Oleg, in der Nestorchronik der Fürst, der 882 Kiew einnimmt, 907 vor Konstantinopel zieht und 912 an einem Schlangenbiss stirbt, ist die erste Gestalt der Rus, die sich aus der Chronik heraus in Umrissen fassen lässt, und zugleich eine der am wenigsten gesicherten. Seine Geschichte wurde rund zwei Jahrhunderte nach den Ereignissen aufgeschrieben, in einer Chronologie, die selbst Rechenfehler enthält. Dieser Beitrag trennt, was Archäologie, ein Vertragstext und fremde Quellen stützen, von dem, was die Chronik erzählt, und von dem, was Dichter und Volkserzählung daraus gemacht haben.
Wer von Oleg spricht, spricht von zwei Namensformen. Oleg ist die ostslawische Gestalt des altnordischen Helgi, das sich zu helgr, „heilig“, stellt. Igor geht auf Ingvarr zurück, Olga auf Helga. Dass die frühen Fürsten der Rus nordische Namen trugen und slawische Namen erst mit Swjatoslaw im 10. Jahrhundert auftauchen, gilt als Hinweis auf die Herkunft der Führungsschicht. Über Olegs Leben sagt es nichts.
Der Beiname ist ein eigenes Problem. Die Forschungsliteratur nennt als Beinamen Vešč'ij (in den Seiten, die ich für diesen Beitrag lesen konnte, kommt er allerdings nicht vor). Das Wort bedeutet eher „der Kundige, der Weissagende“ als schlicht „der Weise“; im Deutschen und Englischen hat sich „der Weise“ eingebürgert. Nach der Chronik gaben die Leute ihm den Beinamen, nachdem er aus Byzanz zurückgekehrt war. Den Wortlaut dieser Stelle habe ich nicht selbst gelesen.
Wer war Oleg in der Erzählung? Ein Mann, der nach Ruriks Tod 879 die Herrschaft in Nowgorod übernimmt, weil Ruriks Sohn Igor noch ein Kind ist. Er wird als Verwandter Ruriks bezeichnet. Von Norden zieht er nach Süden, nimmt Smolensk, nimmt Kiew, unterwirft Stämme, zieht gegen Konstantinopel, schließt Verträge und stirbt. Die Vorgeschichte, die Berufung der Fürsten und die Frage, wer Rurik eigentlich war, behandelt der Beitrag zu Rurik. Hier geht es um den Mann, der in der Chronik zwischen Rurik und Igor steht, und um die Frage, wie viel von ihm sich außerhalb der Chronik greifen lässt. Die Antwort fällt knapp aus: sehr wenig.
Die Nestorchronik. Die Povest' vremennych let („Erzählung der vergangenen Jahre“, PVL) ist die Hauptquelle. Sie wurde in Kiew im frühen 12. Jahrhundert zusammengestellt; die Urfassung gilt als Werk der 1110er Jahre. Lange galt der Mönch Nestor als Verfasser. Das stützt sich allein auf die Chlebnikow-Handschrift und wird heute meist als spätere Einfügung betrachtet. Als wahrscheinlicherer Bearbeiter gilt Sylvester, Abt des Michaelsklosters in Wydubytschi, der 1116 eine Fassung zugunsten des Fürsten Wladimir Monomach herstellte; eine dritte Fassung zwei Jahre später stellte dessen Sohn Mstislaw in den Mittelpunkt. Die Erzählung endet 1117.
Erhalten ist die Chronik nicht im Original. Die wichtigsten Handschriften sind der Codex Laurentianus von 1377, ein Mönch Laurentius schrieb ihn für einen Fürsten Dmitri Konstantinowitsch ab, und der Codex Hypatianus aus der Zeit um 1425. Beide liegen mehr als drei Jahrhunderte nach Olegs Tod. Zwischen dem Geschehen und der Niederschrift liegen bei Olegs Tod 912 rund 200 Jahre, bei der Kiew-Episode von 882 gut 230. Die Lücke füllten mündliche Überlieferung, Heldenlieder (Bylinen), nordische Erzählstoffe, byzantinische Chroniken und, als einziges dokumentarisches Material, abgeschriebene Verträge mit Byzanz.
Die Jahreszahlen. Die PVL zählt nach der byzantinischen Weltära, also ab der angenommenen Erschaffung der Welt; 6390 entspricht 882. Die Forschung nimmt seit Alexei Schachmatow (1897) an, dass diese Jahre für das 9. und 10. Jahrhundert großenteils nachträglich in den Text gekommen sind, vermutlich im 11. Jahrhundert, sofern sie nicht aus der griechischen Chronik des Georgios Monachos (Hamartolos) stammen. Schon der Anfangspunkt ist verrutscht: Die Chronik setzt den Amtsantritt des Kaisers Michael III. auf 852, tatsächlich war es 842. Die Namen „882“, „907“ und „912“ sind darum Chronikjahre. Sie sagen, wo die Erzähler ein Ereignis einordneten, und nicht, wann es geschah.
Die Nowgoroder Erste Chronik. Sie bildet eine zweite Überlieferungslinie und weicht ab, und zwar an wichtigen Stellen. Nach ihr ist Oleg nicht mit Rurik verwandt, sondern ein skandinavischer Gefolgsfürst, der als Heerführer für den jungen Igor dient. Sie datiert seinen Tod auf 922 und nicht auf 912 und lässt ihn, nach „Übersee“ gegangen, in Ladoga bestattet sein, während die Kiewer Linie sein Grab in Kiew zeigt. Wer der Nowgoroder Fassung folgt, bekommt einen anderen Oleg.
Das Schechter-Schreiben. Ein hebräisches Fragment aus der Kairoer Geniza schildert einen Heerführer der Rus namens HLGW (Helgu), den ein chasarischer General namens Pesach bei Taman besiegt; danach greift er Konstantinopel an, scheitert, flieht nach „FRS“ (vorsichtig als Persien gedeutet) und stirbt dort. Kaiser Romanos I. (reg. 920 bis 944) habe den Angriff veranlasst. Wer den Text auf Oleg bezieht, setzt ihn nach 940, was mit den Chronikjahren nicht vereinbar ist. Der größte Teil des Blattes ist unlesbar; Shaul Stampfer hält es für unzuverlässig. Die Gleichsetzung von HLGW mit Oleg ist eine Möglichkeit, kein Befund.
Fremdquellen. Arabische Geografen kennen die Rus. Ibn Chordadhbeh beschreibt in seinem Wegebuch Händler, die Biber- und Schwarzfuchsfelle und Schwerter aus fernen Slawenländern zum „Griechischen Meer“ bringen, wo der Herrscher von Byzanz den Zehnten erhebt. Das Werk wird bald auf 846, bald auf etwa 870 mit einer zweiten Fassung um 885 datiert; welche Fassung welchen Satz enthält, konnte ich nicht klären. Es belegt Rus-Händler, bevor die Chronik Oleg nach Kiew schickt, und nennt weder ihn noch Kiew. Auch Ibn Fadlan, der 921/922 an der Wolga Rus-Händler beobachtet, erwähnt Oleg nicht. Eine byzantinische Erwähnung des Zuges von 907 ist mir nicht begegnet. Zu den Wegen siehe Waräger-Weg und Ibn Fadlan.
Eine Zeitleiste für Oleg braucht zwei Spalten, weil sich das Gesicherte und das Erzählte nicht in eine Reihe stellen lassen. Zuerst die Punkte, die durch Funde oder Quellen außerhalb der Chronik gestützt sind:
Und das, was nur die Chronik berichtet, in ihrer Abfolge. 879: Rurik stirbt, Oleg übernimmt, Igor ist klein. 881/882: Oleg zieht mit Warägern, Slawen und anderen Verbänden nach Süden, nimmt Smolensk und Ljubetsch und tötet bei Kiew Askold und Dir. 883: Tribut der Drewljanen. Danach löst er, wie die Chronik es erzählt, Sewerjanen und Radimitschen vom Tribut an die Chasaren (Einzelheiten und Jahre im Wortlaut nicht geprüft). 907: der Zug gegen Konstantinopel. 912: der Tod.
Kiew 882. Die Chronik erzählt die Eroberung als List. Askold und Dir, zwei Waräger, die nach der Erzählung von Rurik mit der Erlaubnis zum Zug nach Konstantinopel entlassen worden waren und in Kiew hängen blieben, herrschen dort über die Poljanen, die den Chasaren Tribut zahlen. Oleg zieht von Nowgorod herab, nimmt unterwegs Smolensk und Ljubetsch, versteckt seine Krieger in Booten am „Ungarischen Hügel“ vor der Stadt und schickt Boten, er sei ein Kaufmann auf dem Weg zu den Griechen. Er führt den kleinen Igor mit sich, als Sohn Ruriks. Als Askold und Dir ans Ufer kommen, springen die Männer aus den Booten. Oleg sagt den beiden, sie seien weder Fürsten noch von fürstlichem Geschlecht, er aber sei von fürstlicher Abkunft. Sie werden erschlagen und auf dem Hügel begraben. Oleg macht Kiew zu seinem Sitz.
Die Erzählung bringt ihre Moral mit: Der rechtmäßige Fürst nimmt die Stadt den Usurpatoren ab. Die Forschung hat mehrere Einwände. Die Chronik entstand gut 230 Jahre später. Der einzige fremde Zeuge, der arabische Geschichtsschreiber al-Masʿudi, nennt nur „al-Dir“; viele nehmen daher an, dass Dir nach Askold regierte und allein umkam. In der Nowgoroder Ersten Chronik handelt an der zentralen Stelle Igor, nicht Oleg. Omeljan Pritsak und Constantine Zuckerman haben zudem vorgeschlagen, dass Kiew bis in die 920er Jahre unter chasarischer Herrschaft stand, gestützt unter anderem auf das Schechter-Schreiben und den Kiewer Brief. Zuckerman rechnet außerdem mit einer fehlenden Generation zwischen Rurik und seinen dokumentierten Nachfolgern und lässt Igor nur von 941 bis 945 regieren; Pritsaks „verlorene Generation“ nannte er selbst „reine Spekulation“. Der Kiewer Oleg von 882 steht damit gegen eine Rus-Herrschaft in Kiew, die später und allmählich entstand. Beide Lesarten sind Rekonstruktionen aus dünnen Spuren und berufen sich auf dieselbe Chronik, die sie kritisieren.
Archäologisch ist das Bild nicht klarer. Pritsak hielt Kiew vor dem späten 9. oder frühen 10. Jahrhundert nicht für eine Stadt; dass die Chasaren dort im 8. und 9. Jahrhundert einen Stützpunkt hatten, ist eine Möglichkeit, gestützt auf die Chronik und den türkisch gedeuteten Namen einer Festung Sambat. Ein Fund, der „Oleg 882“ stützte oder widerlegte, ist mir nicht bekannt.
Regent oder Verwandter? Das Verhältnis zu Rurik und Igor ist die wunde Stelle der ganzen Erzählung. Die Kiewer Chronik macht Oleg zum Verwandten Ruriks, der den Sohn Igor übernimmt. Die Nowgoroder Fassung macht ihn zum Gefolgsfürsten und Heerführer. Der Vertragstext von 911 nennt Oleg an einer Stelle kъnjazja, „Fürst“; abgesehen von der Zeittafel am Anfang ist das die einzige Stelle, an der die Chronik ihm diesen Titel gibt. Weil der Vertrag nur in der PVL überliefert ist, hilft das nur bedingt. Zuckerman und Christian vermuten einen Machtkampf zwischen Olegs und Igors Anhängern, den Oleg verloren habe. Das ist eine Hypothese. Dass Oleg Rurik verwandt war, steht nur in der Chronik, die ein Interesse daran hatte, die Kiewer Fürsten auf einen einzigen Stammvater zurückzuführen.
Die Stämme. Die Chronik lässt Oleg Völker über Tribut einbinden. Die Drewljanen müssen 883 nach Kiew zahlen und sollen 907 mitgezogen sein. Dass die Stämme zuvor den Chasaren zahlten und nun dem Fürsten in Kiew, ist die Logik der Erzählung. Ob es diesen Tribut gab und wer ihn einzog, lässt sich nicht prüfen; Burgwälle und Gräberfelder der Stämme lassen sich keinem Zugriff Olegs zuordnen.
907: der Zug gegen Konstantinopel. Die PVL beschreibt unter dem Jahr 6415 (907) ein Heer aus Warägern, Slawen, Tschuden, Kriwitschen, Merja, Poljanen, Sewerjanen, Drewljanen, Radimitschen, Kroaten, Duleben und Tiwerzen, in 2000 Schiffen. Rechnet man mit vierzig Mann je Schiff, wie es eine Übersichtsdarstellung tut, kommt man auf 80.000 Mann, eine Größenordnung, die für das 10. Jahrhundert schon aus Gründen der Versorgung kaum zu halten ist. Zahlen dieser Art gelten in Chroniken häufig als Formeln.
Weiter erzählt die Chronik, die Griechen hätten sich in ihrer Stadt verschlossen. Oleg habe seinen Männern befohlen, Räder zu bauen und die Schiffe darauf zu setzen. So seien die Schiffe über das Land auf die Stadt zugefahren, und die Griechen hätten Frieden angeboten; Oleg habe verlangt, dass sie Tribut für die 2000 Schiffe zahlten. Die Höhe nennt die Textfassung, die ich über ein Abrufwerkzeug las, mit zwölf Griwna „je Mann“; eine andere Zusammenfassung spricht von zwölf Griwna je Boot. Das Ergebnis ist je nach Lesart sehr verschieden und ich konnte es nicht klären. Danach, so die Chronik, hängten die Rus ihre Schilde an die Tore als Zeichen des Sieges und zogen ab.
Das ist die erzählte Handlung. Räder unter Schiffen und der Schild am Tor tragen die Züge erzählerischer Ausschmückung; die Übersichtsdarstellungen, die ich las, ordnen beides der Folklore zu. Beide Details gelten hier als Legende der Chronik, bis ein Fund oder eine Parallelquelle etwas anderes zeigt.
Was die Byzantiner dazu sagen: nichts. In den Darstellungen, die ich las, wird keine byzantinische Quelle genannt, die den Zug oder den Vertrag erwähnt. Die Forschung erklärt das unterschiedlich. Die eine Lesart hält die Chronologie der PVL für falsch; manche nennen 904, als Byzanz gegen Leo von Tripolis kämpfte. Die andere sieht eine kleinere Plünderung. Wladimir Schikanow vertritt die These, die Rus seien an der thrakischen Küste gelandet, bei Kap Trikephalon von Feuerschiffen unter dem Patrikios Johannes Rhodin geschlagen worden, und die Chronik habe die Niederlage zum Sieg umgedeutet; den Vertrag nennt er ein „Geschenk“ an die Barbaren. Wladimir Paschuto sah ihn dagegen in jeder Hinsicht als Vorteil für die Rus. Beide Deutungen sind Hypothesen.
Die Verträge. Hier ist die Sachlage am besten und am kompliziertesten. Die PVL nimmt zwei Vertragstexte auf, einen unter 907 und einen unter 912 (6420). Der Text von 907 wird häufig als Vorstufe von 911 betrachtet (in der Übersicht, die ich las, ohne Beleg). Eine Zusammenfassung des Textes nennt fünfzehn Vertreter der Rus mit überwiegend altnordischen Namen, die Aufnahme der Händler im Mamas-Viertel von Konstantinopel, Einlass nur unbewaffnet, in Gruppen bis zu fünfzig, und Verpflegung für sechs Monate; als Schwurgötter erscheinen Perun und Weles. Ob diese Zusammenfassung dem Text getreu ist, konnte ich nicht überprüfen.
Der Text von 911/912 enthält Gesandtennamen wie Karl, Ingjald und Farulf, die als skandinavisch gelesen werden. Regeln zu Strandgut (nach Christian Raffensperger an das rhodische Seerecht angelehnt) und zu entlaufenen Sklaven, die er für die Verträge von 912 und 945 beschreibt, zeigen, wie praktisch die Texte gedacht waren; als Schwurformel nennt die Chronik für die Rus Waffen und Perun. Raffensperger zufolge wurden die Verträge als Abschriften von Exemplaren, die in der Rus aufbewahrt wurden, in die PVL übernommen. Was beim Abschreiben, Übersetzen und Redigieren verändert wurde, ist nicht bekannt. Wer den Text als echtes Dokument liest, besitzt mit ihm den einzigen annähernd zeitgenössischen Text zu Oleg; wer ihn kritisch liest, besitzt ein Dokument, das nur über die Chronik überliefert ist und dessen Alter sich nicht beweisen lässt.
Staraja Ladoga am Wolchow ist der Ort, an dem die Archäologie am deutlichsten spricht, und sie spricht von einer Zeit vor Oleg. Die Baumringe der ältesten Schichten datieren eine Siedlung auf 753; die ältesten Münzen, arabische Dirhams, stammen von 786/787. Skandinavier lebten dort zunächst vermutlich saisonal, später dauerhaft. Am Ortsrand liegen große Grabhügel, von denen einer als Grab Ruriks und einer als Grab Olegs gilt. Die Nowgoroder Erste Chronik sagt ausdrücklich, Oleg sei in Ladoga bestattet. Ob in einem der Hügel ein Mann dieses Namens liegt, ist durch die Quellen, die ich gesehen habe, nicht belegt; die Zuschreibung gehört zur örtlichen Überlieferung. Das Rurikowo Gorodischtsche weiter flussaufwärts wird mit Ladoga als eines der beiden frühen Zentren der Rus an der Wolchow-Achse genannt (siehe Staraja Ladoga).
Gnjosdowo liegt am Dnjepr, etwa zwölf Kilometer unterhalb von Smolensk, und gilt als Umschlagplatz am Weg „von den Warägern zu den Griechen“. Die Reste einer slawisch-skandinavischen Siedlung blühen im 10. Jahrhundert; mit Olegs Person lässt sich der Ort nicht verbinden.
Kiew ist der Ort, auf den es ankäme. Übersichten vermerken Handelsspuren im Podil schon im 7. oder 8. Jahrhundert und, laut einer Quelle, Baumringdaten von Blockbauten dort, die frühestens 887 liegen. Das deckt sich ungefähr mit dem Chronikjahr 882, sagt aber nichts darüber, wer die Siedlung anlegte. Die Datierung kenne ich nur aus einer Zusammenfassung. Mehr zu dieser Welt steht in den Beiträgen zur Kiewer Rus und zu den Verträgen der Rus.
Ein Bezug Olegs zum Rheinland oder zu Aachen ist nicht belegt, und es gibt keinen Hinweis auf einen. Weder die Chronik noch westliche Annalen verbinden ihn mit dem Westen. Die Annalen von St. Bertin berichten zu 839 von Gesandten der Rhos, die mit einer byzantinischen Gesandtschaft zu Ludwig dem Frommen nach Ingelheim bei Mainz kamen, sich als Sueones, also Schweden, bezeichneten und denen Ludwig als Kundschaftern misstraute. Ingelheim liegt südlich dessen, was man mit dem Rheinland um Köln und Aachen verbindet, und die Episode liegt gut vierzig Jahre vor Olegs Chronikjahren. Sie zeigt, dass Rus-Leute über Byzanz bis an einen fränkischen Hof gelangen konnten. Mehr nicht. Aachen spielt in der Geschichte der frühen Rus keine Rolle; das ist der Befund, keine Auslassung.
Die zweite Spur führt an die Donau. Die Zollordnung von Raffelstetten bei Linz, zwischen 903 und 905/906 unter dem Namen des etwa neunjährigen Königs Ludwig des Kindes entstanden, regelt Abgaben auf dem Weg nach Osten. Der Text nennt Kaufleute de Rugis; ob damit Rugier oder die Rus gemeint sind, ist unklar. Der Münzname skoti erinnert an altostslawisch skotъ, das auf altnordisch skattr zurückgeht; eine Verbindung zur Rus ist erwogen, nicht entschieden. Der Rhein kommt in diesem Text nicht vor.
Die Schlange im Pferdeschädel. Die Chronik erzählt unter 912 von Olegs Tod. Heidnische Priester (volchvy) weissagen, sein Pferd werde ihn töten. Oleg schickt das Tier fort, lässt es aber versorgen. Jahre später erfährt er, dass das Pferd tot ist, geht zu den Knochen und stößt den Schädel mit dem Fuß an. Aus ihm kriecht eine Schlange und beißt ihn ins Bein. Er wird krank und stirbt, und alle beweinen ihn. Die Chronik und die spätere Kiewer Chronik zeigen sein Grab in Kiew, die Nowgoroder Linie in Ladoga.
Die Szene hat Verwandte. In der Örvar-Odds saga, nach den Angaben, die ich las, im späteren 13. Jahrhundert von einem Isländer aufgeschrieben, weissagt eine Seherin, Odds Pferd Faxi werde ihn töten. Odd tötet und begräbt das Pferd und verlässt die Heimat; Jahre später stolpert er über einen Pferdeschädel, und eine Schlange beißt ihn zu Tode. Eine ähnliche Geschichte über Sir Robert de Shurland auf der Isle of Sheppey wurde im 17. Jahrhundert aufgeschrieben. Manche Forscher deuten die Szene als Abwandlung eines indoeuropäischen Motivs vom dreifachen Tod. Ob der Erzähler der Chronik die nordische Geschichte kannte oder beide aus gemeinsamer Quelle schöpften, ist nicht bekannt. Die Szene hat die Form eines Wandermotivs und gilt deshalb als Legende, nicht als Bericht über einen Todesfall.
„Oleg commanded his warriors to make wheels and to fit the ships with wheels.“ … „The Russians hung their shields upon the gates as a sign of victory, and they left Tsargrad.“
„Oleg befahl seinen Kriegern, Räder zu machen und die Schiffe mit Rädern zu versehen.“ … „Die Russen hängten ihre Schilde zum Zeichen des Sieges an die Tore und verließen Zargrad.“Povest' vremennych let, Eintrag zu 6415 (907), englische Auszüge der Kompilation „Excerpts from Tales of Times Gone By“ (darkwing.uoregon.edu/~kimball), über ein Abrufwerkzeug gelesen, das die Seite zusammenfasste und diese Sätze als Wortlaut wiedergab; die Seite nennt keinen Übersetzer, die Texte sind laut Herausgeber bearbeitet; deutsche Fassung eigene Übersetzung
Puschkin. Alexander Puschkin schrieb 1822 in Kischinjow, während seiner Verbannung im Süden, die Ballade „Das Lied vom weisen Oleg“. Sie erzählt die Weissagung der Priester, den Abschied vom Pferd, die Rückkehr des Fürsten nach Jahren, den Gang zu den Knochen und den Tod durch die Schlange in feierlichem, balladenhaftem Ton. Als Vorlage gilt nach der Literatur, die ich fand, Nikolai Karamsins „Geschichte des russischen Staates“, nicht die Chronik selbst. Eine Studie von 2022 liest das Gedicht als Allegorie auf Puschkins Verhältnis zu Zar Alexander I.; das ist eine Deutung des Textes, keine Aussage über den historischen Oleg.
Die Gleichsetzung von Oleg mit Helgi ist eine sprachliche, keine historische Aussage: Der Name erklärt sich, die Person nicht. Das Schechter-Schreiben nennt einen Helgu, und die Forschung ist uneins, ob er Oleg ist. Parkomenko schlug vor, „Helgu“ sei ein erblicher Titel eines heidnischen Priesterfürsten gewesen; Wernadski hielt den Helgu für Igors ältesten Sohn; Petruchin brachte ihn mit den Fürsten von Tschernigow in Verbindung. Das sind Vorschläge zu einem Text, den man kaum lesen kann.
Offen sind Olegs Lebensdaten und sein Sterbejahr (912 nach Kiewer, 922 nach Nowgoroder Linie), sein Verhältnis zu Rurik und Igor und sein Rang. Offen ist, ob er die Stadt Kiew 882 einnahm, ob der Zug von 907 stattfand, wie er verlief und ob er eine Niederlage oder ein Erfolg war. Offen ist, wie alt der Vertragstext ist, den die Chronik wörtlich abschreibt, und ob die Chronik einen oder mehrere Männer unter dem Namen Oleg zusammenfasst. Und offen bleibt, wie sich die Gestalt zu dem Helgu des Schechter-Schreibens verhält. Ein Fund mit Namen, eine Münze, ein Siegel, eine griechische Chronikstelle oder ein klar datiertes Grab könnten einiges klären. Bisher fehlt er.
Wer war Oleg von Kiew? Ein Fürst der Rus, der nach der Nestorchronik von 879 bis 912 regierte, Kiew einnahm und Verträge mit Byzanz schloss. Sein Bild beruht fast vollständig auf einer Chronik des frühen 12. Jahrhunderts.
Ist Oleg derselbe wie Helgi? Sprachlich ist Oleg die slawische Form des altnordischen Helgi. Ob ein in Quellen genannter Helgi mit Oleg gemeint ist, bleibt unsicher.
Hat Oleg 907 Konstantinopel angegriffen? Die Chronik berichtet es, mit Rädern unter den Schiffen und einem Schild am Tor. Byzantinische Quellen schweigen, die Forschung streitet über Ablauf und Ausgang.
Ist der Vertrag von 911 echt? Der Text ist nur in der Chronik überliefert, nennt überwiegend nordische Namen und enthält praktische Regeln. Wie viel davon unverändert ist, lässt sich nicht beweisen.
Starb Oleg wirklich durch einen Schlangenbiss? Das ist die Legende der Chronik. Sie gleicht einer Episode der Örvar-Odds saga; über den tatsächlichen Tod ist nichts bekannt.
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