Von den Bobrzanen ist ein einziges Wort überliefert. Es steht in einer Grenzbeschreibung des Bistums Prag, die der Chronist Cosmas im frühen 12. Jahrhundert in sein Werk aufnahm, und es ist nicht einmal sicher, wie man es lesen muss. Alles Weitere über diesen Stamm am Bober ist aus Flussnamen, Burgwällen und Vergleichen erschlossen. Dieser Beitrag zeigt, wie viel sich trotzdem sagen lässt und wo die Grenze zur Vermutung verläuft.
Wer über die Bobrzanen schreibt, schreibt über eine Lücke. Der Name, polnisch Bobrzanie, in deutscher Literatur auch Bobranen, Boboranen oder Boberanen, bezeichnet eine westslawische Gruppe, die die Forschung am mittleren Lauf des Bober in Niederschlesien ansiedelt, in der Gegend des heutigen Bolesławiec (Bunzlau) und Lwówek Śląski (Löwenberg). Ein Herrscher ist nicht bekannt, keine Schlacht, kein Heiligtum, kein Ort, der in einer Quelle ausdrücklich als ihr Ort bezeichnet wird. Es gibt ein Wort in einer Liste, einen Fluss mit einem sprechenden Namen und eine Reihe von Burgwällen, die man ihnen zuordnen kann, aber nicht muss.
Das klingt nach wenig, und es ist wenig. Es lohnt trotzdem, genau hinzusehen, denn an den Bobrzanen lässt sich zeigen, wie Historiker und Archäologen mit dünnem Material arbeiten: wie aus einem Listeneintrag ein „Stamm“ wird, wie eine Karte entsteht und wie leicht eine Forschungshypothese zur Tatsache gerinnt. Wir trennen deshalb streng zwischen vier Ebenen: der schriftlichen Quelle, dem archäologischen Befund, der späteren Überlieferung und der modernen Deutung.
Zur Einordnung in den größeren Raum lohnt ein Blick auf unsere Beiträge zu den Slensanen um den Zobten, den Opolanen an der oberen Oder und den Milzenern in der Oberlausitz, die in derselben Quelle als Grenznachbarn auftauchen.
Der Bober, polnisch Bóbr, tschechisch Bobr, entspringt im tschechischen Teil des Rehorngebirges bei Žacléř (Schatzlar), nur wenige hundert Meter von der polnischen Grenze entfernt. Er fließt rund 268 Kilometer nach Norden, an Jelenia Góra (Hirschberg), Wleń (Lähn), Lwówek Śląski, Bolesławiec, Szprotawa (Sprottau) und Żagań (Sagan) vorbei, und mündet bei Krosno Odrzańskie (Crossen) in die Oder. Der Name kommt vom slawischen Wort bobrъ für den Biber; so erklärt ihn etwa Albrecht Greule im Deutschen Gewässernamenbuch. Ein früher Beleg zum Jahr 1005 lautet nach dieser Literatur Pober. Die Quelle dieses Belegs haben wir nicht selbst eingesehen.
Der Stammesname folgt einem verbreiteten Muster. Slawische Gruppennamen auf -jane oder -ane bezeichnen Bewohner eines Ortes oder einer Landschaft: Die Bobrzanen wären demnach „die am Bober Wohnenden“. Ob die Menschen sich selbst so nannten, wissen wir nicht. Ein solcher Name kann ebenso gut von Nachbarn oder von einer fremden Kanzlei stammen, die Gebiete nach Flüssen ordnete. Das ist keine Spitzfindigkeit: Ein Name, der nur ein Gebiet beschreibt, sagt noch nichts darüber, ob es dort eine politische Einheit mit eigenem Anführer gab.
Im heutigen Polen gibt es ein Dorf namens Bobrzany in der Gemeinde Małomice bei Żagań, nicht weit vom Bober. Ein Zusammenhang mit dem Stamm liegt nahe, wenn man nur auf den Namen schaut, ist aber nach allem, was wir finden konnten, nirgends belegt. Ortsnamen dieser Art können auch viel später und unabhängig entstanden sein.
Das Wort, an dem alles hängt, steht in einer Urkunde, die Kaiser Heinrich IV. 1086 für das Bistum Prag ausgestellt haben soll. Erhalten ist sie, soweit wir sehen, vor allem dadurch, dass Cosmas von Prag sie in seine Chronica Boemorum (Chronik der Böhmen) aufnahm, nach gängiger Zählung im zweiten Buch, Kapitel 37. Cosmas, Domdekan in Prag, schrieb in den 1110er und 1120er Jahren. Die Urkunde beschreibt die Grenzen der Prager Diözese, wie sie angeblich bei der Gründung des Bistums bestanden hatten; die Gründung wird meist auf 973 datiert. Im Norden zählt sie eine Reihe von Völkern auf.
Dann gegen Norden sind dies die Grenzen: die Psovanen, die Chorvaten und die anderen Chorvaten, die Slensanen, die Trebowanen, die Boboranen, die Dedosesen bis zur Mitte des Waldes, wo die Grenzen der Milzener beginnen.Cosmas von Prag, Chronica Boemorum II, 37 (Urkunde Heinrichs IV. für das Bistum Prag, 1086); eigene Übersetzung nach der lateinischen Textfassung „Psouane, Chrouati et altera Chrouati, Zlasane, Trebouane, Boborane, Dedosese usque ad mediam sylvam, qua Milcianorum occurrunt termini“; Schreibung je nach Handschrift und Ausgabe abweichend (auch Pobarane), nicht an der kritischen Edition geprüft
Das ist der gesamte Befund. Die Boboranen stehen zwischen den Trebowanen und den Dedosesen, also den Dziadoszanen, und die Liste endet an einem Wald, hinter dem die Milzener in der Oberlausitz beginnen. Mehr sagt der Text nicht: keine Burg, keine Zahl, kein Fürst.
Drei Einschränkungen gehören dazu. Erstens ist die Echtheit der Urkunde umstritten. Manche Forscher halten sie für eine Prager Arbeit, die alte Ansprüche festschreiben sollte, andere zweifeln, ob es sie in dieser Form je gab, und rechnen mit einer Bearbeitung durch Cosmas selbst. Zweitens ist unklar, welche Zeit die Liste abbildet. Die Grenzbeschreibung gibt vor, den Stand von 973 zu zeigen, wurde aber erst 1086 aufgeschrieben und gelangte noch später in die Chronik. Ob die Völkernamen den Zustand des 10. Jahrhunderts treffen, ob sie aus einer älteren Vorlage stammen oder ob ein Schreiber sie aus Gelehrsamkeit zusammenstellte, lässt sich nicht entscheiden. Drittens schwankt die Schreibung. Neben Boborane wird in der Literatur auch Pobarane oder Poborane angeführt, und genau an diesem Buchstabenwechsel entzündet sich der Streit, um den es weiter unten geht.
Man könnte erwarten, dass ein Stamm, den eine Prager Urkunde neben den Slensanen nennt, auch in den älteren Völkerlisten auftaucht. Das ist nicht der Fall. Der sogenannte Bayerische Geograph, eine lateinische Liste von Völkern nördlich der Donau mit der Zahl ihrer civitates (Burgen oder Burgbezirke), ist in einer einzigen Handschrift erhalten, heute in der Bayerischen Staatsbibliothek München (Clm 560). Seine Entstehung wird meist in die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts gesetzt, der zweite Teil teils ins frühe 10. Jahrhundert. Für den schlesischen Raum nennt er die Sleenzane mit 15, die Dadosesani mit 20, die Opolini mit 20 und die Golensizi mit 5 Burgen, dazu die schwer einzuordnenden Lupiglaa mit 30. Bobrzanen fehlen.
Auch Thietmar von Merseburg, der in den 1010er Jahren über die Kriege zwischen Kaiser Heinrich II. und dem polnischen Herrscher Bolesław Chrobry schrieb, kennt sie nicht. Er nennt den Gau der Silensi und den der Diadesisi, also der Dziadoszanen. Zum Jahr 1000 berichtet er nach der Überblicksliteratur, Bolesław habe Kaiser Otto III. auf dessen Weg nach Gnesen an der Burg Ilva an der Grenze des Diadesisi-Gebiets empfangen; zum Jahr 1015 schildert er Kämpfe im selben Gebiet. Ilva wird meist mit dem Burgwall im Ortsteil Iława von Szprotawa gleichgesetzt, also am unteren Bober. Gerade dort, wo man die Bobrzanen erwarten könnte, spricht Thietmar von einem anderen Volk.
Was folgt daraus? Zunächst nur, dass zwei Autoren, die über die Gegend schrieben, den Namen nicht verwenden. Das kann bedeuten, dass es die Gruppe zu ihrer Zeit nicht gab, dass sie zu klein war, um erwähnt zu werden, dass sie unter einem anderen Namen lief oder dass die Verfasser schlicht andere Informationen hatten. Dass die Bobrzanen in der polnischen Literatur oft als kleiner, möglicherweise von den Dziadoszanen abhängiger Stamm erscheinen, ist eine Folgerung aus genau diesem Schweigen und keine Aussage einer Quelle.
Lange galt die Zuordnung als selbstverständlich: Boborane gleich Bobrzanen gleich Leute am Bober. So stehen sie auch in älteren Geschichtsatlanten, etwa auf der Karte zu den Stämmen in Władysław Semkowiczs Mały atlas historyczny. Seit den 1990er Jahren wird diese Gleichung bestritten. Ausgangspunkt ist die Schreibung Pobarane. Der Breslauer Archäologe Sławomir Moździoch hat vorgeschlagen, den Namen als „Po-obrzanie“ zu lesen, also als Leute an der Obra, einem Fluss weiter nördlich im Grenzraum zwischen Großpolen und dem Lebuser Land. Archäologen hatten dort zuvor eine geschlossene frühmittelalterliche Siedlungslandschaft beschrieben, die Jerzy Nalepa 1996 als Gebiet eines Stammes der „Obrzanie“ deutete. Diese Bezeichnung ist allerdings eine moderne Wortschöpfung der Forschung und in keiner Quelle belegt.
Auf die These antworteten mehrere Arbeiten, deren Titel den Streit schon anzeigen: Przemysław Urbańczyk, „Bobrzanie znad Obry?“ (Bobrzanen von der Obra?, 2000), Krzysztof Jaworski, „Pobarane – Bobrzanie czy Obrzanie?“ (2001), Lech A. Tyszkiewicz, „Bobrzanie czy ‚Obrzanie‘?“ (2009), und zuletzt ein forschungsgeschichtlicher Überblick von Piotr Piętkowski (2018). Wir kennen diese Beiträge nur aus Titeln und Kurzangaben und geben ihre Argumente daher nicht im Einzelnen wieder. Festhalten lässt sich, dass die Debatte nicht entschieden ist und dass beide Seiten mit demselben einen Wort arbeiten.
Ein dritter Ansatz stammt von dem Krakauer Historiker Krzysztof Fokt. In einem Aufsatz von 2016 fragt er nach den Slawen am Fuß der Westsudeten, im Gebiet der oberen und mittleren Neiße und des Bober. Er vermutet, dass die Politik des böhmischen Herzogs Boleslav I. und die Gegenmaßnahmen der Verbündeten Ottos I. die Gruppenlandschaft dort verändert haben: Eine im Bayerischen Geographen genannte Gruppe, die Besunzane, sei verschwunden, andere, darunter Bobrzanen und Trebowanen, seien erst in diesem Zusammenhang entstanden. Fokt selbst nennt das eine geopolitische Hypothese, die archäologisch und historisch geprüft werden müsse. In einem weiteren Beitrag hat er die Lage von Pobarane und Trebouane erneut erörtert; diesen Text haben wir nicht gelesen.
Für Leser heißt das: Wer auf einer Karte „Bobrzanen“ am Bober eingetragen sieht, sieht eine plausible, aber nicht gesicherte Rekonstruktion. Und ein Stamm, der vielleicht nur ein paar Jahrzehnte als eigene Größe bestand, passt schlecht zu dem Bild uralter, fest umrissener Völker, das Karten gern vermitteln.
Wo Schriftquellen schweigen, sprechen Funde, allerdings ohne Namen. Ein Burgwall, in der polnischen Fachsprache grodzisko, ist eine befestigte Anlage aus Erde und Holz, deren Wälle oft noch im Gelände zu erkennen sind. Für den mittleren Bober ist der wichtigste neuere Befund der Burgwall von Bolesławiec. Seine Reste liegen heute mitten in der Stadtbebauung: eine ovale Anlage von etwa 70 mal 60 Metern, von Wällen umgeben, die noch sichtbar sind. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte man sie vorläufig ins 12. oder 13. Jahrhundert datiert und für den Sitz einer Kastellanei gehalten, also eines herzoglichen Burgbezirks mit einem Kastellan als Amtsträger.
Ab 2008 grub ein Team des Instituts für Archäologie der Universität Breslau unter Leitung von Sylwia Rodak an dieser Stelle; ein erster Bericht erschien 2010 in den Śląskie Sprawozdania Archeologiczne. Nach der Zusammenfassung in der Presse fanden sich in einer großen Abfallgrube innerhalb der Anlage Keramikscherben vom Ende des 9. und aus dem 10. Jahrhundert, dazu Hinweise auf den Unterbau des Walls und möglicherweise Reste eines verbrannten Tores im Osten. Wohnbauten kamen nicht zutage, Holzreste des Walls ebenfalls nicht. Die Burg ist damit älter als gedacht und gehört in die Zeit, die polnische Archäologen als Stammeszeit bezeichnen, also vor die Eingliederung in den Piastenstaat. Die polnische Stadtgeschichte nennt außerdem Gürtelteile und einen Sporn als früheste Funde einer Besiedlung um 800 bis 900; Spuren aus der Zeit der slawischen Einwanderung im 7. Jahrhundert fehlen um Bolesławiec bisher.
Ist das eine Burg der Bobrzanen? Möglich. Die Grabungsberichte, soweit wir sie aus Zusammenfassungen kennen, nennen den Stamm nicht. Datierung und Lage passen zu dem, was man von einem Mittelpunkt am mittleren Bober erwarten würde. Aber eine Scherbe sagt nicht, wie ihre Benutzer sich nannten. Diese Zuordnung ist eine Deutung.
Weiter flussaufwärts liegt Wleń, deutsch Lähn. Auf dem Berg über dem Ort steht eine Burgruine, die zu den älteren Steinburgen Schlesiens gezählt wird. Darunter liegt nach den Angaben von Denkmalportalen ein älterer Holz-Erde-Burgwall, dessen früheste Wälle ins 10. oder 11. Jahrhundert datiert werden. Schriftlich erscheint der Ort 1155 als Valan beziehungsweise Wlan in einer Bulle Papst Hadrians IV. für das Bistum Breslau, die eine Reihe von Burgorten im Bistumsgebiet nennt. Nach der Literatur war Wleń Sitz einer Kastellanei. Der Ausbau zur Steinburg setzt im späten 12. Jahrhundert ein. Zu den Bobrzanen lässt sich auch hier keine direkte Verbindung herstellen: Als die Burg zum ersten Mal genannt wird, gehört sie längst in die Verwaltung der schlesischen Piasten.
Für die Funde am Bober gilt insgesamt, was für viele Gebiete des westslawischen Raums gilt: Es gibt Burgwälle, Siedlungsspuren und Keramik, aber keinen Platz, der sich als „Hauptburg“ eines Stammes erweisen ließe. Ein zentraler Ort, wie ihn die Forschung für die Slensanen am Zobten oder in Breslau diskutiert, ist für die Bobrzanen nicht bekannt.
Die schlesischen Stämme werden in der modernen Literatur meist als Gruppe behandelt. Die bekanntesten sind die Slensanen um den Zobten und Breslau, die Opolanen an der oberen Oder um Oppeln und die Dziadoszanen (Dadosesani, Diadesisi) am unteren Bober und vielleicht bis Glogau. Dazu kommen die Golensizen im Süden Oberschlesiens und kleinere Gruppen wie die Trebowanen, die man meist im Vorland des Bober-Katzbach-Gebirges um Liegnitz sucht; eine Grabung in Nowy Kościół im Katzbachvorland wurde 2016 ausdrücklich „auf den Spuren der Trebowanen“ veröffentlicht. Auch diese Zuordnung ist eine Rekonstruktion.
Das Verhältnis zwischen Bobrzanen und Dziadoszanen ist der heikelste Punkt. Wenn Thietmar die Burg Ilva bei Sprottau an die Grenze der Diadesisi setzt und die Prager Urkunde Boboranen und Dedosesen nebeneinander nennt, dann teilen sich beide Gruppen offenbar den Bober. Die gängige Rekonstruktion setzt die Bobrzanen an den Mittellauf um Bolesławiec und Lwówek, die Dziadoszanen an den Unterlauf und ostwärts bis zur Oder. Manche Darstellungen nennen im Westen, an der Queis (Kwisa), als Nachbarn die sorbischen Zarowanen. Belegt ist das Bild in dieser Schärfe nicht. Zu den sorbischen Gruppen westlich davon finden Sie mehr in unseren Beiträgen zu den Sorben und den Lusizern.
Warum ist die Unterscheidung so schwer? Weil das Wort „Stamm“ für sehr verschiedene Dinge stehen kann: eine Gruppe mit gemeinsamer Herkunftserzählung, einen Burgbezirk mit einem Anführer, einen Siedlungsraum, den Archäologen an Keramikformen erkennen, oder einen Verwaltungsnamen fremder Herrscher. Die Quellen verwenden ihre Namen, ohne zu sagen, was sie damit meinen.
Politisch lag das Land am Bober im 10. Jahrhundert zwischen zwei aufstrebenden Mächten. Im Süden herrschten die Přemysliden in Prag, im Norden und Osten die Piasten, deren Herrschaft um Gnesen und Posen entstand. Dass Schlesien zeitweise unter böhmischem Einfluss stand, schließt die Forschung unter anderem aus der Prager Grenzbeschreibung selbst. Wie weit dieser Einfluss reichte und wie fest er war, bleibt offen; dass die Urkunde ein Gebiet zur Prager Diözese zählt, beweist noch keine böhmische Herrschaft über jede Burg in diesem Raum.
Um 990 kam es zum Konflikt zwischen dem polnischen Herzog Mieszko I. und dem böhmischen Herzog Boleslav II. Thietmar berichtet sinngemäß, Boleslav habe Mieszko vorgeworfen, ihm ein Herrschaftsgebiet weggenommen zu haben, ein regnum ablatum. Welches Land gemeint war, ist seit Langem umstritten. Viele Forscher denken an Schlesien, andere, darunter Wacław Korta, an das Land der Milzener in der Oberlausitz; ein Überblick von Piotr Piętkowski aus dem Jahr 2020 hält Kortas Deutung für die bisher am besten begründete in der polnischen Forschung. Für die Bobrzanen bedeutet das: Wann genau ihr Gebiet piastisch wurde, lässt sich nicht auf das Jahr festlegen. Der Zeitraum um 990 ist wahrscheinlich, ein sicheres Datum ist er nicht.
Einen Anhaltspunkt gibt das sogenannte Dagome iudex, ein Regest aus dem späten 11. Jahrhundert, das eine Übergabe von Mieszkos Herrschaft an den Papst um 991 festhält. Nach der gängigen Lesung beschreibt es die Grenzen des Landes unter anderem von Krakau bis zur Oder, dann bis zu einem Ort namens Alemure und bis zum Land der Milzener. Wo Alemure lag, ist umstritten. Wenn die Lesung stimmt, grenzte Mieszkos Herrschaft um 991 an die Oberlausitz, und das Land am Bober läge innerhalb dieser Grenzen. Das ist ein Schluss aus einer schwierigen Quelle, kein Bericht über die Bobrzanen.
Im Jahr 1000 gründete Otto III. bei seinem Besuch in Gnesen die Kirchenprovinz Gnesen mit dem Bistum Breslau. Damit war Schlesien kirchlich an Polen gebunden. In den folgenden Kriegen zwischen Heinrich II. und Bolesław Chrobry zogen Heere mehrfach durch das Bobergebiet; Thietmars Bericht von 1015 über Kämpfe im Gebiet der Diadesisi gehört dazu. Von Bobrzanen ist in diesen Berichten nirgends die Rede. Spätestens jetzt verschwinden die alten Gruppennamen hinter der Verwaltung der Piasten. An ihre Stelle treten Burgbezirke, die Kastellaneien, mit Mittelpunkten wie Wleń, die ein herzoglicher Beamter verwaltete. Ob deren Grenzen alte Stammesgrenzen aufnahmen, wird diskutiert, lässt sich aber für den Bober nicht zeigen.
Die Prager Liste endet an einem Wald, „wo die Grenzen der Milzener beginnen“. Zwischen Schlesien und der Oberlausitz lag tatsächlich bis ins Hochmittelalter ein breiter, kaum besiedelter Grenzwald, der Hag oder polnisch Przesieka. Solche Grenzwälder waren keine leeren Räume, sondern bewusst erhaltene Sperrzonen mit Verhauen, also umgelegten Bäumen, die Durchzug erschwerten. Ob die Bobrzanen am Rand dieses Waldes saßen, ist eine naheliegende Deutung der Liste; mehr nicht.
Im 12. Jahrhundert wurde Schlesien ein eigenes Herzogtum unter einer Seitenlinie der Piasten. Herzog Bolesław I. der Lange kehrte 1163 mit kaiserlicher Unterstützung aus dem Exil zurück; ihm schreiben manche Forscher den Beginn des Steinausbaus in Wleń zu, andere setzen ihn später an. Sein Sohn Heinrich I. und dessen Frau Hedwig von Andechs holten im frühen 13. Jahrhundert Siedler ins Land, vielfach aus dem Westen des Reiches. Dieser Vorgang heißt in der Forschung Ostsiedlung oder Landesausbau: Herzöge, Klöster und Adelige ließen Wald roden und neue Dörfer und Städte nach deutschem Recht anlegen, das den Siedlern feste Abgaben und eigene Gerichtsbarkeit zusicherte. Die Anlage einer solchen Siedlung nennt man Lokation.
Am Bober ist das gut greifbar. Lwówek Śląski erscheint 1217 als Lewenberc zum ersten Mal in einer Urkunde; eine im Rechtsbuch von 1407 genannte Jahreszahl 1209 gilt als unglaubwürdig. Heinrich I. ließ die Stadt durch die Vögte Thomas und Hartlieb nach deutschem Recht anlegen, nach Goldberg als zweitälteste deutschrechtliche Stadt Schlesiens. Sie entstand als Rodungssiedlung am Löwenberger Hag, dem inneren Rand des Grenzwaldes, und wurde Mittelpunkt von Waldhufendörfern, also Dörfern, deren Höfe jeweils einen langen Streifen Land vom Bach bis zum Waldrand erhielten. Östlich davon bestand schon bei der Gründung eine Goldwäscherei, deren Vorkommen gegen Ende des 13. Jahrhunderts fast erschöpft waren. Wleń wurde nach den Ortsdarstellungen 1214 von Heinrich I. und Hedwig als Stadt gegründet.
Bolesławiec ist für etwa 1194 sicher belegt, 1196 erscheint der Name Boleslawez in einer Urkunde. Der Name ist eine Bildung von einem Personennamen und wird meist auf Bolesław den Langen bezogen. Die Lokation zur Stadt fand zwischen 1226 und 1251 statt. Die polnische Stadtgeschichte vermerkt, die Stadt sei rasch deutschsprachig geworden; ab dem 13. Jahrhundert ist der deutsche Name Bunzlau belegt, eine eingedeutschte Form des slawischen.
Was mit den Nachfahren der Menschen geschah, die um 900 den Burgwall von Bolesławiec benutzten, sagen die Quellen nicht. Ostsiedlung bedeutete nicht zwangsläufig Verdrängung; vielerorts lebten slawische und zugewanderte Bauern nebeneinander, und die slawischen Ortsnamen im Bobertal sprechen für Kontinuität. Wie das Verhältnis im Einzelnen aussah, müsste man Dorf für Dorf prüfen. Wir haben das nicht getan und belassen es bei dieser allgemeinen Aussage.
Bolesławiec ist heute weltweit für seine Keramik bekannt, das blau getupfte Steinzeug, das in vielen Küchen steht. Es liegt nahe, eine Linie von den slawischen Scherben im Burgwall zur Bunzlauer Töpferei zu ziehen. Diese Linie gibt es nach allem, was wir prüfen konnten, nicht. Die Keramikherstellung in Bunzlau wird in der Literatur auf das 16. Jahrhundert zurückgeführt; sie beruhte auf dem Ton des Bunzlau-Naumburger Tonbeckens. Frühmittelalterliche Gefäßkeramik findet sich an praktisch jedem slawischen Fundplatz, weil Menschen überall Töpfe brauchten. Dass ausgerechnet am Bober eine besondere Töpfertradition der Bobrzanen bestanden hätte, steht in keiner Quelle und zeigt kein Befund, den wir kennen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Gold. Die Goldwäscherei bei Löwenberg ist für die Zeit der Stadtgründung belegt, und ein Denkmalportal vermutet, die Burg Wleń habe auch Bergbau in der Nähe geschützt. Dass schon die Bobrzanen Gold gewaschen hätten, ist damit nicht gesagt. Es wäre denkbar, aber denkbar ist keine Kategorie, mit der man Geschichte schreibt.
Und schließlich die Biber. Der Fluss heißt nach ihnen, der Stamm nach dem Fluss. Daraus ein „Bibervolk“ mit Biber als Wappentier oder Kulttier zu machen, wie man es gelegentlich in populären Texten liest, ist reine Ausschmückung. Ein Gewässername sagt etwas über die Tiere am Ufer, nicht über die Religion der Menschen, die dort wohnten.
Die Bobrzanen sind ein Grenzfall im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Sie saßen, wenn die gängige Rekonstruktion stimmt, an einer Grenze: zwischen Böhmen und Polen, zwischen Schlesien und der Lausitz, am Rand eines Waldes, der beide trennte. Und sie stehen an der Grenze dessen, was die Geschichtswissenschaft wissen kann. Ein Wort in einer Urkunde, deren Echtheit bezweifelt wird, in einer Schreibung, die zwei Lesungen zulässt, in einer Liste, deren Zeitstellung offen ist.
Dagegen steht ein Burgwall in Bolesławiec, dessen Anfänge in das späte 9. Jahrhundert reichen, ein späterer Kastellaneisitz in Wleń, ein Fluss mit einem alten slawischen Namen und die gut belegte Geschichte des 13. Jahrhunderts, als Herzöge und Siedler das Bobertal umgestalteten. Wer diese Teile zusammensetzt, erhält ein Bild, das stimmig wirken kann. Es bleibt aber ein zusammengesetztes Bild. Gerade darin liegt der Reiz: Die Bobrzanen zwingen dazu, bei jedem Satz zu fragen, woher wir ihn wissen.
Wer sich für das größere Geflecht interessiert, findet bei den Slensanen den Namensstreit um Schlesien, bei den Silingen die germanische Vorgeschichte der Region und bei den Tschechen und Polanen die beiden Mächte, zwischen denen das Land am Bober im 10. Jahrhundert lag.

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