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Søften: eine Textilwerkstatt der Wikingerzeit vor den Toren von Aarhus

Alltag & Kultur Søften: eine Textilwerkstatt der Wikingerzeit vor den Toren von Aarhus

Bei Søften, zehn Kilometer nördlich von Aarhus, hat das Moesgaard Museum bis Juni 2026 einen Produktionsplatz der Wikingerzeit ausgegraben: 82 Grubenhäuser, Bereiche für die Flachsverarbeitung, Webgewichte, Spinnwirtel und nur ein einziges Wohnhaus. Kein Dorf also, sondern ein Betrieb, in dem offenbar Stoff im großen Stil entstand. Wir zeigen, was gesichert ist, was noch offen bleibt und wie viel Arbeit in einem einzigen Wikingersegel steckte.

Rekonstruiertes Grubenhaus der Wikingerzeit mit Strohdach im Vikingecenter Fyrkat
Rekonstruiertes Grubenhaus im Vikingecenter Fyrkat bei Hobro (Dänemark). In solchen Häusern wurde gesponnen und gewebt. Foto: Västgöten, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons.

Der Fund in Zahlen

Wer an Wikinger denkt, denkt an Schiffe und Schwerter. An Webstühle denkt kaum jemand. Dabei steckte in jedem Segel, jedem Mantel und jeder Schlafdecke eine ungeheure Menge Arbeit, und genau dieser Arbeit ist man bei Søften auf die Spur gekommen.

Søften ist ein kleiner Ort in der Gemeinde Favrskov, etwa zehn Kilometer nördlich der Innenstadt von Aarhus und rund vier Kilometer vom Fundplatz Lisbjerg entfernt. Von August 2025 bis Ende Juni 2026 grub das Moesgaard Museum dort eine Fläche von gut 60.000 Quadratmetern aus. Die gesamte Siedlung schätzen die Archäologen auf mindestens 100.000 Quadratmeter, also etwa vierzehn Fußballfelder. Gegraben wurde, weil hier ein Gewerbegebiet entsteht: Bevor Bagger Straßen und Hallen anlegen, sind in Dänemark die Archäologen da.

Insgesamt sind auf dem Platz inzwischen 82 Grubenhäuser bekannt. 48 davon kamen bei der aktuellen Grabung ans Licht, 34 schon bei früheren Untersuchungen 2008 und 2013 etwas weiter südlich. Dazu kommen Bereiche, in denen Flachs verarbeitet wurde, und ein mit Steinen gepflasterter Weg, der über feuchtes Gelände führte.

Gefunden wurden vor allem Webgewichte und Spinnwirtel, dazu Hacksilber, Münzen und Glasperlen. In einem Grubenhaus zeigte das Röntgenbild ein Messer, eine Schere und einen Schlüssel. Perlen dienten in der Wikingerzeit als Schmuck, aber auch als Tauschmittel, ähnlich wie das zerhackte Silber, das man nach Gewicht bezahlte; mehr dazu in unserem Beitrag über Hacksilber. Welche Münzen genau gefunden wurden, hat das Museum bisher nicht veröffentlicht. Wir nennen deshalb auch keine Münztypen.

Was ist ein Grubenhaus? Ein kleines Gebäude, dessen Boden in die Erde eingetieft ist, meist nur wenige Quadratmeter groß, mit einem Satteldach aus Stroh oder Schilf, das oft auf zwei Firstpfosten ruht und fast bis zum Boden reicht. In ganz Nordeuropa dienten solche Häuser in der jüngeren Eisenzeit und der Wikingerzeit vor allem als Werkstätten. Für das Weben waren sie ideal: Im eingetieften Raum bleibt die Luft kühl und feucht, und genau das brauchen Flachs- und Wollfäden, damit sie beim Weben nicht brechen. Die vielen Webgewichte, die man in solchen Gruben findet, gehörten zu Gewichtswebstühlen, an denen die Kettfäden senkrecht nach unten hingen.

Kein Dorf, sondern ein Betrieb

Das eigentlich Aufregende an Søften ist nicht ein einzelner Fund, sondern das Muster. Die Archäologen fanden getrennte Bereiche für Produktion und Handwerk, aber nur ein einziges Wohnhaus. „Wir sehen nicht die Spuren eines gewöhnlichen Dorfes“, sagt die Grabungsleiterin Liv Stidsing Reher-Langberg vom Moesgaard Museum. Sie spricht von einem Produktionsgebiet, das spezialisiert und in großem Maßstab organisiert war. Die Struktur deute darauf hin, dass die Arbeit von einem zentralen Akteur mit Kontrolle über Ressourcen und Produktion gelenkt wurde.

In einem normalen Dorf der Wikingerzeit wurde natürlich auch gesponnen und gewebt, in fast jedem Haushalt, für den eigenen Bedarf. Was wir darüber wissen, haben wir in unserem Beitrag über Weberei in der Wikingerzeit zusammengetragen. In Søften dagegen arbeiteten offenbar viele Menschen an einem Ort, in einer Menge, die weit über den Bedarf der Leute vor Ort hinausging. Die Moesgaard-Archäologen beschreiben eine spezialisierte Produktion von der Faser bis zum fertigen Stoff.

Ganz neu ist dieses Bild übrigens nicht. Schon 2013 berichtete der Moesgaard-Archäologe Jakob Westermann im Grabungsblog des Museums von „Werkstätten der Wikinger in Søften“. Bei der Grabung 2008 waren 14 Grubenhäuser mit Spuren von Werkstattproduktion ans Licht gekommen, und Pollenanalysen aus den Fußböden wiesen auf Pflanzen hin, die man zum Färben von Textilien und zum Gerben nutzen konnte. Der Platz liegt auf einem nach Süden geneigten Kiesrücken über einer Feuchtwiese, durch die früher ein Bach Richtung Lilleå floss. Westermann verwies auf ähnliche Grubenhaus-Plätze an Flusssystemen in Himmerland und bei Skjern und vermutete, dass ihre Lage mit ihrer Funktion und mit den Machtstrukturen dahinter zusammenhing. Die Grabung 2025/26 hat diese frühe Vermutung in einem ganz neuen Maßstab bestätigt.

Ein Detail aus dem Jahr 2013 ist besonders reizvoll: Nahe der Feuchtwiese lag ein dichtes Band aus hitzegesprungenen Steinen und verbranntem Material. Westermann nannte zwei mögliche Erklärungen. Entweder wurde hier Schiffsholz mit Dampf gebogen, wie man es für Stavnsager auf Djursland angenommen hat. Oder man erhitzte Wasser zum Walken von Stoff, also zum Verfilzen und Verdichten des gewebten Tuchs, was nach Versuchen des Vikingeskibsmuseet in Roskilde bei der Herstellung von Segeltuch hilft. Beides ist eine Deutung, kein Befund. Aber beide Deutungen führen in Richtung Schiff.

Vom Schaf zum Faden: Wolle in der Wikingerzeit

Um zu verstehen, was in Søften passierte, lohnt ein Blick auf den ganzen Weg vom Tier zum Tuch. Die Schafe der Wikingerzeit hatten mit heutigen Merinoschafen wenig gemein. Es waren kleine, robuste Tiere, verwandt mit den heutigen nordischen Kurzschwanzschafen. Ihr Vlies bestand aus zwei Schichten: einer weichen, feinen Unterwolle und langen, glatten, groben Grannenhaaren, oft Haarwolle genannt. Diese Mischung war ein Geschenk für die Weberinnen. Die feine Unterwolle eignete sich für weiche Kleidung, das lange Haar für strapazierfähiges, wasserabweisendes Tuch. Wer die beiden Fasern trennte, konnte aus einer einzigen Schur ganz unterschiedliche Garne gewinnen.

Viele dieser alten Rassen werfen ihr Vlies im Frühsommer von selbst ab, sodass man es ausrupfen kann, statt es zu scheren. Scheren gab es aber durchaus, eine davon steckte ja in einem Grubenhaus in Søften. Wofür genau sie benutzt wurde, verrät das Röntgenbild freilich nicht.

Nach dem Sortieren wurde die Wolle gekämmt und dann gesponnen. Gesponnen wurde mit der Handspindel: einem Holzstab mit einem Schwunggewicht, dem Spinnwirtel. Und hier wird es für die Archäologie spannend, denn dieser unscheinbare Ring aus Ton, Stein oder Knochen verrät erstaunlich viel.

Spinnwirtel und Webgewichte als Datenquelle

Lange galten Spinnwirtel und Webgewichte als langweilige Massenfunde. Das hat sich geändert, vor allem durch die Arbeiten am Centre for Textile Research (CTR) der Universität Kopenhagen. Die Textilarchäologin Eva Andersson Strand und ihre Kolleginnen haben in Experimenten getestet, welche Garne und Stoffe mit welchen Werkzeugen entstehen. Die Grundregel ist einfach: Ein leichter Wirtel dreht schnell und erzeugt einen dünnen Faden, ein schwerer Wirtel einen dickeren.

Dasselbe Prinzip gilt für den Webstuhl. Jeder Kettfaden braucht eine bestimmte Spannung, und die liefern die Webgewichte. In den CTR-Versuchen brauchte Wollgarn, das mit einem 4-Gramm-Wirtel gesponnen war, etwa 13 Gramm Zug pro Faden; Garn von einem 8-Gramm-Wirtel etwa 19 Gramm. In einem Webversuch von 2007 wogen die Gewichte rund 275 Gramm, und an jedem hingen 14 Kettfäden zu je etwa 20 Gramm Spannung. Die Dicke der Gewichte wiederum bestimmt, wie dicht sie nebeneinander hängen können, und damit, wie viele Fäden pro Zentimeter das fertige Tuch hat.

Wer die Gewichte eines Fundplatzes wiegt und misst, kann abschätzen, welche Stoffe dort gewebt werden konnten, auch wenn kein einziger Faden erhalten ist. Andersson Strand hat das für Haithabu und Birka durchgerechnet. Aus Haithabu lagen ihr 939 Spinnwirtel sowie 514 vollständige Webgewichte und 3.480 Bruchstücke vor, aus Birka 429 Wirtel und 69 vollständige Gewichte nebst 1.406 Fragmenten. Die meisten Webgewichte aus Haithabu passen zu Garnen, die 15 bis 45 Gramm Spannung brauchten, also zu mittelfeinen Stoffen. Ihr Ergebnis: Ein großer Teil der Textilien beider Orte konnte vor Ort entstanden sein, darunter vor allem einfache Köpergewebe. Die Annahme, Birka habe seine Stoffe überwiegend importiert, stellte sie damit infrage.

Für Søften liegen solche Messreihen noch nicht vor. Genau das macht den Platz so vielversprechend: Mit Dutzenden Grubenhäusern und vielen Webgewichten bietet er einen Datensatz, aus dem sich eines Tages ablesen lassen dürfte, ob hier feines Kleiderleinen, dichtes Wolltuch oder grobes Segeltuch gewebt wurde.

Der Gewichtswebstuhl: Ein aufrechter Rahmen, oft schräg an die Wand gelehnt. Oben hängt die Kette am Warenbaum, unten halten Bündel von Kettfäden die tönernen Gewichte straff. Gewebt wurde von oben nach unten, das fertige Tuch wurde oben aufgerollt. Die Weberin arbeitete im Stehen und schlug den Schussfaden mit einem Webschwert aus Holz, Knochen oder Eisen nach oben an.

Flachs und Leinen: die unterschätzte Faser

In Søften fanden die Archäologen eigene Bereiche, in denen Flachs verarbeitet wurde. Das ist bemerkenswert, denn Leinen bleibt im dänischen Boden fast nie erhalten, anders als Wolle. Dass Flachs in der Wikingerzeit eine große Rolle spielte, wissen wir daher oft nur indirekt, über Samen, Pollen und Werkzeuge.

Der Weg vom Feld zum Faden ist lang. Nach der Ernte, bei der die Pflanzen samt Wurzel ausgerauft werden, folgt das Rösten, auch Rotte genannt. Dabei lässt man die Stängel im Wasser oder auf feuchtem Gras liegen, bis Bakterien und Pilze den Pflanzenleim zersetzen, der die Fasern an den holzigen Kern bindet. Das riecht, wie man es sich vorstellt, und deshalb lagen Rötteiche gern etwas abseits. Danach wird der Flachs getrocknet und gebrochen, damit der spröde Holzkern in Stücke springt. Beim Schwingen schlägt man diese Holzteile heraus, beim Hecheln zieht man die Fasern durch Kämme mit spitzen Zinken, bis nur noch lange, glänzende Fasern übrig sind. Erst dann wird gesponnen.

Ein Platz mit Flachsbereichen, Grubenhäusern und viel Feuchtgelände passt zu diesem Ablauf erstaunlich gut. Ob in Søften tatsächlich Wasserröste betrieben wurde, haben die Archäologen bisher aber nicht mitgeteilt. Reher-Langberg hofft, dass Radiokarbondaten und Pollenanalysen zeigen werden, welche Art von Textilien hier entstand. Wie Leinen und Wolle in der Kleidung zusammenspielten, erzählen wir im Beitrag Wikinger-Kleidung, und wie aus naturfarbenem Garn leuchtende Stoffe wurden, im Artikel über das Färberhandwerk.

Wie viel Arbeit steckt in einem Segel?

Ein Gedanke liegt bei Søften nahe, und wir sagen gleich dazu: Er ist unsere eigene Überlegung, kein Ergebnis der Grabung. Die Wikingerzeit hatte einen gewaltigen Bedarf an Stoff, nicht nur für Kleidung, sondern auch für Segel. Wie gewaltig, hat die Archäologin Lise Bender Jørgensen von der Universität Trondheim (NTNU) in einem Aufsatz von 2012 durchgerechnet.

Ihr Ausgangspunkt sind die Skuldelev-Schiffe aus dem Roskilde-Fjord. Für ein Frachtschiff vom Typ Knorr wie Skuldelev 1 mit einem Segel von rund 90 Quadratmetern rechnet sie mit etwa 90 Kilogramm Wolle und rund 8.000 Arbeitsstunden allein für das Segel, umgerechnet knapp fünf Arbeitsjahre, wenn man ein modernes Arbeitsjahr von 1.680 Stunden zugrunde legt. Rechnet man Decken und Kleidung für sechs bis acht Mann Besatzung hinzu, kommt sie auf 220 bis 263 Kilogramm Wolle und etwa zehn Jahre Arbeit.

Für ein großes Kriegsschiff wie Skuldelev 2 mit 65 bis 70 Mann und einem Segel von gut 110 Quadratmetern sind es nach ihrer Rechnung rund 200 Kilogramm Wolle und etwa neun Arbeitsjahre für das Segel. Mit Decken und Kleidung für die Besatzung landet sie bei 1,6 bis 1,7 Tonnen Wolle und 54 bis 59 Jahren Arbeit. Ein gut gepflegtes Wollsegel konnte dafür nach ihrer Schätzung 40 bis 50 Jahre halten. Die Zahlen sind Modellrechnungen und keine Messwerte aus der Wikingerzeit. Aber sie zeigen die Größenordnung: Hinter jedem Langschiff stand mehr Arbeit am Webstuhl als auf der Werft.

Das Vikingeskibsmuseet in Roskilde hat in jahrelanger Experimentalarchäologie gezeigt, dass solche Wollsegel funktionieren. Für den Nachbau von Skuldelev 2, die „Havhingsten fra Glendalough“, nennt das Museum eine Segelfläche von etwa 120 Quadratmetern. Wie Wikingerschiffe gebaut und ausgerüstet wurden, erzählen wir im Beitrag über den Schiffbau der Wikinger.

Wer eine Flotte ausrüsten wollte, brauchte also Orte wie Søften. Ob hier tatsächlich Segeltuch gewebt wurde, wissen wir aber nicht. Auch Andersson Strand vermutete 2011, dass Segeltuch eher in vielen Haushalten im Auftrag hergestellt wurde, im sogenannten Verlagssystem, und nicht in eigenen Werkstätten. Sie schrieb damals ausdrücklich, für echte Textilwerkstätten gebe es in Birka und Haithabu keinen archäologischen Beleg. Ob Søften genau so ein Beleg ist, muss die Auswertung zeigen.

Grubenhäuser anderswo: Ribe, Haithabu, Aarhus, Lisbjerg

Grubenhäuser sind keine Besonderheit von Søften. Man findet sie in Handelsplätzen wie Ribe, wo sich um 700 ein Markt mit Werkstattparzellen entwickelte, in Haithabu und in den großen Herrenhöfen wie Tissø auf Seeland, wo Handwerk und saisonale Märkte um einen Königs- oder Herrensitz kreisten. Besonders gut kennt man sie aus Aarhus selbst. Das berühmteste ist das sogenannte Haus des Hikuin, benannt nach einem Namen, der auf einem dort gefundenen Kamm eingeritzt war. Es brannte Mitte des 10. Jahrhunderts ab, war etwa 3,5 Meter lang, 2 Meter breit und rund 1,25 Meter tief in den Boden gegraben. Darin lagen unter anderem ein Holztrog, acht Holzschalen, vier Tontöpfe, 25 Glasperlen und fünf Wetzsteine.

Nach dem dänischen Ortslexikon Trap Danmark entstanden die ersten Grubenhäuser in Aarhus zwischen etwa 750 und 800. Im frühen 9. Jahrhundert wurden sie teilweise von Langhäusern abgelöst. Grubenhäuser waren also oft eine frühe Phase, ein Werkstatt- und Saisonbau, der später Wohnhäusern Platz machte. In Søften dagegen blieb es offenbar bei den Werkstätten.

Dazu passt Lisbjerg, das nur vier Kilometer entfernt liegt. Moesgaard grub dort seit 1989 einen großen Herrenhof aus, umgeben von einer Palisade, die fast zwei Hektar einschloss, mit einem Tor nach Süden. Auch bei Lisbjerg gab es Grubenhäuser mit Spuren von Spinnen und Weben, dazu Schmiedearbeit, Bronzeguss und Glasverarbeitung, Keramik von der südlichen Ostseeküste und das Bruchstück einer arabischen Silbermünze. Im Juni 2025 meldete das Museum 30 Gräber unweit des Hofes, wahrscheinlich aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Darunter war ein Kästchen mit Perlen, Goldfäden und einer Schere, das wohl einer bedeutenden Frau gehörte. Die Gräber unterscheiden sich stark in Größe und Ausstattung; die Archäologen halten es für möglich, dass hier die führende Familie des Hofes und ihre Unfreien beigesetzt wurden.

Aros braucht ein Hinterland

Der Schlüssel zu Søften liegt wahrscheinlich in Aros, dem heutigen Aarhus. Der Name wird meist als „Flussmündung“ gedeutet, und genau dort, an der Mündung der Århus Å, lag der Ort auf einer flachen Sandinsel. Nach dem Moesgaard Museum reichen die ältesten Siedlungsspuren in die letzten Jahrzehnte des 8. Jahrhunderts zurück, ein Handelsplatz entstand in den 770er-Jahren. Zunächst war der Ort nur von einem Graben umgeben. Um 934 entstand ein Ringwall, vielleicht unter Gorm dem Alten, um 980 ließ Harald Blauzahn die Befestigung deutlich verstärken. Schriftlich taucht Aarhus erstmals 948 auf, als auf einer Synode in Ingelheim ein Bischof Reginbrand für den Ort genannt wurde; ob er je dort war, ist umstritten.

Der Moesgaard-Historiker Kasper H. Andersen bringt es auf eine einfache Formel: Die Städte der Wikingerzeit entstehen nicht allein. In der Wikingerzeit wuchs Aarhus zu einem der wichtigsten Handelszentren des Reiches unter dem König heran, und es lebte davon, dass ihm das Umland Waren lieferte, die man dort verkaufen, verschiffen oder gegen Silber und Glas aus der Ferne tauschen konnte. Tuch war eine solche Ware. Søften sieht aus wie ein Ort, an dem dieses Tuch hergestellt wurde. Wie der Fernhandel insgesamt funktionierte, zeigt unser Beitrag über den Handel der Wikinger.

Dass in der Gegend Silber im Umlauf war, zeigen nicht nur die Funde aus den Grubenhäusern. Schon seit rund dreißig Jahren fanden Sondengänger auf den Feldern bei Søften Silbermünzen. Und 2024 entdeckte der damals 22-jährige Archäologiestudent Gustav Bruunsgaard bei Elsted, etwa fünf Kilometer entfernt, mit dem Metalldetektor einen Silberschatz: sieben Armringe, zusammen über ein halbes Kilogramm schwer, datiert um 800. Ein Ring gehört zu einem Typ, der in Russland oder der Ukraine entstand, drei gestempelte Ringe sind südskandinavisch und wurden in Irland nachgeahmt. Die Ringe waren auf ein gemeinsames Gewichtssystem abgestimmt, also tragbares Geld. Der Schatz ist heute im Moesgaard Museum zu sehen.

Wer saß am Webstuhl?

Hier betreten wir das Feld der Thesen. Kein Fund aus Søften verrät, wer in den Grubenhäusern arbeitete. Was wir aus anderen Quellen wissen: Textilarbeit war in der Wikingerzeit ganz überwiegend Frauenarbeit. Spinnwirtel und Webschwerter liegen fast immer in Frauengräbern, und in der Edda ist das Weben sogar ein Bild für das Schicksal selbst, etwa in den Nornen oder im düsteren Lied Darraðarljóð, in dem Walküren eine Schlacht weben. Mehr zur Lebenswelt dieser Frauen steht im Beitrag über Frauen in der Wikingerzeit.

Wer aber war es in Søften? Naheliegend ist eine mächtige Familie oder ein Herr, der Land, Rohstoffe und Arbeitskräfte kontrollierte, vielleicht in Verbindung mit dem Hof von Lisbjerg. Ob in den Grubenhäusern freie Frauen, abhängige Bauernfamilien oder Unfreie arbeiteten, wissen wir nicht. Dass Unfreie gerade in der Textilarbeit eine wichtige Rolle spielten, nehmen viele Forscher an, und die möglichen Gräber von Unfreien bei Lisbjerg machen den Gedanken nicht abwegig. Für Søften ist das aber eine Möglichkeit, kein Befund. Genauso gut könnten Frauen aus umliegenden Höfen saisonal gearbeitet haben. Die vielen kleinen Grubenhäuser bei nur einem Wohnhaus werfen ohnehin eine Frage auf, die bisher niemand beantwortet hat: Wo schliefen die Leute, die hier arbeiteten?

Und wofür das ganze Tuch?

Hier müssen wir sauber trennen. Was in Søften hergestellt wurde, ob feines Leinen, grobe Wolle oder beides, sollen erst die weiteren Untersuchungen klären.

Auch bei der Datierung ist Vorsicht geboten. Das Moesgaard Museum spricht schlicht von der Wikingerzeit. In der Agenturmeldung von AP war von etwa 600 bis 950 die Rede, also von der jüngeren Eisenzeit bis in die frühe Wikingerzeit. Das ist durchaus möglich, denn manche Grubenhäuser könnten älter sein als andere. Bis die Radiokarbondaten vorliegen, bleibt es aber eine Spanne und keine Jahreszahl. Neue Ergebnisse hat das Museum seit der Pressemitteilung vom 24. Juni 2026 nicht veröffentlicht; auch bei DR, TV2 Østjylland und in den Kulturerbe-Meldungen haben wir bis Anfang Oktober 2026 nichts Neues gefunden.

Mythos-Check: „Eine 1000 Jahre alte Textilfabrik der Wikinger“ titelten manche Medien. Das klingt gut, führt aber in die Irre. Eine Fabrik mit Maschinen, Schichtbetrieb und Lohnarbeit gab es nicht. Was Søften zeigt, ist eine konzentrierte, organisierte Handarbeit in vielen kleinen Werkstätten, gelenkt von jemandem mit Macht über Land und Menschen. Und auch die „1000 Jahre“ sind eine Rundung: Die genaue Datierung steht noch aus.

Warum der Fund wichtig ist

Søften rückt eine Seite der Wikingerzeit ins Licht, die in Filmen und Serien praktisch nicht vorkommt: die Wirtschaft dahinter. Kein Schiff fuhr ohne Segel, kein Krieger ohne Mantel, kein Händler ohne Ware. „Die Wikinger waren nicht einfach unzivilisierte, barbarische Horden“, sagte Kasper H. Andersen gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Søften zeigt sehr handfest, warum.

Und Søften zeigt, dass auch das Weben eine organisierte, planvolle und wahrscheinlich hierarchisch gesteuerte Tätigkeit sein konnte. Haithabu und Birka hatten Webgewichte in großer Zahl, aber eingebettet in städtisches Leben. Neu ist der Maßstab auf dem Land, in einem Betrieb ohne Dorf drumherum, wenige Kilometer von einem Herrenhof und einer wachsenden Königsstadt entfernt.

Wann die Funde zu sehen sein werden, steht noch nicht fest. Wer bis dahin nach Aarhus fährt, findet im Moesgaard Museum eine große Ausstellung zur Wikingerzeit samt Elsted-Schatz, und im Zentrum von Aarhus das kleine Wikingermuseum am Ort der alten Stadt. Weitere Ziele haben wir in unserem Überblick über Wikinger-Museen und Fundorte gesammelt.

Häufige Fragen

Wo liegt die Wikinger-Textilwerkstatt von Søften? In Søften in der Gemeinde Favrskov, etwa zehn Kilometer nördlich der Innenstadt von Aarhus in Ostjütland und rund vier Kilometer vom Herrenhof Lisbjerg entfernt.

Wie viele Grubenhäuser wurden in Søften gefunden? Insgesamt 82: 48 bei der Grabung 2025/26, 34 bei früheren Untersuchungen 2008 und 2013. Dazu kommen Flachsbereiche und nur ein einziges Wohnhaus.

Wie alt ist der Fundplatz Søften? Das Moesgaard Museum spricht von der Wikingerzeit. Agenturmeldungen nannten etwa 600 bis 950. Genaue Daten sollen Radiokarbonanalysen liefern, die noch nicht veröffentlicht sind.

Wurden in Søften Segel für Wikingerschiffe gewebt? Das ist nicht belegt. Es ist eine naheliegende Überlegung, weil Segel enorme Mengen Tuch erforderten, aber was genau gewebt wurde, sollen erst die Analysen zeigen.

Wie lange dauerte es, ein Wikingersegel herzustellen? Nach den Modellrechnungen von Lise Bender Jørgensen brauchte ein Segel von rund 90 Quadratmetern etwa 90 Kilogramm Wolle und rund 8.000 Arbeitsstunden, also knapp fünf Arbeitsjahre.

Kann man die Funde aus Søften besichtigen? Noch nicht. Ein Ausstellungstermin steht nicht fest. Im Moesgaard Museum bei Aarhus ist aber der nahe gefundene Elsted-Schatz von 2024 zu sehen.

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