik den Befehl mit einer Verschwörung gegen den König. Ob es diese Verschwörung gab, lässt sich nicht prüfen; die Chronik referiert nur, was man dem König „gesagt hatte“. Zweitens nennt sie keinen Ort, keine Zahl und keine Opfergruppe. Drittens heißt es im altenglischen Original „ealle þa Deniscan men“, wörtlich „alle die dänischen Männer“. Ingrams „all the Danes“ ist hier etwas weiter gefasst als der Wortlaut. Von Frauen und Kindern ist in der Chronik keine Rede.

Die Urkunde von 1004: Oxford und die Kirche der heiligen Frideswide

Das zweite zeitgenössische Zeugnis ist ein Diplom, das Æthelred am 7. Dezember 1004 in Headington bei Oxford ausstellen ließ. Im Verzeichnis der angelsächsischen Urkunden von Peter Sawyer trägt es die Nummer S 909. Der König bestätigt darin dem Stift St Frideswide in Oxford Landbesitz und erklärt, warum die Kirche erneuert werden musste. Die Urkunde ist nur in späteren Abschriften erhalten, gilt aber bei den meisten Fachleuten, etwa Frank Stenton, Dorothy Whitelock und Simon Keynes, als echt.

Nach der Urkunde war mit Zustimmung der Großen des Reiches ein Erlass ergangen, dass alle Dänen, die auf dieser Insel „wie Lolch unter dem Weizen“ aufgesprossen seien, getötet werden sollten. Lolch, lateinisch lolium, ist ein Ackerunkraut; das Bild stammt aus dem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen im Matthäusevangelium. Die Dänen in Oxford hätten versucht, dem Tod zu entgehen, seien in das Heiligtum eingedrungen und hätten Türen und Riegel aufgebrochen. Als die Verfolger sie nicht herausbringen konnten, hätten sie Feuer an das Holzwerk gelegt, und die Kirche sei mitsamt ihren Urkunden und Büchern verbrannt.

Zwei Beobachtungen machen den Text wertvoll. Er ist erstens die einzige zeitgenössische Quelle, die einen konkreten Ort nennt. Zweitens zeigt er, dass der Hof das Geschehen zwei Jahre später ohne Bedauern darstellte. Die lateinische Wendung iustissima examinatione wird in der Standardübersetzung von Whitelock mit „durch eine höchst gerechte Ausrottung“ wiedergegeben; wörtlich bedeutet examinatio eher „Prüfung“ oder „Urteil“. In beiden Lesarten erscheint die Tötung als berechtigte Maßnahme, und die Täter waren nach dem Text die Bürger von Oxford, nicht ein königliches Heer.

Oxford lag um 1000 an der Grenze zu den Gebieten mit starker skandinavischer Besiedlung. Der Historiker Ryan Lavelle vermutet, dass vor allem solche Grenzstädte und Orte mit kleinen dänischen Gemeinden betroffen waren.

Spätere Erzähler: wie aus einem Satz ein Blutbad wurde

Wilhelm von Jumièges, ein normannischer Mönch, schrieb um 1070 die „Taten der normannischen Herzöge“ (Gesta Normannorum Ducum). Er stellt das Massaker als Verbrechen an friedlichen Dänen dar, bei dem auch Frauen und Kinder getötet worden seien. Junge Dänen, die entkommen konnten, seien zu Sven geflohen und hätten ihn zum Rachefeldzug bewogen. Er schrieb kurz nach 1066 für den normannischen Hof, dem ein schuldbeladenes englisches Königtum gelegen kam. Seine drastischen Einzelheiten stehen in keiner älteren Quelle.

Johannes von Worcester, der im frühen 12. Jahrhundert eine lateinische Chronik verfasste, folgt im Wesentlichen der Angelsächsischen Chronik, ergänzt aber, betroffen gewesen seien Dänen „beiderlei Geschlechts“. Auch das ist eine Erweiterung, deren Grundlage nicht erkennbar ist.

Heinrich von Huntingdon schrieb um 1130 seine „Geschichte der Engländer“ (Historia Anglorum). Er berichtet, Æthelred habe geheime Briefe in alle Städte geschickt, damit die Dänen überall zur selben Stunde getötet würden, und führt den Entschluss auf den Hochmut des Königs nach der normannischen Heirat zurück. Zugleich erwähnt er, als Kind sehr alte Leute über die Tat sprechen gehört zu haben. Eine koordinierte Aktion an einem Stichtag passt zum Datum der Chronik; die Charakterdeutung ist eine moralische Lesart des 12. Jahrhunderts.

Gunnhild: die Schwester Svens, die vielleicht nie existierte

Zur bekanntesten Ausschmückung gehört die Geschichte von Gunnhild. Wilhelm von Malmesbury, ein Mönch und einer der wichtigsten Geschichtsschreiber des 12. Jahrhunderts, berichtet in seinen „Taten der englischen Könige“ (Gesta regum Anglorum, um 1125), unter den Opfern sei Gunnhild gewesen, eine Schwester Svens und Tochter Harald Blauzahns. Sie habe als Geisel in England gelebt, sei Christin gewesen und mit Pallig verheiratet. Nach Wilhelm wurde sie auf Veranlassung von Eadric Streona getötet. Vor ihrem Tod soll sie vorausgesagt haben, ihr Blut werde England teuer zu stehen kommen.

Die Geschichte liefert ein persönliches Motiv für Svens spätere Angriffe, und Frank Stenton hielt sie noch für eine gut überlieferte Tradition. Die neuere Forschung ist skeptisch. Ann Williams betont, dass Wilhelm der einzige Gewährsmann ist und seine Darstellung auf einen späteren Zeitpunkt deutet: Eadric Streona wurde erst 1007 Ealdorman von Mercien. Ryan Lavelle bezweifelt auch noch spätere Belege. In skandinavischen Quellen ist eine in England getötete Schwester Svens namens Gunnhild nicht bezeugt.

Hinzu kommt, dass Pallig nach der Chronik schon 1001 zu den Angreifern übergelaufen war. Die Gunnhild-Erzählung gehört deshalb in die Kategorie Legende: Ein wahrer Kern ist möglich, belegt ist er nicht. Mehr zu Sven und seiner Familie im Beitrag über Sven Gabelbart.

Wer waren „alle Dänen“? Die Frage nach dem Umfang

Der Wortlaut „alle dänischen Männer, die in England waren“ klingt total. Trotzdem lesen ihn fast alle heutigen Historikerinnen und Historiker eng. Seit der Ansiedlung des sogenannten Großen Heeres im späten 9. Jahrhundert lebten im Norden und Osten Englands viele Familien skandinavischer Herkunft. Dieses Gebiet, das Danelag (englisch Danelaw), war um 1000 seit vier bis fünf Generationen Teil des englischen Reiches. Mehr dazu im Beitrag über das Danelag.

Ein Befehl gegen alle diese Menschen wäre weder durchführbar gewesen, noch passt er zu den Quellen. Im Danelag sind für 1002 weder Tötungen noch Unruhen bezeugt, die Region blieb Æthelred bis 1013 treu, und Münzmeister mit skandinavischen Namen prägten weiter. Wenige Jahre später übertrug der König einem Mann namens Toti Land bei Oxford. Ann Williams hat deshalb betont, der Erlass habe sich nicht gegen die Engländer skandinavischer Abstammung in den östlichen Grafschaften gerichtet.

Als wahrscheinliche Zielgruppe gelten stattdessen Dänen, die erst kurz zuvor ins Land gekommen waren: Reste der Wikingerheere der 990er Jahre, Söldner im königlichen Dienst, die man nach Palligs Überlaufen für unzuverlässig hielt, Händler und kleinere Gruppen in Städten des Südens und an der Grenze zum Danelag. Ian Howard schätzt die Zahl der Getöteten auf höchstens einige hundert. Eine belastbare Zahl gibt es nicht, und jede Schätzung ist eine Hochrechnung aus einem einzigen sicher belegten Ort.

Simon Keynes sieht vor allem eine Reaktion auf Söldner, die sich gegen ihre Auftraggeber gewandt hatten. Levi Roach betont in seiner Biografie Æthelreds (2016) die religiöse Sprache des Hofes, wie sie das Unkrautbild der Urkunde zeigt, und hält fest, dass solche Säuberungen Misstrauen säten und das Reich schwächten.

Oxford, St John's College: das Grab im Graben

Im Jahr 2008 untersuchte die Grabungsfirma Thames Valley Archaeological Services auf dem Gelände des St John's College in Oxford ein Baugelände. Dabei stießen die Archäologen unter Leitung von Sean Wallis auf den Graben eines bis dahin unbekannten jungsteinzeitlichen Henge, einer ringförmigen Grabenanlage, die rund viertausend Jahre älter ist als die Toten. In der Verfüllung dieses Grabens lagen die Überreste von 35 bis 37 Menschen; die Angaben schwanken je nach Zählweise, meist wird 37 genannt.

Die anthropologische Untersuchung ergab ein einheitliches Bild. Soweit das Geschlecht bestimmbar war, handelte es sich um Männer, die meisten zwischen 16 und 25 Jahre alt, kräftig gebaut und für ihre Zeit überdurchschnittlich groß. Viele Skelette zeigen Verletzungen, die kurz vor dem Tod entstanden: Schädelbrüche, Stichverletzungen vor allem im Rücken- und Beckenbereich, bei einigen Spuren von Hieben gegen den Hals. Verletzungen, die auf Abwehr mit Waffen hindeuten, fehlen weitgehend. Das spricht für Menschen, die unbewaffnet waren oder flohen. Einige Knochen tragen Brandspuren. Ältere, verheilte Verletzungen bei einzelnen Männern deuten auf frühere Kampferfahrung hin.

Radiokarbondaten an den Knochen ergaben einen Zeitraum von etwa 960 bis 1020. Das Jahr 1002 liegt mitten darin. Zusammen mit den Brandspuren und der Erzählung der Urkunde vom Kirchenbrand lag die Deutung nahe: Hier könnten die Dänen von St Frideswide liegen. Die Stelle befindet sich wenige hundert Meter nördlich des mittelalterlichen Stadtkerns, damals außerhalb der Stadt.

Ein Team um den Archäometriker Mark Pollard veröffentlichte 2012 in der Fachzeitschrift Oxford Journal of Archaeology die Ergebnisse von Isotopenanalysen. Kohlenstoff- und Stickstoffwerte im Knochen zeigten deutlich mehr Meeresnahrung als bei der einheimischen Bevölkerung. Die Strontiumwerte im Zahnschmelz, die Hinweise auf die Region geben, in der ein Mensch als Kind lebte, ähnelten den Werten der Männer von Ridgeway Hill. Pollard schloss daraus, dass es sich eher um Krieger handelte, die nicht lange in England gelebt hatten, vielleicht um einen gefangenen Wikingertrupp. Er betonte zugleich, dass Verletzungen und Brandspuren zum Bericht über 1002 passen.

Sean Wallis, der Ausgräber, hält dagegen eine Deutung als Opfer des Massakers für gut vereinbar mit dem Befund: Männer im wehrfähigen Alter, teils mit Kampfvergangenheit, überrascht und verfolgt. Beide Lesarten schließen sich nicht völlig aus. Söldner im Dienst Æthelreds waren Krieger, kamen aus Skandinavien und hatten dort die Ernährung von Küstenbewohnern. Genau sie gelten ja als wahrscheinliche Zielgruppe des Befehls.

2020 ergab eine große genetische Studie zur Wikingerzeit (Margaryan, Willerslev u. a.), dass einer der Oxforder Männer eng mit einem Mann verwandt war, der auf der dänischen Insel Fünen bestattet wurde: Halbbruder oder Onkel beziehungsweise Neffe. Das stützt die skandinavische Herkunft dieses Mannes, über seinen Todestag sagt es nichts. Mehr dazu im Beitrag über Wikinger-DNA und ihre Grenzen.

Ridgeway Hill bei Weymouth: eine Hinrichtung, aber welche?

Die zweite Fundstelle wird oft im selben Atemzug genannt, gehört aber vermutlich in einen anderen Zusammenhang. Im Juni 2009 legte Oxford Archaeology beim Bau der Umgehungsstraße A354 auf dem Ridgeway Hill eine Grube in einem aufgelassenen römischen Steinbruch frei. Darin lagen 54 Körper und 51 Schädel, alle von Männern. Die Köpfe waren getrennt von den Körpern an einer Seite der Grube abgelegt worden.

Zunächst hielt man die Toten für Opfer der römischen Eroberung, die Radiokarbondaten verschoben sie jedoch in die späte Wikingerzeit. Grundlage ist die Grabungsmonografie „Given to the Ground“ (2014) von Louise Loe, Angela Boyle, Helen Webb, David Score und weiteren Autoren; in der Literatur wird meist ein Zeitraum von etwa 970 bis 1025 genannt, frühere Meldungen nannten weitere Spannen. Isotopenanalysen an Zähnen von zehn Männern ergaben eine Herkunft aus kälteren Regionen außerhalb Britanniens, wohl überwiegend Skandinavien. Die meisten waren zwischen späten Teenagerjahren und Mitte zwanzig.

Die Verletzungen zeigen eine Hinrichtung, keine Schlacht. Die Köpfe wurden mit scharfen Klingen abgetrennt, oft mit mehreren Hieben, was eher auf ungeübte Henker hindeutet. Die Männer waren vermutlich Gefangene. Die Lage der Grube an einer Hauptstraße und einer Gemeindegrenze, nahe vorgeschichtlichen Grabhügeln, entspricht dem, was über angelsächsische Hinrichtungsplätze bekannt ist. Dass drei Schädel fehlen, hat zu der Vermutung geführt, einige Köpfe könnten zur Abschreckung ausgestellt worden sein; das ist eine Deutung, kein Befund.

Gut fünfzig Männer entsprechen etwa der Besatzung eines größeren Schiffes. Die Monografie hält die Hinrichtung eines gefangenen Wikingertrupps durch Engländer für sehr wahrscheinlich und nennt als mögliche Anlässe etwa die Plünderung von Portland 982 oder Angriffe auf Dorset 998, 1015 und 1016. Der St.-Brice-Tag ist eine von mehreren Möglichkeiten, nicht die wahrscheinlichste. Die Archäologin Britt Baillie brachte zudem den Ehrenkodex ins Spiel, den die Sagas den Jomswikingern zuschreiben, eine anregende, aber schwer prüfbare Idee.

Was Knochen zeigen können und was nicht

Eine Radiokarbondatierung liefert für diese Epoche eine Spanne von mehreren Jahrzehnten, nie einen Tag oder ein Jahr. Die Spannen von 960 bis 1020 für Oxford und von etwa 970 bis 1025 für Ridgeway Hill umfassen eine Zeit, in der England fast jedes Jahr Kämpfe mit skandinavischen Verbänden erlebte.

Isotopenwerte zeigen, wo ein Mensch aufwuchs und was er aß, nicht aber, ob er als Söldner, Händler oder Plünderer kam. Levi Roach hält deshalb fest, dass sich die Oxforder Toten nicht abschließend mit dem St.-Brice-Tag verbinden lassen. Für Oxford ist die Verbindung möglich und wird ernsthaft vertreten, für Ridgeway Hill ist sie deutlich schwächer. Ein sicheres archäologisches Zeugnis des 13. November 1002 gibt es bislang nicht.

Was gesichert ist

  • Die Angelsächsische Chronik (Fassungen C, D, E) berichtet zum Jahr 1002, der König habe befohlen, alle dänischen Männer in England am Brictiustag zu töten, wegen einer angeblichen Verschwörung gegen ihn und seinen Rat.
  • Eine Urkunde Æthelreds vom 7. Dezember 1004 (Sawyer S 909) beschreibt die Tötung von Dänen in Oxford und den Brand der Kirche St Frideswide, in die sie sich geflüchtet hatten. Sie gilt bei den meisten Fachleuten als echt.
  • In St John's College, Oxford, wurden 2008 die Überreste von 35 bis 37 jungen Männern mit tödlichen Verletzungen gefunden, datiert etwa 960 bis 1020, mit Isotopenwerten, die auf eine Herkunft außerhalb der Region deuten.
  • Auf dem Ridgeway Hill bei Weymouth wurden 2009 54 enthauptete Männer skandinavischer Herkunft gefunden, datiert etwa 970 bis 1025, wahrscheinlich hingerichtete Gefangene.
  • Sven Gabelbart führte ab 1003 wiederholt Feldzüge in England und wurde 1013 als König anerkannt.

Die Folgen: Svens Feldzüge und der Weg zu Knut

1003 kam Sven Gabelbart mit einem Heer nach England. Die Chronik berichtet die Zerstörung von Exeter und Plünderungen in Wiltshire, 1004 folgten Norwich und Thetford. Dass Sven aus Rache kam, sagt die Chronik nicht; diese Verknüpfung stellen erst Wilhelm von Jumièges und Wilhelm von Malmesbury her. Ein Herrscher, der schon 994 England angegriffen hatte, brauchte dafür kein besonderes Motiv. Möglich bleibt, dass der Tod dänischer Krieger ihm einen willkommenen Anlass bot.

1009 landete ein großes Heer unter Thorkell dem Hohen, 1012 töteten dänische Krieger den Erzbischof Ælfheah von Canterbury. Danach trat Thorkell in Æthelreds Dienst, ein weiteres Beispiel dafür, wie fließend die Grenze zwischen Feind und Söldner war. 1013 unterwarfen sich Sven zuerst die Gebiete des Danelag, dann Wessex und London. Æthelred floh in die Normandie, Sven starb im Februar 1014.

Æthelred kehrte zurück und starb im April 1016. Im selben Jahr setzte sich Svens Sohn Knut gegen Edmund Ironside durch und heiratete 1017 Æthelreds Witwe Emma; mehr dazu bei Knut dem Großen und den Wikingern in England. Frank Stenton sah im Massaker einen politischen Fehler, der Svens Feldzüge mit auslöste, Edward Freeman nannte es „nicht nur ein Verbrechen, sondern einen Fehler“. Andere halten den Einfluss für begrenzt, weil die Angriffe schon vorher in voller Stärke liefen.

Nachleben: Nationalmythos, Volksbrauch und moderne Deutung

Normannische Autoren nutzten das Massaker als Argument: Ein König, der Wehrlose töten ließ, hatte Gottes Zorn auf sein Volk gezogen. In Coventry wurde zur Hocktide, einem Frühjahrsfest nach Ostern, ein Spiel über einen Kampf zwischen Engländern und Dänen aufgeführt und 1575 für Elisabeth I. in Kenilworth wiederbelebt; es hieß, es erinnere an die Tötung der Dänen. Der Termin passt nicht zum November, und die Herkunft der Hocktide ist ungeklärt.

Die moderne Forschung, etwa Levi Roach und Simon Keynes, beurteilt Æthelred differenzierter als frühere Generationen. Das Massaker erscheint als gezielter Gewaltakt gegen eine als gefährlich eingestufte Gruppe, kein Völkermord an allen Menschen dänischer Herkunft, aber auch keine harmlose Polizeiaktion: Die Oxforder Urkunde zeigt, dass Menschen getötet wurden, die Schutz in einer Kirche suchten, und dass der König das zwei Jahre später als gerecht bezeichnete.

Mythos-Check

  • „Æthelred ließ alle Dänen in England töten.“ So lautet der Wortlaut der Chronik, nicht das Ergebnis. Im Danelag sind keine Tötungen bezeugt, die Region blieb ruhig. Betroffen waren wahrscheinlich Söldner, Krieger und kleinere Gruppen in Städten des Südens.
  • „Auch Frauen und Kinder wurden systematisch ermordet.“ Davon spricht erst Wilhelm von Jumièges um 1070, rund siebzig Jahre später und im Interesse der Normannen. Die zeitgenössischen Quellen nennen nur Männer.
  • „Svens Schwester Gunnhild starb am St.-Brice-Tag.“ Die Geschichte stammt von Wilhelm von Malmesbury um 1125 und ist sonst nicht unabhängig bezeugt. Sie gilt heute überwiegend als Legende.
  • „Die Toten von Ridgeway Hill sind Opfer des Massakers.“ Wahrscheinlicher ist die Hinrichtung eines gefangenen Wikingertrupps; die Datierung lässt mehrere Anlässe zu.
  • „Das Grab in Oxford beweist das Massaker.“ Es passt zur Urkunde, ein Beweis ist es nicht. Auch eine Deutung als hingerichtete Krieger wird vertreten.

Häufige Fragen

Wann genau war das St.-Brice-Massaker? Am 13. November 1002, dem Gedenktag des heiligen Brictius von Tours. Das Datum nennt die Angelsächsische Chronik. Ob alle Tötungen an diesem einen Tag geschahen, ist nicht sicher; Heinrich von Huntingdon behauptet um 1130 eine gleichzeitige Aktion in allen Städten.

Wie viele Menschen starben? Das ist unbekannt. Keine Quelle nennt eine Zahl. Sicher belegt ist nur Oxford. Schätzungen wie die von Ian Howard gehen von höchstens einigen hundert Toten aus; jede Zahl bleibt eine Vermutung.

Waren auch die Bewohner des Danelag betroffen? Nach heutigem Kenntnisstand nicht. Aus dem Danelag gibt es keine Berichte über Tötungen, und die Region blieb Æthelred bis 1013 treu. Gemeint waren wohl neu angekommene Dänen, vor allem Söldner und Krieger.

Sind die Skelette von Oxford Opfer des Massakers? Möglicherweise. Datierung, Herkunft und Brandspuren passen zur Urkunde von 1004. Isotopenanalysen deuten aber auf Krieger mit kurzer Aufenthaltsdauer hin, weshalb auch eine Hinrichtung gefangener Wikinger vertreten wird. Eindeutig belegen lässt sich die Zuordnung nicht.

Gab es Gunnhild, die Schwester Sven Gabelbarts, wirklich? Das lässt sich nicht eindeutig belegen. Die Erzählung stammt von Wilhelm von Malmesbury aus dem 12. Jahrhundert. Ältere englische und skandinavische Quellen kennen sie nicht, daher gilt sie überwiegend als Legende.

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