Westfalen ist ein Landesname, den jeder kennt, und ein Stammesname, den kaum jemand erklären kann. Die Westfalen, lateinisch Westfalai, sind der westliche Teil der Sachsen, und sie treten erst 775 in die Quellen ein: in einem Jahresbericht des fränkischen Hofes, der sie nicht einmal mit einem Anführer nennt. Dieser Beitrag legt die Zeugnisse nebeneinander, trennt Beleg, Annahme, späte Überlieferung und Legende und sagt dort, wo etwas nur eine Deutung ist, dass es eine ist.
Wer heute „Westfalen“ sagt, meint meist einen Landesteil im Nordosten Nordrhein-Westfalens: Münsterland, östliches Ruhrgebiet, Sauerland, Ostwestfalen. Dahinter stehen die preußische Provinz Westfalen (1815/16 bis 1946) und, noch weiter zurück, ein Herzogtum der Kölner Erzbischöfe. Dieser Beitrag fragt nach dem Ältesten in dieser Reihe: nach den Westfalen als westlichem Teil der Sachsen, lateinisch Westfalai oder Westfali, im späten achten Jahrhundert. Die Handbücher stellen sie in eine Dreiteilung neben die Engern in der Mitte und die Ostfalen im Osten; den größeren Rahmen beschreibt der Beitrag Die Sachsen.
Zum Gebiet: Nach der deutschen Wikipedia zu den Sachsen lag es um Ruhr, Lippe und Ems, vom Münsterland bis in die Gegend von Osnabrück, im Süden mit dem östlichen Ruhrgebiet und dem Sauerland, im Osten bis zur Weser. Dieselbe Seite hält fest, dass Westfalen die einzige der drei Stammesbezeichnungen ist, die als politisches Gebiet überlebt hat. Wie weit der Stammesteil nach Westen reichte (die Darstellung nennt die niederländischen Provinzen Overijssel und Drenthe), ist eine Setzung der Handbücher. Die Quellen des achten Jahrhunderts nennen Flüsse, Gaue und Orte, aber keine Grenzlinien.
Drei Dinge gehören deshalb auseinandergehalten. Erstens der Stammesteil, der 775 zum ersten Mal begegnet. Zweitens „Westfalen“ als Raumbegriff des Mittelalters: Ein Projekt der FernUniversität Hagen beschreibt ihn für die ottonische und frühsalische Zeit (919 bis ins letzte Drittel des 11. Jahrhunderts) als „unscharfe übergeordnete Raumbezeichnung“ für den Westen Sachsens, ohne eigene politische Strukturen. Drittens die Provinz und das heutige Gebiet. Das Gebiet des alten Engern und das heutige Ostwestfalen überschneiden sich nach der üblichen Zuordnung; der Landschaftsname deckt sich also nicht mit dem Stammesteil.
Der Name selbst wird gewöhnlich als „westlicher Teil“ gelesen, die deutsche Wikipedia zu den Sachsen gibt „Westmänner“ oder „Westsachsen“ als Lesart an. Zum Bestandteil -falen schreibt die deutsche Wikipedia zu Ostfalen, die Endung sei germanischen Ursprungs und beziehe sich auf die Ebene; ein Beleg wird dort nicht genannt. Ein Gau namens Fahala ist in alten Texten bezeugt, ein Stamm „Falen“ nicht (deutsche Wikipedia zu Westfalen). Das alles sind Deutungen. Wie sich die Gruppe selbst nannte, wissen wir nicht, denn wir kennen die Namen nur aus fränkischer Feder.
Zum Rahmen dieser Seite: Ich schreibe nur, was ich in Texten gesehen habe oder was die Forschung ausdrücklich so vertritt, und kennzeichne, ob eine Aussage ein Beleg, eine Annahme, eine Vermutung, eine späte Überlieferung oder eine Legende ist.
Alles, was wir über die Westfalen des achten Jahrhunderts wissen, stammt von Autoren, die gegen sie Krieg führten oder ihnen die Taufe brachten. Die Sachsen selbst haben aus dieser Zeit nichts Erzählendes hinterlassen. Das gilt es bei jedem Satz mitzudenken.
Das Rückgrat bilden die Reichsannalen (Annales regni Francorum), die Jahreschronik des fränkischen Hofes für 741 bis 829. Nach dem LWL-Beitrag von Matthias Becher wurden sie nicht Jahr für Jahr geschrieben, sondern um 790 am Hof zusammengestellt, sind also keine neutrale Beobachtung; sie zeigen Karls Feldzüge als Erfolgsgeschichte, und Becher weist für 775 darauf hin, dass der Bericht eine fränkische Schlappe beschönigt. Dazu kommt die nach 814 überarbeitete Fassung, die man oft „Einhardannalen“ nennt; sie benutzt andere Namensformen (für die Ostfalen etwa Ostfalai, laut einer Auswertung der Ostfalenpost). Dass Einhard der Bearbeiter war, ist ein Vorschlag, kein Beweis. Für die Zeit unter Ludwig dem Frommen heißt das: Wer die Annalen liest, liest zwei Schichten, und die jüngere hat die Dinge mit dem Wissen von 814 geordnet.
Daneben stehen Rechtstexte: die Capitulatio de partibus Saxoniae mit offener Datierung (sie wird um 782 bis 785 angesetzt), das Capitulare Saxonicum von 797 und die Lex Saxonum von 802. Aus der Mission stammen das Altsächsische Taufgelöbnis (spätes 8. Jahrhundert), die Lebensbeschreibungen des Missionars Liudger, darunter die Vita Liudgeri des Altfrid, und das altsächsische Epos Heliand (erste Hälfte des 9. Jahrhunderts). Für die Unruhen von 841 bis 843 ist Nithard zu nennen, ein Enkel Karls des Großen, ferner die Annales Xantenses. Hinzu kommen Karls Biograph Einhard und, viel später, Widukind von Corvey (um 968).
Zur Methode, ganz offen: Gelesen habe ich Beckers Beitrag, die Reichsannalen zu 775, 776 und 782 bis 784 in der englischen Übersetzung von P. D. King (De Re Militari, über eine abfragende Auswertung der Seite, deshalb gebe ich nur den Inhalt wieder), drei Satzteile aus Einhards Vita Karoli, Kapitel 7, im lateinischen Wortlaut sowie zwei kürzere Seiten des LWL und der FernUniversität Hagen. Nithard, Altfrid, den Heliand, die Capitularien, die Lex Saxonum, Bede und Widukind von Corvey habe ich nicht gelesen. Wo ich sie anführe, stütze ich mich auf Zusammenfassungen, vor allem der deutschen und englischen Wikipedia. Das Quellenverzeichnis trennt beides.
Die Gegend zwischen Rhein, Lippe und Ems taucht in den Quellen früher auf als der Name „Westfalen“. Römische Truppen waren dort zur Zeit des Augustus: Das Lager Haltern an der Lippe wurde nach der deutschen Wikipedia nur bis 9 n. Chr. benutzt (Konrad Kraft ermittelte das 1956 anhand von Münzstatistiken); sein Anfang liegt wohl in den Jahren nach 8 v. Chr. und ist nicht genau bestimmbar. Haltern liegt am Nordufer der Lippe, und die römischen Lager dienten der Sicherung dieses Wasserwegs. Ob Haltern das bei römischen Autoren genannte Aliso ist, bleibt eine Hypothese; bestätigt ist die Gleichung nicht.
Als Bewohner nennen die römischen Autoren andere Völker. Tacitus berichtet in der Germania (Kapitel 33), neben den Tenkterern hätten einst die Brukterer gewohnt, nun, so erzähle man, seien Chamaven und Angrivarier eingewandert; die Brukterer seien vernichtet worden. Die englische Wikipedia weist darauf hin, dass moderne Historiker die Zahl von über 60.000 Toten bei Tacitus für übertrieben halten. Die Brukterer saßen im Gebiet zwischen Lippe und Ems; die Marser werden zwischen Rhein, Ruhr und Lippe verortet, und Tacitus schildert (Annalen 1,50 bis 51, nach der englischen Wikipedia) den Überfall des Germanicus auf sie im Jahr 14 n. Chr. an einem Heiligtum der Tanfana. Die Chattuarier erscheinen später, ab 360, als Franken am Niederrhein.
Die naheliegende Frage lautet, ob diese Völker die Vorfahren der Westfalen sind. Mehr als eine Vermutung ist darauf nicht zu sagen. Die deutsche Wikipedia zu den Sachsen schreibt, die Sachsen hätten die Brukterer um 695 und die Chattuarier um 715 unterworfen; die Quellen, auf denen diese Daten beruhen, habe ich nicht geprüft. Die englische Wikipedia zu den Brukterern nennt für Bede nur die Zeit „spätes siebtes Jahrhundert“ (Missionsversuch des Suitbert, Angriffe der Sachsen) und stellt fest, dass sich eine Verbindung der Brukterer zu den späteren Westfalen aus den Quellen nicht ableiten lässt. Wer „die Westfalen sind die Nachfahren der Brukterer“ liest, liest also eine Annahme. Die Archäologie kann, so urteilt die deutsche Wikipedia zu den Sachsen, ethnische Gruppen nicht verlässlich nachweisen. Im Süden des Raums, in der Gegend Marsberg und Volkmarsen, hält man Ortsnamen oft für Reste des Marsernamens; die englische Wikipedia kennzeichnet das als unbelegt, und für Volkmarsen gibt sie einen Personennamen als Ursprung an.
Die erste Nennung steht in den Reichsannalen zum Jahr 775, in Karls zweitem Sachsenfeldzug. Nach Becher hielt Karl zuerst eine Reichsversammlung in Düren bei Aachen, überschritt den Rhein, nahm die Hohensyburg, baute die Eresburg wieder auf und zog bis zur Oker. Dort kamen die „Austreleudi Saxones“ unter Hessi, Becher setzt sie mit den Ostfalen gleich, und stellten Geiseln. Auf dem Rückweg erschienen an der Weser, im Bückegau, die Engern unter Bruno und ihren übrigen Großen. Dann vereinigte sich Karl mit einer Abteilung, die er zur Sicherung des Weserübergangs zurückgelassen hatte; die Annalen nennen sie siegreich, Becher hält sie für geschlagen. Karl besiegte die Sachsen selbst, machte bei den Westfalen reiche Beute und zwang auch sie zur Geiselstellung. Die englische Übersetzung nennt als Ort der Kämpfe Braunsberg an der Weser und Lidbach (gleichgesetzt mit Lübbecke) und fasst zusammen, dass Ostfalen, „Angrarians“ und Westfalen Eide schworen und Geiseln stellten. Danach brach Karl nach Italien auf, wo ein langobardischer Aufstand unter Rodgaud drohte.
Auffällig ist, was fehlt. Hessi und Bruno haben Namen, die Westfalen nicht. Becher erklärt das so, dass ihr Anführer sich nicht unterwarf, und vermutet, es sei wahrscheinlich Widukind gewesen. Das ist eine Vermutung, gut begründet, aber nicht belegt; der Text nennt Widukind 775 nicht. Becher sieht in den drei Gruppen größere Verbände, die sich unter dem Druck der fränkischen Eroberung bildeten, weil kleine sächsische Gemeinwesen allein nicht widerstehen konnten. Ob es Selbstbezeichnungen waren, bleibe offen, sicher sei nur, dass fränkische Autoren sie benutzten. Spätere Quellen sprechen von „Heerschaften“, was zur militärischen Funktion passt. Eine LWL-Seite zur Regionalgeschichte nennt 774 statt 775; die übrigen Seiten und Becher sagen 775.
Danach werden die Gruppen in den Quellen fest. Eine Mainzer Geiselliste von 804 vermerkt, ob ein Geisel Westfale, Engern oder Ostfale war; das Capitulare Saxonicum (797) beteiligt alle drei an der Gesetzgebung; die Lex Saxonum (802) behandelt sie verschieden. Nach Becher erhielt dort eine Frau bei den Westfalen die Hälfte des gemeinsamen Ehegutes, bei Ostfalen und Engern nichts. Becher schließt, dass die Gruppen durch Kriegsnot und dann durch den fränkischen Schriftgebrauch zu festen Einheiten wurden. Das passt zu der Beobachtung im Beitrag zu den Engern, dass die Dreiteilung ein fränkisches Ordnungsschema gewesen sein könnte.
Die Sachsenkriege Karls des Großen reichen von 772 bis 804. Ich führe die Einträge auf, in denen der Westen vorkommt, und nenne die Quelle; wo nur eine Zusammenfassung vorlag, steht das dabei.
772. Karl nimmt die Eresburg (heute Marsberg) und zerstört die Irminsul. Das Jahr nennt die deutsche Wikipedia zu den Sachsen; die englische schwankt zwischen 772 und 773. Mehr zum Heiligtum im Beitrag zur Irminsul.
775. Siehe oben.
776. Die Sachsen brechen ihre Eide, vertreiben die Franken aus der Eresburg und zerstören sie. Die Belagerung der Syburg scheitert, die Verfolgten werden bis zur Lippe gejagt. Karl kehrt aus Italien zurück, die Sachsen unterwerfen sich und lassen sich taufen, die Eresburg wird wieder aufgebaut und an der Lippe ein weiteres Kastell errichtet, das mit Wachabteilungen belegt wird (King).
777. Erste Reichsversammlung in Paderborn. Viele Sachsen erscheinen und werden getauft. Widukind kommt nicht und flieht zu den Dänen; das ist seine erste Nennung. Die Annalen für diese Jahre habe ich nicht gelesen, die Angabe stammt aus der englischen Wikipedia und den Beiträgen auf dieser Seite.
779. Nach der englischen Wikipedia unterwirft Karl Ostfalen, Engern und Westfalen und teilt das Land bei einem Reichstag nahe Lippspringe in Missionsbezirke und Grafschaften auf. Nur eine Zusammenfassung; die Annalen zu 779 habe ich nicht gesehen.
782. Reichsversammlung an der Lippequelle. Widukind kehrt von den Nordmännern zurück und stiftet einen Aufstand an. Die Franken unter Adalgis und Gailo erleiden eine schwere Niederlage am Süntel. Karl lässt nach den Annalen 4.500 Sachsen bei Verden hinrichten (überarbeitete Fassung, gelesen). Zahl und Deutung werden bis heute diskutiert; dass etwas Schweres geschah, wird nicht bestritten.
783. Karl siegt bei Detmold und an der Hase (überarbeitete Fassung, gelesen). Die deutsche Wikipedia verlegt die Hase an einen Fluss bei Osnabrück und schildert einen dreitägigen Kampf; sie stützt sich auf Literatur des 19. Jahrhunderts, und die Belagerung einer „Wittekindsburg“ gilt ihr selbst als wahrscheinlich späte Legende.
784. Hochwasser zwingt Karl, nach Thüringen auszuweichen. Sein gleichnamiger Sohn gewinnt einen Reitersieg an der Lippe; nach Becher besiegte er die Westfalen im Dreingau. Karl rückt bis Rehme vor, wo Weser und Werre zusammenfließen, und überwintert in der Eresburg (King).
785. Widukind unterwirft sich und lässt sich taufen, vermutlich in Attigny, mit Karl als Taufpaten. Die Annalen behaupten, nun sei ganz Sachsen unterworfen; Becher nennt das eine Illusion, denn gekämpft wurde weiter.
792 bis 794. Nach der englischen Wikipedia erheben sich die Westfalen gegen die Aushebung für die Awarenkriege; Ostfalen und Nordalbingier schließen sich 793 an, 794 ist der Aufstand niedergeworfen. Auch das ist nur über eine Zusammenfassung belegt.
797, 799, 802. Das Capitulare Saxonicum mildert die Sondergesetze; 799 besucht Papst Leo III. die Pfalz in Paderborn und weiht dort einen Altar (nach der deutschen Wikipedia zur Kaiserpfalz); 802 wird das sächsische Recht in der Lex Saxonum aufgezeichnet.
804. Das letzte Aufbegehren wird niedergeschlagen, und die Sachsen sind ins Frankenreich eingegliedert, mit ihren Thingversammlungen (deutsche Wikipedia zu den Sachsen). Die Geiselliste von Mainz stammt aus diesem Jahr.
„Eaque conditione a rege proposita et ab illis suscepta tractum per tot annos bellum constat esse finitum, ut abiecto daemonum cultu et relictis patriis caerimoniis, Christianae fidei atque religionis sacramenta susciperent … Francis adunati unus cum eis populus efficerentur.“
„Unter dieser vom König vorgeschlagenen und von jenen angenommenen Bedingung sei, so steht fest, der über so viele Jahre hingezogene Krieg beendet worden: dass sie den Dämonenkult aufgäben, die väterlichen Bräuche ließen, die Sakramente des christlichen Glaubens annähmen … und, mit den Franken vereint, ein Volk mit ihnen würden.“Einhard, Vita Karoli Magni, Kapitel 7 (gemeinfrei). Die drei Satzteile wurden im lateinischen Wortlaut über die Seite „The Latin Library“ gelesen, das übrige Kapitel nicht Wort für Wort; die Schreibung folgt dieser Seite. Eigene Übersetzung. Einhard spricht von den Sachsen insgesamt, nicht von den Westfalen allein, und schreibt als Biograph des Siegers.
Von einem sächsischen König ist in den Texten, die ich sah, nirgends die Rede. Die Westfalen standen, wie die anderen, unter Adligen, die im Krieg Gefolgschaften führten und im Frieden Recht sprachen. Nithard, der 843 schrieb, unterscheidet in Sachsen drei Stände: Edelinge (edhilingui), Freie (frilinge) und Halbfreie (lazzi). Die Stelle kenne ich nur aus der deutschen Wikipedia zur Stellinga. Die Verbandsbildung von 775 deutet auf Heerführer hin, nicht auf Könige. Ob es unter den Westfalen einen Vorrang gab, sagen meine Quellen nicht.
Zur Religion: Aus dem späten achten Jahrhundert stammt das Altsächsische Taufgelöbnis, das nach der deutschen Wikipedia den Täufling verpflichtet, Wodan, Donar und Saxnot (wohl der Stammesgott) abzuschwören. Es nennt Götternamen, und es steht in einem Text der Gegner. Das Heiligtum der Irminsul zerstörte Karl 772. Wie das Heiligtum aussah, wissen wir nicht; in den Texten, die ich sah, wird es nicht beschrieben, und was darüber gesagt wird, ist Deutung. Zur Frage der Glaubensvorstellungen siehe Germanische Religion.
Rechtlich bekam das Land fränkische Verwaltung: Grafschaften und Bistümer. Die Capitulatio de partibus Saxoniae sah nach der englischen Wikipedia die Todesstrafe für jene vor, die dem Heidentum anhingen; 797 wurde sie wieder abgeschafft. Das Thing der Sachsen blieb, nach der deutschen Wikipedia, bestehen. Zu den Versammlungen siehe Thing.
Archäologie kann Westfalen als Gruppe nicht fassen; Funde sprechen nicht von selbst „westfälisch“. Was sie fassen kann, sind fränkische Anlagen. In Paderborn grub Wilhelm Winkelmann von 1964 bis 1978 und legte eine Pfalz frei: einen Hof von etwa 280 mal 250 Metern, von einer 1,5 Meter dicken Kalksteinmauer umgeben, mit einer Aula von 31 mal 10 Metern und einer Salvatorkirche von 9 mal 20 Metern. Dass die in den Annalen zu 776 genannte urbs Karoli der erste Bau war, ist wahrscheinlich, aber nicht erwiesen; die Brandschicht des Jahres 1000 ist Winkelmanns Deutung (nach der deutschen Wikipedia zur Kaiserpfalz). Eine eigene sächsische Siedlungs- oder Grabkultur lässt sich ohne Schriftquellen kaum „westfälisch“ nennen.
Die Mission begann dichter, als Karl die Verhältnisse beruhigt sah. Liudger, um 742 bei Utrecht geboren, Schüler Alkuins in York, 777 in Köln zum Priester geweiht, wirkte seit 776 in Friesland. Vielleicht nach dem Aufstand von 792 (so die deutsche Wikipedia) übertrug Karl ihm die Mission im westlichen Sachsen; 793 gründete Liudger das Kanonikerstift in Münster, aus dem das Bistum wurde. Er kaufte ab 796 Land bei Werden an der Ruhr und gründete um 800 ein Eigenkloster. Am 30. März 805 weihte ihn Erzbischof Hildebold von Köln zum ersten Bischof von Münster. Er starb am 26. März 809 in Billerbeck und wurde in Werden beigesetzt. Alle Daten stammen aus der Zusammenfassung; die Vita Liudgeri habe ich nicht gelesen.
Aus dieser Welt stammt der Heliand, ein altsächsisches Evangelienepos in Stabreimversen, entstanden wohl in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Wo es geschrieben wurde, ist offen: Die deutsche Wikipedia nennt Fulda und, nach sprachlichen und schriftkundlichen Untersuchungen, Werden an der Ruhr als Möglichkeiten. Die Münchner Handschrift entstand wohl um 850 in Corvey; ihr Dialekt gilt Haubrichs als ostwestfälisch. Das ist eine Zuordnung der Sprachwissenschaft, kein Hinweis auf einen westfälischen Autor.
Kaum eine Gestalt ist so eng mit den Westfalen verbunden wie Widukind, und kaum eine so schwer zu fassen. Die Annalen nennen ihn 777 als Abwesenden in Paderborn, 782 als Rückkehrer von den Dänen und 785 als Täufling. Alles, was wir haben, kommt von seinen Gegnern. Dass er Westfale war, beruht auf Bechers Überlegung zu 775 („wahrscheinlich“); die englische Wikipedia sagt ausdrücklich, seine Herkunft sei nicht gesichert. Dass er „Stammesherzog“ war, ist in den Stellen, die ich las, nicht zu finden; die deutsche Wikipedia zu den Sachsen nennt ihn nur den Anführer des erneuten Aufstands nach 777, und die englische weiß nicht, welchen Titel er trug. Was nach 785 mit ihm geschah, bleibt offen; eine Haft auf der Reichenau, wie Gerd Althoff vorschlug, lehnt die Forschung weitgehend ab. Das Grab in Enger wird erst im frühen 13. Jahrhundert erwähnt. Der Beitrag zu Widukind behandelt die Quellen im Einzelnen.
Die letzten Aufstände fallen in die Jahre 841 bis 843. Die Stellinga richteten sich nach der Darstellung der deutschen Wikipedia gegen die eigenen Herren; Nithard sagt, die Aufständischen wollten leben wie ihre Vorfahren vor der fränkischen Eroberung. Lothar I. warb im August 841, nach seiner Niederlage bei Fontenoy, um ihre Hilfe gegen seinen Bruder Ludwig den Deutschen. Ludwig ließ 842 nach der deutschen Wikipedia 140 Anführer enthaupten und 14 hängen. Dort heißt es, der Aufstand sei „überall in Sachsen“ ausgebrochen; ob die Westfalen besonders betroffen waren, sagt meine Quelle nicht.
In ottonischer und salischer Zeit hatte Westfalen nach dem Hagener Projekt keine eigenen politischen Strukturen. Ernst Schubert sieht die Lösung vom ostsächsischen Übergewicht in den Sachsenkriegen Heinrichs IV. (1073 bis 1075). Dann der Einschnitt: Nach dem Sturz Heinrichs des Löwen übertrug der Hoftag von Gelnhausen am 13. April 1180 dem Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg die herzogliche Gewalt in Westfalen und, so die Deutsche Biographie, in einem Teil von Engern; er führte fortan den Titel „Herzog von Westfalen und Engern“. Die Urkunde regelte weder Grenzen noch Rechte. Der Kölner Besitz blieb ein verstreutes Gebiet, das zu etwa 83 Prozent aus dem Sauerland bestand, mit Arnsberg als Residenz; die Grafschaft Arnsberg kam 1368 hinzu. Das Herzogtum Westfalen endete nicht 1803, wie man oft liest, sondern wurde 1802 von Hessen-Darmstadt besetzt und 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluss bestätigt. 1816 nahm Preußen es in Besitz. Es war ein Kölner Herzogtum und kein Stammesherzogtum der Westfalen.
Der Raum der Westfalen reicht im Westen bis ans Rheinland heran, und die Beziehung zum Rheinland ist belegt, wenn auch meist als Weg. 775 hielt Karl nach Becher eine Reichsversammlung in Düren bei Aachen, bevor er den Rhein überschritt. 782 hielt Karl seine Versammlung in Sachsen an der Lippequelle (King). Der Westfale Liudger wurde 777 in Köln zum Priester geweiht, und Erzbischof Hildebold von Köln weihte ihn 805 zum Bischof von Münster. Nach seiner Niederlage bei Fontenoy floh Lothar 841 nach Aachen (deutsche Wikipedia zur Stellinga). Auch das Buch, das die westfälische Identität stark prägte, entstand am Rhein: Werner Rolevincks „Buch zum Lobe Westfalens“ erschien 1474 in Köln; es stellt die Rolle des Landes in der Heilsgeschichte dar, weil Karls Größe vom Sieg über die Sachsen abhing. Das Kölner Erzbistum ist damit das stärkste belegte Bindeglied. Zu Aachen selbst und zu Alsdorf lässt sich ein belegter Bezug der Westfalen nicht herstellen. Wer sich für die Gegend interessiert, findet mehr bei Germanen im Rheinland.
Die Westfalen verschwanden als Gruppe nicht, sie wurden zum Namen eines Landes. Nach dem LWL-Text breitete sich der Name vom 9. bis 13. Jahrhundert auf das ganze Gebiet zwischen Rhein und Weser aus und verdrängte dort den Namen Engern; im 13. Jahrhundert sah man Westfalen als die antiqua Saxonia. Das Bewusstsein, eine Landschaft mit eigener Geschichte zu sein, war am Ende des Mittelalters voll ausgebildet und stützte 1512 die Bildung des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises.
Später kamen andere Verwendungen dazu. Das Königreich Westphalen (1807 bis 1813), geschaffen für Jérôme Bonaparte, umfasste überwiegend Gebiete, die heute in anderen Ländern liegen, und taugt nach der deutschen Wikipedia nicht als Grundlage der Region. Die preußische Provinz Westfalen bestand von 1816 bis 1946; Nordrhein-Westfalen wurde am 23. August 1946 gebildet, Lippe kam 1947 dazu. Der Westfälische Friede von 1648 (Münster und Osnabrück) trägt den Namen der Landschaft, hat mit den Sachsen aber nichts zu tun.
Um Widukind wuchsen die Legenden: eine „Wittekindsburg“, das Grab in Enger, Nachfahren wie Königin Mathilde (die Abstammung ist nicht belegt; die englische Wikipedia schreibt „offenbar“) oder die Billunger. Das alles ist spät.
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Die Sachsen · Die Engern · Die Ostfalen · Widukind · Die Franken.
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