Wikinger Blog / Geschichte & Funde
Aus dem Wissensarchiv

Die Engern: Sachsen an der mittleren Weser

Geschichte & Funde Die Engern: Sachsen an der mittleren Weser

Engern ist ein Name mit zwei Gesichtern: Für die einen steht er für die Angrivarier, die Tacitus an der Weser kannte, für die anderen für den mittleren Teil der Sachsen in der Zeit Karls des Großen. Dazwischen liegen sieben Jahrhunderte ohne einen Text, der den Namen nennt. Dieser Beitrag legt die Zeugnisse nebeneinander, trennt Text, Archäologie, späte Überlieferung und Deutung und sagt dort, wo die Gleichung Angrivarier gleich Engern eine Annahme ist, dass sie eine ist.

Ein Name und die Frage dahinter

Engern, das ist nach den Handbüchern der mittlere Teil des alten Sachsen: das Land an der Weser zwischen Westfalen im Westen und Ostfalen im Osten, mit Minden als wichtigstem Ort. Die lateinischen Quellen schreiben Angrarii oder Angarii, später auch Angaria für das Land. Die gängige Gleichung lautet: Die Engern sind die Nachfahren der Angrivarier (lateinisch Angrivarii), die Tacitus im ersten Jahrhundert an der Weser verortet. Diese Gleichung ist naheliegend und wird in den gängigen Darstellungen so vertreten. Sie hat aber eine Lücke, denn zwischen Tacitus und den Reichsannalen liegen gut sieben Jahrhunderte, und in den Texten, die ich gesehen habe, taucht der Name in dieser Zeit nicht auf.

Wer „Engern“ hört, denkt außerdem leicht an etwas anderes. Die Stadt Enger im Kreis Herford ist durch das Grab Widukinds bekannt, liegt aber nach einer Einschätzung in der deutschen Wikipedia vielleicht gar nicht im Gebiet der Engern; der Ortsname hat dort eine eigene, umstrittene Herleitung. Ein Rintelner Stadtteil heißt Engern, und es gibt Orte dieses Namens in Ostpreußen (heute Pluszkiejmy) und Oberösterreich, die mit dem Stamm nichts zu tun haben. Und „Westfalen und Engern“ war später ein Titel, der in der Neuzeit auf Wappen und in Titellisten wanderte, lange nachdem die Landschaft als eigener Begriff verschwunden war.

Zum Rahmen dieser Seite: Ich schreibe nur, was ich in Texten gesehen habe oder was die Forschung ausdrücklich so vertritt, und kennzeichne, ob eine Aussage ein Beleg, eine plausible Annahme, eine Vermutung, eine späte Überlieferung oder eine Legende ist. Die Nachbarn im Osten behandelt der Beitrag zu den Ostfalen, den größeren Rahmen Die Sachsen.

Wer erzählt: Die Quellenlage

Für die Zeit der Angrivarier sind es römische Autoren, für die der Engern fränkische. Beides sind Blicke von außen. Die Sachsen selbst haben im achten und neunten Jahrhundert nichts über sich aufgeschrieben, was erhalten wäre.

Für die römische Zeit gibt es Tacitus: die Annalen (Buch 2, zu den Germanicus-Feldzügen der Jahre 14 bis 16 n. Chr.) und die Germania von etwa 98 n. Chr. Dazu kommt Ptolemäus mit seiner Geographie aus dem zweiten Jahrhundert, in der der Name in griechischer Form steht.

Für die Karolingerzeit sind es die Reichsannalen (Annales regni Francorum), eine Jahreschronik des fränkischen Hofes für die Jahre 741 bis 829. Nach der englischen Wikipedia entstanden sie in mehreren Etappen (grob 741 bis 795, 796 bis 807, 808 bis 819 und 820 bis 829); die Fassung, die die Forschung als überarbeitet bezeichnet und gern „Einhardannalen“ nennt, wurde nach dem Tod Karls des Großen 814 bearbeitet. Dass Einhard der Bearbeiter war, ist ein Vorschlag Leopold von Rankes und nicht bewiesen. Die Annalen wollen die Taten des Königs als Erfolg zeigen; was sie verschweigen, ist deshalb mit zu bedenken. Dazu kommen der Poeta Saxo (Ende des neunten Jahrhunderts), die Capitulatio de partibus Saxoniae mit offener Datierung, das Capitulare Saxonicum von 797 und die Lex Saxonum um 802/803, ferner Nithards Geschichtswerk von 843 über die Aufstände der Stellinga, die Translatio sancti Alexandri von 851 und später Widukind von Corvey mit seiner Sachsengeschichte um 968.

Zur Methode, ganz offen: Die Reichsannalen kenne ich zu 775, 776 und 782 bis 784 in der englischen Übersetzung von P. D. King (De Re Militari), die ich deshalb nur inhaltlich wiedergebe. Tacitus habe ich an drei Stellen im lateinischen Wortlaut gesehen (Annalen 2,8 und 2,19, Germania 33 und 34), mit den Seiten dazwischen aber nicht gelesen. Nithard, die Translatio, den Poeta Saxo, Widukind von Corvey, die Lex Saxonum und den Sachsenspiegel habe ich nicht gelesen. Wo ich sie anführe, stütze ich mich auf Zusammenfassungen. Das Quellenverzeichnis trennt beides.

Die Angrivarier bei Tacitus und Ptolemäus

Die frühesten Zeugnisse nennen ein Volk an der Weser. In der Germania (Kapitel 33) schreibt Tacitus, neben den Tenkterern hätten früher die Brukterer gewohnt, jetzt, so erzähle man, seien Chamaven und Angrivarier eingewandert; die Brukterer seien vertrieben und völlig vernichtet worden, mit Zustimmung der benachbarten Stämme (ich gebe den lateinischen Wortlaut nunc Chamavos et Angrivarios inmigrasse narratur sinngemäß wieder). Im folgenden Kapitel steht, hinter den Angrivariern und Chamaven schlössen die Dulgubnier und Chasuarier das Land ab (Angrivarios et Chamavos a tergo Dulgubnii et Chasuarii cludunt). Das ist eine Beschreibung der Nachbarschaft, mehr nicht, und das Wort „narratur“ zeigt, dass Tacitus selbst nicht aus eigener Anschauung spricht.

In den Annalen tritt das Volk handelnd auf. Im Jahr 16 n. Chr. meldet Tacitus dem Germanicus den Abfall der Angrivarier im Rücken des Heeres (Angrivariorum defectio a tergo nuntiatur, 2,8). Laut der deutschen Wikipedia ist diese Stelle nur in einer einzigen Handschrift überliefert, und viele Historiker verbessern den Namen zu „Ampsivarier“, weil Germanicus erst kurz zuvor die Ems überquert hatte; das ist umstritten. Gesichert ist dagegen die Beschreibung des Kampfplatzes nach der Schlacht von Idistaviso in 2,19.

„… nisi quod latus unum Angrivarii lato aggere extulerant quo a Cheruscis dirimerentur.“Tacitus, Annales 2,19 (gemeinfrei). Der lateinische Satz wurde über die Seite „The Latin Library“ gelesen, die Sätze davor und danach nicht; eigene Übersetzung: „… nur dass die Angrivarier an einer Seite einen breiten Wall aufgeworfen hatten, durch den sie von den Cheruskern getrennt wurden.“

Das ist der Angrivarierwall, ein Erdwall, den das Volk als Grenze gegen die Cherusker errichtet hatte. Wo er verlief, weiß niemand. Die englische Wikipedia nennt eine Fülle von Vorschlägen seit dem 19. Jahrhundert (unter anderem Leese, Springe, Nienburg, Kalkriese und Nordstemmen), die auf der Beschreibung des Geländes bei Tacitus beruhen; Carl Schuchhardts Vorschlag von 1926, den Wall bei Leese zu suchen, gilt dort als der ernsthafteste archäologische Versuch. Eine gesicherte Entscheidung gibt es nicht, und neuere Historiker haben nicht versucht, den Wall zu lokalisieren. Auch der Ort der Schlacht selbst (die englische Wikipedia nennt allgemein die Gegend von Porta Westfalica) ist eine Annahme. Mehr zum Volk selbst im Beitrag zu den Angrivariern und zum großen Nachbarn bei Cheruskern und Arminius.

Ptolemäus nennt das Volk in griechischer Form (laut der englischen Wikipedia Angriouarroi; die Stelle selbst, Geographie 2,10, habe ich nicht gelesen) und setzt es östlich der Weser an, zwischen Cheruskern im Osten und Chauken im Norden. Mit Tacitus passt das grob zusammen: ein Volk an der mittleren Weser. Aus dem Namen selbst liest man gewöhnlich Angri- zu einer Wurzel, die auch im deutschen Wort Anger (Weide, Wiese) steckt, und -varii als „Bewohner“; die genaue Herkunft des zweiten Teils bleibt unklar. Das ist eine Deutung der Sprachwissenschaft, kein Beleg dafür, wie die Angrivarier sich selbst sahen.

Von den Angrivariern zu den Engern: Name und Kontinuität

Dass Engern eine verkürzte Form von Angrivarii ist, steht so in der deutschen Wikipedia zu den Sachsen und in der Darstellung zum Herzogtum Engern; als Beleg führt letztere unter anderem Reinhard Wenskus im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde an, den ich nicht eingesehen habe. Das ist die gängige Lesart; einen Widerspruch dazu habe ich nicht gefunden.

Was dagegen offen ist, ist die Kontinuität. Dafür müsste ein Volk des ersten Jahrhunderts über Wanderungen, Zusammenschlüsse und Zerfall hinweg im achten Jahrhundert noch erkennbar sein. Die Forschung bestreitet das nicht ausdrücklich, belegt es aber auch nicht: Archäologie kann ethnische Gruppen nach dem Urteil der deutschen Wikipedia zu den Sachsen nicht verlässlich nachweisen, und eine Brücke aus Schriftquellen zwischen etwa 100 und 775 habe ich nicht gefunden. Denkbar ist, dass der Name in der Landschaft an der Weser überlebte und die Franken ihn von den Einheimischen übernahmen; denkbar ist ebenso, dass der Gleichklang nur eine Teilkontinuität spiegelt. Beides ist eine Annahme, und ich kann keine entscheiden.

Bemerkenswert ist, wie die englische Wikipedia den Zwischenschritt beschreibt: Die Angrivarier hätten sich nach dem Ende des cheruskischen Verbands nach Süden ausgedehnt und gemeinsam mit den Chamaven Land der Brukterer besetzt. Die Angabe stützt sich auf die Germania und ist insofern ein Beleg für das Ende des ersten Jahrhunderts. Danach schweigen die Quellen, und das nächste sichere Zeugnis für einen Namen in dieser Gegend ist 775.

775: Bruno und die Engern im Bückegau

Die früheste Erwähnung der Engern als Gruppe steht in den Reichsannalen zum Jahr 775, in Karls zweitem Sachsenfeldzug. Nach der englischen Übersetzung, die ich gelesen habe, erreichte Karl bei einem Ort Braunsberg die Weser, wo die Sachsen das Ufer verteidigen wollten, und schlug sie. Die ostfälischen Sachsen kamen dann unter Hessi an die Oker, stellten Geiseln und schworen Treue. Dann heißt es, die „Angrarians“ seien mit Bruno und „ihren anderen Edlen“ in den Bucki-Gau (Bückegau) gekommen und hätten dort Geiseln gestellt, wie es die östlichen Sachsen vorher getan hatten. Schließlich, nach einem Sieg über Sachsen bei Lidbach (die Übersetzung gleicht es mit Lübbecke ab), nahm Karl den Westfalen viel Beute ab, und auch sie stellten Geiseln. Das ist die Reihenfolge der Annalen, nicht unbedingt die der Ereignisse, denn dem Verfasser ging es um eine geordnete Erfolgsgeschichte.

Zu den Einzelheiten. Bruno ist ein Name und nicht mehr. Wer er war, welchen Rang er hatte und woher seine Autorität kam, sagen die Annalen in der Übersetzung, die ich las, nicht. Der Bückegau ist ein Gau an der Weser; die deutsche Wikipedia zum Thema Angrivarier lässt die Engern 775 bei Bückeburg unterwerfen, was eine Gleichsetzung von Gau und Stadtnamen ist und nicht im Text steht, jedenfalls nicht in der Übersetzung, die ich gelesen habe. Der Ort der Handlung ist also ein Gau, kein Punkt auf der Karte.

Auffällig ist die Ausdrucksweise. Die Annalen sprechen von Gruppen mit Anführern: Hessi, Bruno, und für die Westfalen steht kein Name im Text, den ich gelesen habe. Dass die Franken jeder Gruppe einen Namen gaben, heißt nicht, dass die Gruppen sich selbst so sahen. Dazu mehr im nächsten Abschnitt.

Dreiteilung: Wirklichkeit oder fränkisches Schema?

Westfalen, Engern und Ostfalen stehen in den Handbüchern, als hätte es sie immer gegeben. Die Quellen zeigen es anders. Matthias Becher hat in einem Aufsatz des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe zur Ersterwähnung der Westfalen dargelegt (ich habe den Text des LWL gelesen), dass die drei Gruppen zum ersten Mal in den Reichsannalen zu 775 begegnen. Er sieht in ihnen größere Verbände, die sich unter dem Druck der fränkischen Eroberung gebildet haben, jeweils benannt nach einem Anführer: bei den Ostfalen Hessi, bei den Engern Bruno, bei den Westfalen wahrscheinlich Widukind. Ob die Namen Selbstbezeichnungen waren, bleibt offen; sicher sei nur, dass fränkische Autoren sie verwendeten. Das ist eine Vermutung, die gut begründet scheint, mehr nicht.

Die deutsche Wikipedia zu den Sachsen führt Gründe an, die gegen eine feste Dreiteilung sprechen: Daneben hätten Nordalbingier, Bardengau, Wigmodi und Harudes als eigene Einheiten bestanden; die Dreiteilung könne die Nähe zu den Franken widerspiegeln, die diese Gruppen zu „fideles Saxones“ machte, und kleinere Landschaften könnten unter militärischem Druck verschmolzen sein. Außerdem wird dort die Zugehörigkeit der Westfalen zu den Sachsen in Frage gestellt, und für Ostfalen wird thüringische Vorbevölkerung erwogen. Das sind Positionen der Forschung. Für Engern folgt daraus: Der Name beschreibt eine politische Gruppe von 775, die in der Mitte lag, und ob sie davor einen Zusammenhalt hatte, kann niemand sagen.

Gestützt wird die Dreiteilung durch Rechtstexte. Nach Becher bekam eine Ehefrau in der Lex Saxonum (802) bei Ostfalen und Engern keinen Anteil am in der Ehe Erworbenen, bei den Westfalen dagegen die Hälfte. Das Capitulare Saxonicum von 797 gab den drei Gruppen eine Rolle bei der Gesetzgebung. Das ist ein Unterschied im Recht und im Verfahren, kein Beleg für verschiedene Kulturen. Er zeigt vor allem, dass die Franken Sachsen in diese drei Teile ordneten, als sie es verwalteten. Widukind von Corvey nennt nach der englischen Wikipedia Engern unter den Kernlandschaften des alten Sachsen; seine Sachsengeschichte entstand um 968, also mehr als ein Jahrhundert nach den Ereignissen, und ich habe sie nicht gelesen.

Chronologie: Was sich für Engern datieren lässt

Die Sachsenkriege Karls des Großen reichen von 772 bis 804. Ich führe nur die Einträge auf, in denen der mittlere Weserraum vorkommt, und nenne die Quelle. Die Annalen sagen „Engern“ nur 775; sonst muss man Ortsnamen zuordnen, und das ist eine Deutung.

775. Zweiter Feldzug (siehe oben): Weser, Oker, Bückegau, Lübbecke. Geiseln und Treueide, kein Bericht über Taufen im Text, den ich gelesen habe.

776. Die Sachsen brechen ihre Eide und lassen die Geiseln im Stich, vertreiben die Franken aus der Eresburg und zerstören deren Mauern, scheitern aber an der Sigiburg; Karl bringt sie rasch zur Unterwerfung. Er baut die Eresburg wieder auf und errichtet eine weitere Befestigung an der Lippe. Von den Engern ist nicht die Rede.

782. Aufstand unter Widukind, der nach den Annalen zu den Nordmännern geflohen war. Karl überschreitet den Rhein bei Köln und kommt an die Quelle der Lippe; die Annalen nennen auch das Gebirge Süntel und die Weser. Es folgt die Hinrichtung von nach der Überlieferung 4.500 Sachsen bei Verden an der Aller. Das ist belegt; die Zahl steht in den Annalen.

783 und 784. Karl siegt bei Detmold und an der Hase, im Gebiet der Westfalen. 784 erscheinen Huculbi (Petershagen) an der Weser, Thüringen, die Elbe und, nach der Übersetzung, die Emmer, Skidroburg (Schieder) und Rehme, wo Weser und Werre zusammenfließen; Karl überwintert in der Eresburg. Rehme und Petershagen liegen an der mittleren Weser, in der Gegend, in der die Handbücher Engern ansiedeln. Das Wort Engern steht dort nicht.

785. Taufe und Treueid Widukinds; die Literatur schwankt zwischen 784 und 785, und als Ort gilt Attigny, den ich nicht geprüft habe.

797, 802/803. Capitulare Saxonicum und Lex Saxonum. Um 803 gilt Minden als Bischofssitz (nach der englischen Wikipedia; die Gründungsumstände habe ich nicht geprüft). Die Datierung der Capitulatio de partibus Saxoniae ist offen (782, 785 oder später).

Lage und Grenzen

Wo Engern lag, ist nicht aus den Annalen abzulesen. Die Handbuchdarstellung stammt aus mittelalterlicher und neuzeitlicher Überlieferung. Nach der deutschen Wikipedia zum Herzogtum Engern war Engern der zentrale Teil des Stammesherzogtums Sachsen, beiderseits der Weser, ungefähr das Einzugsgebiet der Weser ab dem Zusammenfluss von Werra und Fulda, ohne Aller und Leine; im Nordwesten bildete die Hunte die Grenze. Die Leine als Ostgrenze, die man oft liest, ist eine Setzung der Handbücher. Die Marklo-Versammlung (siehe unten) wird in dieser Gegend vermutet.

Die Quellen des achten Jahrhunderts geben keine Grenzen an, sondern Gaue und Flüsse. Das ist ein Grund zur Vorsicht gegenüber Karten, auf denen drei saubere Flächen nebeneinanderliegen. Einzelne Gaue wie der Bückegau sind in den Annalen belegt, die Zuordnung zu Engern ist eine spätere Ordnung. Das heutige Ostwestfalen liegt nach der üblichen Zuordnung im alten Engern; der Landschaftsname „Westfalen“ ist also nicht mit dem Stammesteil der Westfalen identisch.

Gesellschaft, Recht und Versammlung

Nithard, ein Enkel Karls des Großen, beschreibt die Sachsen 843 in drei Ständen: Edelinge, Frilinge, Lassen. Die Stelle, die ich nur aus Zusammenfassungen kenne, steht im Zusammenhang mit der Stellinga, dem Aufstand der unteren Stände gegen ihre Herren 841 bis 843. Die englische Wikipedia gibt die Annales Xantenses so wieder, dass der Aufstand „in ganz Sachsen“ ausbrach, und nennt keine einzelnen Landschaften. Ob Engern besonders betroffen war, sagen meine Quellen nicht.

Die berühmte Versammlung von Marklo, die die Vita des Missionars Lebuin schildert, wird nach der deutschen Wikipedia in diesem Raum verortet. Dieselbe Seite hält die ältere Lesart einer republikanischen Verfassung mit gewählten Vertretern inzwischen für nicht mehr haltbar, und Skeptiker sehen in Marklo eine Fabel oder eine nicht sicher belegte Versammlung. Wo der Ort lag, kann ich nicht sagen. Mehr dazu in den Beiträgen zu Thing und Thingplätze.

Archäologie: was sie kann und was nicht

Funde sprechen nicht von selbst als „engrisch“. Die deutsche Wikipedia zu den Sachsen hält fest, dass Archäologie ethnische Bewegungen nicht verlässlich fassen kann. Eine Brücke vom Angrivarierwall zu den Engern lässt sich damit nicht schlagen, und der Wall selbst ist nicht gefunden. Einen sicheren Befund, der Engern als Gruppe fasst, habe ich nicht gesehen.

Gesichert ist dagegen die Grabung in der Stiftskirche von Enger, 1970 bis 1973 unter Uwe Lobbedey. Sie fand unter dem heutigen Bau Reste einer Saalkirche des 9. oder 10. Jahrhunderts (die Quellenseiten nennen beides) und im Chor der ältesten Kirche drei Männergräber, die „Stiftergräber“. Die Gräber wurden nach dem Bau angelegt; Mörtelreste in der Verfüllung sprechen dafür, dass sie innerhalb dieses ersten Gebäudes entstanden. Mehr dazu im nächsten Abschnitt.

Enger, Widukind und die späte Überlieferung

Die Stadt Enger im Kreis Herford liegt im Ravensberger Hügelland zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge. Ihre Stiftskirche ist der Ort, der den Namen Widukind in der Region verankert. Aber vieles, was man dort liest, ist spät.

Der Ort. Das Stift, ein Kanonikerstift, wurde nach den Seiten, die ich las, 947 von Königin Mathilde, der Witwe Heinrichs I., gegründet; Otto I. stattete es aus. 968 kam es an das neue Erzbistum Magdeburg, 1414 wurde es aus Sicherheitsgründen nach Herford verlegt, 1810 aufgehoben. Mathilde gilt in der Überlieferung als Nachfahrin Widukinds; ich habe die Vita Mathildis nicht gelesen und führe das als späte Überlieferung.

Das Grab. Die früheste schriftliche Erwähnung eines Widukind-Grabes in Enger stammt nach der deutschen Wikipedia aus einer Quelle des frühen 13. Jahrhunderts („de here starf unde wart to Engere begraven“); eine andere Seite nennt das Jahr 1216, als bei Grabungen Gebeine gefunden worden sein sollen. Die Urkunden des 10. Jahrhunderts erwähnen kein Grab. Nach 785 verlieren sich Widukinds Spuren in den Quellen; bis zur ersten Nennung des Grabes vergehen gut vier Jahrhunderte. Ob Widukind in Enger oder auf der Reichenau begraben wurde, ist offen. Der Grabstein, ein liegendes Bild mit Krone und Zepter, wird um 1100 datiert (die Seite schwankt zwischen elftem und zwölftem Jahrhundert), das Renaissancegrab mit der Inschrift ist 16. Jahrhundert. Die Anthropologie hat, so die Wikipedia, die Gebeine untersucht: Zwei der Erwachsenen seien wohl Halbbrüder, das mittlere Grab gelte mehrheitlich als das Widukinds, was auf Indizien beruhe; in den lange verehrten Gebeinen fanden sich außerdem weibliche Knochenreste. Das ist ein Befund mit Deutungsspielraum, kein Beweis.

Widukind und Engern. Hier liegt eine Verwechslung nahe. Widukind gilt nach Becher wahrscheinlich als Anführer der Westfalen, nicht der Engern, und der Beitrag zu Widukind stellt ihn ebenfalls als vermutlich westfälisch dar. Dass er in Enger bestattet sein soll, macht ihn nicht zum Engern, und Wilhelm Weitz hielt 1938 sogar für möglich, dass Enger nicht im Gebiet des Teilstamms lag. Der Ortsname leitet sich nach Weitz vermutlich von Anger (feuchte Wiese) und arar (Bach) ab; eine Verbindung zum Stamm sei nicht gesichert und sprachlich zweifelhaft. Die Ersterwähnung des Ortes wird mit 804 oder 948 angegeben, die Seite löst das nicht auf.

Das Widukind-Museum Enger wurde am 20. August 2006 nach mehrjähriger Erneuerung wiedereröffnet; es zeigt unter anderem einen Nachbau des Grabes mit drei Skeletten.

Regional-Hook Rheinland: Köln und Engern

Zwischen Rheinland und Engern gibt es zwei belegte Berührungen. Die erste steht in den Reichsannalen: 782 überschritt Karl auf dem Weg nach Sachsen den Rhein bei Köln, und 784 wird Lippeham am Rhein als Ausgangspunkt genannt (nach der Übersetzung). Das beschreibt Marschwege, keine Beziehung zu den Engern.

Die zweite ist jünger und handfester. Nach Heinrichs des Löwen Sturz 1180 sprach der Reichstag zu Gelnhausen dem Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg die herzogliche Gewalt in Westfalen und, so die Deutsche Biographie, in einem Teil von Engern bis zur Weser zu. Philipp stammte aus dem Haus Heinsberg am Niederrhein. Die Kölner Erzbischöfe führten danach den Titel „Herzog von Westfalen und Engern“ (nach der Wikipedia bis 1803). Wie weit dieses Herzogtum tatsächlich in Engern reichte, ist unklar, denn die Urkunde grenzte nicht ab; es entwickelte sich über Jahrhunderte zum Herzogtum Westfalen im Sauerland. Mit Aachen und mit Alsdorf lässt sich Engern nicht belegt verbinden.

Nachleben: Titel, Wappen und eine Landschaft ohne Grenzen

Der Name Engern überlebte als Titel. Nach der deutschen Wikipedia ging das Herzogtum Sachsen 1180 in zwei Teile auseinander: Köln und Paderborn erhielten den westlichen, den „Herzog von Westfalen und Engern“; der Askanier Bernhard III. bekam den Rest, dessen Herrscher bis 1806 den Titel „Herzog von Sachsen, Engern und Westfalen“ führten. Die Seiten stimmen in der Darstellung nicht vollständig überein, deshalb ist die Reihenfolge der Abtretungen hier mit Vorsicht zu lesen. Als Preußen 1815 Westfalen übernahm, ging die Titulatur „Westfalen und Engern“ an den König; 1871 kam sie in den Kaisertitel der Hohenzollern. Als Landschaft verschwand der Name im ausgehenden Mittelalter; er hielt sich danach als Begriff für den Mittelteil des Herzogtums.

Das Wappen mit drei roten Seeblättern, zwei über eins auf silbernem Grund, wurde im Mittelalter geschaffen, um die Nachfolge in Engern zu beanspruchen; Askanier, Wettiner und die preußischen Könige führten es, und mehrere Wappen im Raum Wiehengebirge und Teutoburger Wald greifen es auf. 1995 schlug der Geograph Werner Rutz in einem Modell mit siebzehn Ländern ein Land Engern vor, ungefähr im Süden des historischen Engern. Es ist ein Entwurf geblieben.

Was gesichert ist

  • Tacitus nennt die Angrivarier an der Weser: Einwanderung neben den Tenkterern (Germania 33), Wall gegen die Cherusker (Annalen 2,19, lateinischer Satz gelesen). Die Lage des Walls ist nicht gesichert.
  • Die Reichsannalen berichten zu 775, dass die „Angrarians“ mit Bruno und ihren Edlen im Bückegau Geiseln stellten (englische Übersetzung gelesen).
  • Zwischen Tacitus und 775 liegen rund sieben Jahrhunderte, in denen ich keinen Text mit dem Namen fand.
  • Das Capitulare Saxonicum (797) und die Lex Saxonum (802) behandeln Westfalen, Engern und Ostfalen getrennt (über Becher).
  • Die Grabung 1970 bis 1973 in der Stiftskirche Enger fand drei Männergräber im Chor der ältesten Kirche; wer dort liegt, ist offen.
  • 1180 wurde dem Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg die herzogliche Gewalt in Westfalen und in einem Teil von Engern übertragen (Deutsche Biographie).

Mythos-Check

  • „Die Engern sind die Angrivarier.“ Der Name ist eine Verkürzung, die Gleichung gilt als plausibel; ein durchgehender Beleg zwischen dem ersten und achten Jahrhundert fehlt.
  • „Es gab seit jeher drei Sachsenstämme.“ Die Dreiteilung erscheint erstmals 775; Becher vermutet eine Verbandsbildung unter fränkischem Druck.
  • „Widukind lag im Gebiet der Engern und ist dort begraben.“ Er gilt als Anführer der Westfalen; das Grab in Enger wird erst im 13. Jahrhundert erwähnt, und ob Enger im Stammesgebiet lag, ist fraglich.
  • „Der Angrivarierwall ist gefunden.“ Es gibt viele Vorschläge, keinen Beweis.
  • „Köln herrschte über Engern.“ Die Urkunde von 1180 sprach von Gewalt in Westfalen und einem Teil von Engern, ohne Grenzen.

Weiterlesen auf dieser Seite

Den größeren Rahmen und Nachbarn finden Sie hier: Die Sachsen, Die Ostfalen, Widukind, Angrivarier, Cherusker und Arminius, Franken, Karolingisches Heerwesen, Brukterer, Chamaven, Christianisierung der Germanen und Germanen im Rheinland.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: slawische und nordische Motive auf echtem Naturschiefer, lasergraviert - aus Alsdorf bei Aachen. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Die Sachsen · Die Ostfalen · Widukind · Die Angrivarier · Die Cherusker & Arminius.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Geschichte & Funde

Alle Geschichte & Funde-Artikel →

Die Englandfahrer – Runensteine für englisches Silber

Die meisten Runensteine erzählen vom Tod. Einer in Uppland erzählt von einer Karriere. Ulf von Borresta, heißt es dort …

Weiterlesen →

Erik Blutaxt – Brudermörder, König von York und Gast in Walhall: der Mann hinter dem Beinamen

Erik Blutaxt (altnordisch Eiríkr blóðøx, englisch Eric Bloodaxe) war ein Sohn Harald Schönhaars, regierte um 930 nur …

Weiterlesen →

Erik der Rote: Verbannt, aufgebrochen, zum Gründer Grönlands geworden

Erik der Rote (altnordisch Eiríkr rauði) war der Isländer, der Grönland ab etwa 982 erkundete und um 985/986 die erste …

Weiterlesen →

Die Eudosen – ein Volk im Schatten eines Schreibfehlers

Es gibt germanische Völker, über die man Bücher schreiben kann, und es gibt die Eudosen. Über sie ist genau ein Satz …

Weiterlesen →