Um 2800 v. Chr. schichteten Bauern auf Orkney einen Hügel über eine Kammer aus gewaltigen Steinplatten. Rund viertausend Jahre später stiegen Nordleute von oben hinein und ritzten Namen, Schatzgerüchte, Prahlereien und Sätze über Frauen in die Wände. Maeshowe ist damit zweierlei: eines der eindrucksvollsten jungsteinzeitlichen Gräber Europas und die größte Sammlung von Runeninschriften an einem einzigen Ort außerhalb Skandinaviens. Dieser Beitrag erklärt Bau und Lichteinfall zur Wintersonnenwende, liest die Inschriften nach der Ausgabe von Michael P. Barnes, prüft die Episode aus der Orkneyinga saga und trennt, was an der Wand steht, von dem, was später hineingelesen wurde.
Zwischen Stromness und Kirkwall liegt auf Mainland, der Hauptinsel der Orkneys, ein runder, grasbewachsener Hügel in einem breiten Graben, etwa 35 Meter im Durchmesser und rund 7 Meter hoch. Darin verbirgt sich ein Kammergrab: Ein steinerner Gang führt in eine gemauerte Kammer, über der Erde aufgeschüttet ist. Archäologen benennen nach ihm einen eigenen Bautyp, den Maeshowe-Typ, mit zentraler Kammer und kleinen Seitenzellen.
Seit 1999 gehört Maeshowe zur UNESCO-Welterbestätte „Heart of Neolithic Orkney“, zusammen mit den Standing Stones of Stenness, dem Ring of Brodgar und dem Steinzeitdorf Skara Brae. Historic Environment Scotland, die staatliche Denkmalbehörde, nennt es das schönste erhaltene jungsteinzeitliche Bauwerk Nordwesteuropas.
Berühmt ist Maeshowe aber auch wegen seiner Runen. Sie stammen nicht von den Erbauern, die keine Schrift kannten, sondern aus dem 12. Jahrhundert, als die Orkneys von norwegischen Jarlen regiert wurden. Wie diese Inselherrschaft entstand, erzählt der Beitrag über die Orkney-Jarle.
Der Eingangsgang ist rund zehn Meter lang und so niedrig, dass Erwachsene gebückt gehen müssen. Seine Wände bestehen großenteils aus einzelnen Sandsteinplatten von bis zu drei Tonnen. Am Ende öffnet sich eine fast quadratische Kammer von etwa 4,6 Metern Seitenlänge. Ihre Mauern kragen nach oben vor: Jede Steinlage ragt ein Stück weiter nach innen als die darunter, sodass ohne Mörtel ein bienenkorbartiges Gewölbe entsteht. Heute ist die Kammer etwa 3,8 Meter hoch; das ursprüngliche Dach lag vermutlich höher. In drei Wänden öffnen sich Seitenzellen, deren Boden, Rückwand und Decke jeweils aus einer einzigen Platte bestehen.
Die runde Zahl „2800 v. Chr.“ ist eine Annäherung. Aus dem Grab selbst liegt keine direkte Radiokarbondatierung vor; datiert wurden Proben aus Graben und Umgebung. Colin Renfrew, der in den 1970er-Jahren dort grub, setzte den Bau in die Zeit um 3200 bis 2900 v. Chr., neuere Darstellungen nennen meist „um 2800 v. Chr.“. Gemeint ist in beiden Fällen die Wende vom vierten zum dritten Jahrtausend. Die Erbauer waren Bauern, deren Keramik zur sogenannten Grooved Ware gehört, Gefäßen mit eingeritzten Rillen.
Nach einigen Jahrhunderten Nutzung wurde das Grab verschlossen. Was darin bestattet war, weiß niemand genau. Renfrews Schnitte zeigten, dass der Wall am Graben im 9. Jahrhundert n. Chr. erneuert wurde. Manche Archäologen vermuten, dass Wikinger den Hügel damals für eine eigene Bestattung nutzten; gefunden wurde ein solches Grab nicht. Dass Skandinavier im 9. Jahrhundert auf Orkney siedelten, ist dagegen gut belegt, wie der Beitrag über die Wikinger in Schottland und auf den Inseln zeigt.
Der Gang weist nach Südwesten. In den Wochen um die Wintersonnenwende fällt das Licht der untergehenden Sonne durch ihn hindurch und erreicht die Rückwand der Kammer; Historic Environment Scotland spricht von etwa drei Wochen vor und nach dem kürzesten Tag. Die Sonne sinkt dabei hinter den Hügeln der Insel Hoy, und der Strahl fluchtet auf den Barnhouse Stone, einen einzelnen stehenden Stein südwestlich des Hügels.
Ob die Erbauer das beabsichtigten, lässt sich nicht beweisen, denn sie haben nichts aufgeschrieben. Die Genauigkeit und die Parallele zu Newgrange in Irland sprechen aber dafür, und die meisten Archäologen gehen von Absicht aus. Wie der Tiefpunkt des Jahres später im Norden begangen wurde, behandelt der Beitrag zur Sonnenwende.
Gern wird eine Brücke zu den Nordleuten geschlagen, weil die Saga ihren Besuch in die Julzeit legt. Das ist eine Deutung. Die Saga erwähnt kein Licht, sondern einen Schneesturm.
Die Runen verraten, wann die Nordleute kamen. Formen und Sprache passen in die Mitte des 12. Jahrhunderts; die Datenbank Rundata, die auf der Ausgabe von Michael P. Barnes beruht, datiert jede Maeshowe-Inschrift so. Das Ness-of-Brodgar-Projekt nennt einen Rahmen von etwa 1125 bis 1175. Die Besucher kamen nicht durch den verschütteten Gang, sondern brachen von oben durch das Dach.
Zwei Inschriften nennen eine Gruppe beim Namen. Nach Barnes' Zählung lautet Nr. 14 Jórsalamenn brutu haug þenna, „Jerusalemleute brachen diesen Hügel auf“. Nr. 24 beginnt mit Jórsalafarar brutu Orkhaug, „Jerusalemfahrer brachen den Orkhaug auf“. Jerusalemfahrer sind Pilger oder Kreuzfahrer. 1151 brach Jarl Rögnvald Kali Kolsson, der Gründer der Kathedrale von Kirkwall, mit einer Flotte nach Jerusalem auf und kehrte 1153 zurück. Dass Männer aus dieser Fahrt in Maeshowe ritzten, ist die übliche Deutung, und die Datierung passt. Bewiesen ist sie nicht: Die Inschriften nennen weder Rögnvald noch ein Jahr.
Offen bleibt auch, ob alle Inschriften von einem einzigen Besuch stammen. Die Hände sind verschieden, manche Texte antworten offenbar aufeinander. Barnes hielt die meisten oder alle Ritzer für Besucher von außerhalb Orkneys.
Die Orkneyinga saga, die um 1200 in Island niedergeschriebene Geschichte der Orkney-Jarle, enthält eine kurze Szene, die sich auf Maeshowe beziehen lässt. Jarl Harald Maddadsson, damals um die zwanzig, stritt mit seinem Verwandten Erlend Haraldsson um die Inseln. Zur Julzeit setzte er mit vier Schiffen und hundert Mann nach Orkney über, lag zwei Nächte vor Graemsay und ging in Hamnavoe an Land, dem heutigen Stromness. Am dreizehnten Tag der Julzeit, also Anfang Januar, zogen die Männer zu Fuß nach Firth. In einem Schneesturm suchten sie Schutz im Orkahaugr, und dort wurden zwei von ihnen wahnsinnig. Das hielt die Gruppe so auf, dass sie erst bei Nacht in Firth ankam.
Mehr sagt die Saga nicht: keine Runen, keine Schätze, kein Einbruch. Dass Orkahaugr Maeshowe meint, ist seit dem 19. Jahrhundert die übliche Gleichsetzung; Joseph Anderson schrieb 1873, der Orkahaug sei „anscheinend Maeshow“. Dafür sprechen Inschrift Nr. 24, die den Namen Orkhaug selbst nennt, und die Lage an Haralds Weg. Die genaue Bedeutung des Namens ist nicht geklärt; meist wird er mit dem Namen der Orkneys verbunden.
Erlend wurde im Dezember 1154 auf der Insel Damsay getötet. Viele Darstellungen setzen Haralds Julzug deshalb in den Winter 1153/54; die Saga selbst nennt kein Jahr. Damit fallen die Rückkehr der Jerusalemfahrer und die Rast im Hügel in dieselben Monate. Ob dieselben Männer ritzten, lässt sich nicht sagen.
Warum zwei Männer den Verstand verloren, erklärt die Saga nicht. Ragnhild Ljosland und Alexandra Sanmark haben 2015 untersucht, wie Menschen des 12. Jahrhunderts über Grabhügel dachten: In Sagas sind Hügel Orte von Wiedergängern und Schätzen, und wer einbricht, riskiert etwas. Die knappe Notiz liest sich wie ein Echo solcher Erzählmuster, nicht wie ein medizinischer Befund.
Die Zahl hängt von der Zählweise ab. James Farrer nummerierte 1862 in seinem Bericht 32 Inschriften. Ältere Inventare, etwa die Aufnahme von Audrey Henshall und ein Aufsatz von W. Mackay Mackenzie von 1937, nennen 24 getrennte Inschriften. Die maßgebliche Ausgabe, Michael P. Barnes, The Runic Inscriptions of Maeshowe, Orkney (Uppsala 1994), führt 33 Nummern, darunter reine Namen und Bruchstücke. „Rund 30“ oder „mehr als 30“ ist also richtig. Die Unterschiede entstehen, weil man zusammengehörige Zeilen mal als eine, mal als zwei Inschriften zählt.
Dazu kommen drei Bilder: ein Tier, das als Drache oder Löwe beschrieben wird, ein Walross und ein Schlangenknoten. Während die meisten skandinavischen Runeninschriften auf Gedenksteinen stehen, ist Maeshowe ein Ort spontaner Wandkritzeleien. Geschrieben ist im jüngeren Futhark, der 16-zeichigen Runenreihe der Wikingerzeit und des Mittelalters, überwiegend in der Variante der Kurzzweigrunen mit kurzen Seitenstrichen. Wie sich die Reihen unterscheiden, zeigt der Futhark-Vergleich; einen Überblick über die Schrift gibt der Beitrag über Runen.
Mindestens sechs Inschriften kreisen um einen Schatz. Nr. 25 behauptet: Útnorðr er fé folgit mikit, „Im Nordwesten ist großer Reichtum verborgen.“ Nr. 26: „Es ist lange her, dass hier großer Reichtum verborgen wurde.“ Nr. 27: „Glücklich ist, wer den großen Reichtum finden kann.“ Nr. 28 nennt einen Schuldigen: Hákon einn bar fé ór haugi þessum, „Hákon allein trug Reichtum aus diesem Hügel.“ Nr. 4 klingt wie eine Zeugenaussage: „Das wird wahr sein, was ich sage, dass Reichtum fortgeschafft wurde. Drei Nächte, bevor sie diesen Hügel aufbrachen, wurde der Reichtum fortgeschafft.“ Nr. 8 ist nur teilweise lesbar und scheint ebenfalls von gut verstecktem Reichtum zu sprechen.
Wer im 12. Jahrhundert einen alten Hügel öffnete, rechnete mit Grabbeigaben. Gefunden wurde offenbar nichts, und die Sätze schwanken zwischen Erklärung, Behauptung und Spott. Ljosland und Sanmark lesen die Gruppe als kleine Erzählung, die die Besucher gemeinsam an die Wand schrieben. Das ist plausibel; ebenso gut könnten verschiedene Ritzer unabhängig auf dasselbe Thema verfallen sein. Einen Schatzfund hat Maeshowe nie geliefert.
Die meisten Inschriften sind Signaturen nach dem Muster Name plus reist, „ritzte“. Nr. 5 ist die kürzeste: Vémundr reist, „Vémundr ritzte“. Nr. 17 nennt Óframr, den Sohn des Sigurðr, Nr. 16 Arnfinnr, den Sohn des Steinn. Nr. 2 rühmt sich: „Eyjulfr Kolbeinssohn ritzte diese Runen hoch oben.“ Nr. 22 meldet: „Benedikt machte dieses Kreuz.“
Nr. 19 wird oft als „Hermund Hartaxt ritzte diese Runen“ wiedergegeben. Die normalisierte Lesung lautet Hermundr Harð<eksi> reist rúnar. Der erste Teil des Beinamens, „hart“, ist klar; der zweite steht in der Ausgabe in spitzen Klammern, ist also nicht sicher als Wort bestimmt. „Hartaxt“ ist naheliegend, aber nicht gesichert.
Die berühmteste Signatur ist Nr. 20, in mehreren Teilen über einer Seitenzelle geritzt. Rundata gibt sie normalisiert so wieder: Þessar rúnar reist sá maðr, er rúnstr er fyrir vestan haf, með þeiri øxi, er átti Gaukr Trandils sonr fyrir sunnan land.
„Diese Runen ritzte der Mann, der westlich des Meeres der runenkundigste ist, mit der Axt, die Gaukr, Trandils Sohn, im Süden des Landes besaß.“Maeshowe, Inschrift Nr. 20 nach Michael P. Barnes (1994); normalisierte Lesung nach der Datenbank Rundata (Or Barnes20); eigene Übersetzung
„Westlich des Meeres“ meint aus norwegischer Sicht die Inseln im Westen. „Im Süden des Landes“ wird meist auf Island bezogen. Gaukr Trandilsson lebte im 10. Jahrhundert auf dem Hof Stöng im Süden Islands; die Njáls saga erwähnt ihn, eine eigene Saga über ihn ist verloren, und erschlagen wurde er von seinem Ziehbruder Ásgrímr. Eine Axt, die damals schon anderthalb bis zwei Jahrhunderte alt gewesen wäre? Ein Erbstück ist denkbar. Wahrscheinlicher ist eine Anspielung auf eine Geschichte, die das Publikum kannte. Vivian Busch und Jana Krüger haben gezeigt, dass der Text den Regeln skaldischer Verskunst folgt: Die Prahlerei ist zugleich ein kleines Gedicht. Wie Waffen sonst Runen trugen, zeigt der Beitrag über Runen auf Waffen.
Hoch über dem Eingang steht Nr. 1, nur teilweise erhalten: „Das ist ein Wikinger … kam dann hier darunter.“ Ob víkingr „Wikinger“ heißt oder ein Personenname ist, war umstritten. Judith Jesch hält die Bezeichnung für wahrscheinlicher, gebraucht von einem Menschen des 12. Jahrhunderts, der an Erzählungen über die alten Seekrieger dachte. Ein Wikingerüberfall ist nicht gemeint: Die Ritzer waren Christen, Benedikt ritzte ein Kreuz, die Jerusalemfahrer kamen von einer Pilgerfahrt.
Nr. 23 greift weit zurück: Sá haugr var fyrr hlaðinn heldr Loðbrókar. Synir hennar, þeir váru hvatir, „Dieser Hügel wurde früher aufgeschüttet als der Loðbróks. Ihre Söhne, die waren kühn; das waren Männer, wie sie sein sollen.“ Gemeint sind offenbar die Söhne Ragnar Loðbróks, berühmte Gestalten der Sagas.
Auffällig ist das Pronomen hennar, „ihre“: Die Inschrift behandelt Loðbrók als Frau, während die isländischen Erzählungen Loðbrók („Zottelhose“) als Beinamen eines Mannes kennen. Warum, ist nicht geklärt; diskutiert werden eine abweichende Überlieferung, ein Missverständnis oder ein Scherz. Sicher ist, dass der Name um 1150 auf Orkney bekannt war und als Maßstab für das Alter eines Hügels taugte. Zusammen mit Gaukrs Axt und dem „Wikinger“ in Nr. 1 zeigt das: Die Besucher hatten Sagastoff im Kopf. Ljosland und Sanmark sprechen von „Mini-Erzählungen“.
Nr. 21 lautet in der Transliteration igikærþ ir kynæna in u^ænsta, normalisiert Ingigerðr er <kynæna> in vænsta. Übersetzt wird das meist mit „Ingigerðr ist die schönste der Frauen“. „Vænsta“, die schönste, ist klar; das Wort davor ist schwierig, weshalb Rundata die Übersetzung mit einem Fragezeichen versieht. Der Kern bleibt ein Kompliment an eine Frau, über die sonst nichts bekannt ist. Warum solche Sätze keine Liebeszauber sind, erklärt der Beitrag Runen für Liebe, Harmonie und Beziehung.
Nr. 9 steht nahe dem Eingang: „Ingibjôrg, die schöne Witwe. Manche Frau ist hier gebückt hineingegangen. Ein großer Angeber. Erlingr.“ Der Satz über die gebückten Frauen passt wörtlich zum niedrigen Gang; moderne Leser hören darin oft eine Zweideutigkeit, ob gewollt, lässt sich nicht belegen. Unklar ist auch, wen „großer Angeber“ meint.
Nr. 10 in einer Seitenzelle ist derb: Sie nennt eine Frau namens Þorný und einen Helgi, der ritzte, mit einem Verb für Geschlechtsverkehr, das Führer gern entschärfen. Henrik Williams wies darauf hin, dass dieses Verb normalerweise Männer zum Subjekt hat; hier ist es eine Frau. Ob Prahlerei, Beleidigung oder Scherz, bleibt offen.
Nr. 24 schließlich endet nach dem Satz über die Jerusalemfahrer mit Hlíf, matselja jarls, reist: „Hlíf, die Speisemeisterin des Jarls, ritzte.“ Matselja bezeichnet eine Frau, die Speisen austeilt, eine Haushälterin oder Köchin. Ob Hlíf selbst ritzte oder jemand ihren Namen setzte und welcher Jarl gemeint ist, lässt sich nicht sicher sagen.
Zwei Inschriften sind in Zweigrunen geschrieben, einer Form der Geheimrunen. Man teilt das Futhark in drei Gruppen, die ættir. Jede Rune lässt sich dann durch zwei Zahlen angeben: die Nummer der Gruppe und ihre Stelle darin. Bei Zweigrunen zeichnet man einen senkrechten Stab und setzt links so viele Zweige an, wie die Gruppennummer angibt, rechts so viele, wie die Stelle verlangt. Wer das System kennt, liest mühelos; wer nicht, sieht Gestrüpp. Häufig wurde zudem die Reihenfolge der Gruppen vertauscht.
W. G. Collingwood vermerkte 1908, Magnus Olsen habe die beiden Zweigrunen-Inschriften als Vers gedeutet. Barnes spricht von einer seltenen Vorführung, was man mit Zweigrunen anstellen kann, und vermutet, dass Besucher das Spiel anderswo auf Orkney nachahmten. Welche Nummern die beiden in Barnes' Zählung tragen, habe ich nicht am Original prüfen können; ältere Ausgaben zählen anders. Geheimschrift an einer Wand, die kaum jemand sah, diente wohl demselben Zweck wie Nr. 20: zeigen, dass man es kann. Magie verrät sie nicht.
Auf einem Pfeiler an der Nordostseite der Kammer ist ein Tier eingeritzt, nach W. Mackay Mackenzie nur etwa 8 mal 7 Zentimeter groß. Es hat einen geschuppten Körper, ein geöffnetes Maul, aus dem etwas heraushängt, und einen Schwanz, der durch den Leib zu führen scheint. James Farrer verglich es 1862 mit einem „großen Saurier“. Als „Maeshowe-Drache“ ist es zum Wahrzeichen Orkneys geworden; manche Beschreibungen nennen es einen Löwen.
J. Storer Clouston sah 1932/33 ein Mischwesen nach dem Vorbild des stilisierten Löwen jener Zeit und deutete den durchgezogenen Schwanz als Schwert. Mackenzie widersprach 1937: Das sei künstlerische Variation, die Schuppen seien Verzierung, der vermeintliche Fisch im Maul die Zunge. Er stellte das Tier in die Tradition des skandinavischen „Großen Tieres“, wie es auf den Jelling-Steinen oder dem Runenstein von St. Paul's in London erscheint, nannte die Wetterfahne von Heggen in Norwegen als nächste Parallele und datierte die Ritzung ins 12. Jahrhundert, mit romanischem Einfluss.
2016 untersuchte ein Team einige Ritzungen mit Reflectance Transformation Imaging (RTI), bei dem eine Oberfläche aus vielen Lichtwinkeln fotografiert wird, sodass feinste Kerben sichtbar werden. Die Forscher regten an, Kopf und Maul genauer zu prüfen, weil das Tier womöglich etwas im Maul hält. „Drache“ oder „Löwe“ ist eine moderne Wahl; die Ritzung trägt keine Beschriftung. Mehr zu Drachenbildern im Norden bietet der Beitrag Drachen und Schlangen in der nordischen Welt.
Der englische Altertumsforscher und Parlamentsabgeordnete James Farrer begann im Juli 1861 mit Erlaubnis des Grundbesitzers zu graben. Der Gang war verstopft, also ließ er von oben in die Kammer einbrechen, ähnlich wie die Nordleute sieben Jahrhunderte zuvor. Die Kammer war bis auf Schutt leer; überliefert ist ein Bruchstück eines menschlichen Schädels. Bald entdeckte man die Runen. 1862 ließ Farrer einen Bericht drucken, der 32 Inschriften nummerierte und Lesungen von Carl Christian Rafn, Peter Andreas Munch und George Stephens nebeneinanderstellte. Munch verband die Jerusalemfahrer schon damals mit Rögnvalds Fahrt. Farrers Methoden gelten heute als grob; manche Kratzer, die er als unwichtig abtat, halten Archäologen inzwischen für mögliche jungsteinzeitliche Motive.
Später folgten Sicherungsarbeiten unter V. Gordon Childe in den 1950er-Jahren und Renfrews Grabungen in den 1970er-Jahren. Die maßgebliche Ausgabe der Runen legte Michael P. Barnes 1994 vor. 2015 widmete sich die Fachtagung Orkney Rune Rede in Kirkwall den Inschriften, 2016 kam die RTI-Untersuchung hinzu. Besucht werden kann Maeshowe nach meinem Recherchestand nur mit Führung; Einzelheiten sollte man vor einer Reise bei Historic Environment Scotland prüfen.
Wie alt ist Maeshowe? Das Grab entstand um 2800 v. Chr.; Renfrew schätzte 3200 bis 2900 v. Chr. Als die Nordleute kamen, war es rund viertausend Jahre alt.
Wie viele Runeninschriften gibt es? Je nach Zählung 24 bis 33. Die Ausgabe von Barnes (1994) führt 33 Nummern, darunter Namen und Bruchstücke.
Was steht in den Inschriften? Vor allem „X ritzte diese Runen“, dazu Schatzgerüchte, zwei Notizen über Jerusalemfahrer, Sätze über Frauen, die Söhne Loðbróks und die Prahlerei des runenkundigsten Mannes westlich des Meeres.
Kann man das Sonnenwendlicht sehen? In den Wochen um den 21. Dezember bei klarem Himmel ja; Historic Environment Scotland überträgt es zudem per Webcam.
Ist Orkahaugr wirklich Maeshowe? Sehr wahrscheinlich: Inschrift Nr. 24 nennt den Hügel Orkhaug, und die Lage passt zu Haralds Weg. Ein weiterer Beweis fehlt.

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