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Die Lakringen: Was ein einziger Satz bei Cassius Dio hergibt

Geschichte & Funde Die Lakringen: Was ein einziger Satz bei Cassius Dio hergibt

Die Lakringen (lateinisch Lacringi) gelten in vielen Darstellungen als vandalischer Teilstamm neben den Hasdingen. In den Quellen steht das so nicht. Cassius Dio erwähnt sie ein einziges Mal, als Volk, das um 171/172 an der Grenze zu Dakien eine andere Gruppe, die Astingen, überrumpelt; die Historia Augusta führt sie in einer Liste. Dieser Beitrag legt beide Stellen offen, trennt Beleg von Deutung und sagt dort, wo es nichts zu sagen gibt, dass es nichts zu sagen gibt.

Ein Name, zwei Fundstellen

Von den meisten Völkern, die in diesem Blog auftauchen, bleibt wenigstens eine Handvoll Zeilen. Bei den Lakringen sind es noch weniger. Der Name begegnet in der gesamten antiken Überlieferung, soweit ich sie prüfen konnte, an genau zwei Stellen: in der Römischen Geschichte des Cassius Dio, wo sie als handelnde Gruppe vorkommen, und in der Kaiserbiographie des Marcus Aurelius in der Historia Augusta, wo sie in einer Aufzählung von Gegnern stehen. Ein Herrschername, ein Ortsname, ein Grab, eine Inschrift, die sich ihnen zuordnen ließe, fehlt. Schon die Schreibweise schwankt je nach Sprache und Ausgabe: Lakringen oder Lakringer im Deutschen, Lacringi in der lateinischen Form, Lacringes in der Historia Augusta.

Gerade das macht den Fall brauchbar. An den Lakringen lässt sich zeigen, wie dünn der Faden sein kann, an dem ein „Stamm“ in modernen Büchern hängt, und wie leicht aus einer Randnotiz eine Zugehörigkeit wird. In Lexikonartikeln liest man, die Lakringen seien ein Teilstamm der Vandalen gewesen, Verwandte oder Rivalen der Hasdingen. Das ist eine Deutung. Keine der beiden antiken Stellen nennt sie Vandalen. Wie sich dieser Eindruck eingeschlichen hat, zeigen die folgenden Abschnitte.

Bevor es um die Texte geht, eine Vorbemerkung zur Zählung: Cassius Dios Buch über Marcus Aurelius wird je nach Ausgabe als Buch 71 (ältere Zählung nach Boissevain) oder als Buch 72 (Zählung der Loeb-Ausgabe von Earnest Cary) geführt. Die Stelle mit den Lakringen steht dort in Kapitel 12. Im Folgenden schreibe ich 72,12 nach Cary und weise darauf hin, wo die Zählung abweicht.

Cassius Dio, ein römischer Senator griechischer Sprache aus Nikaia in Bithynien, schrieb seine Römische Geschichte im frühen 3. Jahrhundert, also rund ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen. Von den Büchern über Marcus Aurelius ist das Original nicht erhalten. Wir kennen den Text aus Auszügen, vor allem aus der Zusammenfassung des byzantinischen Mönchs Johannes Xiphilinos im 11. Jahrhundert, daneben aus den Exzerpten, die im 10. Jahrhundert unter Kaiser Konstantin VII. zusammengestellt wurden. Das bedeutet: Was wir als „Dio“ lesen, ist schon einmal gekürzt und umformuliert worden. Namen und Einzelheiten können dabei verloren gegangen sein, und der Gesamtzusammenhang wird teils nur noch angedeutet.

Für die Markomannenkriege (ab 166/167 bis 180) ist Dio trotzdem eine Hauptquelle, neben der Historia Augusta, Inschriften und Münzen. Die Historia Augusta ist eine lateinische Sammlung von Kaiserbiographien, die im späten 4. Jahrhundert entstand und für viele Angaben als unzuverlässig gilt. Wer die Lakringen verstehen will, muss also zwei Quellen von sehr unterschiedlichem Gewicht auseinanderhalten.

Die Stelle: Dio 72,12

Der Abschnitt gehört in eine Phase, in der Rom Bewegung in die Völker nördlich der Donau bringen will, unter anderem mit Geld und Landzusagen. Kurz vorher berichtet Dio, dass sich verschiedene Gruppen gegen Bezahlung und Ansiedlungsrechte auf römische Seite ziehen ließen. Dann folgt der Bericht über die Astingen und, als Randfigur darin, die Lakringen. In der Loeb-Übersetzung (gemeinfrei bei Penelope, University of Chicago) lautet der Kern so: Die Astingen kamen unter ihren Anführern Raüs und Raptus mit ihrem gesamten Hausstand nach Dakien und hofften, für ein Bündnis Geld und Land zu erhalten. Als das scheiterte, ließen sie Frauen und Kinder unter dem Schutz eines Mannes namens Clemens zurück, bis sie sich das Land der Kostoboken mit Waffengewalt verschafft hätten. Nach dem Sieg über die Kostoboken schadeten sie Dakien nicht weniger als zuvor. Dann heißt es:

„Die Lakringen aber fürchteten, Clemens könnte aus Angst vor ihnen diese Neuankömmlinge in das Land führen, das sie selbst bewohnten; sie fielen unvorbereitet über sie her und errangen einen klaren Sieg.“Cassius Dio, Römische Geschichte 72(71),12 (eigene Übersetzung nach dem englischen Text der Loeb-Ausgabe von E. Cary, gemeinfrei; den griechischen Wortlaut habe ich nicht selbst eingesehen)

Danach, so Dio weiter, ließen die Astingen von ihren Feindseligkeiten gegen Rom ab, baten Marcus eindringlich und erhielten Geld sowie das Recht, um Land nachzusuchen, wenn sie Roms Feinden Schaden zufügten. Einen Teil dieser Zusagen hätten sie auch gehalten. Im selben Abschnitt wendet sich Dio dann den Cotinern zu, die ähnliche Angebote gemacht, den römischen Sekretär Tarrutenius Paternus aber schlecht behandelt hätten, was später zu ihrem Untergang geführt habe. Mehr steht zu den Lakringen nicht da.

Was im Satz steckt und was nicht

Zwei Dinge verraten die Lakringen indirekt. Erstens saßen sie in der Nähe von Dakien, und zwar so, dass ein römischer Statthalter sie hätte bedrohen können, indem er fremde Neuankömmlinge in ihr Gebiet führte. Zweitens waren sie stark genug, um die Astingen, die gerade ein ganzes Volk, die Kostoboken, verdrängt hatten, in einem Überraschungsangriff zu schlagen. Mehr gibt der Satz nicht her. Wo genau die Lakringen siedelten, schreibt Dio nicht. Wie groß sie waren, wer sie führte, welche Sprache sie sprachen und wie sie sich selbst nannten, ebenfalls nicht.

Dio schreibt auch nicht, dass die Lakringen Verbündete Roms gewesen seien. Man liest das gelegentlich, etwa in Überblicksartikeln, die sagen, Astingen und Lakringen hätten 171 auf römischer Seite gegen die Kostoboken gekämpft. Im Text, soweit ich ihn prüfen konnte, kämpfen die Astingen gegen die Kostoboken, und die Lakringen greifen die Astingen an. Der Beweggrund der Lakringen ist Furcht um ihr eigenes Land, nicht römischer Auftrag. Zur Rolle des Clemens: Dio nennt nur den Namen. Dass es sich um den Statthalter Sextus Cornelius Clemens handelt, der in dieser Zeit Dakien verwaltete, ist eine moderne Identifikation, die vor allem auf Inschriften beruht. Sie ist plausibel, steht aber nicht im Dio-Text selbst.

Ein Datum nennt Dio ebenfalls nicht. Die Forschung rückt die Szene aus dem Zusammenhang der Erzählung in die Jahre um 171/172. Das ist eine Einordnung, kein Beleg im engeren Sinn.

Was gesichert ist

  • Die Lakringen kommen bei Cassius Dio an einer einzigen Stelle vor (72,12 nach Cary, in älterer Zählung 71,12). Sie greifen dort die Astingen unter Raüs und Raptus an und siegen.
  • Sie siedelten nach Dios Darstellung in der Nähe von Dakien; ein genauerer Ort wird nicht genannt.
  • Die Historia Augusta (Marcus Aurelius 22,1) nennt „Lacringes“ in einer Liste von Völkern, die sich gegen Rom verbündet hätten, gemeinsam mit den Burern.
  • Dio nennt weder die Lakringen noch die Astingen an dieser Stelle „Vandalen“.
  • Von den Lakringen sind keine eigenen Zeugnisse (Inschrift, Grabfund mit Namen, Herrscherliste) überliefert.

Die Historia Augusta: „Lacringes et Burei“

Die zweite Stelle steht in der Biographie des Marcus Aurelius, Kapitel 22. Dort heißt es in englischer Wiedergabe sinngemäß, alle Völker von der illyrischen Grenze bis nach Gallien hätten sich verschworen: die Markomannen, Varisten, Hermunduren und Quaden, die Sueben, Sarmaten, Lakringen und Burer, diese und einige andere zusammen mit den Victualen; später folgt eine längere Namensreihe, in der auch die Kostoboken stehen. Der Althistoriker Peter Kehne führt diese Aufzählung in einer Untersuchung zu den Markomannenkriegen ausdrücklich als „Völkertafel“ auf und weist darauf hin, dass die Forschung ihren Wert diskutiert. Er erwähnt dabei auch, dass einzelne Forscher an der Vorstellung eines großen, festen Völkerbundes zweifeln.

Für die Lakringen heißt das: Die Historia Augusta bestätigt den Namen als eigenständige Gruppe im Kreis der Gegner des Marcus, und sie nennt sie unmittelbar neben den Burern, die nach Tacitus im Rücken von Markomannen und Quaden saßen (Germania 43). Das ist die einzige Nachbarschaftsangabe, die wir haben, und sie ist literarischer Natur. Eine Liste von Völkernamen in einer spätantiken Biographie lässt sich nicht wie eine Karte lesen. Ob die Reihenfolge geographisch gedacht ist, ist offen.

Zu diesen beiden Stellen kommt nach meinem Kenntnisstand nichts. Wer in Büchern einen Auftritt der Lakringen im Jahr 166 findet, als sie zusammen mit Langobarden nach Pannonien eingefallen seien, stößt auf Sekundärliteratur (so die englische Wikipedia unter Berufung auf Michael Kulikowski). Dios Bericht über diesen Einfall, soweit ich ihn in der englischen Fassung bei Penelope lesen konnte, nennt „Langobarden und Obier“ (Langobardi und Obii), nicht die Lakringen. Ob die Handschriften oder Fragmente hier eine andere Lesart bieten, konnte ich nicht klären. Ich behandle die Angabe deshalb als ungeprüft.

Astingen und Hasdingen: dieselben?

Die Astingen bei Dio und die Hasdingen (auch Asdingen, lateinisch Asdingi oder Hasdingi) in späteren Quellen werden in der Forschung meist gleichgesetzt. Das ist eine Gleichsetzung über den Namen. Dio sagt an der Dakien-Stelle nichts von Vandalen. Das Verbindungsstück liefert der gotische Geschichtsschreiber Jordanes im 6. Jahrhundert. In seiner Getica (Kapitel 22, Abschnitte 113 bis 115) heißt es von dem Vandalenkönig Visimar, er stamme aus dem Geschlecht der Asdingi, das unter den Vandalen hervorrage und ein besonders kriegerisches Geschlecht anzeige. Der Gotenkönig Geberich besiegt ihn am Fluss Marisia, und die Überlebenden erhalten von Kaiser Konstantin Land in Pannonien, wo sie etwa sechzig Jahre bleiben. Dass ein ähnlicher Name, in der Schreibung leicht verschoben, bei Dio rund 160 Jahre vor Visimars Zeit auftaucht, ist ein Argument für Kontinuität. Es bleibt ein Argument aus Namensähnlichkeit und geographischer Plausibilität.

Jordanes kennt zudem „Astringi“ an anderer Stelle (Getica 16, Abschnitt 91) als Hilfsvölker des Gotenkönigs Ostrogotha, neben Taifalen und Karpen. Ob damit dieselbe Gruppe gemeint ist, bleibt umstritten, ebenso, ob dieser Ostrogotha ein einzelner König war. Das Lexikon-Wissen, das „Hasdingen“ seit dem 2. Jahrhundert als kontinuierlichen Vandalenstamm führt, ist also in Wahrheit eine Kette aus Dio (Astingi, 2. Jahrhundert), Jordanes (Asdingi, 4. Jahrhundert, aber im 6. Jahrhundert aufgeschrieben) und späteren Chronisten. Der Name selbst gilt als germanisch und wird üblicherweise mit einem Wort für „Haar“ zusammengebracht, vergleichbar altnordisch haddr, dem Wort für das lange Frauenhaar; die Hasdingen wären danach die „Langhaarigen“. Das ist die gängige Deutung und kein Beleg.

Die Lakringen spielen in dieser Kette keine Rolle. Sie erscheinen bei Jordanes nicht. Wer sie zu „Vandalen“ macht, tut das aus der Nachbarschaft zu den Astingen und aus dem Gedanken, dass Dio über das Ganze der Vandalen berichte. Dio selbst spricht von Vandalen erst in einem anderen Zusammenhang.

Wo Dio von Vandalen spricht

Im Bericht über den Frieden unter Kaiser Commodus (180) verlangt Rom nach Dio, die Markomannen sollten keinen Krieg gegen die Jazygen, die Burer und die Vandilier führen (Dio 73,2, in älterer Zählung 72,2). Das ist die Stelle, an der Vandalen bei Dio auftreten, und sie stehen dort als Nachbarn der Burer, nicht als Verbündete der Astingen. Der Zusammenhang mit der Dakien-Episode ist also ein indirekter. Sowohl die Historia Augusta (Lacringes et Burei) als auch Dio (Buri und Vandili) nennen die Burer neben einer zweiten Gruppe. Die beiden Listen sind von unterschiedlicher Art und stammen aus verschiedenen Zeiten. Dass die Burer in beiden vorkommen, erlaubt nicht den Schluss, Lakringen und Vandilier seien dasselbe; gleichgesetzt werden sie in keiner der beiden Quellen.

Eutropius, ein Geschichtsschreiber des 4. Jahrhunderts, nennt im Zusammenhang mit dem Markomannenkrieg Quaden, Vandalen, Sarmaten und Sueben (Breviarium 8,13). Auch dort gibt es keine Lakringen. Das Bild eines großen vandalischen Verbands bei Marcus Aurelius entsteht also vor allem aus Eutropius und Dio 73, nicht aus 72,12.

Lugier, Vandilier und die Frage nach dem Bund

Wer nach den Wurzeln der Lakringen sucht, landet unweigerlich bei den Lugiern, über die es einen eigenen Beitrag gibt (Die Lugier). Tacitus schreibt in der Germania, der Name der Lugier erstrecke sich über viele Stämme; als mächtigste nennt er die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und Naharvalen (Germania 43). Cassius Dio erwähnt die Lugier (bei ihm Lygier) in den 90er Jahren des 1. Jahrhunderts, als sie Domitian um Hilfe gegen Sueben baten und eine kleine Reiterschar erhielten (Dio 67,5). Beide Quellen nennen sie nirgends Vandalen.

Die Verbindung zwischen Lugiern und Vandalen ist ein klassisches Forschungsthema. Plinius der Ältere nennt eine Gruppe „Vandili“ (die Handschriften schwanken zwischen Vandili und Vindili), zu der er Burgunder, Varinner, Charinen und Gutonen rechnet. Tacitus erwähnt in Germania 2 die „Vandilii“ unter den alten Namen. Ptolemäus führt die Lugier mit Untergruppen auf, die Silingen aber getrennt (siehe Die Silingen). Der Mittelalterhistoriker Reinhard Wenskus hat vorgeschlagen, dass der Name Vandilier den Namen Lugier in den römischen Texten nach den Markomannenkriegen allmählich ersetzte; Walter Pohl und Kazimierz Godłowski mahnen zur Vorsicht, weil die Verknüpfung vor allem auf gemeinsamer Geographie beruhe (so die Zusammenfassung dieser Forschung in der englischen Wikipedia; die Originalwerke habe ich nicht eingesehen).

Wo bleiben die Lakringen? Eine unmittelbare Gleichsetzung der Lakringen mit den Lugiern kenne ich aus keiner der Quellen, die ich einsehen konnte, und eine Namensähnlichkeit (Lug-, Lak-) wäre kein Beleg. Aus den Quellen ergibt sich nur, dass sie im Zeitraum um 170 zwischen dem Karpatenbogen und der Donau auftauchen, in einer Gegend, in der auch die Lugier-Erben vermutet werden. Das ist ein Rahmen, kein Ergebnis.

Und die Silingen?

Die Silingen, über die es einen ausführlichen Beitrag gibt, tauchen bei Ptolemäus um die Mitte des 2. Jahrhunderts als „Silingai“ südlich der Semnonen auf und erst im 5. Jahrhundert bei Hydatius wieder, dort als Vandalen mit Beinamen Silingen. Zu den Lakringen besteht keine überlieferte Beziehung. Beide Gruppen sind in der Forschung später als Teile der Vandalen verstanden worden, die Silingen mit besserer Begründung, weil Hydatius sie ausdrücklich so nennt. Wer sagt, die Lakringen seien „wie die Silingen“ ein Teilstamm, überträgt eine Quellenlage auf die andere, die so nicht besteht.

Hilfreich ist der Vergleich dennoch. Bei den Silingen kennen wir einen Anfang (Ptolemäus) und ein Ende (Hydatius, 418). Bei den Lakringen kennen wir nur einen Moment. Der Name wirkt wie ein Ausschnitt aus einem Vorgang, den keine Quelle erzählt.

Przeworsk und die Grenzen der Archäologie

Die Przeworsk-Kultur, benannt nach dem Fundort Przeworsk in Südostpolen, bestand vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. Ihr Kerngebiet lag im Einzugsbereich von oberer Oder und Weichsel. Sie kennt vor allem Brandbestattungen, zerbrochene und verbogene Waffenbeigaben und, in der römischen Kaiserzeit, Funde römischer Importe. Der Archäologe Bartosz Kontny beschreibt für die Zeit der Markomannenkriege, dass Przeworsk-Krieger vermutlich an Raubzügen an der römischen Grenze beteiligt waren und dass sich Gruppen in Richtung der oberen Theiß bewegten; römische Schwerter und Ringpanzerreste in Gräbern deutet er als Beute (so die Zusammenfassung seines Beitrags; den Volltext habe ich nicht eingesehen).

Ob sich die Lakringen archäologisch fassen lassen, ist offen. Dio nennt keinen Ort, und ohne Ortsangabe lässt sich keine Fundgruppe zuordnen. Dass Przeworsk-Gruppen in den oberen Theißraum zogen, passt zeitlich zur Lage von Dios Szene, ist aber kein Nachweis für die Lakringen. Wojciech Nowakowski, der die deutsche Archäologie in Polen untersucht hat, weist darauf hin, dass die Verbindung zwischen Przeworsk und Vandalen nur in spätantiken Schriftquellen auftaucht (nach der Zusammenfassung im Hasdingen-Artikel der deutschen Wikipedia). Ähnlich warnt Godłowski davor, die gesamte Przeworsk-Kultur als vandalisch zu behandeln. Ein Fundplatz, ein Gräberfeld oder eine Siedlung mit dem Etikett „Lakringen“ wäre deshalb eine Behauptung, die weder der Text noch der Spaten trägt.

Die Nachbarn: Kostoboken, Burer, Quaden, Markomannen

Der Raum um Dakien um 170 war dicht besetzt. Die Kostoboken, die Dios Astingen verdrängten, waren selbst erst Jahre zuvor in die Schlagzeilen geraten: Um 170 stießen sie über die Donau bis nach Eleusis in Griechenland vor (so die deutsche und englische Wikipedia zu den Markomannenkriegen). Ihre Herkunft ist umstritten; die Cambridge Ancient History spricht von einem Volk „unsicherer Herkunft“ im Norden oder Nordosten der Provinz Dakien. Die Lakringen müssten demnach in einem Gebiet gesessen haben, in dem Platz für eine Verschiebung der Kostoboken war, das aber auch noch von Rom aus erreichbar war.

Die Burer sind nach Tacitus im Rücken der Markomannen und Quaden zu suchen. Als Rom den Krieg ab etwa 171 über die Donau trug, standen die Markomannen und die Quaden im Mittelpunkt. Marcus Aurelius starb am 17. März 180 in Vindobona, dem heutigen Wien. Sein Sohn Commodus schloss noch im selben Jahr Frieden mit Markomannen und Quaden und kehrte nach Rom zurück, wo er am 22. Oktober 180 triumphierte (so die Zeitleiste der englischen Wikipedia). Die Lakringen kommen in diesen Schlussakten nicht mehr vor.

Auch die Cotiner sind ein Beispiel dafür, wie Roms Politik damals arbeitete: Geld und Landzusagen, um Gruppen auseinanderzutreiben, im selben Dio-Kapitel wie die Lakringen. Dio berichtet an anderer Stelle (72,11), dass einige Barbaren Land in Dakien, Pannonien, Moesien, Germanien und sogar in Italien erhielten. Die Lakringen sind keine Bündnispartner dieser Politik. Ihr Auftritt zeigt eher, was sie dagegen unternahmen: Sie verteidigten ihr Gebiet.

Schweigen nach 172

Nach Dios Satz verschwinden die Lakringen. Die englische Wikipedia nennt sie zwar im Zusammenhang mit Quellen des 3. Jahrhunderts als „möglicherweise Vandalen“. Einen Beleg für eine Erwähnung im 3. Jahrhundert habe ich weder in Dio noch in den Quellen zu den Gotenkriegen gefunden; ich behandle die Angabe als nicht prüfbar. Auch bei Jordanes oder in den mir zugänglichen Zusammenfassungen der Berichte über Aurelians Donaukrieg gegen Vandalen (um 270/271) und über die Ansiedlung von Vandalen unter Probus (278, nach Zosimus) taucht der Name Lakringen nicht auf; die Originale habe ich dort nicht selbst gelesen.

Die Hasdingen dagegen lassen sich verfolgen. Jordanes setzt sie im 4. Jahrhundert an den Marisia (heute Mureș), später in Pannonien. Sie zogen 406 über den Rhein, kamen 409 nach Spanien und setzten 429 unter Geiserich nach Nordafrika über. Nach dem Untergang der Silingen 418 scheinen sie auch deren Überlebende übernommen zu haben (siehe Silingen und Vandalen). Von den Lakringen fehlt jede entsprechende Spur. Möglich ist, dass sie in anderen Verbänden aufgingen, dass sie unter anderem Namen weiterlebten oder dass ihr Name nie mehr in einer erhaltenen Quelle auftaucht. Welche dieser Möglichkeiten zutrifft, lässt sich nicht beurteilen.

Als Gepiden und Goten später den Karpatenraum prägten, waren die alten Namen überholt. Jordanes erinnert an Räume, die die Gepiden später besiedelten, und an Gotenkönig Geberich, mit dem die Goten in die Region drängten. Für das 2. Jahrhundert helfen diese Berichte nur bedingt.

Namensdeutung: ein Suffix und ein Rätsel

Der Name Lacringi enthält das germanische Suffix -ing, das Gruppen nach einem Namengeber oder einem Merkmal bezeichnet, ähnlich wie bei Hasdingen, Silingen oder Thüringern. Eine Deutung des Stamms „Lakr-“ ist mir nicht bekannt, und ich habe in den eingesehenen Quellen keine gefunden. Versuche, ihn mit slawischen oder anderen Namen zu verbinden, sind in Leserkommentaren zu finden, nicht in Fachliteratur. Aus dem Suffix lässt sich schließen, dass der Name germanisch geformt ist; eine Sprache oder Herkunft ergibt sich daraus nicht. Namen, die germanisch klingen, wurden in der römischen Überlieferung auch auf Gruppen angewandt, die selbst ganz anders sprachen. Das gilt für die Cotiner, über die schon Tacitus bemerkt, dass sie nicht germanisch sprechen.

Zur Forschungsgeschichte gehört, dass die Gleichsetzungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert meist über Namensähnlichkeit liefen. Heute gilt die Ethnogenese, also die Entstehung von Gruppen als Prozess, nicht als Wanderung fertiger Völker, als Standardrahmen; im Wandalen-Artikel der deutschen Wikipedia werden unter anderem Helmut Castritius, Volker Bierbrauer, Roland Steinacher und Guido Berndt als Referenzen genannt. Für die Lakringen leisten diese Arbeiten vor allem eines: Sie zeigen, dass ein Name bei Dio nicht automatisch ein dauerhaftes Volk meint, sondern eine Gruppe, die ein römischer Autor in einem bestimmten Moment so nannte.

Was sich über die Lakringen sagen lässt

Um 171/172, so die übliche Einordnung, saß ein Verband mit dem Namen Lakringen in der Nähe der römischen Provinz Dakien. Er war kampfstark genug, um die Astingen unvorbereitet zu schlagen, und er fürchtete, ein römischer Statthalter könne Fremde in sein Land führen. Mehr als diese Sätze tragen die Quellen nicht. Der Rest, ob Teilstamm, ob Bund, ob vandalisch, ob lugisch, ob Przeworsk, ist Deutung.

Gerade deshalb lohnt es sich, den Fall nicht zu glätten. Die Lakringen sind kein Beweis für eine vandalische Dreiteilung in Hasdingen, Silingen und Lakringen. Sie sind ein Beispiel dafür, dass es in der Spätantike und in den Jahrhunderten davor Gruppen gab, von denen wir nur wissen, dass es sie gab. Wer weiter lesen möchte, findet bei den Markomannen, den Quaden und bei den Sueben den Rahmen des Krieges, bei den Lugiern den Bund im Osten und bei den Silingen den Vergleich mit einem Teilstamm, dessen Spur wenigstens an beiden Enden greifbar ist.

Mythos-Check

  • „Die Lakringen waren ein Teilstamm der Vandalen.“ Keine der beiden antiken Stellen sagt das. Es ist eine moderne Einordnung aus der Nachbarschaft zu den Astingen und dem Raum Dakien; sie kann stimmen, lässt sich aber nicht belegen.
  • „Dio nennt die Astingen Vandalen.“ Dio nennt sie an der Dakien-Stelle nur Astingi. Die Brücke zu den Vandalen schlagen Jordanes (Asdingi) und die Namensähnlichkeit.
  • „Astingen und Lakringen kämpften 171 gemeinsam für Rom gegen die Kostoboken.“ Bei Dio kämpfen die Astingen gegen die Kostoboken, und die Lakringen greifen anschließend die Astingen an. Von einem gemeinsamen Auftrag steht dort nichts.
  • „Die Lakringen fielen 166 mit den Langobarden in Pannonien ein.“ Das findet sich in Sekundärliteratur; im von mir gelesenen Dio-Text stehen für diesen Einfall Langobarden und Obier. Ungeprüft.
  • „Die Lakringen sind in Quellen des 3. Jahrhunderts belegt.“ Dafür habe ich keine Belegstelle gefunden. Nicht prüfbar.
  • „Die Lakringen sind die Lugier unter anderem Namen.“ Eine solche Gleichsetzung ist aus den eingesehenen Quellen nicht ableitbar; der Gleichklang Lug-/Lak- ist kein Beweis.
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