Wer „Terwingen“ liest, denkt schnell an „Westgoten“. Die Quellen erlauben diese Gleichung nur mit Vorbehalt. Die Terwingen sind ein Teilverband der Goten, der im 4. Jahrhundert nördlich der unteren Donau lebte, Rom Verträge abtrotzte, an der Donau um Aufnahme bat und 378 bei Adrianopel einen römischen Kaiser schlug. Dieser Beitrag folgt den Texten, trennt Beleg von Deutung und sagt offen, wo wir nur raten können.
Die Terwingen, lateinisch Tervingi, bei Ammianus Marcellinus meist Theruingi geschrieben, sind ein gotischer Teilverband des 3. und 4. Jahrhunderts. Ihr Siedlungsraum lag zwischen der unteren Donau und dem Dnjestr, nach der üblichen Zuordnung im Gebiet des heutigen Rumänien und der Republik Moldau, in den Landschaften Walachei und Moldau. Diese Lokalisierung ist eine Rekonstruktion aus verstreuten Hinweisen, keine Stammesgrenze, die irgendein Autor gezogen hätte. Fest steht nur: Römische Schriftsteller verorteten sie nördlich des Stroms, und römische Feldzüge gegen sie führten über die Donau in ein Hinterland, das sie „Gothia“ nannten.
Der Name begegnet uns erstmals um 291/292 in einer Lobrede auf Kaiser Maximian, dem sogenannten Panegyricus, den man traditionell einem Claudius Mamertinus zuschreibt. Weitere Erwähnungen folgen bei Eutrop, der die Tervingi für 369 in Dakien nördlich der Donau nennt, und bei Ammianus Marcellinus, unserem wichtigsten Zeugen. Ammianus, ein römischer Offizier und Geschichtsschreiber aus Antiochia, schrieb seine Res gestae in den 390er-Jahren in Rom; das 31. Buch handelt vom Gotenkrieg. Für die Terwingen ist er die Hauptquelle, aber keine neutrale: Er schreibt als Römer, nach den Ereignissen und mit einem Blick für das Versagen der römischen Verwaltung.
Daneben stehen Jordanes, ein Autor des 6. Jahrhunderts, der in seiner Getica die Geschichte der Goten aus einem verlorenen Werk Cassiodors zusammenfasst und daher gut zwei Jahrhunderte nach den Ereignissen schreibt; ferner die Kirchenhistoriker Sozomenos und Sokrates aus dem 5. Jahrhundert; der Dichter Claudian um 400; Eunapios und Zosimos, deren Darstellung stark auf Verlorenes zurückgeht, sowie die Passio Sabae, der Bericht über das Martyrium des Goten Sabas. Jede dieser Quellen hat ihren Standpunkt. Wer die Terwingen verstehen will, muss sie nebeneinanderlegen und die Widersprüche stehen lassen.
Ein Wort zur Begriffswahl: „Verband“ ist hier bewusst gewählt. Ob die Terwingen ein „Volk“ im Sinne einer gemeinsamen Abstammung waren, ist umstritten. Viele Forscher sehen in den gotischen Gruppen des 4. Jahrhunderts eher politische Gebilde, die sich um Anführer und Kriegerfolgen sammelten und neue Mitglieder aufnahmen. Die Herkunft der Goten insgesamt behandelt der Beitrag über die Goten; hier geht es um den Teil, den Rom „Tervingi“ nannte.
Was „Tervingi“ bedeutet, wissen wir nicht. Es gibt Vorschläge. Moritz Schönfeld stellte 1911 den Namen zu einem gotischen Wort für „Baum“ oder „Holz“, was „Waldleute“ ergäbe; diese Deutung ist die populärste und wird oft als Tatsache hingestellt. Sie ist aber ein Vorschlag, den man aus der Lautform ableitet, kein Quellenbefund. Kein antiker Autor erklärt den Namen. Der Schwede Johannes Svennung dachte stattdessen an eine skandinavische Herkunft mit der Bedeutung „Ochsenleute“. Beide Deutungen sind nach dem Stand der Forschung möglich, keine ist gesichert.
Herwig Wolfram, dessen Buch über die Goten die deutschsprachige Debatte lange prägte, hielt Tervingi und Greuthungi für Fremdbezeichnungen: Die Gruppen hätten einander so genannt, die Terwingen sich selbst aber „Vesi“. Das ist eine kühne These, und sie ist umstritten. Peter Heather nannte die Gleichung Vesi gleich Tervingi „durchaus vertretbar, aber das Gegenteil ebenso“. Wir stehen also vor einer Frage, die sich mit den Quellen allein nicht entscheiden lässt, und sollten den Waldleute-Satz, wenn wir ihn schreiben, immer mit dem Zusatz „vielleicht“ versehen.
Die Schreibweisen schwanken ebenfalls: Tervingi, Theruingi, Thervingi, bei Eutrop sogar Formen wie Terviginti. Das ist bei Namen, die ein römischer Schreiber nach dem Ohr aufschrieb, nicht ungewöhnlich und sagt nichts über den Verband selbst. Für den Artikel gilt: Wir schreiben „Terwingen“, wo die deutsche Forschung es tut, und nennen im Zweifel die lateinische Form.
Die Vorgeschichte der Terwingen liegt im Dunkeln. Gotische Gruppen tauchen im 3. Jahrhundert an der Nordküste des Schwarzen Meeres und an der Donau auf; die Plünderungszüge der Jahre um 268 enden bei Naissus, wo Kaiser Claudius II. nach Zosimos und anderen die Goten schlug. Ob Terwingen darunter waren, wissen wir nicht, die Quellen nennen sie dort nicht. Die Sammlung der Historia Augusta, die eine Reihe besiegter Völker aufzählt und in der die Terwingen vorkommen könnten, stammt vermutlich erst aus der Zeit um 400 und ist als Beleg schwach.
Fester wird der Boden im 4. Jahrhundert. Jordanes berichtet, dass der gotische Herrscher Ariarich um 332 mit Konstantin einen Vertrag schloss, nachdem Konstantins Sohn die Goten besiegt hatte. Römische Goldmedaillons in den gotischen Gebieten werden mit diesem Frieden in Verbindung gebracht. Ob Jordanes hier gerade die Terwingen meint, ist Auslegung; er sagt „Goten“. Dass es einen Vertrag gab und dass er Jahrzehnte hielt, gilt als wahrscheinlich, denn bis in die 360er-Jahre erscheinen die Goten an der Donau als Bündnispartner und Söldnerlieferanten Roms.
Das ändert sich 366/367, als Terwingen den Usurpator Prokop unterstützen, der gegen Kaiser Valens rebelliert hatte. Prokop fiel 366. Valens nahm das als Kriegsgrund. Nach Ammianus (27,5) führte er 367 Truppen über die Donau, fand aber keinen Gegner, weil die Terwingen in die Berge auswichen, die Ammianus Montes Serrorum nennt. Im folgenden Jahr verhinderte ein Hochwasser einen weiteren Übergang. 369 gelang es Valens, tief in das Gebiet vorzustoßen. Athanarich musste sich zurückziehen und schloss Frieden.
Athanarich ist die erste terwingische Gestalt, die wir einigermaßen greifen. Ammianus nennt ihn Athanarichus Theruingorum iudex, „Richter der Terwingen“ (31,3,4). Dass Ammianus iudex schreibt und nicht rex, „König“, ist bemerkenswert. Die Forschung deutet das so, dass die Terwingen im 4. Jahrhundert keine feste Königsdynastie hatten, sondern eine Führungsschicht, aus der ein Anführer für bestimmte Zeit bestimmt wurde. Das ist eine Deutung. Jordanes dagegen gibt den Terwingen rückblickend Könige.
Die Szene von 369 gehört zu den bekanntesten Bildern der Zeit. Nach Ammianus (27,5,9) verhandelten Valens und Athanarich nicht an Land, sondern auf Booten in der Mitte der Donau. Athanarich habe erklärt, er habe einen Eid geleistet, niemals römischen Boden zu betreten. So blieb die Begegnung auf dem Wasser. Mehr als diesen Kern, Frieden auf dem Wasser, geben die Zusammenfassungen, auf die ich mich stütze, nicht her; die wirtschaftlichen Bedingungen des Vertrags habe ich nicht geprüft.
Athanarich wird in der Literatur oft als Gegenspieler Fritigerns und als „heidnischer“ Traditionalist geführt. Das hat einen wahren Kern, aber es vereinfacht. Sokrates und Sozomenos, Kirchenhistoriker des 5. Jahrhunderts, sowie Zosimos berichten von einem Bürgerkrieg zwischen Athanarich und Fritigern, in dem Fritigern römische Hilfe erhielt und dabei Christ geworden sei. Ammianus und Philostorgios erwähnen diesen Krieg nicht. Eine Quelle, die sonst so genau über die Terwingen berichtet wie Ammianus, die aber einen Bürgerkrieg verschweigt: Das ist ein Hinweis, vorsichtig zu bleiben. Was bleibt, ist ein erkennbares Spannungsfeld zwischen Athanarich und anderen terwingischen Anführern.
Das Christentum kam zu den Terwingen nicht über eine Missionskampagne, sondern auf Umwegen. Römische Gefangene, die bei Raubzügen nach Kleinasien verschleppt worden waren, brachten ihren Glauben mit; aus solchen Familien stammt nach der Überlieferung auch Wulfila, dessen Vorfahren mütterlicher- oder väterlicherseits aus Kappadokien gekommen sein sollen (wie genau, ist offen). Wulfila, lateinisch Ulfilas, lebte nach der üblichen Datierung von etwa 311 bis 383. Die ausführlichste Quelle ist ein Brief seines Schülers Auxentius von Durostorum, der kurz nach seinem Tod entstand; kürzere Nachrichten bieten Sokrates, Sozomenos, Theodoret, Philostorgios in der Zusammenfassung des Photios und Jordanes.
Nach diesen Zeugen wurde Wulfila als Bischof geweiht, die Forschung bevorzugt das Jahr 341 (336 ist ebenfalls vorgeschlagen worden). Er wirkte bei den Goten und musste um 348 nach einer Christenverfolgung mit einer Gruppe von Anhängern ins römische Moesien, in die Gegend von Nikopolis, ausweichen. Über sein späteres Leben ist wenig bekannt. Er nahm 360 am Konzil von Konstantinopel teil und starb 383 in Konstantinopel. Ob die Verfolgung von 348 die Terwingen im engeren Sinn betraf, sagen die Quellen nur von „Gothia“; die Zuordnung ist eine Folgerung aus dem Raum.
Wulfilas Glaube wird als „arianisch“ bezeichnet. Der Begriff ist unscharf. Gemeint ist die Strömung der Homöer, die auf der Synode von Sirmium 357 formuliert wurde und die Gleichheit von Vater und Sohn nur „ähnlich“ fasste, nicht als Wesensgleichheit. Das Wort „arianisch“ ist die Kampfbezeichnung der späteren Gegner. Wulfila selbst und die Goten nannten sich schlicht Christen. Warum die Goten diesen Zweig übernahmen, hat einen einfachen, aber nicht belegten Grund: Zu der Zeit, als Wulfila wirkte, stand der Kaiserhof in Konstantinopel unter Konstantius II. und später Valens überwiegend der homöischen Richtung nahe.
Berühmt ist Wulfila für die Gotenbibel. Er gilt als Schöpfer der gotischen Schrift, die vor allem auf dem griechischen Alphabet beruht und Zeichen aus dem lateinischen Alphabet und aus Runen aufnimmt. Die Bibelübersetzung wird traditionell um 369 angesetzt und ihm zugeschrieben. Die Sprachforschung hat daran Zweifel geäußert: Stil und Übersetzungstechnik deuten auf ein Team von Übersetzern, möglicherweise unter seiner Leitung. Erhalten sind große Teile in späteren Handschriften, darunter der berühmte Codex Argenteus, der im 6. Jahrhundert in Italien entstand; die Handschriften sind also viel jünger als Wulfilas Zeit. Die Gotenbibel ist das größte Sprachdenkmal des Gotischen und zugleich der älteste längere Text in einer germanischen Sprache. Aber der Zusammenhang mit den Terwingen bleibt ein Schluss: Sie sprachen eine Mundart des Gotischen, die erhaltenen Handschriften entstanden Jahrhunderte später und in Italien.
In den 370er-Jahren verfolgte Athanarich Christen. Sozomenos nennt über dreihundert Opfer. Ammianus erwähnt die Verfolgung nicht. Am besten greifbar ist sie durch die Passio Sabae, ein Märtyrerbericht in Form eines Briefes der gotischen Kirche an die Kirche von Kappadokien. Danach starb Sabas im April 372, nach Ostern, im Land jenseits der Donau. Die Passio gilt Historikern als wertvoll, weil sie nebenbei das Dorfleben und die Ordnung gotischer Siedlungen zeigt: Es gab Dorfvorsteher, Gemeinschaftsopfer, Eide und eine Verwaltung, die Christen aufspüren ließ.
Der Bericht erzählt, dass Sabas sich weigerte, Opferfleisch zu essen. Er wurde verbannt und kehrte zurück. Als man das Dorf aufforderte, Christen zu nennen, sprach er laut, niemand solle in seinem Namen einen Eid leisten, er sei Christ. Nach Ostern 372 ließ ein Fürst namens Atharid ihn und den Priester Sansalas festnehmen. Sabas wurde geschlagen und im Fluss Musaios ertränkt. Christen bargen die Gebeine und sandten sie ins römische Reich; Bischof Ascholius von Thessalonike erhielt sie, Basileios von Kaisareia verschaffte sich später Reliquien über den Feldherrn Junius Soranus. Briefe des Basileios aus der Mitte der 370er-Jahre erwähnen die Überführung. Das Skelett des Berichts ist also gut gestützt.
Die Einzelheiten dagegen gehören zur Heiligenerzählung. Dornen, Stößel und Gesprächswendungen sind Hagiographie. Der Fluss Musaios wird traditionell mit dem Buzău in Rumänien gleichgesetzt, doch auch andere Flüsse wurden vorgeschlagen. Das Datum 12. April steht im Westen; die Ostkirche feiert den Tag anders. Für die Terwingen besagt die Passio: Es gab Christen unter ihnen, sie lebten als Minderheit, und die Obrigkeit nahm sie zeitweise als Bedrohung wahr. Mehr belegt sie nicht, und sie belegt nicht, dass Athanarich persönlich jedes Todesurteil fällte.
Archäologisch wird der Raum, in dem man Terwingen und Greuthungen vermutet, mit der Sîntana-de-Mureș-Cernjachow-Kultur verbunden, benannt nach Fundorten in Rumänien und in der Ukraine (Černjachiv bei Kiew). Sie bestand grob vom 2./3. bis ins 5. Jahrhundert und erstreckte sich über Teile der heutigen Ukraine, Rumäniens, Moldaus und Belarus'. Dieser Verbreitungsraum ist viel größer als jede Gebietsangabe der Schriftquellen für die Terwingen, und genau darin liegt das Problem.
Was die Funde zeigen, ist ein Bild sesshafter Bauern: Siedlungen in Flusstälern, meist unbefestigt, die größte bekannte, Budesty, soll etwa 35 Hektar umfassen. Angebaut wurden Weizen, Gerste und Hirse; Rinder waren das wichtigste Vieh, Metallverarbeitung war weit verbreitet. Gräber folgen zwei Riten, Brand und Körperbestattung, die Toten lagen oft mit dem Kopf nach Norden. Beigaben sind überwiegend Keramik, Knochenkämme und Eisenwerkzeug, Waffen fehlen fast ganz. Die scheibengedrehte Keramik zeigt Einflüsse aus dem sarmatischen, römischen und latènezeitlichen Bereich, römische Amphoren belegen Handel.
Wie man dieses Bild deutet, ist umstritten. Sowjetische Forscher sahen darin Vorfahren der Slawen. Viele westliche und polnische Forscher verbanden die Kultur mit den Goten. Heute rechnet die Mehrheit mit einer Mischung bereits ansässiger Gruppen, darunter Sarmaten und getisch-dakische Bevölkerung, mit möglichem germanischem Anteil. Peter Heather vertritt, dass gotische Einwanderung aus dem Wielbark-Raum eine große Rolle spielte; Guy Halsall und Michael Kulikowski bestreiten die Verbindung zur Wielbark-Kultur, und Kulikowski bezweifelt, dass es vor dem 3. Jahrhundert Goten als eigene Gruppe gab. Eine genetische Studie von 2019 ordnete drei Individuen vorläufig dem gotischen Anteil zu, beschrieb die Kultur aber insgesamt als ethnisch gemischt.
Für den Artikel heißt das: Die Cernjachow-Kultur ist der Fundrahmen, in dem die Terwingen wohnten, aber nicht der Beweis für sie. Wer ein Grab dieser Kultur „terwingisch“ nennt, stützt sich auf eine Annahme, nicht auf einen Befund. Dass der Abbruch der Kultur im 5. Jahrhundert auf die Hunnen zurückgeht, wird heute ebenfalls vorsichtiger gesehen: Eher zerbrach die politische Ordnung, als dass eine Bevölkerung einfach verschwand.
Schon die antiken Autoren sprechen von zwei Gotengruppen. Ammianus nennt neben den Terwingen die Greuthungen (Greuthungi), die nach der gängigen Zuordnung in der Steppe östlich des Dnjestr bis zum Don lebten; als ihre Nachbarn führt er die Tanaitae an. Der Name der Greuthungen wird verschieden gedeutet, etwa als „Kiesleute“ oder „Steppenleute“, eine Erklärung, die ebenso unsicher ist wie die der Waldleute. Beide Namen sind, so Wolfram, eher geographische Etikette als Stammesnamen. In den Quellen werden die Terwingen gern mit den Greuthungen gepaart: in der Historia Augusta stehen Greuthungen mit „Austrogothi“, Terwingen mit „Visi“.
Für die Gegenseite ist Jordanes entscheidend. Er setzt die Greuthungen mit den Ostrogoten gleich und macht Ermanarich zum Ahnherrn ostgotischer Könige wie Theoderich. Dieser Gleichung widerspricht, dass Ammianus ihn anders beschreibt: als Anführer mit kleinerem Reich. Die meisten modernen Historiker lehnen die einfache Gleichsetzung ab. Claudian nennt um 399/400 in einem Gedicht über eine aufständische Gruppe in Phrygien als Erster die Ostrogoten und stellt sie neben Greuthungen; er verwendet die Namen allerdings meist nebeneinander und mischt sie. Auf dieser Grundlage lässt sich die Beziehung der Gruppen nicht klären. Was zu den Ostrogoten gehört, behandelt die Seite zu den Greutungen; hier genügt: Die Greuthungen sind Nachbarn, keine Untergruppe der Terwingen.
Im Jahr 376 handeln die beiden Gruppen gemeinsam. Alatheus und Saphrax, die für den noch jungen König Videric die Greuthungen führten, überquerten die Donau, so die Zusammenfassungen, und stießen zu den Terwingen unter Fritigern. Ammianus selbst nennt nach den Zusammenfassungen einen Greuthungenkönig Vithericus, dessen Gesuch um Aufnahme zunächst abgelehnt wurde. Wie beides zusammenpasst, habe ich im Wortlaut nicht geprüft und führe es als offen.
Ammianus beginnt das 31. Buch mit dem Auftritt der Hunnen, eines Reitervolks, das er mit wenig freundlichen Worten beschreibt. In den frühen 370er-Jahren unterwarfen sie die Alanen und anschließend die Greuthungen. Ermanarich, den Ammianus als Greuthungenherrscher darstellt, nahm sich das Leben; sein Nachfolger Vithimir fiel im Kampf. Athanarich stellte sich ihnen am Dnjestr entgegen. Er wurde zusammen mit anderen Anführern, darunter Munderich und Lagarimanus, geschlagen und zog sich in die Berge zurück, ein Gebiet namens Caucaland. Die Datierung seiner Flucht ist nicht gesichert.
Die Terwingen, die sich Athanarich nicht anschlossen, zogen an die Donau. Ihre Anführer waren Alavivus und Fritigern. Sie baten Kaiser Valens um Aufnahme. Warum? Der Standardgrund lautet, die Hunnen hätten sie getrieben. Neuere Autoren, etwa Hoppenbrouwers und Blockmans, vermuten, dass nach den Verhandlungen des Krieges der 360er-Jahre auch andere Beweggründe eine Rolle spielten. Auch das bleibt Deutung; Ammianus nennt die Hunnen, und er hatte kein Interesse, die Verantwortung der römischen Verwaltung herunterzuspielen.
Valens stimmte zu. Ammianus schreibt (31,4,8), dass zuerst Fritigern zusammen mit Alavivus aufgenommen wurde: et primus cum Alavivo suscipitur Fritigernus. Der Kaiser ordnete an, ihnen Nahrung und Land zum Bebauen zu geben. Die Römer setzten die Goten auf Booten, Flößen und ausgehöhlten Baumstämmen über den Strom; viele ertranken im hochwasserführenden Fluss. Ammianus schildert die römischen Beamten, die diesen Zustrom als Quelle von Rekruten und Gold begrüßten, und er deutet ihn als den Beginn des Untergangs der römischen Welt.
Wie viele Goten über die Donau kamen, ist unbekannt. Eunapios nennt 200 000 Menschen, was als Übertreibung gilt. Peter Heather schätzt etwa 10 000 Krieger bei den Terwingen; Noel Lenski nimmt für alle Zugewanderten 40 000 bis 50 000 Krieger an. Zwischen diesen Zahlen liegen Welten, und keine lässt sich an einer Quelle prüfen.
Die Versorgung scheiterte. Verantwortlich waren nach Ammianus die Befehlshaber Lupicinus in Thrakien und Maximus. Sie nutzten die Not der hungernden Goten aus und tauschten Hunde gegen Sklaven; unter den Gotenkindern, die so in Knechtschaft gerieten, waren Söhne von Anführern.
„… so viele Hunde, wie ihre Unersättlichkeit nur irgendwo zusammenbringen konnte, gaben sie für je einen Sklaven.“Ammianus Marcellinus, Res gestae 31,4,11: quantos undique insatiabilitas colligere potuit canes, pro singulis dederunt mancipiis (gemeinfrei; eigene Übersetzung)
Das Zitat ist die Stelle, auf die sich die Anklage gegen die römischen Offiziere stützt. Bemerkenswert ist, wem Ammianus die Gier zuschreibt: der insatiabilitas, der Unersättlichkeit, auf römischer Seite. Wer den Satz als Beleg für gotische Raffgier liest, liest ihn gegen den Autor.
Zur Eskalation kam es in Marcianopolis. Nach der Zusammenfassung ließ Lupicinus bei einem Gastmahl Fritigern und Alavivus festsetzen; Fritigern entkam, Alavivus verschwindet aus den Quellen. Die Goten erhoben sich, und das Heer des Lupicinus wurde bei Marcianopolis vernichtet. Damit begann der Gotenkrieg, der von 376 bis 382 dauerte.
Die Goten verwüsteten Thrakien. Zunächst schlossen sich Gruppen, die bereits im römischen Heer standen, der Erhebung an; in Adrianopel belagerten sie die Stadt, scheiterten aber und zerstreuten sich über das Land. 377 kam es bei Ad Salices, der „Weidenschlacht“, zu einem verlustreichen Unentschieden zwischen Goten und römischen Truppen unter Traianus; Profuturus fiel. Die Römer versuchten die Pässe des Haemus zu sperren, was misslang; Plünderungen reichten bis zum Rhodopegebirge und zum Hellespont. Fritigern zog sich in eine Wagenburg zurück und gewann später hunnische und alanische Reiter hinzu.
378 zog Valens aus Konstantinopel, gemeinsam mit Sebastianus. Gratian, der weströmische Kaiser, war durch Kämpfe am Rhein aufgehalten. Am 8. August bot Fritigern Frieden an; Valens lehnte ab und griff am 9. August an, ohne auf Gratian zu warten. Das war gegen den Rat seines Reiterführers Victor, der warten wollte. Während verhandelt wurde, kehrte die gotische Reiterei unter Alatheus und Saphrax von der Nahrungssuche zurück und fiel den Römern in die Flanken. Das römische Heer löste sich auf; das Morden dauerte bis zum Abend. Etwa zwei Drittel des Heeres gingen verloren, nach Heather zwischen 10 000 und 15 000 Mann, nach Williams und Friell etwa 20 000. Die Verluste der Goten kennen wir nicht.
Valens' Ende ist ungeklärt. Möglicherweise fiel er auf dem Schlachtfeld, sein Leichnam wurde nie gefunden. Eine spätere Erzählung, er sei in ein Bauernhaus geflohen, das die Goten anzündeten, steht als Alternative und ist nicht gesichert. Sie darf also nicht als Tatsache erzählt werden, wenn man ehrlich sein will. Als Hauptbericht gilt Ammianus 31,12–13; auch Zosimos und Sokrates erzählen von der Schlacht.
Spätere Autoren haben Adrianopel zum Wendepunkt des Untergangs Roms erklärt. Die Forschung wägt das ab: Die Niederlage zerstörte den Kern des östlichen Feldheeres, doch sie bedeutete weder das Ende Roms noch den Beginn eines geordneten gotischen Reiches. Ob Gratian Theodosius ausgewählt oder das Ostheer ihn durchgesetzt hat, als dieser am 19. Januar 379 Kaiser wurde, erklären die Quellen nicht.
Nach 378 teilten sich die Goten, vermutlich weil das große Heer kaum zu ernähren war, so die Vermutung von Heather. Die Greuthungen zogen nach Pannonien, die Terwingen nach Makedonien und Thessalien. 379 ließ ein römischer Offizier Julius Goten im Osten massakrieren, was Unruhen auslöste. Am 3. Oktober 382 wurde nach Verhandlungen unter Richomeres und Saturninus Frieden erklärt. Die Goten wurden als foederati, also als Verbündete mit eigenen Anführern, innerhalb des Reiches angesiedelt, in Skythien, Moesien und vielleicht Makedonien. Der Redner Themistios feierte das als römischen Sieg, räumte aber ein, dass man die Goten nicht hatte besiegen können.
Fritigern verschwindet nach 381 aus den Quellen. Möglicherweise starb er in Griechenland, möglicherweise wurde er im Zuge des Friedens abgesetzt; das ist nicht zu entscheiden. Athanarich kam im Januar 381 unerwartet nach Konstantinopel, wurde von Theodosius empfangen und starb dort kurz danach. Jordanes, Orosius und Zosimos schildern einen Freundschaftsvertrag, nach dem Terwingen als Föderaten angesiedelt wurden. Ammianus und Themistios sehen Athanarich dagegen als Verbannten und Schutzsuchenden. Auch hier widersprechen sich die Quellen, und der Artikel entscheidet nicht für eine Seite.
Nach 400 verschwinden die Namen Tervingi und Greuthungi aus den Quellen. Sie sind nicht verschwunden, weil die Menschen verschwanden, sondern weil neue Bezeichnungen aufkamen.
Das Standardwerk der Gotengeschichte, Jordanes, stellt die Westgoten (Visigothae) als Nachfolger der Terwingen dar; er verbindet Athanarich mit späteren Königen von Alarich I. bis Alarich II. Daran ist so viel richtig, dass ein großer Teil der Goten, die später in Gallien und Spanien ein Reich errichteten, ihre Wurzeln im Gotenkrieg des 4. Jahrhunderts hatten. Aber der Weg war nicht gerade. Die Goten, die 410 Rom plünderten, sind nicht einfach die Terwingen von 376: Sie hatten sich seit dem Frieden von 382 mit anderen Gruppen verbunden, darunter Greuthungen, römischen Deserteuren und Menschen aus der Umgebung, und sie hatten neue Anführer.
Die Forschung nennt das Ethnogenese: Ein Verband bildet sich über Jahrzehnte neu, indem er Mitglieder aufnimmt, Traditionen auswählt und einen gemeinsamen Namen annimmt. Der Name „Westgoten“ taucht erst im späten 4. und 5. Jahrhundert auf. Die Notitia Dignitatum (um 388–391) nennt „Vesi“ und „Tervingi“; Wolfram liest das als Gleichsetzung, Christensen hält die beiden für getrennte Einheiten, was auf getrennte Gruppen hindeuten würde. Wer „Terwingen“ und „Westgoten“ gleichsetzt, entscheidet damit eine offene Frage zu Gunsten einer Seite.
Ein verwandtes Beispiel für das Problem sind andere Gruppen mit Gotenbezug: die Gepiden, die Jordanes als Verwandte der Goten schildert, die Vandalen als weitere Großgruppe der Völkerwanderungszeit oder die Heruler, die nach Jordanes im Schwarzmeerraum von den Goten unterworfen wurden. Hinter der „Goten“-Familie stehen viele Verbände, die man in der älteren Literatur als „Stämme“ führte. Auch die Frage nach dem Ursprung des Namens, ob er mit den Gutonen an der Weichsel oder den Gotländern zusammenhängt, reicht über die Terwingen hinaus und ist umstritten.
Einen belegbaren Bezug der Terwingen zum Rheinland oder zu Aachen gibt es nach meiner Recherche nicht, und ich konstruiere keinen. Ein Zusammenhang ließe sich nur über die allgemeine Gotengeschichte herstellen, und das wäre Spekulation.
Der größere Rahmen und die Nachbarn: Die Goten, Gepiden, Vandalen, Heruler, Gutonen und Gotländer.

Die Goten · Die Greutungen · Die Gepiden · Die Vandalen · Die Heruler.
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