Zwischen Rhein, Maas und Eifel, keinen Steinwurf von unserer Werkstatt in Alsdorf entfernt, lebten vor rund zwei Jahrtausenden Völker, deren Namen heute fast vergessen sind: Eburonen, Ubier, Sugambrer, Bataver. Die Römer nannten sie „Germanen" – doch dahinter verbarg sich ein buntes Gemenge aus germanischen, keltischen und gemischten Gruppen. Dieser Artikel bündelt, was wir über die Stämme unserer Heimat sicher wissen, was Deutung bleibt und wo das 19. und 20. Jahrhundert Legenden erfunden hat.

Glanz & Gravur sitzt in Alsdorf, in der StädteRegion Aachen. Wenn wir Runen und nordische Motive gravieren, fragen uns Kunden manchmal: Warum ausgerechnet Wikinger, ihr kommt doch aus dem Rheinland? Die ehrliche Antwort ist, dass der Norden einst vor Aachens Toren stand. Der Glaube der germanischen Stämme, die hier zwischen Rhein und Maas siedelten, war mit dem der späteren Wikinger verwandt – gemeinsame Wurzeln, gemeinsame Götternamen, ein gemeinsames sprachliches Erbe. Wer über die Eifel wandert oder am Niederrhein steht, steht auf einem uralten Grenzland. Genau dieses vergessene Stück Heimat wollen wir sichtbar machen.
Das Rheinland war in der Antike ein Saum, an dem sich Welten berührten: die keltisch geprägte Gallia im Westen, die germanischen Stämme im Osten, und mittendrin das Imperium Romanum, das den Rhein zu seiner Grenze machte. Kein Ort in Deutschland verdichtet dieses Aufeinandertreffen so stark wie der Raum Aachen–Köln–Xanten. Genau hier setzt dieser Überblick an.
Als Gaius Iulius Caesar in den 50er Jahren vor unserer Zeitrechnung Gallien eroberte, stieß er zwischen Maas und Rhein auf eine Gruppe von Stämmen, die er von den keltischen Galliern unterschied. Er nannte sie die Germani cisrhenani, die „Germanen diesseits des Rheins". Zu ihnen zählte er die Eburonen, die Condrusi, die Caeroesi, die Paemani und die Segni. Diese Völker saßen also westlich des Rheins, mitten im heutigen Ostbelgien, in der Eifel und am Niederrhein – nicht dort, wo Caesar „die Germanen" eigentlich verortete.
Die meisten Belger, so sagten sie, stammten von den Germanen ab, seien vor langer Zeit über den Rhein gezogen und hätten sich dort niedergelassen, weil das Land fruchtbar war; die Gallier, die den Landstrich bewohnten, hätten sie vertrieben.Caesar, De bello Gallico II,4 (sinngemäße Übersetzung)
Schon Caesar deutet damit an, was die Forschung heute betont: Die Grenze zwischen „Kelten" und „Germanen" war keine scharfe Linie. Der Name „Germani" war ursprünglich vielleicht die Bezeichnung eines einzelnen Volkes und wurde von den Römern zum Sammelbegriff für alles rechts- und teils linksrheinische ausgeweitet. Ob die Germani cisrhenani sprachlich germanisch, keltisch oder gemischt waren, lässt sich bis heute nicht sicher sagen.
Der bekannteste dieser Stämme sind die Eburonen, deren Kerngebiet in der Eifel und im Raum zwischen Maas und Rhein lag – also unmittelbar in unserer Nachbarschaft. Ihr Fürst Ambiorix vernichtete im Winter 54 v. Chr. anderthalb römische Legionen in einem Hinterhalt bei Atuatuca, dem heutigen Tongeren. Es war eine der schwersten Niederlagen Caesars im Gallischen Krieg. Caesars Rache war fürchterlich: Er führte einen Vernichtungsfeldzug gegen die Eburonen, der den Stamm faktisch auslöschte. Ambiorix selbst entkam über den Rhein und verschwand aus der Geschichte. Mehr über die Eburonen und Ambiorix erfährst du in unserem eigenen Artikel.
Zwei germanische Stämme, die Tenkterer und die Usipeter, überschritten 55 v. Chr. unter dem Druck der Sueben den Rhein und drangen in das Land der Menapier ein. Caesar stellte sich ihnen entgegen. Während einer Waffenruhe kam es zu einem Gemetzel, bei dem Caesar nach eigener Darstellung Zehntausende tötete – ein Vorgehen, das schon in Rom umstritten war; der Redner Cato der Jüngere forderte, Caesar deswegen den Feinden auszuliefern. Anschließend ließ Caesar in nur zehn Tagen seine berühmte Rheinbrücke bauen, um seine Macht jenseits des Stroms zu demonstrieren. Die ganze Geschichte des Rheinübergangs lest ihr hier.
Am Niederrhein saßen die Sugambrer, ein kriegerischer Stamm, der Rom wiederholt herausforderte. 16 v. Chr. fügten sie den Römern die berüchtigte clades Lolliana zu, bei der eine Legionsstandarte verloren ging. Später siedelte Tiberius Teile der Sugambrer auf die linke Rheinseite um, wo aus ihnen unter anderem die Cugerner hervorgingen. Der Name der Sugambrer hallte lange nach: Als der fränkische König Chlodwig um 500 getauft wurde, soll ihm der Bischof Remigius zugerufen haben, er möge den Nacken beugen, „stolzer Sugambrer". Die Franken sahen sich also in einer Linie mit den alten Rheinstämmen. Mehr zu den Sugambrern und ihrem Weg zu den Franken.
Nicht jeder Stamm stand gegen Rom. Die Ubier, ursprünglich rechtsrheinisch, baten selbst um Umsiedlung auf die linke, römische Seite. Agrippa führte sie um 19 v. Chr. herüber; ihr Hauptort wurde die Ara Ubiorum, der „Altar der Ubier". Aus dieser Siedlung wurde später die Colonia Claudia Ara Agrippinensium – das heutige Köln, benannt nach Agrippina der Jüngeren, die hier geboren wurde. Die Ubier verschmolzen allmählich mit der römischen Welt; ihre Nachfahren gehören zu den Vorfahren der rheinischen Bevölkerung. Die Geschichte der Ubier und Kölns findet ihr hier.
Weiter südlich, im Raum Trier und an der Mosel, saßen die Treverer. Sie galten als die besten Reiter Galliens und prahlten selbst mit einer germanischen Abkunft, obwohl ihre Kultur stark keltisch geprägt war – ein Musterbeispiel dafür, wie unscharf die Kategorien „keltisch" und „germanisch" in diesem Grenzraum sind. Ihr Hauptort Augusta Treverorum, das heutige Trier, wurde eine der bedeutendsten Städte des römischen Nordens. Ihr Gott Lenus Mars wurde in großen Heiligtümern verehrt. Mehr über die Treverer und Trier.
Im Rheindelta, dem heutigen Gelderland und Südholland, lebten die Bataver. Sie waren enge Verbündete Roms und stellten gefürchtete Reitertruppen; man sagte ihnen nach, sie könnten in voller Rüstung schwimmend den Rhein überqueren. 69/70 n. Chr. führte Iulius Civilis den Bataveraufstand an, der das römische Rheinland an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Der Aufstand scheiterte am Ende, doch er zeigt, wie eng und wie gespannt zugleich das Verhältnis zwischen Rom und den Rheinstämmen war. Die ganze Geschichte des Bataveraufstands.
Zwischen den großen Namen standen viele kleinere Gruppen. Die Cugerner am Niederrhein gingen aus umgesiedelten Sugambrern hervor und lieferten die Bevölkerung für die Colonia Ulpia Traiana bei Xanten. Die Cananefaten, Nachbarn und Verwandte der Bataver im Rheinmündungsgebiet, kämpften im Bataveraufstand mit. Diese Verschiebungen, Umsiedlungen und Neubildungen zeigen, dass „Stämme" keine festen Blöcke waren, sondern sich ständig neu formierten – oft auf Betreiben Roms.
Rom machte den Rhein zur Grenze seines Reiches. Der Niedergermanische Limes, seit 2021 UNESCO-Welterbe, war keine Mauer, sondern eine Kette aus Legionslagern, Kastellen und Straßen entlang des Stroms. Die beiden Metropolen dieser Grenzregion waren die CCAA – Köln – und die Colonia Ulpia Traiana bei Xanten. Von Köln aus zog die Via Belgica quer durch unsere Heimat, über Jülich und Aachen bis nach Tongeren und weiter Richtung Küste. Die Römer nannten diese Grenze übrigens meist ripa, „Ufer", nicht limes – ein wichtiges Detail, denn eine geschlossene Verteidigungsmauer wie in der Popkultur gab es hier nie.
Die Religion des Rheinlands war so gemischt wie seine Bevölkerung. Besonders eindrucksvoll sind die Matronen, dreifache Muttergöttinnen, denen zwischen Bonn, Köln und der Eifel Hunderte von Weihesteinen gesetzt wurden – etwa den Aufaniae in Bonn oder den Vacallinehae im Heiligtum von Pesch. Ihre Namen sind teils germanisch, teils keltisch. An der Nordseeküste und den Handelswegen wurde Nehalennia verehrt, eine Göttin der Kaufleute und Seefahrer. Und die Bataver verehrten Hercules Magusanus, in dem die Römer ihren Herkules, die Germanen aber wohl ihren eigenen starken Gott sahen. Mehr zu den Matronen, zu Nehalennia und zu Hercules Magusanus findet ihr in eigenen Artikeln.
Als das römische Reich im Westen schwächer wurde, verschoben sich die Kräfte erneut. Aus einem Bündnis rheinischer und rechtsrheinischer Gruppen entstanden im 3. und 4. Jahrhundert die Franken. Sie übernahmen das alte Grenzland, gründeten mit den Merowingern ein Großreich und machten schließlich Aachen unter Karl dem Großen zum Zentrum Europas. Die Linie führt also direkt von den alten Rheinstämmen über die Franken bis zu der Stadt, in deren Umland wir heute arbeiten.
Hier ist Nüchternheit gefragt. Erstens: „Die Germanen" am Rhein gab es nicht als geschlossenes Volk. Es waren viele verschiedene Stämme, teils germanisch, teils keltisch, teils gemischt – die Germani cisrhenani saßen sogar westlich des Rheins. Zweitens: Der Rhein als „Grenze zwischen Germanen und Kelten" ist im Kern ein römisches Ordnungskonstrukt. Caesar zog diese Linie aus politischen und propagandistischen Gründen; in der Lebenswirklichkeit gab es fließende Übergänge, Handel, Mischkultur und wandernde Gruppen. Die moderne Forschung (etwa Pohl, Goffart, Steuer) betont, dass „germanisch" damals keine Nationalität, sondern bestenfalls eine sprachlich-kulturelle Sammelbezeichnung war.
Diese Ehrlichkeit ist uns wichtig. Wir gravieren Runen und germanische Motive, weil sie schön und Teil unserer Heimatgeschichte sind – nicht als Bekenntnis zu irgendeiner Ideologie. Die Stämme zwischen Rhein und Maas verdienen es, als das erinnert zu werden, was sie waren: reale Menschen in einem faszinierenden, durchmischten Grenzland, dessen Spuren wir bis heute unter unseren Füßen tragen. Einen Gesamtüberblick über alle germanischen Stämme findet ihr auf unserer großen Wissensseite.

Die Eburonen · Die Ubier · Die Treverer · Die Sugambrer · Die Wikinger vor Aachen.
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