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Geschichte & Funde Die Golensizen: Ein westslawischer Stamm zwischen Oder, Oppa und Mährischer Pforte

Von den Golensizen ist genau eine Zeile überliefert: ein Name und eine Zahl in einer lateinischen Liste aus dem 9. Jahrhundert. Fünf civitates schreibt ein unbekannter Verfasser ihnen zu, mehr nicht. Alles Weitere kommt aus Burgwällen an der oberen Oder und an der Oppa, aus einer Ortsangabe des 12. Jahrhunderts und aus gut hundert Jahren gelehrter Debatte. Dieser Beitrag legt offen, wie dünn der Boden ist, und zeigt trotzdem, wie viel man auf ihm erkennen kann.

Eine Zeile Pergament

Die Golensizen sind ein Volk, das fast nur aus einem Wort besteht. Im Lateinischen heißen sie Golensizi, auf Polnisch Gołęszyce oder Golęszyce, auf Tschechisch Holasici; ältere deutsche Darstellungen schreiben auch Holasitzer oder Holaschitzer. Gemeint ist ein westslawischer Stamm im Süden des späteren Oberschlesien, im Grenzraum des heutigen Polen und Tschechien. Ihr Name steht ein einziges Mal in einer zeitgenössischen Quelle: am Ende einer Völkerliste, die man den „Bayerischen Geographen“ nennt. Dort heißt es knapp Golensizi civitates V, Golensizen, fünf civitates. Der Eintrag ist nach der gängigen Zählung der 58. und letzte der Liste.

Mehr sagt der Text nicht. Kein Fürst wird genannt, keine Burg mit Namen, kein Krieg, kein Glaube. Wer über die Golensizen schreibt, schreibt deshalb vor allem über drei Dinge: über die Quelle selbst und ihre Tücken, über das, was Archäologen im mutmaßlichen Siedlungsgebiet gefunden haben, und über die Frage, wie man beides miteinander verbinden darf. Genau diese Verbindung ist der heikle Punkt. Ein Burgwall trägt kein Namensschild. Ob ein Wall bei Lubomia oder an der Oppa „golensizisch“ war, ist immer eine Zuschreibung der Forschung, nie ein Befund.

Auch die Bedeutung des Namens ist offen. Die Endung -ici oder -ice kommt in slawischen Gruppen- und Ortsnamen häufig vor und bezeichnet oft die Leute oder Nachkommen einer Person oder eines Ortes. Ob das hier zutrifft, ist nicht geklärt. Eine regionale Darstellung aus dem Teschener Land verbindet den Namen mit einem alten Wort für gerodetes, „kahles“ Land. Das ist eine Deutung unter mehreren, keine gesicherte Etymologie. Die Überblicksartikel, die wir geprüft haben, lassen die Frage ausdrücklich offen.

Die Quelle: der Bayerische Geograph

Der sogenannte Bayerische Geograph ist kein Buch, sondern eine kurze Aufzählung. Ihr Titel lautet in der Literatur Descriptio civitatum et regionum ad septentrionalem plagam Danubii, „Beschreibung der Burgen und Gebiete nördlich der Donau“. Sie nennt Völker zwischen dem Gebiet der Dänen und dem Donauraum und gibt für viele von ihnen eine Zahl von civitates an. Der Text beginnt im Norden mit den Nordabodriten und arbeitet sich in einer Reihenfolge, die nicht immer geographisch nachvollziehbar ist, durch den Osten Mitteleuropas.

Überliefert ist das Stück in einer einzigen Handschrift. Sie liegt heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München unter der Signatur Clm 560, auf zwei Pergamentblättern (fol. 149v–150r) am Ende eines Sammelbandes. Geschrieben ist sie in karolingischer Minuskel, also der klaren Buchschrift, die sich im Frankenreich seit dem späten 8. Jahrhundert durchsetzte. Die Hand wirkt flüchtig, der Text eher wie ein Arbeitsnotizzettel als ein Prachtstück. Die Handschrift lag nach der deutschsprachigen Überblicksliteratur lange im Kloster Prüll bei Regensburg, kam um 1487 an den Nürnberger Arzt und Sammler Hartmann Schedel und später in die herzogliche Bibliothek in München. Für den Zeitpunkt dieses Übergangs nennen deutsche und englische Darstellungen unterschiedliche Jahre (1571 beziehungsweise 1618). Erstmals gedruckt wurde der Text 1772 durch den französischen Diplomaten Louis-Gabriel Du Buat-Nançay; den Namen „Géographe de Bavière“ prägte 1796 Jan Potocki.

Die Datierung ist ein eigenes Forschungsfeld. Man muss dabei zwei Fragen trennen: wann der Text verfasst wurde und wann die erhaltene Abschrift entstand. Für die Abschrift nennt die deutsche Literatur das 10. Jahrhundert und einen südwestdeutschen Schreibort, vielleicht die Reichenau oder Konstanz. Für den Text gehen die Vorschläge weit auseinander. Wolfgang H. Fritze setzte ihn 1952 um 844 an. Bernhard Bischoff dachte an einen Mönch der Reichenau, der in den 830er bis 850er Jahren tätig war. Alexander Nazarenko hielt die 870er Jahre für wahrscheinlicher und brachte den Slawenmissionar Methodius ins Spiel. Christian Hanewinkel schlug für den ersten Teil die Jahre 889 bis 892 unter Arnulf von Kärnten vor. Henryk Łowmiański hatte gezeigt, dass die Liste aus zwei Teilen besteht, die verschieden alt sein und verschiedene Verfasser haben können. Die Golensizen stehen im zweiten Teil.

Lupiglaa, dreißig Burgen. Opolini, zwanzig Burgen. Golensizi, fünf Burgen.Bayerischer Geograph, Schluss der Liste (München, BSB Clm 560, fol. 150r); eigene Übersetzung nach dem lateinischen Wortlaut „Lupiglaa civitates XXX. Opolini civitates XX. Golensizi civitates V.“ in den Editionen, wie ihn die Überblicksliteratur wiedergibt; nicht am Faksimile geprüft

Das Wort „Burgen“ in dieser Übersetzung ist schon eine Entscheidung. Civitas heißt im klassischen Latein Bürgerschaft oder Stadt. Im frühmittelalterlichen Gebrauch dieser Liste meint es nach verbreiteter Auffassung eine befestigte Anlage samt zugehörigem Bezirk, also eher einen Burgbezirk als einen einzelnen Wall. Manche Zahlen in der Liste sind so hoch, dass sie kaum wörtlich gemeint sein können. Ob die fünf civitates der Golensizen fünf gezählte Burgen waren, eine grobe Schätzung oder eine Angabe aus zweiter Hand, lässt sich nicht entscheiden. Sicher ist nur der Vergleich innerhalb der Liste: Im Verhältnis zu den Nachbarn erscheinen die Golensizen als kleine Einheit.

Wo lebten die Golensizen?

Die Liste gibt keine Ortsangaben. Dass man die Golensizen an der oberen Oder und an der Oppa sucht, beruht auf zwei Stützen. Die erste ist ihre Stellung am Ende der Liste direkt nach den Opolini, die man allgemein mit dem Raum um Oppeln verbindet. Die zweite ist ein Ortsname aus dem 12. Jahrhundert: Die Burg Grätz, tschechisch Hradec nad Moravicí, südlich von Troppau (Opava), erscheint nach der Überblicksliteratur 1155 als gradice Golenzicezke, sinngemäß „die golensizische Burg“. Hier hat sich der Stammesname also an einem Ort festgesetzt, rund drei Jahrhunderte nach dem Bayerischen Geographen. Das ist der stärkste Hinweis auf die Lage, den wir haben. Die genaue Urkunde dieses Belegs konnten wir nicht prüfen.

Von da aus wird es strittig. Die tschechische Forschung richtet den Blick traditionell auf das Gebiet um Opava und auf den Teil Schlesiens, der später zu Mähren und Böhmen gehörte; dort hielt sich nach einer tschechischen Darstellung die Bezeichnung einer Provinz Holasicko für das Land zwischen Altvatergebirge (Jeseníky) und oberer Oder noch bis ins 13. Jahrhundert. Die polnische Forschung sucht die Golensizen weiter nördlich und östlich, im Raum Ratibor (Racibórz), Wodzisław und im Teschener Land. Eine regionale polnische Darstellung bezeichnet sie als den am weitesten südlich siedelnden der schlesischen Stämme, andere Autoren verorten sie zwischen den Oberläufen von Weichsel und Oder. Die deutschsprachige Überblicksliteratur fasst den Stand nüchtern zusammen: Das Siedlungsgebiet der Golensizen ist nicht sicher zu bestimmen.

In Zusammenfassungen taucht gelegentlich auch das Glatzer Land als möglicher Siedlungsraum auf. In den Darstellungen, die wir geprüft haben, fanden wir dafür keine Begründung. Glatz (Kłodzko) spielt in der Geschichte der Golensizen nur mittelbar eine Rolle: Im Glatzer Pfingstfrieden von 1137 einigten sich Polen und Böhmen über die umstrittenen Grenzgebiete, und dabei ging es auch um das Land an der Oppa. Ein Siedlungsgebiet im Glatzer Kessel folgt daraus nicht.

Burgwälle: was die Archäologie zeigt

Die Archäologie liefert, was die Schrift verschweigt, aber ohne Namen. Mehrere frühmittelalterliche Burgwälle im Raum zwischen Oder und Olsa werden in der Literatur den Golensizen zugeordnet. Am häufigsten genannt wird Lubomia bei Wodzisław Śląski. Jerzy Szydłowski grub dort in den 1960er Jahren; der Bericht über die fünfte und letzte Grabungssaison im Fachorgan Informator Archeologiczny 1970 datiert die Anlage ins 7. bis 9. Jahrhundert und vermerkt „intensive Spuren von Brand und Zerstörung“ an den Befestigungen. Im Mittelteil fanden sich Wohn- und Wirtschaftsbauten mit reichlich Keramik. Die Monographie von Szydłowski und Werner Pierzyna aus demselben Jahr trägt den Titel Lubomia gród plemienny Golęszyców, „Lubomia, Stammesburg der Golensizen“. Der Titel ist Programm, und er ist eine Deutung.

Die regionale Tourismusbeschreibung schildert die Anlage so: Ein zentraler Teil war von zwei Ringen verstärkter Erdwälle umgeben, mit zwei Toren und zwei Gräben; daneben lag eine befestigte Vorburg. Funde von Kettenpanzerfragmenten sollen zeigen, dass solche Rüstungen in der Stammeszeit hier bekannt waren. Drei große Holzbauten werden als mögliche heidnische Tempel oder Versammlungsplätze gedeutet. Das sind Angaben aus einer touristischen Quelle, nicht aus dem Grabungsbericht, und die Tempeldeutung ist ausdrücklich eine Möglichkeit. Funde und ein Modell der Burg zeigt das Museum in Wodzisław Śląski.

Der zweite wichtige Platz ist Chotěbuz-Podobora bei Český Těšín, auf der tschechischen Seite der Olsa. Der tschechische archäologische Atlas beschreibt einen Burgwall mit zwei Vorburgen und einer Akropolis; das befestigte System umfasst etwa 1,7 Hektar bei rund 400 Metern Länge. Der Ort war schon in der späten Bronzezeit und in der Hallstattzeit besiedelt. Die slawische Besiedlung datiert der Atlas von der Mitte des 8. bis zum Beginn des 11. Jahrhunderts. Seit 1978 wird dort systematisch geforscht, heute steht auf dem Gelände ein Archäopark mit Rekonstruktionen. Diese Datierung ist wichtig, weil sie einer verbreiteten Erzählung widerspricht, auf die wir weiter unten zurückkommen.

Dazu kommen weitere Wälle, die regionale Darstellungen nennen: Międzyświeć bei Skoczów, Holasovice und Grodziec (Hradec) bei Opava, mit Fragezeichen auch Krzyżkowice und Stary Bielsk. Für Holasovice verweist die deutschsprachige Überblicksliteratur auf eine slawische Befestigung derselben Zeit. Die ältere tschechische Arbeit von Lumír Jisl aus dem Jahr 1952 hat die Funde zu den „Holasici“ zusammengestellt. Wir haben sie nicht selbst gelesen. Für alle diese Plätze gilt: Die Datierung ins 8. und 9. Jahrhundert passt zur Liste des Geographen, die Zuschreibung an die Golensizen ist eine Folgerung aus Lage und Zeit.

Landschaft und Wege: Oder, Oppa, Mährische Pforte

Das mutmaßliche Land der Golensizen liegt an einer Schwelle. Zwischen den Sudeten im Westen und den Beskiden im Osten öffnet sich die Mährische Pforte, eine flache Senke, durch die man vom Odergebiet ins Marchtal und weiter an die Donau gelangt. Durch diese Senke fließt die obere Oder, nahebei münden Oppa und Olsa. Wer hier Burgen besaß, saß an einem natürlichen Durchgang zwischen Nord und Süd. Die Überblicksliteratur betont, dass Hradec an der Stelle lag, wo eine bedeutende Handelsstraße von Mähren nach Polen die Oppa querte. Für das 12. Jahrhundert ist das gut nachvollziehbar; für das 9. Jahrhundert ist es eine naheliegende, aber nicht belegte Annahme.

Gern wird an dieser Stelle die Bernsteinstraße erwähnt. Tatsächlich rekonstruiert die Forschung den antiken Handelsweg von der Ostsee an die Adria häufig durch die Mährische Pforte. Diese Bernsteinstraße gehört aber in die römische Kaiserzeit, Jahrhunderte bevor Slawen in der Region siedelten. Für einen Bernsteinhandel der Golensizen haben wir keinen Beleg gefunden. Ähnlich steht es mit dem Salz: Bedeutende Salzvorkommen liegen im benachbarten Kleinpolen, nicht im Gebiet zwischen Oppa und Olsa. Eine Rolle der Golensizen im Salzhandel ist in den Quellen, die wir geprüft haben, nicht greifbar. Man sollte beides nicht ins Bild malen, nur weil es gut klingt.

Belegt ist dagegen eine dichte bäuerliche Besiedlung. Regionale Darstellungen nennen frühmittelalterliche Siedlungsspuren an Orten wie Łąki nad Olzą, Goleszów, Puńców und Radowice und sprechen von einer Kontinuität bis ins Hochmittelalter. Der Historiker Idzi Panic sieht in den golensizischen Siedlungen die Wurzel des älteren Siedlungsnetzes im Teschener Land. Das ist eine gut begründete, aber weitreichende Deutung: Die Kontinuität von Siedlungsplätzen sagt noch nichts darüber, wie sich die Menschen nannten.

Die Nachbarn: Opolanen, Slensanen, Dziadoszanen, Bobrzanen

Die Golensizen gehören zu einer Gruppe, die die Forschung „schlesische Stämme“ nennt. Das ist ein moderner Sammelbegriff, kein Bund, den die Quellen bezeugen. Im Bayerischen Geographen stehen davon vier: die Sleenzane mit 15 civitates, die Dadosesani mit 20, die Opolini mit 20 und die Golensizi mit 5. Die Slensanen verbindet man mit dem Zobten (Ślęża) südlich von Breslau; Thietmar von Merseburg nannte Anfang des 11. Jahrhunderts einen pagus Silensi und den Berg mons Silencii, und aus diesem Namen ist später „Schlesien“ geworden. Die Opolanen sucht man im Raum Oppeln, die Dziadoszanen (Dadosesani) weiter nordwestlich an Bober und mittlerer Oder. Die Bobrzanen am Bober tauchen im Bayerischen Geographen gar nicht auf; man kennt sie nur aus späterer Überlieferung.

Diese spätere Überlieferung ist die sogenannte Prager Urkunde. Sie ist auf den 29. April 1086 datiert und bestätigt die Grenzen des Bistums Prag, beschreibt aber nach verbreiteter Auffassung einen älteren Zustand um 973. In ihr steht eine eigene Völkerreihe: Psouane, Chrouati et altera Chrouati, Zlasane, Trebouane, Boborane, Dedosese. Die Golensizen fehlen. Das kann vieles bedeuten: dass sie im 10. Jahrhundert nicht mehr als eigene Einheit galten, dass ihr Land nicht zum Prager Bistumsgebiet gerechnet wurde oder dass der Verfasser andere Namen benutzte. Welche Erklärung zutrifft, wissen wir nicht. Ein Schweigen ist kein Beweis.

Zwei weitere Nachbarn rahmen das Gebiet. Im Osten lebten die Wislanen an der oberen Weichsel, die der Bayerische Geograph als Uuislane kennt. Im Süden lag Mähren, im 9. Jahrhundert das Kerngebiet des Großmährischen Reiches. Mit diesem mächtigen Nachbarn hängt die bekannteste Erzählung über die Golensizen zusammen.

Großmähren und Svatopluk: Zerstörung als Erzählung

In vielen Darstellungen liest man, der großmährische Fürst Svatopluk I. habe gegen Ende des 9. Jahrhunderts die Burgen der Golensizen zerstört. Lubomia sei verbrannt, ihre Aufgaben seien auf Ratibor übergegangen; die Siedlung von Chotěbuz sei auf den Burgberg im heutigen Cieszyn umgezogen. Die englische Überblicksliteratur schreibt das mit einem vorsichtigen „wahrscheinlich“. Die deutschsprachige spricht davon, dass das Gebiet „wahrscheinlich bis 907“ zum Großmährischen Reich gehörte.

Schaut man genauer hin, zerfällt die Erzählung in Bausteine. Ein Brandhorizont in Lubomia ist archäologisch belegt. Dass Svatopluk ihn verursachte, steht in keiner Chronik; eine regionale Darstellung räumt das offen ein und argumentiert nur, dass in dieser Zeit kaum jemand anderes infrage komme. Für Chotěbuz datiert der tschechische Atlas die slawische Besiedlung bis an den Beginn des 11. Jahrhunderts, was zu einer Zerstörung und Aufgabe im späten 9. Jahrhundert schlecht passt. Und dass Großmähren das Land danach beherrschte, ist ausdrücklich umstritten. Die Zerstörung durch Svatopluk ist also eine plausible Deutung, die sich aus der politischen Lage ergibt, kein überlieferter Vorgang.

Auch das Ende Großmährens bringt keinen Golensizen ins Licht. Nach 900 verschwindet der Name aus der Überlieferung, bis er 1155 als Teil eines Burgnamens wieder auftaucht. Die Überblicksliteratur skizziert die folgende Zugehörigkeit des Gebiets: zunächst wohl zum böhmischen Herrschaftsbereich der Přemysliden, vielleicht als provincia Holasicensis, um 990 dann zum polnischen Reich Mieszkos I. Auch diese Jahreszahl ist eine Rekonstruktion; eine Quelle, die die Golensizen dabei nennt, kennen wir nicht. Zur böhmischen Seite siehe unseren Beitrag zu den Tschechen, zur polnischen den zu den Polanen.

Nach den Stämmen: Ratibor, Teschen, Troppau

Was im 12. Jahrhundert sichtbar wird, ist eine neue Ordnung. Der Glatzer Pfingstfrieden von 1137 zwischen Bolesław III. Schiefmund von Polen und Soběslav I. von Böhmen legte die Grenze fest. Der kleinere Teil um Opava fiel an Böhmen und Mähren, der größere blieb polnisch und wurde in die Kastellaneien Teschen und Ratibor gegliedert. Ab 1138 gehörte dieser Teil zum Herzogtum Schlesien. In der Bulle Papst Hadrians IV. für Bischof Walter von Breslau vom 23. April 1155 erscheint Teschen erstmals schriftlich. Aus demselben Jahr stammt nach der Literatur der Beleg gradice Golenzicezke für Hradec.

Hradec selbst wurde zum Kern einer Herrschaft. 1269 war es nach der deutschsprachigen Überblicksliteratur Mittelpunkt einer terra, eines Landbezirks, aus dem im 14. Jahrhundert das Herzogtum Troppau hervorging. Dass der alte Stammesname gerade an dieser Burg haften blieb, ist bemerkenswert. Es spricht dafür, dass man um 1155 dort noch wusste, wer einmal in dieser Gegend gesessen hatte, oder dass „golensizisch“ inzwischen schlicht eine Landschaftsbezeichnung geworden war. Beides lässt sich vertreten.

Wie mit den Menschen selbst verfahren wurde, sagen die Quellen nicht. Die Siedlungskontinuität, die regionale Forschung im Teschener Land beschreibt, spricht gegen einen Bevölkerungsaustausch. Wahrscheinlicher ist, dass die Nachkommen der Golensizen in den Burgbezirken der Piasten und Přemysliden aufgingen und der Stammesname seine Bedeutung verlor, als Kastellane und Bischöfe die Ordnung bestimmten.

Was die Golensizen im Ganzen zeigen

Die Golensizen sind ein Lehrstück für den Umgang mit dünnen Quellen. Eine Zeile in einer Liste, deren Verfasser, Entstehungsort und Datum umstritten sind; ein Ortsname drei Jahrhunderte später; Burgwälle ohne Inschrift; dazu nationale Forschungstraditionen, die dasselbe Volk an etwas verschiedenen Orten suchen. Daraus lässt sich kein Porträt malen, wohl aber eine Skizze: eine kleine slawische Einheit im 9. Jahrhundert, irgendwo zwischen oberer Oder, Oppa und Olsa, mit befestigten Plätzen an einem wichtigen Durchgang nach Süden, im Schatten mächtigerer Nachbarn.

Wer die Golensizen ernst nimmt, lässt die Lücken stehen. Es gibt keine Götternamen, keine Fürsten, keine Schlachtberichte. Es gibt Brandschichten, Keramik, Wälle, Zahlen und Namen. Das ist wenig, aber es ist echt. Und es macht deutlich, wie viel von dem, was wir über das frühe Mittelalter Ostmitteleuropas zu wissen glauben, aus einzelnen Zeilen wie Golensizi civitates V gebaut ist. Zum weiteren Umfeld passen unsere Beiträge zu den Lusizern, den Weißen Kroaten und, für die germanische Vorgeschichte Schlesiens, zu den Silingen.

Was gesichert ist

  • Der Name Golensizi steht mit der Angabe „civitates V“ als letzter Eintrag im Bayerischen Geographen, direkt nach den Opolini; überliefert in einer einzigen Handschrift (München, BSB Clm 560).
  • Der Text stammt aus dem 9. Jahrhundert; die genaue Datierung ist umstritten (Vorschläge von um 844 bis 889/892), die erhaltene Abschrift ist nach der deutschen Literatur jünger.
  • Der Burgwall Lubomia ist ins 7. bis 9. Jahrhundert datiert und zeigt starke Brand- und Zerstörungsspuren an den Befestigungen (Grabungsbericht Szydłowski 1970).
  • Der Burgwall Chotěbuz-Podobora war nach dem tschechischen archäologischen Atlas von der Mitte des 8. bis zum Beginn des 11. Jahrhunderts slawisch besiedelt.
  • Für Hradec nad Moravicí bei Opava nennt die Literatur zu 1155 die Form gradice Golenzicezke; in der Prager Urkunde von 1086 fehlen die Golensizen.

Mythos-Check

  • „Die Golensizen hatten genau fünf Burgen.“ Die Liste nennt fünf civitates. Ob damit einzelne Burgen, Burgbezirke oder eine Schätzung gemeint sind, ist offen.
  • „Svatopluk von Mähren hat die Golensizen um 880 vernichtet.“ Keine Chronik berichtet das. Belegt sind Brandspuren in Lubomia; die Verbindung mit Svatopluk ist eine Deutung, und Chotěbuz war nach dem Atlas noch bis ins frühe 11. Jahrhundert besiedelt.
  • „Die Golensizen lebten im Glatzer Kessel.“ Dafür haben wir keine Begründung gefunden. Die Forschung sucht sie an oberer Oder, Oppa und Olsa; Glatz kommt nur über den Grenzfrieden von 1137 ins Spiel.
  • „Die Golensizen kontrollierten Bernstein- und Salzhandel.“ Nicht belegt. Die antike Bernsteinstraße ist Jahrhunderte älter, bedeutende Salzlager liegen in Kleinpolen.
  • „Golensizen und Golasecca-Kultur gehören zusammen.“ Nein. Die Golasecca-Kultur ist eine eisenzeitliche Kultur in Norditalien; die Ähnlichkeit der Namen ist Zufall.
  • „Lubomia war der Tempelort der Golensizen.“ Drei große Holzbauten werden als mögliche Tempel oder Versammlungsplätze gedeutet; ein Kult ist damit nicht nachgewiesen.
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