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Die Sarowanen: Was wissen wir wirklich über einen Stamm, der in keiner Liste steht?

Geschichte & Funde Die Sarowanen: Was wissen wir wirklich über einen Stamm, der in keiner Liste steht?

Wer „Sarowanen“ in eine Suchmaschine oder ein Fachlexikon eintippt, findet keinen Stamm. Eine Stelle in einer mittelalterlichen Quelle, die ihn nennt, haben wir nicht gefunden. Dieser Beitrag legt offen, was wir geprüft haben, welche belegten Namen dem Wort klanglich nahekommen und warum aus einem Missverständnis in der Literatur leicht ein „Volk“ werden kann.

Ein Name, der sich nicht finden lässt

Das Briefing für diesen Beitrag lautete, einen Völkerartikel über die Sarowanen zu schreiben, einen slawischen oder sarmatischen Stamm, vielleicht am Oberlauf von Elbe, Saale oder Oder. Schon die Unsicherheit in dieser Beschreibung ist ein Befund. Wenn man bei einem Stamm nicht einmal sagen kann, ob er slawisch, sarmatisch oder sonst etwas war und wo er gesessen haben soll, dann steht hinter dem Namen in der Regel keine Quelle, sondern ein Gerücht, eine Verwechslung oder ein Tippfehler, der sich verselbständigt hat.

Wir haben deshalb zuerst gesucht, bevor wir geschrieben haben. In der vollständigen Namensliste des Bayerischen Geographen, der wichtigsten frühmittelalterlichen Aufzählung slawischer Gruppen, kommt kein Sarowani, Sarovani oder Sarowane vor. In der englischsprachigen Sammelübersicht „List of early Slavic peoples“ gibt es keinen Eintrag, der so oder ähnlich lautet. Die Artikel zu den klangverwandten Namen Zeriuani, Sorben und Severjanen kennen die Form ebenfalls nicht. Und in einem früheren Beitrag auf dieser Website, dem über die Bobrzanen, stand ein Hinweis auf „sorbische Zarowanen“ an der Queis, den dieser Beitrag ausdrücklich nicht stützt: Eine Stelle dafür haben wir nicht gefunden.

Das ist kein Beweis, dass es nie jemanden gab, der so hieß. Aus dem Fehlen in den geprüften Listen folgt nur, dass sich der Name mit unseren Mitteln nicht belegen lässt. Genau diese Unterscheidung zieht sich durch den ganzen Text: Was steht in einer Quelle, was ist eine Deutung der Forschung, und was ist Legende oder schlicht Überlieferungsrauschen? Der Beitrag will deshalb keinen erfundenen Stamm beschreiben, sondern zeigen, wie man bei einem solchen Namen vorgeht.

Bei Stammesnamen aus dem frühen Mittelalter ist die Schreibweise selten stabil. Die lateinischen Schreiber hörten fremde Namen, notierten sie nach eigenem Gehör und schrieben sie später von Vorlagen ab, wobei Buchstaben wie u und v, c und t oder e und o leicht verwechselt wurden. Moderne Autoren übertragen die Namen dann noch einmal ins Deutsche, Polnische oder Englische. Aus einem einzigen Namen können so ein halbes Dutzend Formen werden, und manche davon entstehen erst in der Sekundärliteratur.

Wir haben darum nicht nur nach „Sarowanen“ gesucht, sondern auch nach Sarowani, Sarovani, Sarowane, Sarowanie und Zarowanen sowie nach dem Zusammenhang mit Elbe, Saale und Oder. Gefunden haben wir keinen Beleg und keine Fachpublikation, die einen Stamm dieses Namens behandelt. Ein Satz wie „Die Sarowanen existierten nicht“ wäre trotzdem zu stark. Richtig ist: In den geprüften Quellenlisten und Übersichten kommt der Name nicht vor, und wer ihn verwendet, müsste die Stelle nennen können. Wo eine solche Stelle fehlt, bleibt der Name unbelegt.

Ehrlicherweise gehört dazu auch, was wir nicht getan haben. Wir haben nicht sämtliche Handschriften und Editionen durchgesehen, und die großen Chroniken von Thietmar, Helmold oder die altrussische Nestorchronik haben wir nicht im Volltext nach Varianten abgesucht. Die Aussage bezieht sich auf die genannten Listen und Übersichten, nicht auf die gesamte Überlieferung. Wer eine konkrete Fundstelle kennt, sollte sie prüfen, und wir würden den Beitrag dann anpassen.

Der Bayerische Geograph: die wichtigste Liste und ihre Grenzen

Wer nach einem unbekannten slawischen Stamm im Osten des Frankenreichs fragt, landet früher oder später beim Bayerischen Geographen. So heißt ein kurzer lateinischer Text, dessen Titel „Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii“ lautet, auf Deutsch etwa „Beschreibung der Burgbezirke und Gebiete nördlich der Donau“. Er zählt Völker östlich des Frankenreichs auf und nennt dazu jeweils eine Zahl von civitates. Was dieses lateinische Wort hier genau bezeichnet, ist umstritten: Man denkt an Burgbezirke oder Siedlungskammern, sicher ist es nicht.

Der Text wurde 1772 in der Bayerischen Staatsbibliothek in München entdeckt. Er scheint auf eine Vorlage im Bestand der Reichenau zurückzugehen, und die Forschung datiert ihn ins neunte Jahrhundert. Bernhard Bischoff dachte an einen Mönch, der in den 830er bis 850er Jahren tätig war. Aleksandr Nazarenko hält die 870er Jahre für wahrscheinlicher. Henryk Łowmiański vermutete, die Liste bestehe aus zwei Teilen, die zu unterschiedlichen Zeiten und von verschiedenen Verfassern stammen könnten. All das sind Deutungen, keine gesicherten Tatsachen.

Die Liste umfasst mehrere Dutzend Namen, von den Nortabtrezi (meist mit den Obodriten gleichgesetzt, was eine Deutung ist) über die Surbi, die Sorben, bis zu Gruppen in Schlesien wie den Sleenzane (Slensanen), Dadosesani (Dziadoszanen), Opolini (Opolanen) und Golensizi (Golensizen). Auch die Milzane tauchen auf, die Milzener der Oberlausitz. Was dort nicht steht, ist ein Name, der mit Sar- oder Zar- beginnt und auf -wani endet. Die Liste hat also keine Lücke, in die ein „Sarowani“ passen würde, und es ist auch nicht so, dass er in einer anderen Lesart versteckt wäre, die wir einfach nicht kennen: Die am nächsten liegenden Formen sind andere, dazu gleich mehr.

Die Grenzen der Liste sind trotzdem wichtig. Sie ist kein vollständiges Verzeichnis aller Stämme, sondern eine Momentaufnahme aus fränkischer Sicht, mit Zahlen, die niemand überprüfen kann, und mit Namen, von denen mehrere bis heute keinem Gebiet zugeordnet werden können. Ein Stamm, der dort nicht steht, kann trotzdem existiert haben. Aber man darf ihn dann nicht als „im Bayerischen Geographen genannt“ ausgeben, und genau diesen Fehler findet man in der populären Literatur immer wieder.

Zeriuani, ein so großes Reich, dass aus ihm alle Völker der Slawen hervorgegangen sein sollen und ihren Ursprung, wie sie behaupten, davon herleiten. (eigene Übersetzung)Bayerischer Geograph, Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii, Eintrag „Zeriuani“ der zweiten Liste; lateinischer Wortlaut nach der Wiedergabe auf jassa.org: „Zeriuani, quod tantum est regnum, ut ex eo cuncte gentes Sclauorum exorte sint, et originem, sicut affirmant, ducant.“ (Zeilenzählung je nach Edition verschieden)

Klangverwandte Namen: Zeriuani, Zuireani, Serauici, Sebbirozi

Wenn man das Wort Sarowanen laut liest, hört man darin drei Dinge: ein anlautendes S oder Z, einen r-Laut und die Endung -wani oder -wane. In der Liste des Bayerischen Geographen gibt es mehrere Namen, die dieses Muster zumindest teilweise erfüllen. Die Wikipedia-Artikel zum Thema nennen Zeriuani, Zuireani, Serauici, Sebbirozi und Neriuani als formal ähnliche Einträge. Das bedeutet nicht, dass einer von ihnen gemeint ist. Es zeigt nur, wo ein Leser, der den Namen irgendwo gehört oder falsch notiert hat, ihn gefunden haben könnte.

Besonders nah an der Klangform liegt der Name Zeriuani, in anderen Lesungen auch Zeruiani. Ersetzt man das e durch a und das u durch w, kommt man ohne große Mühe zu „Zarwani“ oder „Sarowani“. Das ist wohlgemerkt eine Überlegung zur Lautform, kein Nachweis für eine Entlehnung. Für die Zuireani, die in der lateinischen Fassung mit 325 civitates erscheinen, gilt Ähnliches, und die Serauici sind ein Name, den die Forschung bis heute nicht verorten kann.

Man sollte sich dabei bewusst machen, wie viele dieser Namen ungeklärt sind. Der Bayerische Geograph nennt Gruppen, deren Wohnsitze niemand kennt, und das ist nicht Schlamperei der Forschung, sondern der Zustand der Quelle. Wer nun im 19. oder 20. Jahrhundert einen schlecht lesbaren Namen in einer solchen Liste „normalisieren“ wollte, konnte leicht eine Form erzeugen, die es in der Handschrift nie gab. Ob das bei den Sarowanen geschehen ist, lässt sich nicht belegen. Es ist eine mögliche Erklärung unter mehreren.

Das Rätselreich Zeriuani: Wer waren sie wirklich?

Da die Zeriuani der nächstliegende Kandidat für eine Verwechslung sind, lohnt ein genauer Blick. Sie sind im Bayerischen Geographen der einzige Eintrag, dem kein Zahlenwert beigegeben ist, dafür aber eine große Behauptung: Aus ihrem Reich seien alle slawischen Völker hervorgegangen. Es ist der älteste lateinische Text, der den Slawen einen gemeinsamen Ursprung zuschreibt. Zugleich ist unklar, wen er meint.

Die Forschung hat dazu mehrere Vorschläge gemacht, die sich teilweise widersprechen. Lubor Niederle und Kazimierz Tymieniecki sahen im Namen eine Verderbnis von „Sarmaten“ oder „Severjanen“. Henryk Łowmiański plädierte für die Severjanen und wies darauf hin, dass der Name der Serben nie die slawische Endung -jane angenommen habe, der der Severjanen dagegen schon. Gerard Labuda verband die Severjanen mit Kleinpolen und der Westukraine, Ryszard Kiersnowski dachte an ein Relikt einer großen Gruppe an der Oder, ohne dass dort ein Stamm dieses Namens belegt wäre. Tadeusz Lehr-Spławiński und andere stellen den Namen zu den Tscherwener Burgen (den „Czerwień-Städten“) und dem Gewässernamen Czerwia, auch das ist umstritten. Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Name eine entstellte Form der Drewljanen ist, denen unser Beitrag zu den Drewlanen gewidmet ist.

Für unsere Frage ist wichtig, wie diese Deutungen zusammenhängen. Sarmaten und Severjanen sind genau die beiden Richtungen, in die das Briefing zeigte, als es vom sarmatischen oder ostslawischen Hintergrund des gesuchten Stammes sprach. Das wirkt wie ein Echo: Die Zuordnungsprobleme, die die Forschung am Namen Zeriuani abarbeitet, tauchen bei den Sarowanen in verkleinerter Form wieder auf. Ob das Zufall ist oder ob jemand die Zeriuani-Diskussion für einen eigenen Stamm gehalten hat, wissen wir nicht.

Die Sarmaten: ein antiker Namensvetter, aber kein Slawenstamm

Die Sarmaten waren nach Darstellung der Forschung eine große Gruppe iranischsprachiger Reiternomaden, die vom fünften vorchristlichen bis ins vierte nachchristliche Jahrhundert die Steppen nördlich des Schwarzen Meeres beherrschten. Ihr Kerngebiet lag zwischen Ural und Don, auf dem Höhepunkt um 100 vor Christus reichten sie bis zur Donau. Der Name, den griechische und römische Autoren für das Land verwendeten, war Sarmatia. Plinius setzte sie nach der Wikipedia-Zusammenfassung zwischen Weichsel und Donau. Nach ihnen kamen die Hunnen. Sie sind kein Stamm, den man am Oberlauf von Elbe oder Saale suchen müsste, und sie sind keine Slawen.

Warum landen sie dennoch in diesem Zusammenhang? Weil der Name Sarmaten in der Neuzeit ein Eigenleben bekam. Der Sarmatismus war eine Vorstellung in Polen-Litauen, nach der der polnische Adel von den Sarmaten abstamme. Von der Renaissance bis ins 18. Jahrhundert prägte diese Idee das Selbstbild der Szlachta. Dass sie historisch nicht tragfähig ist, spielt für ihre Wirkung keine Rolle. Zugleich nimmt die Forschung an, dass einzelne sarmatische Gruppen im Frühmittelalter von der frühslawischen Bevölkerung Osteuropas aufgenommen wurden. Das ist etwas anderes als eine Abstammung, und es erklärt keine Stammesnamen im Elbe-Saale-Gebiet.

Ein Name wie „Sarowanen“ klingt für deutsche Ohren sarmatisch. Die Silbe „Sar“ und die Endung „-ane“ reichen aus, um ihn in diese Richtung zu schieben. Eine Herleitung daraus wäre aber reine Wortspielerei, und wir lassen sie bewusst weg.

Sorben, Surbi, Sorabi: der belegte Name an Elbe und Saale

Wer einen Stamm am Oberlauf der Elbe oder an der Saale sucht, der mit S beginnt, kommt an den Sorben nicht vorbei, und deshalb ist der Verdacht naheliegend, die Sarowanen seien nur eine falsche Form dieses Namens. Die Sorben sind dagegen sehr gut belegt, wenn auch nicht ohne Streit. Unser Beitrag zu den Sorben geht ausführlicher darauf ein, hier nur die Eckdaten der Überlieferung, wie sie die Fachübersicht zusammenfasst.

Um 631 nennt die Chronik des Fredegar einen Dervanus, „dux gente Surbiorum“, einen Herzog des Stammes der Surbi, der sich dem Reich des Samo anschloss. In den fränkischen Reichsannalen heißt es zu 806, Karl der Jüngere sei in das Land der Slawen gezogen, „qui dicuntur Sorabi“. Der Bayerische Geograph führt die Surbi mit fünfzig civitates. Die Fuldaer Annalen berichten zwischen 849 und 895 von einer Sorbenmark, ihrem dux Thachulf, sorbischen Raubzügen in den Jahren 851 und 869 und Eidleistungen gegenüber Arnulf. Thietmar von Merseburg beschreibt die Sorben im frühen elften Jahrhundert als Heiden. Arabische Autoren erwähnen sie in Formen wie „Sarbin“. Das alles geben wir nach der Wikipedia-Übersicht wieder, die Primärtexte haben wir dazu nicht selbst gelesen.

Wichtig für unsere Frage ist die Liste der Schreibvarianten, die der Wikipedia-Artikel aufführt: Surbi, Suurbi, Sorabi, Sorabos, Surpe, Sorabici, Sarbin, Servians, Zribia. Eine Form „Sarbi“ ist nicht darunter, ein „Sarowan“ erst recht nicht. Die Sorben erscheinen demnach in einem breiten Spektrum von Schreibungen mit S und r, aber immer mit einem b oder p als Kern, nie mit einem w. Wenn jemand aus Surbi oder Sorabi ein „Sarowani“ gemacht hat, dann war das eine Entstellung, die in den Quellen keine Grundlage hat.

Severjanen: die ostslawische Spur

Die zweite Richtung des Briefings führt nach Osten, zu den Severjanen, die auch Sewerjanen oder Siverier heißen. Sie sind ein ostslawischer Stamm im Gebiet der mittleren Dnjepr-Region. Die Quellen, die von ihnen sprechen, sind der Bayerische Geograph, Konstantin VII. Porphyrogennetos, ein Brief des chasarischen Herrschers Joseph und die Nestorchronik, also die „Erzählung der vergangenen Jahre“. Ein eigener Beitrag befasst sich mit den Sewerjanen.

Die gängige Rekonstruktion setzt ihr Land an der unteren Desna sowie am oberen Sejm und an der Sula an, mit Tschernihiw als Mittelpunkt. Die Lokalisierung gilt als erschlossen, nicht als bewiesen. Archäologen haben ländliche Siedlungen und Brandgräber unter Hügeln aus dem achten bis zehnten Jahrhundert gefunden, deren Zuordnung zu einem Stamm wiederum eine Deutung ist. Auch die Herkunft des Namens ist ungeklärt: Man hat ihn mit dem slawischen Wort für „Norden“ verbunden, mit einem sarmatischen Stammesnamen und mit hebräischen oder ungarischen Formen. Zu den historischen Eckpunkten zählt die Eingliederung in die Herrschaft Olegs, die meist auf 884 datiert wird, von manchen Forschern aber später angesetzt wird. Die Verbindung zum Kiewer Reich behandelt unser Beitrag zur Kiewer Rus.

Bemerkenswert ist, dass die Severjanen in der Zeriuani-Debatte als Kandidaten gelten: Łowmiański hielt sie für den slawischen „Mutterstamm“, aus dem sich alle anderen Gruppen herleiten sollten. Auch das ist eine Hypothese. Für einen Stamm namens Sarowanen taugen die Severjanen deshalb nur insofern, als sie zeigen, in welcher Weise sich ein ähnlich klingender Name an sie anlehnen könnte.

Die Zarow und die Grenze zwischen West- und Mittelpommern

Eine ganz andere Spur führt an die Ostseeküste. Die Zarow ist ein Tieflandfluss in Vorpommern, nach der Wikipedia-Beschreibung rund 16 Kilometer lang. Sie fließt von Ferdinandshof nach Norden durch die Ueckermünder Heide und mündet bei Grambin in das Stettiner Haff. Ihr Unterlauf wird von zwei Gräben gespeist, dem Landgraben und dem Weißen Graben, die aus dem Galenbecker See kommen. Der Fluss gilt außerdem als alte Kulturgrenze zwischen Westpommern und Mittelpommern.

Der Name Zarow wird dort vom Zarowbach in der Nähe des Zarowbergs hergeleitet. Dass hier ein Stamm benannt sei, sagt der Artikel nicht, und wir behaupten es auch nicht. Wir erwähnen die Zarow, weil sie zeigt, wie eine Namensform Zarow- in der Gegend tatsächlich existiert, nämlich als Gewässer- und Flurname. Bildet man mit der bekannten slawischen Endung -jane, die „Bewohner von“ bedeutet, formal einen Bewohnernamen, käme man auf eine Form wie „Zarowanen“, die Leute an der Zarow. Das ist eine sprachliche Überlegung, ein Gedankenspiel, keine Quelle. Kein Text, den wir kennen, nennt einen Stamm so. Die Pommern der Region behandelt unser Beitrag zu den Pomoranen.

Ob die Zarowanen in der Nachbarschaft der Bobrzanen auf einen ähnlichen Gedankengang zurückgehen, bleibt offen. Vom Queis bis zur Zarow in Vorpommern liegen Hunderte Kilometer, und mit dieser Entfernung lässt sich eine Zusammengehörigkeit nicht begründen.

Wie ein Phantomstamm entsteht

Es gibt in der Völkerkunde des Frühmittelalters mehrere Wege, auf denen ein Stamm in die Literatur gelangt, der in den Quellen nicht vorkommt. Wir benennen sie, ohne zu behaupten, dass einer davon bei den Sarowanen zutrifft; das wissen wir schlicht nicht.

Der erste Weg ist die Lesefehlerkette: Ein Schreiber verändert einen Namen, ein Herausgeber „verbessert“ ihn, ein Handbuch übernimmt die Form. Der zweite ist die Karte. Wer ein Schaubild mit Stammesgrenzen zeichnet, muss Lücken füllen und trägt gelegentlich Namen ein, die er aus verschiedenen Ableitungen zusammengesucht hat. Der dritte ist das Ortsnamen-Missverständnis: Aus einem Fluss- oder Flurnamen wird rückwärts ein Volk gemacht, das nie so genannt wurde. Der vierte ist die Übersetzung. Zwischen Latein, Altkirchenslawisch, Polnisch, Tschechisch, Sorbisch, Deutsch und Englisch entstehen leicht Lautformen, die in keiner Sprache der Zeit existiert haben.

Das lässt sich gut daran sehen, dass derselbe Name der Wikipedia-Liste, den wir oben als „Zeriuani“ geführt haben, in der Fachdiskussion auch als Zuierani, Zerivani, Zervingi oder Tervingi auftaucht. Der jassa.org-Beitrag zu den Sorben diskutiert solche Lesungen ausdrücklich, räumt aber auch ein, dass niemand wirklich weiß, wer die Zeriuani waren. Bei so viel Unsicherheit ist es wenig überraschend, dass sich noch eine weitere Form daneben entwickelt hat.

Der Begriff „Phantomstamm“ ist übrigens kein Fachwort, sondern ein Hilfsausdruck dieses Beitrags für Namen, die in der Literatur kursieren, ohne dass eine Primärquelle dahintersteht. Ob die Sarowanen einer sind, haben wir nicht beweisen können.

Was die Archäologie beitragen kann und was nicht

Wer nach Stämmen sucht, wünscht sich oft, dass Spaten und Fundstelle eine Antwort liefern, wo die Schrift schweigt. Das tun sie nur eingeschränkt. Ausgrabungen liefern Keramik, Gräber, Burgwälle und Hölzer, aber keine Stammesnamen. Ob die Menschen, die dort lebten, sich Sarowanen, Sorben oder anders nannten, geht aus den Funden nicht hervor. Das gilt für alle Gruppen, und für die Gebiete, in denen man Sarowanen vermuten würde, ganz besonders.

Für den Elbe-Saale-Raum nennt die Übersicht zu den Sorben einige belastbare Einsichten. Die frühere Annahme von Joachim Herrmann, die sogenannte Rüssener Keramik belege eine sorbische Einwanderung im siebten Jahrhundert, gilt heute als weitgehend überholt. Die Dendrochronologie datiert das Bauholz slawischer Anlagen vor allem in das späte achte bis frühe zehnte Jahrhundert, aus dem sechsten und siebten Jahrhundert gibt es dagegen fast nichts. Heather argumentiert, dass die scheibengedrehte Keramik der Typen Leipzig, Tornow und Feldberg in das achte und neunte Jahrhundert gehört. Im Saale-Elbe-Gebiet gibt es Flachgräber mit Urnenbestattung, in der Ober- und Teilen der Niederlausitz Brandbestattungen in Hügeln. Wie sich die Burgen dort zu den Burgwallanlagen weiter nördlich verhalten, erklärt unser Beitrag zur Burgenkunde.

Keiner dieser Befunde erlaubt es, einen Stamm Sarowanen zu lokalisieren. Wo kein Name aus einer Quelle vorliegt, gibt es auch keinen Namen, den man einer Fundgruppe zuweisen könnte. Wer auf einer Karte ein Siedlungsgebiet „der Sarowanen“ einzeichnet, setzt dort eine Information ein, die weder Archäologie noch Schriftquellen liefern.

Wie man mit einem Namen ohne Beleg arbeitet

Für den Umgang mit solchen Namen gibt es ein paar Regeln, die auch für andere Beiträge dieser Website gelten. Zuerst sollte man die Stelle verlangen: Welche Quelle, welcher Satz, welche Edition? Wer sie nicht nennen kann, hat vermutlich ebenfalls nur eine zweite Hand vor sich. Dann sollte man die Namensform vergleichen. Steht in der Quelle wirklich Sarowani, oder ist es eine moderne Glättung von Zeriuani, Surbi oder Severi? Drittens ist zu klären, ob die Einordnung in der Quelle steht oder aus der Forschung stammt. Dass die Surbi ein Stamm an der Saale und Elbe waren, ist eine Deutung auf Grundlage der Quellen. Dass sie 50 civitates hatten, ist eine Angabe des Geographen, über deren Bedeutung gestritten wird.

Die Begriffe, mit denen dieser Beitrag arbeitet, haben wir in der Begriffskunde gesammelt, und der Umgang mit überlieferten Geschichten und Behauptungen ist Thema der Legendenkunde. Beide helfen, Belege, Deutungen und Legenden auseinanderzuhalten.

Zuletzt gehört zur Quellenkritik, das Ergebnis auszuhalten. Es ist unbefriedigend, bei einem Namen, den ein Leser vielleicht aus einem Buch oder von einer Karte kennt, nur sagen zu können, dass er sich nicht belegen lässt. Aber es ist die ehrliche Auskunft, und sie ist mehr wert als eine glatte Geschichte, in die man Details einsetzt, die niemand überprüfen kann.

Regionale Einordnung: Nachbarn im Elbe-Saale-Raum

Wer den Raum kennenlernen will, in dem man die Sarowanen suchen würde, sollte sich an die belegten Gruppen halten. Westlich der Elbe, im Land zwischen Saale und Harz, grenzten die Slawen an die Sachsen und Thüringer, mehr dazu in den Beiträgen zu den Sachsen und den Thüringern. Östlich davon liegen die Siedlungsgebiete der Daleminzier, der Milzener und der Lusizer, die unter den sorbischen Gruppen zu nennen sind. Weiter in Richtung Schlesien folgen die Slensanen, Dziadoszanen, Opolanen und Golensizen, die auch der Bayerische Geograph kennt, sowie die Bobrzanen, die nur in einer einzigen Prager Grenzbeschreibung vorkommen.

Diese Gruppen haben eines gemeinsam: Wir kennen ihre Namen aus mindestens einer Quelle. Bei den Sarowanen ist das nicht der Fall, und deshalb gehören sie in diese Reihe nur als Frage, nicht als Eintrag. Die Zusammenhänge mit den größeren Räumen, etwa den Weißen Kroaten im Süden und den pannonischen Slawen im Südosten, sind in den Beiträgen zu den Weißen Kroaten und den pannonischen Slawen nachzulesen.

Einen Rheinland- oder Nordseebezug gibt es für dieses Thema nicht; eine Verbindung zur Ostsee besteht allenfalls über die Zarow, die in das Stettiner Haff mündet, und auch hier ist es ein Flussname, kein Stamm.

Häufige Fragen

Gab es die Sarowanen? Das lässt sich nicht belegen. In den geprüften Quellenlisten und Übersichten kommt kein Stamm dieses Namens vor. Ob er in einer nicht geprüften Quelle auftaucht, wissen wir nicht.

Stehen die Sarowanen im Bayerischen Geographen? Nein, jedenfalls nicht in der Form. Die ähnlichsten Einträge sind Zeriuani, Zuireani, Serauici und Surbi.

Sind die Sarowanen Sorben? Eine Verbindung ist möglich, aber nicht belegt. Die Sorben erscheinen in den Quellen als Surbi, Sorabi oder ähnlich, nie als Sarowanen.

Haben die Sarowanen mit den Sarmaten zu tun? Dafür gibt es keinen Beleg. Die Sarmaten waren iranischsprachige Reiternomaden der Steppe, keine Slawen und keine Elbanwohner.

Gibt es einen Ort Zarow? Ja, in Vorpommern gibt es eine Zarow, einen rund 16 Kilometer langen Fluss, der ins Stettiner Haff mündet. Ein Stamm dieses Namens ist daraus nicht belegt.

Was soll ich tun, wenn ich den Namen in einem Buch finde? Nach der Fundstelle fragen. Steht dort eine Quelle mit Seitenzahl, lässt sich der Name prüfen. Fehlt sie, ist Vorsicht angebracht.

Was gesichert ist

  • Der Name „Sarowanen“ (auch Sarowani, Sarovani, Sarowane) steht in keiner der von uns geprüften Völkerlisten: nicht im Bayerischen Geographen, nicht in der Wikipedia-Übersicht „List of early Slavic peoples“.
  • Der Bayerische Geograph (Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii) ist eine lateinische Völkerliste des neunten Jahrhunderts, 1772 in München entdeckt; die genaue Datierung und Entstehung sind umstritten.
  • Der Eintrag „Zeriuani“ nennt ein Reich, aus dem alle Slawen hervorgegangen sein sollen; wer gemeint ist, ist ungeklärt.
  • Die Sorben sind unter den Namen Surbi, Sorabi und ähnlichen in mehreren Quellen belegt (Fredegar um 631, Reichsannalen 806, Bayerischer Geograph, Fuldaer Annalen, Thietmar), nach der Wikipedia-Zusammenfassung dieser Texte.
  • Die Sarmaten waren iranischsprachige Reiternomaden der Steppe, keine Slawen.
  • Die Zarow in Vorpommern ist ein rund 16 Kilometer langer Fluss; ein Stammesname ist daraus nicht belegt.
  • Archäologische Funde tragen keine Stammesnamen; für das Elbe-Saale-Gebiet liegt die Masse der datierten slawischen Bauhölzer im späten achten bis frühen zehnten Jahrhundert.

Mythos-Check

  • „Die Sarowanen werden im Bayerischen Geographen genannt.“ Nicht belegt. Weder in der vollständigen Namensliste noch in den Artikeln dazu kommt die Form vor; die ähnlichsten Einträge heißen Zeriuani, Zuireani und Serauici.
  • „Die Sarowanen sind ein sorbischer Stamm.“ Lässt sich nicht belegen. Die Sorben heißen in den Quellen Surbi oder Sorabi; die Zuordnung eines Namens Sarowanen zu ihnen wäre eine Vermutung.
  • „Sarowanen heißt Nachfahren der Sarmaten.“ Reine Klangassoziation. Die Sarmaten waren Iranier der Steppe; der moderne Sarmatismus ist eine spätere Adelsideologie.
  • „Aus dem Reich der Zeriuani stammen alle Slawen.“ Das behauptet der Bayerische Geograph; die Forschung deutet es unterschiedlich, als Severjanen, Drewljanen oder Tscherwener Burgen, und eine gesicherte Identifikation gibt es nicht.
  • „Sarowanen saßen an der Queis neben den Bobrzanen.“ Dafür haben wir keine Quelle gefunden; die Behauptung findet sich als unbelegter Hinweis, nicht als Befund.
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