Wohin gingen die Toten des Nordens? Wer die alten Quellen liest, findet keine einfache Antwort und schon gar kein einziges Jenseits. Es gab viele Totenreiche nebeneinander - und das Bild, das wir heute kennen, ist ordentlicher, als es die Wikinger je gedacht haben. Ein würdevoller, ehrlicher Blick auf den Tod, wie ihn die Menschen der Wikingerzeit verstanden.

Wenn heute vom Tod der Wikinger die Rede ist, fällt fast sofort ein Wort: Walhall. Die goldene Halle, in der gefallene Krieger bis zum Weltenende feiern und kämpfen. Das Bild ist mächtig, es ist schön - und es ist unvollständig. Denn die Menschen der Wikingerzeit kannten kein einheitliches Jenseits, keinen einen Ort, an dem alle Toten landeten. Sie kannten viele Totenreiche, die nebeneinander bestanden, sich teils überschnitten und sich nicht immer sauber voneinander trennen lassen.
Das ist keine Schwäche der Überlieferung, sondern ihr Wesen. Die nordische Glaubenswelt war nie ein festes Lehrgebäude mit einem heiligen Buch und einer verbindlichen Antwort auf die Frage: Was kommt danach? Sie war ein Geflecht aus regionalen Bräuchen, mündlichen Erzählungen und alten Bildern. Verschiedene Menschen glaubten Verschiedenes, und dieselbe Geschichte konnte in Norwegen anders klingen als auf Island oder in Schweden. Wer den Tod der Wikinger verstehen will, muss diese Vielfalt aushalten - und darf sie nicht vorschnell in ein sauberes System pressen.
Walhall (altnordisch Valhǫll, die Halle der Gefallenen) ist Odins Kriegerhalle in Asgard. Ihr Dach ist mit Schilden gedeckt, aus ihren vielen Toren ziehen die gefallenen Helden, die Einherjar, zum Kampf. Jeden Tag streiten sie, jeden Abend stehen die Erschlagenen wieder auf und sitzen zum Festmahl beisammen: Fleisch vom Eber Sæhrimnir und Met, den die Ziege Heiðrún gibt. So bereiten sie sich auf Ragnarök vor, die letzte Schlacht, in der sie an Odins Seite kämpfen werden.
Doch Walhall war nach den Quellen kein Ziel für jedermann. Es war die Halle der Auserwählten. Odins Walküren wählten auf dem Schlachtfeld aus, wer fiel und wer nach Walhall geholt wurde. Der Zugang war an einen bestimmten Tod und an eine bestimmte Auswahl gebunden - nicht an Tapferkeit allein. Wer mehr über diese Halle erfahren möchte, findet in unserem Beitrag über Walhall und Helheim die Einzelheiten.
Hier wird es interessant - und hier irren die meisten. Denn Odin war nicht die einzige Gottheit, die Gefallene zu sich nahm. Freyja, die Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit und auch des Zaubers, besaß ein eigenes Totenreich: Fólkvangr, das Volksfeld, und darin ihre Halle Sessrúmnir. Und nach der Überlieferung wählte sie zuerst. In der Lieder-Edda heißt es im Grímnismál:
Fólkvangr heißt das neunte, dort waltet Freyja / der Sitze im Saale. / Die Hälfte der Toten sie täglich wählt, / die andre Hälfte hat Odin. Grímnismál, Strophe 14 (nach Karl Simrock, 1851, gemeinfrei)
Die Hälfte der auf dem Feld Gefallenen ging also zu Freyja, nicht zu Odin. Das ist eine der klarsten und zugleich am häufigsten übersehenen Aussagen der Edda. Fólkvangr taucht in populären Darstellungen kaum auf, und doch stand es gleichrangig neben Walhall. Warum es so in Vergessenheit geriet, hat weniger mit den alten Quellen zu tun als mit der späteren Rezeption, die den kriegerischen Odin in den Mittelpunkt rückte.
Und die vielen, die nicht in der Schlacht fielen? Die Bäuerin, die alt wurde; das Kind, das an Krankheit starb; der Fischer, der ertrank; der Handwerker, der friedlich einschlief? Sie gingen in aller Regel zu Hel. Hel ist zugleich der Name der Herrscherin und ihres Reiches, gelegen tief unten in Niflheim, jenseits eisiger Flüsse und einer bewachten Brücke. Es war das Totenreich der großen Mehrheit - kein Ort für Auserwählte, sondern der gewöhnliche Weg des Todes.
Genau hier setzt das größte Missverständnis an, dem wir uns weiter unten ausführlich widmen. Denn Hel ist nicht die christliche Hölle, und der Weg dorthin war kein Strafurteil. Mehr über die Herrin und ihr Reich lesen Sie in unseren Beiträgen zu Hel und zu Helheim.
Ein Volk von Seefahrern brauchte auch eine Vorstellung davon, wohin die Ertrunkenen gingen. Diese Aufgabe fiel Rán zu, der Riesin des Meeres, Gemahlin des Meergottes Ægir. Mit ihrem Netz zog sie die Ertrunkenen zu sich hinab in ihre Halle auf dem Meeresgrund. Wer auf See den Tod fand - und das waren nicht wenige -, kam nicht nach Walhall und nicht nach Hel, sondern zu Rán.
Es gibt Hinweise darauf, dass man den Ertrunkenen Gold mitzugeben suchte, um bei Rán gut aufgenommen zu werden. Auch das zeigt: Das Totenreich richtete sich nicht nach Tugend oder Rang, sondern schlicht danach, wie und wo ein Mensch starb. Der Ort des Todes bestimmte oft den Ort des Jenseits.
Neben den großen Totenreichen der Götter lebte eine sehr viel bodenständigere, häuslichere Vorstellung: Die Toten gingen in den Berg. In mehreren Sagas heißt es, die Verstorbenen einer Sippe zögen in einen nahen Hügel oder heiligen Berg ein und lebten dort weiter - beieinander, in Sichtweite des Hofes, den sie bewirtschaftet hatten. Der berühmteste ist Helgafell, der heilige Berg auf Island, in den die Sippe des Þórólfr einzog.
Diese Vorstellung war vielleicht die intimste von allen. Der Tote verließ die Welt nicht wirklich, er wurde Teil des Landes und blieb der Familie nahe. Man hörte den Toten im Berg feiern, man achtete den Ort. Hier wird der Tod nicht zur fernen Halle, sondern zum Nachbarn. Wer diesem Glauben nachspüren möchte, findet mehr in unserem Beitrag über die heiligen Berge des Nordens.
Der Vielfalt der Jenseitsvorstellungen entsprach eine Vielfalt der Bestattungsformen. Es gab Brandgräber, in denen der Leichnam auf einem Scheiterhaufen verbrannt und die Asche - oft in einer Urne - beigesetzt wurde. Und es gab Körpergräber, in denen der Tote unverbrannt in die Erde kam. Beide Formen bestanden nebeneinander, mitunter am selben Ort, und wechselten über die Zeit und von Landschaft zu Landschaft.
Am eindrücklichsten ist die Schiffsbestattung: Der Tote wurde in oder unter einem Boot beigesetzt, das ihm als Fahrzeug ins Jenseits dienen sollte. Manche Schiffe wurden verbrannt, andere unter Grabhügeln bewahrt - die berühmten Funde von Oseberg und Gokstad gehören dazu. Grabbeigaben - Waffen, Schmuck, Werkzeug, Speisen, mitunter Tiere - sollten den Toten ausstatten oder seinen Rang zeigen. Wer die Formen im Einzelnen kennenlernen möchte, dem sei unser Beitrag zur Bootsbestattung sowie zur Totenehrung empfohlen.
Nicht jeder Tote blieb, wo er hingehörte. Der Norden kannte den draugr, den Wiedergänger - einen Toten, der körperlich in seinem Grabhügel weiterexistierte, übermenschlich stark, oft dunkel und schwer, und der die Lebenden heimsuchte. Er war kein körperloses Gespenst, sondern eine handfeste, gefährliche Gestalt, die man notfalls bekämpfen und wieder zur Ruhe zwingen musste.
Der Glaube an Wiedergänger zeigt eine ernste Sorge: Der Tod trennte die Toten nicht immer sauber von den Lebenden. Ein schlecht bestatteter, unzufriedener oder besonders eigenwilliger Mensch konnte zurückkehren. Deshalb gab es Bräuche, den Toten den Weg zu weisen und ihn im Grab zu halten. Mehr über diese Vorstellung finden Sie in unserem Beitrag über den Draugr.
Über all diesen Reichen und Formen lag eine Grundhaltung, die uns heute fremd geworden ist: Die Toten gehörten weiter zur Gemeinschaft. Man ehrte die Ahnen, brachte ihnen Gaben, gedachte ihrer bei Festen und suchte ihren Rat und ihren Schutz. Der Tote im Hügel, die Sippe im Berg, die Ahnfrau, die im Traum warnte - sie alle waren nicht einfach fort. Sie waren stille Mitglieder des Hofes und der Familie.
Diese Nähe zwischen Lebenden und Toten prägte den Umgang mit dem Sterben. Ein guter Tod, ein würdiges Grab und ein ehrendes Gedächtnis waren keine Nebensachen, sondern Kern der Ordnung. Der Name lebte weiter, wenn die Nachkommen ihn ehrten - und das war eine Form des Fortlebens, die keiner Jenseitshalle bedurfte.
Was wir belegen können: Die Vielfalt der Totenreiche ist gut bezeugt. Das Grímnismál nennt ausdrücklich Fólkvangr neben Walhall und teilt die Gefallenen zwischen Freyja und Odin. Snorri Sturluson beschreibt in der Prosa-Edda Walhall, die Einherjar sowie Hel und ihr Reich. Rán als Empfängerin der Ertrunkenen ist in Skaldendichtung und Sagas fassbar. Der Glaube, in den Berg oder Hügel einzugehen, ist in mehreren Isländersagas (etwa der Eyrbyggja saga um Helgafell) überliefert. Archäologisch gesichert ist die enorme Bandbreite der Bestattung: Brand- und Körpergräber, Schiffsbestattungen wie Oseberg und Gokstad, reiche und arme Grabbeigaben - ein Befund, der jedem Versuch widerspricht, den Tod der Wikinger auf ein einziges Muster zu bringen.
Nein - und das ist die vielleicht wichtigste Richtigstellung dieses ganzen Themas. Die Vorstellung, jeder tapfere Wikinger sei nach Walhall gekommen, ist eine moderne Vereinfachung. Walhall war ausgewählten Gefallenen vorbehalten. Fólkvangr, das gleichrangige Reich Freyjas, wird in der populären Darstellung fast immer vergessen. Und die überwältigende Mehrheit der Menschen - alle, die nicht in der Schlacht fielen - ging nach Hel. Das war kein Makel, keine Strafe und kein Zeichen von Feigheit, sondern schlicht der gewöhnliche Weg des Todes.
Ebenso hartnäckig ist die Gleichsetzung von Hel mit der christlichen Hölle. Sie ist falsch. Hel war ein Totenreich, kein Ort der Qual, kein Feuer, keine Verdammnis. Die Ähnlichkeit ist rein sprachlich: Das englische Wort hell und das nordische Hel gehen auf dieselbe germanische Wurzel für das Verborgene zurück - aber das Konzept dahinter ist ein völlig anderes. Erst das Christentum machte aus dem neutralen Totenreich einen Strafort.
Vorsicht bei der Systematik: Das saubere Schema - Krieger nach Walhall, halb Odin und halb Freyja, alle anderen nach Hel, Ertrunkene zu Rán - stammt in seiner geordneten Form großenteils von Snorri Sturluson, der die Prosa-Edda erst im 13. Jahrhundert schrieb, rund zweihundert Jahre nach der offiziellen Christianisierung Islands. Snorri war Christ und ordnete das heidnische Erbe wie ein Gelehrter, der ein System sucht. Die tatsächlichen Vorstellungen der Wikingerzeit waren vielfältiger, widersprüchlicher und regional verschieden. Manches, was heute wie festes Wissen klingt, ist Snorris ordnende Hand - und trägt eine christliche Färbung, die man mitlesen muss. Wir schildern hier den Stand der Überlieferung, nicht eine Glaubenswahrheit.
Wenn es kein einheitliches Jenseits gab und der Weg nach dem Tod oft schlicht davon abhing, wie und wo man starb - was blieb dann als Trost? Die Antwort der Wikingerzeit war überraschend nüchtern und zugleich zutiefst menschlich: der Nachruhm. Was ein Mensch war und tat, überlebte ihn im Gedächtnis der anderen. Das Hávamál, das Lied vom Hohen, bringt diesen Gedanken auf den Punkt: Besitz vergeht, Verwandte sterben, man selbst stirbt - doch der gute Ruf, den sich einer erworben hat, stirbt niemals.
Darin liegt vielleicht der Kern der nordischen Todesvorstellung. Nicht die Angst vor Strafe, nicht die Hoffnung auf Belohnung stand im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie man in Erinnerung bleibt. Ein würdiges Leben, ein aufrechter Tod, ein ehrendes Gedächtnis - das war das Fortleben, auf das es ankam. Bis heute ehren wir unsere Toten, indem wir ihre Namen bewahren. Ein gutes Gedenkstück, ein Name in Stein oder Holz, hält diesen alten Gedanken lebendig.

Walhall · Hel – Göttin und Totenreich · Bootsbestattung – das brennende Schiff · Der Draugr – der wandelnde Tote · Heilige Berge & Felsen.
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