Die Ukranen haben keinen einzigen Satz hinterlassen. Alles, was wir über sie lesen, stammt von Fremden: von sächsischen Chronisten, die ihren Namen von einem Fluss abgeleitet haben, und von Urkunden, die sie als Tributpflichtige führen. Dazu kommen Wälle, Gräber, Silber und Holzpfähle im Wasser der Uckermark. Dieser Beitrag trennt, was Schriftquellen und Grabungen hergeben, von dem, was spätere Zeiten und moderne Deutungen hinzugefügt haben.
Die Ukranen, auch Ukrer genannt (lateinisch Ukri, Ucrani, Vkrani), waren ein westslawischer Stamm im Nordosten des heutigen Brandenburg und in angrenzenden Teilen von Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Land heißt heute Uckermark. Wer den Namen genau ansieht, merkt: Er enthält einen Flussnamen. Die Ucker (Uecker) entspringt in der Uckermark und fließt durch die Seenkette um Prenzlau nach Norden, bis sie ins Stettiner Haff mündet. Die Ukranen sind nach der verbreiteten Erklärung die „an der Ucker Sitzenden“: Flussname plus slawische Endung -jane, die Bewohner bezeichnet.
Eine slawische Eigenbezeichnung ist nicht überliefert, und es gibt keine slawische Schriftquelle. Die Namensformen stammen alle aus lateinischen Texten sächsischer und fränkischer Schreiber, die nach Gehör aufzeichneten. Die Literatur nennt für das 10. bis 12. Jahrhundert unter anderem Wocronin oder Wucronin (Fortsetzer Reginos und Quedlinburger Annalen zum Jahr 934), Vuucri und Ucrani in Urkunden Ottos I., Uchri bei Widukind von Corvey, Ucrani in der Lebensbeschreibung Bischof Ottos von Bamberg durch Ebo und Ucrania bei Herbord. Dass dieselbe Gruppe unter so verschiedenen Schreibungen läuft, ist typisch für Namen, die Schreiber zum ersten Mal hörten. Wir haben diese Formen aus der Überblicksliteratur übernommen und nicht an den Handschriften geprüft.
Wichtig ist der Gedanke dahinter: Der Name ist ein Landschafts- und Flussname, den Außenstehende benutzten. Ob sich die Menschen so nannten, wissen wir nicht. Das gilt für viele Namen der Elbslawen, und es ist ein Grund, weshalb sich Stämme, Teilstämme und Bünde so schwer gegeneinander abgrenzen lassen. Wer sich im größeren Zusammenhang orientieren will, findet ihn in unseren Beiträgen zu den Lutizen, den Wilzen und den Pomoranen.
Die Uckermark ist eine Jungmoränenlandschaft mit Seen, Söllen und fruchtbaren Böden. Das Herz des ukranischen Siedlungsgebiets liegt um den Oberuckersee und den Unteruckersee bei Prenzlau, nahe der Quelle der Ucker. Archäologisch ist der Raum früh slawisch besiedelt: Die Fundlage spricht dafür, dass Slawen ab dem 7. Jahrhundert in das Uckergebiet einwanderten. Wie und wann aus diesen Siedlern eine politische Einheit wurde, die ein Fremder „Ukranen“ nennen konnte, lässt sich nicht datieren; es bleibt eine Vermutung.
Die Überblicksdarstellungen zur Uckermark beschreiben die Wirtschaft der Siedler als Ackerbau, Viehhaltung und Bienenzucht. Viele Siedlungen lagen an strategisch wichtigen Handelswegen, einige waren durch Wälle geschützt. Man unterscheidet frühe und mittlere slawische Fundplätze des 7. und 8. Jahrhunderts von spätslawischen des 9. und 10. Jahrhunderts. Drense und Groß Fredenwalde zeigen Besiedlung vom 7. bis ins 10. Jahrhundert; der Burgwall von Groß Fredenwalde gilt als einer der südlichsten bekannten slawischen Burgwälle im deutschen Ostseeraum. Fergitz ist nur spätslawisch belegt. Das sind Angaben aus Überblicksartikeln; die Grabungsberichte dazu haben wir nicht gelesen.
Für die Frage, wo die Ukranen aufhören, sind solche Karten mit Vorsicht zu lesen. Die Grenze zwischen ihnen und den Nachbarn, im Westen den Gruppen im Raum der Lutizen, im Süden den Hevellern an der Havel, im Norden den Pomoranen an der Odermündung, ist aus den Quellen nicht abzulesen. Sie ist eine Rekonstruktion aus Fundverteilungen und späteren Herrschaftsgrenzen.
Der am besten erforschte Platz ist der Burgwall Drense bei Grünow in der Uckermark. Volker Schmidt grub dort von 1980 bis 1984; seine Monographie von 1989 trägt den Titel Drense, eine Hauptburg der Ukrane. Die Anlage ist eine slawische Niederungsburg, hufeisenförmig, etwa 160 mal 135 Meter groß mit einer Innenfläche von rund 2,3 Hektar. Nach den Überblicksdarstellungen sieht die Abfolge so aus: Im 6. und 7. Jahrhundert stand an der Stelle ein unbefestigtes slawisches Dorf. Um 700 begann der Bau der Burg, im 9. Jahrhundert kam eine befestigte Vorburg hinzu. Im 9. und 10. Jahrhundert gab es mehrere Angriffe, die Hauptburg wurde mehrfach erneuert. Um das Jahr 1000 entstanden zwei Siedlungen vor der Burg, später ein Gräberfeld am Hang. Im 11. und 12. Jahrhundert wurden die Wälle immer wieder verbreitert und erhöht. In der Vorburg arbeiteten Töpfer, Händler und Handwerker, die Bronzeschmuck herstellten; Handelsverbindungen reichten nach den Überblicken zur Kiewer Rus, nach Polen, Mähren und in den Ostseeraum. Eine Dendrodatierung nennen die Überblicke nicht.
Felix Biermann hat 2017 in einem Aufsatz die zentralörtlichen Funktionen von Drense untersucht. Dass Drense eine der Hauptburgen der Ukranen war, ist die Deutung des Ausgräbers und der Fachliteratur. Man kann sie für gut begründet halten, doch sie bleibt eine Deutung: Welcher Name an dem Ort hing, steht in keiner Quelle.
Bei Prenzlau liegt eine weitere Anlage. Westlich der Ucker, an der später sogenannten Röwenburg, stand im 10. bis 12. Jahrhundert eine spätslawische befestigte Siedlung; im 11. und 12. Jahrhundert bildete sich eine Siedlung in der Nähe der heutigen Sabinenkirche. Die Überblicke sprechen außerdem von einer Burg mit Vorburgsiedlung auf einer Insel im Oberuckersee. Hier setzt neue Forschung an. Eine für November 2026 im Dominikanerkloster Prenzlau angekündigte Tagung zu den „Uchri / Ucrani / Ukranen“ (Ankündigung der Veranstalter, nicht die Ergebnisse selbst) nennt als Evidenz befestigte Wälle, Siedlungen, Gräberfelder, Silberhorte und im See erhaltene Brückenpfähle. Programmpunkte sind unter anderem Unterwasserforschung an Brücken im Oberuckersee und die Frage, ob die Ukranen eine „Kriegerstammesgesellschaft“ waren. Das zeigt, wo die Forschung derzeit steht: Es gibt Material, und die Auswertung ist im Gang.
Eine Rekonstruktion kann man besuchen: Das Freilichtmuseum Ukranenland bei Torgelow liegt auf einer Wiese am Ufer der Uecker. Es zeigt ein slawisches Dorf mit Block-, Pfosten- und Flechtwandhäusern des 9. und 10. Jahrhunderts in Originalgröße, gebaut zwischen 1995 und 1997, dazu zwei Nachbauten von Schiffen. Das Museum beruft sich auf archäologische Befunde, nennt aber nach unserer Prüfung keinen einzelnen Fundplatz als Vorbild. Es ist, wie jeder Nachbau, eine Veranschaulichung und kein Beleg. Torgelow liegt zudem im vorpommerschen Teil des Ueckergebiets und nicht in der Uckermark im engeren Sinn.
Die erste schriftliche Erwähnung steht zum Jahr 934. In den Quedlinburger Annalen heißt es nach den Überblicken sinngemäß, König Heinrich sei mit einem Heer bei den Wucronin gewesen. Der Fortsetzer Reginos berichtet nach derselben Literatur, Heinrich habe sie besiegt und tributpflichtig gemacht. Das sind knappe Notizen. Sie sagen nicht, wo das Heer stand, wie viele Kämpfer beteiligt waren und wie lange der Tribut floss. Sie belegen nur, dass die Sachsen den Namen Anfang der 930er-Jahre kannten und mit Gewalt verbanden.
König Heinrich zog mit einem Heer zu den Wucronin; er besiegte sie und machte sie tributpflichtig.Quedlinburger Annalen und Fortsetzer Reginos zu 934; sinngemäße eigene Wiedergabe nach der Überblicksliteratur, Wortlaut nicht am Handschriftentext geprüft
Wenige Jahre später folgt eine Urkunde. Die Stiftungsurkunde des Bistums Brandenburg (MGH DO I, 105) nennt die Ukranen unter den Gebieten; sie wird auf 948 datiert, gilt aber als zweifelhaft und möglicherweise erst als 965 entstanden. Gesichert ist das Datum also nicht. In einer weiteren Urkunde Ottos I., der Schenkung für das Magdeburger Moritzkloster von 965 (DO I, 295), stehen die Ukranen als Tributpflichtige: Ein Silberzins sollte an das Kloster gehen. Ob diese Zahlungen je geleistet wurden, ist unbekannt.
Dazwischen liegt ein Kriegszug des Markgrafen Gero. Widukind von Corvey berichtet im dritten Buch seiner Sachsengeschichte (Kapitel 42 nach der Zählung der Literatur) von einem Zug gegen die Uchri, bei dem Gero mit reicher Beute zurückkehrte. Die deutschsprachige Überblicksliteratur datiert ihn um 955; englischsprachige Darstellungen nennen 954 und ergänzen Konrad von Lothringen als Mitstreiter. Diese Abweichung zeigen wir offen, weil wir den Widukind-Text selbst nicht einsehen konnten. Dass die Beute reich ausfiel, wird in der Forschung als Hinweis auf die wirtschaftliche Stärke des Landes gelesen. Das ist eine Schlussfolgerung, kein Befund.
Ein weiterer Punkt ist ein Streit der Gelehrten. In der Schlacht an der Raxa im Jahr 955 kämpften nach Widukind Ruani an der Seite Geros. Ältere Forschung hielt das für verschriebene Ukranen; neuere Auffassungen sehen darin die Rani von Rügen. Auf unserer Seite zu den Ranen steht mehr dazu. Für die Ukranen gilt: Die Gleichsetzung ist nicht gesichert und sollte nicht als Tatsache auftreten.
Vor 983 hatten sich die Ukranen nach der Überblicksliteratur wohl schon aus der sächsischen Oberherrschaft gelöst. Im Jahr 983 erhoben sich Obodriten und Lutizen gegen das Reich; die sächsischen Quellen sprechen von einem großen Slawenaufstand, der die Herrschaft östlich der Elbe weitgehend beendete. Die Ukranen schlossen sich nach der Auffassung der Forschung diesem Aufstand an und gehörten danach zum Lutizenbund, dessen kultisches Zentrum Rethra war. Das ist Deutung auf Grundlage späterer Quellenlage: Eine Quelle, die den Beitritt der Ukranen zu den Lutizen im Jahr 983 ausdrücklich schildert, ist uns nicht bekannt. Zum Bund selbst siehe die Beiträge zu den Lutizen, den Redariern und den Tollensern; zu den Nachbarn im Westen die Obodriten.
Die Ankündigung der Prenzlauer Tagung beschreibt die Zeit nach 983 so: Die Ukranen hätten ihre Freiheit und ihre überlieferte Religion zurückgewonnen und sich bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts gegen ihre bereits christlichen Nachbarn behauptet. Das ist die Darstellung der Veranstalter und fasst den Forschungsstand zusammen, ersetzt aber keine Quelle. Von einem eigenen Heiligtum der Ukranen oder einem ukranischen Gott wissen wir nichts Gesichertes; was Archäologen als Kultbefunde der Region deuten, muss im Einzelfall geprüft werden.
Das 12. Jahrhundert brachte die Wende. Hier gehen die Darstellungen auseinander, und das sollte man nicht glätten. Nach einer Linie eroberten pommersche Herzöge das Ukerland um 1170 und beendeten damit Identität und Selbstständigkeit der Ukranen. Die Uckermark-Überblicke geben einen etwas anderen Ablauf: 1147 stieß Albrecht der Bär im Wendenkreuzzug bis Stettin vor; nach 1148 kam das Ukerland an die pommerschen Herzöge, die sich zur Christianisierung der Ukranen verpflichteten. Die Grabungsdeutung von Drense setzt um 1150 einen verheerenden Angriff an, den man mit Feldzügen Albrechts des Bären gegen die Slawen in Verbindung bringt; der Hauptwall wurde eingeebnet und durch eine einfachere Holzkonstruktion ersetzt. Die Jahre 1147, 1148, 1150 und 1170 stehen also nebeneinander, und wer einen davon als „das Datum“ nennt, vereinfacht.
Greifbar wird die Kirche. Für 1168 sind Kirchen in der provincia Vcra belegt; Missionsklöster auf Usedom, Stolpe an der Peene und Grobe, waren dort tätig. 1177 oder 1178 wurde das Kloster Gramzow gegründet. Prenzlau, am Unteruckersee gelegen, wird 1187 in einer Urkunde erstmals erwähnt, als ein Priester Stephan als Zeuge auftritt. Ein Jahr später, 1188, heißt der Ort castrum cum foro et taberna, Burg mit Markt und Schenke; er hatte eine Kirche und eine von drei pommerschen Münzstätten neben Stettin und Demmin. 1234 verlieh Herzog Barnim I. Prenzlau das Stadtrecht.
Die Drenser Burg wird in Urkunden von 1240, 1243 und 1248 als unter deutscher Herrschaft genannt; kurz darauf wurde sie aufgegeben. Schon vor 1230 hatten pommersche Herzöge ihren Einfluss bis zum Barnim und nach Teltow ausgedehnt, bis sie in einem Vertrag um 1230 darauf verzichteten. Um 1230 kauften die brandenburgischen Markgrafen das südliche Uckerland bis zur Welse von Herzog Barnim I. Der entscheidende Schritt kam 1250 mit dem Vertrag von Landin (Ortsteil von Schwedt an der Oder): Die Herrschaft über das gesamte Uckerland ging von den pommerschen Herzögen an die Markgrafen Johann I. und Otto III. von Brandenburg über. Die Überblicke nennen das die „Geburtsstunde der Uckermark“, betonen aber, dass es nur ein Herrschaftswechsel war. Streit um das Land zwischen Pommern, Mecklenburg und Brandenburg endete erst mit dem Frieden von Wittstock 1442; danach blieb die Uckermark bei Brandenburg.
Der Stammesname verschwand früh aus den Quellen. Nach dem Ende des 12. Jahrhunderts taucht er nur noch in Ortsnamen auf. Ob die Ukranen verdrängt wurden, in der neuen Ordnung aufgingen oder sich schlicht nicht mehr so nannten, bleibt offen. Dass viele Orte der Uckermark bis heute slawische Namen tragen, ist allgemein bekannt und spricht gegen einen vollständigen Austausch der Bevölkerung; das ist eine Schlussfolgerung aus der Namenlage, die wir nicht für einzelne Orte belegt haben.
Zwei Namen erinnern heute an die Ukranen. Der eine ist der Landesname. Mittellateinisch erscheint das Land als terra Ukera, provincia Vcra und in der Volkssprache als Ukerlant. Das Wort „Mark“ bezeichnet ein Grenzland; die Form „Uckermark“ taucht erst im späten Mittelalter auf, als das Land seine Rolle als militärische Grenze schon verloren hatte. Die Überblicke nennen 1465 oder 1486 für die erste Schreibung „vker Marckh“; die beiden Jahre widersprechen sich, und wir haben die Belege nicht geprüft. Der andere Name ist der von Prenzlau, den die Überblicksliteratur als slawisch erklärt, etwa „Siedlung eines Mannes namens Premyslaw“. Das ist eine Deutung, kein Beleg für eine Gründergestalt.
Eine Stelle verdient Vorsicht: In Blogs und Reiseführern liest man, die Ukranen hätten „die Ostsee beherrscht“ oder „den Handel bis nach Skandinavien kontrolliert“. Dafür gibt es in dem, was wir geprüft haben, keine Quelle. Belegt sind Handelskontakte nach Osten und Norden, wie sie aus Funden in Drense abgeleitet werden. Eine Seemacht waren die Ukranen nach unserer Kenntnis nicht, auch wenn das Museum in Torgelow zwei Schiffsnachbauten zeigt.
Der Fall der Ukranen ist ein gutes Beispiel für die Quellenlage bei den Elbslawen. Aus dem 10. Jahrhundert gibt es zwei oder drei kurze schriftliche Notizen von Gegnern, aus dem 12. Jahrhundert Urkunden von Eroberern. Zwischen beiden liegen Funde. Die Funde sprechen von Burgen, Handwerk, Handel und einem Gräberfeld am Hang von Drense, aber nicht davon, wie sich die Menschen nannten, welche Götter sie verehrten und wie sie regiert wurden. Alles Weitere sind Deutungen, die man als solche kennzeichnen muss. Das gilt auch für die Vorstellung einer „Kriegergesellschaft“, die bei der Prenzlauer Tagung diskutiert wird: Sie ist ein Forschungsansatz, kein Ergebnis.
Was man belegen kann, ist trotzdem eine Menge: ein Name, der 934 zum ersten Mal auftaucht, eine Burg bei Drense mit Wällen von der Zeit um 700 bis ins 12. Jahrhundert, Tributforderungen des Reiches im 10. Jahrhundert, ein Aufstand 983, ein langes Gegenüber zu christlichen Nachbarn und eine Herrschaft von Pommern, die 1250 in die brandenburgische überging. Die Geschichte der Uckermark als Landschaft beginnt in dieser Zeit. Der Name aber, der ihr zugrunde liegt, stammt von denen, die dort vor ihr lebten und nie selbst darüber geschrieben haben.

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