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Kubb – das „Wikingerschach" ohne Wikinger

Alltag & Kultur Kubb – das „Wikingerschach" ohne Wikinger

Fünf mal acht Meter Rasen, zehn Holzklötze, sechs Wurfhölzer, ein König in der Mitte. Kubb ist das beste Gartenspiel, das wir kennen: in zehn Minuten erklärt, in zehn Jahren nicht ausgereizt. Auf der deutschen Verpackung steht fast immer „Wikingerschach", manchmal mit einer Geschichte über Schädel erschlagener Feinde. Diese Geschichte ist frei erfunden. Kubb ist ein junges Spiel, und das macht es kein bisschen schlechter – man sollte nur wissen, was man da wirft.

Ein Kubb-Spielset aus Holz: König, Kubbs und Wurfhölzer
Ein Kubb-Set, wie es heute im Handel ist: zehn Kubbs, sechs Wurfhölzer, ein König. Die Ausrüstung ist modern, und das Spiel selbst lässt sich nicht weiter zurückverfolgen als ins 19. Jahrhundert. Bild: gemeinfrei.

Zehn Klötze, sechs Stöcke, ein König

Das Feld ist ein Rechteck von fünf mal acht Metern, abgesteckt mit vier Eckstäben und geteilt durch eine Mittellinie. Auf jeder Grundlinie stehen fünf Kubbs: gedrungene Holzklötze, im Wettkampfmaß sieben mal sieben Zentimeter im Querschnitt, fünfzehn Zentimeter hoch. In der Mitte steht der König, dreißig Zentimeter hoch und deutlich dicker. Geworfen wird mit sechs Rundhölzern von dreißig Zentimetern Länge und gut vier Zentimetern Durchmesser.

Zwei Mannschaften, je eine Grundlinie. Man wirft die Hölzer von unten, beide Füße hinter der eigenen Wurflinie, und versucht, die gegnerischen Kubbs zu treffen. Was fällt, kommt nicht aus dem Spiel: Der Gegner sammelt die gefallenen Klötze ein und wirft sie im nächsten Zug hinüber auf die andere Hälfte. Dort werden sie aufgestellt, wo sie liegen bleiben. Sie heißen jetzt Feldkubbs.

Damit ändert sich alles. Wer an der Reihe ist, muss erst sämtliche Feldkubbs fällen, bevor die Kubbs auf der gegnerischen Grundlinie überhaupt zählen. Trifft man vorher einen Grundlinienkubb, wird er wieder aufgestellt. Dafür bekommt man etwas zurück: Die eigene Wurflinie rückt vor bis auf Höhe des vordersten noch stehenden Feldkubbs. Je weiter der Gegner seine Kubbs hinüberwirft, desto näher darf man heran.

Wer alle Feldkubbs und alle Grundlinienkubbs des Gegners gefällt hat, darf auf den König. Der muss von der eigenen Grundlinie aus fallen, nicht von der vorgerückten Wurflinie, und mit einem einzelnen Wurfholz. Dann ist das Spiel vorbei.

Die eine Regel, die jedes Spiel entscheidet

Wer den König zu früh umwirft, hat verloren. Sofort. Egal ob mit dem Wurfholz, mit einem zurückgeworfenen Kubb oder aus Versehen beim Aufstellen. Die Wettkampfregeln formulieren das trocken als Holz gegen Holz: Berührung genügt, wenn der König fällt.

Das klingt nach einer Fußnote und ist in Wahrheit der Kern des Spiels. Es zwingt jeden dazu, das eigene Können ehrlich einzuschätzen. Der letzte Grundlinienkubb steht neben dem König, und man hat noch vier Hölzer in der Hand. Wirft man? Jeder, der Kubb länger spielt, hat ein Spiel so verloren. Wir auch.

Woran sich Gartenrunden zuverlässig zerstreiten

Kubb hat wenige Regeln und viele Grauzonen. Vier davon reichen für jeden Streit.

Der Helikopter. Das Wurfholz muss von unten kommen und sich über die Enden drehen, nicht flach wie ein Rotorblatt. Nur: ab wann ist es flach? Die WM-Regeln verbieten den Helikopterwurf und ziehen die Grenze bei dreißig Grad Drehung in der Waagerechten, andere Regelwerke sprechen von höchstens fünfundvierzig Grad aus der Senkrechten. Wer im Garten spielt, hat keinen Winkelmesser. Also wird diskutiert.

Der Einwurf. Gefallene Kubbs müssen auf die gegnerische Hälfte geworfen werden und dort liegen bleiben. Zweimal darf man es versuchen. Klappt es nicht, wird der Klotz zum Strafkubb: Der Gegner stellt ihn hin, wo er will – nur nicht näher am König oder an einem Eckstab als die Länge eines Wurfholzes. Ein guter Einwerfer, auf Gotländisch inkastare, ist in einer Mannschaft mehr wert als ein guter Werfer.

Die Lage der Feldkubbs. Sie werden dort aufgestellt, wo sie liegen. Zwei Kubbs, die nacheinander liegen, kann man mit einem Holz erwischen. Ob ein Kubb, der an einem anderen lehnt, „steht", ist die Frage, die am Ende jeder Grillsaison offenbleibt.

Die Wurflinie. Beide Füße hinter der Linie, bis das Holz aus der Hand ist. Auf dem Rasen ohne Markierung ist diese Linie ungefähr da, wo der Werfer sie gern hätte.

Rone auf Gotland, seit 1995

Die Weltmeisterschaft im Kubb findet seit 1995 in Rone auf Gotland statt, jedes Jahr Anfang August. Im ersten Jahr traten 28 Mannschaften an, und der Name war, freundlich gesagt, ambitioniert: Das Turnier war eine rein gotländische Angelegenheit.

Das hielt nicht lange. 1996 waren es 59 Mannschaften, 1998 schon 102, 1999 kamen die ersten ausländischen Teams – zwei aus den Niederlanden –, und 2002 standen 183 Mannschaften auf den Wiesen. Gespielt wird in Sechsermannschaften, und es gibt bis heute keine Leistungsklassen – alle in einem Topf, vom Dorfteam bis zum Titelverteidiger. Für die früh Ausgeschiedenen wurde eine kleine Weltmeisterschaft erfunden, damit niemand nach zwei Stunden nach Hause fährt.

In Deutschland hat sich das Spiel ab den 1990er-Jahren verbreitet, seit 2011 gibt es eine Europameisterschaft in Berlin. 2013 ging der Titel auf Gotland mit den „Kubb'Ings" erstmals an eine Mannschaft von außerhalb Skandinaviens – ein deutsches Team. In den USA läuft die nationale Meisterschaft in Eau Claire, Wisconsin; in Belgien wurden allein 2012 über fünfzig Turniere gezählt. Ein Spiel, das auf einer Ostseeinsel aus dem Nichts kam, hat in gut zwanzig Jahren die halbe Welt erreicht.

Die Ahnentafel, die nicht stimmt

Und jetzt der Teil, der auf keiner Verpackung steht.

1912 richtete Stockholm die Olympischen Spiele aus, und in diesem Zusammenhang wurden in Schweden traditionelle Spiele gesammelt und beschrieben. Auf Gotland war Kubb damals offenbar unbekannt. Die früheste bekannte Erwähnung des Namens stammt von 1931: Ein gotländischer Volkskundler hörte ihn auf Fårö, der kleinen Insel nördlich von Gotland. Das ist der älteste Beleg für das Wort. Nicht für das Spiel der Wikingerzeit, sondern für das Wort, im 20. Jahrhundert.

Vorläufer gibt es trotzdem. Der Forscher Sören Wallin hat das schwedische kägelkrig – wörtlich Kegelkrieg – als den eigentlichen Vorfahren bestimmt; es ist 1911 in einem Nachschlagewerk beschrieben und auf dem schwedischen Festland spätestens seit 1878 bezeugt. Noch weiter zurück liegen Spiele, die dieselbe Grundidee haben: zwei Parteien, umgeworfene Kegel wandern auf die Gegenseite, ein Königskegel in der Mitte. Ein polnisches Spiel des 16. Jahrhunderts kennt das, und die „Kaisers", die um 1800 in Leipzig gespielt wurden, ebenfalls. Geworfen wurde dort allerdings mit Kugeln, nicht mit Hölzern.

In den 1980er-Jahren wurde Kubb auf Gotland zur lokalen Mode, Ende der 1980er begann die erste kommerzielle Herstellung, 1995 kam die WM, und mit dem Export kam die Legende. „Viking chess", „Old Norse Viking outdoor game", auf Deutsch Wikingerschach – das sind Verkaufsargumente, keine Quellenangaben. Die Variante mit den Schädeln erschlagener Feinde als Kubbs und einem Oberschenkelknochen als Wurfholz ist eine reine Erfindung des Marketings. Kein mittelalterlicher Text, keine Grabung, kein Bildstein zeigt so etwas.

Was in der Wikingerzeit wirklich gespielt wurde

Das Ärgerliche an der erfundenen Herkunft ist, dass sie nicht nötig wäre. Es gibt genug echtes Spielzeug im Boden.

Das bekannteste Spiel des Nordens ist Hnefatafl, ein Brettspiel mit ungleichen Parteien: Ein König mit wenigen Verteidigern in der Mitte, eine Übermacht am Rand. Spielbretter sind gefunden worden, echte, hölzerne, mit Löchern oder Feldern – in Coppergate in York aus der Zeit um 950 bis 1025, in Toftanes auf den Färöern aus dem 10. Jahrhundert, in Irland und auf den Orkneys. Die Brettgrößen schwanken, was heißt: Es gab nicht ein Regelwerk, sondern eine Familie von Varianten.

Spielsteine liegen in Gräbern, und zwar nicht selten. Im Bootsgrab von Scar auf Sanday, Orkney, datiert zwischen 875 und 950, lagen bei dem Mann neben Schwert und Köcher auch Spielsteine. In der Birka-Bestattung 886 kamen fünfundzwanzig halbkugelige Steine aus Knochen oder Horn zutage. In den Schiffsgräbern von Salme in Estland, kurz vor der Wikingerzeit um 750 niedergelegt, fanden sich einundsiebzig Spielsteine und Würfel. Würfel gehören dazu; gespielt und gewettet wurde überall.

Wer ein Brettspiel mit ins Grab bekommt, hat es im Leben gespielt. Das ist der Befund. Dass Kinder daneben mit Holzschwertern, Schiffchen und Kreiseln hantierten, zeigen die Funde aus den Handelsplätzen – mehr dazu in unserem Beitrag über die Kindheit bei den Wikingern. Und draußen, unter freiem Himmel, gab es Ringkampf, Ballspiel, Schwimmwettkämpfe und Pferdekämpfe; die schriftlichen Belege dafür stammen aus den Isländersagas und was sie über Glíma und Knattleikr erzählen.

Ein Wurfspiel mit Holzklötzen ist damit nicht ausgeschlossen. Nur: Es wäre archäologisch unsichtbar. Zehn unverzierte Holzklötze auf einer Wiese hinterlassen nichts, was man tausend Jahre später als Spiel erkennen könnte. Fehlender Beleg ist kein Gegenbeweis – aber er ist eben auch kein Beleg. Und eine Kette von schriftlichen Erwähnungen, wie sie das Hnefatafl hat, fehlt bei Kubb vollständig.

Gotland, ausgerechnet

Eine Pointe hat die Sache doch. Kubb kommt von der Insel, die in der Wikingerzeit wie kaum ein anderer Ort mit der Welt verbunden war. Auf Gotland liegen mehr Silberschätze im Boden als irgendwo sonst in Skandinavien, und die gotländischen Bildsteine zeigen Schiffe, Reiter und Szenen, über die bis heute gestritten wird.

Nur eben keinen Kubb. Die Insel hat der Welt zwei Dinge gegeben, tausend Jahre auseinander: das Silber und das Spiel. Beides ist echt. Nur nicht gleichzeitig.

Beleg, Marketing, Deutung – sauber getrennt

Belegt ist: der Name „kubb" seit 1931 auf Fårö, das nahe verwandte kägelkrig in Schweden seit spätestens 1878, verwandte Kegelspiele mit Königskegel seit dem 16. Jahrhundert, der Boom auf Gotland in den 1980ern, die erste Weltmeisterschaft 1995 in Rone.

Archäologisch belegt für die Wikingerzeit sind Brettspiele und Spielsteine in Gräbern und Siedlungen, Würfel und die Bretter von York, Toftanes und anderswo.

Modernes Marketing sind die Namen „Wikingerschach" und „Viking chess", die Geschichte von den Schädeln und jede Angabe, die Kubb ins 9. oder 10. Jahrhundert datiert.

Moderne Deutung ist die Ableitung aus dem kägelkrig – gut begründet, aber eine Rekonstruktion und kein Dokument.

Uns stört die falsche Ahnentafel nicht, weil sie das Spiel schlechter machen würde. Sie stört, weil sie eine echte Geschichte verdeckt: die einer Ostseeinsel, die in dreißig Jahren ein Dorfspiel zum Weltturnier gemacht hat. Werft weiter. Nur nicht auf den König, solange noch etwas steht. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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