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Die Chutizen: Ein Slawengau zwischen Saale und Mulde und das Volk, das die Quellen nicht beschreiben

Geschichte & Funde Die Chutizen: Ein Slawengau zwischen Saale und Mulde und das Volk, das die Quellen nicht beschreiben

Wer die Chutizen sucht, findet einen Namen auf Pergament und kaum etwas dahinter. In Urkunden ottonischer Könige und in der Chronik Thietmars von Merseburg steht „Chutici“ oder „Chutizi“ als Bezeichnung eines Landstrichs um das heutige Leipzig, nie als handelndes Volk mit Fürsten, Kriegen oder Göttern. Dieser Beitrag nimmt die Belege einzeln in die Hand, zeigt, was sie über Burgen, Bistümer und Grafen zwischen Saale und Mulde verraten, und benennt offen, wo der Schritt vom Gau zum Stamm eine Deutung ist.

Ein Volk aus einem Gaunamen

Die Chutizen sind ein Fall, bei dem die Quellenlage selbst das Thema ist. Über die Heveller berichten die Chronisten von Fürsten, Burgen und Feldzügen, über die Daleminzier von einer belagerten Hauptburg und einem heiligen See. Für die Chutizen gibt es nichts Vergleichbares. Was wir haben, ist ein Name, der in lateinischen Texten des 10. und 11. Jahrhunderts als pagus (Gau), regio (Gegend) oder provincia auftritt. Ein Satz, in dem die Chutizen etwas tun, ist uns nicht bekannt.

Das deutsche Wort „Chutizen“ für die Menschen ist eine moderne Bildung, abgeleitet aus dem Gaunamen. Dass hinter dem Gau ursprünglich eine slawische Siedlungsgemeinschaft mit eigenem Namen stand, ist plausibel und in der Namenforschung die übliche Annahme. Der Name hat die Form, die bei westslawischen Gruppennamen häufig ist, und andere Gaue der Gegend tragen erkennbar ehemalige Stammesnamen. Belegt ist dieser Schritt aber nicht. Wenn im Folgenden von Chutizen die Rede ist, meint das die slawischsprachigen Bewohner des Gaues Chutici, ohne zu behaupten, dass sie sich selbst als Stamm verstanden.

Einige Begriffe vorweg. Ein Gau (lateinisch pagus) ist in den Urkunden der Ottonen eine Raumangabe, mit der Güter verortet werden; er kann auf eine ältere Siedlungseinheit zurückgehen, ist aber in der Quelle zunächst ein Ordnungswort der Kanzlei. Ein Burgward ist ein Bezirk um eine Burg, aus dem Abgaben und Dienste an diese Burg gingen; die Einrichtung ist für das Land zwischen Saale und Elbe im 10. und 11. Jahrhundert typisch. Eine Mark ist ein Grenzbezirk unter einem Markgrafen. Sorben schließlich heißen in der Forschung die slawischsprachigen Gruppen zwischen Saale und Elbe insgesamt; zu ihnen steht ein eigener Beitrag (Sorben).

Die Namensformen: Chutici, Chutizi, Chuntici, Gutizi

Der Name ist in mehreren Schreibungen überliefert. Thietmar von Merseburg schreibt in einer Stelle seiner Chronik in pago Chutici, in einer anderen Gutizi orientalem, also „das östliche Gutizi“. Der Namenforscher Walter Wenzel nennt in seiner Studie „Die Frühgeschichte der Sorben im Licht der Namen“ (Sorbisches Institut) die Belege 973 in provintiis … Chuntici und 974 in regione Chutizi. Eine Urkunde Heinrichs III. von 1046, die wir im Codex diplomaticus Saxoniae gesehen haben, verortet Güter in Misnensi marchia et in pago Chut[i]ci dicto, „in der Mark Meißen und in dem Gau, der Chutici genannt wird“; der Digitalisat-Text liest an dieser Stelle „Chutibi dieto“, was wir als Lese- oder Erkennungsfehler für „Chutici dicto“ verstehen. Die deutsche Wikipedia führt außerdem die Form Gudici.

Die Schreibungen schwanken, wie es bei slawischen Namen in lateinischen Texten üblich ist: Die Schreiber hörten einen fremden Laut und gaben ihn mit den Mitteln ihres Alphabets wieder. Das ch am Anfang steht für einen Reibelaut wie in „ach“, das z oder c für einen Zischlaut. Wenzel rekonstruiert eine altsorbische Form *Chutici und deutet sie als „Leute des Chuť“, also als Ableitung von einem Personennamen, der zu einem urslawischen Wort für „Begierde, Wille, Lust“ gehöre. Solche Namen auf -ici bezeichnen in der Regel die Nachkommen oder Leute eines Mannes. Das ist eine begründete Herleitung eines Fachmanns, aber eine Rekonstruktion: Einen Chuť kennt keine Quelle.

Wichtig für alles Weitere: In keiner der genannten Stellen steht ein Wort wie gens (Volk) oder populus. Die Texte reden von einem Raum. Ob die Bewohner dieses Raums im 10. Jahrhundert noch eine Gruppe mit gemeinsamem Namen, gemeinsamem Kult und eigenen Anführern bildeten, sagen sie nicht.

Wo lag der Gau?

Die Lage lässt sich nur aus den Orten erschließen, die in den Quellen ausdrücklich „im Gau Chutici“ stehen. Das sind, soweit wir sie selbst gesehen haben oder sie gut belegt referiert werden: die Burg Medeburu, gedeutet als Magdeborn südöstlich von Leipzig (bei Thietmar); die Burg Zwenkau südlich von Leipzig (Urkunde Ottos II. vom 30. August 974, nach Wikipedia mit Verweis auf die Regesta Imperii); und die Burgwarde Rochlitz, Leisnig und Colditz an der Mulde (Urkunde Heinrichs III. von 1046). Dazu kommt Thietmars „östliches Gutizi“ jenseits der Mulde.

Aus diesen Punkten ergibt sich ein Raum zwischen Saale und Mulde mit Leipzig ungefähr in der Mitte und einem Streifen östlich der Mulde. So beschreiben ihn auch die Wikipedia und Wenzel („Slawengau im Raum um Leipzig“). Die Grenzen sind eine moderne Rekonstruktion; Karten, die einen scharfen Umriss zeichnen, stützen sich auf Einzelbelege und die Annahme, dass Flüsse Grenzen bildeten. Ein Heimatforscher, der eine solche Karte erarbeitet hat, nennt die Quellenlage selbst „dürftig“.

Eine Korrektur gegenüber verbreiteten Kurzbeschreibungen: Zeitz und Altenburg lagen nach unseren Belegen nicht im Gau Chutici. Altenburg gehört zum Gau Plisni, Zeitz war Bischofssitz in einem eigenen Umfeld. Wer die Chutizen „zwischen Leipzig, Altenburg und Zeitz“ ansiedelt, fasst drei Räume zusammen, die in den Quellen getrennt auftreten. Sie hängen trotzdem eng zusammen, wie die Bistumsgeschichte zeigt.

Thietmar von Merseburg und Bischof Boso

Die ausführlichste Stelle zum Gau steht in der Chronik Thietmars von Merseburg. Thietmar (975 bis 1018) war ab 1009 Bischof von Merseburg und schrieb seine Chronik in den letzten Jahren seines Lebens. Er kannte das Land zwischen Saale und Mulde aus eigener Anschauung, denn es gehörte zu seinem Bistum, und er hatte ein starkes Interesse an den Besitzrechten seiner Kirche. Wenn er Güter aufzählt, schreibt er als Betroffener.

Im zweiten Buch berichtet er vom ersten Merseburger Bischof Boso, der 970 starb. Boso kam aus dem Kloster St. Emmeram in Regensburg, hatte zunächst unter den Slawen gepredigt und durfte bei der Gründung der Bistümer 968 zwischen Meißen, Zeitz und Merseburg wählen. Er nahm Merseburg, „weil es am friedlichsten war“. Dann folgt eine der wenigen Stellen, an denen die slawischen Bewohner der Gegend mit eigenen Worten erscheinen, und unmittelbar danach die Nennung des Gaues Chutici.

Um die ihm Anvertrauten leichter unterweisen zu können, hatte er slawische Worte aufgeschrieben und sie gebeten, das Kyrie eleison zu singen, wobei er ihnen dessen Nutzen erklärte. Die Unverständigen aber verdrehten es spöttisch zum Schlechten in „Ukrivolsa“, was in unserer Sprache heißt: „Die Erle steht im Gebüsch“, und sagten: So hat Boso gesprochen, obwohl er anders gesprochen hatte. Der Kaiser überließ ihm einige zu der genannten Stadt gehörende Güter und eine im Gau Chutici gelegene Burg, die Medeburu heißt, was übersetzt bedeutet: „Verwehre den Honig“.Thietmar von Merseburg, Chronicon, Buch II, Kap. 23 (Zählung der älteren Ausgabe Lappenberg/Kurze und der Wikisource-Übersetzung; die MGH-Ausgabe von Holtzmann 1935 zählt möglicherweise abweichend, nicht geprüft). Lateinischer Text nach der Dresdner Handschrift in der Bibliotheca Augustana: „… et in pago Chutici positum quoddam castellum, quod Medeburu vocatur – interpretatur autem hoc: mel prohibe – …“; eigene Übersetzung. Die Online-Fassung liest „paucas vitas“, wir übersetzen nach dem Sinn „villas“ (Güter, Dörfer).

Drei Dinge lassen sich aus dieser Stelle gewinnen, und eines nicht. Erstens: Boso predigte in der Volkssprache seiner Diözese, und die Leute hörten im griechischen Kyrie eleison etwas Slawisches, das Thietmar mit einem deutschen Satz über eine Erle wiedergibt. Das ist eine kleine, seltene Momentaufnahme davon, wie Mission zwischen Saale und Mulde im Alltag klang. Zweitens: Der Kaiser (Otto I.) gab dem Bistum eine Burg im Gau Chutici, die seit langem mit Magdeborn identifiziert wird. Drittens: Thietmar deutet den Namen Medeburu slawisch als „Verwehre den Honig“; ob das zutrifft, ist eine Frage der Namenforschung. Nicht gewinnen lässt sich, dass die Spötter „Chutizen“ waren. Thietmar sagt nur, sie gehörten zu Bosos Gemeinde. Die Diözese Merseburg reichte über den Gau Chutici hinaus.

Im vierten Buch erscheint Medeburu noch einmal. Nach dem Tod Ottos II. zog 984 der bayerische Herzog Heinrich der Zänker mit böhmischer Begleitung durch die Gaue der Nisanen und Daleminzier (Nisanen, Daleminzier) nach Mügeln und von dort nach Medeburu, wo ihm Anhänger entgegenkamen. Die Burg war also ein Ort, an dem man sich traf; über ihre Bewohner erfahren wir wieder nichts.

981: Ein Bistum wird aufgeteilt

Die zweite große Thietmar-Stelle zeigt den Gau als Verfügungsmasse. 981 wurde das Bistum Merseburg aufgehoben, für Thietmar ein Unrecht, das er ausführlich beklagt. Sein Gebiet wurde unter die Nachbarn verteilt, und Thietmar zählt im dritten Buch auf, wer was bekam. Der Teil zwischen Saale, Elster und Mulde sowie die Gaue Plisni, Vedu und Tuchurini fielen an Bischof Friedrich von Zeitz. Der Bischof von Meißen erhielt einen Teil mit den Dörfern Wissepuig und Lostatawa, „der zum östlichen Gutizi gehört“ und durch die Flüsse Caminici und Elbe begrenzt werde. Erzbischof Giselher von Magdeburg, vorher selbst Bischof von Merseburg, behielt neun Burgen: Scudici, Cotug, Vurcin, Bigni, Hilburg, Dibni, Paug, Liubanici und Gezerisca.

Die meisten dieser Namen werden heute mit Orten an der unteren Mulde und um Leipzig gleichgesetzt, etwa Scudici mit Schkeuditz, Vurcin mit Wurzen, Hilburg mit Eilenburg, Dibni mit Düben; bei einzelnen, besonders Gezerisca, ist die Zuordnung unsicher. Ob alle neun Burgen im Gau Chutici lagen, sagt Thietmar nicht. Die Stelle zeigt aber, wie der Raum um 980 organisiert war: als Netz von Burgen, deren Zugehörigkeit zwischen Bischöfen hin- und hergeschoben werden konnte. 1004 stellte Heinrich II. das Bistum Merseburg wieder her, Thietmar beschreibt das zu Beginn des sechsten Buches. Mehr zu Merseburg selbst steht in unserem Beitrag über Merseburg.

Bemerkenswert ist die Form „östliches Gutizi“. Sie setzt einen westlichen Teil voraus, auch wenn Thietmar ihn hier nicht nennt. Der Historiker Leo Bönhoff hat diesem östlichen Teil 1910 eine eigene Untersuchung gewidmet; wir kennen sie nur aus Literaturangaben.

Grafen, Burgwarde und eine Schenkung an die Kaiserin

Die Urkunden zeigen den Gau als Teil der ottonischen Herrschaftsordnung. Nach der Wikipedia nennt eine Urkunde Ottos II. vom 30. August 974, ausgestellt in Frohse, die Burg Zwenkau „im Gau Chutizi in der Grafschaft Gunthers“. Gunther von Merseburg, dort als Graf bezeugt, fiel 982 in der Schlacht bei Cotrone in Süditalien. Für 983 wird Rikdag als Graf im Gau Chutizi geführt, für 1028 Hermann I. von Meißen. Diese Reihe stammt aus der Wikipedia und den dort genannten Werken; die Urkunden im Wortlaut haben wir außer der von 1046 nicht gesehen.

Diese Urkunde von 1046 ist für die Burgwardordnung besonders aufschlussreich. König Heinrich III. schenkte am 8. Juli 1046, ausgestellt in Rochlitz, seiner Frau Agnes Güter in der Mark Meißen im Gau Chutici, und zwar in den Burgwarden Rochlitz (Rochideh im Druck), Leisnig (Lisnich) und Colditz (Cholidistcha); zwei weitere Namen der Stelle, Grobi und Bolechma, konnten wir nicht sicher zuordnen. Hier sieht man, dass „Chutici“ um die Mitte des 11. Jahrhunderts noch als Raumname in Gebrauch war und Gebiete an der Mulde einschloss, die man vom Leipziger Raum aus eher als Randzone erwarten würde.

Was ein Burgward praktisch war, lässt sich aus solchen Urkunden nur in Umrissen erkennen. Gerhard Billig hat die Burgwardorganisation im obersächsisch-meißnischen Raum 1989 umfassend untersucht. Nach dem Bild der Forschung war die Burg der Mittelpunkt, an dem ein königlicher oder bischöflicher Amtsträger saß; die umliegenden Dörfer hatten Abgaben zu leisten und die Burg instand zu halten. Ob diese Burgen auf ältere slawische Anlagen zurückgingen, muss für jeden Ort archäologisch geprüft werden. Auch Thietmar benutzt das Wort: Im siebten Buch spricht er von Gütern „in den Burgwarden Bichni und Vurcin“, also Püchau und Wurzen.

Plisni: der Gau um Altenburg

Südlich des Gaues Chutici lag ein zweiter Raum, dessen Name in der Forschung oft mit ihm zusammen genannt wird: Plisni. Der Name hängt mit dem Fluss Pleiße zusammen. Thietmar nennt Plisni zweimal im dritten Buch: einmal bei der Ausstattung Merseburgs mit einem Forst „zwischen den Flüssen Saale und Mulde und den Gauen Siusuli und Plisni“, einmal bei der Aufteilung von 981, als die Gaue Plisni, Vedu und Tuchurini an Zeitz fielen. Nach der Wikipedia trägt dieser Forst in der Urkunde von 974 den Namen Miriquidi, der lange irrig mit dem Erzgebirge gleichgesetzt wurde.

Am 1. August 976 schenkte Otto II. nach der Wikipedia die Burg Altenburg dem Bistum Zeitz; die Stadt Altenburg führt dieses Datum als Ersterwähnung. Spätere Belege verbinden den Ort ausdrücklich mit dem Gaunamen: 1132 erscheint er als castro Plysn, und eine Urkunde Ottos IV. von 1209 nennt die curia in Aldenburg que alio nomine Plisne nuncupatur, den „Hof in Altenburg, der mit anderem Namen Plisne heißt“. Der Name des Gaues lebte also im Namen der Burg fort.

Aus diesem Gau wurde im 12. Jahrhundert das Pleißenland, lateinisch terra Plisnensis. Konrad III. nennt 1143 den Pleißenwald als königlichen Forst (in regali silva Blissinensi); Friedrich I. Barbarossa baute die Gegend nach 1158 zu einem Reichsland aus, mit Altenburg als Pfalz. Das ist bereits Geschichte deutscher Landesherrschaft, nicht mehr slawischer Gaue. Auch für Plisni gilt: Ein Volk dieses Namens nennt keine Quelle. Die Wikipedia zu Altenburg spricht von einem sorbischen Stamm, der sich nach dem Fluss benannt habe; das ist eine Deutung aus dem Gaunamen, kein Quellenbefund. Wenzel nennt Plisni einen „Slawengau“.

Zeitz und das Bistum an der Grenze

Zeitz gehört in diese Geschichte als kirchliches Zentrum, nicht als Teil des Gaues Chutici. Mit Merseburg und Meißen wurde 968 auch das Bistum Zeitz gegründet, alle drei unter dem neuen Erzbistum Magdeburg. Thietmar nennt Hugo als ersten Bischof von Zeitz. Das Bistum erhielt 981 die oben genannten Merseburger Gebiete und 976 Altenburg; damit reichte sein Einfluss bis in den Pleißenraum.

Die Lage an der Grenze war gefährlich. Thietmar berichtet im dritten Buch, dass die Zeitzer Kirche von einem böhmischen Heer unter einem Dedi genommen und geplündert wurde; der Zusammenhang deutet auf die Unruhen um 982/983, ein genaues Jahr gibt er an dieser Stelle nicht. Im sechsten Buch heißt es, jemand habe die Böhmen gegen die Zeitzer Kirche geführt. Nach der Wikipedia blieb Zeitz bis zum Frieden von Bautzen 1018 gefährdet; 1028/29 wurde der Bischofssitz nach Naumburg verlegt, daher der spätere Name Bistum Naumburg-Zeitz. Thietmar erwähnt im siebten Buch Bischof Hilliward (Hildeward) von Zeitz.

Für die Frage nach den Chutizen heißt das: Die Bewohner des Gaues lebten in einem Raum, den drei Bistümer unter sich aufteilten und an dessen Rand fremde Heere zogen. Wie sie selbst zu Kirche und Reich standen, ob sie sich am Aufstand von 983 beteiligten oder nicht, überliefert niemand. Der große Slawenaufstand von 983 betraf nach Thietmar vor allem die Lutizen und Gebiete nördlich davon (Lutizen).

Leipzig, 1015: eine Stadt im Gau

Die älteste Nennung Leipzigs steht ebenfalls bei Thietmar. Im siebten Buch erzählt er vom Tod des Meißner Bischofs Eid, der aus Polen zurückkehrte, erkrankte und „in der Stadt, die Libzi genannt wird“ (in urbe Libzi vocata) am 20. Dezember starb; nach der üblichen Datierung war das 1015. Thietmar nennt die Stadt ohne Gau. Dass Leipzig im Gau Chutici lag, schließt die Forschung aus seiner Lage zwischen den belegten Orten. Der Name Libzi wird meist von einem slawischen Wort für die Linde hergeleitet; das ist die verbreitete Deutung, die wir hier nicht prüfen können.

Für Leipzig ist die Einbettung in den Gau Chutici heute ein Teil der Stadtgeschichte. Man sollte sich dabei bewusst machen, dass die Verbindung über die Geografie läuft. Kein Text sagt „Leipzig, Hauptort der Chutizen“; ob es überhaupt einen Hauptort gab, ist unbekannt.

Wiprecht von Groitzsch: Siedler statt Stämme

Im späten 11. Jahrhundert verschwinden die alten Gaunamen allmählich aus den Urkunden. An ihre Stelle treten Herrschaften einzelner Adelsfamilien. Ein bekanntes Beispiel ist Wiprecht von Groitzsch (um 1050 bis 1124). Er stammte aus der Altmark und tauschte nach der Wikipedia 1070 seinen ererbten Balsamgau gegen die Burg Groitzsch südlich von Leipzig, im sogenannten Osterland. Nach Jahren in Böhmen kehrte er um 1080 zurück, gründete 1091 das Benediktinerkloster St. Jakob in Pegau (geweiht 1096) und holte Siedler aus Franken ins Land. 1123 erwarb er die Marken Meißen und Lausitz, verlor sie aber gleich wieder und starb 1124 in Pegau an den Folgen eines Brandes.

Die Hauptquelle zu Wiprecht sind die Pegauer Annalen, die im Kloster seiner Gründung entstanden. Wir haben sie nicht im Wortlaut gelesen. Für unser Thema sind zwei Punkte wichtig. Erstens: Uns ist kein Beleg bekannt, der Groitzsch ausdrücklich in den Gau Chutici setzt; manche Darstellungen ordnen den Ort dem Pleißenland zu, andere dem Osterland. Zweitens: Mit Wiprecht beginnt die Zeit, in der deutsche Bauern in großer Zahl zuzogen. Die slawischsprachige Bevölkerung verschwand dadurch nicht sofort, aber sie tritt in den Quellen noch weniger hervor als vorher. Nach dem Aussterben der Groitzscher im Mannesstamm 1135 kam ein Teil ihres Besitzes an die Wettiner, ein anderer über Rapoto von Abenberg an Barbarossa und ins Reichsland Pleißen.

Nachbarn und Abgrenzung

Die Chutizen werden oft in eine Reihe mit anderen sorbischen Gruppen gestellt. Östlich lagen die Daleminzier um Lommatzsch, über die Thietmar deutlich mehr erzählt (Daleminzier), weiter östlich die Milzener in der Oberlausitz (Milzener). Westlich der Saale begann das Gebiet, das zum Thüringerreich gehört hatte und nach dessen Ende unter fränkische und dann sächsische Herrschaft kam. Die Herrscher, deren Kanzleien den Namen Chutici in die Urkunden schrieben, waren die sächsischen Ottonen (Sachsen). Für den größeren Zusammenhang der Sorben, ihre Einwanderung und Sprache verweisen wir auf den Sorben-Beitrag; zu den Hevellern als Gegenbeispiel eines gut belegten elbslawischen Stammes auf den Heveller-Beitrag.

Wenzel macht in seiner Studie selbst deutlich, wie fließend die Begriffe sind. Er definiert einen Stamm als Gemeinschaft, die durch Verwandtschaft, gemeinsamen Kult und gleichen Dialekt zusammengehalten wird, spricht bei kleinen Einheiten aber teils von „Kleingau“, teils von „Stammesgebiet“. Er hält es für sicher, dass es einst slawische Stammesnamen gab, die in manchen Gegenden „verborgen“ bleiben. Bei den Chutizen ist der Name erhalten, verborgen bleibt alles andere.

Was wir nicht wissen

Wir wissen nicht, wie viele Menschen im Gau lebten, wer sie anführte, welchen Göttern sie opferten und wann sie sich taufen ließen. Die slawische Besiedlung des Raumes zwischen Saale und Mulde setzt nach der Wikipedia im späten 6. Jahrhundert ein; die genaue Datierung ist in der Forschung umstritten und muss archäologisch begründet werden, nicht aus den Urkunden. Wir wissen auch nicht, ob „Chutici“ zur Zeit der ersten Belege noch ein lebendiger Gruppenname war oder bereits nur noch der Name eines Bezirks, den die Kanzlei aus älterer Zeit übernommen hatte.

Wer über die Religion der Chutizen schreibt, überträgt in der Regel Nachrichten von anderen Gruppen, etwa vom heiligen See der Daleminzier oder von den Tempeln der Lutizen. Für den Gau Chutici selbst gibt es keine solche Nachricht. Die einzige Szene, die einen Blick auf die Menschen erlaubt, ist Bosos Kyrie, und auch sie ist nicht sicher diesem Gau zuzuordnen.

Was gesichert ist

  • „Chutici“ (auch Chutizi, Chuntici, Gutizi) ist in Königsurkunden ab 973/974 und bei Thietmar von Merseburg als Name eines Gaues (pagus, regio) belegt, nicht als Name eines handelnden Volkes.
  • Thietmar nennt die Burg Medeburu (Magdeborn) „im Gau Chutici“ als Schenkung an Bischof Boso von Merseburg (gest. 970) und unterscheidet ein „östliches Gutizi“.
  • Bei der Aufhebung des Bistums Merseburg 981 wurden Teile des Raumes zwischen Saale und Mulde auf Zeitz, Meißen und Magdeburg verteilt; 1004 wurde Merseburg wiederhergestellt.
  • Eine Urkunde Heinrichs III. von 1046 nennt die Burgwarde Rochlitz, Leisnig und Colditz im Gau Chutici in der Mark Meißen.
  • Plisni ist ein eigener Gau um Altenburg; Altenburg wird 976 als Schenkung an Zeitz genannt, später als castro Plysn (1132).
  • Leipzig erscheint zuerst bei Thietmar als urbs Libzi, Sterbeort Bischof Eids von Meißen (nach üblicher Datierung 1015).

Mythos-Check

  • „Die Chutizen waren ein mächtiger Sorbenstamm mit Hauptstadt Leipzig.“ Die Quellen kennen nur einen Gau; einen Hauptort, Fürsten oder Taten der Chutizen nennen sie nicht.
  • „Zeitz und Altenburg lagen im Chutizengau.“ Altenburg gehört zum Gau Plisni, Zeitz war Bischofssitz außerhalb der belegten Chutici-Orte; die drei Räume hängen über das Bistum Zeitz zusammen.
  • „Es gab einen Stamm der Plisni.“ Belegt ist ein Gau Plisni; ein gleichnamiges Volk ist eine Deutung aus dem Gaunamen.
  • „Miriquidi war das Erzgebirge.“ Der Forst der Urkunde von 974 lag nach Thietmar zwischen Saale und Mulde; die Gleichsetzung mit dem Erzgebirge gilt nach der Wikipedia als Irrtum.
  • „Wiprecht von Groitzsch kämpfte gegen die Chutizen.“ In den Darstellungen zu Wiprecht taucht der Gauname nicht auf; seine Zeit ist die der deutschen Siedlung, nicht der Stammeskriege.

Gesichert, plausibel, gedeutet: eine Ordnung

Gesichert sind der Name Chutici als Gau in Urkunden und bei Thietmar, die Lage einzelner Orte wie Magdeborn, Zwenkau, Rochlitz, Leisnig und Colditz in diesem Gau, die Aufteilung von 981 und die Nennung des Gaues Plisni. Plausibel ist, dass der Gauname auf eine slawische Siedlungsgemeinschaft zurückgeht und dass Leipzig zu diesem Raum gehörte. Gedeutet sind die Herleitung von einem Personennamen Chuť, die Grenzen des Gaues auf modernen Karten, die Zuordnung der Spötter bei Boso zu den Chutizen und jede Erzählung, die aus dem Gau einen Stamm mit eigener Geschichte macht. Wer einen Satz über die Chutizen liest, kann prüfen, ob er von einem Raum spricht oder von Menschen, die etwas tun. Nur das Erste ist belegt.

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