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Die Ostfalen: Sachsen östlich der Leine

Geschichte & Funde Die Ostfalen: Sachsen östlich der Leine

Die Ostfalen sind der östliche Teil der Sachsen, neben Engern und Westfalen, und ein Name, der in den Quellen später auftaucht, als man denkt. Die frühesten Annalen kennen 775 „Austreleudi“, die „Ostleute“; das Wort „Ostfalai“ steht erst in der nach 814 überarbeiteten Fassung. Dieser Beitrag legt die Zeugnisse nebeneinander, trennt Text, Archäologie und Deutung und sagt dort, wo die Dreiteilung Sachsens ein Schema der fränkischen Chronisten sein könnte, dass sie es sein könnte.

Ein Name, der mehr verspricht, als die Quellen halten

Ostfalen, das ist der östliche Teil des alten Sachsen: das Land zwischen Leine, Elbe, Saale und Unstrut, mit Hildesheim, Braunschweig, Magdeburg und dem Harz. So steht es in den meisten Handbüchern. Westlich davon lag Engern an der mittleren Weser, noch weiter westlich Westfalen. Zusammen bilden die drei, so die gängige Darstellung, den Stammesverband der Sachsen. Das ist ein bequemes Bild, und es hat einen Haken: Es setzt voraus, dass es „die Ostfalen“ als Gruppe mit eigenem Bewusstsein gab, bevor irgendjemand sie so nannte. Ob das stimmt, lässt sich aus den Quellen nicht beantworten.

Zunächst zur Sprache. Der Bestandteil -falen gilt als germanisch und wird auf das Wort für „Ebene“ bezogen; die Landschaft sei, so eine gängige Erklärung, ursprünglich von der Weser in einen östlichen und einen westlichen Teil geschieden worden. Das ist eine Deutung des Namens, kein Beleg dafür, wie die Leute im achten Jahrhundert ihr Land verstanden. Sicher ist, dass die Schreibung in den lateinischen Texten schwankt (Ostfalai, Ostfalais, in der Forschung auch Ostfali und andere Formen), und dass die ältere Fassung der Reichsannalen ein ganz anderes Wort verwendet. Dazu unten mehr.

Eine zweite Warnung betrifft Verwechslungen. „Ostfalen“ ist nicht „Ostwestfalen“; diese Gegend im heutigen Nordrhein-Westfalen lag im alten Engern. Der Name hat auch nichts mit Austrasien zu tun, dem östlichen Teilreich der Franken, obwohl die lateinische Form Austrasii, die in der Fachliteratur zum Jahr 775 genannt wird, so klingt; dort meint sie nach den Übersetzungen, die ich kenne, schlicht „Ostleute“. Und der Dialektraum „ostfälisch“ ist eine Erfindung der Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts und deckt sich nicht mit dem historischen Ostfalen.

Zum Rahmen dieser Seite: Ich schreibe nur, was ich in Texten gesehen habe oder was die Forschung ausdrücklich so vertritt, und kennzeichne, ob eine Aussage ein Beleg, eine plausible Annahme, eine Vermutung oder eine Legende ist. Größere Zusammenhänge: Sachsen, Widukind, Christianisierung der Germanen.

Wer erzählt: Die Quellenlage

Fast alles, was wir über die frühen Ostfalen wissen, stammt von Fremden. Die Sachsen hielten ihre eigene Frühzeit im achten und neunten Jahrhundert nicht schriftlich fest; was überliefert ist, haben fränkische Hofgeistliche, Mönche und Gesetzgeber geschrieben, mit eigenen Zielen. Deshalb vorab, wer was liefert.

Die Reichsannalen (Annales regni Francorum, auch Annales Laurissenses maiores) sind eine Jahreschronik des fränkischen Hofes, die für die Jahre 741 bis 829 geführt wurde. Der älteste Teil bis 795 entstand nach der üblichen Annahme in der königlichen Kapelle, in Etappen und von unbekannten Verfassern; für die Jahre vor der Niederschrift um 790 ist das also ein Rückblick und keine Tagesnotiz. Der Historiker Matthias Becher hebt hervor, dass die Annalen die Taten des Königs als Erfolge darstellen wollen, und führt gerade den Bericht zum Jahr 775 als Beispiel dafür an, dass eine fränkische Niederlage verschwiegen wird. Es gibt außerdem die überarbeitete Fassung, die als Annales qui dicuntur Einhardi („Einhardannalen“) läuft. Ein unbekannter Bearbeiter hat sie nach dem Tod Karls des Großen 814 neu gefasst, das Latein geglättet und vor allem die Einträge bis etwa 801 erweitert. Dass Einhard der Bearbeiter war, ist ein Vorschlag des 19. Jahrhunderts und nicht bewiesen; der Name ist eine Behelfsbezeichnung.

Dazu kommen: der Poeta Saxo, ein Dichter, der um 890 die Taten Karls in Verse brachte und für 775 einen gewissen Hessi erwähnt; die Vita Liutbirgae, eine Lebensbeschreibung einer Einsiedlerin aus dem neunten Jahrhundert, die Hessis Tochter nennt; das Capitulare Saxonicum von 797 und die Lex Saxonum um 802/803, zwei Rechtstexte; Nithards Geschichtswerk über die Bruderkriege der Enkel Karls, abgeschlossen 843; die Vita Lebuini, die Lebensbeschreibung des Missionars Lebuin, die die Volksversammlung von Marklo schildert; und die Translatio sancti Alexandri (851), ein Bericht über die Überführung von Reliquien nach Wildeshausen, in dem Rudolf von Fulda die Sachsen beschreibt. Später folgen Widukind von Corvey (um 968), Thietmar von Merseburg (frühes elftes Jahrhundert) und der Sachsenspiegel.

Zur Methode, ganz offen: Ich habe diese Texte nicht im Original und nicht vollständig gelesen. Die Reichsannalen kenne ich zu 775 und 782 bis 784 in der englischen Übersetzung von P. D. King (1987, auf der Seite De Re Militari wiedergegeben, mit Erlaubnis des Übersetzers; ich zitiere sie deshalb nicht wörtlich, sondern gebe nur die Stellen an). Die Latein-Fassungen der Annalen habe ich nicht einsehen können; die Formen „Austreleudi“ und „Ostfalai“ kenne ich über Aufsätze, die sie zitieren. Nithard kenne ich im lateinischen Wortlaut nur durch einen Satz, den Philipp Heck 1931 in einer Fußnote anführt. Widukind, Thietmar, die Translatio, die Lex Saxonum und den Sachsenspiegel habe ich nicht gelesen. Das Quellenverzeichnis trennt, was ich gesehen habe, von dem, was ich nur aus Zusammenfassungen kenne.

775: „Austreleudi“, „Ostfalai“ und ein Fluss

Der früheste Beleg gehört in das Jahr 775, in Karls zweiten Sachsenfeldzug. Die Reichsannalen erzählen in der englischen Übersetzung, die ich gelesen habe, Folgendes: Karl nimmt die Sigiburg (Syburg) ein, zieht an die Weser, siegt bei einem Ort namens Braunsberg und zieht weiter in den Bukki-Gau, den Bückegau. Die Sachsen wollten das Ufer eines Flusses verteidigen. Dann heißt es, alle sächsischen „Eastphalians“ seien mit Hessi gekommen. Die „Angrarians“ (Engern) kamen mit Bruno und „ihren anderen Edlen“; von den Westfalen gewannen die Franken viel Beute, und sie stellten Geiseln „wie die übrigen Sachsen“. Das ist ein Satz, in dem drei Gruppen mit Anführern nebeneinander stehen.

Dass dies der erste Beleg für die Ostfalen ist, steht in der Fachliteratur so. Und hier muss man genau sein, denn es steckt eine Quellenfrage darin. In der Fassung der Reichsannalen selbst, die um 790 am Hof entstand, steht nach den Aufsätzen, die ich dazu gesehen habe, nicht „Ostfalai“, sondern Austreleudi Saxones und Austrasii, was Rau mit „Ostleute der Sachsen“ und „Ostleute“ übersetzt. Das Wort Ostfalai (und die Form Ostfalais) steht erst in den Einhardannalen, also in der Überarbeitung nach 814. Eine Handschrift der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover (Klasse E) enthält beide Formen. Die Belege für 775 und 779 sind deshalb als Wortform nicht älter als das zweite Jahrzehnt des neunten Jahrhunderts. Das Wort „Ostfalen“ als schriftlicher Name ist demnach 775 nicht belegt; belegt ist, dass die Franken 775 eine östliche Gruppe der Sachsen mit einem Namen bezeichneten, der „Ostleute“ bedeutet, und dass ein Bearbeiter nach 814 daraus Ostfalai machte.

Wie alt die Namensform in der Sprache der Sachsen selbst ist, wissen wir nicht. Austreleudi wirkt wie ein germanisches Wort in lateinischer Schreibung: leudi für „Leute“, der erste Teil für „Osten“. Die Sachsen können sich selbst so genannt haben, die Franken können das Wort geprägt haben; Becher hält beides für möglich, sicher sei nur, dass die fränkischen Chronisten die Namen benutzen. Ein Name ist da, seine Herkunft ist offen.

Der Ort des Geschehens liegt nach dem, was ich gelesen habe, an der Oker, die bei Braunschweig vorbeifließt; das stammt aus der englischen Wikipedia, die sich auf die Reichsannalen und den Poeta Saxo beruft, nicht aus einem Text, den ich selbst eingesehen habe. Ein genauer Ort ist damit nicht genannt, und ich nenne keinen.

Hessi: Ein Name, ein Anführer, eine Familie

Hessi ist der einzige namentlich genannte Anführer der Ostfalen im Jahr 775, und zugleich eine der wenigen Personen aus der heidnischen Sachsenelite, über die wir überhaupt etwas wissen. Nach der Darstellung der englischen Wikipedia, die sich auf Flierman (2017) beruft, ist der Reichsannalenbericht so zu verstehen, dass Hessi „alle“ ostfälischen Sachsen vor Karl führte; ob er tatsächlich alle Ostfalen vertrat oder nur den Verband seines eigenen Gaus, ist in der Forschung diskutiert. Der Poeta Saxo nennt ihn „einen von ihren Häuptlingen“, der als Bittsteller kam. Die Vita Liutbirgae nennt ihn „unter den ersten und edelsten seines Volkes“ und schreibt, Karl habe ihn mit Ehren überhäuft, weil er ihn als völlig treu erfand (so jedenfalls in der Zusammenfassung, die ich gesehen habe). Er sei Christ geworden und Graf, habe sein Land an seine Töchter gegeben, als sein einziger Sohn früh starb, und habe sich in das Kloster Fulda zurückgezogen; das Fuldaer Totenbuch verzeichne seinen Tod im Jahr 804.

Seine Tochter Gisla heiratete einen Unwan; zu ihren Kindern gehörten Hruothild und Bilihild. Nach der Wikipedia gründete Gisla in den 820er Jahren die Klöster Karsbach und Wendhausen, und Liutbirga, die Heldin der Vita, wurde dort Einsiedlerin. Daran lässt sich sehen, wie sächsische Adelsfamilien die fränkische Herrschaft für sich nutzten. Mit der Landschaft Hessen hat der Name, soweit ich sehe, nichts zu tun; der Gleichklang ist da, eine Verbindung belegt niemand.

Die Dreiteilung: Wirklichkeit oder Schema?

Westfalen, Engern und Ostfalen stehen in den Handbüchern, als hätte es sie immer gegeben. Die Quellen zeigen etwas anderes. Matthias Becher, der die Ersterwähnung der Westfalen untersucht hat, legt dar (so die Zusammenfassung, die ich lesen konnte), dass die drei Gruppen zum ersten Mal gemeinsam in den Reichsannalen zum Jahr 775 auftreten. Ältere Forschung hielt das Jahr für unerheblich, weil sie annahm, die Gruppen hätten schon lange bestanden. Becher vermutet dagegen, dass sie sich unter dem fränkischen Druck bildeten: Die Sachsen, in kleinen Verbänden organisiert, konnten Karl einzeln nicht standhalten. Jede Gruppe hatte einen Kriegsführer, nach den Annalen Hessi bei den Ostfalen, Bruno bei den Engern, bei den Westfalen vermutlich Widukind. Das ist eine Vermutung, die ich für gut begründet halte, aber nicht mehr als das.

Dazu passt, was wir über die Zeit davor wissen, und das ist wenig. Beda, der englische Mönch, der um 730 über die „Altsachsen“ schrieb, kennt nach dieser Darstellung noch keine Dreiteilung, sondern „Satrapen“ über einzelne Gaue; ich habe Beda selbst nicht gelesen. Auch die Fachleute sagen, die Dreiteilung sei in der Karolingerzeit das Raster, mit dem die Franken das Land ordneten. Gestützt wird das durch Rechtstexte: Das Capitulare Saxonicum von 797 und die Lex Saxonum um 802/803 weisen Westfalen, Engern und Ostfalen eigene Rollen zu. Nach Becher (wieder nur in Zusammenfassung) bekam in der Lex Saxonum bei den Westfalen die Ehefrau die Hälfte des in der Ehe Erworbenen, bei Engern und Ostfalen nichts. Das ist ein Unterschied im Recht, kein Beleg für eine eigene Kultur. Ein 804 in Mainz aufgestelltes Verzeichnis sächsischer Geiseln hielt, wie es heißt, die Herkunftsgruppe jedes Geisels fest. Für die Franken war die Dreiteilung gelebte Verwaltung; ob sie es für die Sachsen vorher schon war, bleibt offen.

Ein Wort zur Lage. Wo Ostfalen aufhört und Engern beginnt, verraten die Quellen nicht; die Grenze zwischen den beiden, in den Handbüchern meist an der Leine gezogen, ist eine Setzung der Forschung. Der Bardengau mit Bardowick an der Niederelbe wird in der englischen Wikipedia als Teil Ostfalens bezeichnet; das ist eine Zuordnung unter vielen. Die Elbe und die Saale bildeten später die Grenze zu den slawischen Stämmen, die ich in den Beiträgen zu den Obodriten und zu Nordalbingien behandle; die Nachbarn im Süden waren die Thüringer.

Chronologie: Was sich datieren lässt

Die Sachsenkriege Karls des Großen dauerten von 772 bis 804. Ich führe die Ereignisse auf, die in den von mir gesehenen Darstellungen stehen, und nenne dort, wo die Ostfalen ausdrücklich vorkommen, den Beleg. Die Jahreszahlen folgen der üblichen Zählung; manches ist dort strittig, wo ich es sage.

772. Erster Feldzug Karls: Er nimmt die Eresburg und zerstört, so berichten die Reichsannalen nach der Literatur, die Irminsul. Die Ostfalen kommen nicht vor.

775. Zweiter Feldzug (siehe oben): Sigiburg, Weser, Braunsberg; Unterwerfung der Ostfalen unter Hessi, der Engern unter Bruno, der Westfalen mit Geiseln. Nach der Wikipedia kam es zu Taufen; sicher bezeugt ist die Geiselstellung.

776 und 777. Aufstand, Rückkehr Karls aus Italien, Gründung der Siedlung am Paderborner Quellgebiet; ein Reichstag in Paderborn mit Massentaufen. Widukind flieht, so ist es überliefert, zu den Dänen. Wie die Ostfalen daran beteiligt waren, sagen die Texte, die ich gesehen habe, nicht.

779 und 780. Ein Feldzug im Sommer 779 soll Ostfalen, Engern und Westfalen erfasst haben; die Wikipedia nennt es „Eroberung“. Die Einhardannalen enthalten einen Beleg zu 779, ich kenne ihn nur aus der Literatur. Für 780 nennt die Literatur eine Versammlung nahe Lippspringe, auf der Missionsbezirke und fränkische Grafschaften eingerichtet worden sein sollen. Die Einzelheiten habe ich nicht überprüft.

782. Aufstand unter Widukind, Niederlage fränkischer Truppen am Süntel (in der Übersetzung, die ich las, „Suntel“), danach Hinrichtung von nach der Überlieferung 4.500 Sachsen bei Verden an der Aller. Im Text der Reichsannalen, den ich las, steht für diese Jahre kein Ostfalen-Wort; es ist von „den östlichen Sachsen“ die Rede (784: Karl verwüstet ihre Felder). Die Capitulatio de partibus Saxoniae, die harte Strafen für Heiden vorsieht, wird traditionell auf 782 datiert, andere schlagen 785 vor, Yitzhak Hen hält sogar 795 für möglich. Datierung also offen.

783 bis 785. Nahezu ununterbrochene Kämpfe: Karl verwüstet nach der Übersetzung alles bis zur Weser und dann bis zur Elbe, die Sachsen sammeln sich an der Hase und bei Detmold. 784 und 785 gehören Widukinds Taufe und der Treueid; die Literatur schwankt zwischen 784 und 785, als Ort nennt man gewöhnlich Attigny, den ich nicht überprüft habe.

792 bis 804. Mehrere Aufstände, meist im Norden und Westen. Das Capitulare Saxonicum von 797, am 28. Oktober in Aachen datiert, mildert, so heißt es, einzelne Härten. 802/803 folgen die Lex Saxonum und die Einrichtung von Bistümern. 804 siedelt Karl, wie es überliefert ist, Sachsen aus Nordalbingien um; die Zahl 10.000 steht in der englischen Wikipedia und ist von mir nicht gegengeprüft.

Es fällt auf, wie selten die Ostfalen in dieser Chronik ausdrücklich vorkommen. Die Hauptlast der bekannten Kämpfe lag in Westfalen, im Weserraum und im Norden; ob der Osten ruhig war oder nur schlechter beschrieben ist, bleibt offen. Die Wikipedia nennt für 793 einen Aufstand mit ostfälischer Beteiligung; einen Beleg habe ich nicht gesehen.

Gesellschaft, Recht und Glaube: nur das Belegte

Das bekannteste Zeugnis zur sächsischen Gesellschaft stammt von Nithard, einem Enkel Karls des Großen, der 843 sein Geschichtswerk beendete. Er beschreibt die Sachsen als in drei Stände gegliedert, und den lateinischen Satz habe ich im Wortlaut gesehen (siehe Zitat): die edhelingi (Edelinge, Adel), die frilingi (Frilinge, Freie) und die lazzi (Lassen, Halbfreie oder Hörige). Nithard schreibt dazu „in ihrer Sprache“, er gibt also altsächsische Wörter wieder. Die Stelle steht im Zusammenhang mit dem Aufstand der Stellinga 841 bis 843, in dem Frilinge und Lassen sich gegen ihre Herren erhoben. Kaiser Lothar I. soll ihnen, im Kampf gegen seinen Bruder Ludwig den Deutschen, ihre alten Rechte zugesagt haben; Ludwig ließ die Anführer hinrichten. Was die Stellinga wollten, ist umstritten: Der ältere Blick sah einen Klassenkampf und eine Rückkehr zum Heidentum; die neuere Forschung (Rembold, in einer Zusammenfassung, die ich las) sieht eher Berufung auf altes Recht und Politik im Streit der Karolinger. Rembold vermutet sogar, die schroffe Dreiteilung sei erst eine Folge der Revolte. Das ist eine Position der Forschung, keine Tatsache. Dass der Aufstand speziell ostfälisch war, sagen meine Quellen nicht.

„… sunt enim inter illos, qui edhelingi, sunt qui frilingi, sunt qui lazzi illorum lingua dicuntur.“Nithard, Historiae IV,2 (Stellenzählung nach üblicher Angabe), lateinischer Satz so in einer Fußnote bei Ph. Heck, Übersetzungsprobleme im frühen Mittelalter, Tübingen 1931, gelesen; Schreibung der Standes-Namen nach Heck, andere Ausgaben schreiben abweichend; eigene Übersetzung: „Denn es gibt unter ihnen solche, die in ihrer Sprache Edhelinge heißen, solche, die Frilinge heißen, und solche, die Lassen heißen.“ Nithards Werk ist gemeinfrei; der Text wurde nicht in einer Edition geprüft

Zur Politik der Sachsen vor Karl gibt es eine eigene Quelle, die berühmte Versammlung von Marklo. Die Vita Lebuini (im 9. Jahrhundert verfasst; die genaue Datierung habe ich nicht geprüft) berichtet in der englischen Übersetzung von C. H. Talbot, die Sachsen hätten in alter Zeit keinen König gehabt, sondern Herrscher über jedes Dorf eingesetzt; einmal im Jahr hätten sie sich in der Mitte Sachsens an einem Fluss in Marklo versammelt, und zwar mit je zwölf Adligen aus jeder Ortschaft („village“ bei Talbot) und ebenso vielen Freien und Hörigen. Talbot schreibt „Yser“; gemeint ist nach der üblichen Deutung die Weser. Marklo liegt nach dieser Beschreibung mitten in Sachsen, wohl im Engerngebiet; den Ostfalen ist die Stelle nicht zuzuordnen, und der Text nennt sie nicht. Wie verlässlich die Beschreibung ist, wissen wir nicht, die Vita entstand mit Abstand und mit Interesse am Missionar. Zum Thema im Allgemeinen siehe auch Thing und Thingplätze.

Zur Religion der Ostfalen im Besonderen enthalten meine Quellen keine ausdrückliche Aussage. Für die Sachsen insgesamt gilt: 772 zerstört Karl nach der Literatur die Irminsul, ein Heiligtum unbekannter Gestalt im Raum der Eresburg, nicht bei den Ostfalen. Die Capitulatio de partibus Saxoniae (Datierung offen) bedroht Kirchenraub und die Verweigerung der Taufe mit dem Tod und verbietet Opfer an Bäumen und Quellen; das Capitulare von 797 mildert nach der Literatur einzelne dieser Bestimmungen. Das sind Gesetze, die Verbotenes beschreiben, und ihre Auslegung als Abbild der sächsischen Religion ist eine Schlussfolgerung. Die Quellen zur Hessi-Familie zeigen etwas anderes als Verbote: Ein führender Ostfale wird Christ, Graf und Gründer von Klöstern.

Archäologie und Siedlung

Die Archäologie kann die Ostfalen nicht als Gruppe fassen; sie findet Gräber, Siedlungen und Burgen, keine Stammesgrenzen. Ein gut dokumentiertes Beispiel ist das Gräberfeld von Gevensleben im Landkreis Helmstedt, 2016 bei Bauarbeiten entdeckt. Die Universität Göttingen berichtet von einer zweiwöchigen Grabung auf etwa 400 Quadratmetern, bei der 54 Grabgruben mit 61 Bestattungen dokumentiert wurden, alle West-Ost-ausgerichtet, die Toten gestreckt in Rückenlage, in drei Belegungsphasen; man schätzt den ursprünglichen Bestand auf 150 bis 200 Bestattungen. Die meisten Gräber waren einfache Erdgräber ohne Beigaben. In einem Grab lag eine Frau von 40 bis 50 Jahren mit Eisenmesser, 18 Glasperlen und zwei silbernen Hakenohrringen, in einem anderen ein Mann mit Stabdorn, ein Gegenstand, den man als Rang- oder Amtszeichen deutet. Die vorläufige Datierung reicht vom 8. bis ins 10. Jahrhundert; es ist ein frühchristlicher Friedhof, der in die Zeit der Christianisierung fällt. Als weiteres Beispiel nennt die Göttinger Seite Werlaburgdorf. Mehr kann ich über die Befunde nicht sagen, da ich die Berichte nicht eingesehen habe.

Zu den Burgen: Die Pfalz Werla an der Oker nördlich von Schladen (Landkreis Wolfenbüttel) war nach der Beschreibung der Burgenwelt ein befestigter Wirtschaftshof des 9. Jahrhunderts, der zu Beginn des 10. Jahrhunderts zur Pfalz ausgebaut wurde; zwischen 924 und 1013 sind 14 Königsaufenthalte belegt, 1180 kam Friedrich Barbarossa zum letzten Mal. Das gehört bereits in die Ottonenzeit, nicht in die der Sachsenkriege. Für Hildesheim nennt eine niedersächsische Stadtgeschichte Spuren einer Kapelle aus dem letzten Drittel des 8. Jahrhunderts im Domgebiet. Die Ortsnamen auf -leben, -büttel und -rode gelten als Kennzeichen der Region, kommen aber auch anderswo vor; eine Gleichung mit einem Stamm wäre eine Vermutung.

Kirche: Halberstadt und Hildesheim

Die kirchliche Ordnung Ostfalens beginnt mit zwei Bistümern. Die Tradition lässt Karl 804 in Seligenstadt, dem heutigen Osterwieck, ein Missionsbistum gründen, dessen Sitz später nach Halberstadt verlegt wurde; Ludwig der Fromme bestätigte die Verlegung in einer Urkunde von 814. Der erste Bischof, Hildegrim, wird in den Bischofslisten von 804 bis 827 geführt, was die Unsicherheit der Daten zeigt. Hildesheim geht auf ein Bistum in Elze zurück, das Ludwig „wahrscheinlich im Jahr 815“ nach Hildesheim verlegte. Die Legende vom blühenden Rosenstock, den Ludwig auf der Jagd gefunden haben soll, ist eine spätere Überlieferung. Der erste sicher datierbare Bischof ist Ebo (845); ein Gunthar als Gründungsbischof erscheint nur in einer Quelle nach 1079. Die Oker bildete die Grenze der beiden Sprengel.

Regional-Hook Rheinland: Aachen und die Sachsen

Für Aachen und das Rheinland gibt es einen belegten, wenn auch mittelbaren Bezug. Karl baute die Aachener Pfalz ab 794 und hielt sich dort, so die Darstellung in der Wikipedia, nach 806 fast durchgehend auf; von dort ließ sich Sachsen leichter beobachten. Das Capitulare Saxonicum, das Westfalen, Engern und Ostfalen eigene Rollen zuwies, ist nach den Angaben des Kölner Projekts Capitularia auf den 28. Oktober 797 in Aachen datiert. Ein Ostfale in Aachen, ein ostfälischer Geisel oder Siedler im Rheinland ist in meinen Quellen nicht belegt; für Alsdorf und die Städteregion gilt: kein belegter Bezug zu den Ostfalen, außer der Verwaltung, die vom Aachener Hof ausging. Die Umsiedlung von Sachsen im Jahr 804 betraf nach der Literatur Nordalbingier, nicht Ostfalen.

Nachleben: Ottonen, Sachsenspiegel, eine verlorene Landschaft

Aus Ostfalen kam das Haus, das im zehnten Jahrhundert das Reich regierte. Liudolf († 866), von späteren Autoren „dux Orientalis Saxonum“ genannt (ein späterer Titel, kein zeitgenössischer), hatte seinen Besitz am Westharz und an der Leine; um 852 gründete er mit seiner Frau das Stift Brunshausen, das 881 zum Stift Gandersheim wurde. Seine Nachkommen, die Liudolfinger oder Ottonen, stellten ab 919 mit Heinrich I. die Könige.

Der Sachsenspiegel ist das älteste größere Rechtsbuch in deutscher Prosa. Sein Verfasser Eike von Repgow stammte aus der ostfälischen Ritterschaft; die Familie saß in Reppichau südlich von Magdeburg, im Gau Serimunt. Auf Bitte des Grafen Hoyer von Falkenstein übertrug Eike zwischen 1220 und 1233 sein lateinisches Werk ins Mittelniederdeutsche; die lateinische Fassung des Landrechts ist verloren. Wie der Text selbst den Namen Ostfalen verwendet, habe ich nicht geprüft.

Nach der Reichsacht über Heinrich den Löwen 1180 zerfiel das Gebiet in kleinere Herrschaften, 1235 entstand das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg. Das Ostfalen-Bewusstsein ging weitgehend verloren. Das Wort lebte in der Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts als „ostfälisch“ wieder auf. Seit 1990 taucht es wieder auf: als Firmenname, 1995 in einem Gliederungsvorschlag für Bundesländer, 2009 als Hochschulname „Ostfalia“.

Was gesichert ist

  • Die Reichsannalen berichten zu 775, dass die sächsischen „Austreleudi“ mit Hessi, die Engern mit Bruno und die Westfalen mit Geiseln vor Karl standen (englische Übersetzung gelesen); das Wort „Ostfalai“ steht erst in der nach 814 überarbeiteten Fassung.
  • Die Dreiteilung Westfalen, Engern, Ostfalen erscheint zuerst 775 in den Reichsannalen und wird im Capitulare Saxonicum (Aachen, 28. Oktober 797) und in der Lex Saxonum rechtlich verwendet (über Zusammenfassungen).
  • Nithard nennt die drei sächsischen Stände edhelingi, frilingi und lazzi in ihrer Sprache.
  • Hessi gehört zu den wenigen namentlich bekannten Sachsen der Zeit; seine Familie wird in der Vita Liutbirgae und im Fuldaer Totenbuch erwähnt (über die Wikipedia).
  • Bistümer in Ostfalen: Halberstadt (Tradition: 804) und Hildesheim (wahrscheinlich 815, aus Elze).
  • Gevensleben: 54 Grabgruben, 61 Bestattungen, vorläufig 8. bis 10. Jahrhundert.

Mythos-Check

  • „Die Ostfalen sind 775 zum ersten Mal erwähnt.“ Die Reichsannalen von um 790 sagen „Austreleudi“; „Ostfalai“ ist eine Wortform der Bearbeitung nach 814.
  • „Es gab einen ostfälischen Stamm.“ Die Dreiteilung ist ein Raster der Karolingerzeit; ob sie vorher bestand, ist offen, und Becher vermutet eine Gruppenbildung unter fränkischem Druck.
  • „Hessi stand für alle Ostfalen.“ Die Annalen sagen „alle“; ob er mehr als seinen Gau vertrat, ist in der Forschung umstritten.
  • „Der Stellinga-Aufstand war ein ostfälischer Aufstand.“ Meine Quellen sagen es nicht.
  • „Ostfalen ist Ostwestfalen.“ Ostwestfalen lag im alten Engern.

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