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Berufe und Handwerk der Wikinger

Alltag & Handwerk Berufe und Handwerk der Wikinger

Wenn wir "Wikinger" hören, denken wir an Krieger auf Langschiffen. Doch die allermeisten Menschen im Norden zogen nie plündernd über die See. Sie pflügten Felder, schmiedeten Nägel, spannen Wolle, schnitzten Kämme und feilschten auf Märkten. Dieser Überblick führt durch die Berufe und Handwerke der Wikingerzeit, verweist auf unsere Deep-Dives und trennt Beleg von Legende.

Die Werkzeugkiste von Mästermyr (Gotland) — rund 200 Schmiede- und Holzwerkzeuge aus einer Hand.
Die Werkzeugkiste von Mästermyr (Gotland) — rund 200 Schmiede- und Holzwerkzeuge aus einer Hand.

"Wikinger" war kein Beruf

Fangen wir mit dem größten Missverständnis an. Das altnordische Wort víkingr bezeichnet keinen Berufsstand, sondern eine Tätigkeit: auf víking zu fahren hieß, für eine begrenzte Zeit übers Meer zu ziehen, um zu handeln, zu plündern oder Sold zu verdienen. Man war nicht Wikinger, so wie man Schmied oder Bauer war; man fuhr zur Wikingerfahrt und kehrte danach auf den Hof zurück. Die überwältigende Mehrheit der Nordleute hat nie ein fremdes Kloster gesehen. Sie lebte, arbeitete und starb dort, wo sie geboren war, und die Fahrt war für die meisten eine Ausnahme, nicht der Lebensinhalt.

Die Gesellschaft des Nordens war eine bäuerlich-handwerkliche Welt mit einer dünnen Kriegerelite an der Spitze. Wer den Alltag verstehen will, muss die Werkbank und den Acker anschauen, nicht nur das Deck des Drachenschiffs.

Der Bauer: die stille Mehrheit

Der weitaus häufigste "Beruf" war der des Bauern, altnordisch bóndi. Der freie Bauer, der einen Hof besaß, bildete das Rückgrat der Gesellschaft: Er trug Waffen, sprach auf dem Thing mit, brachte Opfer dar und ernährte alle anderen. Getreidebau, vor allem Gerste, Viehhaltung, Fischfang und im Norden die Jagd bestimmten den Jahreslauf. Selbst ein Häuptling war im Kern ein Großbauer, dessen Reichtum in Land, Vieh und Silber steckte. Wer mehr über das Fundament dieser Welt erfahren will, findet die Details in unserem Deep-Dive zur Landwirtschaft der Wikinger.

Unter den Bauern gab es feine Abstufungen: der wohlhabende hauldr mit ererbtem Land, der Pächter, der auf fremdem Grund saß, und ganz unten der unfreie þræll, der Sklave, der die schwerste Arbeit tat und keinen eigenen Willen vor dem Gesetz hatte. Rang und Arbeit hingen eng zusammen.

Der Hof war zugleich Fabrik im Kleinen. Weil ein einzelner Hof möglichst vieles selbst herstellen musste, war der Bauer nebenbei Zimmermann, Flickschuster, Netzknüpfer und Schmied für die einfachsten Dinge. Die spezialisierten Handwerker, von denen dieser Beitrag erzählt, wuchsen erst aus diesem Alltag heraus, dort, wo ein Überschuss an Zeit, Rohstoff und Silber es einem Menschen erlaubte, sich auf eine einzige Kunst zu beschränken. Die bäuerliche Selbstversorgung blieb aber die Grundlage, auf der alles andere ruhte.

Der Schmied: Meister des Feuers

Kein Handwerker genoss so viel Ansehen wie der Schmied. Er verwandelte Sumpf- und Bergerz in Werkzeug, Nagel, Beschlag und Waffe, und der Beste unter ihnen schuf pattern-geschweißte Schwertklingen, deren Muster im Licht tanzten. Schmiede standen im Ruf, halb im Bereich des Geheimnisses zu arbeiten; nicht umsagt sind es Zwerge und der Sagenschmied Wieland, die in den Mythen die kostbarsten Dinge fertigen. Werkzeugfunde wie die Kiste von Mästermyr zeigen, wie vielseitig ein solcher Handwerker war: In einer einzigen Truhe lagen Werkzeuge für Eisen, Holz und Feinmetall beisammen, ein wahrhaft wandernder Alleskönner. Mehr dazu in unserem Deep-Dive zur Schmiedekunst der Wikinger.

Der Bootsbauer und der Holzschnitzer

Das Langschiff gilt als Krone der nordischen Technik, doch hinter ihm stand ein Handwerk, das kaum Schriftliches hinterließ und dennoch höchste Kunst war. Der Bootsbauer spaltete Eichenstämme radial, nicht mit der Säge, sondern mit Axt und Keil, um Planken zu gewinnen, die zäh und leicht zugleich waren. Er baute von außen nach innen, formte den Rumpf nach Erfahrung und Augenmaß, ohne Pläne. Unser Deep-Dive zum Schiffbau der Wikinger zeigt, wie aus Baum und Nagel ein seetüchtiges Schiff wurde.

Eng verwandt war der Holzschnitzer. Holz war der wichtigste Werkstoff des Nordens: Häuser, Betten, Wagen, Schlitten, Gefäße, Schiffsstevens, alles trug Schnitzwerk. Die Tierstile von Oseberg bis Urnes leben bis heute in Kirchenportalen fort. Wer schnitzen konnte, verschönerte den Alltag und die heiligen Dinge zugleich.

Die Weberin und das Textilhandwerk

Textilarbeit war die vielleicht arbeitsintensivste Tätigkeit der ganzen Wikingerzeit und lag fest in Frauenhand. Wolle musste gewaschen, gekämmt, mit der Handspindel gesponnen und am aufrechten Gewichtswebstuhl zu Tuch verarbeitet werden. Ein einziges großes Segel für ein Langschiff verschlang die Arbeit von zwei Frauen über mehr als ein Jahr, mehr Zeit als der Bau des Schiffes selbst. Ohne die Weberinnen wäre keine Fahrt möglich gewesen, und Tuch war zugleich ein Wertmaßstab: In Island rechnete man ganze Vermögen in Ellen gewebten Wollstoffs. Neben dem Tuch entstanden am Rand des Herdes Bänder, Borten und Bortenmuster in feinster Brettchenweberei, die Kleidung und Rang eines Menschen sichtbar machten. Unser Deep-Dive zur Weberei der Wikinger erklärt Werkzeug, Muster und die zentrale Rolle der Frau.

Perlenmacher, Kammmacher und Goldschmied

In den Handelsplätzen ballte sich das spezialisierte Handwerk. Der Perlenmacher schmolz importierte römische und orientalische Glasscherben ein und zog daraus bunte Perlen; in Ribe hat man tausende Tesserae und Halbfertigteile gefunden. Mehr dazu in unserem Deep-Dive zum Perlenmacher und der Glasperle.

Der Kammmacher fertigte Kompositkämme aus Geweih, verstiftet und mit Zähnen versehen; Kämme waren Massenware und ein Zeichen der berühmten nordischen Körperpflege. Naturwissenschaftliche Analysen zeigen, dass Haithabus Kämme oft aus Rentiergeweih bestanden, das aus Norwegen kam, ein Beleg für weite Handelsketten. Mehr im Deep-Dive zum Kammmacher.

An der Spitze der Feinhandwerker stand der Goldschmied, der mit Filigran, Granulation, Niello und Wachsausschmelzguss Fibeln, Anhänger und Thorshämmer schuf, oft aus zerhacktem Handelssilber. Unser Deep-Dive zur Goldschmiedekunst und der Überblick zum Schmuck der Wikinger vertiefen dieses glänzende Handwerk.

Die vielen kleineren Handwerke

Neben den berühmten Berufen stand eine ganze Welt des Alltagshandwerks. Der Lederer und Schuster fertigte Wendeschuhe, Gürtel, Scheiden und Riemen aus gegerbter Haut; fast jeder Mensch ging auf seinem Werk. Der Böttcher bog Dauben zu Eimern, Bottichen und Fässern, gehalten von Holzreifen, die Gefäße, in denen Milch, Bier und Vorrat lagerten. Der Bernsteinschleifer machte aus dem "Gold der Ostsee" Perlen und Anhänger. Der Bein- und Geweihschnitzer fertigte Nadeln, Würfel, Spielsteine, Pfeifen und Schlittschuhe. Der Seiler drehte Bast und für Schiffe sogar Walrosshaut zu Tauwerk; der Töpfer formte, wo die Drehscheibe selten war, einfaches Kochgeschirr mit der Hand, während das feinste Tafelgeschirr aus dem Rheinland importiert wurde. Keiner dieser Menschen ist berühmt, und doch kleideten, beschuhten, ernährten und rüsteten sie zusammen die ganze Gesellschaft.

Der Händler: Silber, Waage und Wagnis

Der Kaufmann, altnordisch kaupmaðr, bewegte sich zwischen den Welten. Er verschiffte Speckstein, Wetzsteine, Pelze, Bernstein, Eisen und unfreie Menschen nach Süden und Osten und brachte Silber, Seide, Glas, Wein und Gewürze zurück. Er führte eine Klappwaage und kleine Gewichte mit sich, denn Silber wurde gewogen, nicht gezählt; ein Ring wurde zerhackt zu Hacksilber, um die richtige Menge zu erhalten. Handeln und Plündern waren im selben Mann nicht immer sauber getrennt: Eine Fahrt konnte vom Markt zur Beute und zurück kippen. Doch der sesshafte Kaufmann mit seiner Bude in Haithabu oder Birka war ein geachteter Fachmann, dessen Reichweite von Irland bis Bagdad reichte. Unser Deep-Dive zum Handel der Wikinger folgt den Routen und dem Silber.

Der Berufskrieger: die Ausnahme

Und der Krieger? Es gab ihn, aber als Ausnahme, nicht als Regel. Die Männer, die allein von den Waffen lebten, waren die Gefolgschaft eines Herrn oder Königs, die hirð und die húskarlar, ernährt und bezahlt, um zu kämpfen und zu bewachen. Spätere stehende Soldtruppen wie das þingalið in England deuten auf ein echtes Soldatenhandwerk hin. Doch solche Männer waren eine kleine, privilegierte Minderheit. Der gewöhnliche Fahrensmann war ein Bauernsohn, der im Sommer hinausruderte und zur Ernte heimkehrte. Das Bild eines ganzen Volkes unter dauernden Waffen ist eine neuzeitliche Erfindung; der Krieg war für fast jeden, der je zur Wikingerfahrt zog, eine Jahreszeit, keine Laufbahn.

Wie man ein Handwerk lernte

Es gab keine Zünfte, keine Schulen und keine Lehrverträge im wikingerzeitlichen Norden. Ein Handwerk lernte man durch Tun, vom Vater zum Sohn, von der Mutter zur Tochter, an der Werkbank und am Webstuhl des eigenen Hauses. Auch der Brauch der Ziehkinder, ein Kind in einem anderen Haushalt aufwachsen zu lassen, konnte Fertigkeiten weitergeben und Familien aneinander binden. Spezialwissen, vom Musterschweißen einer Klinge bis zum Aufsagen des ganzen Rechts, steckte im Kopf und in den Händen und wurde über Jahre durch Nachahmung vermittelt. Deshalb hinterließ so viel Handwerk keine Schriftspur: Es wurde nie aufgeschrieben, nur gezeigt, wiederholt und im Gedächtnis behalten.

Werkstätten und Spezialisierung in den Handelsplätzen

Auf dem Bauernhof war jeder ein Allrounder: Man flickte, schnitzte und webte selbst, was der Alltag verlangte. Echte Spezialisierung, bei der ein Mensch von einem einzigen Handwerk lebte, entstand erst dort, wo genug Menschen und Silber zusammenkamen: in den frühen Städten und Handelsplätzen. In Haithabu, Birka und Ribe reihten sich Werkstätten aneinander, Grundstück an Grundstück, jede auf ein Gewerbe ausgerichtet. Hier arbeiteten Perlenmacher neben Bronzegießern, Kammmacher neben Lederern und Bernsteinschleifern. Diese Konzentration war neu und ein Zeichen dafür, dass der Norden im Handel längst mit der weiten Welt verwoben war. Wie dieser Handel funktionierte, zeigt unser Deep-Dive zum Handel der Wikinger.

Skalde, Gesetzsprecher und andere Fachleute des Wortes

Nicht jeder "Beruf" hantierte mit Werkzeug. Der Skalde, der Hofdichter, beherrschte die kunstvollen Versformen des dróttkvætt und pries in verschachtelten Kenningar die Taten seines Herrn. Ein guter Skalde war Gedächtnis, Chronist und Propagandist zugleich, und sein Lob konnte einen König unsterblich machen. Sein Handwerk war das Wort, überliefert über Generationen.

Der Gesetzsprecher, altnordisch lögsögumaðr, trug in Island das gesamte Recht im Kopf und sagte es Jahr für Jahr vom Gesetzesfelsen des Things auf. In einer Welt fast ohne Schrift war ein solches Gedächtnis kostbarer als jedes Buch, und wer diese Kunst beherrschte, genoss höchstes Ansehen. Erst 1117/18 begann man, das Recht niederzuschreiben, und entmachtete damit sein Gedächtnis. Neben ihm standen weitere Fachleute des Wortes und der Zahl: der Steuermann, der die Segelrouten kannte, oder der seltene Sterndeuter, der Sonnenwenden auf Stunden genau bestimmte. Mehr über Recht und Ordnung im Deep-Dive zum Recht der Wikinger.

Die Völva: Fachfrau des Verborgenen

Eine besondere Rolle spielte die Völva, die wandernde Seherin, die gegen Gastfreundschaft und Gaben das Schicksal befragte und den Zauber des seiðr übte. Sie war gefürchtet und geachtet zugleich, eine Fachfrau für das, was zwischen den Welten lag. Berühmt ist die Szene in der Saga von Erik dem Roten, in der eine Seherin auf ihrem Hochsitz begrüßt wird. Ob ein hölzerner oder eiserner Stab im reichen Frauengrab ein Zauberstab oder ein schlichter Spinnrocken war, ist bis heute unter Fachleuten umstritten. Unsere Deep-Dives zur Völva und zum Seiðr ordnen Beleg und Deutung.

Es waren drei: Der eine hieß Knecht, der andere Karl, der dritte Jarl. Der Knecht baute Zäune, düngte Äcker, hütete Schweine, hielt die Ziegen; der Karl zähmte Ochsen, zimmerte Balken, baute Häuser und schmiedete den Pflug; der Jarl aber lernte Schild und Bogen, Schwert und Speer, das Ross zu reiten und die Runen zu ritzen.frei nach der Rígsþula, Lieder-Edda, Übertragung angelehnt an Karl Simrock 1851 (gemeinfrei)
Gut belegt: Werkstätten, Rohstoffe und Halbfertigware aus Haithabu, Birka und Ribe zeigen die Spezialisierung des Stadthandwerks eindrücklich. Der Gewichtswebstuhl war noch bis in die Neuzeit auf Island in Gebrauch, sein Zeitaufwand ist durch Nachbauten messbar. Die naturwissenschaftliche Analyse von Kamm-Rohstoffen und Glasperlen belegt weite Handelsketten. Der isländische Gesetzsprecher ist durch Ari Þorgilssons Íslendingabók und die Grágás gut bezeugt.
Mythos-Check: "Wikinger" war kein Beruf und kein ganzes Volk in Waffen. Die allermeisten waren Bauern und Handwerker, die höchstens saisonal auf Fahrt gingen; der reine Berufskrieger war die Ausnahme, meist Teil der bezahlten Gefolgschaft eines Herrn oder Königs. Ebenso falsch ist das Bild vom rein männlichen Handwerk: Frauen trugen mit Spinnen und Weben eine der wirtschaftlich wichtigsten Tätigkeiten überhaupt und konnten als Seherin oder Hofherrin hohes Ansehen erlangen. Und die Rígsþula mit ihren drei Ständen ist ein idealisiertes Dichterbild aus späterer Feder, kein Klassenprotokoll der Wikingerzeit.

Was die Berufe uns heute erzählen

Die Berufe des Nordens zeichnen ein anderes Bild als das der Kinofilme: eine geschäftige, arbeitsteilige Welt, in der der Acker das Schiff ernährte, die Weberin die Segel machte, der Schmied die Nägel schlug und der Händler das Silber brachte. Der Krieger stand nicht im Zentrum, sondern am Rand, als saisonale Rolle einer ansonsten sesshaften Gesellschaft. Wer die Wikingerzeit ehrlich verstehen will, schaut auf die vielen Hände, die den Norden am Leben hielten, nicht nur auf das eine Schwert.

Auch für uns in der Manufaktur ist das ein Leitgedanke: Hinter jedem schönen Stück steht ein Handwerk, das man ehrlich benennen kann. Die Nordleute waren stolz auf gutes Werk, auf eine saubere Naht, eine scharfe Klinge, eine feste Fuge, und dieser Stolz auf ehrliche Arbeit ist vielleicht das Wikingerhafteste überhaupt, ganz ohne Hörnerhelm.

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