Südwestlich des Plattensees, wo die Zala durch Schilf und Moor zum Kleinen Balaton fließt, liegt das Dorf Zalavár. Auf einer flachen Insel im ehemaligen Sumpf stand im 9. Jahrhundert eine Burg, die die Quellen Mosapurc nennen, „Moosburg“. Hier saßen der Slawenfürst Pribina und sein Sohn Kocel, hier weihten Salzburger Erzbischöfe Kirchen, und hier machten Konstantin, der spätere Kyrill, und sein Bruder Method im Jahr 867 Station. Dieser Beitrag sammelt, was die Texte über das Land sagen, trennt es von späteren Deutungen und sagt offen, wo wir nur Sekundärliteratur gelesen haben.
Kein Text des 9. Jahrhunderts, den wir kennen, spricht von einem Volk der „Pannonischen Slawen“. Die lateinischen Quellen sagen Sclavi, Slawen, und nennen sie nach dem Land oder nach ihrem Fürsten. Der Ausdruck ist eine Sammelbezeichnung der modernen Forschung für die slawischsprachigen Menschen im westlichen Teil des Karpatenbeckens, vor allem für das Herrschaftsgebiet, das Pribina und Kocel zwischen etwa 840 und 876 von Moosburg aus regierten. Die deutsche Forschung spricht vom Plattenseefürstentum, die slowakische von Blatnohrad (vom slawischen blato, „Sumpf“, „Morast“), die ungarische von Mosaburg oder Zalavár.
Einige Begriffe vorweg. Pannonien war der Name einer römischen Provinz zwischen Ostalpen, Donau und Save; im 9. Jahrhundert war er ein gelehrter Landesname, und die fränkischen Quellen unterscheiden ein oberes und ein unteres Pannonien. Unterpannonien (Pannonia inferior) meint in den hier besprochenen Texten grob das Land östlich und südlich der Raab bis zur Drau und zur Donau; wie weit es genau reichte, ist umstritten. Ein dux ist in fränkischen Texten ein Fürst oder Heerführer, ein comes ein Graf, also ein Amtsträger des Königs. Ein beneficium (Lehen) ist ein Gut, das jemand zur Nutzung erhält, solange er dem Herrn treu dient; Eigentum (proprietas) kann er dagegen vererben und verschenken. Ein Archipresbyter (Erzpriester) leitet als Vertreter des Bischofs die Priester eines Gebiets, ein Chorbischof ist ein Hilfsbischof ohne eigenen Bischofssitz. Glagolitisch heißt die älteste slawische Schrift, die Konstantin-Kyrill zugeschrieben wird; mit der späteren kyrillischen Schrift ist sie nicht identisch.
Bis zum Ende des 8. Jahrhunderts beherrschten die Awaren, ein Reitervolk aus der Steppe, das Karpatenbecken. Karl der Große führte ab 788 Krieg gegen sie. Die Reichsannalen (Annales regni Francorum) berichten zu 788, Karl sei nach Regensburg gekommen und habe dort die Grenzen Bayerns gegen die Awaren geordnet; Weihnachten und Ostern feierte er anschließend in der Pfalz Aachen (in Aquis palatio). Aachen war damit schon in den ersten Jahren dieses Konflikts der Ort, an dem der König überwinterte – ein Stück Regionalgeschichte für alle, die wie wir aus dem Aachener Raum schreiben, mehr aber auch nicht: Mit Pannonien hatte die Pfalz nur über den König zu tun.
Nach einem gescheiterten Feldzug 791 (eine Seuche raffte den Großteil der fränkischen Pferde dahin) plünderten 795 oder 796 Leute Erichs von Friaul zusammen mit dem Slawen Woynimir den „Ring“, die Residenz des Khagans, und schickten den Schatz an Karl, der einen Teil an den Papst weitergab. 796 kam nach den Reichsannalen ein awarischer Würdenträger, der Tudun, „mit einem großen Teil der Awaren“ zum König, unterwarf sich und ließ sich taufen; im selben Jahr zerstörte Karls Sohn Pippin den Ring endgültig. Nach der deutschen Wikipedia bestand danach von etwa 805 bis 828 noch ein abhängiges awarisches Khaganat. Die Awaren verschwinden in den folgenden Jahrzehnten als politische Größe; einzelne Gruppen werden noch genannt.
Die Salzburger Conversio (dazu gleich mehr) erzählt diese Zeit aus kirchlicher Sicht. Nach ihrem zehnten Kapitel übertrug Kaiser Karl der Salzburger Kirche die Seelsorge über die besiegten Awaren und ihr Land; Slawen und Bayern seien in das leergewordene Land gezogen. Verwaltet wurde der Osten zunächst von fränkischen Grafen und slawischen Fürsten, später von bayerischen Grafen (genannt werden Helmwin, Albgar und Pabo), schließlich von Ratbod, dem die Grenzverteidigung oblag. Wie viele Menschen awarischer Herkunft im Land blieben, sagt der Text nicht.
Ältere Schichten der Region dürfen dabei nicht verwechselt werden. Um Keszthely am Westende des Plattensees kennt die Archäologie die sogenannte Keszthely-Kultur des 6. und frühen 7. Jahrhunderts, mit dem spätrömischen Kastell Fenékpuszta, einer Basilika und Gräberfeldern mit christlichen Zügen. Wer diese Menschen waren, ist umstritten: romanisierte Einheimische, germanische Gruppen unter awarischer Herrschaft oder eine Mode im Westen des Khaganats. Mit den Slawen Pribinas, die zwei Jahrhunderte später auftreten, ist sie nicht gleichzusetzen. Eine durchgehende christliche Tradition vom 6. bis zum 9. Jahrhundert lässt sich daraus nicht ableiten.
Die Hauptquelle für Pribina ist die Conversio Bagoariorum et Carantanorum, die „Bekehrung der Bayern und Karantanen“. Sie wurde in Salzburg geschrieben, wahrscheinlich im Auftrag oder unter Erzbischof Adalwin. Ihr Datum lässt sich aus dem Text selbst gewinnen: Im vierzehnten Kapitel heißt es, seit Karl der Salzburger Kirche das östliche Pannonien unterstellt habe, seien 75 Jahre vergangen. Rechnet man von 796, kommt man auf 870/871. Der Text ist also keine Chronik aus großer Distanz, sondern eine Schrift aus dem Streit um die Mission Methods (siehe unten).
Nach Kapitel 10 kam „ein gewisser Priwina“, von Moimar, dem Herzog der Mährer, über die Donau vertrieben, zu Ratbod. Ratbod stellte ihn König Ludwig dem Deutschen vor, und Pribina wurde auf Befehl des Königs in der Martinskirche in Traismauer getauft, einem Salzburger Gut an der Donau. Seine Vorgeschichte in Nitra, die berühmte Kirchweihe Adalrams in Nitrava und die Frage, ob Pribina ein eigener Fürst oder ein Unterführer Mojmírs war, behandeln wir in den Beiträgen über die Nitraer und die Mährer. Hier genügt: Der Satz über Nitrava gilt in der Editionsphilologie als Randbemerkung, die in den Text gewandert ist; Fritz Lošek (Edition 1997) und Miroslav Lysý (2025) halten ihn trotzdem für glaubwürdig.
Danach geriet Pribina mit Ratbod in Streit. Nach der Conversio floh er „mit seinen Leuten und seinem Sohn Chezil“ zu den Bulgaren, dann zu Ratimar, einem Fürsten im südlichen Pannonien. Als Ludwigs Heer Ratimar vertrieb (die Forschung setzt das meist auf 838), setzte Pribina über die Save, fand Aufnahme bei Graf Salacho, und dieser versöhnte ihn mit Ratbod. Das Datum, an dem Pribina sein neues Land erhielt, nennt die Conversio nicht. Die Literatur schwankt zwischen 838, 839 und 840.
Kapitel 11 der Conversio beschreibt den Neuanfang knapp. Der König habe, die Gelegenheit nutzend, Pribina einen Teil Unterpannoniens um den Fluss Sala (die Zala) zu Lehen gegeben. Pribina ließ sich dort nieder und begann, in einem Wald- und Sumpfgebiet an der Zala eine Befestigung zu bauen, und sammelte Siedler um sich. Aus dieser Befestigung wurde die Burg, die die Quelle später Mosapurc nennt; andere Formen sind civitas Priwinae („Pribinas Stadt“) und castrum Chezilonis („Kocels Burg“). Der ungarische Archäologe Béla Miklós Szőke liest die Bezeichnung civitas vorsichtig: Sie könnte auf einen stadtähnlichen Ort hindeuten, dessen Charakter aber schwer zu fassen bleibt.
Am 24. Januar 850 weihte Erzbischof Liupram von Salzburg in der Burg eine Kirche zu Ehren der Gottesmutter Maria; die Conversio nennt die Zeugen mit slawischen und germanischen Namen. Pribinas Priester Dominicus wurde der Salzburger Aufsicht unterstellt. Kocel weihte gemeinsam mit Liupram die Kirchen der Priester Sandrat und Ermperht und bestätigte deren Landbesitz. Schon früher hatte Pribina der Salzburger Kirche eine dem heiligen Rupert geweihte Kirche in Salapiugin (am „Zalabogen“) übergeben; daraus wurde nach Szőke ein großer Salzburger Gutsbezirk.
Danach, so die Quelle, schickte Liupram auf Pribinas Bitte Meister aus Salzburg, „Maurer und Maler, Schmiede und Zimmerleute“, die in Pribinas Stadt eine ansehnliche Kirche bauten, in der der Märtyrer Hadrian bestattet liegt. Dazu kam eine Kirche Johannes des Täufers. Außerhalb der Stadt nennt die Conversio Kirchen an etwa dreizehn Orten, darunter Dudleipin, Ussitin, Businiza, Bettobia, Stepiliperc, Keisi und Quinque Basilicae, „Fünf Kirchen“, das heutige Pécs. Mehrere dieser Namen verbinden einen germanischen Personennamen mit dem Wort „Kirche“. Zu Dudleipin und den Dudleben siehe unseren Beitrag über die Dulebier; die Lage dieser Orte ist großenteils nicht gesichert.
Auch die Rechtsstellung Pribinas änderte sich. Nach Kapitel 12 bestätigte König Ludwig am 12. Oktober 848 auf einer Versammlung in Regensburg Pribinas Besitz als Eigentum, ausgenommen die Güter der Salzburger Kirche. Die englische Wikipedia nennt dagegen eine Urkunde vom 10. Januar 846 über Land an der Zala und gibt für die Umwandlung in Eigentum das Jahr 847 an; die deutsche nennt 846 für eine Schenkung „iuxta fluvium Valchau“ und 848 für die Umwandlung. Die Daten der Urkunden sollten am Original geprüft werden. Belegt ist nach der englischen Wikipedia außerdem eine Schenkung Pribinas an das Kloster Niederaltaich, die 860 bestätigt wurde. Pribina war damit Teil der bayerischen Adels- und Klosterwelt, nicht ein Herrscher außerhalb des Frankenreichs.
Die Conversio ist eine Liste von Weihen, Namen und Zuständigkeiten, und das mit Absicht. Nach Kapitel 9 leitete der Chorbischof Osbald unter Liupram und Adalwin das Volk der Slawen. Nach Dominicus’ Tod schickte Liupram den Priester Swarnagal, danach Altfrid; Adalwin machte Altfrid zum Erzpriester und nach dessen Tod Rihpald. Kapitel 14 schließt mit der Behauptung, in all den Jahren habe in Ostpannonien kein fremder Bischof Gewalt gehabt, und kein fremder Priester habe länger als drei Monate wirken dürfen, ohne dem Bischof seine Papiere vorzulegen – bis die „neue Lehre des Philosophen Methodius“ aufkam.
Diese Ordnung ist Programm. Die deutsche Wikipedia weist darauf hin, dass die Conversio die Rolle Salzburgs hervorhebt, die Mission des Bistums Passau verschweigt und Einzelheiten zugunsten Salzburgs verändert. Sie wurde, so die verbreitete Deutung, für König Ludwig den Deutschen geschrieben, als es um das Vorgehen gegen Method ging. Wer aus ihr eine neutrale Geschichte der Pannonischen Slawen liest, übersieht, dass jede Kirchweihe darin auch ein Rechtsanspruch ist. Für die bayerische Seite dieser Mission siehe unseren Beitrag über die Baiuwaren, für die Missionsgeschichte im Ostalpenraum den über die Karantanen, die in der Conversio den größeren Raum einnehmen.
Pribinas Tod steht nur in einem Nebensatz. Kapitel 13 berichtet, Erzbischof Adalwin habe im Jahr 865 Weihnachten in der Burg Kocels gefeiert, die „neu Moosburg genannt“ werde; Kocel sei seinem Vater Pribina nachgefolgt, „den die Mährer getötet haben“. Wann und unter welchen Umständen das geschah, sagt die Quelle nicht. Die Forschung setzt den Tod meist auf 860/861 und verbindet ihn mit Kämpfen um Ludwigs Sohn Karlmann, der sich mit mährischer Unterstützung gegen den Vater erhob; ob Pribina im Kampf fiel oder ausgeliefert wurde, bleibt offen. Weil das Jahr in der Conversio nach Weihnachtsbeginn gezählt sein kann, setzen manche Darstellungen Adalwins Besuch auf Weihnachten 864.
Kocel (in den Quellen Chozil, Chezil, Chezilo) übernahm die Herrschaft um 861; die englische Wikipedia nennt neben 861 auch 864 für seine Einsetzung durch Ludwig. Er führte den Titel comes, war also ein Graf des Königs, nicht ein unabhängiger Fürst. Bei Adalwins Besuch weihte der Erzbischof an mehreren Tagen eine Reihe von Kirchen, etwa St. Stephan auf dem Gut eines Wittimar, St. Michael in Ortahu, St. Paul in Weride und St. Margareta in Spizzun; jede erhielt einen eigenen Priester. Nach der deutschen Wikipedia schenkte Kocel 853 einen Hof an der Raab dem Kloster St. Emmeram in Regensburg; die englische nennt eine bedeutende Schenkung an Freising 861. Kocel bewegte sich wie sein Vater in einem Netz bayerischer Kirchen und Klöster.
863 kamen die Brüder Konstantin und Method aus Byzanz nach Mähren, gerufen von Fürst Rastislav. Sie übersetzten liturgische Texte ins Slawische und benutzten dafür die glagolitische Schrift. Im Jahr 867 reisten sie mit Schülern aus Mähren in Richtung Rom. Ihr Weg führte durch Pannonien, wo Kocel sie aufnahm. Die Lebensbeschreibung Konstantins (Vita Constantini), ein kirchenslawischer Text, der nach Ševčenko spätestens 882 vorlag, berichtet nach der Sekundärliteratur, Kocel habe die slawischen Bücher geschätzt und ihnen Schüler anvertraut; die deutsche Wikipedia spricht von bis zu 50 Schülern, die in Moosburg ausgebildet worden seien. Den Wortlaut der Vita haben wir nicht eingesehen.
In Rom wurden die Brüder 868 freundlich empfangen; Papst Hadrian II. ließ Method zum Priester weihen, dazu mehrere ihrer slawischen Schüler. Konstantin trat ins Kloster ein, nahm den Namen Kyrill an und starb am 14. Februar 869 in Rom. Für Pannonien entscheidend ist der nächste Schritt: Nach der Lebensbeschreibung Methods (Vita Methodii) bat Kocel den Papst, Method zu ihm zu schicken, und sandte ihn dann mit zwanzig Männern erneut nach Rom, damit er zum Bischof geweiht werde. Hadrian II. schrieb nach der Vita an Rastislav, Svatopluk und Kocel und erlaubte die slawische Liturgie unter der Bedingung, dass Epistel und Evangelium zuerst lateinisch gelesen würden. Auch diesen Brief kennen wir nur aus zweiter Hand.
Method wurde Erzbischof mit Sitz im alten Sirmium (heute Sremska Mitrovica in Serbien), einem Ort, den keiner der beteiligten Fürsten beherrschte; der Titel knüpfte an die spätantike Kirchenordnung an. Über das Datum der Weihe widersprechen sich die Quellen: Nach der englischen Wikipedia setzt die Vita die Bischofsweihe auf 870 und die Erhebung zum Erzbischof später, während ein Brief Papst Johannes’ VIII. vom Juni 879 sagt, schon Hadrian habe Method zum Erzbischof geweiht. Für Salzburg war das ein Eingriff in ein Gebiet, das es seit Karl dem Großen als das eigene ansah.
An dieser Stelle wird die Conversio selbst parteiisch, und sie sagt es fast offen. Sie berichtet über den Erzpriester Rihpald in Moosburg, er habe dort sein Amt versehen, bis ein Grieche namens Methodius mit neuen slawischen Buchstaben kam:
… bis Methodius mit neu erfundenen slawischen Buchstaben die lateinische Sprache und die römische Lehre … beim ganzen Volk verächtlich machte, zum Teil auch die Messen und Evangelien und den kirchlichen Dienst derer, die dies lateinisch feierten.Conversio Bagoariorum et Carantanorum, Kap. 12 (Salzburg, um 870/871); eigene Übersetzung nach den lateinischen Satzteilen bei Ihor Ševčenko, „Three Paradoxes of the Cyrillo-Methodian Mission“, Slavic Review 23 (1964), Anm. 7, nach der Edition von Milko Kos (Ljubljana 1936): „Methodius … noviter inventis Sclavinis litteris linguam Latinam doctrinamque Romanam … vilescere fecit cuncto populo, ex parte missas et evangelia ecclesiasticumque officium illorum qui hoc Latine celebraverunt.“ Die Auslassungen stammen aus dieser Vorlage; den vollständigen Satz haben wir nur in der englischen Übersetzung von Jonathan Couser (nach Lošek 1997) gelesen.
Rihpald, so die Conversio weiter, habe dagegen nichts ausrichten können und sei an den Bischofssitz nach Salzburg zurückgekehrt. Bemerkenswert ist, wem der Text die Schrift zuschreibt: Er macht Method zum Erfinder der Buchstaben, während der Papstbrief Industriae tuae von 880 sie Konstantin dem Philosophen zuschreibt. Der Vorwurf ist also nicht nur sprachlich, sondern rechtlich gemeint: Ein fremder Erzbischof habe in das Salzburger Missionsgebiet hineingewirkt.
Die Folgen waren handfest. 870 wurde Method von ostfränkisch-bayerischen Bischöfen abgesetzt und für etwa zweieinhalb Jahre in einem Kloster festgehalten. Die Vita Methodii nennt den Ort nicht; die Forschung denkt wegen Einträgen im Verbrüderungsbuch an die Reichenau. 873 erreichte Papst Johannes VIII. seine Freilassung, verbot aber nach Goldberg zunächst die slawische Liturgie. Method ging danach nach Mähren und wirkte dort bis zu seinem Tod am 6. April 885. Die Geschichte dieser Jahre gehört zu den Mährern; für Pannonien bleibt festzuhalten, dass die slawische Liturgie dort nur wenige Jahre geduldet war.
Kocel verschwindet nach 874 aus den Quellen. Nach der deutschen Wikipedia ließ er noch 874 in Pettau (Ptuj) eine Kirche durch Erzbischof Theotmar weihen. Wie er endete, ist offen. Charles Bowlus hält ihn um 876 für tot oder abgesetzt, sicher tot spätestens 880. Ferdinand Šišić (1917) nahm an, Kocel sei 876 auf einem gescheiterten Feldzug Karlmanns gegen die dalmatinischen Kroaten gefallen. Andere verbinden ihn mit einem fränkischen Befehlshaber Kotzil, den nach dem byzantinischen Werk De administrando imperio aufständische Kroaten töteten; Neven Budak (2018) lehnt diese Verbindung ab. Eine Entscheidung erlauben die Quellen nicht. Zu den Kroaten siehe unseren Beitrag über die Kroaten.
Moosburg blieb ein Herrschaftsort. Nach den ungarischen Ausgräbern war es ab dem späten 9. Jahrhundert ein Sitz König Arnulfs von Kärnten, und auf der Burginsel fanden sie Fundamentmauern, die sie seinem Palast zuschreiben. Arnulf, ab 887 ostfränkischer König, stützte sich im Südosten auf den slawischen Fürsten Braslav, der zwischen Drau und Save herrschte. Nach den Fuldaer Annalen (Annales Fuldenses), die wir nur aus der Literatur kennen, vertraute Arnulf 895 oder 896 Pannonien samt Mosapurc Braslav an; Herwig Wolfram (2001) nennt 896. In lateinischen Texten erscheint der Ort auch als urbs Paludarum, „Stadt der Sümpfe“.
Das Ende kam von Osten. Nach dem Tod Svatopluks von Mähren 894 verwüsteten magyarische Reiter nach Wolfram Pannonien. Im Jahr 900 beklagte Erzbischof Theotmar von Salzburg in einem Brief an den Papst (Epistola Theotmari) ein Bündnis der Mährer mit den Ungarn; Wolfram hält den Brief gegen frühere Fälschungsvorwürfe für echt. Ab etwa 900 eroberten die Magyaren Pannonien. Braslav wird zuletzt 898 erwähnt; eine spätere ungarische Überlieferung lässt ihn 900 fallen. 907 unterlag ein bayerisches Heer unter Markgraf Luitpold bei Brezalauspurc, das meist mit Bratislava gleichgesetzt wird; eine Minderheit sucht den Ort bei Zalavár, gestützt auf die Gleichsetzung mit Braslavs Burg. Die einzige zeitnahe Quelle dafür, die Salzburger Annalen (Annales Iuvavenses maximi), ist nur in Abschriften des 12. Jahrhunderts erhalten.
Was mit den Menschen geschah, steht in keinem Text. Die Gräberfelder um die Kirchen auf der Burginsel wurden nach den Ausgräbern von der Mitte des 9. bis zum Ende des 11. Jahrhunderts belegt; das spricht gegen einen völligen Abbruch der Besiedlung. 1019 gründete König Stephan I. von Ungarn auf der Insel eine Benediktinerabtei, die dem heiligen Hadrian (ungarisch Adorján) geweiht war. Maxim Mordovin (2006) nennt dieses Patrozinium „das Hauptzeichen der Kontinuität“: Der Heilige, dessen Reliquien schon die Conversio in Pribinas Stadt erwähnt, blieb der Schutzpatron des Ortes. Ob dahinter Erinnerung, Zufall oder eine bewusste Anknüpfung steht, lässt sich nicht entscheiden.
Zalavár gehört zu den am längsten erforschten Fundplätzen des frühen Mittelalters in Ungarn. Planmäßige Grabungen begannen in den frühen 1950er Jahren unter Géza Fehér (1952 bis 1954); Ágnes Cs. Sós leitete die Arbeiten von 1963 bis 1992, seit 1994 forschen Béla Miklós Szőke und Ágnes Ritoók. Auf der Burginsel (ungarisch Vársziget) grenzt ein Befestigungsgraben aus den frühen 840er Jahren den Bereich ab, den die Ausgräber den Herrenhöfen Pribinas und Kocels zuschreiben; die 850 geweihte Marienkirche entstand später innerhalb dieses Bereichs. In der Mitte der Insel fand man eine große karolingische Wallfahrtsbasilika, fast 50 Meter lang und 25 Meter breit, mit einer Krypta, wohl unter Pribina oder Kocel errichtet; die Ausgräber sprechen von der Hadrians-Wallfahrtskirche und verbinden sie damit mit der Kirche der Conversio. Nach der deutschen Wikipedia wurden um diese Kirche zwischen 1980 und 2010 rund 1500 Gräber freigelegt.
Auf der Nachbarinsel Récéskút grub Aladár Radnóti 1946 bis 1953 eine dreischiffige Steinbasilika von etwa 20 auf 12 Metern aus. Nach Mordovin entstand dort eine erste Kirche im 9. Jahrhundert, wie die Auswertung des Gräberfelds zeigt. Vermutete ältere „Holzkirchen“ unter dem Bau erwiesen sich bei Nachgrabungen 1961 bis 1963 als Gerüst- oder Umbauspuren. Szőke hält die Récéskút-Basilika für eine Eigenkirche eines Adligen, die sich keiner Kirche der Conversio sicher zuordnen lässt. In Zalaszabar-Borjúállás grub Róbert Müller in den frühen 1980er Jahren eine hölzerne Saalkirche mit Vorhalle neben einem umzäunten Herrenhof aus; Müller verbindet sie mit der Stephanskirche auf Wittimars Gut, die Adalwin 865 weihte. Szőke merkt an, dass dasselbe Argument auch für Récéskút gelten könnte.
Wer in Moosburg lebte, beantworten die Funde nur teilweise. Szőke beschreibt Siedler „aus halb Europa“, die Pribinas Ruf gefolgt seien: Donaubulgaren, Kroaten, Mährer und andere Westslawen, Bayern, Alemannen, dazu einheimische Slawen und spätawarische Bevölkerung. Das ist eine Deutung aus Grabbeigaben und Namen, keine Aussage einer Quelle. Wie die Menschen sprachen, ist ebenfalls umstritten: Eugene Helimski (1988) dachte an eine Ausgleichssprache in einem westslawisch-südslawischen Dialektkontinuum, Alexei Kassian (2024) halten nach der Wikipedia die Gebersprache der frühesten slawischen Lehnwörter im Ungarischen für westslawisch. Den Wortlaut dieser Studien haben wir nicht geprüft.
Die Pannonischen Slawen sind kein eigener „Stamm“ mit festem Namen, sondern eine Bevölkerung, die erst durch eine Herrschaft greifbar wird. Das unterscheidet sie von den Karantanen in den Ostalpen, die die Conversio als Volk mit eigener Fürstenfolge beschreibt, und von den Mährern nördlich der Donau, die unter Mojmír, Rastislav und Svatopluk ein eigenständiges Machtzentrum bildeten. Im Süden, zwischen Drau und Save, herrschten Ljudevit, Ratimar und später Braslav; dieses Gebiet wird oft „Pannonisches Kroatien“ genannt, ein Begriff, den Hrvoje Gračanin für eine Konstruktion der Geschichtsschreibung hält. Wer Pribina und Kocel einem dieser Nachbarn zuschlägt, entscheidet eine offene Frage nach heutigen Grenzen.
Gesichert, soweit unsere Quellen reichen, sind Pribinas Vertreibung und Taufe, seine Ansiedlung an der Zala, die Weihe der Marienkirche 850, die Bestätigung seines Eigentums 848, die Nachfolge Kocels, der Aufenthalt Konstantins und Methods 867 und die Festsetzung Methods 870. Plausibel, aber ohne Wortlaut der Quelle in unserer Hand, sind die Zahl der Schüler in Moosburg, der Inhalt des Papstbriefs an Kocel, das Jahr von Pribinas Einsetzung und die Übergabe Moosburgs an Braslav 895/896. Gedeutet sind die Herkunft der Siedler, die Sprache der Bevölkerung, die Gleichsetzung der Grabungsbefunde mit einzelnen Kirchen der Conversio, Kocels Ende und die Frage, ob Brezalauspurc bei Bratislava oder Zalavár lag. Wo ein Satz über die Pannonischen Slawen steht, lohnt die Frage, zu welcher der drei Ebenen er gehört.

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