Wikinger Blog / Funde & Schätze
Aus dem Wissensarchiv

Der Mørstad-Schatz: über 5.000 Silbermünzen aus der Zeit Harald Hardrådes

Funde & Schätze Der Mørstad-Schatz: über 5.000 Silbermünzen aus der Zeit Harald Hardrådes

Der Mørstad-Schatz ist der größte Münzschatz der Wikingerzeit, der je in Norwegen gefunden wurde: Am 10. April 2026 stießen zwei Sondengänger auf einem Acker an der Glomma bei Rena in Østerdalen auf die ersten Silbermünzen, und die Detektoren hörten nicht mehr auf zu piepen. Anfang Oktober 2026 zählten die Archäologen rund 5.200 Münzen, und die Grabung ist noch nicht beendet. Wir erzählen, was gefunden wurde, was die Münzen verraten und welche Fragen offen sind.

Silberschatz der Wikingerzeit aus Teisen in Oslo mit Armringen, Hacksilber und Münzen
Zum Vergleich: der Silberschatz von Teisen (Oslo), niedergelegt nach 919 – Armringe, Barren, Hacksilber und Münzen, darunter arabische Dirham. Kulturhistorisk museum, Oslo. Foto: Wolfmann, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons. Vom Mørstad-Schatz selbst gibt es bisher keine frei lizenzierten Bilder.

Ein Acker, zwei Sondengänger und ein Anruf

Der Fundort liegt auf dem Hof Mørstad in der Gemeinde Åmot, Provinz Innlandet, in einem Feld nahe dem Fluss Glomma. Mit Metalldetektoren war dort vorher niemand unterwegs gewesen. Die beiden Sondengänger Rune Sætre und Vegard Sørlie hatten den Grundbesitzer um Erlaubnis gefragt, und das ist in diesem Fall eine kleine Pointe für sich: Das Feld gehört Ole Erik Hørstad, dem Bürgermeister von Åmot. Am 10. April 2026 stießen die beiden auf die ersten Münzen. Nach neunzehn Stück hörten sie auf zu suchen und riefen die Archäologen der Provinzverwaltung an. Genau so, wie es sein soll.

Schon am nächsten Tag stand ein Team auf dem Acker, und nach dem ersten Grabungstag lagen rund siebzig Münzen auf dem Tisch. „Die Detektoren haben einfach nicht aufgehört zu piepen“, berichtete die Archäologin May-Tove Smiseth von Innlandet fylkeskommune, zuständig für Metallsondenfunde. Sie hatte anfangs geschätzt, es würden höchstens 500 Münzen werden. Sie lobte die Finder ausdrücklich: Sie hätten sofort Bescheid gegeben und sich buchstabengetreu an die Regeln gehalten. Öffentlich gemacht wurde der Fund erst Ende April, nachdem das Feld gesichert war. Bis dahin waren die meisten Münzen schon auf dem Weg ins Kulturhistorische Museum in Oslo.

Warum das so wichtig ist: In Norwegen gehören bewegliche Funde, die älter als 1537 sind, und Münzen, die älter als 1650 sind, nach dem Kulturdenkmalgesetz dem Staat. Wer so einen Fund meldet, kann einen Finderlohn bekommen. Wer ihn verschweigt oder selbst ausgräbt, zerstört dagegen genau das, was ein Archäologe am dringendsten braucht: die Lage der Münzen im Boden. Erst sie erzählt, ob ein Schatz in einem Beutel lag, verstreut wurde oder nach und nach zusammenkam.

Wie der Schatz wuchs

Die Zahlen der folgenden Monate lesen sich wie ein Fortsetzungsroman. An guten Tagen kamen rund 200 Münzen aus der Erde. Ende April waren es 2.970, am 1. Mai 3.274, eine Woche später über 4.000. Münze Nummer 4.000 war ein dänischer Pfennig Hardeknuds, des Sohnes Knuts des Großen, vermutlich um 1030 bis 1035 in Lund geprägt. Mitte Mai stand der Zähler bei 4.772, bis zum Frühsommer bei 4.886.

Dann wurde es still. Grabung und Bodenradar hatten nichts Neues mehr ergeben, und Grundbesitzer Hørstad säte sein Getreide. Nach der Ernte kehrten die Sondengänger zurück, diesmal mit Bagger, denn die verbliebenen Signale kamen aus größerer Tiefe. Ende September hielten die Archäologen Münze Nummer 5.000 in der Hand, ausgerechnet einen Otto-Adelheid-Pfennig, einen der häufigsten Typen im ganzen Schatz. Am 1. Oktober 2026 lag der Zählerstand bei rund 5.200. Smiseth hält nach einem Bericht vom 5. Oktober sogar mehr als 6.000 Münzen für möglich. Das ist eine Schätzung, kein Zählergebnis.

Zum Vergleich: In Norwegen kannte man bisher Münzschätze der Wikingerzeit mit etwa 2.000 Münzen, aber keinen mit mehr als 3.000. Mørstad ist größer als die nächsten vier norwegischen Funde zusammen. Svein Harald Gullbekk, Professor für Numismatik am Kulturhistorischen Museum in Oslo, nannte den Fund deshalb „wirklich außergewöhnlich“. Der größte Silberschatz der Wikingerzeit überhaupt ist er nicht: Auf Gotland kam 1999 der Spillings-Schatz mit über 14.000 Münzen zutage, überwiegend arabische Dirham. Für Norwegen aber ist Mørstad ein Rekord.

Neben den Münzen fanden sich auch einige kleine Stücke Hacksilber. Die Münzen lagen nicht in einem Gefäß. Vermutlich steckten sie in einem Lederbeutel oder einem anderen Behälter aus organischem Material, der im Boden vergangen ist. Der Pflug hat den Inhalt dann über den Acker verteilt, nach Smiseths Einschätzung allerdings erst seit etwa einem Jahrzehnt, nicht seit Jahrhunderten.

Wie man einen zerpflügten Schatz ausgräbt

Ein Schatz, der im Pflughorizont liegt, ist für Archäologen Fluch und Glück zugleich. Fluch, weil der ursprüngliche Zusammenhang gestört ist. Glück, weil jede einzelne Münze noch eine Information trägt: ihre Position. Deshalb wurde in Mørstad keine Münze einfach eingesammelt. Jedes Stück wurde mit Wasser abgespült, in einen eigenen Beutel gesteckt und mit seinen exakten Koordinaten beschriftet. Aus Hunderten solcher Punkte ergab sich schnell eine deutliche Konzentration im Feld, und die bestimmte, wo gegraben wurde.

Dort trug das Team den Oberboden vorsichtig in Rastern ab, also in vermessenen Quadraten, und untersuchte sowohl die gelockerte Erde als auch den sandigen Untergrund darunter. Einen Behälter oder eine Holzkonstruktion fand es nicht. Das Norwegische Institut für Kulturerbeforschung (NIKU) untersuchte das Feld mit Bodenradar, einem Verfahren, das mit Radiowellen Störungen im Untergrund sichtbar macht, ohne einen Spaten anzusetzen. Ergebnis: keine Gebäude, keine Gruben, keine anderen Strukturen aus dieser Zeit.

Der Boden selbst ist ein Glücksfall. Er enthält kaum Steine, und das dürfte erklären, warum die Münzen so gut erhalten sind. Viele glänzen, nur wenige sind schwarz oxidiert. Smiseth meinte, manche sähen „fast wie frisch geprägt“ aus. Die Münzen sind außerdem ganz, nicht zerschnitten oder zerhackt. Das spricht dafür, dass sie als Geld umliefen und nicht als Rohsilber.

Woher die Münzen kommen

Der Schatz ist ein Querschnitt durch das Geld Nordeuropas in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Mehr als 95 Prozent der Münzen stammen aus Königreichen auf dem Gebiet des heutigen England und Deutschland. Dazu kommen dänische, schwedische, böhmische, irische und norwegische Prägungen und nach dem Norwegischen Lexikon (Store norske leksikon) auch ein paar islamische Dirham.

Ein typischer Vertreter der deutschen Gruppe ist der Otto-Adelheid-Pfennig. Er trägt die Namen Kaiser Ottos III. und seiner Großmutter Adelheid, wurde ab den 980er Jahren im Harzraum geprägt und blieb bis um die Mitte des 11. Jahrhunderts im Bild nahezu unverändert. Auf der einen Seite ein Kreuz, auf der anderen ein stilisiertes Kirchengebäude.

Auf den englischen Münzen begegnen bekannte Namen. Æthelred II., unter dem die Dänen riesige Summen an Danegeld erpressten; eine Münze zeigt ihn im Profil mit der Umschrift „Ethelred“. Knut der Große, der England, Dänemark und Norwegen zeitweise in einer Hand hielt. Und einige englische Münzen tragen die Namen ihrer Münzmeister, die verdächtig nordisch klingen: Beorn, Aslac, Cetil. Die Numismatikerin Anne Skogsfjord, die den Schatz katalogisiert, hat sie identifiziert. In den Münzstätten Englands arbeiteten damals offenbar auch Männer skandinavischer Herkunft.

Wie viele Münzen genau aus welcher Münzstätte und von welchem Typ stammen, ist noch nicht veröffentlicht. Englische Münzen der Zeit wechselten ihr Bild etwa alle sechs Jahre, weshalb Fachleute sie oft recht genau datieren können. Diese Feinanalyse kommt erst mit dem Katalog. Eine Münze zeigt übrigens Spuren einer Aufhängung: Irgendwer hat sie eine Zeit lang als Schmuck getragen, bevor sie wieder Geld wurde.

Die ältesten Münzen wurden um 975 bis 980 geprägt, die jüngsten um 1050. Wann genau der Schatz in den Boden kam, verraten aber nicht die ältesten, sondern die jüngsten Stücke.

Vier Münzen, die alles datieren

Unter den Tausenden Münzen sind vier besonders unscheinbare. Es sind frühe Prägungen Harald Hardrådes, des Königs, der 1066 bei Stamford Bridge fiel. Harald wurde 1046 Mitkönig in Norwegen und regierte ab 1047 allein. Seine Münzen können also frühestens in diesen Jahren entstanden sein. Damit steht fest: Der Schatz wurde nach 1046/47 vergraben, wahrscheinlich nicht lange danach. Gullbekk betont selbst, dass sich das ändern kann, falls noch jüngere Münzen auftauchen.

Wie erkennt man eine frühe Harald-Münze? An Umschrift, Stil und Silbergehalt. Die ersten Prägungen enthielten noch deutlich mehr Silber als die späteren. Von dieser frühesten Gruppe kannte man vor Mørstad nur etwa 15 bis 20 Exemplare, von den späteren Varianten rund 250. Es sind außerdem die ersten Münzen Harald Hardrådes, die überhaupt in Østerdalen gefunden wurden; bisherige Funde stammen aus Westnorwegen und dem Oslofjord-Gebiet.

Die meisten seiner Münzen wurden vermutlich in Trondheim geprägt, ein Teil in Hamar. Einige nennen ihren Prägeort. Sie zeigen eine Triquetra und ein Kreuz, ein schönes Beispiel dafür, wie selbstverständlich alte Zeichen und christliche Symbolik zu dieser Zeit nebeneinander stehen; auf den Münzen wird die Triquetra als Zeichen der Dreifaltigkeit gelesen. Was es mit der Triquetra sonst auf sich hat, erklären wir in einem eigenen Beitrag.

„Hier sehen wir den Beginn einer radikalen Veränderung der Zahlungsmittel in Norwegen.“Jon Anders Risvaag, NTNU, über die Münzen von Mørstad (übersetzt)

Haralds Münzpolitik: weniger Silber, mehr Macht

Harald hatte vor seiner Königszeit viele Jahre im Dienst des byzantinischen Kaisers gestanden. Gullbekk und Risvaag sehen darin eine Inspiration für das, was er in Norwegen aufzog: ein Münzwesen, das der König kontrolliert. Vor Harald waren alle Münzen im Land ausländisch. Der erste in Norwegen geprägte Silberpfennig stammt zwar von Olaf Tryggvason, geschlagen zwischen 995 und 998 in Nidaros, aber kein einziges Exemplar wurde bisher in Norwegen gefunden, nur in Schweden, Dänemark und Deutschland.

Haralds Pfennig wog rund 0,90 Gramm, ein 240stel der alten norwegischen Mark von etwa 214 Gramm. Geprägt wurde in Nidarnes, dem heutigen Trondheim, und in Hamar. Das eigentlich Revolutionäre aber war der Silbergehalt. Nach den Angaben des Münzkabinetts der Universität Oslo begann er beim internationalen Standard von etwa 90 Prozent und sank im Lauf der Regierung planmäßig auf durchschnittlich gut 30 Prozent. Der Rest war Kupfer.

Das funktionierte nur, wenn die Leute akzeptierten, dass eine Münze so viel wert war, wie der König sagte, und nicht so viel, wie ihr Silber wog. Risvaag beschreibt genau diesen Sprung: vom Silberwert zum Nennwert. Die späteren Trondheimer Münzen wurden nicht mehr auf ihren Silbergehalt geprüft. Abgesehen von Byzanz war Norwegen damit das erste Land in Nordeuropa mit silberarmen Münzen; der Rest des Kontinents folgte erst um 1100.

Begeisterung löste das nicht überall aus. In der Morkinskinna, einer isländischen Königssaga des 13. Jahrhunderts, weist der Isländer Halldór Snorrason, ein Mann aus Haralds Gefolge, seinen Sold in diesen Münzen zurück und wirft sie weg. Das ist späte Überlieferung, aber sie trifft den Nerv der Sache. Die Münzfunde zeigen trotzdem: Haralds Geld wurde im ganzen Land benutzt und gehortet. Bei seinem Tod 1066 waren etwa zwei Drittel der umlaufenden Münzen norwegisch. Seine Söhne Magnus Haraldsson und Olav Kyrre vollendeten das Projekt, und Olav Kyrre zog fast alle ausländischen Münzen und auch die seines Vaters aus dem Verkehr.

Vom Wiegen zum Zählen

Um zu verstehen, warum Numismatiker bei diesem Fund ins Schwärmen geraten, muss man wissen, wie Wikinger bezahlten. Über weite Teile der Wikingerzeit war Silber im Norden eine Ware, die man wog. Münzen, Armringe und Barren wurden zerhackt und auf kleinen Klappwaagen mit genormten Gewichten abgewogen. Ob eine Münze aus Bagdad oder aus London stammte, war dabei egal. Es zählte das Gewicht. Mehr dazu in unserem Beitrag über Silberhorte.

Im 11. Jahrhundert begann sich das zu ändern. Der Mørstad-Schatz steht genau an dieser Schwelle: wenig Hacksilber, sehr viele ganze Münzen, darunter die ersten des norwegischen Königs. Gullbekk formulierte es so: Das sei die Geburt des Geldwesens, das wir heute haben.

Wie schnell der Wandel ging, zeigt ein Blick auf einen anderen norwegischen Schatz, den von Gresli in Tydal (Trøndelag). Nach der Fundaufstellung des Münzkabinetts besteht er aus 2.209 norwegischen Pfennigen, 38 deutschen, je zwei dänischen und angelsächsischen Nachahmungen sowie zwei unbestimmten Stücken. Die jüngsten Münzen gehören in die Jahrzehnte um 1080 bis 1095. Wenige Jahrzehnte nach Mørstad hat sich das Bild also völlig gedreht: Dort fast nur Fremdgeld, in Gresli fast nur einheimisches.

Auch die Rangliste der größten norwegischen Münzschätze der Wikingerzeit erzählt diese Geschichte. Nach Mørstad folgen Årstad bei Egersund (gefunden um 1836 bis 1843, 1.849 Münzen, vergraben nach 1029), Dronningens gate in Trondheim (1950, etwa 964 Münzen, nach 1035), Foldøy bei Jelsa (1907, 776 Münzen, nach 1051) und Slethei in Sola (1866, 587 Münzen, nach 1018). Der Trondheimer Fund lag übrigens eine Nacht unbewacht, Passanten bedienten sich, und nur 69 Münzen kamen über eine Amnestie zurück. Risvaag vermutet, dass er ursprünglich größer war. So viel zum Thema „richtig melden“.

Auf Gotland dagegen sind die älteren Schätze voller arabischer Dirham, die über die Flüsse Osteuropas kamen. Der Spillings-Schatz wurde nach 870 vergraben, fast zwei Jahrhunderte vor Mørstad. Mehr dazu bei den Gotländern. Mørstad gehört in eine spätere Welt, die englisches und deutsches Silber prägte.

Eisen aus Østerdalen

Bleibt die Frage, warum ausgerechnet in Østerdalen, fernab der Küsten und der großen Handelsplätze, so viel Silber lag. Die überzeugendste Antwort ist Eisen. Kjetil Loftsgarden, Archäologe am Kulturhistorischen Museum und Projektleiter der Grabung, sagt, der Schatz gebe ein eindrucksvolles Bild des Wohlstands, den die Eisenproduktion schuf. Der Bauer von Mørstad habe vermutlich selbst Eisen hergestellt.

Die Belege dafür liegen buchstäblich nebenan. Ebenfalls in der Gemeinde Åmot untersuchte das Kulturhistorische Museum zwischen 2003 und 2007 im Gråfjell-Gebiet, dem heutigen Truppenübungsplatz Regionfelt Østlandet, eine ganze Landschaft der Eisengewinnung. Registriert wurden 109 Plätze der Eisenherstellung, 39 davon wurden ausgegraben, dazu Hunderte Kohlegruben und Röstplätze. Die meisten ausgegrabenen Anlagen stammen aus der Zeit von etwa 950 bis 1300. Verhüttet wurde Raseneisenerz, also Eisen, das sich in Mooren und Sümpfen abgelagert hatte. Manche Plätze dieser Hedmark-Tradition hinterließen über 80 Tonnen Schlacke.

Loftsgarden rechnet mit etwa zwei bis vier Tonnen Eisen pro Anlage und mit Tausenden solcher Anlagen, betrieben von spezialisierten Bauern im ganzen Binnenland. Die Mitte des 11. Jahrhunderts war in Europa eine Zeit des Wachstums: mehr Menschen, neue Städte, aufstrebende Kirche und Königsmacht. Eisen war gefragt. Dänemark etwa hatte keine eigene Produktion und importierte Eisen, teilweise aus Norwegen.

Das Silber wäre dann nicht auf Plünderfahrten erbeutet, sondern mit Eisen verdient worden. Das passt zu einem Bild, das wir auch an anderen Stellen sehen: Die meisten Skandinavier der Wikingerzeit waren Bauern, Handwerker und Händler, keine Plünderer. Wie dieser Alltag aussah, haben wir in Wie die Wikinger wirklich lebten beschrieben.

Was die Münzen über Handelswege verraten

Gullbekk nennt den Schatz ein Zeugnis für Zahlungen in großem Maßstab. Er verbindet Østerdalen mit einem internationalen Handelsnetz. Der Weg dorthin lässt sich zumindest grob nachzeichnen: Flüsse wie die Glomma waren in der Wikingerzeit wichtige Verkehrsadern, und auf ihnen ging Eisen nach Süden zur Küste und weiter ins eisenarme Dänemark. Zurück kam Silber.

Woher dieses Silber ursprünglich stammte, verraten die Münzbilder. Die englischen Stücke erinnern daran, dass in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts gewaltige Summen aus England nach Skandinavien flossen, als Danegeld, als Sold für die Krieger Knuts und als Handelsgewinn. Runensteine in Schweden erinnern an Männer, die in England Geld „nahmen“; davon erzählt unser Beitrag über die Englandfahrer. Das deutsche Silber kam über die Handelsplätze an Nord- und Ostsee in den Norden.

Wichtig ist, was wir nicht wissen: Ob die Münzen in Mørstad über viele Jahre in kleinen Beträgen zusammenkamen oder in wenigen großen Zahlungen, wird erst die Auswertung der Typen und Prägedaten zeigen. Einen größeren Überblick über die Wege des Nordens gibt unser Artikel zum Handel der Wikinger.

Wem gehörte das Silber?

Das ist die große offene Frage, und die Reichsantiquarin Hanna Geiran stellte sie öffentlich: Warum wurde der Schatz gerade hier bei Rena niedergelegt, und wer hat ihn vergraben? Sie fragte sogar, ob Harald Hardråde selbst etwas damit zu tun haben könnte. Eine sichere Antwort gibt es nicht. Hier die bisherigen Deutungen.

Ersparnisse einer Familie. Gullbekk hält es für möglich, dass hier das Vermögen eines Hofes lag, eine Art Schließfach im Boden. Schriftliche Preise aus dieser Zeit gibt es im Norden nicht. Er verglich die Summe deshalb mit Grundstücksgeschäften aus dem 13. und 14. Jahrhundert und kam zu dem Schluss, dass man dafür vielleicht einen ganzen Hof hätte kaufen können. Ein Vergleich über zwei Jahrhunderte, also nur ein grober Anhaltspunkt.

Ein Versteck im Fluss. Knut Paasche vom NIKU vermutet, dass der Schatz bewusst fern von jedem Wohnhaus versteckt wurde, denn ein Haus ist der erste Ort, an dem Diebe suchen. Sein Kollege Lars Gustavsen hat untersucht, wie sich der Flusslauf über die Zeit verändert hat. Paasche hält es für möglich, dass die Stelle damals auf einer Insel oder Erhebung im Fluss lag. Ein gutes Versteck. Ob der Besitzer sein Geld vor einer konkreten Bedrohung retten wollte, lässt sich nicht belegen.

Versteck oder Opfer? Ob jemand sein Geld in unsicheren Zeiten versteckte und nicht mehr zurückkam oder ob der Schatz bewusst als Gabe niedergelegt wurde, lässt sich derzeit nicht entscheiden. Das Store norske leksikon hält eine Hinterlegung, die man wieder holen wollte, für wahrscheinlich. Loftsgarden brachte es trocken auf den Punkt: Man vergesse nicht, wo man fast 5.000 Silbermünzen vergraben habe. Irgendetwas Dramatisches muss also dazwischengekommen sein. Was, wissen wir nicht.

Finderlohn: Was die Sondengänger bekommen

Die Münzen gehören dem norwegischen Staat. Das regelt Paragraf 12 des Kulturdenkmalgesetzes von 1978. Paragraf 13 sieht einen Finderlohn vor. Über die Höhe entscheidet die Reichsantiquarin (Riksantikvaren) auf Empfehlung des zuständigen Museums, endgültig und ohne Widerspruchsmöglichkeit.

Bei Gold und Silber gibt es eine klare Untergrenze: mindestens den Metallwert nach Gewicht plus wenigstens zehn Prozent. Dazu kommen Zuschläge für Seltenheit, Erhaltung und vor allem für das Verhalten der Finder. Wer sofort meldet, aufhört zu graben und die Fundstelle unberührt lässt, kann mehr bekommen. Wer weitergräbt, riskiert Abzüge bis zum Verlust des Anspruchs. Finden Archäologen bei der folgenden Untersuchung weitere Stücke, wird der gesamte Fund bewertet, und der Lohn geht an den ersten Finder. Normalerweise teilen sich Finder und Grundbesitzer die Summe zur Hälfte. Steuerpflichtig ist der Finderlohn auch. Wie hoch der Lohn für Mørstad ausfällt, ist bisher nicht bekannt.

Wie es weitergeht

Gullbekk rechnet damit, dass die Fundstelle noch einige Saisons untersucht wird. Allein das Bestimmen und Katalogisieren der Münzen wird mindestens ein Jahr dauern. Jede Münze wird bestimmt, konserviert, fotografiert und in die Museumsdatenbank eingetragen. Das norwegische Klima- und Umweltministerium, in Norwegen für das Kulturerbe zuständig, hat 1,2 Millionen Kronen für Grabung und Radaruntersuchungen bereitgestellt. Die Münzen liegen im Münzkabinett des Kulturhistorischen Museums in Oslo, und das Museum hat eine öffentliche Ausstellung angekündigt.

Offene Fragen

Was wir als Leser jetzt im Blick behalten: Wie viele Münzen werden es am Ende? Welche Münzstätten und Typen stecken genau im Schatz, und wie verteilen sie sich zeitlich? Gibt es weitere norwegische Prägungen, die das Datum 1046/47 verschieben? Und lässt sich der Flusslauf um 1050 so genau rekonstruieren, dass die Insel-Hypothese hält? Antworten liefert erst der Katalog. Wir aktualisieren diesen Beitrag, sobald er erscheint.

Für uns ist der Mørstad-Schatz ein Lehrstück in mehrfacher Hinsicht. Er zeigt, wie viel ein einziger verantwortungsvoller Anruf wert ist. Er zeigt, wie eng Norwegen um 1050 mit England, dem Reich und dem Osten verbunden war. Und er erinnert daran, dass hinter jedem Schatz ein Mensch steht, der ihn in die Erde legte und nicht wiederkam.

Mythos-Check: In manchen Schlagzeilen hieß es, der Schatz sei „wahrscheinlich der größte der Geschichte“. Das stimmt nicht. Er ist der größte bekannte Münzschatz der Wikingerzeit in Norwegen. Der Spillings-Schatz auf Gotland ist mit über 14.000 Münzen deutlich größer. Ebenso wenig belegt ist die Vorstellung, hier liege Raubgut von Plünderfahrten. Die Fachleute sehen die Quelle des Wohlstands eher im Eisen.

Häufige Fragen

Wie viele Münzen hat der Mørstad-Schatz? Am 1. Oktober 2026 waren es rund 5.200 Silbermünzen, dazu einige Stücke Hacksilber. Die Grabung läuft weiter, und die zuständige Archäologin hält mehr als 6.000 für möglich.

Wo wurde der Mørstad-Schatz gefunden? Auf einem Acker des Hofes Mørstad bei Rena in der Gemeinde Åmot, Provinz Innlandet, nahe der Glomma in Østerdalen.

Wie alt ist der Mørstad-Schatz? Die Münzen wurden zwischen etwa 975 und 1050 geprägt. Vier frühe Münzen Harald Hardrådes zeigen, dass der Schatz nach 1046/47 vergraben wurde.

Ist der Mørstad-Schatz der größte Wikingerschatz der Welt? Nein. Er ist der größte Münzschatz der Wikingerzeit in Norwegen. Der Spillings-Schatz auf Gotland enthält über 14.000 Münzen.

Bekommen die Finder in Norwegen Geld? Ja, ein Finderlohn ist möglich. Bei Silber beträgt er mindestens den Metallwert plus zehn Prozent und wird normalerweise zwischen Finder und Grundbesitzer geteilt.

Kann man den Mørstad-Schatz sehen? Noch nicht. Die Münzen werden im Kulturhistorischen Museum in Oslo bearbeitet, das eine Ausstellung angekündigt hat.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: nordische Motive auf Naturschiefer, lasergraviert – Geschichte, die bleibt. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Harald Hardrada · Die Silberhorte · Hacksilber – Silber als Währung · Der Spillings-Schatz · Knut der Große · Handel der Wikinger.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus der Geschichte & Funde

Alle Geschichte & Funde-Artikel →

Das geopferte Heer im Moor

Wer siegte, behielt die Beute nicht immer. In der römischen Kaiserzeit versenkten germanische Sieger die gesamte …

Weiterlesen →

Die Moriner: Am äußersten Rand Galliens

Weiterlesen →

Musterschweißung – das Geheimnis der gemusterten Klingen

Wer eine gut erhaltene Klinge aus der Völkerwanderungs- oder Wikingerzeit im richtigen Licht sieht, entdeckt etwas …

Weiterlesen →

Die Naharvalen: Hüter der göttlichen Zwillinge

Weiterlesen →