Wenn vom nordischen Götterhimmel die Rede ist, fallen zuerst die Namen der Männer: Odin, Thor, Loki. Doch die Überlieferung kennt eine ganze Schar weiblicher Mächte – die Ásynjur, dazu Nornen, Walküren und Disir. Manche stehen im hellen Licht der Lieder, andere kennen wir nur aus einem einzigen Satz. Dieser Überblick stellt sie vor, verlinkt zu den ausführlichen Porträts und trennt dabei sauber, was in den alten Quellen steht und was erst spätere Ordnung ist.

Die weiblichen Gottheiten der Asen heißen im Altnordischen Ásynjur (Einzahl Ásynja). Snorri Sturluson zählt in seiner Prosa-Edda, im Abschnitt Gylfaginning, eine ganze Reihe von ihnen auf und weist jeder eine Rolle zu. Daneben stehen die Vanen-Göttinnen wie Freyja, die Riesentöchter, die in die Götterwelt einheiraten, und Mächte, die keine Göttinnen im engeren Sinn sind: die schicksalswebenden Nornen, die schlachtwählenden Walküren und die schützenden Disir. Zusammen ergeben sie ein weit vielfältigeres Bild, als der männlich dominierte Erzählstoff zunächst vermuten lässt. Wichtig ist von Anfang an: Unser Wissen stammt fast vollständig aus Texten des 13. Jahrhunderts, also aus christlicher Zeit, gut zwei Jahrhunderte nach der offiziellen Bekehrung Islands. Vieles, was heute als feste Zuständigkeit gilt, ist Snorris systematisierender Blick auf ältere, oft nur bruchstückhaft erhaltene Überlieferung.
An der Spitze der Ásynjur steht Frigg, Odins Gemahlin und Königin unter den Göttinnen. Sie gilt als die Vornehmste, als Mutter Baldrs und als Herrin des Saals Fensalir. Ihr wird eine besondere Gabe zugeschrieben: Sie kennt die Schicksale aller, spricht aber nicht darüber. Dieses schweigende Vorauswissen macht sie zu einer der eindrucksvollsten Gestalten – am deutlichsten im Baldr-Mythos, wo sie allen Dingen den Eid abnimmt, ihrem Sohn nicht zu schaden, und nur die Mistel übersieht. Frigg ist damit keine ferne Randfigur, sondern eine handelnde Macht, deren Fürsorge und Trauer den größten Verlust der Götterwelt prägen. Ausführlich stellen wir sie im eigenen Porträt vor.
Freyja ist vielleicht die facettenreichste Gestalt des ganzen Pantheons. Sie stammt aus dem Geschlecht der Vanen, kam nach dem Wanenkrieg als Geisel zu den Asen und vereint Züge, die uns heute widersprüchlich erscheinen: Sie ist Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit, zugleich aber eine Herrin des Krieges. Snorri berichtet, sie erhalte die Hälfte der Gefallenen in ihren Saal Fólkvangr, die andere Hälfte gehe nach Walhall zu Odin. Freyja fährt in einem von Katzen gezogenen Wagen, besitzt das kostbare Halsgeschmeide Brísingamen und beherrscht den Seiðr, jenen prophetischen Zauber, den sie der Überlieferung nach den Asen brachte. In ihr laufen Schönheit, Begehren, Tod und Magie zusammen – kein Wunder, dass sie die am häufigsten genannte Göttin der Quellen ist.
Iðunn hütet die Äpfel, von denen die Götter essen, um jung zu bleiben. Ihre Bedeutung wird schlagartig klar, als der Riese Þjazi sie durch Lokis Verschulden raubt: Sofort altern die Asen, ihr Haar ergraut, ihre Kraft schwindet. Erst als Loki sie in Falkengestalt zurückholt, kehrt die Jugend zurück. Iðunn ist die Gemahlin des Skaldengottes Bragi und steht damit im Schnittpunkt von zwei zentralen Themen: dem ewigen Leben der Götter und der Dichtkunst. Der Name selbst wird gern mit „die Verjüngende" gedeutet, doch die Etymologie ist nicht restlos gesichert – ein gutes Beispiel dafür, wie selbst bei bekannten Gestalten Vorsicht geboten ist.
Skaði ist eine Riesentochter, die in die Götterwelt aufsteigt. Nachdem die Asen ihren Vater Þjazi getötet haben, kommt sie bewaffnet nach Asgard, um Buße zu fordern. Als Sühne darf sie sich einen Mann aussuchen – allerdings nur nach dessen Füßen. Sie wählt in der Hoffnung, Baldr zu treffen, und bekommt den Meeresgott Njörðr. Die Ehe scheitert am Wohnort: Sie erträgt weder das Möwengeschrei der Küste noch er die Wolfsschreie ihrer Berge. Skaði gilt als Göttin des Winters, der Jagd und des Skilaufs, streift mit Bogen durch die Höhen und verkörpert die raue, unnahbare Seite der Natur. Sie zeigt zugleich, wie durchlässig die Grenze zwischen Riesen und Göttern in der nordischen Vorstellung war.
Sif ist die Frau des Donnergottes Thor und vor allem für ihr goldenes Haar berühmt. Der bekannteste Mythos beginnt mit einem Frevel: Loki schneidet ihr im Schlaf das Haar ab. Um Thors Zorn zu entgehen, muss er die Zwerge dazu bringen, ein neues Haar aus echtem Gold zu schmieden – und in diesem Zug entstehen gleich mehrere der größten Schätze der Götter, darunter Thors Hammer Mjölnir. Sifs goldenes Haar wird oft als Bild des reifen Kornfeldes gedeutet, was sie in die Nähe einer Fruchtbarkeitsgöttin rückt. Diese Deutung ist reizvoll, geht aber vor allem auf die Vergleichende Mythologie des 19. Jahrhunderts zurück; die alten Texte selbst sagen dazu nichts.
Nanna ist die Gemahlin des lichten Gottes Baldr. Als er stirbt, bricht ihr vor Kummer das Herz, und sie wird mit ihm auf demselben Scheiterhaufen verbrannt. Gemeinsam fahren sie in die Unterwelt zu Hel. Von dort sendet Nanna Geschenke zurück an Frigg und andere Göttinnen – eine berührende Geste über die Grenze des Todes hinweg. Nanna ist eine jener Gestalten, die uns fast ausschließlich innerhalb eines einzigen Mythos begegnen: Ohne die Baldr-Geschichte wüssten wir kaum etwas über sie. Genau darin liegt die Herausforderung im Umgang mit vielen Göttinnen des Nordens.
Gefjon ist eine Göttin, um die sich eine besonders anschauliche Sage rankt. Sie erhielt vom schwedischen König so viel Land geschenkt, wie sie in einer Nacht umpflügen könne. Da verwandelte sie ihre vier Söhne, die sie mit einem Riesen gezeugt hatte, in Ochsen und pflügte ein gewaltiges Stück Erde aus Schweden heraus, das ins Meer glitt und zur dänischen Insel Seeland wurde. Snorri nennt sie eine Jungfrau, der die Frauen dienen, die unverheiratet sterben. Gefjon verbindet damit eine Landschaftssage mit der Vorstellung einer eigenständigen, mächtigen weiblichen Gestalt – ein schönes Beispiel dafür, wie Mythos und geografische Deutung ineinandergreifen.
Da war Gná und Lofn, Þrúðr und Hlín, Þrúðr, Hlín und Gná, die hehren Frauen, Sjöfn und Sól.nach den Ásynjur-Aufzählungen der Snorra-Edda (Gylfaginning), Übersetzung Karl Simrock, 1851 (gemeinfrei)
Hel nimmt eine Sonderstellung ein. Sie ist eine Tochter Lokis und der Riesin Angrboða, halb lebendig und halb totenfahl von Gestalt, und herrscht über das gleichnamige Totenreich in Niflheim. Zu ihr kommen jene, die nicht im Kampf, sondern an Krankheit und Alter sterben. Wichtig ist die ehrliche Einordnung: Hel ist keine böse „Höllengöttin" im christlichen Sinn. Ihr Reich ist ein Ort, kein Strafort – die Gleichsetzung mit der christlichen Hölle ist eine spätere Überblendung, die schon im gemeinsamen Wortstamm angelegt ist, aber am altnordischen Befund vorbeigeht. In ihrem Porträt gehen wir dieser Doppelnatur ausführlich nach.
Die Sonne wird im Norden als weibliche Gestalt gedacht: Sól (festländisch-germanisch Sunna). Sie fährt täglich mit ihrem Wagen über den Himmel, ewig verfolgt vom Wolf Sköll, der sie beim Weltuntergang endlich verschlingt. Sól ist zugleich eine mythische Erzählfigur und die Personifikation eines Naturvorgangs – der Tag- und Nachtlauf am Himmel bekommt so ein Gesicht. Interessant ist, dass Sunna auch im ältesten festländischen Zeugnis auftaucht: im Zweiten Merseburger Zauberspruch. Das zeigt, dass hinter der isländischen Überlieferung ein weit älterer, gemeingermanischer Glaubenshintergrund steht.
Nicht jede weibliche Macht ist eine Göttin im engeren Sinn. Die Nornen – Urðr, Verðandi und Skuld – bestimmen das Schicksal von Menschen und Göttern; sie legen und schneiden die Lebensfäden am Brunnen unter dem Weltenbaum. Die Walküren wählen auf dem Schlachtfeld die Gefallenen aus und geleiten sie nach Walhall. Die Disir schließlich sind schützende, oft mit der Sippe verbundene weibliche Geister, denen im Herbst das Dísablót galt. Diese Mächte stehen teils über den Göttern, teils dienen sie ihnen – und sie zeigen, wie tief die weibliche Sphäre im nordischen Weltbild mit Schicksal, Tod und Schutz verwoben war.
Beim Blättern durch moderne Übersichten entsteht leicht der Eindruck eines ordentlichen „Ressort-Systems": eine Göttin für die Liebe, eine für die Ehe, eine für die Treue, eine für das Heilen. Diese Klarheit ist trügerisch. Viele der kleineren Ásynjur – Sjöfn, Lofn, Vár, Vör, Syn, Hlín, Snotra, Gná – kennen wir ausschließlich aus einem einzigen Satz bei Snorri, der ihnen jeweils knapp eine Aufgabe zuweist. Ob diese Zuweisungen alte, gelebte Kultwirklichkeit widerspiegeln oder ob Snorri im 13. Jahrhundert eine gelehrte Ordnung schuf, indem er bloße Namen oder Beinamen zu eigenen Göttinnen ausformte, ist in der Forschung umstritten. Etliche dieser „Göttinnen" sind womöglich ursprünglich nur Beinamen der Frigg gewesen. Die moderne Vorstellung, hier stehe eine Riege von Schutzpatroninnen mit klar abgegrenzten Zuständigkeiten, ist deshalb eine Vereinfachung, die man mit Vorsicht genießen sollte.
Die weiblichen Mächte des Nordens sind mehr als schmückendes Beiwerk. Sie tragen das Wissen um das Schicksal (Frigg, die Nornen), sie halten das Leben in Gang (Iðunn, Sól), sie herrschen über Liebe und Tod zugleich (Freyja, Hel), und sie verkörpern die raue Natur (Skaði). Gerade weil viele von ihnen nur schemenhaft überliefert sind, laden sie zum genauen Hinsehen ein – und dazu, ehrlich zu unterscheiden zwischen dem, was in den alten Quellen wirklich steht, und dem, was spätere Jahrhunderte hineingelesen haben. Wer tiefer eintauchen möchte, findet in unseren Einzelporträts und im großen Pantheon-Überblick die ganze Familie der nordischen Götter.

Frigg · Freyja · Idun & die Äpfel der Jugend · Skadi – Göttin der Berge · Sif · Hel – Göttin und Totenreich · Die Nornen.
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