Suchen Sie einmal nach „Wikinger-Symbol Geburtsmonat". Sie bekommen Tabellen: Januar der Thorshammer, April das Vegvísir, Oktober der Valknut. Dazu Charakterdeutungen, fertig zum Teilen. Die Listen sehen alt aus, sie klingen alt, und sie widersprechen einander von Seite zu Seite – was schon der erste Hinweis ist. In keiner altnordischen Quelle, auf keinem Runenstein und in keiner Handschrift gibt es ein Symbolsystem nach Geburtsmonaten. Was es gibt, ist etwas anderes, und ehrlich gesagt ist es interessanter.

Die Listen kommen in drei Varianten. Erstens die Symbolzuordnung: jedem Monat ein Zeichen, meist aus dem üblichen Repertoire – Thorshammer, Valknut, Vegvísir, Ægishjálmr, Yggdrasil, Trollkreuz. Zweitens die Runenzuordnung: jedem Monat eine Rune aus dem Älteren Futhark, gern mit Charakterprofil. Drittens das „nordische Horoskop", meist zwölf oder dreizehn Abschnitte mit Tiernamen oder Götternamen, gebaut wie ein Sternzeichenkreis.
Vergleichen Sie zwei beliebige Seiten miteinander. Die Zuordnungen stimmen nicht überein. Mal gehört der Thorshammer zum Januar, mal zum Juni. Mal beginnt das Jahr am 1. Januar, mal an der Wintersonnenwende, mal irgendwo im Oktober. Das ist kein Überlieferungsproblem. Das ist das Muster von Inhalten, die unabhängig voneinander erfunden und dann voneinander abgeschrieben wurden.
Zur Sache selbst: Der Thorshammer ist als Amulett hundertfach belegt, der Valknut auf Bildsteinen und im Osebergfund. Das Vegvísir dagegen taucht erst 1860 in einer isländischen Papierhandschrift auf, der Ægishjálmr in frühneuzeitlichen Zauberbüchern. Welche nordischen Symbole alt sind und welche nicht, haben wir an anderer Stelle sortiert, ebenso den Sonderfall Vegvísir und Ægishjálmr. Keines dieser Zeichen ist je mit einem Monat verknüpft worden.
Die Bauanleitung ist gut dokumentiert – sie stammt nur aus dem 20. Jahrhundert.
1948 veröffentlichte der englische Dichter Robert Graves The White Goddess. Darin konstruierte er aus den Buchstabennamen des irischen Ogham einen „keltischen Baumkalender": dreizehn Monde, jedem ein Baum, jedem Baum eine Bedeutung. Graves stützte sich dabei nicht auf mittelalterliche irische Quellen, sondern unter anderem auf Ogygia, ein Werk des 17. Jahrhunderts. Die Keltologie hat den Kalender geschlossen verworfen; der Religionshistoriker Ronald Hutton nennt Graves' Buch eine Hauptquelle der Verwirrung über die alten Kelten, und Hilda Ellis Davidson warf ihm vor, seine Leser mit eleganten, aber irreführenden Behauptungen in die Irre zu führen. Mit einem historischen keltischen Kalender hat die Konstruktion nichts zu tun.
Trotzdem wurde sie zum Erfolg. Aus dem Baumkalender wurden „Baumhoroskope", aus den Baumhoroskopen wurden Geburtsbaum-Listen, und von dort ist es ein kleiner Schritt zu Geburtsmonat-Runen und Geburtsmonat-Symbolen. Das Format war da; man musste nur die Füllung austauschen.
Den zweiten Baustein lieferte 1982 Ralph Blum mit The Book of Runes. Das Buch machte das Runenlegen zum Massenphänomen und führte dabei eine leere Rune ein, die in keinem historischen Futhark vorkommt – in keiner Inschrift, auf keinem Stein, in keiner Handschrift. Wer heute im Handel ein Runenset mit blankem Plättchen kauft, kauft eine Erfindung von 1982. Mehr zum Unterschied zwischen Schriftzeichen und Orakel steht bei uns unter Runen.
Runen sind Buchstaben. Sie haben Namen, und über diese Namen wissen wir etwas – aus den drei Runengedichten. Das altenglische ist wohl früh entstanden; seine Handschrift verbrannte 1731, erhalten ist es durch einen Abdruck von George Hickes aus dem Jahr 1705. Das norwegische liegt in einer Abschrift des 17. Jahrhunderts nach einer Vorlage des 13. Jahrhunderts vor, das isländische in Handschriften ab etwa 1500.
Diese Gedichte sind Merkverse, oft rätselhaft gebaut. So klingt die erste Strophe des altenglischen Gedichts:
Feoh byþ frofur fira gehwylcum; sceal ðeah manna gehwylc miclun hyt dælan, gif he wile for drihtne domes hleotan.
„Besitz ist ein Trost für jeden Menschen; doch soll jeder reichlich davon austeilen, wenn er vor dem Herrn Ansehen erlangen will."Altenglisches Runengedicht, Strophe 1 (feoh); Übertragung von uns
Das ist eine Aussage über Reichtum und Freigebigkeit, gedacht als Gedächtnisstütze für einen Buchstaben. Es ist keine Charakterbeschreibung, keine Monatszuweisung und kein Orakelspruch. Die Runengedichte ordnen den Runen keine Jahreszeiten zu, keine Geburtsdaten und keine Persönlichkeiten.
Was die Quellen sehr wohl hergeben, sind Namen für die Monate – und zwar aus mehreren germanischen Sprachgebieten.
Beda Venerabilis listet um 725 in De temporum ratione die altenglischen Monatsnamen auf und erklärt einige davon: Eosturmonath sei nach einer Göttin Eostre benannt, Blodmonath sei der Monat der Opfer, in dem das Schlachtvieh den Göttern geweiht wurde, Solmonath der Monat der Kuchen, die man den Göttern darbrachte. Einhard berichtet in der Vita Karoli Magni, Kapitel 29, Karl der Große habe den Monaten fränkische Namen gegeben, und zählt sie auf: Wintarmanoth, Hornung, Lentzinmanoth, Ostarmanoth, Winnemanoth, Brachmanoth, Heuvimanoth, Aranmanoth, Witumanoth, Windumemanoth, Herbistmanoth, Heilagmanoth.
Im Norden hat sich der altisländische Kalender erhalten, mit Þorri, Gói und Einmánuður im Winter, Harpa, Skerpla, Sólmánuður, Heyannir, Tvímánuður, Haustmánuður im Sommer, dazu Gormánuður, Ýlir und Mörsugur. Die meisten dieser Namen begegnen in mittelalterlichen Quellen, unter anderem bei Snorri um 1220; regelmäßig gebraucht wurden offenbar vor allem die drei letzten Wintermonate. Ausführlich dazu unser Artikel über die germanischen Monatsnamen.
Diese Namen beschreiben Arbeit und Wetter: Erntemonat, Holzmonat, Heumonat, Fettsaugermonat. Kein einziger von ihnen trägt ein Zeichen, ein Tier oder eine Charakterdeutung. Sie sagen, was im Jahr zu tun ist – nicht, wer man ist.
Noch etwas spricht gegen ein Geburtsmonat-System: Der Monat war gar nicht die entscheidende Einheit.
Tacitus schreibt um 98 über die Germanen zwei Sätze, die erstaunlich gut zu allem Späteren passen:
Coeunt, nisi quid fortuitum et subitum incidit, certis diebus, cum aut incohatur luna aut impletur. […] Nec dierum numerum, ut nos, sed noctium computant.
„Sie versammeln sich, wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, an bestimmten Tagen, wenn der Mond neu wird oder voll ist. […] Und sie zählen nicht die Zahl der Tage wie wir, sondern die der Nächte."Tacitus, Germania 11; Übertragung von uns
Gerechnet wurde in Nächten – die Spur davon steckt noch im englischen fortnight und wohl auch in „Weihnachten", den heiligen Nächten. Gerechnet wurde nach dem Mond, und gerechnet wurde in Halbjahren. Der altisländische Kalender kennt zwei misseri, Sommer und Winter, jedes zu sechs Monaten, das Jahr zu genau 52 Wochen; alle paar Jahre schob man eine Schaltwoche ein, den sumarauki. Wer in dieser Ordnung geboren wurde, war im Sommer oder im Winter geboren, in einer bestimmten Woche, unter einem bestimmten Mond – aber nicht in einem „Zeichen". Wie sich die Mondrechnung praktisch anfühlt, kann man auf unserer Seite Mondkalender nachvollziehen.
Jetzt kommt die Wendung, die wir selbst am liebsten mögen: Es gibt tatsächlich Runen in Kalendern. Nur funktionieren sie völlig anders, als die Geburtsmonat-Listen behaupten.
Die nordischen Runenkalender, in Norwegen primstav, sind ewige Kalenderstäbe. Auf ihnen laufen die ersten sieben Runen des Jüngeren Futhark zweiundfünfzigmal durch und geben die Wochentage an. Daneben stehen neunzehn Zeichen für die Goldenen Zahlen des neunzehnjährigen Mondzyklus, mit denen sich der Neumond bestimmen ließ. Der älteste bekannte Stab dieser Art stammt aus Nyköping in Schweden und wird ins 13. Jahrhundert datiert; ein Primstav von 1457 liegt im Nationalmuseum in Kopenhagen. Die meisten erhaltenen Exemplare sind jünger, 16. und 17. Jahrhundert.
Die Runen stehen dort also für Wochentage und Mondphasen. Nicht für Monate, nicht für Charakter, nicht für Geburtstage. Und die Stäbe sind christliche Gebrauchsgegenstände – sie markieren Heiligenfeste.
Bleibt die Frage, ob es überhaupt so etwas wie nordische Astrologie gab. Die Antwort ist kurz: Aus heidnischer Zeit ist keine überliefert.
Sternbilder kannte man. Snorri erzählt, Thor habe die erfrorene Zehe des Riesen Aurvandil an den Himmel geworfen, seither heiße dort ein Stern Aurvandils tá; an anderer Stelle wirft Odin die Augen des Riesen Þjazi hinauf. Ein paar weitere Himmelsnamen sind überliefert, etwa ulfs keptr, Wolfsrachen, für die Hyaden und fiskikarlar, Fischer, für den Orion – diese Namen sind allerdings spät bezeugt. Ein Tierkreis, eine Häusereinteilung, eine Geburtsdeutung: nichts davon.
Die Tierkreiszeichen erreichten Island erst mit der lateinischen Schulgelehrsamkeit. Die isländischen Komputistik-Handschriften, angefangen mit Rím I von 1192, schöpfen aus Isidor von Sevilla, Beda und Honorius Augustodunensis. Das ist christliche Kalenderwissenschaft des 12. Jahrhunderts, importiert aus dem Süden – und nicht das Erbe der Wikingerzeit.
Wir gravieren viel für Geburtstage, und uns wird die Frage oft gestellt. Unsere Antwort ist keine Absage, sondern ein Tausch.
Nehmen Sie den Monatsnamen selbst. Gormánuður, der Schlachtmonat, für jemanden, der im Oktober geboren ist. Sólmánuður für den Juni. Das ist überliefert, es klingt gut, und man kann erklären, warum.
Oder nehmen Sie eine Rune – aber nach Bedeutung, nicht nach Datum. Die Runengedichte geben jeder Rune ein Bild mit. Wer sich für eines entscheidet, weil es zu einem Menschen passt, macht dasselbe, was ein Steinmetz des 11. Jahrhunderts auch getan hätte: eine bewusste Wahl statt einer Zuteilung.
Oder nehmen Sie das Fest, in dessen Nähe der Geburtstag liegt. Jul, das Sommer- oder das Winterhalbjahr, ein Datum im alten Jahreskreis. Das ist echt belegt, und es hat den Vorteil, dass niemand später peinlich berührt feststellt, seine „Geburtsrune" stamme aus einem Blogartikel von 2019.
Archäologischer Befund: Thorshammer-Amulette, Valknut-Darstellungen auf Bildsteinen und im Osebergfund, Runeninschriften zu Tausenden, Runenkalenderstäbe ab dem 13. Jahrhundert. Kein Fund verbindet ein Zeichen mit einem Geburtsmonat.
Zeitgenössische Schriftquellen: Tacitus zur Mondrechnung und zum Zählen nach Nächten; Beda zu den altenglischen Monatsnamen; Einhard zu den fränkischen. Alle drei nennen Monate, keiner nennt Monatszeichen.
Spätere Überlieferung: der altisländische Kalender mit misseri und Schaltwoche, überliefert seit dem 12. und 13. Jahrhundert; die drei Runengedichte; die isländische Komputistik ab Rím I (1192), die den lateinischen Tierkreis übernimmt. Das Vegvísir erscheint 1860, der Ægishjálmr in frühneuzeitlichen Zauberbüchern.
Moderne Deutung: der „keltische Baumkalender" von Robert Graves (1948), das Runenorakel von Ralph Blum (1982) samt leerer Rune, und daraus abgeleitet sämtliche Geburtsmonat-Listen des Internets. Das ist Esoterik des 20. und 21. Jahrhunderts – man darf sie mögen, man sollte sie nur nicht für alt halten. Wir finden das Echte ohnehin stärker: ein Monat, der nach der Arbeit heißt, die in ihm getan wird. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Vergessene germanische Monatsnamen · Wikinger Symbole & ihre Bedeutung – echt oder erfunden? · Vegvísir & Ægishjálmr · Runen & ihre Bedeutung · Jul – das Julfest · Der alte Jahreskreis zum Anfassen.