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Rurik: der Begründer der Rurikiden, wie ihn Chroniken, Spaten und fränkische Annalen zeigen

Geschichte & Funde Rurik: der Begründer der Rurikiden, wie ihn Chroniken, Spaten und fränkische Annalen zeigen

Rurik gilt als der Mann, den nordöstliche Stämme 862 als Herrscher riefen und der die Dynastie der Rurikiden begründete, die bis 1598 regierte. Sicher ist von ihm fast nichts: Die Erzählung steht in einer Chronik aus der Zeit um 1113, die Jahreszahlen sind rückgerechnet, die Brüder Sineus und Truwor sind fraglich. Dieser Beitrag ordnet Nestorchronik, Nowgoroder Chronik, Ladoga, Rjurikowo Gorodischtsche und Gnezdovo nach Alter und Aussagekraft, prüft die Gleichsetzung mit Rorik von Dorestad am Rhein und sagt offen, wo es keinen Beleg gibt.

Einordnung: ein Name am Anfang einer Dynastie

Im Osten Europas beginnt Geschichte oft mit einem Satz aus einer Chronik: Im Jahr 6370 seit der Erschaffung der Welt, nach unserer Rechnung 862, riefen Stämme im Norden fremde Herrscher über das Meer. Der erste der drei Brüder, die kamen, hieß Rurik. Von ihm leiten sich die Rurikiden ab, das Geschlecht, das Kiew, später Moskau und am Ende ganz Russland bis zum Tod des Zaren Fjodor I. im Jahr 1598 regierte. Auf dem Denkmal zur Tausendjahrfeier Russlands in Nowgorod steht seine Gestalt ganz am Anfang.

Das Bemerkenswerte daran: Rurik ist eine Figur, die fast nur durch einen einzigen Text greifbar wird, und dieser Text ist rund 250 Jahre jünger als das Ereignis, das er schildert. Es gibt keine Münze mit seinem Namen, keine Inschrift, kein Grab, das sich ihm zuordnen ließe, und keine Erwähnung in einer zeitgenössischen Quelle, die sich eindeutig auf ihn beziehen ließe. Ob er eine historische Person war, ist in der Forschung umstritten. Viele Fachleute halten einen Anführer dieses Namens für plausibel; andere sehen in ihm eine Gründerfigur, die Chronisten im 11. und frühen 12. Jahrhundert brauchten, um die Herkunft der Fürstenfamilie zu erklären.

Sein Name wird meist als slawische Form eines altnordischen Namens gedeutet, der Hrœrekr (auch Hrøríkr geschrieben, die Schreibung schwankt) lautete. Die Rus, die in der Chronik als die „Gerufenen“ erscheinen, waren nach heute vorherrschender Meinung ein Verband mit skandinavischem Kern, der sich im Lauf der Zeit slawisierte. Wer den größeren Rahmen sucht, findet ihn in den Beiträgen zur Kiewer Rus, zu den Wikingern im Osten und zu den Waräger-Wegen.

Dieser Beitrag trennt deshalb ausdrücklich: was Schriften berichten, was Archäologie und Naturwissenschaft zeigen, was spätere Zeiten hinzugedichtet haben und was bloße Hypothese ist. Eine dieser Hypothesen betrifft das Rheinland und führt über Dorestad; sie bekommt ihren eigenen Abschnitt.

Die Quellenlage: wer schreibt wann

Die Nestorchronik. Die wichtigste Quelle heißt in der Forschung Povest vremennych let, „Erzählung der vergangenen Jahre“, kurz PVL, im Deutschen Nestorchronik oder Primärchronik. Sie entstand wohl in Kiew um 1113. Lange wurde sie dem Mönch Nestor aus dem Kiewer Höhlenkloster zugeschrieben; diese Zuschreibung wird heute nicht mehr allgemein akzeptiert, wer den Grundtext tatsächlich verfasste, bleibt offen. Der Abt Sylvester vom Kloster St. Michael in Wydubytschi überarbeitete den Text 1116, und eine dritte Fassung, die Mstislaw den Großen in den Mittelpunkt rückt, folgte 1118 und endet im Jahr 1117. Erhalten ist die Chronik nicht im Original, sondern in Abschriften: Die Lawrentij-Handschrift von 1377 überliefert die Fassung Sylvesters, die Hypatios-Handschrift (Ipatjew-Handschrift) aus der Zeit um 1425 die Fassung Mstislaws. Zwischen Rurik und dem ältesten Text liegen also gut 200 Jahre, zwischen Rurik und den erhaltenen Handschriften mehr als 500.

Die Chronik zählt die Jahre nach der byzantinischen Weltära, also ab der angenommenen Erschaffung der Welt. 6370 entspricht 862. Diese Jahreszahlen sind nach Ansicht der Forschung für das 9. und 10. Jahrhundert großenteils nachträglich eingefügt, wahrscheinlich im 11. Jahrhundert, sofern sie nicht aus dem byzantinischen Chronisten Georgios Monachos übernommen wurden. Der Quellenkritiker Alexei Schachmatow wies schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach, dass schon der Anfangspunkt der Zeitrechnung verrutscht ist: Der Text setzt den Regierungsantritt des byzantinischen Kaisers Michael III. auf 852, tatsächlich war es 842. Die Jahreszahl 862 ist deshalb keine Messung, sondern eine Rechnung.

Schachmatow und seine Schule zeigten außerdem, dass die PVL keine einheitliche Erzählung eines Autors ist, sondern eine Zusammenstellung älterer Berichte, Urkunden und mündlicher Überlieferung. Wie viel davon mündlich war, lässt sich schwer abschätzen. Der Historiker Tolotschko urteilte 2015 sehr hart, der Inhalt sei weitgehend fiktional und es gebe keinen Grund, das Wissen über die Frühzeit darauf zu gründen. Das ist eine Position am scharfen Ende des Spektrums, aber sie zeigt, wie weit die Skepsis reicht.

Die Nowgoroder Erste Chronik. Sie ist die zweite große Linie. Ihre älteste Handschrift, die Synodalhandschrift des 13. oder 14. Jahrhunderts, beginnt erst mitten im Satz im Jahr 1016; die „jüngere Redaktion“ in Abschriften des 15. Jahrhunderts setzt mit 854 ein. Auch sie kennt die Berufung, weicht aber ab: Olegs Tod datiert sie auf 922, die PVL auf 912. Ob sie auf einen älteren verlorenen Kiewer Kodex zurückgeht oder, wie Tetjana Wilkul 2015 argumentierte, von der PVL beeinflusst ist, ist offen.

Fränkische Annalen. Die Annales Bertiniani (St-Bertin), Fuldenses (Fulda) und Xantenses (Xanten) schreiben im 9. Jahrhundert und erwähnen einen Dänen namens Rorik, dazu weiter unten mehr. Ein Rurik im Osten kommt nicht vor. Wichtig ist aber der Eintrag der Annales Bertiniani zu 839: Gesandte eines Volkes namens „Rhos“ kamen an den Hof Ludwigs des Frommen nach Ingelheim und erwiesen sich ihrer Herkunft nach als Schweden (sueones). Das ist ein früher westlicher Beleg für Rus aus dem Norden, ein Vierteljahrhundert vor 862, ohne Rurik.

Später Zugewachsenes. Die sogenannte Joachim-Chronik ist verloren; sie ist nur aus der Darstellung des Historikers Wassili Tatischtschew (1686 bis 1750) bekannt, der sich auf sie berief. Tatischtschew nennt für Rurik eine Mutter Umila, einen Großvater Gostomysl, eine Frau Efanda aus Norwegen und einen Vetter Wadim. Für all das gibt es keine unabhängige Bestätigung; die Forschung betrachtet diese Angaben als unzuverlässig. Wer sie als Tatsachen wiedergibt, gibt Tatischtschew wieder, nicht Rurik.

Was die Chronik zum Jahr 862 erzählt

Die Erzählung ist knapp. Nach der PVL vertrieben die nördlichen Stämme, Slawen und finnische Völker, die Waräger über das Meer, verweigerten ihnen den Tribut und wollten sich selbst regieren. Es kam aber kein Recht unter sie, Geschlecht erhob sich gegen Geschlecht, und es gab Streit. Da beschlossen sie, einen Fürsten zu suchen, der über sie herrschen und nach dem Recht richten sollte. Sie gingen über das Meer zu den Warägern, zur Rus. Ihre Worte sind das berühmteste Zitat der russischen Geschichtsschreibung:

„земля наша велика и обильна, а наряда в ней нет“
„Unser Land ist groß und reich, aber Ordnung gibt es darin nicht.“Nestorchronik (PVL) zum Jahr 6370 (862), Wortlaut in normalisierter Schreibung nach einem Zitat der Ipatjew-Fassung bei Cyclowiki (nicht aus der Handschrift selbst gelesen; die Fortsetzung „Kommt, uns zu beherrschen“ gibt dieselbe Quelle nur in neuerer russischer Übersetzung); deutsche Fassung eigene Übersetzung, dem Sinn nach, „наряд“ bedeutet Ordnung, Regelung

Nach der PVL wählten sich daraufhin drei Brüder mit ihren Geschlechtern, nahmen die ganze Rus mit und kamen. Der älteste, Rurik, setzte sich nach der Lawrentij-Handschrift in Nowgorod, Sineus am Weißen See (Beloosero), Truwor in Isborsk. Die Hypatios-Handschrift lässt Rurik zuerst in Ladoga siedeln und später nach Nowgorod ziehen. Nach zwei Jahren, so die Chronik, starben Sineus und Truwor, und Rurik übernahm die ganze Macht. Die Chronik fügt an, von diesen Warägern habe das russische Land seinen Namen erhalten.

Es ist eine Gründungserzählung, und ihre Form ist aus vielen Kulturen bekannt: Ein zerstrittenes Volk ruft einen Fremden, der Ordnung bringt. Dass es in der Wirklichkeit so friedlich und geregelt zuging, ist wenig wahrscheinlich. Die gleiche Chronik berichtet kurz darauf, wie zwei Waräger, Askold und Dir, nach Süden zogen und Kiew einnahmen. Das Bild eines kleinen Verbands von Kriegern und Händlern, der an Flüssen Stützpunkte aufbaut und Tribut einfordert, passt zu dem, was die Archäologie im Osten zeigt, besser als die Berufung durch eine ganze Stammesversammlung.

Sineus und Truwor. Eine ältere Deutung las „Rurik, Sineus und Truwor“ als verderbte altnordische Wörter, etwa sine hus, „sein Haus“, und thru varing, „treue Gefolgschaft“: Rurik sei mit Sippe und Gefolge gekommen, die Brüder ein Missverständnis. Das ist eine Hypothese, und eine schwache: Jelena Melnikowa zeigte 1998, dass solche Formen der altnordischen Morphologie und Syntax widersprechen. Andere suchten echte Namen, etwa Signjótr und Þórvarðr (Kunik, Beljajew); auch das bleibt ein Vorschlag. Walentin Janin hielt 2008 die Existenz der Brüder für zweifelhaft: Beloosero liege weit von Nowgorod und sei erst Mitte des 10. Jahrhunderts unter Olga an Nowgorod gekommen, und in Isborsk und Beloosero fänden sich keine skandinavischen Spuren des 9. Jahrhunderts. Das Steinkreuz in Isborsk, das Truwors Grab sein soll, kann nicht aus dieser Zeit stammen. Die Brüder sind also nicht belegt.

Chronologie des Gesicherten

Eine Zeitleiste für Rurik muss zwei Spalten haben, denn das Gesicherte und das Überlieferte lassen sich nicht in eine Reihe stellen. Zuerst das, was sich durch Funde oder zeitgenössische Quellen stützen lässt:

Und das, was nur die Chroniken berichten, mit den Daten der PVL:

Die PVL-Spannen für Oleg und Igor, je rund 33 Jahre, gelten als zu lang. David Christian und Konstantin Zuckerman erwägen deshalb einen Machtkampf zwischen beiden Gruppen; einige halten Igor sogar für einen entfernteren Nachfahren statt für Ruriks Sohn. Auch das ist Hypothese, zeigt aber, dass die Familienchronologie der Chronik eine Konstruktion sein kann.

Herrschaft, Macht und Kriegführung: was sich sagen lässt

Über Ruriks Regierung selbst enthält keine Quelle Einzelheiten: keine Schlacht, kein Vertrag, kein Gesetz, keine Münze. Was sich sagen lässt, betrifft den Rahmen, in dem ein solcher Anführer gehandelt hätte, und dieser Rahmen ist besser belegt als die Person.

Die frühe Rus waren nach heutiger Mehrheitsmeinung Händler und Krieger mit skandinavischem Kern, die auf den Flüssen Osteuropas unterwegs waren. Boote, die sich über Tragestellen (Portagen) zwischen Flusssystemen ziehen ließen, öffneten Wege vom Ladogasee über Wolchow und Ilmensee bis zur Wolga und zum Dnjepr; arabische Münzen in Ladoga und später der Bericht des Ibn Fadlan zeigen, wohin sie führten. Der Handel brachte Silber, Pelze und Menschen auf die Märkte (siehe Sklaverei bei den Wikingern). Die Historiker Omeljan Pritsak und Horace Lunt beschrieben die Rus als vielsprachige Netzwerke, zu denen Slawen, Balten und Finnen ebenso gehörten wie Nordleute. Dass Ladoga etwa 865 verwüstet wurde, steht in einer Übersicht zu Ladoga; wer es war, sagen die Quellen nicht.

Zur Bewaffnung der Rus kennen wir mehr aus dem 10. Jahrhundert als aus dem 9.: In Gnezdovo fanden sich Kettenhemden, Helme, Streitäxte und karolingische Schwerter (mehr im Beitrag zu Ulfberht-Klingen). Dass Rurik selbst solche Waffen führte, ist nicht belegt; der Helm auf dem Denkmal von 1862 ist eine Vorstellung des 19. Jahrhunderts. Tributfahrten (poljudje) sind erst für das 10. Jahrhundert bei Konstantin VII. Porphyrogennetos bezeugt, nicht für Rurik.

Archäologie: Ladoga, Rjurikowo Gorodischtsche, Gnezdovo

Staraja Ladoga. Der Ort liegt am Westufer des Wolchow, etwa zwölf Kilometer vom Südufer des Ladogasees; die altnordischen Quellen nennen ihn Aldeigja oder Aldeigjuborg. Die Jahrringdatierung der ältesten Bauten auf 753 macht Ladoga rund hundert Jahre älter als die Berufung. Über Jahrhunderte sind Skandinavier dort bezeugt, als Händler, Handwerker und Bauern (so Grigorjewa 2021); die älteren Funde sind allerdings überwiegend finnisch-ugrisch und slawisch, ein gemischtes Milieu. Die Hypatios-Handschrift lässt Rurik in Ladoga siedeln, und große Grabhügel am Ortsrand gelten im Volksmund als Gräber Ruriks und Olegs. Das ist Lokaltradition; ein Grab Ruriks ist nirgends nachgewiesen. Mehr im Beitrag Staraja Ladoga.

Rjurikowo Gorodischtsche. Der Name bedeutet „Rurik-Burgstätte“ und ist selbst ein Stück Legende: Er kam im frühen 19. Jahrhundert unter dem Einfluss der Chronik auf, vorher hieß der Platz schlicht Gorodischtsche. Er liegt etwa zwei Kilometer südlich des heutigen Nowgorod, wo der Wolchow aus dem Ilmensee fließt. Die Siedlung beginnt im 8. Jahrhundert mit einer Befestigung der Ilmenslawen und war im 9. und 10. Jahrhundert Handels-, Handwerks- und Fürstensitz. Gegraben wird seit 1901 (N. I. Poljanski), von 1975 bis 2019 unter J. N. Nossow. Nach einer Übersicht machen skandinavische Gegenstände etwa 0,5 bis 1,5 Prozent der Funde aus: Fibeln, eiserne Halsringe mit Thorshammer-Anhängern, eine silberne Walküren-Figur. Jahrringe an einem Ofen datieren auf 889, 896 und 897. Das belegt einen Platz, an dem Nordleute und Slawen zusammenlebten, und im 10. Jahrhundert eine Fürstenresidenz. Ob dort ein Mann namens Rurik saß, folgt daraus nicht.

Gnezdovo. Die Fundstelle bei Smolensk am Dnjepr blühte im 10. Jahrhundert als Handelsplatz an der Route „von den Warägern zu den Griechen“. Rund 3.000 Grabhügel liegen in acht Gruppen, etwa 1.300 sind seit 1874 untersucht; dazu kommen Münzhorte, Waffen und eine Amphore mit einer der frühesten altostslawischen Inschriften (gorušna, Deutung als „Senf“ umstritten). Petruchin und Puschkina sehen darin einen Tributsitz des Kiewer Fürsten mit warägischer Gefolgschaft neben dem slawischen Smolensk der Kriwitschen. Zeitlich gehört Gnezdovo ins 10. Jahrhundert, nicht zu Rurik; es zeigt, wie eine Rus-Niederlassung aussah, wenn sie fassbar wird.

Was die Archäologie nicht liefert. Keinen Beweis für die Berufung von 862 und keine Spur einer plötzlichen Machtübernahme. Sie zeigt eine allmähliche Entwicklung mit älteren Wurzeln und einen Prozess, in dem aus gemischten Gruppen eine Führungsschicht wurde. F. Donald Logan fasste ihn in die Formel: 839 seien die Rus Schweden gewesen, 1043 Slawen.

Regionaler Bezug: Rhein, Dorestad und Rorik

Für das Rheinland ist Rurik nur über eine Hypothese relevant, und die muss man mit Vorsicht behandeln. Es gibt kein Zeugnis, das Rurik in den Westen oder Rorik in den Osten verbindet. Es gibt eine Namensgleichheit, einen Zeitgenossen und eine Reihe von Gelehrten, die aus beidem eine Gleichsetzung gemacht haben.

Rorik, der Däne im Frankenreich. Rorik (auch Hrørek, lateinisch Roricus) lebte etwa von 810 bis nach 873 und starb vor 882. Er stammte aus einer dänischen Familie, sein Bruder war Harald, vermutlich war Harald Klak ihr Onkel. 841 vergab Kaiser Lothar I. im Streit mit seinen Brüdern Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kahlen Teile Frieslands an die beiden Brüder: Rorik erhielt Wieringen, Harald Walcheren, und beide hielten Dorestad, den damals führenden Handelsplatz am Niederrhein (siehe Dorestad). Um 844 wurden beide des Verrats beschuldigt und eingesperrt. Rorik entkam, Harald starb vermutlich in Haft.

Zum Jahr 850 berichten drei Annalen von Roriks Rückkehr. Nach den Fuldaer Annalen sammelte er dänische Truppen, plünderte Lothars Küsten und nahm Dorestad; Lothar setzte ihn unter der Bedingung wieder ein, die Steuern des Fiskus zu verwalten und Dänen abzuwehren. Die Annalen von St-Bertin nennen ihn Haralds Neffen, die Xantener Annalen Haralds Bruder. Alle drei sind zeitgenössisch, anders als die PVL. In den folgenden Jahrzehnten: 857 besetzte er mit Billigung Lothars und König Horiks II. das Land zwischen Meer und Eider; 863 plünderten Dänen Dorestad und fuhren bis Neuss, wo Lothar II. und Sachsen sie aufhielten, sie zogen auf Roriks Rat ab; Gerüchte, er habe den Zug angestiftet, hält Simon Coupland für unbegründet. Erzbischof Hinkmar von Reims schrieb ihm in dieser Zeit als einem Getauften. 867 vertrieb ihn ein Aufstand der Kokingi aus Friesland, 870 band ihn Karl der Kahle in Nimwegen an sich, 872 empfing er ihn nach den Annalen von St-Bertin als „Hrørek“ in Maastricht, und 873 schwor Rorik laut den Xantener Annalen Ludwig dem Deutschen den Treueid. Danach wird er nicht mehr genannt.

Aachen, das Zentrum der Karolinger, lag im Reich Lothars II.; Maastricht, wo Rorik 872 empfangen wurde, liegt nur etwa 30 Kilometer entfernt. Wer sich für die Wikinger am Rhein interessiert, findet mehr im Beitrag Wikinger bei Aachen. Das ist der regionale Haken: Rorik ist ein Däne, der in diesem Raum Politik machte, und die Quellen dazu sind fränkisch, zeitgenössisch und belegt.

Die Gleichsetzung. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wird erwogen, Rorik und Rurik seien dieselbe Person. Der Gedanke geht auf Hermann Hollmann (1816) zurück, der auf Rüstringen in Niedersachsen verwies, und auf Friedrich Kruse (1836), der Jütland favorisierte. N. T. Beljajew griff ihn 1929 wieder auf, später unterstützten ihn in unterschiedlichem Maß Anatoli Kirpitschnikow, Boris Rybakow, Dmitri Matschinski und Igor Dubow. Alexander Nasarenko hat die Gleichsetzung im „Lexikon des Mittelalters“ abgelehnt. Nach dem Stand, den die von mir gelesenen Übersichten wiedergeben, ist sie unbewiesen und findet keine Mehrheit.

Für die Gleichsetzung spricht, dass die Namen sprachlich zusammenpassen. Dagegen steht ein Punkt, den eine verbreitete Darstellung oft anders wiedergibt: Es heißt gelegentlich, Rorik verschwinde in den 860er Jahren aus den fränkischen Quellen, passend zu Ruriks Auftreten 862. Das stimmt nicht; Rorik ist 863, 867, 870, 872 und 873 im Westen bezeugt, während die PVL Rurik von 862 bis 879 im Osten herrschen lässt. Wer beide gleichsetzt, muss die Chronikdaten für verschoben halten oder annehmen, Rorik sei zwischen Ost und West gewechselt, wofür es keinen Hinweis gibt. Da die PVL-Jahre rückgerechnet sind, lässt sich die Gleichsetzung nicht streng widerlegen; gestützt wird sie durch nichts außer der Namensähnlichkeit. Festzuhalten bleibt: Einen Beleg für eine Verbindung zwischen Dorestad und Nowgorod gibt es nicht.

Nachleben und Legende

Die Rurikiden. Die Dynastie, die sich auf Rurik zurückführte, herrschte über die Kiewer Rus bis zum Mongolensturm 1240 und danach in ihren Teilfürstentümern, zuletzt in Moskau. Mit dem Tod Fjodors I. 1598 erlosch die Linie auf dem Moskauer Thron; Wassili IV. aus dem Haus Schuiski, ebenfalls ein Rurikide, regierte noch bis 1610 und starb 1612. Dass die ganze Reihe lückenlos von einem Mann Rurik abstammt, ist eine genealogische Konstruktion der Chronisten und späterer Fürstenhäuser, die sich auf ihn beriefen.

Das Millennium-Denkmal. Nach einem Wettbewerb 1859 (Sieger: der Architekt Viktor Hartmann und der Künstler Michail Mikeschin) wurde 1862, tausend Jahre nach der Berufung, das Denkmal „Tausend Jahre Russland“ in Nowgorod errichtet: rund 15,7 Meter hoch, etwa 100 Tonnen Bronze, 129 Figuren von Herrschern, Feldherren, Geistlichen und Kulturgrößen wie Puschkin, Gogol und Glinka. Iwan IV. fehlt wegen des Massakers an Nowgorod 1570. Rurik erscheint auf dem ersten Relief „Ankunft der Waräger“, mit Helm und einem Schild mit der Zahl 6370, hinter ihm der slawische Gott Weles. Das Bild zeigt, wie das 19. Jahrhundert sich einen Waräger dachte, nicht wie er aussah.

Der Normannismus-Streit. Ob die Rus Skandinavier oder Slawen waren, wird seit dem 18. Jahrhundert gestritten. Gottlieb Siegfried Bayer schrieb 1729 und 1736 über die Waräger; Gerhard Friedrich Müller löste 1749 mit einer Rede, die die Dynastie auf skandinavische Waräger zurückführte, solche Empörung aus, dass er sie nicht beenden konnte; Michail Lomonossow griff ihn an. Gegen Ende des Jahrhunderts galt Müllers Sicht als herrschend (Schlözer 1802, Karamsin, Pogodin); die Antinormannisten (Iloiwaiski, nach 1945 vor allem Rybakow) hielten einen slawischen Staat vor Rurik für gegeben, Artamonow suchte einen Mittelweg. Heute geht die Mehrheit davon aus, dass die Rus aus Skandinavien stammten und die Kiewer Rus mitformten; gefragt wird eher, wie schnell sie in der slawischen Gesellschaft aufgingen. Dass die frühen Fürsten nordische Namen trugen (Rurik, Oleg aus Helgi, Igor aus Ingvarr, Olga aus Helga) und slawische Namen erst mit Swjatoslaw auftauchen, stützt die Herkunft der Führungsschicht, nicht die Geschichte von der Berufung.

Was gesichert ist

  • Die Nestorchronik (um 1113, überarbeitet 1116 und 1118; Handschriften von 1377 und um 1425) berichtet Ruriks Berufung zum Jahr 6370 (862); die Jahreszahlen sind rückgerechnet und für das 9. Jahrhundert unsicher.
  • Die Nowgoroder Erste Chronik ist eine zweite Überlieferungslinie und weicht in Einzelheiten ab (etwa Olegs Tod 922 statt 912).
  • Staraja Ladoga besteht laut Jahrringdatierung seit spätestens 753; die ältesten Dirhams dort tragen das Prägedatum 786/787.
  • Am Rjurikowo Gorodischtsche bei Nowgorod gab es im 9. und 10. Jahrhundert Handel, Handwerk und eine Fürstenresidenz; skandinavische Objekte machen rund 0,5 bis 1,5 Prozent der Funde aus.
  • Rorik, ein Däne, ist in fränkischen Annalen für 850 bis 873 gut bezeugt (Annales Bertiniani, Fuldenses, Xantenses); die Gleichsetzung mit Rurik ist unbewiesen.
  • 839 erschienen „Rhos“ in Ingelheim, die laut Annales Bertiniani Schweden waren.
  • Die Rurikiden herrschten in Moskau bis zum Tod Fjodors I. 1598.

Mythos-Check

  • „Rurik kam 862 nach Nowgorod.“ 862 ist eine Chronikrechnung. In der Lawrentij-Handschrift sitzt er in Nowgorod, in der Hypatios-Handschrift zuerst in Ladoga; Nowgorod selbst entwickelte sich als Zentrum nach dem Gorodischtsche, im 10. Jahrhundert.
  • „Rurik hatte die Brüder Sineus und Truwor.“ Nicht belegt. Die Deutung als Missverständnis altnordischer Wörter (sine hus, thru varing) ist eine Hypothese, die sprachlich kritisiert wird.
  • „Rurik und Rorik von Dorestad waren derselbe Mann.“ Hypothese, von Hollmann, Kruse, Beljajew, Rybakow und Kirpitschnikow vertreten, von Nasarenko abgelehnt. Rorik ist 863 bis 873 im Westen bezeugt, Rurik soll nach der PVL von 862 bis 879 im Osten geherrscht haben.
  • „Die Joachim-Chronik beweist Ruriks Mutter und Frau.“ Die Chronik ist verloren; Tatischtschews Angaben (Umila, Gostomysl, Efanda) sind unzuverlässig.
  • „Das Grab Ruriks liegt in Ladoga.“ Lokaltradition. Ein Grab ist nicht nachgewiesen.
  • „Die Waräger brachten Zivilisation zu rückständigen Slawen.“ Ladoga und Rjurikowo Gorodischtsche zeigen ältere, gemischte Siedlungen. Dieses Bild ist Teil des Normannismus-Streits, kein Befund.
  • „Das Denkmal in Nowgorod zeigt Rurik, wie er aussah.“ Es zeigt ihn, wie das Jahr 1862 sich einen Waräger vorstellte.

Was offen bleibt

Offen ist, ob Rurik eine historische Person war. Ein Anführer mit nordischem Namen im Raum Ladoga und Ilmensee im 9. Jahrhundert ist nach dem archäologischen Bild denkbar; dass er so hieß, 862 kam und die späteren Fürsten von ihm abstammen, lässt sich nicht beweisen. Offen sind auch die Herkunft der Namen Sineus und Truwor und die Frage, ob Igor Ruriks Sohn war. Die Gleichsetzung mit Rorik bleibt Hypothese; entscheiden könnten nur neue Texte oder ein Fund mit Namen.

Häufige Fragen

Wer war Rurik? Nach der Nestorchronik ein Waräger-Anführer, der 862 mit seinen Brüdern gerufen wurde und die Rurikiden begründete. Die Chronik entstand um 1113, also rund 250 Jahre später; ob er historisch war, ist in der Forschung umstritten.

Warum steht 862 in den Büchern? Es ist die Chronikjahrzahl 6370 der byzantinischen Weltära, nachträglich eingefügt. Schon die Anfangsrechnung der Chronik ist nach Schachmatow um zehn Jahre verschoben.

War Rurik der Däne Rorik von Dorestad? Das wird seit 1816 erwogen, ist aber unbewiesen. Rorik ist in den fränkischen Annalen bis 873 im Westen bezeugt, während die Chronik Rurik schon 862 im Osten ansetzt. Die Mehrheit der Fachleute lehnt die Gleichsetzung ab oder hält sie für unbelegbar.

Gibt es archäologische Spuren von Rurik? Keine, die seinen Namen tragen. Ladoga ist seit spätestens 753 besiedelt, das Rjurikowo Gorodischtsche bei Nowgorod zeigt Handel, Handwerk und skandinavische Funde im 9. und 10. Jahrhundert; mit einer Person lässt sich das nicht verbinden.

Wie lange regierten die Rurikiden? Bis 1598 mit Fjodor I. auf dem Moskauer Thron; Wassili Schuiski, ebenfalls ein Rurikide, war noch bis 1610 Zar.

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