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Bogen und Pfeil – die unterschätzte Waffe des Nordens

Geschichte & Funde Bogen und Pfeil – die unterschätzte Waffe des Nordens

Wer an die Wikingerzeit denkt, sieht Schwert, Axt und Schildwall. Der Bogen taucht in diesem Bild kaum auf – und das ist ein Irrtum, den nicht die Wikinger zu verantworten haben, sondern der Boden. Holz verrottet, Eisen bleibt. Wo Pfeilspitzen zu Tausenden in den Fundkisten liegen, ist von den Bögen, die sie verschossen haben, fast nichts übrig. Diese Spurensuche sammelt zusammen, was wirklich erhalten ist: einen vollständigen Eibenbogen aus dem Hafen von Haithabu, einen zweiten aus einem irischen Crannóg, Pfeile, die seit Jahrhunderten im norwegischen Hocheis lagen, ein Gesetz, das je Ruderbank 24 Pfeile verlangt – und eine Handvoll Geschichten, in denen ein zerbrechender Bogen ein ganzes Königreich verliert.

Die Waffe, die im Boden verschwindet

Archäologie ist selten gerecht. Sie bewahrt, was chemisch stur ist, und vergisst, was lebendig war. Ein Schwert aus Eisen übersteht tausend Jahre im Grab, verrostet, aber erkennbar. Ein Bogen aus Eibenholz hält im normalen Boden vielleicht ein paar Jahrzehnte, dann ist er Humus. Genau deshalb ist unser Bild von der Bewaffnung der Wikingerzeit schief: Wir sehen die Metallteile und halten sie für das Ganze.

Der Effekt lässt sich sogar messen. Pfeilspitzen gehören zu den häufigsten Waffenfunden der Wikingerzeit überhaupt – sie liegen in Gräbern, in Siedlungsschichten, in Hafenschlick, in Kampfplatzhorizonten. Vollständige Bögen gibt es dagegen aus dem gesamten wikingerzeitlichen Nordeuropa nur eine Handvoll, und die stammen fast alle aus Feuchtboden, wo Sauerstoff fehlt und organisches Material konserviert wird. Wer aus dieser Fundverteilung schließt, die Nordleute hätten kaum geschossen, verwechselt Erhaltung mit Wirklichkeit. Ein Bogen ist keine seltene Waffe – er ist eine schlecht erhaltbare. Der Rest dieses Textes handelt davon, was passiert, wenn man die wenigen erhaltenen Stücke ernst nimmt und mit Recht, Dichtung und Bildern zusammenlegt. Wer den Überblick über die übrigen Waffengattungen sucht, findet ihn in unserer Waffenkunde.

Der Bogen aus dem Hafen von Haithabu

Das wichtigste Stück liegt ausgerechnet dort, wo man es am wenigsten erwartet: im Schlick eines Handelshafens. Bei den Hafengrabungen in Haithabu in den 1960er Jahren kam ein vollständiger Bogen zutage, dazu Bruchstücke mehrerer weiterer. Der Fundhorizont reicht vom 9. bis ins 11. Jahrhundert, also mitten durch die Wikingerzeit.

Die Maße sind bemerkenswert nüchtern und bemerkenswert groß: rund 191 Zentimeter Länge, etwa 4 Zentimeter Breite und 3,3 Zentimeter Dicke am Griff. Das Material ist Eibe, wie bei den meisten der Fragmente; ein Stück besteht aus Ulme. Im Querschnitt ist der Bogen D-förmig – flache Seite zum Schützen, gerundeter Rücken nach außen –, und er trägt eine dünne Schicht Splintholz auf dem Rücken. Wer sich mit Bogenbau auskennt, liest daran sofort ab, was gemeint war: Splintholz zieht, Kernholz drückt, und wenn man beide Lagen richtig stehen lässt, arbeitet der Stab wie ein natürlicher Verbundwerkstoff. Auffällig ist außerdem, dass für einen Teil der Haithabu-Stücke offenbar sehr junge, dünne Eibenstämmchen verwendet wurden. Das ist kein Notbehelf, sondern eine Bauweise: Ein schlanker Stamm liefert von Natur aus die richtige Schichtung von Splint und Kern.

Ballinderry: derselbe Bogen, 1.300 Kilometer weiter westlich

1932 wurde im Crannóg Ballinderry Nr. 1 in der irischen Grafschaft Westmeath ein zweiter vollständiger Bogen geborgen, ebenfalls aus Eibe, ebenfalls im Feuchtboden erhalten. Er misst rund 185 Zentimeter, ist in der Mitte etwa 3,8 Zentimeter breit und 2,85 Zentimeter dick – Werte, die dem Haithabu-Stück verblüffend nahekommen. Auch hier: D-förmiger Querschnitt, klar getrenntes Kern- und Splintholz. Datiert wird er ins späte 10. Jahrhundert.

Das Umfeld passt zum Bild eines wohlhabenden Haushalts in einer skandinavisch geprägten Region: Aus derselben Anlage stammen unter anderem Speerspitzen, eine Axtklinge und ein Spielbrett. Zwei Bögen aus zwei völlig verschiedenen Winkeln der nordischen Welt, die in Länge, Holzwahl und Querschnitt praktisch übereinstimmen – das ist archäologisch mehr wert als zwanzig Einzelstücke ohne Gegenstück. Es bedeutet: Es gab eine Bauform, ein Handwerkswissen, eine Norm. Der wikingerzeitliche Bogen war kein improvisierter Ast, sondern ein Produkt mit festen Regeln. Dass die Fachliteratur den irischen Fund lange als „unterschätzte Waffe" führte, sagt mehr über die Forschungsgeschichte als über die Waffe.

Nydam: das Massenlager der Bögen – aber vor der Wikingerzeit

Wer wissen will, wie eine nordische Bogenbewaffnung im Bestand aussah, muss ins Moor von Nydam in Südjütland. Bei den Grabungen Conrad Engelhardts 1859 bis 1863 und den Nachgrabungen des dänischen Nationalmuseums ab 1989 kamen rund vierzig Bögen und weit über hundert Pfeile ans Licht, dazu hölzerne Köcher, Schilde, Speere und die berühmten Boote. Es sind Kriegsbeuteopfer: erbeutete Ausrüstung, zerstört und im See versenkt.

Und hier ist die Einschränkung, die man nicht wegdiskutieren kann: Nydam gehört in die Zeit zwischen etwa 250 und 550 nach Christus. Das sind drei bis fünf Jahrhunderte vor Lindisfarne. Die Nydam-Bögen sind also keine Wikingerbögen, sondern deren Ahnen – Selfbows aus Eibe, Ulme oder Esche, meist zwischen 1,65 und 1,9 Meter lang. Dass die Maße bis nach Haithabu und Ballinderry stabil bleiben, spricht für eine sehr lange Kontinuität dieser Bauform im Norden. Aber es bleibt ein Analogieschluss und kein Beleg. Wer die Nydam-Stücke als „Wikingerbögen" verkauft, überspringt eine Zeitspanne, die länger ist als die gesamte Wikingerzeit.

Warum Eibe, und was Ulme und Esche damit zu tun haben

Eibe ist unter den europäischen Hölzern der Sonderfall. Ihr Kernholz nimmt Druck außergewöhnlich gut auf, ihr Splintholz ist elastisch und zugfest. Wer einen Stab so aus dem Stamm arbeitet, dass Splint auf dem Rücken und Kern auf dem Bauch liegt, bekommt gratis, wofür moderne Bogenbauer sonst Fiberglas und Kleber brauchen. Dass Eibe in Nydam, Haithabu und Ballinderry gleichermaßen auftaucht, ist also keine Modeerscheinung, sondern angewandte Materialkunde.

Ulme und Esche sind die naheliegenden Ersatzhölzer, und sie tauchen auch in den Funden auf. Beide sind zäh und verzeihen Fehler im Tillern eher als Eibe, liefern aber bei gleicher Länge weniger Wurfleistung. Ein Punkt wird dabei gern übersehen: Eibe wächst in Skandinavien nur eingeschränkt und war regional knapp. Für Norwegen und Schweden heißt das, dass gutes Bogenholz durchaus ein Handelsgut gewesen sein kann – so wie später im Spätmittelalter, als Eibenstäbe europaweit gehandelt wurden. Belegt ist ein wikingerzeitlicher Eibenhandel nicht; die Verteilung der Funde macht ihn aber plausibel. Und nebenbei erklärt das Holz auch ein mythologisches Detail, auf das wir weiter unten zurückkommen.

Wie ein solcher Bogen gebaut wird

Die erhaltenen Stücke sind allesamt Selfbows: ein Stab, ein Holz, keine aufgeleimten Lagen. Das klingt simpel und ist es nicht. Der Stamm wird gespalten, nicht gesägt – der Riss folgt dem Faserverlauf, und nur so bleibt die Faser über die ganze Länge durchgehend. Danach beginnt das Tillern, das schrittweise Ausarbeiten der Wurfarme, bis sich beide beim Ausziehen gleichmäßig biegen. Ein Fehler von zwei Millimetern an der falschen Stelle, und der Bogen bricht beim ersten kräftigen Zug.

Die Griffzone der Fundstücke ist nicht ausgeschnitten, sondern nur wenig verjüngt; der Bogen biegt also im Griff mit. Die Enden tragen einfache Kerben oder Nocken für die Sehne, teilweise mit Hornauflage – bei den erhaltenen wikingerzeitlichen Stücken ist das allerdings eher rekonstruiert als gesichert. Was in keinem Fund steht, aber jeder Bogenbauer weiß: So ein Stab muss langsam trocknen, oft über Jahre, und er wird nicht dauerhaft gespannt gelagert. Der Bogen ist damit ein Gegenstand mit Vorlaufzeit, ähnlich wie eine gute Klinge. Er entsteht nicht am Abend vor der Fahrt.

Die Sehne: das größte Loch im Befund

Hier wird es ehrlich unangenehm. Von den Bögen selbst haben wir zwei vollständige Exemplare. Von den Sehnen haben wir – nichts. Keine einzige gesicherte wikingerzeitliche Bogensehne aus Skandinavien. Was in Büchern und Shops über Hanf, Lein, Sehne oder Rosshaar steht, ist Analogie: hergeleitet aus späteren Quellen, aus anderen Regionen, aus dem, was technisch funktioniert.

Die naheliegenden Kandidaten sind pflanzliche Fasern – Hanf und Lein wurden im Norden angebaut und zu Seilen und Netzen verarbeitet – sowie Tiersehne, die extrem zugfest ist, aber bei Feuchtigkeit weich wird. Genau das macht sie im Nordseeklima zum zweifelhaften Kandidaten. Aus dem irischen Waterford gibt es eine brettchengewebte Seidenschnur, die als Bogensehne gedeutet wurde; sie datiert aber ins mittlere 12. Jahrhundert und ist damit nachwikingerzeitlich. In York fand sich ein Bienenwachsklumpen mit einer Rille, die von einer gespannten Schnur stammen könnte – ein hübscher Hinweis auf das Wachsen von Sehnen, mehr aber auch nicht. Bei der Sehne endet der Befund, und die Rekonstruktion beginnt. Das sollte man beim Erzählen nicht verwischen.

Wie stark war so ein Bogen wirklich?

Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht, wir können es nur nachbauen. Zugkraft misst man am gespannten Bogen, und keiner der Fundstücke ist heute schießbar. Alles, was man liest, stammt aus Repliken.

Diese Repliken sind allerdings aufschlussreich. Nachbauten des Haithabu- und des Ballinderry-Bogens liegen typischerweise bei 80 bis 100 englischen Pfund Zuggewicht, gemessen auf die moderne Auszugslänge von 28 Zoll – das entspricht etwa 36 bis 45 Kilogramm. Der Experimentalarchäologe Harm Paulsen baute eine besonders schwere Eibenversion mit rund 108 Pfund; sie erreichte im Test etwa 180 Meter Schussweite und brach nach ungefähr 200 Schuss. Beide Zahlen sind lehrreich. 180 Meter ist eine maximale Weitenmarke, keine Kampfentfernung: Gezielt getroffen wird auf einen Bruchteil davon. Und dass ein Bogen nach 200 Schuss aufgibt, sagt etwas über den Charakter der Waffe – sie ist ein Verbrauchsgut, kein Erbstück. Ein Schwert geht an den Sohn. Ein Bogen geht kaputt.

Pfeilspitzen: die wirklich große Fundgruppe

Was Bögen an Seltenheit haben, gleichen Pfeilspitzen mit Masse aus. Der schwedische Archäologe Erik Wegraeus legte 1971 die bis heute maßgebliche Typologie für wikingerzeitliche Pfeilspitzen Schwedens vor und ordnete sie in die Gruppen A1, A2, B, C, D1, D2, E1 und E2. Wer heute skandinavische Spitzen bestimmt, arbeitet in der Regel mit dieser Reihe oder einer ihrer Fortschreibungen.

Formal lassen sich drei Grundideen unterscheiden. Blatt- und rautenförmige Spitzen sind Allrounder – sie schneiden, bluten aus, funktionieren gegen Wild wie gegen ungeschützte Menschen. Widerhakenspitzen erschweren das Herausziehen und sind auf Wirkung im Weichgewebe gebaut. Und dann gibt es die langen, schmalen, im Querschnitt quadratischen oder rautenförmigen Formen, die man im Englischen bodkin nennt: kein Schneidwerkzeug, sondern ein Dorn, der Ringgeflecht und Leder aufsprengen soll. Die alte Faustformel „Blattspitze gleich Jagd, Bodkin gleich Krieg" ist bequem und in dieser Härte nicht haltbar – dieselben Formen tauchen in beiden Zusammenhängen auf. Was der Typ verrät, ist eher die beabsichtigte Wirkung als der Anlass.

Schaft, Nocke, Befiederung

Ein Pfeil ist mehr als seine Spitze, und ausgerechnet dieser Rest ist es, der fast nie überlebt. Aus dem Umfeld von Haithabu sind Pfeile mit parallelwandigen Birkenschäften beschrieben worden, mit Tüllen- beziehungsweise Dornspitzen und teilweise Nocken aus Buntmetall. Besonders reizvoll: In der Birkenteer-Verklebung haben sich Abdrücke der Federn erhalten, die eine Bestimmung erlaubten – Seeadler.

Das ist einer dieser Momente, in denen ein winziger Befund eine ganze Werkstatt sichtbar macht. Federn wurden gespalten, auf Länge geschnitten und mit Harz oder Birkenteer aufgesetzt, meist zusätzlich mit feinem Zwirn umwickelt. Drei Federn pro Pfeil sind der technische Normalfall, weil zwei zu wenig Drall und vier zu viel Widerstand geben. Beim Schaftholz greifen die Funde auf das, was gerade ist und gerade bleibt: Birke, Kiefer, Fichte. Was in Rekonstruktionen häufig unterschätzt wird, ist der Aufwand. Ein Schütze mit zwei Dutzend Pfeilen trägt Dutzende Arbeitsstunden mit sich herum – und verliert sie beim ersten Fehlschuss im Unterholz.

Köcher: Leder, Holz und ein östlicher Sonderfall

Aus Haithabu sind Fragmente lederner Köcher bekannt, aus denen sich ein leicht konisches Rohr von rund 62 Zentimetern Länge und etwa 9 Zentimetern Öffnungsdurchmesser rekonstruieren lässt, mit gefranstem Rand und zwei angesetzten Lederstücken mit Schlitzen – vermutlich für einen Schulterriemen. Aus Nydam stammen hölzerne Köcher, die zeigen, dass diese Bauart im Norden lange Tradition hatte.

Das ist praktischer, als es klingt. Ein Köcher schützt nicht nur die Spitzen, sondern vor allem die Befiederung, und die ist gegen Nässe und Quetschung extrem empfindlich. Ein Deckel oder eine umschlagbare Klappe ist auf einem offenen Schiff kein Luxus. Interessant wird es bei den Köcherbeschlägen aus Birkas Garnison: Sie gehören zum geschlossenen Köchertyp der eurasischen Steppe, nicht zum nordischen Rohrköcher. Wer im Norden also Bogenausrüstung diskutiert, hat es mit mindestens zwei Traditionen zu tun – einer bodenständigen und einer importierten. Dazu gleich mehr.

Der Bogen im Gesetz: 24 Pfeile je Ruderbank

Die berühmteste Stelle zur nordischen Bogenbewaffnung ist keine Sage, sondern ein Gesetzestext. Die Bestimmungen zum leiðangr, dem Flottenaufgebot, verlangen im älteren Gulathingsrecht, dass jeder Mann mindestens Axt oder Schwert zusätzlich zu Speer und Schild stellt – und dass auf jede Ruderbank, also üblicherweise auf zwei Mann, ein Bogen und 24 Pfeile kommen.

Das ist ein außergewöhnlich handfester Beleg, und trotzdem gehört ein großes Aber davor. Die norwegischen Landschaftsrechte sind erst im 11. und 12. Jahrhundert schriftlich fixiert worden, also am Ende oder nach der Wikingerzeit. Sie beschreiben eine Ordnung, die vermutlich älter ist, aber sie beschreiben sie aus der Sicht einer bereits durchorganisierten Königsherrschaft. Man darf daraus lesen: Der Bogen war so selbstverständlich Teil der Schiffsbewaffnung, dass der Gesetzgeber ihn quotierte. Man darf daraus nicht lesen: So war es 793 auch schon. In dieselbe Rechtswelt gehört der herör, der Kriegspfeil, der als Aufgebotszeichen von Hof zu Hof weitergegeben wurde – wer dem Pfeil nicht folgte, hatte ein Verfahren am Hals. Der Pfeil war also nicht nur Geschoss, sondern Rechtssymbol.

Bogenschützen an Bord: die Seeschlacht

Nordische Seeschlachten waren keine Manöverschlachten. Die Schiffe wurden zusammengebunden, und dann kämpfte man über die Bordwände hinweg wie an Land – nur mit weniger Platz und ohne Rückzugsweg. In genau dieser Situation ist der Bogen die einzige Waffe, die über die feindliche Schildreihe hinweg wirkt. Auf einem offenen Ruderschiff gibt es keine Deckung außer dem Schild des Nachbarn.

Die bekannteste Bogenszene der altnordischen Literatur spielt bei Svolder um das Jahr 1000. Snorri lässt Einarr Þambarskelfir vom Schiff Olaf Tryggvasons aus auf Jarl Eirik schießen; ein gegnerischer Schütze trifft im Moment des Auszugs Einarrs Bogen, der mit lautem Knall zerspringt.

Der König sprach: „Was zerbrach da so laut?" Einarr antwortete: „Norwegen aus deiner Hand, König."Snorri Sturluson, Heimskringla, Óláfs saga Tryggvasonar Kap. 108 (Kapitelzählung je nach Ausgabe abweichend); altnordischer Text gemeinfrei, Übersetzung: Glanz & Gravur

Snorri erzählt weiter, dass Olaf dem Schützen seinen eigenen Bogen reicht, Einarr ihn kurz anzieht und urteilt, er sei zu schwach für einen Königsbogen. Als Geschichtsquelle ist die Szene mit Vorsicht zu genießen: Snorri schreibt gut zweihundert Jahre nach dem Ereignis und komponiert eine Schlüsselszene. Als Zeugnis dafür, welchen Rang ein guter Bogen und ein guter Schütze im Denken des Nordens hatten, ist sie kaum zu überbieten.

Stiklestad und der Pfeil, der nicht mehr herauskam

Die zweite große Bogenszene ist unromantischer. Nach der Schlacht von Stiklestad 1030 sitzt der Skalde Þormóðr Kolbrúnarskáld mit einem Pfeil in der Seite in einer Scheune, in der die Verwundeten versorgt werden. Die Heilerin kocht einen Brei aus zerstoßenem Lauch und Kräutern und gibt ihn den Bauchverwundeten zu essen; anschließend riecht sie an der Wunde. Kommt der Lauchgeruch durch, ist der Darm verletzt, und der Mann ist verloren.

Þormóðr lehnt den Brei ab – er sei nicht breikrank –, zieht sich die Pfeilspitze selbst heraus, betrachtet das Fett an den Widerhaken und stirbt mitten in einer Strophe. Die Szene ist Literatur, kein Protokoll, und sie ist von Snorri kunstvoll gebaut. Aber sie enthält zwei sachliche Kerne, die zum archäologischen Befund passen: Pfeilverletzungen waren ein normaler Teil des Schlachtfeldes, und die Widerhakenspitze war genau deshalb gefürchtet, weil sie beim Herausziehen mehr zerstört als beim Eindringen. Wer über die Ordnung im Kampf mehr wissen will, findet sie beim Schildwall.

Der Bogen als Werkzeug: Jagd im Hochgebirge

Weit häufiger als auf Menschen wurde auf Tiere geschossen, und ausgerechnet hier liefert die Forschung der letzten Jahre die spektakulärsten Funde. In den norwegischen Hochgebirgen schmelzen ortsfeste Eisflecken ab, und darunter kommt heraus, was Jäger dort über Jahrtausende verloren haben. Am Eisfleck Langfonne in Jotunheimen wurden 68 Pfeile geborgen, die ältesten um 4100 vor Christus, die jüngsten um 1300 nach Christus.

Der Grund für diese Fundhäufung ist biologisch: Rentiere fliehen im Sommer vor Insekten auf die kühlen Schneefelder, und die Jäger folgten ihnen dorthin. Dazu kommen hölzerne Scheuchstöcke, mit denen Tiere in Schussrichtung getrieben wurden – Jagd war organisierte Arbeit, nicht Pirsch mit Glück. Eine Präzisierung ist hier nötig, weil sie oft durcheinandergeht: Der bekannte Fundplatz Lendbreen ist in erster Linie ein Gebirgspass mit Verkehrsfunden, darunter die berühmte Wolltunika; die große Pfeilserie stammt von Langfonne und anderen Jagd-Eisflecken. Und streng genommen handelt es sich um Eisflecken, nicht um fließende Gletscher – das ist der Grund, warum die Objekte überhaupt an Ort und Stelle liegen bleiben.

Der östliche Bogen: Reflexbogen, Daumenring, Birkas Garnison

In Birkas Garnison und den zugehörigen Gräbern liegt Material, das im Norden nichts zu suchen hat: Beinplatten, wie sie zur Versteifung von Kompositbögen aus Holz, Horn und Sehne verwendet wurden, dazu Beschläge geschlossener Köcher und ein Objekt, das als Daumenring gedeutet wird. Vergleichbare Plattenfunde gibt es aus Alt-Ladoga. Beides liegt weit außerhalb des eigentlichen Verbreitungsgebiets des Kompositbogens, und die Rückseiten der Platten sind zum Verkleben geglättet – es geht also um Herstellung oder Reparatur vor Ort.

Das ist ein starker Hinweis auf östliche Kontakte, aber kein Beleg für eine skandinavische Kompositbogen-Tradition. Der Daumenring gehört zum sogenannten mongolischen Auszug, einer völlig anderen Schießtechnik als der mediterrane Dreifingerauszug, den die langen Selfbows nahelegen. Wer im Norden mit Kompositbogen und Daumenring schoss, hatte sein Handwerk sehr wahrscheinlich im Osten gelernt – in der Welt der Rus, der Chasaren, der Steppe. Der Normalfall im Nordwesten blieb der lange Eibenbogen. Zwei Traditionen, ein Handelsplatz: Das ist eine typisch wikingerzeitliche Konstellation.

Ullr, Höðr und der Böksta-Stein

Die Mythologie bestätigt, was das Handwerk nahelegt. Ullr wohnt nach Grímnismál 5 in Ýdalir, den „Eibentälern" – und das altnordische Wort ýr für Eibe wird zugleich als Wort für den Bogen selbst gebraucht. Snorri führt ihn in den Kenningarlisten unter anderem als Bogen-Ase, Jagd-Ase, Ski-Ase und Schild-Ase. Wer eine Gottheit in den Eibentälern ansiedelt, sagt damit im Bild: Hier wohnt der Bogen.

Auf dem Runenstein U 855 von Böksta in Uppland, gut in die Mitte des 11. Jahrhunderts zu setzen, ist eine Jagdszene geritzt: ein Reiter mit Speer, zwei Hunde, zwei Vögel, ein Elch – und eine zweite Gestalt auf Skiern mit gespanntem Bogen. Sie gilt als älteste erhaltene Skifahrerdarstellung Schwedens. Die Deutung als Ullr ist naheliegend und weit verbreitet, aber sie bleibt eine Deutung: Der Stein selbst nennt keinen Gottesnamen, und eine Jagdszene mit Skiläufer ist im mittelschwedischen Winter nichts Übernatürliches. Bei Höðr wiederum ist die verbreitete Vorstellung vom Mistelpfeil zumindest unscharf. Snorri schreibt, Höðr habe die Mistel genommen und geschossen; von einem Bogen ist nicht die Rede, und bei Saxo tötet Høtherus Baldr mit einem Schwert.

Was gesichert ist

Gesichert ist: Es gibt zwei vollständige wikingerzeitliche Bögen aus Feuchtboden – Haithabu, rund 191 cm, Eibe, aus den Hafengrabungen der 1960er Jahre, und Ballinderry Nr. 1 in Irland, rund 185 cm, Eibe, spätes 10. Jahrhundert; beide D-förmig im Querschnitt mit Splintholz auf dem Rücken. Gesichert sind Tausende eiserner Pfeilspitzen, typologisch nach Wegraeus 1971 in die Gruppen A bis E geordnet, darunter 25 Spitzen des Typs D1 im Birkaer Grab Bj 581. Gesichert sind lederne Köcherfragmente aus Haithabu und hölzerne Köcher aus Nydam. Gesichert ist die Rechtsbestimmung des älteren Gulathingsrechts, wonach je Ruderbank ein Bogen und 24 Pfeile zu stellen sind – niedergeschrieben allerdings erst im 11./12. Jahrhundert. Gesichert sind Beinplatten von Kompositbögen sowie östliche Köcherbeschläge aus Birkas Garnison und aus Alt-Ladoga. Gesichert sind schließlich 68 Pfeile vom Eisfleck Langfonne in Jotunheimen mit einer Datierungsspanne von etwa 4100 v. Chr. bis um 1300 n. Chr.

Mythos-Check

„Die Wikinger nutzten kaum Bögen" ist falsch. Der Eindruck entsteht durch Erhaltungsbedingungen: Holz vergeht, Eisen bleibt. Gesetz, Dichtung, Bildstein und Fundmaterial belegen den Bogen als selbstverständlichen Teil der Ausrüstung. – „Die Wikinger schossen mit Kompositbögen" ist ebenfalls falsch. Die Beinplatten aus Birka und Ladoga sind Ausnahmen und belegen östliche Kontakte, nicht eine nordische Bauweise; der Normalfall war der lange Selfbow aus Eibe. – Brennende Pfeile, die Schiffe in Flammen setzen, sind ein Kinobild: Brandpfeile haben schlechte Reichweite und schlechte Zündwirkung, die nordischen Quellen beschreiben Seekampf als Entern und Nahkampf, und für die brennende Bestattungsfahrt auf See gibt es keinen archäologischen Beleg. – Die Nydam-Bögen sind keine Wikingerbögen, sondern 300 bis 500 Jahre älter. – Die 24 Pfeile je Ruderbank stehen in einem nachwikingerzeitlich aufgeschriebenen Gesetz. – Die Ullr-Deutung des Böksta-Steins ist plausibel, aber nicht gesichert, und Höðr schießt bei Snorri die Mistel ohne genannten Bogen.

Warum der Bogen aus dem Bild verschwand

Die Nordleute selbst haben den Bogen nicht kleingeredet – ihre Gesetze quotieren ihn, ihre Dichtung feiert ihn, ihre Götter tragen ihn. Kleingeredet hat ihn die Nachwelt. Das Bild vom Wikinger als Nahkämpfer mit Axt und Schild stammt aus der Nationalromantik des 19. Jahrhunderts und aus dem Kino des 20., und es passt schlecht zu einem Kämpfer, der aus siebzig Metern Entfernung trifft. Fernwaffen gelten in dieser Erzählweise als unheldisch, und was nicht ins Heldenbild passt, wird weggelassen.

Die Archäologie korrigiert das langsam. Wo systematisch geschlämmt und feinstratigrafisch gegraben wird, tauchen Pfeilspitzen in Mengen auf, die vorher schlicht durch die Siebe gefallen sind. Wo Eis schmilzt, kommen ganze Pfeile mit Schaft, Sehnenbindung und Federansatz zutage. Das Bild verschiebt sich – nicht, weil es neue Wikinger gäbe, sondern weil wir endlich das Material sehen, das immer da war.

Was der Bogen über die Wikingerzeit erzählt

Am Ende ist der Bogen genau deshalb interessant, weil er so unheroisch ist. Er ist billig gegenüber einem Schwert, aber teuer an Zeit. Er hält keine Generationen, sondern ein paar hundert Schuss. Er tötet auf Distanz, und er ernährt eine Familie – dieselbe Waffe, mit der man auf dem Ruderdeck steht, holt im Herbst das Rentier von der Hochfläche.

Diese Doppelrolle ist der eigentliche Befund. Schwert und Prunkaxt sind Statuszeichen einer Oberschicht; der Bogen ist Alltagsgerät und Kriegswaffe zugleich, und er sitzt damit näher am wirklichen Leben der Wikingerzeit als alles, was in den Vitrinen glänzt. Man muss ihn sich nicht dramatischer vorstellen, als er war. Ein gespaltener Eibenstab, zwei Dutzend Birkenschäfte mit Seeadlerfedern, ein Lederrohr über der Schulter – und die Gewissheit, dass der teuerste Teil der Ausrüstung nicht das Eisen war, sondern die Zeit, die darin steckte. Was von alldem im Boden bleibt, ist eine Handvoll Rost. Was daraus rekonstruierbar ist, ist eine erstaunlich vollständige Waffe.

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